Otto Bauer

Oesterreich-Ungarn und Italien

(1. März 1911)


Der Kampf, Jg. 4 6. Heft, 1. März 1911, S. 245–251.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Italien und Oesterreich-der KampfUngarn rüsten gegeneinander. Ungeheuerliche Rüstungslast hat die letzte Delegationstagung den Völkern Oesterreichs aufgebürdet. Nicht minder schwere Bürde hat der italienische Militarismus dem Volke auferlegt.

Am 9. April werden auf italienischem Boden die Wortführer der Arbeiterklasse Italiens, Oesterreichs und Ungarns zusammenkommen, um gegen die Kriegsrüstungen der beiden Reiche zu protestieren. Gleichzeitig werden in allen Industriegebieten diesseits und jenseits der Alpen die Arbeiter selbst ihre Stimme erheben gegen die Kriegsrüstungen und gegen die Kriegshetze. Während die herrschenden Klassen der beiden Reiche zum Kriege gegeneinander rüsten, führen die Arbeiter beider Reiche den gemeinsamen Krieg gegen ihre Beherrscher.

Weltgeschichtliche Ereignisse haben diesen doppelten Kampf herbeigeführt, weltgeschichtliche Ausblicke erschliesst uns seine Betrachtung.
 

Die türkische Revolution

Im Jahre 1853 schrieb Karl Marx: „Wie die Lösung so vieler anderer Probleme bleibt auch die des türkischen der europäischen Revolution vorbehalten. In dieser Behauptung liegt keine Anmassung. Seit 1789 erfasst die Revolution immer weitere Gebiete, werden ihre Grenzen immer weiter gezogen. Ihre letzten Marksteine hiessen Warschau, Debreczin, Bukarest; die äussersten Punkte der nächsten Revolution müssen Petersburg und Konstantinopel sein. Das sind die zwei verwundbarsten Stellen, an denen der russische antirevolutionäre Koloss angegriffen werden muss.“ [1] Ein halbes Jahrhundert später war erfüllt, was Marx vorausgesagt. Die Revolution triumphierte am 30. Oktober 1905 in Petersburg, am 24. Juli 1908 in Konstantinopel.

Wirkungen, denen vergleichbar, die die grosse französische Revolution auf die Völker Europas ausgeübt, hat die russische Revolution im ganzen Orient ausgelöst. Zuerst schlug die Welle der Revolution über den Kaukasus nach Persien hinüber. Am 5. August 1906 musste der Schah, einer Volkserhebung weichend, dem persischen Volke eine Verfassung bewilligen. Wohl sammelte die Reaktion bald ihre Kräfte: am 23. Juni 1908 liess der Schah durch die von dem russischen Obersten Liachoff kommandierte persische Kosakenbrigade das Parlamentsgebäude bombardieren. Die Abgeordneten mussten fliehen, die Führer der Revolution wurden verhaftet. Aber der Triumph der Reaktion währte nicht lange. Die Provinz erhob sich. Am 13. Juli 1909 wurde Teheran von zwei Revolutionsarmeen eingenommen. Der Schah flüchtete in die russische Gesandtschaft. Die Revolutionäre setzten seinen unmündigen Sohn auf den Thron, sie stellten die Verfassung wieder her, sie bildeten eine Regierung, an deren Spitze die Führer der beiden Revolutionsarmeen traten.

Für Europa war die erste Wirkung der persischen Revolution die Annäherung Grossbritanniens an Russland. Seit Jahrzehnten hatten Russland und England einander bekämpft. Noch am Anfang der persischen Revolution hatte England die Revolutionäre unterstützt, um den russischen Einfluss am persischen Hof zu brechen. Aber im Fortgang der Ereignisse wurde die Revolution den beiden Mächten zu gefährlich, als dass sie sich ihrer als eines Werkzeuges hätten bedienen können. Russland fürchtete die Rückwirkung der persischen Ereignisse auf den Kaukasus, wo seine Herrschaft in den Jahren 1905 und 1906 mehr erschüttert worden war als in allen anderen Teilen des Reiches. Noch mehr fühlte sich England bedroht. Die revolutionären Parteien in Indien und in Aegypten, die seit dem Siege Japans in der Mandschurei mächtig emporstrebten und nur noch mit den brutalen Repressalien blutiger Ausnahmsgesetzgebung und Ausnahmsjustiz niedergehalten werden konnten, begrüssten die Siege der persischen Revolution als Siege ihrer eigenen Sache. Das konterrevolutionäre Interesse einigte die beiden asiatischen Grossmächte. Am 30. August 1907 schlossen England und Russland einen Pakt über ihr gemeinsames Vorgehen in Asien.

