Rosa Luxemburg


Kautskys Buch wider Bernstein


II

Leipziger Volkszeitung Nr. 219, 20. September 1899.

In der Landwirtschaft liegen die Verhältnisse allerdings nicht so klar und einfach wie in der Industrie. Die Hoffnung Marxens aus dem Jahre 1864, „die Vereinigung des gesamten Grundbesitzes in den Händen weniger“ werde die Lösung der Grund-und-Boden-Frage sehr vereinfachen, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Verhältnisse auf dem Lande werden nicht immer einfacher und durchsichtiger, sondern immer verwickelter und schwieriger. Sieht man sich die Statistik der Grundbesitzverhältnisse an, so scheint die Konzentration hier eingeschlafen zu sein, wo nicht zurückgehen zu wollen.

Allein das Verkehrte liegt gerade in der Annahme, die Statistik des Grundbesitzes entspreche wirtschaftlich der Statistik der industriellen Betriebe und gebe über die tatsächliche Entwicklung der Landwirtschaft einen Aufschluß. Dies ist aber nicht der Fall. Der Kleinbesitz ist z. B. in der Landwirtschaft noch nicht ohne weiteres Kleinbetrieb. So ruft gerade der Übergang zur intensiven, also mehr kapitalistischen Wirtschaft gegenwärtig in Ostelbien nach zwei Richtungen Einschränkung der Fläche des Grundbesitzes hervor: erstens durch Zerschlagung übergroßer Güter in kleinere, leichter zu bewirtschaftende, zweitens durch Schaffung kleiner Parzellengüter, die den Zweck haben, den ländlichen Arbeiter an die Scholle zu binden.

Ferner besagt die Statistik des Grundbesitzes an sich weder etwas über die Erwerbsverhältnisse der ländlichen Bevölkerung im ganzen noch auch über ihre wirklichen Besitzverhältnisse, die vielmehr aus den Hypothekenbüchern zu ersehen sind.

Will man also über die Entwicklung der Landwirtschaft Aufschluß bekommen, so muß man die nackten statistischen Zahlen des Grundbesitzes beiseite lassen und die Gesamtheit der Erscheinungen in der modernen Landwirtschaft ins Auge fassen.

Hier sieht man aber vor allem folgende wichtige Tatsachen.

Die landwirtschaftliche Bevölkerung ist im starken Rückgang begriffen: 1882 machte sie noch 42,5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, 1895 nur noch 35,7 Prozent; die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft war 1882 43,4 Prozent aller Erwerbstätigen, 1895 bloß 36,2 Prozent. Dies erklärt sich nur dadurch, weil eine Funktion nach der anderen der Landwirtschaft von der Industrie abgenommen wird, so die Bearbeitung ihrer Rohprodukte und die Anfertigung ihrer Arbeitsmittel.

Zweitens wird ein immer größerer Teil der ländlichen Bevölkerung auf die Industrie als Nebenerwerb angewiesen. Von den Inhabern der landwirtschaftlichen Betriebe im Deutschen Reich sind hauptberuflich tätig: als selbständige Landwirte 45 Prozent, als Lohnarbeiter in der Landwirtschaft 13 Prozent, in der Industrie über 14 Prozent. Von den einzelnen Regierungsbezirken bilden die in der Industrie beschäftigten „Bauern“ z.B. im Bezirk Merseburg 25 Prozent, im Bezirk Düsseldorf 32 Prozent, im Bezirk Arnsdorf ganze 45 Prozent aller Inhaber von landwirtschaftlichen Betrieben!

Drittens wird der Grundbesitz von der Landwirtschaft immer mehr getrennt, ebenso durch das Pachtsystem wie durch die Hypothekenschulden. Die Wirtschaften mit ganz oder teilweise gepachtetem Boden bildeten 1882 44 Prozent, 1895 schon 47 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. Die Hypothekenschulden wachsen gleichfalls stark, und wenn sie auch nicht notwendig den Niedergang der Landwirtschaft bedeuten, so bewirken sie jedenfalls, daß der Grundbesitz in Form der Grundrente durch die modernen Kreditanstalten, Banken, Sparkassen u.dgl., immer rascher konzentriert wird, wobei das Interesse der jetzigen Landwirte am Privateigentum. an Grund und Boden, des sie selbst stufenweise verlustig gehen, immer geringer wird.

