Maxim Gorkij

Frühlingsmelodieen

Eine Phantasie

(Oktober 1901)


Quelle: Sozialistische Monatshefte, Jg. 1901 Nr.10, Oktober 1901, S.814-818.
Transkription/HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Im Garten vor dem Fenster meines Zimmers hüpfen Sperlinge auf den kahlen Zweigen der Akazie umher. Sie unterhalten sich lebhaft, während auf dem Giebel des benachbarten Hauses eine ehrbare Krähe sitzt und, dem Gespräch der Grauröcke zuhörend, ernsthaft mit dem Kopfe nickt. Die weiche Luft, durchzittert vom Sonnenlicht, trägt mir jeden Laut ins Zimmer. Ich höre die hastig murmelnde Stimme des Baches, höre das Rauschen der Zweige; ich verstehe, was die Tauben auf dem Gesims meines Fensters girren, und mit dem Frühlingsweben überfluten meine Seele Frühlingsmelodieen. ―

„Piep“, sagt ein alter Sperling, sich an die Genossen wendend, „da hätten wir also den Frühling, was?“

„Kräh“, äussert sich die Krähe, ihren Hals gemessen vorstreckend.

Ich kenne diesen würdigen Vogel lange: Er drückt sich immer so kurz aus und nie anders als in bejahendem Sinne. Von Natur beschränkt, ist er auch noch ängstlich wie alle Krähen. Aber er nimmt in der Gesellschaft eine angesehene Stellung ein und übt jeden Winter die conventionelle Wohlthätigkeit an bedürftigen Dohlen und alten Tauben. Ich kenne auch den Sperling genau: Äusserlich leichtsinnig und sogar liberal angehaucht, ist er ein pfiffiger Politicus. Er hüpft zur Krähe, weltmännisch höflich, wenngleich er in der Tiefe seines Herzens ihren Wert kennt und niemals abgeneigt ist, von ihr zwei, drei picante Histörchen zu erzählen. Auf dem Fenstersims bedrängt indes ein junger, eleganter Täuberich feurig ein sittsames Täubchen: „Wenn Sie meine Liebe nicht teilen, so werde ich sterben, zu Grunde gehen an dieser Enttäuschung!“ ―

„Wissen Gnädigste schon? Die Zeisige sind angekommen“, teilt der Sperling mit

„Kräh —!“

Sie sind angekommen und lärmen, flattern herum, zwitschern ... Furchtbar unruhige Vögel das. Die Meisen erschienen nach ihnen ... wie immer, chä, chä, chä! Gestern, wissen Sie, frage ich einen von ihnen: „Was, Bürschchen, Du bist auch schon ausgeflogen?“ Er gab mir eine unverschämte Antwort ... Unter diesen Vögeln besteht eben absolut keine Achtung vor Rang, Stand, gesellschaftlicher Stellung. „Ich bin ein ‚Hof‘sperling ...“ In diesem Augenblick kam plötzlich aus einem Winkel des Schornsteins ein junger Rabe auf das Dach, halblaut rapportierend: „Schon lange aufmerksam die Gespräche aller Luft, Wasser, Erde und Erdinneres bewohnenden Tiere verfolgend und unablässig ihre Führung beobachtend, habe ich zu melden, dass amtlich bereits vorgemerkte Zeisige über alles laut zwitschern und auf eine demnächstige Neugestaltung der Natur zu hoffen wagen.“

„Piep“, rief der Sperling aus, sich unruhig umblickend, während die Krähe beifällig mit dem Kopfe nickte.

„Der Frühling ist ja schon immer gekommen, er kommt doch nicht zum erstenmal“, sagte der Sperling; „aber in Bezug auf die Umgestaltung der Natur ist es doch ..., versteht sich, ... angenehm ..., wenn sie nicht ohne Einwilligung jener Mächte geschieht, welchen es eigentlich zukommt, diese Umgestaltung herbeizuführen.“

„Kräh —“, sagte die Krähe, den Sprechenden mit zustimmendem Blick anschauend.

