Nikolai Bucharin

 

Proletarische Revolution und Kultur

(3. Februar 1923)


Nachgedruckt in Karl-Heinz Neumann (Hrg.): Marxismus Bibliothek, Bd. 3, Frankfurt 1971, S. 11-59.
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Genossen, das Thema „Proletarische Revolution und Kultur“ wählte ich für Sie als Zuhörerschaft aus zwei Gründen. Erstens, weil gegenwärtig diese Frage, man kann sagen, ganz spontan von einer ganzen Reihe Genossen und Organisationen auf die Tagesordnung gesetzt wird. Zweitens, weil diese Frage gerade eine Zuhörerschaft, wie Sie es sind, am allerersten angeht.

Gestatten Sie mir, ehe ich zur Darlegung des Gegenstandes selbst und zur Fragestellung übergehe, einige Worte einführenden Charakters zu sagen. Sowohl die russische als auch die internationale Revolution macht gegenwärtig eine außerordentlich eigenartige Phase durch. Man kann sie im großen und ganzen als Phase des verlangsamten Tempos im Fortschreiten der Revolution bezeichnen. Unter den russischen Verhältnissen ist dies mit einer Erscheinung, wie es die Neue ökonomische Politik ist, verknüpft; im internationalen Maßstab ist dies dadurch charakterisiert und findet seinen Ausdruck darin, daß zwar die kapitalistische Gesellschaft sich in Todeskrämpfen windet, daß wir aber noch nirgends, außer in Rußland, eine siegreiche proletarische Revolution haben. Und das russische Proletariat ist das einzige Proletariat, das die Staatsmacht in seinen Händen hält. Unsere Situation ruft gegenwärtig unter unseren Freunden und unter unseren Feinden verschiedenartige Schattierungen des Denkens, verschiedene Gesinnungen, Gefühle, ideologische Tendenzen usw. hervor. Wenn wir unsere Gegner nehmen, so sehen wir, daß sie aus einer ganzen Reihe von Tatsachen des internationalen und des inneren Lebens Rußlands den schroffen Schluß vom sogenannten Bankerott des Kommunismus ziehen. Unsere Gegner, und in erster Linie die Sozialdemokraten, denken folgendermaßen: da hat nun in Rußland das verzweifelte russische Proletariat, unter dem Einfluß der bolschewistischen Halsabschneider, versucht, ein sehr großes historisches Experiment zu machen. Dieses große historische Experiment endete, wie zu erwarten war, und wie die Sozialdemokraten auch prophezeit haben, mit einem Mißerfolg und mit einem Krach. Die feierlich proklamierten Losungen finden in Sowjetrußland bereits keinen Platz mehr. Der Sozialismus ist abgelöst worden durch die Konzessionspolitik, durch Handelsbeziehungen, mit den kapitalistischen Großmächten, durch die Pacht und den sogenannten „Nep“, mit allen seinen bunten Farben. Die Staatsmacht der Bolschewiki verwandelt sich immer mehr in eine fremdartige Hülle, die über der Arbeiterklasse steht und im Grunde genommen aufgehört hat, irgendeine Beziehung zum Proletariat zu haben. Das, was wir in Rußland haben, sagt unser Gegner, ist nichts anderes als eine Form des Bonapartismus, da eine Bolschewistenclique, die sich von den Arbeiter- und Bauernmassen losgelöst hat, das Land regiert. Der Bankerott des Kommunismus liegt auf der Hand. Und dieser Bankerott hat - so sagt unser Gegner - seine tiefen historischen Ursachen.

Diese tiefen historischen Ursachen sollen darin bestehen, daß Rußland, als ein rückständiges Land mit einem wenig entwickelten Proletariat, mit einem halbasiatischen und halbbarbarischen Proletariat, natürlich - trotz der Behauptungen der Bolschewiki - nicht einen Sprung innerhalb der Geschichte und über die vorausbestimmten Phasen seiner historischen Entwicklung hinweg habe machen können. Es habe versucht, diesen Sprung zu machen und sei natürlich in die Grube gefallen, in den Abgrund hinabgestürzt. Man könne die unabänderlichen Gesetze der Geschichte nicht aufheben, könne nicht eine siegreiche proletarische Revolution mit einem Proletariat machen, das mit allen seinen Existenzbedingungen, mit allen seinen Wurzeln in der halbasiatischen, halbfeudalen Produktionsmethode verankert und keinesfalls für eine Aufgabe vorbereitet sei, wie es die richtige Lösung der von der sozialistischen Revolution aufgestellten Probleme ist.

Wie urteilen unsere Gegner auf dem Gebiete der internationalen Politik? Sie merken nicht jenen ungeheuren revolutionierenden Einfluß, den schon allein die Tatsache des Bestehens der Sowjetrepublik ausübt, und kommen zu analogen Schlüssen. Das langsame Entwicklungstempo der sozialistischen Revolution in Westeuropa - selbst diesen Umstand rechnen sie der russischen Revolution und unserer Partei als Schuld an, und sie behaupten, daß gerade an dem Umstand, daß in Rußland der Kommunismus Bankerott gemacht hat, daß z. B. die Hungersnot in Rußland und die ungeheure Zerrüttung der Produktivkräfte die fortschreitende Entwicklung der internationalen Revolution aufgehalten habe, daß gerade hieran wiederum die Bolschewiki schuld seien, und daß man gerade deshalb jetzt die Bilanz ziehen müsse, - eine Bilanz, die besagt, daß die bolschewistische Politik, der Kommunismus als Weltanschauung und als Gebiet der praktischen Politik sich als eine glatte Null erwiesen habe. Das behaupten unsere Gegner, das ist ihre allgemeine Bewertung der Politik, die unsere Partei von Anfang an getrieben hat.

Gestatten Sie mir jetzt zu unseren Freunden überzugehen. Unsere Freunde zerfallen in zwei Kategorien. Die einen sind unsere Freunde in Anführungszeichen, und die anderen - unsere wirklichen Freunde, in erster Linie die Mitglieder unserer Kommunistischen Partei. Unsere Freunde in Anführungszeichen (auf dem Gebiete der russischen Beziehungen) - das sind die Vertreter der alten großbürgerlichen Intelligenz, in erster Linie die „Smenowechowzen“ (die Gruppe um die Zeitschrift „Die neuen Grenzpfähle“). Sie ziehen nicht die Schlußfolgerungen, die die internationale Sozialdemokratie zieht. Sie sagen nicht, daß man das gegenwärtige Sowjetsystem bekämpfen müsse, und sie sagen auch vieles andere nicht, was die Sozialdemokratie sagt; aber sie sind zugleich eine äußerst sonderbare Art von Freunden, denn ihre Freundschaft zu uns beruht auf außerordentlich durchdachter und bewußter Berechnung - auf einer Berechnung, die unrichtig ist, die aber ihre Wurzeln in der tiefsten Überzeugung von der Richtigkeit alles dessen hat, was unsere sozialdemokratischen Gegner sagen. Sie stellen sich die Lage der Dinge bei uns in Rußland ungefähr folgendermaßen vor: Der historische Sinn der russischen Revolution, und damit auch der bolschewistischen Revolution, habe darin bestanden, daß die Arbeiterklasse und ihre führende Partei - die Partei der Bolschewiki - imstande gewesen sei, solche Kadres von entschlossenen, mutigen, unerbittlichen und gestählten Gegnern des alten Regimes hervorzubringen, die den Mut gehabt haben, die schwere Aufgabe der Säuberung der Augiasställe des alten Regimes auf sich zu nehmen.

Sie schlugen den zaristischen Apparat, die halbmorsche russische Bourgeoise in tausend Stücke, sie zerschmetterten vollständig die morsch gewordenen russischen Intelligenzschichten, die nur lange Gespräche zu führen und über Gott, den Teufel und ähnliche Dinge, die zu nichts nütze sind, zu diskutieren imstande waren. Sie gestalteten den ganzen Staatsapparat um, rüttelten die untersten Volksschichten auf und machten auf diese Weise die Bahn frei für eine neue Kategorie der - kapitalistischen Entwicklung, für die Schaffung einer neuen, einer räuberischen und verwegenen Bourgeoisie, ohne heraldische Adelswappen, ohne die alten Vorurteile der Bourgeoisie. Einer neuen Bourgeoisie, nicht gewohnt an Regierungsalmosen, einer Bourgeoisie, die, gleich den Aufkäufern, die in der Zeit des Kriegskommunismus mit einem Sack auf dem Rücken von Ort zu Ort zogen, durch Feuer, Wasser und Hölle ging und sehr oft in den Kellern der Tscheka saß; die, indem sie diese Prüfung überstand, ihren Willen und Charakter stählte und jetzt als ein neuer Typ von Bourgeoisie - eine verwegene, siegreiche, energische, selbstsichere, sich im Leben auskennende, sich auf keinerlei Almosen stützende, und gerade deshalb frischere, jüngere, energischere, „amerikanische“ Bourgeoisie - den historischen Schauplatz betritt.

Diese Art „Freunde“, diese „umgelernt“ habende bürgerliche Intelligenz, denkt jetzt folgendermaßen: es ist vollständig sinnlos, jetzt gegen die Sowjetmacht zu kämpfen, es ist vollständig sinnlos, jetzt in Rußland Zerrüttung anzustiften; im Gegenteil, man muß die Sowjetmacht unterstützen, muß allmählich in die Poren des Sowjetorganismus eindringen, indem man sich am Apparat des Sowjetaufbaus beteiligt, indem man dort überall seine Leute hineinsetzt, das Gefüge des Sowjetstaats langsam aber beharrlich und sicher umgestaltet, die ganze Politik der kommunistischen Macht - wie sich ein hervorragender Vertreter der Smenowechawzen ausdrückte - mittels kleiner, innerer Veränderungen, mittels Umgestaltung des Gefüges des Sowjetapparates auf dem Wege der Ersetzung durch neue und immer wieder neue Leute „mit Hemmschuh zu Tal fahren lassen“. So werden wir denn eine Sachlage erhalten, bei der alle unsere Dekorationen, die roten Fahnen, das Singen der Internationale, die sowjetistische Regierungsform usw., äußerlich erhalten bleiben werden, während der innere Gehalt von alledem bereits ein anderer sein wird: er wird kein antimilitaristischer, kein revolutionärer, kein proletarischer sein, sondern er wird die Erwartungen und Wünsche, die Hoffnungen und Interessen jener neuen Bourgeoisieschicht widerspiegeln, die beständig wächst, die fortwährend stärker werden wird und die auf dem Wege langsamer organischer Veränderungen das ganze Gefüge des Sowjetstaates umgestalten und ihn allmählich in das Geleise der rein kapitalistischen Politik führen wird. Und dann - meinen die Smenowechowzen - wird der ganze historische Sinn der in Rußland stattgefundenen Revolution klar werden. Dieser Sinn bestand ja gerade in der Vernichtung der alten morschen Bourgeoisie, die von den Almosen der Zarenregierung lebte und die infolge der russischen Revolution durch eine neue mächtige Bourgeoisie amerikanischen Musters ersetzt wurde, die vor nichts zurückschrecken wird, die sich ihren Weg unter dem Zeichen der nationalen, aber in internationale Phraseologie gehüllten Fahne, vorwärts zu einem mächtigen, großen, neuen, bürgerlichen, kapitalistischen Rußland bahnen wird.

Hierin besteht die Berechnung, das sind die geheimen Gedanken, das ist das heimliche Streben dieser Schicht der bürgerlichen Intelligenz, die mit uns sympathisiert, die es jedoch nicht deshalb tut, weil sie uns als Kommunisten folgt, sondern die mit durchdachter und schlauer Berechnung handelt, indem sie ihre Karte auf unsere innere Umgestaltung setzt.

Gestatten Sie mir jetzt, zu jenen Gesinnungen überzugehen, die in unseren eigenen Kreisen bestehen. Ein Teil unserer eigenen Genossen und ein Teil der Arbeiterklasse ist etwas schwankend und im Zweifel hinsichtlich der Richtigkeit unseres inneren und äußeren Kurses. An der Oberfläche der Dinge sehen wir hier Erscheinungen, wie das tatsächliche Wachstum dieser neuen Bourgeoisie. Wir sehen, daß wir nach der großen und entscheidenden Attacke auf die kapitalistische Ordnung den Rückzug antreten mußten. Und gegenwärtig erhebt sich im Zusammenhang hiermit eine ganze Reihe von Fragen: in der Tat, wird nicht vielleicht das geschehen, was unsere Gegner prophezeien, werden sie nicht doch recht behalten, erheben sich vor uns hier nicht vielleicht doch Gefahren, die sehr schwer zu bekämpfen oder gar unüberwindbar sind? Solche Gedanken gehen sehr vielen durch den Kopf, und sie haben eine gewisse reale Begründung im Verlauf unseres Lebens, im Verlauf der Ereignisse unseres russischen sozialen Lebens. Darum, Genossen, müssen wir, die Vertreter unserer Partei als Ganzes, unter allen Umständen auf diese wichtigen Fragen eine entschiedene Antwort geben.

Sie werden mich vielleicht fragen, was das alles für eine Beziehung zu den Fragen der Kultur habe, denn das Thema meines Referats lautet ja „Proletarische Revolution und Kultur“. Alle diese Fragen, Genossen, stehen, wie Sie aus den ganzen folgenden Darlegungen ersehen werden, in unmittelbarster Beziehung zu meinem Thema, denn unser Schicksal, jener historische Weg, den in der Wirklichkeit zurückzulegen uns beschieden ist, jene Lösung der Aufgabe, die in der Geschichte letzten Endes gegeben werden wird, - diese Lösung wird in erster Linie von der Lösung des Kulturproblems unter unseren Verhältnissen abhängen. Diese These, dieser Leitsatz wird auch der Hauptleitsatz meines heutigen Referats sein. Gestatten Sie mir jetzt zu einer Art von Konterattacke auf unseren Gegner überzugehen.