Die russisch-englische Entente, in konterrevolutionärer Absicht geschlossen, trug die Revolution weiter. Das Uebereinkommen zwischen Russland und Oesterreich-Ungarn über die mazedonische Frage wurde aufgelöst, als Baron Aehrenthal am 27. Jänner 1908 den Bau der Sandschakbahn ankündigte. Nun einigen sich Russland und England zu gemeinsamem Vorgehen auch in der Türkei. Am 10. Juni 1908 besucht Eduard VII. den Zaren in Reval. Ihre Minister entwerfen ein Reformprogramm für Mazedonien und fordern vom Sultan seine Durchführung. Sie erzielen damit eine unerwartete Wirkung. Die national gesinnte Oberschicht in der Türkei, das europäisch gebildete Offizierskorps vor allem, sieht durch die russisch-englischen Forderungen die Selbständigkeit der Türkei bedroht. Die Welle der Revolution schlägt in die Türkei über. Im Juli 1908 erhebt sich die Armee in Mazedonien. Der Sultan muss nachgeben, wie der Schah nachgegeben hatte. Auch hier wird ein Reaktionsversuch mit Waffengewalt besiegt. Die revolutionäre Armee etabliert ihre Diktatur in der Türkei.

Die Balkanfrage ist aufgerollt. Oesterreich-Ungarn annektiert Bosnien. Bulgarien erklärt sich für unabhängig. Kreta proklamiert seinen Anschluss an Griechenland. Die Grossmächte rüsten. Aber Russland, durch den japanischen Krieg und die Revolution geschwächt, kann keinen Krieg wagen. Der Friede bleibt erhalten.

Nachdem die äusseren Schwierigkeiten überwunden, geht die jungtürkische Militärregierung daran, ihre Herrschaft zu festigen. Die Türkei schliesst weite Gebiete ein, deren Völker noch vom Ertrage naturalwirtschaftlicher Viehzucht leben, sich ihre uralte Stammes- und Sippschaftsverfassung noch erhalten haben, den türkischen Behörden und Gerichten noch nicht unterworfen sind, in denen Steuereintreibung und Rekrutenaushebung noch nicht durchgesetzt werden konnten. Will die Türkei ein moderner Staat mit moderner Verwaltung und starker Armee werden, will sie die Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung in ihren Ländern schaffen, dann muss die staatliche Zentralgewalt gegen diese Völker durchgesetzt werden. Es gilt, in Albanien und im Ostlibanongebiet, in Kurdistan und in Arabien an die Stelle der urwüchsigen Regierung der Familienhäupter, Sippschaftsältesten und Stammesfürsten die Verwaltung der türkischen Behörden, an die Stelle der Blutrache der Sippschaften die Gerichtsbarkeit der türkischen Gerichte einzusetzen, die Völker zu entwaffnen und die Rekrutenaushebung und Steuereintreibung in diesen Gebieten durchzusetzen. Die Revolution leitet hier die Durchsetzung der modernen Staatsgewalt gegen die alte Sippschafts- und Stammesverfassung ein. Aber diese Versuche treiben die Völker, die jetzt erst der zentralisierten Staatsgewalt unterworfen werden sollen, zur Empörung. Im Drusenlande, östlich vom Libanon, muss die türkische Regierung mit den Rebellen ein Kompromiss schliessen. Albanien wird nur mit schwerer Mühe unterworfen und entwaffnet. Arabien ist in hellem Aufruhr ... Die Gefahr für die Türkei ist furchtbar gross. Eine Niederlage in Arabien – und in Mazedonien bricht der Kampf der Bulgaren, Serben, Walachen, Griechen gegeneinander und gegen den gemeinsamen Herrn wieder los. Und die bulgarischen Truppen stehen vor Adrianopel!

