Otto Bauer

Schlusswort zur Minoritätenfrage

(1. Februar 1911)


Der Kampf, Jg. 4 4. Heft, 1. Februar, S. 201–209.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Mit der Diskussion über die Frage der Minoritätsschulen, die ich im Oktoberheft des dritten Jahrganges des Kampf eingeleitet habe, haben wir überraschende Erfahrungen gemacht. An sich ist ja die Diskussion nicht ergebnislos geblieben. Ich hatte gefordert, dass für die nationalen Minderheiten besondere Schulen geschaffen werden sollen, deren Unterrichtssprache die Sprache der Minderheit sein müsse, an denen aber auch die Sprache der Mehrheit als Unterrichtsgegenstand gelehrt, auf der höheren Unterrichtsstufe bei dem Unterricht einiger Lehrgegenstände auch als Unterrichtssprache gebraucht werden solle. Diese Forderung ist zunächst auf den Widerstand einzelner deutscher Genossen gestossen: Hartmann, Prachensky, Wesely haben sie bekämpft. Dagegen haben sich der Klub der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten (durch Adlers Budgetrede am 16. Juni 1910) und das Zentralorgan der deutschen Partei (in den Artikeln vom 1. Juli und 21. August 1910) meiner Forderung angeschlossen, die auch von den Genossen Renner, Seliger, Wissiak und Pistiner unterstützt wurde. Auch im tschechischen Lager wurde sie unterstützt: Tomäsek, Meissner, Hudec erklärten, sie seien damit einverstanden, dass an den tschechischen Minoritätsschulen auch die deutsche Sprache gelehrt werden solle. [1] Es schien so eine Verständigung über eine nicht unwichtige Frage unseres Nationalitätenprogramms erzielt. Trotzdem hat gerade diese Diskussion unseren tschechischen Genossen den Anlass gegeben, die heftigsten Angriffe gegen die deutsche Partei zu richten. Wir hatten nämlich unsere Forderung, dass an den Minoritätsschulen auch die Sprache der Mehrheit gelehrt werden solle, damit begründet, dass die Minoritätsschulen dem Zwecke angepasst werden müssten, die Angleichung der Minderheit an die Mehrheit des Wohnortes, die nationale Assimilation zwar nicht zu erzwingen, aber auch nicht zu verhindern. Ueber diese Begründung waren und sind nun die tschechischen Genossen sehr böse. Damit sei zugestanden, dass wir die tschechischen Minoritäten im deutschen Gebiet germanisieren wollen, und dieser Wunsch sei mit dem Geiste des sozialdemokratischen Programms nicht vereinbar; er sei, wie eine Versammlung der tschechischen Genossen in Deutschböhmen erklärte, „kulturwidrig und unsozialistisch“. Dass unser Schulprogramm auch nach ihrer Ansicht berechtigt ist, dünkt unseren tschechischen Genossen unwichtig; die Begründung bezeuge unsere böse Absicht! Der gewerkschaftliche Separatismus bemächtigte sich natürlich sofort des Arguments: Können die tschechischen Arbeiter Organisationen angehören, deren letzter Zweck ihre Germani-sierung ist? So wurden die Angriffe der tschechischen Separatisten gegen uns immer heftiger. „Die deutschen Genossen meinen, dass der deutsche Kapitalist die tschechischen Arbeiter ernährt und dass diese dafür verpflichtet sind, ihm mit ihrer Arbeitskraft auch ihre Nationalität zu verkaufen“ – in solcher Weise wurde unsere Ansicht über das Minoritätenproblem den tschechischen Arbeitern dargestellt. [2] So endete der Versuch, über eine wichtige Frage unseres Nationalitätenprogramms eine Verständigung herbeizuführen, mit einem Verleumdungsfeldzug gegen die deutsche Sozialdemokratie.

Wir wollen heute zunächst noch einmal den Versuch unternehmen, die Assimilationslegende unserer tschechischen Genossen zu widerlegen. Ueberdies aber gilt es, für uns selbst, für die deutsche Sozialdemokratie, den rechten Schluss aus den Erfahrungen dieser Diskussion zu ziehen.

Wo abgesplitterte Volksteile im Gebiet eines fremden Volkes leben, das eine andere Sprache spricht und einem anderen Kulturkreis angehört, sind Reibungen unvermeidlich, die in der Minderheit das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit entwickeln und ihr Nationalgefühl, ihre nationale Empfindlichkeit stärken. Die vom Nationalbewusstsein schwächer erfassten Angehörigen der nationalen Minderheit fühlen sich von der Mehrheit angezogen und werden allmählich von ihr aufgesaugt; übrig bleiben nur diejenigen, in denen Nationalbewusstsein und Nationalgefühl stark entwickelt sind. So vollzieht sich in dem Prozess der Selbsterhaltung der Minorität eine Auslese der Nationalbewussten. Daher sind nationale Minderheiten fast immer von starkem Nationalgefühl erfüllt.

