O. B.

Bücherschau

Politik

(1. Oktober 1911)


Der Kampf, Jg, 5 1. Heft, 1. Oktober 1911, S. 45–46.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Die Wiener „Deutschnationale Geschäftsstelle“ gibt seit August eine Halbmonatsschrift heraus, die sie Deutsche soziale Rundschau nennt. [1] Die neue Zeitschrift will für die Nationalverbändler werden, was Der Kampf für die Sozialdemokratie ist. Der Versuch verdient auch unser Interesse. Wir sind neugierig, den Nationalismus einmal mit „geistigen Waffen“ kämpfen zu sehen. Leider haben die ersten Hefte unsere Erwartungen enttäuscht. Die beiden Hefte enthalten Abhandlungen über wirtschaftspolitische Fragen, von denen einige ganz interessant sind, während andere auf das tiefste Niveau der deutschnationalen Provinzpresse hinabsinken. Insbesondere ein Aufsatz des Herrn Dr. Adolf Gruss, der den Strafgesetzentwurf unter wüstem Geschimpfe auf den „knallroten Ueberschwang“ österreichischer Sozialpolitik vom engherzigsten Zünftlerstandpunkt der Aerzte aus beurteilt, bezeugt die sozialpolitische Einsichtslosigkeit unserer nationalen Bourgeoisie. Die eigentlichen nationalen Fragen werden in den beiden Heften überhaupt nicht erörtert; seine theoretische Begründung ist uns der Nationalismus bisher schuldig geblieben.

Ueber das Niveau der anderen Abhandlungen erhebt sich nur der von Michael Hainisch verfasste Leitaufsatz des ersten Heftes. Hainisch spricht von der körperlichen Entartung der Bevölkerung unserer Grossstädte. Aber der einstige Sozialpolitiker will die Ursachen des Rassenverfalles nicht in der kapitalistischen Ausbeutung, nicht im Wohnungselend und in der Lebensmittelteuerung finden, sondern — in der Genusssucht. In den Grossstädten „infiziert das Nichtstun und die raffinierte Genussucht auch die untersten Volksschichten“. Der „Mangel an ethischer Lebensführung“ führe zum Alkoholismus, zur Verbreitung der Geschlechtskrankheiten, zum Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit. Das seien die Ursachen der Rassendegeneration. Dass Hainisch den Deutschnationalen, die im Bierkomment den besten Kitt für ihre Gefolgschaft sehen, von den Gefahren des Alkoholismus erzählt, ist gewiss zu loben; aber dass er als Waffe gegen den Alkoholismus gerade die Monopolisierung des Flaschenbierhandels durch die Gastwirte empfiehlt, wirkt komisch. Die Trunksucht wird wohl nicht dadurch eingedämmt werden, dass die Arbeiter das Flaschenbier in der Fabrikskantine statt bei dem Greisler oder im Konsumvereinsladen kaufen. Die Einschränkung der Kinderzahl in Arbeiter- oder Kleinbürgerfamilien aber ist überhaupt weder eine Wirkung noch eine Ursache der Rassendegeneration. Mit dem Sinken der Geburtenzahl geht ja das Sinken der Sterblichkeit, insbesondere der Kindersterblichkeit Hand in Hand! Und wenn Hainisch die Einschränkung der Kinderzahl auf die Genussucht zurückführt, möchten wir ihm raten, sich doch einmal den Haushalt einer Arbeiterfamilie anzusehen. Den armen Arbeiterfrauen, die als Fabriksarbeiterinnen, Wäscherinnen oder Bedienerinnen ihr Brot erwerben und daneben ohne Hilfe einen kinderreichen Haushalt versehen müssen, kann man „Nichtstun und raffinierte Genussucht“ wahrhaftig nicht vorwerfen. In den elendesten Wohnungen eingepfercht, auf ein karges Einkommen angewiesen, erliegen die armen, mit der doppelten Last der Erwerbsarbeit und der Arbeit im Haushalt überbürdeten Frauen den Wirkungen häufiger Schwangerschaft. Schränken sie die Zahl ihrer Kinder nicht ein, dann sterben ihre Kinder im zartesten Alter! Welche Kühnheit, diesen Opfern unserer Gesellschaft „Mangel an ethischer Lebensführung“ vorzuwerfen, ihrer Not Sittensprüchlein entgegenzuhalten!

Man schämt sich fast, einem Mann wie Hainisch solche Binsenwahrheiten vorhalten zu müssen. Aber der Sozialpolotiker von anno dazumal hat eben sehr viel von dem Wasser satter Bourgeoismoral in seinen sozialpolitischen Wein tun müssen, ehe er würdig wurde, der Theoretiker der „Deutschnationalen Geschäftsstelle“ zu sein. Und Hainisch ist ein Typus! Die Sozialpolitiker der Neunzigerjahre haben in das Lager der Bourgeoisie schnell und gründlich heimgefunden. Von ihnen hat die Arbeiterklasse keine Unterstützung mehr zu erwarten.

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Anmerkung

1. Deutsche soziale Rundschau. Eine Halbmonatsschrift für freiheitlichen Nationalismus und gesunde gesellschaftliche Entwicklung. Verwaltung: Wien VII, Lerchenfelderstrasse 6. Bezugspreis jährlich 12 Kronen.

 


Leztztes Update: 6. April 2024