Das wichtigste Mittel zur Stärkung der türkischen Staatsgewalt ist der Ausbau des Eisenbahnnetzes. Die Eisenbahn erleichtert Truppentransporte, sie bringt die Provinz der Hauptstadt näher, sie erleichtert die einheitliche politische Beherrschung und die wirtschaftliche Erschliessung des Landes. Sehr anschaulich schildert Herr v. Gwinner die Wirkungen des Baues der Anatolischen Bahnen. Ehe der Bahnbau begonnen wurde, „assen Konstantinopel und die türkische Armee Brot, gemacht aus russischem Getreide; heute essen sie Korn aus ihres eigenen Landes Ernte“. Vor dem Beginn des Bahnbaues „war die Sicherheit in Kleinasien kaum grösser als sie heute in Kurdistan ist. Als die Ingenieure der Deutschen Bank eine Station ein Stück jenseits von Ismid am Marmarameer erreichten, machten tscherkessische Räuber die Gegend unsicher; der Chef dieser Räuber ist heute Stationsvorsteher im Dienste der Anatolischen Eisenbahngesellschaft“. So stellt die Eisenbahn erst die Sicherheit der Person und des Eigentums her, sie entwickelt die Produktivkräfte des Landes und die Steigerung der Steuererträgnisse der durch den Bahnbau erschlossenen Gebiete beträgt weit mehr als die Staatszuschüsse für den Bahnbau. [2] Darum muss die Türkei heute vor allem auf die Entwicklung ihres Eisenbahnnetzes bedacht sein. Aber in diesem Bestreben stösst sie auf die Interessengegensätze der europäischen Mächte, die ihre inneren Schwierigkeiten noch komplizieren.

Das wichtigste unter diesen Eisenbahnprojekten ist das der Bagdadbahn. Die türkische Regierung hat einer von der Deutschen Bank geleiteten Gesellschaft die Konzession zum Bau einer Eisenbahn von Konia bis Basra erteilt. Der Ausgangspunkt der Bahn ist die kleinasiatische Stadt Konia, die mit Smyrna (am Aegeischen Meer) und mit Haidar-Pascha (am Bosporus) bereits durch Eisenbahnen verbunden ist. Von Konia bis Eregli (nordwestlich vom zilizischen Taurus), dem Mittelpunkt eines grossen Kohlenreviers, ist die Bahn bereits geführt. Im Bau ist die Taurusstrecke von Eregli über Adana nach Killis, von wo ein Seitenarm nach Damaskus geführt werden soll; Damaskus liegt an der bereits im Betriebe befindlichen Mekkabahn (Beirut-Damaskus-Medina-Mekka). Von Killis soll die Bagdadbahn weitergeführt werden über Harran, El Helif, Mosul, Bagdad nach Basra, von wo sie mit einem der Häfen am Persischen Golf verbunden werden soll.

Grossbritannien steht diesem Bahnbau feindlich gegenüber. Es fürchtet vor allem um seine Alleinherrschaft am Persischen Golf. Für England ist seine Monopolstellung im Persischen Meerbusen ein Zugehör seiner Herrschaft über Indien; die Bagdadbahn würde diese Monopolstellung gefährden. Die heute fiktive Souveränität der Türkei am Persischen Golf würde erst Bedeutung bekommen, wenn die Eisenbahn es der Türkei erlauben würde, Truppen an die Gestade des Persischen Meerbusens zu bringen. Und das Handelsmonopol Englands am Persischen Golf würde gefährdet, wenn das deutsche Kapital, das die Bagdadbahn baut, sich ihm näherte. Welche Bedeutung England auf die Herrschaft am Persischen Golf legt, zeigt die bekannte Erklärung des britischen Ministers des Aeussern Lord Landsdowne am 7. Mai 1903: „England kann keiner anderen Nation erlauben, Schiffahrtsstationen oder Eisenbahnen am Persischen Golf zu haben; jeder Versuch irgendeiner Macht, sich dort festzusetzen, wäre Kriegsfall und würde mit Waffengewalt abgewehrt werden.“