„Obiger Meldung wäre hinzuzufügen“, fuhr jetzt der Rabe fort, „dass besagte Zeisige laut ihre Unzufriedenheit darüber äussern, dass die Bäche, aus welchen sie ihren Durst stillen, augenblicklich trübe sind; einige erdreisten sich sogar, von Freiheit zu phantasieren ...“

„O, so sind sie immer gewesen“, rief der alte Sperling aus, »das macht ihre Jugend, das ist ganz ungefährlich. Ich war auch einmal jung und habe auch von der ... hm, von ihr geschwärmt, – versteht sich, mit Massen geschwärmt. Aber das ist vorübergegangen. Es erschien eine andere, mehr reale ‚Sie‘, chä, chä, chä, und, wissen Sie, einem Sperlinge notwendigere ... chä, chä!“

„Äh – hem“, ertönte ein achtunggebietendes Räuspern. Auf den Zweigen einer Linde erschien ein civil-obrigkeitlicher Dompfaff, begrüsste die Vögel herablassend und griff sogleich in das Gespräch ein.

„Äh – hem, finden Sie nicht, meine Herren, angenehme Luft hier, wie?“

„Frühlingsluft, Herr Geheimrat“, sagte der Sperling. Die Krähe wandte den Kopf zur Seite und krächzte mit sanfter Stimme gleich dem Blöken eines Schafes.

„N–ja, ... gestern da beim Scat, wissen Sie, sagte mir eine hochstehende Persönlichkeit unseres Kreises, Herr Uhu, geheimer Commerzienrat: Riecht doch hin, meinte er, nach irgend etwas ..., worauf ich erwiderte:

Sollte man vielleicht eine Untersuchung mittels einer wohlorganisierten Nase in nähere Erwägung ziehen? – Sehr gut, – äh?“

„Ganz gewiss, Herr Geheimrat.“

„Ausserordentlich gut“, pflichtete der alte Sperling mit Ergebenheit bei. „Immer sollte man, Herr Geheimrat, sich prüfend, abwartend verhalten; vernünftige Leute werden immer warten.“

Da stieg eine Lerche vom Himmel herab, lief auf einer schneefreien Stelle des Gartens unruhig umher und trillerte:

„Der Morgenröte leuchtend Lächeln
Verlöscht am Himmelsdom die Sterne;
Die Nacht erschauert – sie erbleicht.
Und wie das Eis der Sonne weicht,
So schwinden hin die dichten Schleier
Nächtlicher Finsternis.
Wie leicht und friedlich ruht ein Herz voll Hoffnung,
Träumt von des Lichts Begegnung mit der Freiheit ...“

„Was ist denn das für ein Vogel?“ fragt der Dompfaff, die Augen zusammenkneifend.

„Eine Lerche, Herr Geheimrat“, sagte der Rabe streng um die Ecke des Schornsteins herum.

„Ein Poet, Herr Geheimrat“, fügte der Sperling wegwerfend hinzu.

Der Dompfaff blickte etwas schief auf den Poeten und knurrte: „Was für ein schäbiger ... Halunke! Sagte wohl da etwas von Licht und Freiheit, schien mir?“

„Sehr wohl“, bestätigte der Rabe, „er bemüht sich, bodenlose Hoffnungen in den Herzen der jungen Vögelchen zu erregen.“

„Tadelnswert und ... unsinnig!“

„Durchaus wahr, Herr Geheimrat“, liess sich der alte Sperling wieder hören, „äusserst unsinnig. Freiheit, Herr Geheimrat, etwas so Unbestimmtes und sozusagen ganz Unbegreifliches ...“

„Aber, wenn ich nicht irre, Sie sangen ihr dach wohl selbst soeben ein Loblied?“

„Kräh!“ krächzte plötzlich die Krähe.

Der Sperling geriet in Verlegenheit.

„In der That, Herr Geheimrat, einmal habe ich sie gepriesen, aber unter gewissermassen ... meine Schuld mildernden Umständen ...“

„Ah ..., das heisst? wie?“

„Nach dem Mittagessen, Herr Geheimrat, unter dem Einfluss ..., das heisst in etwas animierter Stimmung ... Und ich lobte mit Einschränkung, Herr Geheimrat.“

„Was heisst das?“

„Ich habe nur sehr leise gesagt: Es lebe die Freiheit! und gleich ganz laut hinzugefügt: – soweit es das Gesetz erlaubt.“

Der Dompfaff blickte den Raben fragend an.