Das erste Argument unserer sozialdemokratischen Gegner, das die Unvermeidlichkeit unseres Krachs beweisen soll, knüpft an zwei Tatsachen an: es knüpft vor allem an die Tatsache der ungeheuren Unkosten der Revolution und zweitens an unsere Neue ökonomische Politik an. Aus diesen zwei Tatsachen leiten sie den Bankerott des Kommunismus ab. Hier müssen wir unserem Gegner vor allem eine kleine Gegenrechnung vorweisen, d. h. ihn fragen: Ihr lieben Leute, und wie steht es mit dem Kapitalismus, wie ist seine Gesundheit? Und wenn wir ihm unser Thermometer unter die linke Achsel stecken, wie wird es dann mit seinem kapitalistischen Selbstbefinden stehen? Wenn wir diese Frage stellen werden, so wird es für jeden vernünftigen Menschen vollständig klar sein, daß die Lösung der Aufgabe und des Problems der Gegenwart nach kapitalistischen Grundsätzen eine offenkundig undurchführbare Sache ist. Das beweist die Erfahrung buchstäblich aller letzten Jahre, und das beweisen in der anschaulichsten, fast schreiendsten Weise jene Ereignisse, die sich gegenwärtig in Europa abspielen, nachdem wir nun schon einige Jahre lang den sogenannten Friedenszustand haben. Nach dem Abschluß einer ganzen Reihe von Verträgen - des Versailler Vertrages, des Vertrages von Sèvres usw. - beobachten wir nicht nur keine Regelung der Beziehungen, sondern im Gegenteil, es erwarten gegenwärtig alle, selbst die Vertreter des bürgerlichen Gedankens, mit Beben, daß ganz Europa in einen Wirbel nie dagewesenen Unheiles hineingerissen werden wird. Ich spreche gar nicht einmal von uns Kommunisten. Wir haben das bereits prophezeit. Aber nehmen Sie die breiten Kreise der bürgerlichen kapitalistischen Intelligenz, in erster Linie der deutschen und dann auch jeder anderen, und Sie werden sehen, wie durch die ganze Literatur gegenwärtig ein unruhiges Beben geht, das immer offenkundiger und offenkundiger wird - das Beben um die Schicksale der ganzen Ordnung im allgemein-europäischen Maßstab. Sie wissen sehr gut, daß sogar ein Teil der qualifizierten bürgerlichen Professoren, wie etwa der Engländer Keynes, wie der ehemalige italienische Minister Nitti, wie der ehemalige französische Minister Caillaux, heute einstimmig ihre eigenen Regierungen, ihre eigene Bourgeoisie vor den kommenden Ereignissen in Europa warnen, die ihnen in doppelt düsteren Farben erscheinen.

Wenn Sie andererseits jene Politik, die die Großmächte auf ökonomischem Gebiet und auf rein politischem Gebiet betreiben, betrachten und objektiv bewerten, so bekommen Sie ein Bild davon, wie sie sich abmühen, um, und sei es nur kriechend, aus dem Sumpf herauszukommen, den Westeuropa darstellt; wie sie eine ganze Reihe von Übereinkünften zu schließen, bemüht sind, wie sie eine Konferenz nach der anderen einberufen, den Boden in den verschiedensten Richtungen prüfen und sondieren und doch nichts tun können. Das ganze soziale Gefüge Europas geht aus den Fugen, das finanzielle Chaos herrscht in der ganzen Welt, das Hochschellen der Preise und das plötzliche Auf und Ab auf dem Valutamarkt ist unerhört. Sie verfolgen ja selbst die Zeitungen. Was geht in Deutschland vor? Die Bourgeoisie ist außerstande, in normaler Weise zu regieren. Sie sucht nach einem Surrogat. Dieses Surrogat besteht in Mitteln, die die Verhältnisse noch mehr zuspitzen, wie z. B. die Ruhrbesetzung, und im Suchen nach einer neuen demagogischen Regierungsform, die gegenwärtig in der sogenannten faschistischen Bewegung zum Ausdruck kommt: die Bourgeoisie versucht und ist bemüht, nach Methoden ganz unnormaler Art zu regieren, sie versucht sogar einen Teil der Kleinbourgeoisie, der Zwischenschichten, zuweilen auch der Bauernschaft, demagogisch auszunützen, indem sie diese zum politischen Leben herausfordert, ihnen demagogische Losungen gibt, aber hierbei - das ist für uns ganz klar - dahin gelangen wird, daß sie sich selbst das Genick bricht.

Von welchen Gesichtspunkten aus Sie auch an die Dinge herantreten mögen, so werden Sie doch überall ein und dasselbe sehen: ein Anwachsen der Konflikte, eine Zunahme des Ökonomischen Chaos, eine vollständige Verwirrung der internationalen Beziehungen und am Horizont das Schreckgespenst eines neuen ungeheuerlichen, grandiosen Krieges. Denn nur eine „progressive“ Entwicklungslinie gab es in dieser Nachkriegsperiode in den bürgerlichen Regierungssphären - die unerhörten neuen Kriegserfindungen: Kriegsschiffe, die, ohne daß ein einziger Mensch sich auf ihnen befindet, dirigiert werden, Flugzeuge, die ohne Piloten entsandt und von einem Zimmer aus dirigiert werden können und nach Bedarf Bomben abwerfen; eine riesige Kriegsluftflotte in Amerika, Riesengeschütze in Frankreich, die die französischen Küsten unter Feuer nehmen können, und ähnliche Äußerungen menschlichen Genies auf diesem Gebiet. Der „Fortschritt“ ist ein ganz offenkundiger. Und wenn wir wissen, daß die Ansammlung von Konflikten unvermeidlich ist - und das geben die liberalen Professoren zu -, so ist es auch klar, daß die Perspektive, vor die die Menschheit gestellt wird, die schrecklichste Perspektive ist, die die Geschichte jemals gekannt hat: daß nämlich die Bourgeoisie die Reste ihrer eigenen Zivilisation mit den vollkommensten Vernichtungswaffen, die im Laufe dieser Nachkriegs-Friedensperiode erfunden werden, in Grund und Boden zu schießen fähig wäre - und daß sie dies tun wird, wenn die Arbeiterklasse sie nicht daran hindern wird.

Daß eine solche Perspektive in der Geschichte der Menschheit in der Vergangenheit bereits real bestanden hat - wenn man das überhaupt von einer Perspektive behaupten kann - ist eine unwiderlegbare Tatsache. Wir wissen, wie im Altertum mächtige Staaten von ungeheurer Kultur, wie Assyrien und Babylonien, zugrunde gingen, vollständig vernichtet wurden, vom Antlitz der Erde hinweggefegt wurden, weil sie sich in blutigen Kriegen erschöpften, denen die damalige Gesellschaft nicht standzuhalten vermochte. Wo ist die Bürgschaft, wo eine Garantie dafür vorhanden, daß die moderne Gesellschaft diese edle Aufgabe der allgemeinen Vernichtung der Menschheit nicht verwirklichen werde? Es ist keine Garantie dafür vorhanden. Und eben diese Angst, die gegenwärtig unter dem besten Teil der Bourgeoisie, unter den Gelehrten und Publizisten herrscht, die jetzt die antimilitaristische Linie einhalten, ist ein Vordringen ins Gebiet der Zukunft, ist ein unerschrockenes Verstehen der Staatspolitik durch die besten Vertreter der Bourgeoisie, die den Vorhang vor dieser Zukunft gelüftet haben, die sich ihren Blikken in ihrer ganzen erschreckenden und düsteren Unverhülltheit darbietet. Wenn wir jetzt von diesem Gesichtspunkt aus an unsere sozialdemokratischen Gegner und die Gegner aus dem rein bürgerlichen Lager herantreten und ihnen die Frage hinsichtlich der Lösung der großen Aufgaben der Gegenwart in der Ebene und in den Bahnen der kapitalistischen Welt stellen, so müssen wir hier aus voller Überzeugung sagen: Nein, nicht eure Sache ist es, meine Herren, diese Probleme zu lösen, denn auf eurem Wege gibt es nur eine Perspektive - die Perspektive des Untergangs Europas, und dann die Übertragung derselben Verhältnisse auf andere Weltgegenden. Vollständige Finsternis und volle Hoffnungslosigkeit. Sehen sie doch, wie vor kurzem diese Fragen von unseren Gegnern behandelt wurden. Noch vor ganz kurzem warnte der ehemalige Kommunist und jetzige Renegat Paul Levi die deutsche Arbeiterklasse davor, die Staatsmacht in die Hände zu nehmen, und er benutzte dabei als Argument den Hinweis auf Rußland: in Rußland habe die Arbeiterklasse die Macht in die Hand genommen, und das sei ihr teuer zu stehen gekommen, - man sehe nur hin, was für eine Zerrüttung, Hungersnot usw. dort herrscht. Auch in Deutschland werde das gleiche eintreten. Sowie die Arbeiterklasse die Macht in die Hände nähme, würde sie sofort auf ein so feines und empfindliches Instrument der kapitalistischen Mechanik stoßen, wie es die Finanzverhältnisse sind. Wir würden einen gewaltigen Sturz der Mark erleben, so daß ein Dollar 100 Mark kosten würde. Seit Levi diese Erklärung abgab, sind im ganzen erst vier Monate vergangen, und der Dollar steht - ich habe die heutigen Zeitungen noch nicht gelesen - nach den gestrigen Zeitungen etwas über 40 000 Mark, d. h. die Mark ist mehr als 40 mal so tief gesunken, als es Levi für den Fall der proletarischen Revolution vorgesehen hatte. Man könnte also jetzt, wenn man die Berechnung Levis als richtig annimmt, sagen, daß wir über vierzig Mal proletarische Revolution halten machen dürfen. Das wäre billiger zu stehen gekommen, als die Geschichte, die wir jetzt ohne Revolution haben; die deutsche Arbeiterklasse, die keine eigene Macht hat, befindet sich in der Lage eines Menschen, der einerseits geohrfeigt wird von Stinnes und andererseits vorn französischen Imperialismus, der alle Bevölkerungsklassen, Stinnes selbst mit einbegriffen, in schmählicher Weise ohrfeigt, so daß sie das Taschentuch aus der Tasche nehmen und sich die Nase wischen müssen.

So sieht es also hiermit aus. Wir sehen hieraus ganz klar, daß jene Unkosten, die sich bei der Fortführung des Kapitalismus ergeben, jene Zerrüttung, die sich in dieser Ära, auf diesem Wege der vollen Hoffnungslosigkeit ergibt, keine Lösung der Aufgabe bringen. Andererseits sehen wir als Begleiterscheinung ein so großes Sinken, eine so fürchterliche Untergrabung der Produktivkräfte und so drohende Gefahren, daß nur ein Mensch, der geradezu gar keine Berechnung selbst innerhalb der Grenzen der elementarsten Größen vorzunehmen vermag, mit gutem Gewissen für eine Lösung aller Probleme auf dem kapitalistischen Wege eintreten kann. Vor der Menschheit erhebt sich ganz klar, exakt und deutlich die Aufgabe: entweder Übergang zu den neuen Bahnen der gesellschaftlichen Entwicklung, selbst um den Preis der schwersten Unkosten, denn hier ist eine Perspektive vorhanden, hier eröffnet sich wirklich ein neuer Weg, um jene ungeheuren Gefahren zu vermeiden, die die Menschheit zum Untergang führen, - oder auf der alten Bahn bleiben, aber sich dann klar dessen bewußt sein, daß es keine Rettung für die Menschheit gibt, daß sie zugrunde gehen wird, wie eine ganze Reihe der ältesten Kulturen der Menschheit zugrunde gegangen ist. Und hieraus erklärt sich der Umstand, warum unter den Ideologen der Großbourgeoisie in Westeuropa, und in erster Linie in Deutschland - wo diese Tendenz des Kapitalismus zur eigenen inneren Aufzehrung und zum eigenen Untergang am schärfsten zutage getreten ist -, warum wir gerade hier bei den größten Ideologen der Bourgeoisie das Übergehen zu verschiedenen ideologischen Systemen sehen, die sich von der Erde abwenden und ihren Blick ganz auf den Himmel oder auf das Betrachten des eigenen Nabels richten. Wir beobachten diese große ideologische Strömung in den bürgerlichen Kreisen, die Abkehr von der Erde, die Vertiefung in psychologische Betrachtungen, das Suchen nach mystischen Offenbarungen aus dem Orient, von Seiten der Fakire, der Religion usw. usw. Das ist ein sehr wichtiges Symptom, das schon mehrfach in der Geschichte der Menschheit vorgekommen ist und das Vorgefühl vom Untergang der betreffenden Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Das ist der Grund, Genossen, weshalb die Erwiderungen unserer Gegner vollständig kläglich, ja, geradezu kleinlich und banal sind. Sie sehen nicht das Wichtigste, sehen nicht das außerordentlich große Dilemma, die so großen tragischen Widersprüche, vor denen jetzt die ganze Menschheit steht, sie sind außerstande, jene Fragen in ihrem ganzen riesigen Ausmaße zu erfassen, die sich vor dieser Menschheit erheben; sie ähneln kleinen Kläffern, die uns in die Wade beißen und außerstande sind, das Ungeheure zu verstehen, das in so tragischer Weise mit seinen Flügeln die ganze Welt streift. Und sogar wenn sie sich uns zu nähern und wegen irgendeiner Kleinigkeit zu beißen versuchen, zum Beispiel wegen unserer Neuen ökonomischen Politik usw., selbst dann stellen sie weniger eine richtige Analyse dessen auf, was in Wirklichkeit geschieht, als daß sie ihre eigenen inneren geheimen Wünsche an den Tag bringen. Ein deutsches Sprichwort sagt sehr richtig: „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens“. Was du wünschst, das legst du in etwas als Analyse, als objektive logische Analyse dessen, was geschieht, hinein. Hier geschieht das gleiche. Wenn unsere Gegner sagen, daß der Kommunismus in Rußland Bankerott gemacht habe, womit begründen sie das dann? Damit, daß wir kapitalistische Verhältnisse haben. Ganz richtig, sie bestehen. Aber zwischen den sozialistischen Elementen unserer Wirtschaft, zwischen unserem aktiven Willen, der in der Linie der Entwicklung der sozialistischen Elemente verläuft, und den kapitalistischen findet ein ständiger Kampf statt. Wer wird in diesem Kampfe siegen? Sie sagen und denken: wir wünschen, daß das Kapital siegt. Und sie formulieren dies: das Kapital hat gesiegt.