Noch stärker entwickelt sich der Nationalismus der Minderheit, wo mit dem nationalen Gegensatz ein sozialer, ein Klassengegensatz verknüpft ist. So bei den Deutschen in Livland, bei den Polen in der Ukraina, die als Grundherren über einer Bauernmasse anderer Nationalität sitzen; so bei den Juden, Griechen und Armeniern im Osten, die als Händler und Wucherer mitten zwischen Bauern und Handwerkern anderer Nationalität leben; so bei den Deutschen im tschechischen Teile Böhmens und Mährens, bei den Wallonen im flämischen Gebiet Belgiens, die die Bourgeoisie in Gebieten darstellen, deren Arbeiter, Kleinbürger, Bauern einer anderen Nation angehören. Den stärksten Antrieb aber muss der Nationalismus natürlich dort empfangen, wo die Minorität nicht in der Rolle der privilegierten und ausbeutenden, sondern in der Stellung der geknechteten und ausgebeuteten Klasse lebt. Hier zieht der Nationalismus aus dem Hasse des Ausgebeuteten gegen den Ausbeuter seine Nahrung. In dieser Lage befinden sich die proletarischen tschechischen Minoritäten in den deutschen Gebieten der Sudetenländer und in Wien.

Deutschen Fabrikanten, deutschen Hausbesitzern, deutschen Kaufleuten, deutschen Beamten steht hier der tschechische Arbeiter gegenüber. Sein Hass gegen den sozialen Gegner wird hier zum Hass gegen das Deutschtum. Und wenn der Staat ihm Schulen verweigert, in denen seine Sprache gelehrt wird, wenn die Staatsorgane zu ihm in einer Sprache sprechen, die ihm nicht vertraut ist, dann erscheint ihm diese Ordnung des Sprachenrechtes als eine besonders anschauliche, besonders empörende Aeusserung des Klassenrechtes, dem ihn der Klassenstaat unterwirft.

Von dem Klassenrecht appelliert der tschechische Arbeiter an sein Menschenrecht, sein Naturrecht. Hat er nicht ebenso wie der deutsche Bourgeois das Recht, Schulen mit seiner Sprache, Beamte, die seine Sprache sprechen, zu verlangen? Er ist nicht freiwillig in deutsches Gebiet gezogen. Hat der Kapitalismus ihn gezwungen, im deutschen Lande sein täglich Brot zu suchen, so mag er ihm auch hier geben, was er zum Leben, zum Leben als Tscheche braucht, so mag er ihm auch hier die Möglichkeit schaffen, sich seine Nationalität zu erhalten. So entwickelt sich im Bewusstsein des tschechischen Arbeiters die Vorstellung eines nationalen Naturrechts. Mehrheit und Minderheit sind gleichberechtigt. Jedermann hat das Recht, sich seine Nationalität zu erhalten und vom Staate die zur Erhaltung seiner Nationalität notwendigen Institutionen zu fordern, wo-immer er seinen Erwerb sucht – so lautet das erste Gesetz des nationalen Naturrechts. Im Kampfe der Minorität um ihre Selbsterhaltung erweitert sich das nationale Recht zur nationalen Pflicht: Jedermann hat die Pflicht, seiner Nation treu zu bleiben. Wer zur Mehrheit übergeht, sich ihr angleicht, ist, was immer ihn dazu bewege, ein Verräter, ein verächtlicher Renegat. Aus dem individuellen Naturrecht wird nun das kollektive: die Nation als Ganzes hat das Recht, sich alle ihre Volksgenossen bis zum letzten Kinde zu erhalten!

Diese Vorstellungen, aus den Daseinsbedingungen proletarischer Minderheiten erwachsen, sind auch in die Ideologie der tschechischen Sozialdemokratie übergegangen. In zahlreichen Reden und Artikeln wiederholt, erscheinen sie heute unseren tschechischen Genossen als ein wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Gedankenwelt. Unter ähnlichen Umständen wie nach Marx die naturrechtlichen Ideen überhaupt, hat hier die Idee des nationalen Naturrechts die „Festigkeit eines Volksvorurteils“ [3] erlangt. Diesem volkstümlichen Vorurteil erscheint jede andere als die ethisch-naturrechtliche Betrachtungsweise nationaler Probleme als „kulturwidrig und unsozialistisch“.

Aber wie Marx uns gelehrt hat, die „ewigen Wahrheiten“ der Freiheit und Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung, der Menschen- und der Bürgerrechte als „Volksvorurteile“ zu erkennen, zu denen sich die Interessen bestimmter Klassen auf bestimmten Entwicklungsstufen der bürgerlichen Gesellschaft verdichten, so können wir auch in dem nationalen Naturrecht unserer tschechischen Genossen nicht mehr als ein „Volksvorurteil“ erblicken, dessen Entstehung aus den Daseinsbedingungen proletarischer Minderheiten leicht zu erklären ist, das aber vor dem Richterstuhl des historischen Materialismus ebensowenig bestehen kann wie das Naturrecht überhaupt.

Ein tschechischer Arbeiter landet an der Küste Amerikas. In der neuen Heimat begegnet er auf der Strasse, im Geschäftsladen, in der Werkstätte, im geselligen Verkehr Nachkommen aller Nationen Europas. Er muss die englische Sprache erlernen, um sich mit Nachbarn und Arbeitskollegen verständigen zu können. Beherrscht er erst die Sprache des Landes, dann wird er durch sie von allen Schicksalen, von der eigenartigen Kulturentwicklung des Landes beeinflusst. Er wird allmählich zum Yankee. Das ist nationale Assimilation. Niemand wird leugnen, dass sie für die überwiegende Mehrheit der in die Vereinigten Staaten einwandernden Arbeiter zwingende Notwendigkeit, unvermeidliche Wirkung jenes ökonomischen Prozesses ist, der sie aus ihrer früheren Heimat in die grosse Republik jenseits des Ozeans geführt hat.

