Wilhelm Liebknecht

 

Die Stellung des Proletariats zum Militarismus

Redewiedergabe und Resolution auf dem Internationalen Arbeiterkongreß in Brüssel

(21. August 1891)


Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiter-Kongresses zu Brüssel (16.–22. August 1891), Berlin 1893, S. 24–6.
Wilhelm Liebknecht, Gegen Militarismus und Eroberungskrieg, Berlin 1986, S. 159–63.
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Es wurden zwei Referenten ernannt: er [Liebknecht] als deutscher und Vaillant als französischer; bei der Gemeinsamkeit der Gefühle und Gedanken dürfte aber eine Übersetzung der Ausführungen der beiden Referenten sich als überflüssig erweisen. Zunächst wolle er betonen, daß in der Kommission [1] im großen und ganzen vollständige Einigkeit herrschte. Wenn in der gegnerischen Presse behauptet worden sei, daß zwischen Deutschen und Franzosen Meinungsverschiedenheiten geherrscht haben, so sei das ein Irrtum; wenn gar behauptet worden, die Franzosen seien zwar gute Sozialisten, aber mit chauvinistischen Gefühlen, und sie würden nie auf den Gedanken der Revanche Verzicht leisten, so sei davon auch nicht eine Silbe wahr. Das Wort Revanche ist in der Kommission gar nicht gefallen. Ganz im Gegenteil: Die Presse, die da glaubte mit der Aufwerfung der elsaß-lothringischen Frage Zwietracht säen zu können, habe sich getäuscht. Für die Bourgeoisie sei die elsaß-lothringische Frage eine brennende Frage; aber in unserer Kommission wurde sie mit keiner Silbe erwähnt. Aus einem einfachen Grunde: Für uns Sozialisten gibt es keine elsaß-lothringische Frage; für die deutschen Sozialisten sowenig wie für die französischen Sozialisten. Wie sollte auch eine solche Frage sich erheben, wenn unsere Bestrebungen sich verwirklichen, wenn Deutschland sozialistisch organisiert ist! Die elsaß-lothringische Frage ist eine künstliche Frage, die nur aus der heutigen korrupten Gesellschaft hervorgehen kann.

Innerhalb der Kommission wurde auch die Frage angeregt, ob man nicht die Vorschläge und Maßregeln besprechen soll, die seitens des Proletariats im Falle eines Krieges ergriffen werden sollen, wie z.B. Streik der unter die Fahnen Berufenen, Erhebung des Proletariats bei Ausbruch eines Krieges etc. Von den Vertretern aber gerade der Nationen, die unter dem Drucke des Militarismus in erster Linie zu leiden haben, wurden sofort und einstimmig alle diese und ähnliche Vorschläge für unmöglich erklärt. [2] Des weiteren wurde in der Kommission die Frage erörtert, ob es nicht angebracht sei, neben der Maidemonstration eine gemeinsame internationale Friedensdemonstration zu veranstalten. Auch hier erklärten die deutschen und die französischen Delegierten, daß dies unnötig sei [3]; in Deutschland wie [in] Frankreich ist die Maifeier zugleich ein Fest der Volksverbrüderung geworden; in Deutschland wie [in] Frankreich hat keine einzige Versammlung stattgefunden, in der nicht diesem Gedanken Ausdruck gegeben worden; ebenso in anderen Ländern. Was die Frage der Friedensdemonstration betrifft, so versteht es sich von selbst, daß ein sozialistischer Arbeiterkongreß hierzu eine ganz andere Stellung einnehmen muß als eine Versammlung von philanthropischen Bourgeois. Es existiert eine Friedens- und Freiheitsliga; wir bringen ihr alle Sympathie entgegen; aber die soziale Stellung all dieser Friedensfreunde verhindert sie, die Ursache des Militarismus zu erkennen, verurteilt alle ihre wohlmeinenden Bestrebungen zur Ohnmacht. Die Frage des Militarismus ist eine soziale Frage; ohne Klassenkampf, ohne Klassengegensatz ist der heutige Kriegszustand einfach unmöglich. Wie sollte auch eine emanzipierte Arbeiterschaft Grund zu nationalen Hetzereien, zu gegenseitigen Kriegen haben! Der Feind des deutschen Arbeiters ist nicht der französische Arbeiter, sondern der deutsche Bourgeois, der Feind des französischen Arbeiters ist nicht der deutsche, englische Arbeiter, sondern der Bourgeois des eigenen Landes, und diesem Gedanken haben nicht nur wir, sondern auch die französischen Delegierten unzweideutigen Ausdruck gegeben. – In wie hohem Maße die Frage des Militarismus eine soziale Frage geworden ist, zeigt u. a. auch die Tatsache, daß die Bourgeoisparteien, die früher prinzipiell gegen den Militarismus Stellung genommen, heute einstimmig die Millionen bewilligen, die der Militarismus erfordert, in Frankreich wie in Deutschland.