Wo aber ist das gesagt? Wer hat gesagt, daß dieser Kampf, sein historischer Ausgang, endgültig und vollständig zugunsten der Nepmänner entschieden sei? Wer hat gesagt, daß unsere sozialistische Wirtschaft sich ewig im Rückzuge befinden und niemals gegen diese Elemente vorgehen wird? Wo sind die Argumente, die hierfür sprechen? Aus der Entkräftung Europas, wo die Arbeitslöhne jetzt zu sinken beginnen, während sie bei uns zu steigen anfangen, aus dem Zusammenbruch der Intelligenz, der in Deutschland, in Österreich usw. stattfindet, folgt etwas anderes, folgt die viel größere Wahrscheinlichkeit einer ganz anderen Perspektive: daß nämlich Sowjetrußland, indem es sich aufrichtet, zum neuen Amerika nicht im bürgerlichen, sondern im proletarischen Sinne des Wortes werden wird. Jeder Kampf ist mit einem Risiko verknüpft, sei er nun ein militärischer, ein revolutionärer oder ein wirtschaftlicher. Wer aber bereits unter den Verhältnissen des Kampfes selbst sich zur Niederlage verurteilt, der will keinen Sieg. Wer jetzt sagt, daß bei uns alles verloren sei, und daß die Nepmänner uns verschlingen werden, der will den Sieg dieser Nepmänner. Das ist der Grund, weshalb selbst von diesem Gesichtspunkte die Entgegnungen, die hier angeführt werden, nur kindisch und lächerlich erscheinen, während sie vom Gesichtspunkt der allgemeinen Perspektiven und der großen Aufgaben der Gegenwart vollständig kläglich erscheinen. Aber es gibt Entgegnungen, mit denen man rechnen muß, obwohl sie aus dem tiefsten Unverständnis für den Charakter der Arbeiterrevolution überhaupt hervorgehen, Entgegnungen, die aus dem tiefsten Unverständnis für die spezifischen Eigenheiten in dem Verlaufe der Revolution hervorgehen, und die in einer ganzen Reihe von ergänzenden Argumenten gegen uns ihren Ausdruck finden, Argumenten, die alle, wie ich zu beweisen versuchen werde, auf vollständig falschen Grundlagen beruhen.

Ich will jetzt zur Analyse einer gegen uns gerichteten Behauptung übergehen, die uns dicht an das Thema des heutigen Referats hinführt - denn alles, was ich bis jetzt sagte, ist bis zu einem gewissen Grade eine Art Einleitung -, und die andererseits die Hauptirrtümer unserer politischen Gegner aufdecken wird, die auf die ungeheure Größe der Unkosten der Arbeiterrevolution hinweisen und mit diesen Unkosten die Unmöglichkeit der Revolution sozialistischen Charakters in einem solchen Lande wie Rußland zu beweisen suchen. Ich will hier nicht bei dem haltmachen, wovon in unserer Literatur schon sehr oft gesprochen und geschrieben worden ist, will hier nicht die ganz wichtige Argumentation entwickeln, die darin gipfelt, daß man Rußland nicht aus dem allgemeinen Konnex, aus dem allgemeinen Kreislauf der ganzen Weltwirtschaft und damit auch Westeuropas herausreißen könne, daß unsere Revolution nur ein Teil der europäischen Revolution sei; diese Seite der Frage, die schon genügend geklärt ist, will ich nicht berühren, sondern die Frage hier von einer ganz anderen Seite her beleuchten. Ich will hier die These aufstellen, daß der Gegner in seiner Argumentation gegen uns zur Analogie mit der bürgerlichen Revolution greift, einer Analogie, die er für richtig hält, die aber ihrem ganzen Wesen nach unter keinen Umständen als Beweis angenommen werden kann. Ich werde beweisen, daß die proletarische Revolution sich nicht nur durch ihren Klasseninhalt von der bürgerlichen Revolution unterscheidet, sondern daß ihr ganzer Verlauf so spezifische Züge hat und unvermeidlich in jedem beliebigen Lande haben wird, daß diese jegliche Analogie zwischen der bürgerlichen Revolution und der proletarischen zerstören.

Unser Gegner denkt so: man nehme den klassischen Typ der bürgerlichen Revolution, sagen wir, die Große Französische, und man wird sehen, wie die neue Klasse der Bourgeoisie das feudal-gutsherrliche Regime stürzte. In diesem Bürgerkriege hat es allerdings Unkosten gegeben, aber die Wunden dieser bürgerlichen Revolution waren verhältnismäßig klein und das Land begann bald, sich schnell zu erholen und neu aufzurichten. Die russische Revolution aber hat gezeigt, daß die Geburtsqualen, die Unkosten des Bürgerkrieges, die Unerfahrenheit und Ungeschicklichkeit der neuen Regierenden sich als so groß herausstellten, daß dieses Armutszeugnis, das die neuen Regierenden in Rußland sich selbst gaben, ein Beweis der Unreife des Landes ist. Ich stelle hier die These auf, daß jede proletarische Revolution in jedem beliebigen Lande, selbst in einem kapitalistisch bis zum äußersten entwickelten Lande, sich von jeder bürgerlichen Revolution in unermeßlichem Grade durch ihre Unkosten unterscheiden wird.

Und das kommt in erster Linie daher, daß jede neue sozialistische Gesellschaft im Innern der alten kapitalistischen Gesellschaft in einer ganz anderen Weise entsteht, als die kapitalistische Gesellschaft im Innern der feudal-leibeigenen Gesellschaft. Bekannt ist die These von Marx, die von unseren Gegnern mit besonderer Vorliebe zitiert wird, die These, die besagt, daß keine neue Gesellschaftsform an die Stelle einer alten Gesellschaftsform tritt, solange nicht im Schoße der alten Verhältnisse, im Innern der alten Gesellschaft, die Elemente dieser neuen Gesellschaft reif geworden sind. Und daher war, als die russischen Bolschewiki ihre angeblich proletarische Revolution machten, dies, so kann man sagen, nichts anderes als ein Versuch, einer schwangeren Frau eine noch ganz unreife Frucht abzutreiben, die natürlicherweise, da sie nicht im neunten, sondern im zweiten Monat zur Welt gebracht wurde, sich als eine zu nichts taugende Frühgeburt erwies. Diese Argumentation ist die Hauptargumentation unserer sozialdemokratischen Gegner. Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf diesen ersten Punkt, der mir als der wesentlichste erscheint. Lassen Sie uns betrachten, wie der Kapitalismus im Innern der alten feudal-leibeigenen Gesellschaft entsteht und wie der Sozialismus im Innern der kapitalistischen Gesellschaft entsteht. Wenn wir die Frage so stellen werden, so wird für uns ganz deutlich und exakt ein sehr tiefer Unterschied schon im Typus dieses Heranreifens sichtbar sein. Wie der Sozialismus im Innern des Kapitalismus heranreift, so reifte der Kapitalismus im Innern des feudal-leibeigenen Regimes heran, es handelt sich aber darum, wie sie heranreiften. Dieser Unterschied ist ein prinzipieller, ein außerordentlich tiefer. Unsere Gegner, die sich rühmen, Marxisten zu sein, merken dies nicht, sie stellen eine solche Frage nicht einmal. Wenn wir indessen diese Frage stellen werden, so werden wir den Unterschied sofort sehen, natürlich nur, wenn wir ihn sehen wollen.

Die kapitalistische Gesellschaft entsteht als Ganzes im Schoße der feudalen Gesellschaft, von der Wurzel bis zum Gipfel. Schon zur Zeit der Herrschaft des feudalen Regimes war die Bourgeoisie in ihren Fabriken die kommandierende Klasse, während die Arbeiterklasse in ihren Fabriken noch der Bourgeoisie unterstand. Die kapitalistische Gesellschaft, die man in Gestalt einer Leiter darstellen kann, auf deren Spitze der kommandierende Bourgeois und auf deren Mitte die Ingenieure, Meister und qualifizierten Arbeiter stehen, während unten die Arbeiterklasse in ihrem nichtqualifizierten Teil steht, - diese ganze sozialhierarchische Stufenleiter reifte mit ihrer kommandierenden Spitze im Innern des feudalen Regimes heran. Die Bourgeoisie kommandierte bereits in den Fabriken, in den Manufakturen die Arbeiterklasse unter der Hülle der politischen Herrschaft des feudalgutsherrlichen Regimes. Nun stellen Sie sich die Frage, ob eine solche Lage der Dinge selbst in einem Lande möglich ist, in dem der Kapitalismus den Grenzpunkt seiner Entwicklung erreicht hat und es kein Weiter mehr zu geben scheint, - stellen Sie sich die Frage, ob eine Lage der Dinge denkbar ist, wo im Innern einer kapitalistischen Gesellschaft, und wäre es die höchstentwickelte, eine bis an den Grenzausdruck ihrer Entwicklung gelangte, die sozialistischen Produktionsverhältnisse so als Ganzes wachsen würden, wie die kapitalistischen gewachsen sind. Und es wird Ihnen sofort klar werden, daß eine solche Annahme doppelt unsinnig und vollständig nichtig ist, weil unter den sozialistischen Produktionsverhältnissen die Arbeiterklasse selbst als Kommandeur an der Spitze stehen muß, entweder in Gestalt ihrer Vertreter oder in Gestalt ihres besten Teils, oder ihrer Spitze - der Partei, oder noch auf irgendeine andere Weise, was ja in diesem Falle belanglos ist; eher es ist ganz klar, daß das Hauptmerkmal der sozialistischen Gesellschaftsstruktur und der Struktur der Übergangsperiode jenes Merkmal ist, daß die Arbeiterklasse unter der Hülle der alten Gesellschaft die Produktionsverhältnisse kommandiert.

Kann es so etwas geben oder nicht? So etwas kann es natürlich selbst im entwickeltsten kapitalistischen Lande nicht geben, denn wie könnte man sich ein kapitalistisches Regime vorstellen, in dem die Arbeiterklasse in den Fabriken das Kommando hat? Wie könnte man sich selbst den reifsten kapitalistischen Organismus vorstellen, in dem als Produktionsleiter die Arbeiterklasse über einer anderen Klasse steht? Solche Annahmen sind absurd. Es wäre glatter Idiotismus, eine solche Möglichkeit auch nur für eine Sekunde anzunehmen.

Was folgt hieraus? Hieraus folgt, daß das Heranreifen, die Geburt, die Formierung der kapitalistischen Gesellschaft im Innern der feudalen, und das Heranreifen der sozialistischen im Innern der kapitalistischen Gesellschaft zwei ganz verschiedene Dinge sind. Während der Kapitalismus ganz im Innern der alten Gesellschaft heranwächst, kann der Sozialismus unter keinen Umständen mit seinen kommandierenden Spitzen ganz im Innern einer, wenn auch entwickelten, kapitalistischen Gesellschaft emporwachsen. Das ist ein wesentlicher und prinzipieller Unterschied, der von keinem einzigen unserer Gegner auch nur zur Diskussion gestellt worden ist. Hieraus resultieren aber eine ganze Reihe Folgen, von denen ich weiter unten sprechen werde.

Hieraus folgt vor allem folgender Unterschied. Wenn die Bourgeoisie sich gegen die Gutsbesitzerklasse erhebt, so ist sie nicht die ausgebeutete Klasse; wenn sie das feudale Regime stürzt, so geht sie als Klasse vor, die durch die politische Gutsbesitzermacht in die Enge getrieben ist. Die Bourgeoisie ist innerhalb der feudalen Gesellschaft nicht die exploitierte Klasse, während die Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft die exploitierte Klasse ist, - das braucht man weiter gar nicht zu beweisen, weil dies schon ohnehin jedem bekannt ist. Hieraus folgt auch noch ein Umstand, der sich bereits dem Wesen des Problems ganz dicht nähert. Aus diesem sehr tiefen Unterschied folgt folgender Umstand: die Bourgeoisie ist innerhalb der feudalen Gesellschaft keine kulturell unterdrückte Klasse. Im Gegenteil, die Bourgeoisie ist in der feudalen Gesellschaft, unter der Hülle der politischen Macht der Feudalen und Gutsbesitzer eine kulturell noch viel höher stehende Klasse, als jene, die von ihr gestürzt wird. Die Bourgeoisie, die in den Städten heranwächst, geht in ihrem Kampfe gegen die Gutsbesitzer, die auf dem Dorfleben basieren, bereits voll ausgerüstet mit dem exakten Wissen und der Wissenschaft vor, und es stehen ihr ihre kulturellen und qualifizierten Kräfte zur Verfügung. In den Städten sitzend, hat sie die mächtigen Mittel der wachsenden warenkapitalistischen Beziehungen, das Geld, in den Händen. Sie akkumuliert das Kapital bereits unter der Herrschaft der feudalen Gutsbesitzer und sammelt, zusammen mit diesem Kapital, alle kulturellen Säfte der gegebenen Gesellschaft. Ist denn etwa unter der feudalen Ordnung der feudale Gutsbesitzer der tatsächliche Herr der Schule oder der Monopolinhaber der Bildung? Nichts dergleichen. Schon unter der Hülle des feudalen Regimes befindet sich der Techniker, der Gelehrte, der Laboratoriumsforscher u. a. unter der Leitung und Kontrolle und in den Händen der neuen Klasse, der Bourgeoisie, die noch nicht zur politischen Macht gelangt ist, aber bereits zu einer erstklassigen Kulturmacht herangereift ist, die ihrem Kulturniveau nach höher steht als die Klasse, die sie zu stürzen gezwungen ist. Das folgt mit eiserner Notwendigkeit aus diesen zwei verschiedenen Typen des Reifens der Gesellschaft - der kapitalistischen im Rahmen der feudalen, und der sozialistischen im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft.

Gibt es etwas Ähnliches bei der Arbeiterklasse, die im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft heranreift?

Nein, und es kann es auch nicht geben. Es ist glatter Unsinn, anzunehmen, daß in irgendeiner kapitalistischen Gesellschaft, selbst in der herrlichsten und entwickeltsten, die Arbeiterklasse in ihrem Kulturniveau höher stehen könnte als die Bourgeoisie, die von ihr gestürzt wird. Das ist aus dem einfachen Grunde unmöglich, weil die Bourgeoisie die herrschende Klasse ist, die die Arbeiterklasse ökonomisch, politisch und folglich auch kulturell in Sklavenabhängigkeit hält. Ganz lächerlich und unsinnig ist die Behauptung, daß die Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft sich auf irgendeine Stufe erheben könnte, die höher wäre als das kulturelle Niveau der Bourgeoisie. Die Arbeiterklasse ist ja gerade deshalb die unterdrückte Klasse, ist gerade deshalb die konsequenteste revolutionäre Klasse, weil sie auf der ganzen Linie unterdrückt ist. Und wenn von einigen marxistischen und halbmarxistischen Forschern, wie etwa Bogdanow, die These aufgestellt wird, daß der Automatismus der kapitalistischen Entwicklung selbst dahin führe, daß die Arbeiter immer intelligenter und intelligenter usw. würden, und wenn dies als Beweis zur Widerlegung der These angeführt wird, die ich hier aufstelle, so ist das ein sehr großer Fehler, denn es werden hier ganz verschiedene Dinge verwechselt.