Die Nation ist weder eine starre Substanz, als deren Modi die einzelnen Volksgenossen erscheinen, noch ein romantischer Volksgeist, der in den einzelnen Volksgenossen in Erscheinung tritt, sie ist vielmehr Schicksals-, Kultur-, Verkehrsgemeinschaft, also ein Komplex sozialer Beziehungen. Die Auswanderung bewirkt, dass der Auswanderer aus einer Schicksals-, Kultur-, Verkehrsgemeinschaft heraustritt und einer anderen sich eingliedert. Die Bande, die ihn mit der einen Nation verknüpfen, werden zerrissen, zu einer anderen Nation neue Bande geknüpft. Die Erlernung der Sprache der neuen Heimat ist nur das Mittel, durch das die neue Verkehrsgemeinschaft hergestellt wird. Indem der Kapitalismus den Bauernsohn in einen Proletarier verwandelt und den Proletarier zur Auswanderung in ein fremdes Land zwingt, reisst er ihn von seiner früheren Gemeinschaft, seiner Mutternation los und führt ihn in eine neue Gemeinschaft, die Adoptivnation ein. Die nationale Assimilation ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung der ökonomischen Umwälzung – so unvermeidlich wie ihre unmittelbare Ursache, die proletarische Wanderbewegung selbst.

Diese Wirkung tritt nicht nur bei überseeischen Wanderungen ein. Der tschechische Schneider, der sich in Triest dauernd niederlässt, ist in derselben Lage wie der tschechische Bergarbeiter in Pennsylvanien, obwohl er die Grenzen seines Vaterlandes nicht überschritten hat. Er ist aus der Verkehrsgemeinschaft mit seinen tschechischen Stammes-genossen ausgeschieden und in eine Verkehrsgemeinschaft mit Italienern eingetreten. Seine Kinder werden Italiener sein, wie immer das Schul- und das Sprachenrecht geregelt sein mag.

Anders der tschechische Bergarbeiter im böhmischen Braunkohlengebiet. Er lebt hier im Kreise einer zahlreichen tschechischen Minderheit, die, so oft sie auch durch Absplitterung einzelner geschwächt werden mag, doch immer wieder durch Zuzug aus dem tschechischen Gebiet gestärkt wird. Hier bleibt der Einwanderer in einer tschechischen Verkehrsgemeinschaft und ist dadurch vor der Assimilation geschützt.

Aber nicht nur von der Volkszahl der Minderheit hängt die Kraft ihrer Selbsterhaltung ab, sondern auch von ihrem Kulturniveau. Je höher es steigt, desto mehr kann die räumliche Trennung vom Sprachgebiet der eigenen Nation aufgewogen werden durch die geistigen Bande, die die Minderheit mit ihm verknüpfen, durch den geistigen Verkehr, den die Zeitung und das Buch vermitteln.

So hängt also die Fähigkeit einer Minderheit, sich ihre Nationalität zu bewahren, von wirtschaftlichen Tatsachen ab. Denn wirtschaftliche Tatsachen bestimmen die Grösse des Zuzugs aus dem eigenen Sprachgebiet, der die Minorität stärkt, und das Kulturniveau ihrer Angehörigen, von dem ihr nationales Beharrungsvermögen abhängt. Die Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse entscheidet darüber, welche Minderheiten jede Nation sich zu erhalten vermag und welche nicht.

Sesshafte Kleinbürger und Bauern erhalten sich ihre Nationalität Jahrtausende hindurch. Proletarier, die der Kapitalismus aus einem Sprachgebiet ins andere jagt, sind der Anziehungskraft der Verkehrsgemeinschaften, in die sie eintreten, ausgesetzt. Das nationale Naturrecht unserer tschechischen Genossen ist eine kleinbürgerliche Utopie.

Der utopiische Sozialismus hat seine Forderungen ethisch-naturrechtlich begründet, – die Gerechtigkeit, die Gleichberechtigung, das Recht auf den vollen Arbeitsertrag waren seine Schlagworte. Der wissenschaftliche Sozialismus hat sie aus seinem Sprachschatz verbannt; er beruft sich auf die wissenschaftliche Erkenntnis der tatsächlichen Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft. So lehnen auch wir es ab, die Frage der Minoritäten ethisch-naturrechtlich zu behandeln; wir untersuchen vielmehr, unter welchen objektiven Bedingungen die Minoritäten fähig sind, sich ihre Nationalität zu erhalten, unter welchen sie von der Mehrheit assimiliert werden. Nicht auf unser Wünschen und Wollen, sondern auf die wirtschaftlich bestimmten objektiven Daseinsbedingungen der Minoritäten kommt es an. Indem wir das Pathos des natürlichen Rechtes auf die Erhaltung der Nationalität ersetzen durch die Untersuchung der Bedingungen, unter denen sich die nationale Assimilation vollzieht, und jener, unter denen sie nicht erfolgt, haben wir auch auf diesem Gebiet den Weg von der Utopie zur Wissenschaft zurückgelegt.

Das Misstrauen gegen naturrechtliche Argumente ist dem modernen, von Marx und Engels begründeten Sozialismus angeboren. Auch einzelne tschechische Genossen haben daher Versuche unternommen, sich von dieser Argumentationsweise zu befreien. So auch Genosse Dr. Meissner in seinem Aufsatz im Novemberheft des Kampf.

Genosse Dr. Meissner fragt: Hängt die wirtschaftliche Lage des einzelnen Arbeiters von seiner Nationalität ab ? Antwort: Nein. Hängt sie von seiner Sprachenkenntnis ab? Antwort: Ja. Der tschechische Arbeiter soll also die deutsche Sprache erlernen, er soll aber seine Nationalität nicht abstreifen.

