Karl Kautsky

Der politische Massenstreik


3. Engels und Liebknecht über den Generalstreik


Schon in der alten Internationale tauchte die Idee des Generalstreiks auf. Jedoch in den ersten Jahren ihres Bestehens spielten Wahlkämpfe noch keine Rolle im Leben der Völker. Um so mehr aber Kriege der Nationen. Als Mittel zur Verhinderung des Krieges erscheint der Generalstreik in einer Resolution der Internationale, es war ein Beschluß des Brüsseler Kongresses (1868), den die Franzosen und Belgier beherrschten. Von 97 Delegierten waren dort 66 Belgier, 18 Franzosen, daneben nur 4 aus Deutschland, 8 aus der Schweiz und 11 aus England. Schon drohte damals der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, und so wurde auf die Tagesordnung des Kongresses die Frage gesetzt, wie sich die Arbeiter im Falle eines europäischen Krieges verhalten sollten. Der Kongreß sprach sich nicht nur gegen den Krieg aus, sondern verpflichtete auch die Arbeiter, alles aufzubieten, ihn zu verhindern, und erklärte:

„Daß es dazu ein wirksames, gesetzmäßiges und sofort durchführbares Mittel gibt;

daß die Gesellschaft nicht bestehen kann, wenn die Produktion eine Zeitlang stillsteht;

daß es also genügte, die Arbeit einzustellen, um einen Krieg unmöglich zu machen,

daher empfiehlt der Kongreß den ... Arbeitern die Einstellung der Arbeit für den Fall, daß in ihrem Lande ein Krieg zum Ausbruch kommen sollte.“

In dieser Resolution wird also der Generalstreik aufs stärkste, aber auch naivste als unfehlbares und einfaches Zwangsmittel proklamiert. Die Zwangsgewalt soll darin liegen, daß die Gesellschaft ohne die Arbeit der Arbeiter nicht leben kann; die guten Leute vergaßen, daß die Arbeiter auch in der Gesellschaft leben und daß sie jene Klasse bilden, die der Arbeit zu ihrer Existenz am unmittelbarsten bedarf.

Daß die Resolution völlig wirkungslos blieb, daß beim wirklichen Ausbruch des Krieges niemand an die Einstellung der Arbeit auch nur dachte, ist bekannt. Sie rief aber nicht einmal Diskussionen auf dem Kongreß, wenigstens nicht in seinen öffentlichen Sitzungen oder unmittelbar danach hervor. So wenig beschäftigte damals noch jene Idee die Arbeiter.

Später, unter den Bakunisten, wurde es anders, und nun hielt es Engels gelegentlich für notwendig, Kritik an der Idee des Generalstreiks zu üben.

So schrieb er für den Volksstaat eine Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873. Damals hatte der spanische König Amadeo abgedankt, die Republik war proklamiert worden.

Die Regierung schrieb die Wahlen zu einer konstituierenden Nationalversammlung (Cortes) aus. Die Internationale mußte Stellung nehmen. Doch die Bakunisten hatten zu entschieden jede Beteiligung an den Wahlen als „todeswürdiges Verbrechen“ gebrandmarkt, als daß sie in den Wahlkampf hätten eintreten können. Andererseits wagten sie in der damaligen Situation doch nicht, ihren Anhängern jede Wahlbeteiligung zu verbieten. Sie wählten den schlauen Ausweg, keine Parteikandidaten aufzustellen, aber den Arbeitern freizustellen, ob sie für andere Kandidaten stimmen wollten oder nicht. So wurden fast ausschließlich Bourgeoisrepublikaner gewählt.

Nachdem Engels das unsinnige Verfahren dargestellt und gegeißelt, fährt er fort:

„Die Allianzisten (Bakunisten) konnten unmöglich in der lächerlichen Lage verharren, in die sie sich durch ihre schlaue Wahltaktik versetzt hatten; sonst war es zu Ende mit ihrer bisherigen Herrschaft über die spanische Internationale. Sie mußten wenigstens zum Schein handeln. Was sie retten sollte, war – der allgemeine Streik.

Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, der zur Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines schönen Morgens legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch in wenigstens vier Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze zu kriechen oder auf die Arbeiter loszuschlagen, so daß diese dann das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze alte Gesellschaft über den Haufen zu werfen. Der Vorschlag ist weit davon entfernt, neu zu sein; französische und nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848 das Paradepferd stark geritten, das aber ursprünglich englischer Rasse ist. Während der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen Entwickelung des Chartismus war schon 1839 der „heilige Monat“ gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf nationalem Maßstab (siehe Engels, Lage der arbeitenden Klasse, 2. Auflage S. 234) und hatte solchen Anklang gefunden, daß die Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen suchten.

Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom 1. September 1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle, mir wurde allseitig zugegeben, daß dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt eben der Haken. Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie durch politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisationen noch die Kassen der Arbeiter so weit kommen lassen, und andererseits werden die politischen Ereignisse und die Uebergriffe der herrschenden Klassen die Befreinng der Arbeiter zuwege bringen, lange bevor das Proletariat dazu kommt, sich diese ideale Organisation und diesen kolossalen Reservefonds anzuschaffen. Hätte es sie aber, so brauchte es nicht den allgemeinen Streik, um zum Ziele zu gelangen ... Die Wunderwirkung des allgemeinen Streiks wurde überall gepredigt, man bereitete sich darauf vor, in Barcelona und Alcoy damit den Anfang zu machen.“

In Alcoy kam’s zum Streik, der bald zu einem „Straßenkampf“ mit 32 Gendarmen wurde, in dem die Streikenden siegten. Als einige Tage darauf die Regierung Truppen einmarschieren ließ, war alles vorbei. Und zu, weiteren Streiks kam es nicht. Wohl erhoben sich in vielen Orten die Arbeiter, aber zu bewaffnetem Aufstand und unter Führung bürgerlicher Partikularisten, die gegen die zentrale Regierung rebellierten. In Barcelona hatte die Predigt des Generalstreiks nicht den Erfolg, daß ein solcher wirklich ausbrach, sondern nur, daß inmitten der allgemeinen Aufstandsepidemie die Stadt, in der die Bakunisten am mächtigsten waren, ruhig blieb.

„Jede Stadt handelte auf eigene Faust, nicht das Zusammenwirken mit den andereu Städten, sondern die Trennung von ihnen wurde für die Hauptsache erklärt,“ getreu den Vorschriften Bakunins, der jede Zentralisation für verderblich hielt, es jeder Stadt, jedem Dorf, jeder Gemeinde überließ, den Krieg auf eigene Faulst zu führen. „Die vereinzelten, planlosen und blödsinnigen Aufstände“ wurden schließlich von der zentralen Regierung leicht mit einer Handvoll Truppen einer nach dem anderen unterworfen. (Internationales aus dem Volksstaat, S. 16–33)

Eine schärfere Kritik jenes Generalstreiks war nicht denkbar.

Das spanische Fiasko trug vielleicht die Hauptschuld daran, daß die Idee des Generalstreiks für einige Zeit aus dem Arsenal der Anarchisten verschwand. Bald nach jenen Vorkommnissen entwickelten die abnormen Verhältnisse Rußlands die Taktik des Terrorismus durch Attentate auf einzelne Personen, die Träger des staatlichen Verfolgungsapparates. Das russische Vorbild hat seit Bakunin bis heute eine große Wirkung auf die Anarchisten Westeuropas ausgeübt. Sie übersahen die Verschiedenheiten der politischen und sozialen Bedingungen hier und dort und nahmen unbesehen die russischen Methoden an. Der Anarchismus setzte vorübergehend an Stelle des Generalstreiks die „Propaganda der Tat“.

