Karl Kautsky


Terrorismus und Kommunismus



1. Revolution und Terrorismus

Bis in weite Kreise der Sozialdemokratie hinein hatte sich in der Zeit vor dem Kriege die Meinung festgesetzt, die Zeit der Revolutionen sei nicht bloß für Westeuropa, sondern auch für Deutschland und Österreich vorüber. Wer anders dachte, wurde als Revolutionsromantiker verhöhnt.

Nun haben wir die Revolution, und sie nimmt Formen von einer Wildheit an, die auch der phantastischste Revolutionsromantiker unter uns nicht erwartet hätte.

Die Aufhebung der Todesstrafe war für jeden Sozialdemokraten eine selbstverständliche Forderung geworden.

Die Revolution aber bringt uns den blutigsten Terrorismus, ausgeübt von sozialistischen Regierungen. Die Bolschewiki in Rußland gingen voran, aufs schärfste deswegen verurteilt von allen Sozialisten die nicht auf dem bolschewistischen Standpunkt standen, darunter auch die deutschen Mehrheitssozialisten. Aber kaum fühlen diese sich in ihrer Herrschaft bedroht, greifen sie zu den Mitteln des gleichen Schreckensregiments, das sie eben noch im Osten gebrandmarkt. Noske tritt kühn in Trotzkys Fußstapfen, allerdings mit dem Unterschied, daß er selbst seine Diktatur nicht als die des Proletariats ansieht. Beide aber rechtfertigen ihre Blutarbeit mit dem Rechte der Revolution.

Es ist in der Tat eine weitverbreitete Auffassung, als gehöre der Terrorismus zum Wesen der Revolution, wer diese wolle, müsse sich mit jenem abfinden. Als Beweis wird immer wieder die große französische Revolution angeführt. Sie gilt als die Revolution par excellence.

Eine Untersuchung des Terrorismus, seiner Bedingungen und Erfolge geht daher am zweckmäßigsten von einer Kennzeichnung des Schreckensregiments der Sansculotten aus. Mit ihr wollen wir beginnen. Das wird uns wohl etwas weitab von der Gegenwart führen, aber doch diese besser verstehen lehren. Es ist ganz auffallend, wie viele Übereinstimmungen zwischen der großen französischen Revolution und den Revolutionen von heute bestehen, namentlich der russischen.

Und dennoch sind die Revolutionen unserer Tage grundverschieden von der des 18. Jahrhunderts. Das zeigt schon eine Vergleichung unseres Proletariats, unserer Industrie, unserer Verkehrsmittel mit den entsprechenden Erscheinungen jener Zeit.



Zuletzt aktualisiert am 7.1.2012