So führt die Analyse der Verhältnisse auf dem Lande zu dem Ergebnisse – hier entwickelt Kautsky die leitenden Gesichtspunkte seines Buches über die Agrarfrage – daß die Landwirtschaft immer mehr ihren selbständigen wirtschaftlichen Charakter und damit ihre soziale Bedeutung verliert. Die Verwandlung der Kleinbauern in Lohnarbeiter, die steigende Verquickung von Landwirtschaft und Industrie, die Zunahme des Pachtsystems und der Hypothekenschulden, die immer mehr in großen gesellschaftlichen Instituten zentralisiert werden, alles dies bewirkt eine Einverleibung der Landwirtschaft in den gesellschaftlichen Produktionsprozeß. So wird die Marxsche Prognose der kapitalistischen Entwicklung auch auf dem flachen Lande bestätigt. Nicht direkt, indem sie einen der Industrie analogen selbständigen Konzentrationsprozeß durchmacht, sondern umgekehrt, indem sie immer mehr ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verliert, wird die Landwirtschaft in den allgemeinen Strom der kapitalistischen Entwicklung hineingezogen, deren Hauptzug die Konzentration des Kapitals ist.

Das letzte und reifste Ergebnis dieses Prozesses sind eben jene Kartelle, Trusts und Syndikate, deren sich Bernstein erst erinnert, wo sie gegen Marx zeugen sollen, bei der Behandlung der Krisentheorie, und die er ganz vergißt, wo sie der sprechendste Beweis für die Richtigkeit der Marxschen Konzentrationstheorie sind.

Bernstein hat nichts gebracht, was uns veranlassen könnte, von der Marxschen Theorie der fortschreitenden Konzentration des Kapitals abzuweichen. Die Gewerbezählung ebenso wie das Aufkommen der Kartelle und Trusts bestätigen sie aufs glänzendste, und die landwirtschaftliche Entwicklung zeigt sich mit ihr nicht unvereinbar.

Fortschreitende Konzentration des Kapitals heißt aber fortschreitende Verminderung (wenigstens relative) der kleineren Unternehmungen, Zunahme der großen Unternehmungen, also Zunahme der Proletarier und – bis zu einem gewissen Stadium – der Kapitalisten, aber stärkere Abnahme der kleinen Unternehmer, also Zunahme der Besitzlosen, Abnahme der Besitzenden.

Diese Annahme erklärt Bernstein für falsch. Er schreibt in seinem Buche:

„Es ist also durchaus falsch, anzunehmen, daß die gegenwärtige Entwicklung eine relative oder gar absolute Verminderung der Zahl der Besitzenden aufweist. Nicht ‚mehr oder minder‘, sondern schlechtweg mehr, d.h. absolut und relativ wächst die Zahl der Besitzenden. Wären die Tätigkeit und die Aussichten der Sozialdemokratie davon abhängig, daß die Zahl der Besitzenden zurückgeht, dann könnte sie sich in der Tat ‚schlafen legen‘. Aber das Gegenteil ist der Fall. Nicht vom Rückgang, sondern von der Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums hängen die Aussichten des Sozialismus ab.[1]

Vor allem muß man, um Bernsteins Behauptung erwidern zu können, feststellen, was er unter der Zunahme der „Besitzenden“ versteht? Denkt er da an Kapitalisten, an das Kleinbürgertum oder gar an die Arbeiterklasse? Der Sinn des Bernsteinschen Satzes wechselt mehrmals im Laufe seiner Ausführungen. Gleichwohl, welche Bedeutung wir auch unterstellen, die Ergebnisse sprechen nicht für, sondern wider Bernstein.

Das einschlägige Kapitel ist bei Kautsky, was die Klarheit der Darstellung, die Genauigkeit und die Schärfe der Beweisführung betrifft, das beste des ganzen Buches und liest sich mit wahrem Vergnügen. Wir wollen alle Hauptpunkte seiner Kritik kurz Revue passieren lassen.

Hat Bernstein auf die Zunahme der Kapitalisten hinweisen wollen, dann rennt er offene Türen ein, denn bei der von der Marxschen Lehre vorausgesehenen starken Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise ist offenbar die Zunahme der Zahl der Kapitalisten eine selbstverständliche Erscheinung. Aber gleichzeitig wächst ja auch unstreitig die Zahl der Proletarier, so daß die sozialen Gegensätze sich verschärfen, was der Marxschen Lehre gerade entspricht.

Hat Bernstein an eine Zunahme der Mittelklassen gedacht, dann steht er allerdings im Widerspruch mit den Annahmen des sozialdemokratischen Programms, aber wir werden umsonst nach einer Bestätigung dieser seiner Behauptung suchen.

Bernstein führt freilich eine Reihe von statistischen Beweisen an, die Herrn Oppenheimer als ein „kolossales Zahlenmaterial“ sehr imponiert haben. Aber wie steht es um dieses Zahlenmaterial?