„Genau so, Herr Geheimrat“, antwortete dieser.

„Ich, Herr Geheimrat, bin ein ‚Hof‘sperling und habe mir keinerlei ernstliche Stellungnahme zu dieser Frage zu erlauben, einfach, weil diese

Frage nicht vorgesehen ist unter der Zahl der in dem Ressort zu bearbeitenden, in welchem ich die Ehre habe, dem Staate zu dienen ...“

„Kräh“, krächzte die Krähe wieder. Sie bejaht eben immer, was – ist ihr nebensächlich. ―

An der Strasse aber sangen die Bäche ein leises Lied von dem Strom, in den sie am Ende ihres Laufes hineinfliessen, von ihrer Zukunft:

„Schnelle, breite Wellen nehmen weich uns auf, fassen sanft uns an, tragen uns so weit, – weit bis in das Meer.

„Heisse Sonnenstrahlen heben uns zum Himmel, und vom Himmel wieder kommen wir zur Erde, bringen Tau der Nacht, Schneeflöckchen dem Winter und dem Sommer kühlen Regen.“

Die prachtvolle liebe Frühlingssonne aber lächelt vom klaren Himmel wie das Lächeln eines Gottes voller Liebe, voll glühender Sehnsucht zu schaffen.

Auf den Zweigen einer alten Linde in der Ecke des Gartens sitzt eine Schar Zeisige, und einer von ihnen singt den Genossen begeistert ein irgendwo gehörtes Lied, – das Lied vom Sturmvogel

„Über der grauen Fläche des Meeres jagt der Wind die Wolken zusammen. Unter den Wolken ein Sturmvogel – schiesst kühn dahin wie ein greller Blitz.

„Streift mit dem Flügel eilig die Wellen, fliegt wie ein Pfeil zu den Wolken empor. Hell schreit er auf, – und die Wolken hören ein Jauchzen in dem wilden Schrei.

„In diesem Schrei – all sein Sehnen nach Sturm! Wie Zonesgewalt und Leidenschaftsflammen, wie Siegesgewissheit tönt’s aus dem Schrei,

„Die Möwen – sie fürchten sich vor dem Sturm, ächzen und werfen sich hin und her; möchten sich wohl in ihrer Angst am tiefsten Grunde des Meeres verbergen.

„Es stöhnen die Taucher; sie kennen ja nicht die wilde Wcnne des Lebenskampfes. Des Donners Rollen erschreckt sie schon.

„Den dicken Leib ängstlich versteckt der dumme Pinguin in den Felsenklippen ... Nur der stolze Sturmvogel schwebt kühn und frei überm gischtgrauen Meer!

„Dunkler und dunkler werden die Wolken und neigen sich tiefer zum Meer, und die Wogen singen wild und tanzen dem Donner entgegen.

„Der Donner kracht, es heult das Meer. Wolken heben mit fester Umarmung ganze Haufen von Wellen empor und schleudern sie wieder in rasender Bosheit hinab auf die Felsen, smaragdgrüne Massen zu Staub zerschlagend.

„Schreiend jagt der Sturmvogel wie ein grausiger Blitz, leicht wie ein Pfeil durchs Gewölk, trägt auf des Fittichs Spitze Wellenschaum mit sich fort.

„Er jagt dahin wie ein Dämon – ein stolzer, schwarzer Dämon des Sturmes; er lacht und klagt laut ... lacht des Sturmes und schluchzt vor Freude! ―

„Denn im Zorn des Donners fühlt er schon seine Ermüdung, lacht, denn er weiss, nicht immer werden – können ja Wolken die Sonne verbergen!

„Der Wind heult und der Donner kracht ...

„Wie in blauen Flammen lodern die Wolken hell auf über dem Abgrund des Meeres. Das Wasser hascht nach den Pfeilen der Blitze, verlöscht sie in seinen endlosen Tiefen. Wie feurige Schlangen winden sich ihre Reflexe, bis sie im Dunkel verschwinden.

„Hei! Sturm! Bald wird er lostoben!

„Dort über dem zornig brüllenden Meer zwischen den Blitzen der kühne Vogel schiesst stolz dahin – und schreit – ein Siegesprophet:

„Wartet nur, bald – schnell bricht er los!“


Zuletzt aktualisiert am 6.1.2009