Aber der englische Imperialismus ist nicht nur um seine Stellung am Persischen Golf besorgt. Seine Blicke sind auch auf Mesopotamien gerichtet. Sir William Willcocks sitzt in Bagdad und beginnt mit der Schaffung gewaltiger Bewässerungsanlagen, die die Gebiete zwischen dem Euphrat und dem Tigris wieder dazu machen sollen, was sie einst waren: zur Kornkammer der Welt. Getreide, Baumwolle, Wolle, Petroleum, Erze sind dort zu holen! Die britische Politik will englischem Kapital die Ausbeutung der Naturschätze in diesem Gebiet sichern. Aber von Westen her rückt, je weiter der Bau der Bagdadbahn fortschreitet, das deutsche Kapital diesem Lande der Zukunft näher!

Für die Türkei ist die Beschleunigung des Baues der Bagdadbahn zweifellos ein Lebensinteresse – die weitaus wichtigste Voraussetzung des Erstarkens ihrer staatlichen Gewalt. Deutschland unterstützt sie dabei: der Bau dieser Bahn durch deutsche Banken soll der Ansatzpunkt für die wirtschaftliche Eroberung Vorderasiens für das deutsche Kapital sein. England aber, von Frankreich unterstützt, bereitet dem Bahnbau die grössten Hindernisse. Die Londoner und die Pariser Börse beteiligen sich an der Aufbringung des Aktienkapitals nicht. Frankreich verweigert der Türkei eine Anleihe, deren Erträgnis teilweise auch für die Beschleunigung des Bahnbaues verwendet werden sollte. England verweigert mit derselben Begründung seine Zustimmung zur Erhöhung der türkischen Einfuhrzölle von 11 auf 15 Prozent. Schliesslich erklärt England, dass das Gebiet um Koweit am Persischen Golf unter seinem Schutze stehe und dass es einen Eisenbahnbau in diesem Gebiete nicht dulden werde ... So ist die Frage der Bagdadbahn heute der wichtigste Grund der Spannung zwischen Grossbritannien auf der einen, dem Deutschen Reiche und der Türkei auf der anderen Seite. [3]

Für die Türkei ist die Lage überaus bedrohlich. In demselben Augenblick, in dem der Aufruhr in Albanien, Arabien, im Ostlibanon, in Kurdistan ihre Kräfte lähmt, wird sie zum Streitobjekt der Grossmächte. Bevorzugt sie bei den Eisenbahnbauten deutsches Kapital, so bereitet England ihrer finanziellen Stärkung (durch die Verweigerung der Anleihen und den Widerstand gegen die Erhöhung der Zölle) die grössten Hindernisse, es unterstützt die aufrührerischen Stämme in Asien (zum mindesten durch die Zulassung des Waffenschmuggels im Roten Meer), es ermutigt die Revolutionäre in Mazedonien (so durch die jüngste Unterhausdebatte über die Grausamkeiten, die bei der Entwaffnung Mazedoniens begangen wurden). Wollte die Türkei aber von Deutschland abrücken und bei den Westmächten Unterstützung suchen, so wäre sie kaum besser daran; denn England kann eine allzu starke Türkei nicht wünschen, weil die Renaissance eines mohammedanischen Staates die revolutionären Strömungen in Aegypten kräftigen, in Persien, Afghanistan, Belutschistan den Widerstand gegen den britischen Einfluss stärken, vielleicht auch die Mohammedaner Indiens, die jedes Zugeständnis an die revolutionäre Bewegung der Hindus erbittert, ermutigen würde.