Steigt das Proletariat im Laufe der Entwicklung kulturell höher? Ganz richtig, es tut dies. Ist bei der Maschinenproduktion ein intelligenterer Arbeiter als bei der Manufaktur erforderlich? Ganz richtig. Aber im Laufe der Zeit, da der Arbeiter von der Handarbeit zur Maschinenarbeit überging und auf dieser Grundlage eine große Qualifikation, Fertigkeiten und Kenntnisse usw. erwarb, im Laufe dieser Zeit mußten die Schichten, die über ihm stehen, in erster Linie die technische Intelligenz, sich nicht mehr mit der Kenntnis der Elemente der Arithmetik begnügend, sich die Kenntnis der höheren Mathematik aneignen. Alles rückt auf eine höhere Stufe. Der Arbeiter wächst kulturell, die kommandierenden Schichten wachsen in noch stärkerem Grade und wahren auf diese Weise ihre Herrschaft und ihre gesellschaftlich notwendige Rolle im Prozeß der gesellschaftlichen Produktion. Das kulturelle Wachstum der Arbeiterklasse als Argument dafür aufzustellen, daß die Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu einer kulturell höherstehenden Macht heranreifen könne und auch heranreift, als jene Klasse ist, die von ihr gestürzt wird, - das wäre folglich kein Argument, und wenn man es als Argument betrachten wollte, so wäre es ganz falsch.

Aus dieser parallelen Betrachtung der verschiedenen Entstehungsarten verschiedener Gesellschaften und der Lage verschiedener Klassen folgt noch etwas Bemerkenswertes. Ich nehme folgendes: wenn die Bourgeoisie zum Sturm auf das feudale Regime übergeht, so bedarf sie einer viel geringeren Zahl von Überläufern aus der alten Klasse, die ihr Dienste leisten und ihr im Kampfe gegen die Gutsbesitzer helfen, weil sie selbst innerhalb der feudalen Gesellschaft diese kulturellen Kräfte aus sich selbst hervorbringt. Und die Arbeiterklasse? Die Arbeiterklasse hat in buchstäblich allen Ländern - das beweist die Betrachtung der Arbeiterbewegung in der ganzen Welt - überall und allenthalben als Führer, und das war ganz unvermeidlich, Leute gewählt, die aus anderen Klassen, in erster Linie aus der Intelligenz hervorgegangen sind.

Es gibt keine einzige Arbeiterpartei, keine einzige Gewerkschaftsorganisation, in der es ganz an einer Schicht fehlte, die auf Kommandoposten steht, einer Schicht, die nicht aus Leuten angeworben würde, die aus dem Lager der bürgerlichen Intelligenz hervorgegangen sind. In dieser Hinsicht besteht natürlich ein gewisser Unterschied zwischen den reformistischen Parteien und den revolutionären; aber selbst in den revolutionärsten Parteien, wie etwa in unserer kommunistischen Partei - das brauchen wir nicht zu verhehlen - gibt es eine bestimmte führende Oberschicht, die sich in bedeutendem Maße aus Leuten zusammengesetzt, die aus einer anderen Klasse hervorgegangen sind. Womit läßt sich das erklären? Das läßt sich aus einer sehr einfachen Sache erklären, von der ich bereits zu Ihnen sprach - aus der kulturellen Gedrücktheit der Arbeiterklasse, die außerstande war, eine genügende Anzahl von Führern aus sich hervorgehen zu lassen, wie es die Bourgeoisie tat. Wenn aber die Arbeiterklasse die Staatsmacht in die Hand nimmt, wenn sie vor die Notwendigkeit gestellt wird, die Gesellschaft zu regieren, so muß sie eine Menge aller möglichen Kräfte für die Verwaltung, Administration usw. aus sich hervorbringen. Und es ist hiernach ganz unvermeidlich, daß sie die Kräfte, die ihrer Klasse nicht angehören, wohl oder übel in viel stärkerem Maße und in größerer Zahl ausnützen muß, als dies die Bourgeoisie mit den aus der feudalen Gesellschaft hervorgegangenen Leuten tat. Sie sehen, wie hier eins logisch aus dem ändern folgt, wie hier eins logisch mit dem ändern verknüpft ist. Wir müssen hier vor allem ausführlicher bei dieser kulturellen Parallele haltmachen. Lassen wir die Frage des Ökonomischen Unterschieds des Heranreifens fallen, und konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf das Problem, das, wie Sie sehen, sich in einigen Minuten als das zentrale Problem der ganzen Revolution herausschälen wird. Stellen Sie sich vor, daß man diese Frage der kulturellen Parallele ausführlicher betrachten müsse. Ich behandle diese Frage in folgender Weise. Ich teile dieses Gebiet der Kultur in drei Unterfragen ein, aus deren Lösung sich die Lösung der ganzen Frage ergibt. Ich stelle folgende Fragen auf; die Frage der Prinzipien der Kultur, - erstens, was wird die Kultur Neues geben; zweitens, wie weit ist diese neue Kultur verbreitet, welchen Kreis von Personen umfaßt sie, - das ist, um es mit einem Fremdwort auszudrücken, die Frage der Extensität des Kulturfeldes; die dritte Frage ist die, wie tief diese Klassenkultur ausgearbeitet ist, oder die Frage der Intensität dieser Ausarbeitung, dieser neuen Prinzipien. Vom Gesichtspunkt dieser drei Unterfragen will ich nun die Betrachtung dessen auf die Tagesordnung setzen, wie es sieh hier mit der Bourgeoisie im Rahmen der feudalen Gesellschaft und mit der Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft verhalt.

Erstens und vor allem die Frage oder Unterfrage von den Prinzipien der Kultur. Ich bin nicht in der Lage, sie hier einer ausführlichen Betrachtung zu unterziehen, und gebe nur ein paar kurze Richtpunkte, damit verständlich sei, wovon die Rede ist. Wenn wir die alte feudale, gutsherrliche Kultur betrachten, so sehen wir, daß ihre Grundlage, wenn man sich so ausdrücken kann, ihre prinzipielle Grundlage, ihre Achse, aus zwei Momenten bestand. Erstens war es die tiefe Unbeweglichkeit der ganzen Kultur, die buchstäblich überall durchblickte - sie ging aus der Unbeweglichkeit der feudalen Gesellschaft selbst, aus ihrem tiefen Konservatismus hervor. Daher die volle Herrschaft der Traditionen im ganzen Kulturleben. Das sogenannte kritische Denken wurde unterdrückt und kam auch wenig auf. Die Hauptargumentation in jedem beliebigen ideologischen Streit bestand in der Berufung auf die Heilige Schrift, auf dieses oder jenes Dogma, auf bestimmte Traditionen der Väter. Diese Unbeweglichkeit herrschte Überall und allenthalben. Und das zweite Prinzip dieser feudalen Kultur war das Prinzip des Ranges, der Autorität. Das läßt sich leicht beweisen. Es war ein Spiegelbild jener Produktionsverhältnisse, die in der feudalen Gesellschaft herrschten. Es ist das Prinzip des Ranges, der Appellation an die oberste Autorität, das jedem kritischen Denken tief feindlich ist und auf dem Gebiet der Wissenschaft und jeder beliebigen Konstruktion auf die Appellation an die Tradition und auf die Anerkennung dieser Tradition als oberste Autorität hinauslief. Durch Kombination dieser zwei Prinzipien wurde die ganze Achse der Prinzipien der feudal-gutsherrlichen Kultur gebildet.

Was hat nun die Bourgeoisie hier Neues hineingetragen? Sie hat die alten feudalen Zusammenhänge zerrissen und auseinandergefegt. Das ist die sogenannte Emanzipation des Individuums. Die Freiheit, die die Bourgeoisie proklamierte, als sie zum Sturm gegen die kapitalistische Gesellschaft überging, die Freiheit, die in erster Linie eine Freiheit des Handels und der Exploitation war, sie war zugleich die Freiheit, die kirchlichen Satzungen, die Heilige Schrift und die Autorität der königlichen Macht zu kritisieren. Das war das aus dem Ei geschlüpfte bürgerliche Individuum, das die katholische Kirche zerschlug, von der es durch Besteuerung am freien Handel und an der freien Ausgestaltung seiner kapitalistischen Wirtschaft behindert wurde. Dieses bürgerliche Individuum, das von Kraft und Energie strotzte und in dessen Geldsack es beträchtlich klimperte, bahnte sich mit den Ellbogen nach rechts und links den Weg und zerstörte die feudale Gesellschaft, bis es sie vollständig vernichtete und die politische Macht in die Hand bekam. Was war die kulturelle Hauptsache dieser neuen Klasse? Ihren Prinzipien nach stand sie höher. Wenn wir nun ihre Kultur betrachten, so fragen wir uns, ob das Neue, das sie mitbrachte, höher war als das Alte oder nicht höher? Den Prinzipien nach war es zweifellos höher. Denn die Vorwärtsbewegung der Gesellschaft konnte nicht auf den Dogmen der christlichen oder einer anderen Kirche beruhen; es war auf dem Gebiet der Wissenschaft eine exakte Analyse der Natur notwendig, es war ein kritisches Denken notwendig, um den alten religiösen Glauben und seine Vorstellungen zu zertrümmern. Es war die Kritik und Erfahrung der Untersuchung unserer Wirklichkeit, in erster Linie der Untersuchung der Natur notwendig. Das war es, was die Gesellschaft als ganzes in ihrer Vorwärtsentwicklung brauchte. Folglich steht die Bourgeoisie vom Gesichtspunkt der neuen Kultur höher. Aber die Bourgeoisie stand auch vom Gesichtspunkt der Verbreitung dieser Kultur, vom Gesichtspunkt des Kreises von Personen, den sie umfaßte, über der feudalen Gesellschaft. Ich sagte Ihnen bereits, daß die qualifiziertesten Gesellschaftsarbeiter, wenn man sich so ausdrücken darf, die Bourgeoisie hatte. Alles, was in den Städten wuchs, der ganze Kreis der städtischen Beziehungen, das, was an dieser Oberfläche emporkam, vorwärtsging und andere nach sich führte -stand unter dem Einfluß der Borgeoisie. Vom Gesichtspunkt des Umfanges des Kreises von Personen, den die Bourgeoisie zu ihrer Verfügung stehen hatte, war sie ebenfalls der feudalen Ordnung überlegen. Und endlich war die Bourgeoisie auch überlegen vom Gesichtspunkt der Ausarbeitung der Prinzipien der neuen Kultur. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß die Bourgeoisie noch vor der Großen Französischen Revolution eine Enzyklopädie bürgerlicher Materialisten hatte, in der die ganze neue Kultur in verschiedenen Querschnitten von Vertretern der neuen Klasse zusammengefaßt, ausgearbeitet und exakt formuliert war. Das war ein ganzer kultureller, ungeheuer kultureller Kodex dieser neuen Klasse. Folglich stand diese Bourgeoisie auch hinsichtlich der Ausarbeitung der Prinzipien der neuen Kultur höher als jene Klasse, gegen die sie Sturm lief.

Betrachten Sie jetzt vollständig nüchtern von diesen drei Gesichtspunkten aus die Lage der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Trägt die Arbeiterklasse gegenwärtig irgend etwas Neues in dieses Gebiet hinein? Ich behaupte, ja, und vom Gesichtspunkt der Prinzipien steht die proletarische Klassenkultur höher als die bürgerliche. In dieser Frage, hinsichtlich der Prinzipien der neuen Kultur, betrachte ich folgende These als unwiderlegbar: was die Arbeiterklasse sogar innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft mit sich trägt, ist etwas Höheres als die alte bürgerliche Kultur. Warum? Was ist hieran Neues? Neu sind hieran in erster Linie folgende zwei Thesen, die miteinander verknüpft sind. Erstens hat die Arbeiterklasse, genau so, wie sie die Tendenz hat, die Anarchie der kapitalistischen Produktion zu überwinden, die Tendenz, auch die Anarchie der kulturell-intellektuellen Produktion zu überwinden, d. h. sie weiß sehr gut, daß alle sogenannten kulturellen Werte und die verschiedenen wissenschaftlichen Zweige im Interesse ihres maximalen Effekts so kombiniert werden müssen, daß sie ein System allgemeiner Weltanschauung ergeben; Verknüpftheit und Planmäßigkeit der einzelnen Kulturzweige an Stelle der Anarchie -das ist das erste Prinzip der proletarischen Kultur. Die Bourgeoisie ist in ihrer Spezialisation, die ihrerseits auf der anarchischen Warenproduktion beruht, außerstande, dies zu erkennen. Hieraus folgt als zweites, daß sie in Person ihrer Repräsentanten, der Gelehrten usw., den praktischen Sinn jeder beliebigen theoretischen Doktrin nicht versteht, während die Arbeiterklasse den praktischen Wert von allem - von der angewandten Mechanik beginnend bis zur abstrakten Erkenntnistheorie -vortrefflich versteht. Sie versteht, daß hier alles einen praktischen Wert hat und als Kampfwerkzeug entweder irgendwelchen Klassen oder der ganzen Gesellschaft gegen die äußere Natur dient, oder aber eine Waffe des Kampfes in den Händen der einen Klasse gegen die andere ist. Diesen praktischen Wert erkennt die Arbeiterklasse an. Warum ist das etwas Höheres? Aus dem einfachen Grunde, weil diese Erkenntnis ein neues Licht auf die Wissenschaft, die Kunst usw. wirft. Ich würde z. B. folgendes große Beispiel anführen: wenn wir an der Macht stehen, so müssen wir natürlich wissen, wieviel wir, sagen wir einmal für die Biologie, für die Textilindustrie oder für die Wurstproduktion werden ausgeben müssen. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß wir den praktischen Wert dieses oder jenes Gebietes, beginnend von der Wurstproduktion bis zur Produktion marxistischer Theorie, abwägen müssen. Es ist darum ganz natürlich, daß sich bei uns auch hier, auf diesem kulturell ideologischen Gebiet, eine ebensolche Planwirtschaft wie auf rein ökonomisch-wirtschaftlichem Gebiet ergeben wird.