Es scheint mir, dass diese Argumentation nicht eben einwandfrei ist. Zunächst ist es keineswegs gewiss, dass der Arbeiter, der in einer fremden Stadt seine Nationalität sich bewahrt, keinen Schaden leidet, wenn er nur die Sprache der Mehrheit erlernt. Ich fürchte, dass er selbst dann, wenn er nicht wirtschaftlich geschädigt wird, doch als Kulturmensch Schaden nimmt, da er sich von dem reichen Leben der Mehrheit, von den grossen Kämpfen des Gemeinwesens ausschliesst und sich in dem engen Pferch einer entwurzelten Minorität bewegt. Wie sehr selbst die Besten unter solchen Daseinsbedingungen leiden, beweist vielleicht am anschaulichsten die Geschichte der politischen Emigration. Aber angenommen, dass das Interesse des einzelnen Arbeiters von der Zugehörigkeit zu der oder jener Nation nicht berührt wird, so ist doppelt erstaunlich, dass Meissner gerade aus der Gleichgültigkeit der Nationalität den Schluss zieht, der Arbeiter solle seine Nationalität ja nicht abstreifen, er dürfe ja nicht einer anderen Nation eingegliedert werden!

Ich weiss nicht, ob Genosse Meissner glaubt, mit seiner Argumentation, die von dem wirtschaftlichen Interesse des einzelnen Arbeiters ausgeht, den Boden des Marxismus betreten zu haben. Sollte dies der Fall sein, dann hat Meissner – wie übrigens viele vor ihm – den historischen Materialismus mit dem individualistischen Utilitarismus verwechselt. Dieser fragt: Was sollen wir tun, damit der einzelne möglichst gut lebe? Jener untersucht, wohin die ökonomische Entwicklung die Menschen treibt – eine Entwicklung, die bekanntlich nicht immer dem Vorteil jedes einzelnen dient. Nicht auf Marx, sondern auf Bentham weist Meissners Methode zurück.

Genosse Meissner fragt, ob das Interesse des einzelnen von seiner Nationalität abhängig sei. Ei freilich! Wahrscheinlich würde es jedem Individuum am besten ergehen, wenn die ganze Menschheit eine einzige Nation bilden würde – ein Schluss, den der rationalistische Utilitarismus in der Tat oft gezogen hat. Nur wissen wir, dass dieser Wunsch heute ganz eitel ist: die soziale Entwicklung treibt heute nicht zur Verschmelzung, sondern zur Differenzierung der Nationen. Genosse Meissner meint, der Lohn des Arbeiters sei nicht höher noch niedriger, ob er nun Tscheche bleibt oder Deutscher wird. Aber die ökonomische Entwicklung kümmert sich um diese Berechnungen nicht; sie bewirkt, dass viele Minoritäten der nationalen Assimilation erliegen, während andere, durch fortwährenden Zuzug ihrer Volksgenossen gestärkt, durch den kulturellen Aufstieg der Arbeiter gekräftigt, sich erhalten und entwickeln. Genosse Meissner wünscht, dass die tschechischen Arbeiter die deutsche Sprache erlernen, dass sie aber trotzdem Tschechen bleiben; aber Terade die Kenntnis der deutschen Sprache bringt den tschechischen Arbeiter der deutschen Verkehrsgemeinschaft näher, sie erleichtert die Assimilation! Ob der einzelne Arbeiter nun Tscheche bleibt oder Deutscher wird, hängt von allen Zufällen seines Lebens, von seinen äusseren Lebensbedingungen ab. Davon zum Beispiel, ob er ein tschechisches oder ein deutsches Mädchen heiratet, ob in der Fabrik, in die die Not der Arbeitsuche ihn treibt, Tschechen oder Deutsche arbeiten, ob er in dem Stadtviertel, in das die Wohnungsnot ihn drängt, tschechischen oder deutschen Umgang findet. Die Kompliziertheit der sozialen Beziehungen, die der historische Materialismus beschreibt, kann der individualistische Utilitarismus nicht meistern.

Es ist uns übrigens in dieser Diskussion neben dem individualistischen auch ein kollektivistischer Utilitarismus begegnet. Er geht nicht vom Interesse des einzelnen, sondern von dem des Gemeinwesens aus. Auf diesem Boden stehend, haben Hartmann, Wesely, Prachensky bewiesen, dass so manches Hemmnis der sozialen Entwicklung beseitigt wird, wenn alle nationalen Minderheiten möglichst schnell assimiliert werden. Aber der kollektivistische Utilitarismus Hartmanns bringt uns nicht weiter als der individualistische Utilitarismus Meissners. Wo eine Minorität durch regelmässigen starken Zuzug aus ihrem Sprachgebiet erhalten und gefestigt wird, bleibt die nationale Assimilation beschränkt, mag das Interesse der Gesamtheit sie noch so sehr erfordern; wo der Zuzug nicht stark genug ist, der Anziehungskraft der Mehrheit entgegenzuwirken, wird die Minorität assimiliert, mag auch die wirtschaftliche Lage des einzelnen dadurch nicht gebessert werden.

