Karl Kautsky

Wie der Weltkrieg entstand


2. Deutschlands Isolierung


Nun wird eingeworfen, die letzten Tage vor Kriegsausbruch seien für die Schuldfrage allein nicht entscheidend. Man müsse weiter zurückgehen, um zu sehen, wie die Gegensätze sich bildeten, dann werde man bei allen Großstaaten Imperialismus, Ausdehnungsstreben, finden, nicht bloß bei Deutschland allein.

Sehr richtig, aber dieses Ausdehnungsstreben erklärt noch nicht den Weltkrieg, dessen Eigenart darin besteht, daß sich alle Großmächte und mehrere kleine an ihm beteiligten und alle Welt sich gegen Deutschland verbündete. Zu zeigen, wieso es dazu kam, das ist das Problem, das zu lösen ist. Das Wörtchen Imperialismus bringt uns dabei nicht weiter.

Das Aufkommen des Imperialismus am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnet sich dadurch aus, daß die verschiedensten Großstaaten miteinander in Konflikt gerieten, Frankreich zuerst mit Italien und dann mit England, Amerika mit Spanien und auch mit England, England überdies mit den Buren, mit denen alle Welt sympathisierte, schließlich Rußland mit Japan, hinter dem England stand.

Am freiesten von internationalen Konflikten, die zeitweise zu Kriegen wurden, hielt sich in jenem Zeitalter Deutschland.

Es hatte allerdings 1871 den großen Fehler begangen, Elsässer und Lothringer wider ihren Willen von Frankreich gewaltsam loszureißen und dieses dadurch in die Arme Rußlands zu treiben. Das französische Bedürfnis nach Revanche, nach Wiedervereinigung mit den losgerissenen geknechteten Brüdern begann mit der Zeit gelindere Formen anzunehmen, um so mehr, als die Aussichten der Franzosen in einem Krieg mit Deutschland sich zusehends verschlechterten, da Frankreichs Bevölkerungszahl kaum wuchs, indes das deutsche Volk sich rapid vermehrte und schon dadurch immer mehr das Übergewicht über Frankreich erhielt. Im Jahre 1866 zählte das Gebiet des späteren Deutschen Reiches 40 Millionen, das Frankreichs 38 Millionen Einwohner. Wäre diesem 1870, wie es erhofft, Preußen allein gegenübergestanden, dann hätte sein Gegner bloß über 24 Millionen verfügt. Im Jahre 1910 dagegen zählt Frankreich bloß 39, Deutschland über 65 Millionen Einwohner.

Daher die Furcht Frankreichs vor einem Kriege mit dem übermächtigen Deutschland, eine Furcht, die heute noch in den Bedingungen des Versailler Friedens nachwirkt. Daher auch sein Bedürfnis nach der Allianz mit Rußland.

Durch die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich fühlt sich Rußland nach 1871 als Schiedsrichter zwischen beiden und somit als Herr des ganzen kontinentalen Europas. Im Vertrauen darauf wagt Rußland 1877 den Krieg gegen die Türkei, bei dem es schließlich eine Hemmimg in der Ausnutzung seines Sieges nur findet in England imd Österreich. Auf dem Berliner Kongreß 1878 muß sich Bismarck zwischen beiden Mächten vmd Rußland entscheiden. Er macht sich vom Zaren selbständig und unterstützt Österreich und England.

Von da ab rückt Rußland von Deutschland ab und knüpft immer enger werdende Beziehungen zu Frankreich an, so daß Bismarck trotz seiner starken russischen Sympathien immer mehr auf Österreich angewiesen wird, dem er Italien als Bvmdesgenossen hinzugesellt hat (1882), als die Franzosen Tunis besetzten und damit die nach diesem Lande schielenden Imperialisten Italiens aufs tiefste verletzten.