Darum stehen unsere kulturellen Prinzipien höher. Wir werden nicht von Fetischen beherrscht. Zwingt uns etwa Gott, Befehl, Pflicht oder irgendein ähnlicher Unsinn, unsere Arbeit zu tun? Jedes marxistische Mitglied der proletarischen Partei ist sich dessen bewußt, was es tun muß und wofür und denkt darum niemals so, wie ein Vertreter der bürgerlichen Weltanschauung auf irgendeinem Gebiet, wie z. B. auf dem Gebiet der Ethik, die eine der intellektuellen Sphären ist, denkt. Die bürgerlichen schwankend gewordenen Speichellecker fragen sich beständig, so wie sich Ropschin fragte, ob man einen Menschen töten dürfe oder nicht, ob man einen Polizisten erschießen dürfe oder nicht. Wir aber sagen, daß alles bestimmten praktischen Erwägungen der Zweckmäßigkeit für den Verlauf der Revolution, für die Verwirklichung dieser oder jener Aufgaben unterliegt. Wir betrachten unsere moralischen Beziehungen, die Wissenschaft, als Instrumente unseres Kampfes gegen die Natur, des Kampfes gegen die schädlichen Elemente der Menschheit, um die Menschheit zu neuen, höheren Entwicklungsformen zu führen. Darin besteht unser Kampf. Nicht darin besteht das Erhebende unserer Ideologie und unserer neuen Kultur, deren Träger wir sind, daß wir eine Sanktion dessen, was wir tun, von Seiten höherer Kräfte zu finden versuchen. Es besteht in dem Bewußtsein des Wachstums unserer Kräfte, wenn wir, uns an die kulturellen Werte haltend, sie so wenden, wie ein guter Chauffeur, wenn er einen schwierigen Weg fährt. In diesem Bewußtsein unserer Kraft, in dem Bewußtsein, daß nicht der liebe Gott uns am Kragen hält oder der kategorische Imperativ Kants uns in den Schwanz gekniffen hat, sondern daß wir stehen und lenken und vorwärtsgehen, daß wir den kulturellen Werten die Richtung geben, über sie verfügen, so daß nicht sie uns, sondern wir sie mit uns reißen, - in diesem Gefühl des machtvollen Wachstums der Kollektivkraft und des Kollektivwillens besteht das „Erhebende“ unserer Kultur. Darin liegt das beschlossen, was man höher nennt im Vergleich zu dem, was die Menschheit je gekannt hat.

Nehmen wir die anderen mit der Kultur verknüpften Fragen. Wenn wir an andere Fragen herantreten, werden wir uns sofort unserer Schwäche bewußt. Die Frage der Prinzipien. Ihren Prinzipien nach steht die proletarische Kultur über der kapitalistischen. Und das Proletariat sucht tastend bereits im Inneren der kapitalistischen Gesellschaft nach dem Keim dieser Prinzipien.

Wie aber verhält es sich hinsichtlich der Verbreitung dieser Prinzipien und ihrer Herausarbeitung? Hier muß ich sagen, daß wir im Vergleich zur Bourgeoisie richtige Kinder sind. Das muß man zugeben und sich deutlich dessen bewußt werden. Nehmen wir die Frage der Extensität der Kultur im Sinne der Erfassung der Arbeiterklasse durch unsere Kultur im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft. Ich werde Ihnen nur ein Beispiel, nur einen Beweis anführen, damit Sie sofort sehen, daß unsere Lage eine klägliche ist. In dieser Hinsicht werden wir ganze Riesenarmeen der Arbeiterklasse finden, die sich unter dem Einfluß der bürgerlichen Vorurteile und der bürgerlichen Ideologie befinden. Das ist Tatsache. Das sind jene, die den Sozialdemokraten folgen, jene, die in der bürgerlichen Ideologie stecken geblieben sind. Wissen Sie denn nicht, daß ein bedeutender Teil unserer Arbeiterfrauen die Arbeiter immer noch zu den Popen schleppt? Man kann Beispiele dafür anführen, daß die Arbeiterklasse ganzer Länder sich im geistigen Banne ihrer Bourgeoisie befindet. Man finde andererseits eine einzige Bourgeoisiegruppe, die sich im geistigen Banne des Proletariats befindet! Es gibt keine regierende Bourgeoisie im geistigen Banne der Arbeiterklasse. Das zeigt den sehr tiefen Unterschied dieser Wechselbeziehung. Die vorgeschrittensten Schichten der Arbeiterklasse stellen neue Prinzipien auf, was aber ihre Verbreitung anbelangt, so ist die Arbeiterklasse in dieser Hinsicht noch ein kleiner Junge, der ohne Hosen herumläuft. Die Arbeiterklasse hat einen kleinen Vortrupp, der hinsichtlich dieser Prinzipien nachdenkt und Neues aufstellt, aber die Verbreitung dieser neuen Kulturprinzipien ist noch eine sehr unbedeutende.

Betrachten Sie jetzt die Sache vom Gesichtspunkt der Herausarbeitung der Formen dieser Prinzipien der neuen Kultur, ihrer Festigung. Wo hat die Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft sich im Sinne dieser Herausarbeitung betätigt? Nur an einer Stelle, nur auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften. Nur auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften hat sie in der Person von Marx und Engels und deren Schülern die Umrisse jenes Neuen gegeben, dessen Träger das Proletariat ist. Und auf den anderen Gebieten? Auf den anderen Gebieten gibt es nichts. Das Proletariat arbeitete seine Kulturprinzipien in jener Richtung aus, die aus seiner Lage folgte, d. h. aus seinem Kampfe gegen das Kapital, d. h. es stehen hier an erster Stelle die Sozialwissenschaften. Für diese hat es nur eben gerade an Kräften gereicht, und für das übrige? Für das übrige nicht mehr, da die Sklavenstellung der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ihre Kräfte tötete. Wie die Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft in der Produktion nicht das Kommando führen konnte, ebenso konnte sie im Rahmen dieser Gesellschaft nicht ihre eigenen Techniker, Ingenieure, Erfinder usw. heranbilden. Es hat einige Ausnahmefalle gegeben, aber diese paar Schwalben machen noch nicht den Frühling. Das war die Folge der außerordentlich erniedrigten Lage der Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft.

Wenn wir diese ganzen Darlegungen Zusammenfassen, so können wir folgende Bilanz ziehen: die Prinzipien der Arbeiterklasse sind höher als die Prinzipien der bürgerlichen Kultur, aber hinsichtlich ihrer Verbreitung steht es schwach, hinsichtlich der Ausarbeitung auch, während die Sache durch den Kampf lebendiger Menschen, nicht aber durch nackte Prinzipien ohne menschliche Hülle entschieden wird. Wenn wir uns fragen, welche Parallele zwischen dieser und jener, zwischen der Bourgeoisie im Rahmen der feudalen Gesellschaft und der Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft bestehe, so können wir, ohne uns zu irren, folgende Bilanz ziehen: die Bourgeoisie wächst innerhalb der feudalen Gesellschaft als eine viel höhere Kulturmacht heran, ah im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft die Arbeiterklasse, die kulturell viele, sehr viele Male schwächer ist als die Klasse, die von ihr gestürzt wird.

Hieraus folgen zwei Dinge, die für das Schicksal unserer Revolution grundlegend und entscheidend sind. Erstens ist es vollständig klar, daß, wenn diese Klasse an die Macht kommt und in die Mauer der bürgerlichen Herrschaft eine Bresche schlägt, sie infolge ihrer Kulturlosigkeit unvermeidlich eine Unmenge Fehler begehen und große Unerfahrenheit an den Tag legen wird, und daß dies auf allen Gebieten der Fall sein wird, da sie von den Erfahrenen sabotiert werden wird. Hieraus folgen die großen Unkosten der proletarischen Revolution, die die bürgerliche Revolution nicht gekannt hat. Mit anderen Worten, die Unkosten der Arbeiterrevolution, die ausschließlich der ungeschickten Wirtschaft in Rußland oder der Schuld der Bolschewiki zugeschrieben werden, was auch eine große Rolle in unserer Geschichte spielte, diese ungeheuren Unkosten sind unvermeidlich bei jeder Arbeiterrevolution und gehen hervor aus der Lage der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft.

Das wäre das erste. Zweitens aber folgt hieraus noch etwas anderes. Jeder Arbeiterrevolution, in jedem beliebigen Lande, treten unvermeidlich im Laufe ihrer Entwicklung die ungeheuren Gefahren der inneren Entartung der gegebenen Revolution, des gegebenen proletarischen Staates und der gegebenen Partei entgegen. Denn wenn die Arbeiterklasse kulturell rückständig ist und an die Macht gelangt, so muß sie unvermeidlich andere Kräfte benutzen, die in sozialer Hinsicht ihre Feinde sind, aber kulturell über ihr stehen. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit einer Restauration. Das ist die Smenowechowzen-Perspektive, von der ich bereits sprach. Diese gefährliche Perspektive wird sich vor jeder Arbeiterrevolution, auch vor der amerikanischen und deutschen erheben. Die Frage besteht darin, diese Gefahr vorauszusehen, zu erkennen und eine Lösung der Aufgabe, einen Ausweg aus ihr zu finden. Diese Lösung ist klar. Sie sehen, daß die Frage der Kultur nach der Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse in einer bestimmten revolutionären Phase zur zentralen Frage der ganzen Revolution wird. Ich sage dies, wie man sich auszudrücken pflegt, mit dem vollen Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit. Hiervon wird letzten Endes der Ausgang unserer Revolution abhängen.

Die oben dargelegten Erwägungen scheinen mir ei„ neues Licht auf die Bewertung der Rolle und Bedeutung der sogenannten Übergangsperiode, d. h. der Periode der proletarischen Diktatur zu werfen. Die alte These lautete, daß die Arbeiterklasse, als Ganzes innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft heranreifend, als eine Klasse heranreift, die fähig ist, gleich die ganze Gesellschaft zu regieren, und wenn dies in Wirklichkeit nicht geschieht, wird daraus der Schluß gezogen, daß das, was geschieht, gerade nicht das ist, was geschehen sollte. Als ich von dem Argument sprach, das die Sozialdemokraten gegen uns gebrauchen, da sahen wir, daß dieses Argument sich gerade auf eine solche These stützte: wenn die Arbeiterklasse Fehler begeht, so ergeben sich verschiedene derartige Dinge wie die Sabotage der Intelligenz, nachträgliche Unkosten der Revolution usw., und die alte Gesellschaft ist folglich noch nicht reif dafür, zu einer neuen Gesellschaft zu werden.

Aus meiner Analyse geht, glaube ich, einwandfrei hervor, daß solche Fehler und nachträglichen Unkosten der proletarischen Revolution nicht nur der russischen Revolution eigen sind. In Rußland sind sie in größerem Maße unvermeidlich. In Rußland haben wir die Rückständigkeit der russischen Ökonomik und die technische und kulturelle Rückständigkeit des russischen Proletariats selbst, trotz der hohen Qualifikation seiner revolutionären Energie. Aus meinem Referat geht hervor, daß diese hohen Unkosten und nachträglichen Unkosten der Arbeiterrevolution unvermeidlich jeder Arbeiterrevolution beschieden sein werden. Von hier aus aber, sage ich, wirft diese Analyse ein neues Licht auf die Bewertung der Übergangsperiode selbst als Ganzes. Man kann aus den vorhergehenden Erörterungen etwa folgende theoretische Bilanz ziehen. Man könnte sagen - ich spreche hier vollständig abstrakt, habe damit jegliche proletarische Revolution im Auge und betone nochmals, daß dies nicht nur für die russische Arbeiterrevolution gilt -, man könnte die These aufstellen, daß die Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft als eine Klasse heranreift, die imstande ist, die Maschinerie der bürgerlichen Herrschaft zu zerschmettern, die Bourgeoisie zu expropriieren, den Widerstand des inneren Feindes zu unterdrücken, d. h. den Widerstand der Überreste der Bourgeoisie und ihrer sich widersetzenden, zuweilen sich wütend widersetzenden Teile zu unterdrücken. Aber die Arbeiterklasse kann nicht im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft als eine Klasse heranreifen, die vollständig fähig wäre, die Funktionen der Organisation der neuen Gesellschaft auszuüben, sie vollständig und allein auszuüben. Und wenn wir nun von hier aus, von diesem Gesichtspunkt aus den Verlauf der proletarischen Revolution betrachten, so können wir sagen, daß die Aufgabe, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, die Funktion, die Rolle der Übergangsepoche gerade darin besteht, daß die Arbeiterklasse als eine Klasse heranreife, die alle diese kulturellen Kräfte in dieser Übergangsperiode produziert, daß sie zu der Klasse ausreife, die fähig ist, die Gesellschaft zu regieren, und sich dann, ihren Lauf hemmend, in der allgemein-kommunistischen Gesellschaft auflöse, nachdem die proletarische Diktatur unvermeidlich aufgehoben und der Rest der alten Klasseneinteilung verschwunden sein werden.

Wir wollen jetzt an diese Frage von der prosaischen Seite herantreten. Wir kamen bei der Betrachtung der Frage hinsichtlich der kulturellen Fähigkeiten des Proletariats zu dem Schluß, daß die neuen kulturellen Prinzipien allein nicht genügten, daß auch lebendige Träger für dieselben notwendig sind. Das ist das Problem: es sind lebendige Träger für diese kulturellen Prinzipien notwendig. Mit anderen Worten: es müssen bestimmte Kadres lebendiger Menschen vorhanden sein, in denen diese neuen Kulturprinzipien Fuß fassen, sich akkumulieren, sich ansammeln, Fleisch und Blut werden. Stellt ja doch jeder Mensch bis zu einem gewissen Grade eine lebendige Maschine dar. Wir können den bürgerlichen Professor als eine Art lebendige Maschine betrachten, deren Zweck darin besteht, nach allen Seiten hin die Energie der bürgerlichen Kultur auszustrahlen, sie anderen Schichten zu vermitteln und mit diesen Ausstrahlungen jene Leute zu treffen, die vom Gesichtspunkt der Bourgeoisie bearbeitet werden müssen; oder, ökonomisch ausgedrückt, ein so qualifizierter Mensch wie der bürgerliche Professor ist ein Produktionsmittel für die Produktion bürgerlicher Ideologie, sowohl im Sinne der Schaffung dieser Kulturwerte als auch im Sinne des Einhämmerns dieser bürgerlichen Begriffe, Ideologien usw. in die Köpfe. Ebendieselbe Frage erhebt sich unvermeidlich auch vor uns, es eröffnet sich hier vor uns ein weites Betätigungsfeld. Wenn wir ein siegreiches Ende der Arbeiterrevolution wollen - das aber, meine ich, wollen wir alle -, so müssen wir dieses Problem der Bearbeitung von Menschen deutlich vor Augen haben, von Menschen, die noch in bedeutendem Maße unter dem Einfluß der uns feindlichen Ideologie stehen, und das Problem ihrer Verwandlung in ebensolche lebendige Maschinen, die in allen ihren Handlungen - ob sie nun eine Fabrik leiten oder in einer Schule unterrichten oder eine Armee kommandieren oder noch in tausend anderen Fällen - sich von den neuen Prinzipien, von der neuen proletarischen Ideologie leiten lassen. Wenn wir eine genügende Anzahl solcher Leute haben werden, so wird es eine Lösung der Frage geben, wenn wir nur eine ungenügende Anzahl solcher Leute haben werden, so wird es eine andere Lösung der Frage geben. Das ist vollständig klar.