Wovon hängt das Schicksal der tschechischen Minorität in Wien ab? Wenn im tschechischen Sprachgebiet in Böhmen und in Mähren die Geburtenzahl schnell sinkt und wenn diese Gebiete zugleich schnell industrialisiert werden, dann wird der tschechische Zuzug nach Wien allmählich kleiner werden. In diesem Falle ist die tschechische Minorität in Wien verloren, ihre Assimilierung durch die deutsche Mehrheit ist unvermeidlich. Daran würde die Errichtung öffentlicher tschechischer Schulen in Wien nichts ändern. Die tschechische Schule schützt den, der in deutscher Umgebung zu leben und mit Deutschen zu verkehren gezwungen ist, durchaus nicht vor der Assimilation. Die meisten Tschechen, die heute in Wien assimiliert werden, sind erst nach Vollendung des vierzehnten Lebensjahres nach Wien eingewandert, nachdem sie vorher in ihrer tschechischen Heimat eine tschechische Schule besucht hatten! Umgekehrt wird dagegen, wenn die Industrialisierung des tschechischen Sprachgebietes langsam vor sich geht, so dass die tschechische Industrie den tschechischen Bevölkerungszuwachs nicht aufzusaugen vermag, die tschechische Minderheit in Wien, durch jährlichen Zuzug gestärkt, wachsen und sich entwickeln, und zwar auch dann, wenn keine tschechischen Schulen in Wien errichtet werden. Denn wer im Hause, in der Werkstätte, am Gasthaustische nur mit Tschechen verkehrt, bleibt ein Tscheche, mag er auch eine deutsche Schule besucht haben. Das Schicksal der tschechischen Minderheit in Wien hängt also nur von wirtschaftlichen Tatsachen ab: von der Geburtenzahl und von der industriellen Entwicklung in den tschechischen Gebieten Böhmens und Mährens. Weder das naturrechtliche „Volksvorurteil“ unserer tschechischen Genossen, noch die utilitaristischen Kalkulationen Meissners auf der einen, Hartmanns auf der anderen Seite können an dieser Tatsache irgend etwas ändern. Ob wir uns der Assimilation freuen oder sie beklagen, ist gleichgültig; ob und in welchem Umfang sie erfolgt, hängt ausschliesslich von wirtschaftlichen Tatsachen ab, die sich unserem Einfluss entziehen. Sowohl die ethisch-naturrechtlichen Deklamationen als auch die utilitaristischen Kalkulationen versinken in nichts, wenn wir es lernen, auch die nationalen Probleme im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung zu sehen.

Aus dieser Erkenntnis nun müssen wir unsere politischen Folgerungen ziehen. Da ist nun zunächst eine Forderung unbestritten: Wo die ökonomischen Bedingungen der Assimilation nicht gegeben sind, ist jeder Versuch, sie durch Gewalttätigkeit oder durch Rechtsverweigerung zu erzwingen, abzulehnen.

Was soll aber dort geschehen, wo die ökonomischen Bedingungen der Assimilation gegeben sind? Sollen wir dort der Assimilation hindernd in den Weg treten? Das hiesse in der Tat eine kleinbürgerliche Politik treiben, die auf dem Boden des Kapitalismus die Wirkungen des Kapitalismus aufheben zu können glaubt – die Politik des Zünftlers, der das Handwerk immer noch „retten“ will, mag es auch durch die ehernen Gesetze des Kapitalismus mitleidlos zum Tode verurteilt sein. Eine solche Politik wäre unmarxistisch, unsozialistisch. Sie würde den unvermeidlichen Prozess der Assimilation nicht verhindern, ihn aber für die betroffenen Individuen nur langwieriger, schwerer, schmerzhafter gestalten. Wo die ökonomischen Bedingungen der Assimilation gegeben sind, ist jeder Versuch, sie zu hindern, abzulehnen.

Noch im Jahre 1852 hat Karl Marx von den Tschechen und Slowenen geschrieben: „Es ist das natürliche und unvermeidliche Schicksal dieser sterbenden Nationen, den Prozess der Auflösung und Aufsaugung durch ihre stärkeren Nachbarn sich vollenden zu lassen“. [4] Die Geschichte hat nun freilich Marx widerlegt: in ihrem geschlossenen Sprachgebiet haben sich diese Nationen erhalten und werden sie sich erhalten, und auch ein Teil ihrer Minderheiten im deutschen Gebiete ist lebensfähig. Aber was von den ganzen Nationen nicht gilt, gilt doch von einzelnen abgesplitterten Volksteilen: es ist gewiss das „unvermeidliche Schicksal“ vieler Minoritäten aller Nationen, „den Prozess der Auflösung und Aufsaugung durch ihre stärkeren Nachbarn sich vollenden zu lassen“. Wo eine ganze Nation – wie nach Marxens Ansicht die Tschechen, nach unserer Ansicht zum Beispiel die Juden – oder einzelne Volkssplitter, – wie viele tschechische Minderheiten im deutschen, viele deutsche Minderheiten im tschechischen Gebiete – durch die ökonomische Entwicklung zum Untergange verurteilt sind, dort ist es kleinbürgerlich, reaktionär, utopistisch, sich dieser unvermeidlichen Entwicklung zu widersetzen.