So ist die Türkei aus inneren und äusseren Gründen in einer überaus bedrohten Lage. Von Albanien bis zum Persischen Golf eine Fülle ungelöster innerer und äusserer Probleme! Niemand wird heute zu entscheiden wagen, ob die türkische Revolution der Anfang einer Renaissance oder der Beginn der Auflösung der Türkei war. Mit der Möglichkeit des Zusammenbruches der Türkei wird heute in London und in Berlin, in Wien und in Rom gerechnet. Die Erben rüsten sich zum Kampf um das Erbe. Das ist der wichtigste Grund der internationalen Rüstungen.

Auch die Rüstungen Oesterreich-Ungarns und Italiens haben ihre Ursache in der Erschütterung der türkischen Herrschaft. Auch Oesterreich-Ungarn und Italien rüsten für den Fall, dass der Zusammenbruch der Türkei den Kampf um ihr Erbe herbeiführt.
 

Italienischer und österreichischer Imperialismus

Der Wiener Kongress hat Oesterreich zum Herrn Italiens gemacht. Die Lombardei und Venetien standen unter österreichischer Herrschaft. Die Herzogtümer Toskana, Modena und Parma wurden von österreichischen Erzherzogen beherrscht. Das Königreich Neapel und der Kirchenstaat standen unter österreichischem Einfluss. In fünfzigjährigem Kriege gegen Oesterreich hat sich die italienische Nation ihre Einheit und Freiheit erkämpft. Heute noch gilt der italienischen Volkmasse Oesterreich als der Erbfeind der Nation.

Nachdem das 1861 gebildete Königreich Italien im Jahre 1866 Venetien gewonnen, im Jahre 1870 in Rom seine Hauptstadt gefunden hatte, war das Ziel der nationalen Einheitsbewegung erreicht. Das Streben nach der Eroberung von Trient und Triest, die allein von dem grossen italienischen Besitz Oesterreich blieben, trat zurück hinter die ehrgeizigen Pläne des jungen italienischen Imperialismus. Die Italiener bilden ein Drittel der Bevölkerung des Mittelmeeres; am Mittelmeer, in Tunis und Tripolis hoffte der italienische Imperialismus ein italienisches Kolonialreich zu begründen. Hier stiess Italien auf französischen Wettbewerb: durch den Vertrag von Kasr-el-Said (1881) sicherte sich Frankreich die Herrschaft über Tunis. Der Gegensatz gegen Frankreich trieb Italien in die Arme des Deutschen Reiches und Oesterreichs, seines alten Feindes. Im Jahre 1882 schloss sich Italien dem 1879 begründeten deutsch-österreichischen Bündnis an.

In Tunis von Frankreich geschlagen, suchte der italienische Imperialismus am Roten Meere Ersatz. Aber sein Versuch, Abessinien zu erobern, endete mit der Katastrophe von Adua (1896). Italien musste die Unabhängigkeit Abessiniens anerkennen und sich mit dem Besitz von Massaua begnügen.

Am Mittelmeer und am Roten Meer besiegt, wandte der italienische Imperialismus seine Aufmerksamkeit der Balkanhalbinsel zu. Hier stiess er auf den Wettbewerb Oesterreich-Ungarns. Die Produkte der aufblühenden italienischen Industrie konkurrieren in den Balkanländern mit den österreichischen Industrieprodukten. Italienische und österreichische Schiffahrtsgesellschaften treten in den Balkanhäfen in den Konkurrenzkampf. Italienische und österreichische Eisenbahnprojekte werden einander gegenübergestellt.

Auch in der europäischen Türkei soll das Eisenbahnnetz ausgebaut werden. Aber auch hier wecken die Eisenbahnprojekte die Gier und den Neid der Nachbarstaaten. Die mazedonisch-albanischen Eisenbahnbauten gewinnen hier eine ähnliche Bedeutung wie die Bagdadbahn in Vorderasien.