England bleibt außerhalb beider Kombinationen in „glänzender Isolierung“, aber eher auf Seite des Dreibundes, als des französisch-russischen Einvernehmens. Denn mit Frankreich gerät es in Differenzen wegen afrikanischer Aspirationen (Marokko und namentlich Ägypten mit dem Sudan). Rußland gegenüber fand sein alter Gegensatz in bezug auf die Türkei und namentlich auf Indien immer wieder neue Nahrung. Dagegen stand England in freundschaftlichem Verhältnis zu Österreich und Italien und in keinem ausgesprochenem Gegensatz zu Deutschland, dessen Lenker Bismarck bei den Konflikten Englands mit Frankreich einerseits, mit Rußland anderseits die Gegensätze zwischen ihnen schürte, imt dabei die Rolle des Schiedsrichters und lachenden Dritten zu spielen. Diese Politik war moralisch nicht sehr hochstehend, aber für das ökonomische Gedeihen Deutschlands ganz ersprießlich. Gerade in der Zeit des aufkommenden Imperialismus blieb Deutschland also von jedem Kriege verschont und konnte es seine Industrie, seinen Handel und auch seinen Kolonialbesitz erweitern dadurch, daß es die imperialistischen Konflikte der andern ausbeutete, ohne sich an ihnen zu beteiligen.

Man sieht, auch im Zeitalter des Imperialismus vermochte ein Großstaat eoch eine andere Politik zu machen, als eine Kriegspolitik. Allerdings gehörten dazu Staatsmänner mit etwas Grütze im Kopf und mit genügender Selbständigkeit gegenüber den Interessenten an einer imperialistischen Gewaltpolitik, die in Deutschland ebenso wenig fehlten, als anderswo, ja die gerade durch das Gedeihen der Friedenspolitik besonders erstarkten. Der fabelhafte ökonomische Aufschwung Deutschlands am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts gab die Mittel zu starken militärischen Rüstungen, er schuf eine Klasse gewalttätiger Industriemagnaten, namentlich der Schwerindustrie, zu denen sich als alte Gewaltpolitiker die Junker gesellten und der größte Teil der Intellektuelledi die von Berufswegen den Atiftrag hatten, den Kriegsruhm der Hohenzollem zu verkünden, deutschen Größenwahn der gesamten Jugend einzuimpfen.

Bismarcks Nachfolger Caprivi verfolgte noch die alte Politik, die den Frieden inmitten aller imperialistischen Konflikte der Umwelt erhalten hatte. Aber als Fürst Bülow 1897 zuerst Minister des Äußern (später 1900 Reichskanzler) und mit ihm Tirpitz Leiter des Reichsmarineeimts wurde, bedeutete das eine völlige Neuorientierung der äußeren Politik, den Übergang zu einer Weltpolitik, die, wenn sie einen Sinn hatte, nur den haben konnte: Aufrichtung der Beherrschung der Welt durch Deutschland!

In dem Maße, wie diese neuen Tendenzen klarer zutage traten, bewirkten sie nun auch eine völlige Änderung der Stellung der Welt gegenüber Deutschland. War sie bis dahin imperialistisch gespalten und gerade dadurch Deutschland in ihr der mächtigste Faktor gewesen, nach dem Spruche: divide et impera, so traten jetzt alle Gegensätze zwischen den einzelnen Staaten zurück hinter den einen großen Gegensatz gegen das Deutsche Reich, von dem sich alle bedroht fühlten.

Den Anfang dieser verhängnisvollen Wandlung der deutschen Weltpolitik machte die Fiottenvorlage von 1897, die das Wettrüsten mit England einleitete und nur dann erklärlich wurde, wenn sie dem Endziel der Niederwerfung der britischen Seeherschaft diente. Das ist audi oft genug, namentlich von alldeutschen Blättern und Politikern als die Aufgabe der deutschen Seerüstungen bezeichnet worden.

Damit erregte man die öffentliche Meinung Englands auf das äußerste gegen Deutschland.

Im Zeitalter der napoleonischen Kriege hatte das britische Reich die Seeherrschaft ernmgen und keine Macht unternahm es seitdem, sie antasten zu wollen. Diese Herrschaft selbst hatte bald nach dem Wiener Frieden ihren Charakter erheblich geändert. In den ersten Jahrzehnten des 19, Jahrhunderts war Großbritannien noch ein stark agrarisches Land gewesen, das zur Not sich selbst erhalten konnte. Ganz anders später. Als das inidustriellste aller Län/der, sah es sich bald nicht bloß in bezug auf Rohstoffe, sondern auc‘ auf Ernährung mehr als irgendein anderes Gebiet auf starke Zufuhren von außen angewiesen.