Wir sehen vor uns tschechische Kinder in einer deutschen Stadt. Was muss ihnen die Schule geben? Wir wissen, es hängt nicht von unseren Wünschen, auch nicht von der Schule, sondern von den wirtschaftlichen Daseinsbedingungen dieser Kinder auf ihrem späteren Lebenswege ab, ob sie Tschechen bleiben oder Deutsche werden. Die Schule kann nicht voraussehen, in welchen Umständen die Kinder später leben werden; sie soll sie für jeden der beiden Fälle, sowohl für den Fall, dass ihr Lebensschicksal sie der nationalen Assimilation unterwirft, als auch für den anderen Fall, dass ihre Daseinsbedingungen sie der Mutternation erhalten, möglichst gut ausrüsten. Darum fordern wir Schulen, die die Assimilation weder erzwingen noch verhindern. Diese Forderung ist ganz unmittelbar in der historisch-materialistischen Auffassung nationaler Probleme begründet. Weil wir wissen, dass die Nationalität des einzelnen nichts anderes als ein Niederschlag wirtschaftlich bedingter sozialer Beziehungen ist, darum fordern wir Schulen, die es den Kindern der Minoritäten erleichtern sollen, sich der Nation, welche immer es sei, einzugliedern, mit der die wirtschaftliche Entwicklung sie verknüpft. Meissners Unterstellung, in unserem Schulprogramm seien geheime Ger-manisationswünsche versteckt, bricht damit von selbst zusammen.

Aber noch bleibt den tschechischen Genossen ein Argument: sie haben bemerkt, dass wir darüber gar nicht böse sind, wenn in Wien oder in Deutschböhmen ein tschechischer Proletarier im friedlichen Verkehr mit deutschen Klassengenossen allmählich zum Deutschen wird. Die nationale Assimilation sei also doch nicht nur eine Tatsache, die wir feststellen und erklären, sondern ein Ziel, das wir zu erreichen wünschten. Damit seien wir als Germanisatoren entlarvt. „Die deutschen Genossen wollen die Minoritäten assimilieren, die tschechischen Sozialdemokraten wollen sie schützen und erhalten“ – dies sei der Gegensatz zwischen uns.

Wünschen und wollen wir, dass der Kapitalismus das Handwerk zugrunderichte? Nein! Wir stellen nur fest, dass er es tut. Die einen von uns mögen den Untergang des Handwerks, diesen Prozess beklagen, in dem Hunderttausende in langem hoffnungslosen Kampfe mit ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit auch ihre Gesundheit und ihre Lebensfreude verlieren, mögen seine traurige Geschichte als einen Anklageakt gegen den Kapitalismus formulieren. Die anderen unter uns mögen sich der Ergebnisse dieses

Prozesses freuen: der Tatsache, dass der Grossbetrieb uns den technischen Fortschritt bringt, dass in ihm dem kämpfenden Proletariat weit günstigere Kampfbedingungen gegeben sind als im Kleinbetrieb des Handwerkers, dass er uns näher bringt der Verwirklichung unseres letzten Zieles. Aber ob wir uns nun dieses Prozesses freuen oder ihn beklagen, ist gleichgültig. Er vollzieht sich unaufhaltsam, von unseren Wünschen unbeeinflusst. In welcher Stimmung wir ihn betrachten mögen, sind wir doch einig darin, dass wir ihm nicht wie die Zünftler entgegentreten dürfen, dass wir diesen Prozess der Auflösung und Aufsaugung sich vollenden lassen müssen.

Wünschen und wollen wir, dass die kapitalistische Entwicklung die Minoritäten assimiliert? Nein! Wir stellen nur fest, dass sie es unter bestimmten Bedingungen tut. Die einen von uns mögen diesen Prozess, in dem eine kleine Nation viele Tausende ihrer besten Söhne verliert, beklagen. Die anderen unter uns mögen sich der Ergebnisse dieses Prozesses freuen: der Tatsache, dass die Entwicklung die Arbeiter verschiedener Abstammung einander näher bringt, die Schranken, die die Verschiedenheit der Sprache und Kultur zwischen ihnen aufgerichtet hat, niederreisst, indem sie die Minderheit der Mehrheit assimiliert. Aber ob wir uns dieses Prozesses freuen oder ihn beklagen, ist gleichgültig. Er vollzieht sich unaufhaltsam, von unseren Wünschen unbeeinflusst. In welcher Stimmung wir ihn betrachten mögen, müssen wir doch darin einig sein, dass wir ihm nicht wie die Kleinbürger entgegentreten dürfen, dass wir diesen Prozess der Auflösung und Aufsaugung, wo immer seine ökonomischen Bedingungen gegeben sind, sich vollenden lassen müssen.