Unter den Eisenbahnprojekten in der europäischen Türkei sind die folgenden die wichtigsten:

  1. Die Sandschakbahn. Sie soll Uvac, den Endpunkt des bosnisch-herzegowinischen Eisenbahnnetzes, mit Mitrovica, einer Station der Eisenbahn Belgrad-Salonik, verbinden. Den Bau dieser Bahn wünscht Oesterreich-Ungarn, weil sie den grossen Hafen von Salonik mit Bosnien verbinden würde. Für die Türkei würde dieser Bahnbau die Festigung ihrer Herrschaft im Sandschak bedeuten. Dagegen sehen Italien, Montenegro, Serbien mit Unmut einen Plan, der Oesterreich-Ungarns wirtschaftliche und politische Machtstellung im Westen der Balkanhalbinsel stärken würde.
     
  2. Die Donau-Adria-Bahn. Sie soll von der serbischen Grenze nach Westen führen, die bestehende Bahn Mitrovica-Uesküb(-Salonik) bei Priština kreuzen und in oder in der Nähe von Antivari an der Adria münden. Ein Interesse an diesem Bahnbau haben Serbien, dem dadurch der Zugang zum Meere gesichert würde, Italien, dessen Waren auf dieser Bahn tiefer in das Balkangebiet eindringen könnten, und die Türkei, deren Machtstellung in Oberalbanien durch diese Bahn gefestigt würde. Dagegen bekämpft Oesterreich-Ungarn das Projekt, dessen Durchführung die wirtschaftliche Abhängigkeit Serbiens von Oesterreich aufheben und die wirtschaftliche Konkurrenz Italiens in den Balkanländern stärken würde.
     
  3. Die Bahn von Monastir zur Adria. Von Monastir, das bereits ein Schienenweg mit Salonik verbindet, soll die Bahn nach Elbasan geführt werden; von dort soll ein Zweig nach Durazzo, der andere nach Valona führen. Diese Bahn hat die grösste Bedeutung für Italien: Valona ist durch eine nur 100 Kilometer breite Meerenge von Brindisi getrennt. Die türkische Macht in Unteralbanien und an der Adria würde durch diese Bahn gestärkt. Anderseits bekämpfen die österreichischen Imperialisten dieses Projekt noch heftiger als das der Donau-Adria-Bahn: die Bahn wäre der Ansatzpunkt für die Stärkung der italienischen Machtstellung in Albanien; wird Valona eine italienische Flottenstation, dann kann Italien unseren Schiffen den Weg von Triest und Fiume in das Mittelmeer sperren.
     
  4. Die bulgarische Transversallinie von Küstendil (an der bulgarischtürkischen Grenze) über Uesküb nach Durazzo. Die Bahn soll den bulgarischen Einfluss in Mazedonien stärken. Serbien wäre die Durchführung dieses Planes wohl sehr unerwünscht, für Italien dagegen wäre auch diese Bahn ein Mittel zur Erleichterung seiner wirtschaftlichen Expansion auf der Balkanhalbinsel. [4]

Der Türkei wird der Ausbau ihres Eisenbahnnetzes durch diese Interessengegensätze der Nachbarstaaten sehr erschwert. Anderseits wird der Gegensatz zwischen Oesterreich-Ungarn auf der einen, Italien und Serbien auf der anderen Seite desto schroffer, je näher der Zeitpunkt rückt, in dem über diese Pläne entschieden werden soll.

Hinter all dem aber erhebt sich drohend die Frage: Was soll mit Albanien geschehen, wenn die türkische Herrschaft zusammenbricht?

Auch der italienische Imperialismus giert nach einem Teil der türkischen Erbschaft. Durazzo und Valona, nur durch einen schmalen Meeresstreifen von Bari, Brindisi, Otranto getrennt, sollen italienische Häfen werden. Albanien soll unter Italiens Schutz stehen. Von der albanischen Küste aus sollen auf italienischen Bahnen italienische Waren in die Balkanländer eindringen.

Der österreichische Imperialismus stellt sich diesen Plänen entgegen. Setzt sich Italien in Albanien fest, dann kann es uns auf der einen Seite zwischen Otranto und Valona die Einfahrt ins Mittelmeer sperren, auf der anderen unsere Expansion von Uvac gegen Salonik verhindern. In der östlichen Hälfte der Balkanhalbinsel wird es unseren Waren eine gefährliche Konkurrenz bereiten und den politischen Widerstand der kleinen Balkanstaaten gegen Oesterreich stärken.