Wenn Sie von diesem Gesichtspunkt aus die Lage der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft betrachten, so werden Sie in anderer Formulierung das wiederholen, was ich im ersten Teil meines Referats sagte. Diese Sache ist im Rahmen und unter den Bedingungen des kapitalistischen Regimes unmöglich, weil die Grundlage und Basis des kapitalistischen Regimes einerseits das Monopol auf die Produktionsmittel, andererseits das Monopol auf die in den Händen der herrschenden Klasse konzentrierten Waffen und drittens das Bildungsmonopol ist. Wenn die Arbeiterklasse das Bildungsmonopol nicht durchbrechen wird, so sind ihr die Türen und Möglichkeiten verschlossen, zu einer Klasse heranzureifen, die mit eigener Kraft über das ganze Landesgebiet herrscht. Hieraus folgt, daß man gar nicht daran denken und davon träumen kann, solche qualifizierten Kulturkadres zu schaffen, die aus der Arbeiterklasse hervorgegangen sind und auf ihr basieren, ohne das bürgerliche Hochschulmonopol zu zertrümmern und zu vernichten. Das folgt hieraus, wiederhole ich, mit voller Klarheit und unterliegt keinem Zweifel. Hieraus müssen wir wiederum unvermeidlich den Schluß ziehen, daß dieses Heranreifen der Arbeiterklasse zu einer solchen Kulturmacht ohne proletarische Diktatur unmöglich ist, da die Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft außerstande ist, das Bildungsmonopol zu zerschlagen. Es wäre oberflächlich und vollständig unkritisch und unrichtig, anzunehmen, daß sich die Bourgeoisie nur auf nackte Gewalt stütze oder daß sie sich nur durch das Monopol der Produktionsmittel halte. Dem bürgerlichen Monopol auf die Produktionsmittel entspricht in der kapitalistischen Gesellschaft die Monopolstellung des Bürgertums in der Hochschule, in der Bildung, insofern, als sich in seinen Händen diese machtvolle Maschinerie der kulturell-ideologischen Beeinflussung befindet. Und es ist selbstverständlich, daß wenn die Arbeiterklasse sich die Aufgabe stellt, zu einer Klasse heranzureifen, die selbst solche Schichten aus sich hervorbringen soll, sie dieses Monopol sprengen muß, daß sie aber dieses Monopol nicht sprengen kann, ohne von der Staatsmaschinerie und der Staatsmacht Besitz zu ergreifen. Hierin besteht, wie mir scheint, einer der wichtigsten Züge der ganzen Epoche der Übergangsperiode - in der Schaffung qualifizierter Kadres, die aus der werktätigen Klasse selbst hervorgehen, wie man sich bei uns auszudrücken pflegt, oder die, genauer ausgedrückt, in erster Linie aus der Arbeiterklasse hervorgehen. Wenn diese Aufgabe nicht gelöst wird, so kann man alles andere streichen. Dann wird die Arbeiterklasse außerstande sein, jene historische Aufgabe zu lösen, die wir ihr zuschreiben, dann erweist sich alles nur als eine Phantasie von uns.

So sind also jene Konstruktionen, mit denen uns jetzt die Sozialdemokratie zu schrecken sucht, vollständig sinnlos und absolut konterrevolutionär. Das letzte Buch des Haupttheoretikers der deutschen Sozialdemokratie, Karl Kautskys, enthält eine bemerkenswerte Stelle. Er spricht einfach, klar und vollständig ungeniert und sagt sich in zynischer Weise von der Hauptthese von Marx los - von der These, die da lautet, daß zwischen der Periode des Sozialismus und der Periode des Kapitalismus die Übergangsperiode der proletarischen Diktatur liegt. Statt dessen spricht Kautsky die These aus, daß zwischen der Herrschaft des demokratischen Sozialismus und dem Kapitalismus unvermeidlich eine Epoche der Koalitionsregierung liege. Und diese Koalitionsregierung nun müsse das ersetzen, was wir die Übergangsperiode der proletarischen Diktatur nennen. Betrachten Sie bitte von dem Gesichtspunkt aus, den ich hier in meinem Referat verteidige, diese Modifikation, diese Veränderung der Marxschen These durch Karl Kautsky. Es ist ganz klar, daß, selbst wenn die Koalitionsregierung eine gewisse Übergangsstufe darstellte (was, wie wir wissen, durchaus nicht notwendig ist), eine solche (kautskyanische) Übergangsperiode die Aufgabe nicht im geringsten lösen würde. Sie würde die Aufgabe aus dem einfachen Grunde nicht lösen, weil der Eintritt von zwei bis drei sozialdemokratischen Eseln in die bürgerliche Regierung die neue Klasse nicht im geringsten vorwärtsbringen, ihr nicht die Möglichkeit verschaffen würde, ihre eigene Natur umzugestalten, wie sich Marx ausdrückte. Sie entsinnen sich, daß es eine Stelle bei Marx gibt, in der er sagt, daß die Arbeiterklasse, um zum endgültigen Sieg usw. zu gelangen, eine Epoche der Bürgerkriege von fünfzehn oder zwanzig Jahren durchmachen müsse, um ihre eigene Natur umzugestalten. Diese Übergangsperiode ist nun gerade die Periode, in der wir, in der die Arbeiterklasse auf die verschiedenste Weise ihre Natur umgestaltet, und sie in erster Linie in der Weise umgestaltet, daß sie aus dem Gesamtreservoir ihrer Kräfte bestimmte Kohorten von Menschen ausscheidet, die eine entsprechende kulturelle, ideologische, technische und andere Umgestaltung durchmachen und - was auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ein außerordentlich wichtiger Faktor ist - aus der Hochschule in einer anderen Seinsform hervorgehen. Und eben dadurch tragen sie zur Lösung jener großen Aufgabe bei, die sich unvermeidlich auf die Schultern der Arbeiterklasse legen wird.

Sie sehen also, daß der Sinn der Übergangsperiode von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet gerade darin besteht, daß die Arbeiterklasse, sich der Staatsmacht bemächtigend und zugleich Not und Entbehrungen leidend, durch die kulturelle Bearbeitung ihrer Mitglieder Kadres heranbilde, die es ihr gestatten würden, das ganze Land mit energischer Hand zu regieren, indem sie ihre Vertrauensleute als qualifizierte Kräfte auf die verschiedenen Posten stellt. Was sie innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht tun kann, das kann sie in der Epoche der Übergangsperiode tun. Das, was ihr in der kapitalistischen Gesellschaft vollständig verschlossen blieb, hat sie zum ersten Mal in der Epoche ihrer eigenen Diktatur zu tun die Möglichkeit erhalten. Wenn darum selbst die Unkosten des Bürgerkrieges unendlich groß waren, wenn die Mißerfolge auf wirtschaftlichem Gebiet in der ersten Zeit ebenfalls sehr groß waren, so mußten wir doch alle diese Perturbationen deshalb durchmachen, weil wir letzten Endes ein gewisses Fundament von neuen Menschen legen mußten, die die Entwicklung des historischen Prozesses in neue Geleise leiten werden. Von diesem Gesichtspunkt muß man jetzt auch an die sogenannte Übergangsperiode, d. h. an die Periode der Arbeiterdiktatur herantreten. Schon allein deshalb, weil die Arbeiterdiktatur das bürgerliche Bildungsmonopol zertrümmert, schon allein deshalb muß man sie schaffen, denn hier wird das grundlegende soziale Menschenkapital geschaffen für die Herausarbeitung der neuen Gesellschaft. Ich gehe jetzt zu der Analyse der Frage über, die ich soeben im ersten Teil meines Referats andeutete und die eine der wesentlichsten Fragen meines heutigen Referats ist. Das ist die Frage der Gefahren, die sich unvermeidlich vor jeder Arbeiterrevolution erheben. Wir sahen bereits, daß aus der Lage der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft unvermeidlich die Notwendigkeit folgt, daß sie ihrerseits die ihr feindliche oder neutrale Schicht ausnütze, wenn es ihr gelingt, sie zu neutralisieren. Das ist aber noch nicht die Lösung der Aufgabe, denn die Ausnützung eines sozial feindlichen oder neutralen Elements ist stets mit Gefahren verknüpft. Man könnte folgendes grobe Beispiel anführen. Angenommen, Sie haben eine bestimmte Schicht oder ein Individuum aus der Zahl der aus der alten bürgerlichen Intelligenz hervorgegangenen Leute, eine qualifizierte Kraft, die sogar bereit ist, mit der Macht der Arbeiterklasse zusammenzuarbeiten, ihre Diktatur akzeptiert und in aufrichtiger Weise bemüht ist, den Befehlen und Weisungen der führenden Arbeiterpartei Folge zu leisten. Es ist hier keineswegs von bewußtem Betrug oder von Sabotage die Rede - die können gebrochen werden -, sondern es handelt sich um etwas Größeres. Angenommen, Sie haben irgendeine wirtschaftliche Aufgabe zu lösen. Diese läßt sich auf verschiedenen Wegen lösen. Die kommunistische, vorn Gesichtspunkt der Überführung der Wirtschaft in eine organisierte Bahn, richtige Linie ist vollständig klar, auch das organisatorisch-technische Prinzip ist vollständig klar, aber es fehlt an der genügenden Zahl handfester Leute, die dieses Prinzip durchführen könnten. Es ist im Gegenteil eine genügende Zahl Menschen da, die bereit sind, alles Vorhandene gewissenhaft auszunützen, im tiefsten Innern ihrer Seele aber nicht an die Zukunft dieser neuen Ordnung glauben, und deren ganze vorhergehende Erfahrung und technische Fähigkeiten für eine entgegengesetzte Lösung dieser Aufgabe sprechen. Wie wird ein solcher Mensch handeln, wie werden solche Leute, selbst wenn sie zu den unseren zählen, sich unter solchen Umständen verhalten? Sie werden die Richtung des geringsten Widerstandes einschlagen („es wird schon vorläufig irgendwie gehen“), sie werden Entscheidungen treffen, wie es ihnen recht erscheinen wird. Und die Lösung wird um einen kleinen Millimeter schief ausfallen, aber bei genügender Ansammlung solcher unrichtigen, solcher winzig kleinen unrichtigen Lösungen, werden Sie bei ihrer Addition, bei ihrer Integralrechnung, ihrer Verallgemeinerung eine ziemlich bedeutende Abweichung erhalten.

Das ist die Gefahr der inneren Entartung. Diese Gefahr der inneren Entartung ist unvermeidlich mit jeder Arbeiterrevolution verknüpft. Und die Frage besteht hier darin, wie sie zu bekämpfen ist. Ich will hier ganz offen die Frage der zwei Unterarten dieser Gefahr stellen - der einen, der ursprünglichen, und der anderen, mehr allgemeinen Charakters. Was kann geschehen? Es kann der Fall eintreten, daß unter bestimmten Bedingungen ein Teil dieser neuen Schicht der bürgerlichen Intelligenz, die wir ausnützen, uns durch ihre kulturellen Kenntnisse besiegen wird. Genosse Lenin führte in einer seiner Reden ein historisches Beispiel an, das auch ich mehrfach in meine Rede anführte, das sehr elementar ist und über das Wesen der Sache sehr gut aufklärt. Dieses Beispiel ist der Geschichte entnommen. Es ist schon mehrfach vorgekommen, daß irgendwelche, wie man sich in den Lehrbüchern auszudrücken pflegt, „wilden“ Völkerstämme irgendein in kultureller Hinsicht verhältnismässig hochstehendes Volk überfielen und es unterwarfen. Sie richteten es mechanisch zugrunde, sie vernichteten es mechanisch, aber nach einer gewissen Zeitspanne stellte sich heraus, daß die Macht dieser Sieger, die die obersten Posten besetzt hatten, die ein kulturelleres Volk unterdrückt hatten, von unten her untergraben wurde. Es vergingen Jahrzehnte und Jahrhunderte, und es zeigte sich, daß die ehemaligen Sieger sich die Sprache, die Sitten und Gebräuche, den Glauben derer zueigen machten, die sie besiegt hatten. Auf welche Weise geschah das? Das geschah jedesmal in der Weise, daß die soziale Notwendigkeit das Funktionieren qualifizierterer Kulturkräfte erforderte, als die Eroberer aus ihren Reihen stellen konnten. Und da begann wohl oder übel, in kleinen unauffälligen Prozessen, in winzig kleinen Schritten, die kulturelle (besiegte) Schicht hindurchzusickern, und setzte sich in den Besitz alles dessen, was ihr zukam; in einem organischen Prozeß, ohne Katastrophe, unauffällig und langsam, saugte sie ihren eigenen Gegner auf, indem sie an seine Stelle trat und ihn faktisch in allen Richtungen ihrem Einfluß unterordnete. Das gleiche kann auch mit der Arbeiterklasse geschehen. Die Arbeiterklasse kann den Gegner mechanisch unterdrücken, die Arbeiterklasse kann die bürgerliche Clique in tausend Scherben zertrümmern, kann physisch von allem Besitz ergreifen, kann aber von unten her durch die kulturellen Kräfte ihres Gegners aufgezehrt werden, nicht in Schlachten, nicht in Gefechten, nicht am Periskop, sondern im Prozeß der langsam und allmählich vor sich gehenden sozialen Evolution. Und Sie sehen jetzt ganz deutlich, wie das geschehen kann, und warum sich diese Gefahr unvermeidlich vor jeder Arbeiterklasse erhebt, die sich der Staatsmacht bemächtigt hat. Wenn dieser Fall eintreten würde, so würden wir uns, aus der technischen Intelligenz, aus einem Teil der neuen Bourgeoisie, konkret gesprochen, der Werkmeister, Lieferanten, Pächter usw., plus sogar einem gewissen Teil unserer eigenen Arbeiterpartei, in eine neue Klasse verwandeln, indem wir uns in auffälliger Weise vollständig von der allgernein - proletarischen Basis loslösen und uns in ein neues soziales Gebilde verwandeln würden. Und es würde sich dieselbe Sachlage ergeben, wie in dem historischen Beispiel des Genossen Lenin. Das ist, ich wiederhole es, die größte Gefahr, die der Arbeiterrevolution droht. Der Hinweis auf diese Gefahr ist unter unseren russischen Verhältnissen ganz unumgänglich notwendig. Und als Genosse Lenin als Redner auftrat (soweit ich mich entsinne, war es im vorigen Jahr auf dem Metallarbeiterkongreß) und in seiner hervorragenden Rede vom kommunistischen Hochmut sprach, da gerieten viele Kommunisten in Erregung, nahmen es fast als Beleidigung auf - wie könne man so von Parteimitgliedern sprechen, von Parteimitgliedern, die ihr Blut vergossen haben. Hier hat Genosse Lenin den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn wir, wenn die russische Arbeiterklasse sich nicht dessen bewußt werden wird, daß sie im Vergleich zur Bourgeoisie ungebildet ist, so wird sie verspielt haben. Das ist es, worum es sich handelt. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachter, wird es unrichtig sein, sich über die proletarischen Tugenden zu verbreiten: heute, unter der gegenwärtigen Situation, ist es taktisch richtig, laut zu sagen, daß wir nichts wissen, um unsere Energie in dieser Richtung zu heben.