Noch 1850 war in England, Wales und Schottland allein (ohne Irland) die Landbevölkerung ebenso zahlreich, wie die städtische. Im Jahre 1911 dagegen machte die Bevölkerung der Städte in England mit Wales 78 Prozent, in Schottland 75 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Im 18. Jahrhundert war England ein Getreide ausführendes Land gewesen. Noch in den Anfängen des 19. Jahrhunderts genügte seine Weizenproduktion fast zur Deckung des heimischen Bedarfs. Im jährlichen Durchschnitt wurden im Jahrzehnt 1811 bis 1820 nur 400.000 Quarters Weizen eingeführt. Im Jahre 1850 brauchte man schon eine Zufuhr von fast 4 Millionen, 1909 das Zehnfache, bei einer Eigenproduktion von nur 7 Millionen. Ganze 84 Prozent des in England verbrauchten Weizens stammten kurz vor dem Kriege aus dem Auslande.

Diese ganze Zufuhr erfolgte aber ausschließlich zur See. Das heißt, daß England im Falle eines Krieges dem Hungertode ausgeliefert wurde, sobald es nicht mehr die See beherrschte. Seine Seeherrschaft, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast bloß ein Mittel zur Ausdehnung und Sicherung seines Kolonialreiches bildete, also um modern zu reden, imperialistischen Zwecken diente, wurde immer unerläßlicher zur Aufrechterhaltung der Selbständigkeit des Landes, Die Seeherrschaft wurde für das britische Volk neben einer imperialistischen eine demokratische Forderung, wenigstens solange, als nicht allgemeine Abrüstung und Abschaffung der Kriege möglich waren -pazifistische Ziele, die gerade wegen der durch einen Krieg gefährdeten Lage des Landes, bei der Masse der englischen Bevölkerung, nicht bloß Sozialisten, sondern auch Liberalen sehr populär wurden. Da der Gedanke der Seeherrschäft in England nicht allein von imperialistischen, sondern auch von demokratischen Schichten getragen wurde, fand diese Herrschaft auch eine sehr liberale, durchaus nicht protektionistische oder gar monopolistische, sondern eine freihändlerische Anwendung, nach dem Grundsatz der offenen Tür.

Dadurch erreichte es England, daß während des ganzen 19. Jahrhunderts kein Staat Miene machte, seine Seeherrschaft zu bedrohen. Nur Deutschland begann die Politik der Bedrohung am Ende des 19. Jahrhunderts, als Englands Lebensinteresse jene Herrschaft weit entschiedener forderte, als zur Zeit Napoleons I. Wer England und die Engländer kennt, mußte wissen, daß die deutsche Politik der Flottenrüstungen allein schon genügte, immer zahlreichere Schichten der Bevölkenmg Englands dem Gedanken zugänglich zu machen, Deutschland um jeden Preis zum Einstellen dieser Rüstungen zu bringen, wenn es nicht anders ging, durch einen Krieg, der Dank der früheren deutschen Politik auch Frankreich und Kußland als Gegner Deutschlands auf den Plan zu bringen drohte.

Herr v. Bülow, der diese verhängnisvolle Politik inaugurierte, gesteht selbst ein, daß sie Deutschland mit dem Kriege bedrohte. In seinem 1916 erschienenen Buche über Deutsche Politik schreibt er:

„Während der ersten zehn Jahre nach der Einbringung der Marinevorlage von 1897 und dem Beginn unserer Schiffsbauten wäre eine zum Äußersten entschlossene englische Politik wohl in der Lage gewesen, die Entwicklung Deutschlands zur Seemacht kurzerhand gewaltsam zu unterbinden, uns unschädlich zu machen, bevor uns die Krallen zur See gewachsen waren ... Und im achtzehnten Monat des Krieges konstatiert die Frankfurter Zeitung, England habe, als es zur kriegerischen Auseinandersetzung gekommen war, die trübe Wahrnehmung machen müssen, daß es trotz aller Einkreisungspläne den rechten Augenblick versäumt hatte, wo es den gefürchteten Mitbewerber hätte klein machen können. (S.40)“

Also die Flottenpolitik wurde unternommen auf die Gefahr hin, daß sie England zum Kriege gegen Deutschland reize. Wenn es da zu einem solchen nicht kam, war nicht die deutsche Politik daran schuld, sondern die Zurückhaltung Englands, das der gewaltsamen Niederschlagung des drohenden Gegners durch einen Krieg seine sogenannte Einkreisung vorzog, d.h. die Förderung seiner Isolierung, die aus Deutschlands Weltpolitik hervorging.