Je schroffer der italienisch-österreichische Gegensatz wird, desto mehr verliert der Dreibund an Kraft; Italien nähert sich wieder Frankreich, England und Russland. Oesterreich-Ungarn schliesst sich um so fester an das Deutsche Reich an. Zugleich beginnen beide Staaten ihre Grenzen zu befestigen, ihre Heere und Flotten zu verstärken. Sie wagen es nicht, den Bündnisvertrag, dieses letzte papierene Hindernis eines Zusammenstosses, zu beseitigen; sie versichern einander, dass beiden jede Absicht, in Albanien einzudringen, fernliege; aber sie rüsten für den Augenblick, in dem der Zusammenbruch der türkischen Herrschaft die albanische Frage aufrollen wird.

In beiden Reichen sucht der Imperialismus seine Eroberungsgier hinter einer volkstümlichen Maske zu verkleiden.

In Oesterreich-Ungarn, dessen Nationen einander mehr hassen als jeden äusseren Feind, wird es ihm freilich schwer, die Zustimmung der Völker zu seinen Rüstungen zu erlangen. Er sucht nach kunstvollen Mitteln: Er gaukelt den Deutschen vor, das Bündnis mit dem Deutschen Reiche erfordere die imperialistische Politik; er weckt unter den Polen die Hoffnung auf einen Krieg mit Russland, der das Königreich Polen befreien werde; er ködert die Slawen mit dem Bilde eines grossen südslawischen Reiches unter Habsburgs Zepter; er erinnert die Magyaren an die alte Balkanherrschaft der Ungarnkönige.

Viel leichter und wirksamer kann der italienische Imperialismus die Volksmasse gegen Oesterreich in Bewegung setzen. Jeder Gegensatz gegen Oesterreich weckt ja die Erinnerungen an den grossen Befreiungskampf der Nation, die Hoffnung auf die Vereinigung der noch unter Oesterreichs Herrschaft lebenden Italiener mit dem geeinten und befreiten Italien. Der Irredentismus, durch den Streit um Tunis vor einem Menschenalter zur Ruhe gewiesen, wird durch den Streit um Albanien zu neuem Leben geweckt. Die Verblendung der österreichischen Regierung und unserer bürgerlichen Parteien erleichtert dem italienischen Imperialismus sein Spiel. Hochverratsprozesse und Polizeischikanen, der Widerstand gegen die Autonomie des Trento und gegen die Errichtung der italienischen Universität in Triest geben dem Irredentismus immer neuen Nährstoff. Das klerikale Gezeter über die „Gefangenschaft“ des Papstes gibt dem italienischen Imperialismus die Möglichkeit, die italienische Volksmasse mit dem Märchen zu schrecken, Oesterreich strebe nach der Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes.

So werden die Volksmassen in beiden Reichen mit Hass gegeneinander und Furcht vor einander erfüllt. Der Imperialismus erzeugt in den Volksmassen die Stimmung, die es ihm erlauben soll, die Entscheidung der Waffen anzurufen.
 

Die Sozialdemokratie und der Imperialismus

Die Verschärfung der Gegensätze zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien ruft die Sozialdemokratie auf den Plan. Es ist unsere Pflicht, uns der Politik des Imperialismus entgegenzustellen.

Wir bekämpfen die Rüstungen, die den Völkern unerträglich schwere Steuerlast aufbürden und allen Kulturaufgaben, der sozialen Fürsorge vor allem, die Mittel entziehen.

Wir reissen dem Imperialismus die volkstümliche Maske vom Gesicht. Wir wollen nicht dulden, dass der Konkurrenzkampf italienischer und österreichischer Kapitalisten in der Balkanhalbinsel den Volksmassen hingestellt werde als ein Kampf für volkstümliche nationale Ziele – dort als ein Kampf für die Erlösung des „unbefreiten Italien“, hier als ein Kampf für die Weitstellung des deutschen Volkes, für die Schaffung eines südslawischen Reiches, für die Befreiung Polens.