Und dies ist auch erklärlich In Wahrheit wollen sie diese riesigen Armeen nicht gegen den ausländischen Feind, sondern zu ihrem eigenen Schutze gegen das Vordringen der Sozialdemokratie zu ihrem Schutze im Klassenkampfe zum Schutze ihrer Ausbeutungsprivilegien.

Es ist hier nicht der Ort, auf die Konsequenzen des Militarismus,. auf die Folgen des nächsten Krieges einzugehen. Im nächsten Kriege werden Millionen unter der Fahne stehen, Europa wird in Waffen starren, ganze Völker werden gegeneinander geworfen, ein Krieg, wie ihn die Weltgeschichte niemals gesehen, im Vergleich zu welchem der letzte französisch-deutsche Krieg ein Kinderspiel war und der unsere Zivilisation auf ein Jahrhundert zurückwerfen muß. Das Proletariat, das die Fahne der Kultur voranträgt, bat dafür zu sorgen, daß dies verhindert, daß dem entgegengewirkt wird, ehe die gemeinsarne Kultur in einer großen Katastrophe begraben wird. Wir müssen alles aufbieten, diese Katastrophe zu verhindern. Ist die Bestie im Menschen erweckt, dann schweigt die Vernunft, und die Humanität verhüllt ihr Haupt. Wenn erst die Völker lawinengleich aufeinanderbrausen dann wird jeder zermalmt, der sich entgegenstellen wollte. Wir müssen beweisen, daß wir diesen bewaffneten Frieden beseitigen wollen, aber alle Bestrebungen sind zur Hoffnungslosigkeit verurteilt, solange wir den Klassenkampf nicht beseitigt, den Klassenkampf, der die Grundlage des Militarismus bildet.

Und damit dieser Protest gegen den Militarismus, dieser Ruf des Friedens in der ganzen Welt widerhalle, so bitte er, diese Resolution einstimmig anzunehmen. In dem Siege des Sozialismus liegt die einzige Bürgschaft, den Militarismus zu vernichten und so dem Kriegszustande zwischen den Völkern ein Ende zu machen. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)
 

Die Resolution hat folgenden Wortlaut:

In Erwägung, daß der Militarismus, welcher auf Europa lastet, das notwendige Resultat des permanenten – offenen und latenten – Kriegszustandes ist, welcher durch das System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und den dadurch erzeugten Klassenkampf der Gesellschaft auferlegt wird, erklärt der Kongreß,

daß alle die ökonomischen Ursachen des Übels nicht treffenden Bestrebungen auf Beseitigung des Militarismus und auf Herbeiführung des Friedens unter den Völkern ohnmächtig sind, so edel die Beweggründe sein mögen;

daß allein die Schaffung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, welche die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt, dem Militarismus ein Ende machen und den Frieden unter den Völkern herbeiführen kann;

daß demzufolge alle, welche dem Kriege ein Ende machen wollen, die Pflicht haben, sich der internationalen Sozialdemokratie als der einzigen wirklichen und grundsätzlichen Friedenspartei anzuschließen.

Angesichts der immer drohender werdenden Lage Europas und der chauvinistischen Hetzereien der herrschenden Klassen fordert der Kongreß die Arbeiter aller Länder auf, gegen alle Kriegsgelüste und denselben dienende Bündnisse unablässig und energisch zu protestieren und zu wirken und durch Vollendung der internationalen Organisation des Proletariats den Triumph des Sozialismus zu beschleunigen.

Der Kongreß erklärt, daß dies das einzige Mittel ist, die furchtbare Katastrophe eines Weltkrieges abzuwenden, dessen unabsehbar verhängnisvolle Folgen die Arbeiterklasse in erster Linie zu tragen hätte,

und daß die Verantwortung für eine solche Katastrophe vor der Menschheit und vor der Geschichte einzig und allein den herrschenden Klassen zufällt.

 

 

Anmerkungen

1. Liebknecht war während des Internationalen Arbeiterkongresses in Brüssel, der vom 16. bis 22. August 1891 tagte und an dem 374 Delegierte aus 16 Ländern teilnahmen, in der Kommission zum Tagesordnungspunkt Stellung und Pflichten der Arbeiterklasse dem Militarismus gegenüber tätig. Er begründete auf dem Kongreß die von ihm und Édouard-Marie Vaillant eingebrachte Resolution. Sie wurde von allen vertretenen Ländern mit einigen Gegenstimmen von Delegierten aus Frankreich, England und den Niederlanden angenommen.

2. Auf dem Kongreß und auch in der Kommission setzten sich die Sozialdemokraten mit den von Ferdinand Domela Nieuwenhuis vertretenen Vorstellungen, Kriege mit einem Generalstreik beantworten und verhindern zu können, auseinander, da dieses Kampfmittel angesichts der damaligen Organisiertheit der Arbeiterklasse illusionär war.

3. Der Internationale Sozialistische Arbeiterkongreß, der vom 6. bis 12. August 1893 in Zürich tagte, beschloß, künftig den 1. Mai als Kampftag für den Frieden und gegen den Krieg zu begehen.

 


Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2017