Ich versprach, etwas über die zweite Untergefahr zu sagen. Wir haben hier im Grunde genommen zwei Verzweigungen ein und derselben Gefahr vor uns. Die erste ist der Umstand, daß aus sozialen Schichten, die uns feindlich oder halbfeindlich gesinnt sind, eine neue Klasse entstehen kann, die auf dem Gipfel des Berges steht, für die sich die Arbeiterklasse in eine ausgebeutete Klasse verwandeln wird; es wird eine neue Bourgeoisie aus einem Teil der Nepmänner, um sich russisch auszudrücken, und aus einem Teil der Intelligenz, die wir ausnützen, entstehen. Und es ist noch etwas vielleicht Wesentlicheres vorhanden, wovon ebenfalls offen zu sprechen ich für meine Pflicht halte, ohne die Sache zu verschleiern. Ich werde hier folgende These aufstellen: sogar proletarische Herkunft und die denkbar schwieligsten Hände und dgl. bemerkenswerte Attribute proletarischer Würde sind keine Garantie gegen die Verwandlung in eine neue Klasse; denn wenn wir uns folgende Situation vorstellen, daß eine Loslösung eines bestimmten Teils aus der Arbeiterklasse hervorgegangener Leute von der Arbeitermasse stattfindet, der dann in einer Monopolstellung erstarrt, so kann er sich auch in eine eigenartige Kaste verwandeln, die sich wieder in eine neue Klasse verwandeln kann. Denn die Epoche der großen Revolution, der großen Perturbationen, ist eine Epoche, in der man nicht mehr mit den alten Klassen operieren kann, wie sie vor der Revolution waren. Irn Gegenteil, nach der Revolution, wenn das Alte zusammenbricht, die Klasse sich zerstäubt, sich deformiert usw., da kann aus ihr eine neue Klasse entstehen, kann aus der früheren Klasse eine ganz entgegengesetzte Klasse hervorgehen. Hierin besteht eines der Merkmale der Revolution, besonders einer so tiefen, bis ins Innere dringenden, die, man kann sagen, ihre Fühler bis in die tiefsten Abgründe der menschlichen Gesellschaft ausstreckt. Es erhebt sich folglich vor der Arbeiterpartei, vor unserer Partei in Rußland, die Frage, auf welche Weise man diese schädlichen Widerstände paralysieren kann. Sie sehen deutlich, daß die unmittelbare Gefahr die von den fremden Schichten drohende ist. Wie ist hiergegen anzukämpfen? Nach allen vorausgegangenen Thesen ist das vollständig klar. Diese Frage wird durch das quantitative Übergewicht der kulturellen Kräfte entschieden.

Wenn wir, wenn die russische Arbeiterklasse ausreichende Kadres heranbilden wird, und das wird sie tun, daran zweifle ich nicht im geringsten, die allmählich in immer stärkerem Maße die Kadres der alten Intelligenz und des alten Beamtenstandes ersetzen können, so wird sie die erste Gefahr zurückschlagen, d. h. wir werden eine ebensolche und noch größere Zahl von Kulturmaschinen auf eben diesem Felde jeglichen organisatorischen, administrativen, ideellen usw. molekularen Kampfes haben, und wenn sie qualitativ nicht schlechter als die alten sein werden, so ist uns auf diesem Schlachtfeld des Kampfes der volle Sieg gesichert. Das ist unsere erste, elementarste Aufgabe, die wir zu lösen haben. Und darum ist die Hochschule und die Lösung des Kulturproblems für uns gegenwärtig eine der brennendsten, eine der aktuellsten Fragen, die wir unter keinen Umständen als ein Ergänzungsspielzeug oder als einen Luxus betrachten dürfen. Nein, hiervon hängt der Ausgang der Revolution ab. Und die zweite Gefahr, Genossen, ist eine noch tiefere oder von noch allgemeinerer Art. Sie besteht, wie ich bereits sagte, darin, daß Sie, Ihr Auditorium, zusammen mit einem Teil von uns, die wir einer älteren Generation angehören, entarten können. Was kann hier letzten Endes eine Garantie geben, und welcher Art sind die Grundlagen unserer Politik in dieser Hinsicht? Es gibt ein einziges Mittel, das bei richtiger Durchführung unserer Politik und bei richtigen Prinzipien dieser Politik uns ebenso letzten Endes den Sieg garantiert. Wir werden auch hier siegen und diese tiefere Gefahr abwehren, wenn wir den ständigen Zustrom aus den Arbeitermassen und einen ständigen Zustrom von Ergänzungsschichten aus der Arbeiterklasse zu dieser neuen Arbeiterintelligenz sicherstellen.

Das heißt, es kann zwei Wege geben. Entweder werden die ursprünglichen Bataillone, die die Arbeiterklasse in die Hochschule geworfen hat, auf lange Zeit die letzten sein, und es werden dann erst ihre Söhne, Enkel, Urenkel und Ururenkel die Hochschule durchmachen - dann wird sich eine geschlossene Korporation ergeben, die zwar aus der Mitte der Arbeiterklasse hervorgegangen ist, die aber als Monopolisten der Bildung herrschen werden. Dann besteht die sehr große Gefahr, daß sie sich in diese entartete neue Klasse verwandeln wird. Wenn aber in zunehmendem Maße immer neue und neue Elemente der Arbeiterklasse der Bearbeitung durch dieses ungeheure Schullaboratorium unterzogen werden und eine ständig zunehmende Qualifikation erhalten werden, dann werden wir auch diese Gefahr besiegen und sie von uns abwenden.

Wenn man also unseren Arbeitsplan umfassend betrachtet, so ist die erste Aufgabe die Produktion neuer Kadres, der Kampf für den Kadresbestand. Wessen wird der Kadresbestand sein - unser oder des Gegners? Wenn der Kadresbestand letzten Endes in der erdrückenden Mehrheit der unsere sein wird, so ist die erste Aufgabe gelöst, und wir lösen sie in unseren Hochschulen. Unsere weitere Aufgabe ist die Sicherung dieser Kadres durch einen ständigen Zustrom neuer Kräfte, sie besteht darin, diese Kadres daran zu hindern, sich als Monopolkaste abzuschließen. Wenn wir diese Aufgabe lösen werden, so werden wir mit sicheren Schritten zum Kommunismus schreiten, dann sind die Gegensätze zwischen denen, die wissen, und denen, die nicht wissen, beseitigt. Das aber ist das Allerwichtigste, das Allerentscheidendste an der Sache. Und dann wird die Gegenüberstellung von Wissenden und Unwissenden, von geistig und körperlich Arbeitenden, von Arbeiterklasse und Intelligenz eine ganz andere sein und wird ihren früheren Sinn verlieren.

Sie sehen, daß man hier sehr vorsichtig an die Sache herantreten muß, daß man sich besonders vor solchen Gedanken oder Gesinnungen hüten muß, wie sie unter uns zuweilen bis zu einem gewissen Grade verbreitet sind. So z. B. das Verhalten eines Menschen, der die ganze Frage nicht genügend durchdacht hat und, wenn er einen Nepmann sieht, folgendes sagt: „Komm, ich will dir noch einmal die Zähne einschlagen!“ Wir hätten dies, wenn wir wollten, schon zwanzigtausendmal tun können, - es bedarf ja keiner großen Mühe, in irgendeiner Stadt einen riesenhaften Pogrom zu veranstalten. Aber man muß jetzt verstehen, daß die Lösung der Aufgabe und die Überwindung der Gefahr, die sich gegenwärtig vor uns erhebt, eine Lösung der Aufgabe nicht auf mechanischem Wege, auf dem Wege des nachträglichen Einschlagens der Zähne, sondern auf dem Wege der Bearbeitung unseres Menschenmaterials in der Eigenschaft unseres Kadresbestandes ist. Als bei uns in der Partei ein jetzt bereits veralteter Streit hinsichtlich der Arbeiteropposition usw. stattfand, da schlugen einige Genossen aus der Arbeiteropposition die Richtung des geringsten Wiederstandes ein. Ich sage, daß wir zwanzigtausendmal dies nachträgliche Zähneeinschlagen hätten vornehmen können, diesen mechanischen Druck hätten ausüben können, aber das ist keine Lösung der Frage. Die Lösung der Frage besteht darin, aus unserer Mitte solche Menschen auszusondern, die alles zu tun verstehen und vermögen, und zwar nicht schlechter, sondern besser als jene Leute, die uns in gewissen Hinsichten gefährlich erscheinen. Das ist der zentrale Punkt, die Taktik des heutigen Tages auf dem Gebiete unserer Kulturarbeit. Wir müssen die ganze Notwendigkeit rasender Energie begreifen, um die für uns notwendigen Kadres zu schaffen. Wir müssen verstehen, daß diese Aufgaben nicht auf dem Wege mechanischen Druckes und Zwanges gelöst werden können. Wir müssen verstehen, daß hier innere, tiefste Umarbeitung notwendig ist. Wenn wir dies begreifen werden, so werden wir unsere Aufgabe unbedingt lösen.

Gestatten Sie mir jetzt einige Worte über konkrete Dinge zu sagen. Das ist alles richtig, aber was brauchen wir für den heutigen Tag? Welchen psychologischen Typ brauchen wir? Wieviele und was für Leute, mit was für einer Beschaffenheit des Verstandes brauchen wir, um den Sieg davonzutragen? Wir brauchen einen Kadresbestand, der sich in bedeutendem Maße aus der Arbeiterklasse rekrutiert. Durch welche psychologischen Eigenschaften muß er sich auszeichnen? Ich habe diese These bereits in einem ungefähr ebensolchen Referat in Moskau formuliert. Wir brauchen jetzt einen solchen psychologischen Typ, der über die guten Eigenschaften der alten russischen Intelligenz im Sinne der marxistischen Vorbildung, der Weite des Horizonts, der theoretischen Analyse der Ereignisse, jedoch mit amerikanischem, praktischem Einschlag verfügt. Wir brauchen einen neuen psychologischen Typ. Unsere alte Intelligenz, sogar die aus der Arbeiterschaft hervorgegangenen Männer, zeichneten sich durch gute Eigenschaften im Sinne der theoretischen Analyse, der Fähigkeit zur Verallgemeinerung aus, doch waren sie in der erdrückenden Mehrheit hilflos, unerfahren, verloren die Hosen oder die Hosenträger, kurz, sie verstanden nichts vom praktischen Leben. Das muß jetzt vereinigt werden, d. h. zu allen guten Eigenschaften, von denen ich sprach, muß dieser praktische Einschlag hinzukommen. Das ist der psychologische Typ, den wir brauchen. Wir brauchen den Marxismus plus Amerikanismus.

Wir befanden uns gezwungenermaßen noch im Embryonalzustande, als wir eben erst zur Macht gelangt waren und diese ungeheure Maschinerie des russischen Staates zu verwalten begannen. Wir mußten unvermeidlich Universalisten sein, die buchstäblich alles tun mußten: „Wenn man es mir befiehlt - so würde ich selbst den Geburtshelfer machen“. Heute an die Front, morgen an eine andere Stelle usw. Man wurde mit Mühe und Not fertig, denn die revolutionäre Schule verlieh eine rasende Energie. Natürlich wurden Fehler begangen, Lücken wurden in Eile ausgefüllt, aber man wurde doch fertig. Unser ganzer Kadresbestand erinnerte an die umherziehende Bevölkerung der Epoche des Lehnssystems und der Volksversammlungen in Rußland. Wir müssen jetzt zur seßhaften Lebensweise übergehen. Und man muß jetzt begreifen, daß man mit dem Gerede, daß jeder alles tun könne, ein für allemal ein Ende machen muß. Wir brauchen unseren eigenen Fachmann, der vielleicht die anderen Zweige nicht kennt, aber die Sache, die er gelernt hat, kennt, und zwar ganz genau kennt, so wie die alten bürgerlichen Typen sie kannten, die auf diesem Gebiet arbeiteten, oder noch besser als sie. Das ist ganz unbedingt notwendig. Es ist notwendig, daß jeder unserer Fachleute zugleich Kommunist sei, oder mit dem Kommunismus sympathisiere, daß er das Allgemeine verstehe, daß er den Flügelschlag des Genius der Revolution begreife und in der Luft höre und sich nach jenen Geleisen zu orientieren vermöge, auf denen unsere Partei die russische Gesellschaft führt, daß er aber zugleich verantwortlich sei und seine eigene Sache kenne. Darum ist gegenwärtig Spezialisierung und die Einstellung jeden Geschwätzes über den allgemeinen Universalismus, beginnend bei den Frauenkrankheiten bis zur Philosophie des Marxismus, notwendig. Diesen Typ brauchen wir nicht, das ist ein schädlicher Typ, der zu bekämpfen ist. Ferner, Genossen, ist es andererseits vollständig klar, daß innerhalb jenes kulturell-wirtschaftlichen Planes, der uns vorschwebt, einige Kettenglieder dieses Planes größere Bedeutung bekommen, andere wieder geringere. Von der größten Bedeutung ist gegenwärtig die technische Hochschule. Sie steht an erster Stelle und sie wird die Sache entscheiden. Ich will übrigens nicht, daß der Fall eintrete, der nach meinem Referat in Moskau eingetreten ist, als ein ganzer Trupp Swerdlowstudenten den Beschluß faßte, die Kommunistische Universität zu verlassen und in die technische Hochschule einzutreten. Das war eine Übertreibung. Aber im großen und ganzen muß man begreifen, daß die Ingenieure und Techniker das Allerwichtigste sind. Hier müssen wir die Kommandohöhe besetzen. Und darum ist der sympathischste Typ jener Typ, der im vollen Bewußtsein aller marxistischen Tugenden und ihrer Notwendigkeit, im vollen Bewußtsein des Kommunismus, in eine technische Hochschule eintritt und weiß, daß gerade an dieser Front in erster Linie jene Kämpfe stattfinden werden, über die ich Ihnen berichtete.