Darum müssen wir zwar gewiss jede Vergewaltigung, jede Entrechtung der nationalen Minderheiten bekämpfen. Wo aber die nationale Assimilation sich im friedlichen Verkehr freiwillig vollzieht, wo sie nicht Unterwerfung unter das fremde Kapital, sondern Angleichung an die eigenen Klassengenossen bedeutet, dort kann es nicht unsere Sache sein, ihr entgegenzutreten. Die tschechischen Sozialdemokraten tun das. Tomášek, Meissner, Hudec erkennen zwar die Nützlichkeit des deutschen Unterrichts in den tschechischen Schulen theoretisch an, aber in der Praxis bekämpft die tschechische Sozialdemokratie die zweisprachigen Schulen in Schlesien, sie agitiert in jedem Jahre zur Zeit des Schulbeginnes gegen die Gewohnheit der tschechischen Arbeiter, ihre Kinder während eines Teiles der Schulzeit in deutsche Schulen zu schicken, damit sie auch die deutsche Sprache erlernen, sie stimmt der lex Perek zu, die den tschechischen Arbeiterkindern in Mähren den Besuch deutscher Schulen geradezu verbietet, sie bekämpft nicht etwa nur die gewalttätige Unterdrückung der Minoritäten, sondern auch die freiwillige Assimilation im friedlichen Verkehr, sie stellt jeden Tschechen, der in einer deutschen Stadt allmählich zum Deutschen geworden ist, als einen verabscheuungswürdigen „Renegaten“ hin. All das mag vom nationalen Standpunkt aus begreiflich erscheinen: ist es doch heute ein bei allen Nationen verbreitetes „Volksvorurteil“, dass die Nation geschwächt wird, wenn ein noch so kleiner Teil ihrer Volksgenossen zu einer anderen Nation übergeht. Den Interessen der Arbeiterklasse aber dient diese Politik unserer tschechischen Genossen nicht: denn dem Arbeiter, der durch die von seinem und unserem Willen unabhängigen ökonomischen Bedingungen seines Lebens in die Verkehrsgemeinschaft einer anderen Nation gezogen wird, fügen wir schweren Schaden zu, wenn wir ihm die unvermeidliche Anpassung an die neue Gemeinschaft erschweren. Diese Politik betreiben unsere tschechischen Genossen nicht als Arbeiter, sondern als Tschechen; es ist eine Politik, die die wirklichen Interessen vieler Arbeiter dem vermeintlichen Interesse der Nation opfert. Es ist unsere Pflicht, eine solche Politik nicht nur nicht zu unterstützen, sondern sie offen zu bekämpfen. Wir müssen selbstverständlich jedem entgegentreten, der die tschechischen Minderheiten zur Assimilation zwingen will. Aber wir würden wirklich „kulturwidrig und unsozialistisch“ handeln, wenn wir die tschechischen Arbeiter auch dann von uns stossen wollten, wenn sie sich freiwillig in friedlichem Verkehr uns annähern und angleichen. Wir wollen den tschechischen Arbeitern im deutschen Gebiet Schulen schaffen, die es ihren Kindern erleichtern, in enger Beziehung zu der tschechischen Kultur zu bleiben; aber wir wünschen nicht, dass ihre Kinder Schulen besuchen, in denen sie die Sprache der Mehrheit nicht erlernen – Schulen, die die Scheidewand der Sprache zwischen Arbeitern aufrichten, die in derselben Gemeinde, in derselben Fabrik ihren Kampf gemeinsam führen müssen. Wer den nationalen Problemen nicht mit dem „Volksvor urteil“ des nationalen Naturrechts gegenübertritt, sondern im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung ihre Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung erkennt, muss mit uns Institutionen fordern, die den Minoritäten ihre Anpassung an ihre Daseinsbedingungen erleichtern: die es ihnen erleichtern, ihrer Mutternation treu zu bleiben, wenn die ökonomische Entwicklung ihnen dies gestattet, es ihnen aber auch nicht erschweren, zu der anderen Nation überzugehen, wenn die ökonomische Entwicklung sie dazu zwingt.

Es gibt im deutschen Gebiet zweierlei Tschechen: solche, die Tschechen bleiben können und wollen, und solche, denen ihre äusseren Daseinsbedingungen das Bedürfnis erwecken, im Deutschtum aufzugehen. Wir fordern Schutz für beide: Schutz für die, die Tschechen bleiben wollen, – also Befriedigung ihrer Bedürfnisse in der Schule und im Amt, für grössere Minderheiten auch die Konstituierung als öffentlich-rechtliche Körperschaften (Minoritätsgemeinden); Schutz aber auch für die, die Deutsche werden müssen, – also keine Proskription der „Renegaten“, keine Agitation gegen den Besuch deutscher Schulen, soweit dieser Besuch nicht von Kapitalisten und Behörden erzwungen, sondern von den Eltern freiwillig gewählt wird, Abkürzung und Erleichterung des für diesen Teil der Tschechen unvermeidlichen Assimr lationsprozesses durch Erteilung deutschen Unterrichts an den tschechischen Minoritätsschulen. Selbstverständlich wünschen wir, dass die Deutschen im tschechischen Gebiet nicht anders behandelt werden sollen als die Tschechen im deutschen Gebiet. Auch ihre Assimilation soll weder erzwungen noch verhindert werden.

Wir wissen natürlich, dass auch diese Argumente unsere tschechischen Genossen nicht überzeugen werden. Das Právo Lidu wird natürlich auch meine Ansichten ebenso wie die des Genossen Seliger „wahrhaft erschreckend“ finden und die Wanderredner des Separatismus werden auch in Zukunft grosse Volksversammlungen mit der Erzählung aufregen, die deutschen Genossen hätten zugestanden, dass sie die tschechischen Minoritäten assimilieren „wollen“. Daran sind wir nun schon gewöhnt und daran wird sich auch in naher Zukunft nichts ändern. Solange der Separatismus Argumente gegen die deutsche Sozialdemokratie braucht, wird er sie finden oder erfinden.

Wir aber müssen aus dieser Tatsache den rechten Schluss ziehen. Es ist zwecklos, eine Diskussion fortzusetzen, die uns entzweit, statt uns zu einigen. Wir müssen zugestehen, dass heute eine volle Einigkeit der Sozialdemokraten aller Nationen in Oesterreich in dieser Frage schlechthin unerreichbar ist. Der Gewerkschaftskonflikt beweist, wie schwer es heute in Oesterreich ist, selbst den unmittelbaren wirtschaftlichen Klassenkampf des Proletariats in voller Einheit zu führen; unter solchen Umständen ist die volle Einigkeit in nationalen Fragen noch viel weniger zu erreichen. So schmerzlich dies ist, muss sich die deutsche Sozialdemokratie an den Gedanken gewöhnen, dass sie in den nächsten Jahren in nationalen Fragen ihren eigenen Weg wird gehen müssen. Es muss der Weg des internationalen proletarischen Klassenkampfes sein, in dem wir die nationalen Fragen in jene bescheidene Rolle verweisen, die ihnen gebührt.