Das unheilvolle Wirken der ebenso sinnlosen wie provozierenden Flottenpolitik Deutschlands wurde noch verstärkt durch seine hartnäckige Sabotierung aller Versuche, zu einer internationalen Verständigung über eine allgemeine Einschränkung der Kriegsrüstungen zu kommen, und internationale Konflikte auf friedlichem Wege durch Schiedsgerichte zu beseitigen.

Das zeigte sich schon bei der ersten Haager Konferenz von 1899, die diesen Zielen galt.

„Gerade in den Tagen der Haager Konferenz hielt der Deutsche Kaiser seine Wiesbadener Rede, in der er ein ‚scharf geschliffenes Schwert‘ als die beste Friedensgarantie erklärt.“ (Fried, Handbuch der Friedensbewegung, S.171.)

Auf dieser Konferenz war der deutsche Delegierte nicht einmal dazu zu bewegen, der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit wenigstens für Entschädigungsforderungen und juristische Streitigkeiten zuzustimmen. Selbst diese geringfügige Einschränkung der Austragung internationaler Konflikte durch Gewalt scheiterte an dem Widerstände Deutschlands, das später auch alle Versuche zurückwies, zu einer Begrenzung der Rüstungen zu kommen.

Kein Wunder, daß Deutschland in der Welt immer verhaßter wurde, nicht bloß bei den mit der deutschen Macht rivalisierenden Imperialisten, sondern auch bei den Verfechtern des Völkerfriedens tmd der Völkerfreiheit,

Die Rolle, die bis dahin das Zarentum gegenüber der europäischen Demokratie, als ihr schlimmster gemeinsamer Feind, gespielt, die fiel nun immermehr der deutschen Militärmpnarchie zu. Eine sinnlosere Politik war kaum möglich. Sie mußte verurteilt werden, nicht bloß vom Standptinkte des internationalen Sozialismus, sondern selbst vom Standpunkte eines Imperialismus, der mit den gegebenen Machtverhältnissen rechnete. Eine vernünftige deutsche imperialistische Politik durfte auf keinen Fall derart sein, daß sie die Feindschaft der beiden, neben Deutschland in Europa entscheidenden Mächte, England und Rußland, gleichzeitig hervorrief. Sie mußte entweder, um ihre Ziele im Gegensatz zu Rußland und dem mit diesem verbündeten Frankreich zu erreichen, Englands Unterstützung gewinnen, was vor allem Verzicht auf das Flottenwettrüsten bedeutete. Dies hätte, dem Charakter der englischen Politik entsprechend, geheißen, daß der Grundsatz der offenen Tür in der ganzen Welt zum Durchbruch kam – was für Deutschlands Industrie die glänzendsten Aussichten bot.

Freilich, eine eigentlich imperialistische Politik nach dem Herzen der Schwerindustriellen, Monopolisten und der Militaristen wäre es nicht gewesen. Denen lag vor allem an einer Ausdehnung auf Kosten Englands, Dann aber mußte man darüber mit Rußland zu einer Verständigung kommen. Ein mit Rußland verbündetes und damit auch gegen die französische Gefahr mehr gesichertes Deutschland hätte ruhig das Flottenwettrennen mit England aufnehmen können. Im Kriegsfalle konnten ihm die Engländer nichts Erheb« liches antun, Sie mochten seine Kolonien besetzen, seinen Seehandel unterbinden, nicht aber Deutschland aushungern. Dieses dagegen war imstande, auf dem Lande mit Hilfe Rußlands die Grundlagen von Englands Weltstellung zum Zusammenbruch zu bringen und das zu erreichen, was auf anderem Wege Napoleon I. vergeblich versucht, Ägypten zu besetzen und nach Indien vorzudringen. Geradezu toll dagegen war es, dies Ziel der Niederwerfung Englands nicht im Verein mit Rußland, sondern im Krieg mit Rußland, mit Frankreich, mit der ganzen Welt, anzustreben.


Zuletzt aktualisiert am: 26.11.2008