Erst als diese auch in Rußland versagte und die spanischen Erfahrungen vergessen waren, andererseits in Frankreich die Gewerkschaftsbewegung größe Bedeutung erhielt, kam in dieser die anarchistische Idee des Generalstreiks in den Vordergrund. Aber sie setzte sich jetzt nicht mehr die Bedingung einer „vollständigen Organisation der Arbeiterklasse“. Das hätte doch den Generalstreik zu weit hinausgeschoben. Die französischen Gewerkschaften blieben lange schwach und ihre finanzielle Kraft gering. Eine große Organisation brachte aber auch die Gefahr des Zentralismus mit sich, den jeder gute Anarchist noch mehr haßt als den Kapitalismus. Und überdies hatte die Erfahrung gelehrt, daß gerade starke Gewerkschaften mit vollen Kassen Streikabenteuern sehr ablehnend gegenüberstanden, indes unorganisierte Massen leichter dafür zu haben waren. Wohl mußten diese geschult werden, aber nicht durch große Organisationen. Vielmehr die Praxis der Streiks selbst, die sich immer erneuern, sollte die Massen immer mehr erbittern, aber auch immer vertrauter mit der Streiktaktik machen. Der wiederholte Streik, das war die revolutiouäre Gymnastik.

An Stelle der Forderung der vollständigen Organisation des Proletariats setzten die französischen Gewerkschaften, soweit sie von Anarchisten oder ehemaligen Anarchisten geleitet wurden, die Erwartung, daß die Arbeiter stets bereit seien, loszuschlagen und zu streiken, wenn nur ein paar entschlossene Kerle tapfer in kühner Initiative vorangingen und die anderen mit sich fortrissen. Große Gewerkschaften mit gefüllten Kassen verwandelten sich aus einer Vorbedingung des Generalstreiks in ein Hemmnis, das zu verhindern war oder wenigstens mit Mißtrauen und Abneigung betrachtet wurde. Freilich, ohne Organisation konnten auch die Anarchisten nicht auskommen. Aber es sollten kleine Vereine einer verwegenen Elite sein, die bereit war, selbst mit dem Teufel anzubinden. Das war die Uebersetzung des Blanquismus aus dem Politischen ins Oekonomische. So hat sich die anarchistische Idee des Generalstreiks, die von vornherein ein Hindernis jeder politischen Arbeit war, auch zu einem Hindernis jeder fruchtbaren gewerkschaftlichen Arbeit gestaltet, zu einer Ursache der Zersplitterung und Schwächung der Gewerkschaften dort, wo sie die Arbeiter beherrscht.

Als die neue Internationale ihren ersten Kongreß hielt, in Paris 1889, meldete sich auch wieder die Idee des Generalstreiks zum Wort, vertreten durch den Franzosen Tressaud. Er forderte, die Maifeier, die auf diesem Kongresse festgesetzt wurde, solle durch einen Generalstreik unterstützt werden. Als Anfang der sozialen Revolution solle der Kongreß den Generalstreik beschließen.

Liebknecht entgegnete kurz mit denselben Argumenten, die Engels schon vorgebracht hatte, der Generalstreik setze eine so starke und einheitliche Organisation der Arbeiter voraus, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft nicht erreichbar sei. Hätten die Arbeiter aber einmal trotz alledem eine so starke Organisation, „dann sind sie die Herren der Welt. Und die Arbeit dann einzustellen, wäre erst recht eine grenzenlose Torheit“.

Der Antrag wurde mit großer Mehrheit verworfen.

Nicht besser ging es der Resolution, die Nieuwenhuis auf dem Brüsseler Kongreß 1891 einbrachte, in der gefordert wurde, zu erklären, „daß die Sozialisten aller Länder eine etwaige Kriegserklärung mit einem Aufruf des Volks zu allgemeiner Arbeitseinstellung beantworten werden“. In demselben Brüssel, wo auf dem internationalen Kongreß von 1868 der gleiche Antrag einstimmig angenommen ward, fand er jetzt eine große Mehrheit gegen sich.

In dem gleichen Brüssel vollzogen sich jedoch inzwischen Ereignisse, die einer neuen Auffassung des Generalstreiks den Weg bahnten.


Zuletzt aktualisiert am: 10.9.2011