Der Genosse Meissner denkt darüber freilich anders. Er meint, die Bedeutung der Sozialdemokratie in Oesterreich liege gerade darin, dass sie die nationalen Fragen zu lösen berufen sei! Wie weit sind wir von unserem Ausgangspunkt entfernt, wenn solche Ansichten überhaupt auftauchen können! Sind wir dazu ausgezogen zu unserem weltgeschichtlichen Kampfe, um den in Unordnung geratenen Hausrat des Hauses Habsburg wieder in Ordnung zu bringen, um hier eine Amtssprachenfrage und dort eine Schulfrage zu „lösen“? Nein, Genosse Meissner! Die Bedeutung der Sozialdemokratie liegt auch in Oesterreich darin, worin ihre Bedeutung in aller Welt liegt: darin, dass sie die grosse soziale Revolution vorzubereiten hat, in deren Vollendung mit dem österreichischen Staat auch die österreichische Nationalitätenfrage verschwinden wird.

Aber zugegeben, dass der Sozialdemokratie in Oesterreich auch auf nationalem Gebiete eine wichtige Rolle zugewiesen ist, so erfüllt sie diese Funktion nicht, indem sie ihr Schwert zugunsten der einen oder der anderen Nation in die Wagschale wirft, nicht indem sie im Prager Landhaus Arm in Arm mit dem Grafen Thun die streitenden Bourgeoisien versöhnt, nicht indem sie jede Einzelfrage, die der nationale Kampf aufwirft, zu ihrer eigenen Sache macht, sondern dadurch, dass sie im Klassenkampfe wächst und erstarkt, so lange, bis die Bourgeoisien sich einigen müssen, weil sie uns getrennt nicht beherrschen können. Sassen heute nur um 20 deutsche Sozialdemokraten mehr im Abgeordnetenhause, dann wäre Bienerths deutsch-polnische Koalition unmöglich, die deutsche Bourgeoisie müsste sich mit der tschechischen über die schwebenden nationalen Fragen einigen, weil nur noch der feste Bund der beiden Bourgeoisien uns beherrschen könnte. Der nationale Friede wird geschlossen werden von der Bourgeoisie; er wird geschlossen werden nicht durch uns, sondern gegen uns; er wird geschlossen werden, wenn wir so stark sind, dass die Bourgeoisie sich den Luxus der nationalen Spaltung nicht mehr erlauben kann. Je besser wir unsere Wachstumsenergie zu schützen verstehen vor den störenden Wirkungen des nationalen Streites, desto wirksamer arbeiten wir für den nationalen Frieden.

Dass wir heute in nationalen Dingen getrennt marschieren müssen, bedauert niemand mehr als ich. Aber auch die internationale Einheit proletarischen Wollens ist an ökonomische Bedingungen geknüpft. Heute können wir uns über die Minoritätenfrage nicht einigen. Aber indessen arbeitet die kapitalistische Entwicklung selbst an ihrer Lösung. Weit schneller als in den deutschen Gebieten wächst heute im tschechischen Teile Böhmens, im tschechisch-polnischen Teile Ostschlesiens und Nordmährens die Industrie. Das Erstarken der tschechischen Industrie wird der Minoritätenfrage ihre Gefahren nehmen. Je mehr der tschechische Bevölkerungszuwachs von der tschechischen Industrie aufgesaugt, im tschechischen Gebiete festgehalten wird, desto mehr wird die Furcht der Deutschen vor der Tschechisierung ihres Sprachgebiets verschwinden, desto geringeren Wert werden die Tschechen auf die Expansion in das deutsche Gebiet legen. Heute lebt ein grosser Teil der tschechischen Arbeiterschaft in den deutschen Industriegebieten; kein Wunder, dass unsere tschechischen Genossen die Minoritätenfrage mit solcher Leidenschaft behandeln. Wenn erst im tschechischen Gebiete selbst eine mächtige Industrie entsteht, werden auch sie erkennen, dass die Assimilierung abgesprengter Volkssplitter das Schicksal der tschechischen Nation nicht gefährdet. Das gesellschaftliche Sein der Menschen gestaltet ihr Bewusstsein. Erst wenn die ökonomische Entwicklung, die über das Schicksal der Minoritäten entscheidet, weit genug vorgeschritten sein wird, kann der Wille nach Institutionen, die dieser Entwicklung dienen, sich durchsetzen. Erst die ökonomische Entwicklung im tschechischen Sprachgebiet wird möglich machen, was heute noch unerreichbar ist: die volle Einheit des Willens der Arbeiter aller Nationen in Oesterreich.

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Anmerkungen

1. Vergleiche die Artikel von Bauer, Hartmann, Wissiak, Tomášek, Pistiner, Wesely, Prachensky, Renner im dritten, von Meissner und Seliger im vierten Jahrgang des Kampf; ferner Hudec’ Erklärung für den deutschen Unterricht an tschechischen Schulen im Prävo lidu vom 13. Jänner 1911.

2. Wir entnehmen den Satz einer Rede, die Genosse Němec am 6. November in Dux gehalten hat. (Právo lidu vom 7. November 1910.) Der Satz ist in viele Reden und Artikel anderer Vertreter der separatistischen Richtung übergegangen.

3. Marx, Das Kapital. I. 4. Auflage, S. 26; Engels, Anti-Dühring, S. 105.

4. Marx, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, Stuttgart 1896, Seite 99.

 


Leztztes Update: 6. April 2024