1. Das sind die „Ergebnisse der Veranlagung zur preußischen Ergänzungssteuer“ von 1895 – Zahlen für ein Jahr, die also keinen Vergleich gestatten. Aber auch diese Zahlen werden von anderen Leuten ganz verschieden von Bernstein aufgefaßt. So schreibt darüber der gut bürgerlich denkende Professor Herkner:

„Man kann eine Vermögensteilung unmöglich gutheißen, bei der die zwei obersten, die Millionäre umfassenden Stufen, die 5256 Angehörige zählen, zusammen noch 1621 Millionen Mark mehr besitzen als die zwei untersten Stufen, obwohl diese 767.204 Zensiten darstellen. Und doch bringen diese Zahlen nur den Gegensatz der Besitzverteilung innerhalb der besitzenden Klassen zum Ausdruck. Diese Einkommensverteilung ruft nicht nur vom sozialen, sondern auch vom Standpunkt des wirtschaftlichen Fortschritts schwere Bedenken hervor.“

2. Die Einkommenszahlen für Frankreich. Diese beziehen sich wieder bloß auf ein Jahr, sagen also weder etwas von Zunahme noch von Abnahme der Besitzenden; beruhen außerdem nicht auf statistischen Erhebungen (Frankreich hat keine Einkommensteuer!), sondern auf bloßen Schätzungen, haben also fast gar keinen positiven Wert.

3. Für Sachsen gibt Bernstein einige Angaben aus der Einkommensstatistik für 1879 und 1892, die er aber beliebig aus dem Ganzen herausgegriffen hat. Zieht man das ganze statistische Ergebnis für die Jahre 1879 und 1892 ins Auge, so ergibt sich ein Schluß nicht für, sondern wiederum gegen Bernstein. „Man kann sagen“, schreibt derselbe bürgerliche Professor Herkner über die sächsische Einkommensbewegung, „die gegenwärtige Einkommensverteilung verstärkt relativ am meisten die Schicht des mittleren Arbeiterstandes und die Gruppe der Millionäre“ – ganz nach Marx!

4. Bernstein gibt einen Vergleich der Einkommensverhältnisse für Preußen aus den Jahren 1854 und 1894. Hier fühlt er sich offenbar ganz unwiderleglich. Leider ist ein solcher Vergleich keinen Schuß Pulver wert, denn erstens ist Preußen 1894 territorial und politisch ein ganz anderes Land, als es 1854 war, zweitens aber ist die letzte Einkommensteuerstatistik auf Grund eines ganz anderen Gesetzes vollzogen worden als die vom Jahre 1854, wie überhaupt eine gründlichere Erkenntnis der preußischen Einkommensverteilung erst seit 1891 ermöglicht worden ist.

Die zweite Zusammenstellung Bernsteins für Preußen, die aus den Jahren 1876 und 1890, ist aber nicht nur aus den obigen Gründen hinfällig, sondern sie ist obendrein von Bernstein wiederum unvollständig wiedergegeben. Zieht man sie ganz in Betracht, dann zeugt auch sie nicht für. sondern gegen Bernstein. Der Statistiker Soetbeer. der diese Tabelle zusammengestellt hat, muß selbst zugeben, daß die von ihm nachgewiesenen Resultate Anhaltspunkte zu der Behauptung geben, daß sich das Einkommen ungleichmäßiger verteile, da die unteren und oberen Klassen an Häufigkeit zunehmen, die unteren im Durchschnittseinkommen sinken, die höheren steigen.

5. Endlich die letzte der „erdrückenden“ Zahlen: die Akkumulation der Kapitalien in England. Hier ist ein Fehlschluß, von den englischen Verhältnissen auf die allgemeinen Gesetze des Kapitalismus zu schließen, denn England ist sozusagen der Silberschrank der ganzen Welt geworden. Ferner unterscheidet Bernstein in seiner Statistik für England das industrielle vom kaufmännischen und vom Leihkapital nicht, die aber in der Entwicklung der sozialen Gegensätze eine grundverschiedene Rolle spielen. Endlich ist die Statistik als solche hier ohne jeden wissenschaftlichen Wert, weil England – keine Statistik der Einkommen eben besitzt! Seinen Haupttrumpf in bezug auf England hat Bernstein nicht etwa einem wissenschaftlichen Werke, sondern einem tendenziös-bürgerlichen, anonymen Gelegenheitsartikel zum Jubiläum der Königin entnommen.

So löst sich das ganze „erdrückende“ Zahlenmaterial Bernsteins in nichts auf: Ein Vergleich unvergleichbarer Zählungen, einige Schätzungen statt statistischer Daten, einige unvollständig wiedergegebene Tabellen und ein anonymer Aufsatz – das ist Bernsteins Beweismaterial gegen die Marxsche Lehre. Nächstens, sagt Kautsky, wird er dem Kapital ein anonymes Feuilleton aus der Woche des Herrn Scherl entgegenstellen!


Anmerkung

1. Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899, S. 50/51.


Zuletzt aktualisiert am 19.05.2019