Paul Mattick


[Rezension von W. Münzenberg „Erobert den Film!“]

(Oktober 1925)


Aus: Kommunistische Arbeiter-Zeitung Organ der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands, 6. Jg., Nr. 82, Oktober 1925, S 3.
Transkription/HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.



Willy Münzenberg: Erobert den Film! Neuer Deutscher Verlag, Berlin.



Den Suggestionsmaschinen Presse und Theater in der Fabrik für „öffentliche Meinung“, ist seit etwa drei Jahrzehnten der Film hinzugefügt. Als Beeinflussungsmittel spielt diese Kunst des Industrie-Kapitalismus die größte Rolle. Kräfte von „Links“ sind am Werk, dieses Instrument, das heute noch im Dienst der herrschenden Klasse steht, für ihre Zwecke zu „erobern.“ —

Münzenbergs Broschüre mit dem Aufruf: „Erobert die neue Großmacht: den Film“, läuft durch die Hände der Arbeiter. In den Kinos fliegen die ersten Produkte „hinter Filmfabriken“ über die Leinwand und zeigen ungeahnte Propagandamöglichkeiten innerhalb der Demokratie. Ein Stück „Sozialismus wohin wir blicken“. — „Seht die ersten Erfolge“, brüllen die Macher. Also weiter: — bezahlt, agitiert, fördert soziale Filme; sabotiert die sich sträubenden Kinobesitzer, erobert den Film, wie die Gewerkschaften oder die Schupo.

Niemals läßt sich die Bourgeoisie ihre Waffen und profitmachenden Einrichtungen entwinden Erfindung und Kunst dem Proletariat nutzbar machen, heißt die bestehende Gesellschaftsordnung zuvor hinwegsetzen. Selbst der Massenwille, solange er ohne genügende Waffen kommt, wirkt bei dem Versuch, die Verblödungsinstitute der Bourgeoisie umzuformen, lächerlich. Also „eigenes Schaffen“: parlieren die Macher. Gewiß bis zu einer gewissen Grenze ist dies möglich. Das Größte an der Demokratie ist immer die Demagogie. In der Phrase ist Kunst und Wissenschaft unpolitisch.

Und in der Zeit der Stagnation ist die Zensur loyal nach links wie nach rechts. Sie läßt im Theater Paqueti Arbeiterdrama: „Fahnen“ der „Hermannschlacht“ folgen. Ein winziger Unterschied wird nur gemacht: Die „Fahnen“ spielt man zehn Tage, die „Hermannschlacht“ ein halbes Jahr. Vielleicht nur, um immer volle Kassen zu haben; denn noch ist ja das Theater Angelegenheit der mittleren Bourgeoisie, des Kleinbürgertums und der Intelligenz, die dazwischen schwimmt. Mit dem Kino ist es anders. Es ist das Arbeitertheater, und die ausverkauften Häuser beim Abdrehen der ersten Gewerkschaftsfilme „die Schmiede“ usw. können die Kinobesitzer linken Tendenzen geneigt machen. Wir leben ja nicht im Lande Mussolinis. Es mangelt nur noch an sozialen Filmen. Und dann werfen die Heringsräuchereien der I.A.H. genügend Profit ab, um im äußeren Falle eigene Filmpaläste bauen zu können. Erinnern wir uns eines der Experimente des Proletkult, das den Arbeitern eine eigene Bühne schaffen sollte. Das „proletarische Theater“ brach zusammen wie der Proletkult selbst. Die Kultur des Proletariats in der kapitalistischen Gesellschaft ist nur der Kampf gegen diese. Und dieser Kampf ist so zwingend, daß selbst die Kultur des Films zurückgestellt werden muß, bis Instrumente und Lichspielhäuser Eigentum der proletarischen Klasse sind. Eine Utopie ist es zu glauben, daß die Bourgeoisie, die im Besitz der Militärgewalt ist, Massenpropaganda, die der Film so eindringlich machen kann, gegen ihre Klassenherrschaft dulden wird. Sie wird die Aufführung jeden Films, der ihre Privilegien anzutasten versucht, zu deren Beseitigung Wege zeigt, zu verhindern wissen. Und nur noch reinste Klarheit, letzte Erkenntnis darf dem Proletariat vermittelt werden; denn es ist an der Zeit, wo es diese Gesellschaftsordnung gewaltsam beseitigen muß.

Die Parole: „Erobert den Film“, gehört in das Interessenfeld der I.A.H. — also Rußlands. Denn wenn die Deutsch-amerikanische Film-Union, den großen Kulturfilm „Das Gesicht des roten Rußlands“ (eine „unpolitische“ Schilderung des heutigen russischen Lebens) anzeigt, so ist dies nicht nur ein glänzendes Geschäft, sondern auch eine fabelhafte Propaganda für die für Rußland notwendige Einheitsfront mit Amsterdam. Einige solcher Filme und die Furcht der Amsterdamer vor dem „unpolitischen“ Rußland ist verschwunden. Und die wackeren Mannen der K.P.D. werden von diesem Erfolg der Neppolitik geblendet sein. Das rote Rußland erobert sich den deutschen Filmmarkt. Der Bolschewismus wird wie immer durch „die Blume“ (von wegen der Kinderkrankheit) verbreitet. — „Erobert den Film“ heißt: Erweiterung des I.A.H.-Trustes von der Herings- zur Seelenfängerei. Es ist ein vortreffliches Propagandamittel der russischen Außenpolitik die auf Grund ökonomischer Gesetze der proletarischen Revolution feindlich gegenüber steht.

Die Broschüre Münzenbergs dient der Verkleisterung der Arbeiterhirne. Sie ist nicht zu empfehlen.


Zuletzt aktualisiert am 16.2.2009