Ich will schließlich noch bei einer Frage haltmachen, die von zweiter Wichtigkeit ist, bei der ich meinen persönlichen Standpunkt darlegen werde und nur persönliche Verantwortung trage. Während alles das, was ich darlegte, auf keinerlei Widerspruch von selten der Parteigenossen traf, ist dieser letzte Teil, von dem ich jetzt sprechen will, eine Sache, mit der die Mehrzahl der führenden Genossen nicht einverstanden ist. Das ist jener berühmte Streit, der im Zusammenhang mit dem Proletkult entstanden ist. Es handelt sich um die Frage der proletarischen Kultur. Hier liegen, allem Anschein nach, zwei Gesichtspunkte miteinander im Kampfe. Der eine behauptet, daß man gegenwärtig unter unseren russischen Verhältnissen den Leuten das Lesen und Schreiben beibringen müsse, daß dies gegenwärtig das wichtigste sei. Wasch dir die Hände vor dem Mittagessen, lerne lesen, - das ist das Wichtigste, was den Kampf entscheidet, alles andere und das Gerede von proletarischer Kultur und dgl. erfundenen Dingen sind nur unwichtige Dinge. Der zweite Gesichtspunkt geht vom Proletkult aus: er hat diese Frage des Lesens und Schreibens usw. nicht berührt und nicht entfaltet, sondern richtete die Hauptaufmerksamkeit darauf, Prinzipien der neuen proletarischen Kultur auszuarbeiten und zu verwirklichen.

Mir schwebt folgende Lösung dieser Frage vor. Wenn wir es auf die ganze Masse abgesehen haben, die uns zur Verfügung steht, auf die ganze Masse der werktätigen Bevölkerung Rußlands, wenn wir die Frage so stellen würden und in bezug auf diese ganze Masse fragen würden - die die Gesamtheit der Arbeiterklasse plus Millionen-Bauernschaft ist -, wenn wir in bezug auf diese Masse die Frage nach unserer nächsten Aufgabe stellen würden, so würde sich klar und deutlich als die Hauptaufgabe die Notwendigkeit erheben, sie lesen, schreiben usw. zu lehren. Wenn wir uns hinsichtlich unseres Budgets fragen, welche Mittel wir für unsere Aufklärungsfront zur Verfügung stellen können und wie wir dieses Budget verteilen sollen, wieviel wir für das eine, das andere, das dritte geben können, so ist es ganz natürlich, daß wir für den elementaren Lese- und Schreibunterricht einen kolossalen Prozentsatz dessen zur Verfügung stellen müssen, was wir überhaupt für die sogenannte Kulturfront zur Verfügung stellen. Das ist ganz richtig. Diese Behandlung der Frage kann auf keinerlei Widerspruch stoßen. Wenn es z. B. unter uns Genossen gibt, die dieser Frage nicht genug Aufmerksamkeit zuwenden, so begehen sie damit einen großen politischen Fehler, denn es ist ganz natürlich, daß wir eine Basis zur Vermeidung der Gefahr brauchen, von der ich sprach; wir müssen eine ungeheure Schicht von Arbeitern und Bauern auf ein neues Kulturniveau heben und eine Verbindung zwischen ihnen und den neuen Kadres herstellen, weil man nicht alle auf einen Schlag ins Himmelreich einführen kann, denn da würden wir unvermeidlich Fiasko machen: wenn bei uns die einen in der Luft schweben würden, weder lesen noch schreiben könnten, während die anderen eine solide Vorbildung hätten, so würde die Entartung unvermeidlich sein. Ja, auch die technisch-ökonomischen Aufgaben der Wiederherstellung unserer Wirtschaft werden wir außerstande sein, in unserem verlausten und analphabetischen Zustand zu lösen. Von allen Gesichtspunkten aus betrachtet, ist das die politische Hauptaufgabe, sofern wir die Frage unserer Kulturpolitik in bezug auf die Millionen von Werktätigen aufwerfen. Damit ist die Frage aber noch nicht erschöpft. Es ist nicht ein und dasselbe, ob ich in einer riesigen Bauernversammlung spreche oder ob ich, sagen wir, in das Institut der Roten Professur komme; ich kann dort nicht vier Stunden davon sprechen, daß man sich vor dem Essen die Hände waschen müsse; ich kann dann nicht einfach die Mütze aufsetzen und fortgehen, ich muß Antworten geben, die auf das Wesentliche gehen, muß sagen, wie jene Reihe von Fragen zu lösen ist, auf die sie stoßen, muß ihnen die Perspektiven der Klassenwissenschaften skizzieren usw. Hier kann man keine ausweichenden Antworten geben. Darum will ich sagen, daß wir auch für diese Fragen einen gewissen Betrag ausgeben müssen. Was für einen Teil soll er in dem Budget unserer Kräfte und Mittel ausmachen? Es sei mir hier gestattet, eine Parallele zu ziehen. Sie wissen, daß, als wir mit der Verwaltung unserer Wirtschaftsangelegenheiten anfingen, unsere Politik sich ruckweise entwikkelte: wir legten bald auf das eine, bald auf das andere Gewicht. Nehmen wir unseren Wirtschaftsplan. Er ist eine Kette, die sich aus verschiedenen Kettengliedern zusammensetzt. Wenn wir buchstäblich alle unsere Kräfte auf ein Kettenglied richten, so reißen die anderen. Folglich besteht das weise Wirtschaften, zu dem wir heute bereits gelangt sind, darin, daß wir bei der Verteilung unserer Kräfte und Mittel, wenn wir auf irgendeine Front, eines der Kettenglieder, besonderen Nachdruck legen, wenn wir den Wunsch haben, hierher mehr Kräfte zu werfen als anderswohin, daß wir dann auch die kleinen Kettenglieder nicht vergessen, denn von diesen kleinen hängt oftmals vieles Große ab. Das Fehlen einer Schraubenmutter kann oftmals die ganze Maschine verderben, obwohl eine Schraubenmutter, quantitativ betrachtet, ein unwichtiger Teil des ganzen Mechanismus der Maschine ist. Und hier verhält es sich ebenso. Wir müssen jetzt neue Menschen schaffen. Leider ist nun einmal die menschliche Gesellschaft so eingerichtet, daß man nicht alle auf einmal in Professoren und Ingenieure verwandeln kann. Man muß einen möglichen Weg gehen: zuerst Kadres heranbilden, dann die übrigen in sie hereinziehen usw. Zuerst die Spitze unserer Partei, Abschleifung derselben, dann wieder andere, darauf die übrigen, und so wird allmählich die ganze Masse durchgearbeitet. Darüber kann man sich nicht hinwegsetzen, man kann nicht alle auf einen Schlag zu roten Professoren machen, kann nicht jeden beliebigen Iwanow in einen roten Ingenieur verwandeln. Das kann man nicht machen, das wäre eine utopische Aufgabe. Man muß einen Offiziersbestand schaffen und ihn den Generälen der marxistischen Ideologie und der kommunistischen Praxis unterstellen, darauf einen Unteroffiziersbestand, einen Zwischenbestand usw., bis die ganze Masse durchgearbeitet sein wird. Wenn wir jetzt allen das Lesen und Schreiben beibringen und keine eigenen Professoren auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften ausbilden, um schon ganz von den Naturwissenschaften zu schweigen, so werden statt unserer, andere, uns fremde Leute unterrichten. Und wen werden sie unterrichten? Die Zwischenglieder, eben diese selbe unbearbeitete Masse. Wir werden hiermit die Sache verpfuschen, werden vom anderen Ende her Fiasko erleiden. Die Kulturarbeit muß mit aufgerollter Front begonnen werden. Die Hauptaufmerksamkeit muß der Liquidation des Analphabetismus zugewandt werden, aber die qualifizierten Kadres dürfen nicht vergessen werden, ihrer Ausbildung muß Aufmerksamkeit zugewandt werden, sie müssen zu noch höher qualifizierten gemache werden, damit sie ihre Kenntnisse durch diese Kette den übrigen Schichten vermitteln, damit die ganze Maschine arbeite. So muß die Frage angefaßt werden. Die richtige Lösung besteht darin, daß wir, in dem Maße wie wir von der Politik unter den Millionenmassen sprechen, auf die Liquidation des Analphabetismus Nachdruck legen müssen. Das bedeutet aber nicht, daß wir in den anderen, engeren Zellen, in denen unsere Kadreskräfte und qualifizierten Kräfte herangebildet werden, nicht auch andere Fragen aufstellen sollen. Wir müssen diese Fragen lösen und dieses Gebiet nicht vergessen.

Ich nähere mich dem Ende meines Referats. Ich will zum Schluß noch ein paar Worte sagen, um in gewissen Beziehungen eine Bilanz zu ziehen. Diese paar Worte bestehen in folgendem. Als wir unsere Revolution begannen, Genossen, wußten wir vieles nicht. Wir begannen unsere Revolution, ohne uns eine Vorstellung von jenen ungeheuren Schwierigkeiten zu machen, die die Revolution zur Folge haben würde. Das muß ganz klar, genau und deutlich ausgesprochen werden. Wenn aber jetzt eine ganze Heerschar unserer Gegner an uns herantritt und sagt: ihr habt euch geirrt, es ist anders gekommen, als ihr gemeint hattet, es hat viele Unkosten, viel Blut, viel Mißerfolge usw. gegeben, und deshalb habt ihr bankrott gemacht, - so werden wir ihnen sagen: seid ihr nur ganz still, bei euch geht es noch viel schlimmer. Wir haben noch eine Perspektive, bei uns sieht man noch einen Ausweg, wir haben noch den Willen und den Wunsch, wir sehen einen Weg vor uns, bei euch aber gibt es rein gar nichts, ihr heult und jammert und bohrt in eurem eigenen Nabel, wendet euch an den lieben Gott, ihr seid zu gänzlich unbrauchbaren, kläglichen, altersschwachen, rotzigen alten Männern geworden. Wir müssen sagen: wir haben uns nun abgequält, wir sehen, wie schwer sich das alles machen läßt, wir sehen besser als ihr, was sich vor uns auf unserem Wege für Gefahren erheben. Teufel noch einmal, wir haben die alten Götter zerschlagen, haben die Tore des Wissens geöffnet, machen neue Leute, und zwar in einer anderen Weise, als man das früher machte. Das darf man nicht vergessen.

Man sagt uns, daß die russische Revolution nichts gebracht habe, daß bei uns große Armut herrsche. Ganz richtig. Aber wir fühlen jetzt, wie die Säfte der Erde in unsere Adern eindringen und in unseren Kopf emporsteigen, der in anderer Weise zu arbeiten beginnt. Wir wissen das und wir fühlen das. Wir wissen, daß wir uns gegenwärtig noch nicht genügend emporgerichtet haben, aber wir wissen auch, daß wir unser russisches Volk, dieses breitsteißige Bauernweib, das früher nichts von dem wußte, was außerhalb seiner Dorfgemarkung vorging, so aufgerüttelt, so umgewandelt haben, daß es jetzt nicht nur weiß, wer Rosa Luxemburg und Mac Laine ist, sondern auch Dinge weiß, von denen kein einziger französischer Kleinbürger etwas weiß. Nehmen Sie die russische Bauernschaft, die nichts wußte, was über ihren Bauernhof hinausging; sie hat sich jetzt so umgewandelt, daß sie nicht nur über ihren Hof, über ihr Dorf, oder ihr Kirchdorf, und sogar nicht nur über Moskau, sondern auch über London und Paris nachdenkt. Nehmen Sie die Besetzung des Ruhrbeckens; wir haben im Laufe der letzten Zeit im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale eine Unmenge von Briefen aus den Dörfern erhalten, die darauf hindeuten, daß das Volk auf Ereignisse reagiert, die weiß der Teufel wie weit von hier vor sich gehen. Das bedeutet, daß eine kolossale Wandlung in den Köpfen vor sich gegangen ist, die nur ein absolut einfältiger Mensch, eine geistige Rotznase in ihrem Werte unterschätzen kann. Wir wissen sehr gut, daß wir gegenwärtig immerhin leidliche Kadres heranbilden, die vielleicht Fehler begehen, aber immerhin vorwärtskommen. Vor kurzem war der deutsche Botschafter auf dem Sowjetkongreß in Moskau zugegen. Er sagte, daß dort ein saubereres Publikum säße als in den deutschen Reichsräten! Und wir sehen selbst, auf denselben Kongressen, wie bei uns neue Kadres von Arbeitern heranwachsen, die die Fragen in sehr gründlicher Weise in Angriff nehmen. Wir haben eine ganze Reihe von Genossen, bei denen ich auf dem Gebiet, das ich am besten kenne, in der theoretischen Ökonomik, selbst lernen kann, während sie doch aus der Arbeiterschaft hervorgegangen sind. Das gleiche Wachstum findet überall, in allen Sphären der Theorie und Praxis statt.

Wir sehen, daß unsere Masse sich bereits umgewandelt hat, daß sie trotz der Armut vorwärts schreitet, sich für alles interessiert und zu lernen beginnt, nachdem ihr von der Staatsmacht der Zutritt zu der Hochschule ermöglicht worden ist. Wenn diese Kadres ihre Verantwortlichkeit begreifen werden - und ich hoffe, daß sie sie begreifen werden -, so werden wir sagen: mit diesem neuen Volk, das aus der Revolution hervorgegangen ist, mit dieser neuen Jugend, die aus der Revolution hervorgeht und die Ablösung des alten Volkes ist, werden wir siegen, alle Hindernisse überwinden und allen Flaumachern sagen: Was wart ihr für klägliche Leutchen, als ihr uns belästigtet und uns am Arbeiten hindertet. Wir aber haben die Fahne in die Hand genommen und unsere Sache zu Ende geführt!

 


Zuletzt aktualisiert am 20.4.2008