Wir wollen allem entgegenwirken, was die furchtbare Gefahr eines Krieges heraufbeschwören könnte. Die Frage, ob österreichische oder italienische Kapitalisten die Eisenbahnen am Balkan bauen sollen, ist uns nicht die Knochen eines Tiroler Jägers wert.

Wir wollen keine Eroberungen am Balkan. Das Recht der nationalen Selbstbestimmung, das wir für uns selbst fordern, gestehen wir auch den Balkanvölkern zu.

Wir fordern, dass die Eisenbahnbauten in der Türkei internationalisiert werden. Die Eisenbahnen sollen die Entfaltung der Produktivkräfte der Balkanländer fördern; sie sollen nicht Ausgangspunkte imperialistischer Eroberungszüge sein.

Wir wollen nicht, dass der Gegensatz zwischen Oesterreich und Italien das demokratische Italien dem Zarismus in die Arme treibe und die Völker Oesterreichs zu willenloser Gefolgschaft des deutschen Imperialismus mache. Im Interesse der demokratischen Entwicklung Europas fordern wir, dass das Bundesverhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien ausgestaltet werde durch einen Vertrag, der beide Reiche verpflichtet, ihre Rüstungen einzustellen, sich über die Balkanbahnen zu verständigen, auf alle Eroberungswünsche zu verzichten.

Die Entwicklung des Kapitalismus ist gegen uns. Mit seinen Eisenbahnen dringt der Kapitalismus in die Länder des Ostens ein, er löst in ihnen alle inneren Gegensätze aus, er erschüttert die Grundlagen der ganzen staatlichen Ordnung, er macht die Länder des Ostens zum Kampfobjekt der kapitalistischen Staaten. Der Weltkrieg ist des Kapitalismus letztes Wort.

Wir widersetzen uns dieser Entwicklung. Wenn der Kapitalismus zum Weltkrieg führt, soll er diesen Krieg gegen unseren Willen führen, gegen unseren Widerstand herbeiführen. Er soll ihn führen, belastet von unseren Anklagen. Er soll die Verantwortung für die . Opfer des Krieges tragen am Tage der Schlacht wie am Tage nach dem Friedensschluss.

Wenn die türkische Revolution zum Kriege Europas um die Türkei führt, wird die europäische Revolution die unvermeidliche Wirkung des europäischen Krieges sein.

* * *

Anmerkungen

1. Marx, Was soll aus der Türkei in Europa werden?, Neue Zeit. XXVIII. 2. Seite 10.

2. Artur v. Gwinner, The Baghdad and the question of british cooperation, The XIXth century, Juni 1909.

3. Neben der Bagdadbahn spielen noch andere Eisenbahnpläne eine ähnliche Rolle in der internationalen Politik; so soll die bereits im Bau befindliche Bahn von Samsun (am Schwarzen Meer) nach Siwas einerseits nach Westen eine Anschlusslinie von Siwas nach Angora erhalten, das bereits mit Haidar-Pascha (am Bosporus) verbunden ist, anderseits nach Süden durch eine Bahn Siwas-Eregli mit der Bagdadbahn verbunden werden. Beide Bahnen soll gleichfalls deutsches Kapital bauen. Dagegen hat Deutschland den Plan eines Bahnbaues Trapezunt-Erserum-Wan (am gleichnamigen See) offenbar in Potsdam aufgegeben ; Russland wünscht die Erbauung dieser Bahn nicht, die die Machtstellung der Türkei gegen Nordpersien verstärken würde. Dafür verspricht Russland, der Fortsetzung der Bagdadbahn keine Schwierigkeiten zu bereiten und die Bahnen, die es in Nordpersien bauen will, bei Chanikin (nordöstlich von Bagdad) an die Bagdadbahn anzuschliessen.

4. Riedl, Sandschakbahn und Transversallinie. Wien 1908. – Chlumecky, Oesterreich-Ungarn und Italien. Wien 1907. – Otto Bauer, Oesterreich und der Imperialismus, Der Kampf, II., Seite 17.

 


Leztztes Update: 6. April 2024