Anton Pannekoek

 

Weltrevolution und kommunistische Taktik

(1920)


Anton Pannekoek, Weltrevolution und kommunistische Taktik, Wien 1920.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


 

 

Auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.
Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen ... sobald sie radikal wird.
Marx.

I

Zwei Kräfte, von denen eine aus der anderen entspringt, eine geistige und eine materielle, bewirken die Umwälzung des Kapitalismus zum Kommunismus. Die materielle Entwicklung der Wirtschaft schafft die Erkenntnis und diese bewirkt den Willen zur Revolution. Aus den allgemeinen Entwicklungstendenzen des Kapitalismus ist die marxistische Wissenschaft entstanden, die die Theorie zuerst der sozialistischen, dann der kommunistischen Partei bildete und der revolutionären Bewegung eine tiefe einheitliche geistige Kraft gibt. Während diese Theorie nur langsam einen Teil des Proletariats durchdringt, muss aus der eigenen Erfahrung in den Massen die praktische Erkenntnis der Unhaltbarkeit des Kapitalismus emporwachsen. Der Weltkrieg und der rasche wirtschaftliche Zusammenbruch bringt nun die objektive Notwendigkeit der Revolution, bevor noch die Massen geistig den Kommunismus erfasst haben – dieser Widerspruch bedingt die Widersprüche, die Hemmungen und Rückschläge, die die Revolution zu einem langen und qualvollen Prozess machen. Allerdings kommt nun auch die Theorie in einen neuen Schwung und ergreift die Massen in raschem Tempo; aber trotzdem muss beides bei den auf einmal riesengroß wachsenden praktischen Aufgaben zurückbleiben.

Für Westeuropa wird die Entwicklung der Revolution hauptsächlich durch zwei Triebkräfte bestimmt: durch den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaft und durch das Beispiel von Sowjetrussland. Die Ursachen, weshalb in Russland das Proletariat relativ rasch und leicht siegen konnte – die Schwäche der Bourgeoisie, das Bündnis mit den Bauern, die Revolution während des Krieges – brauchen hier nicht erörtert zu werden. Das Beispiel eines Staates, wo das arbeitende Volk herrscht, wo es den Kapitalismus beseitigte und damit beschäftigt ist, den Kommunismus aufzubauen, musste mächtig auf das Proletariat der ganzen Welt einwirken. Natürlich hätte das Beispiel allein nicht genügt, die Arbeiter in anderen Ländern zur proletarischen Revolution anzustacheln. Der menschliche Geist wird am stärksten durch die Einwirkung der eigenen materiellen Umgebung bestimmt; wenn also der heimische Kapitalismus in alter Kraft geblieben wäre, hätte die Kunde aus dem fernen Russland schwerlich dagegen aufkommen können. „Voll ehrfurchtsvoller Bewunderung, aber kleinbürgerlich-furchtsam, ohne den Mut, durch Taten sich selbst, Russland und die Menschheit zu retten“, so fand Rutgers bei seiner Rückkehr in Westeuropa die Massen. Als der Krieg zu Ende ging, hoffte man hier überall auf den baldigen Aufschwung der Wirtschaft, während die Lügenpresse Russland als eine Stätte des Chaos und der Barbarei ausmalte; daher warteten die Massen ab. Aber seitdem hat sich umgekehrt das Chaos in den alten Kulturländern verbreitet, während die neue Ordnung in Russland ihre wachsende Kraft zeigt. Nun kommen auch hier die Massen in Bewegung. Der wirtschaftliche Zusammenbruch ist die wichtigste Triebkraft der Revolution. Deutschland und Österreich sind wirtschaftlich schon völlig vernichtet und pauperisiert, Italien und Frankreich befinden sich im unaufhaltsamen Niedergang, England ist schwer erschüttert – und es ist fraglich, ob die kräftigen Rekonstruktionsversuche seiner Regierung den Untergang abwenden können – und in Amerika treten schon die ersten drohenden Symptome der Krise auf. Und überall – ungefähr in dieser Reihenfolge – fängt es an, in den Massen zu gären; in großen Streikbewegungen, die die Wirtschaft noch mehr erschüttern, wehren sie sich gegen die Verelendung; diese Kämpfe wachsen allmählich zu einem bewussten revolutionären Kampf aus, und ohne Kommunisten zu sein, folgen die Massen stets mehr dem Weg, den der Kommunismus ihnen zeigt. Denn die praktische Notwendigkeit treibt sie dorthin.

Mit dieser Notwendigkeit und dieser Stimmung, gleichsam von ihnen getragen, wächst in diesen Ländern die kommunistische Vorhut, die die Ziele klar erkennt und sich in der Dritten Internationale sammelt. Das Symptom und das Merkmal dieser wachsenden Revolutionierung bildet die scharfe geistige und organisatorische Trennung des Kommunismus von der Sozialdemokratie. In den Ländern Zentraleuropas, die durch den Versailler Vertrag sofort in eine scharfe wirtschaftliche Krise gestoßen wurden und wo eine Regierung von Sozialdemokraten notwendig war, um den bürgerlichen Staat zu retten, ist diese Trennung am längsten vollzogen. So unheilbar und tief ist dort die Krise, dass die Masse der radikal-sozialdemokratischen Arbeiter (USP), trotzdem sie noch im hohen Grade an den alten sozialdemokratischen Methoden, Traditionen, Losungen und Führern festhalten, auf Anschluss an Moskau drängen und sich für die Diktatur des Proletariats erklären. In Italien hat sich die ganze sozialdemokratische Partei der Dritten Internationale angeschlossen; eine kampfbereite revolutionäre Stimmung der Massen, die sich im fortwährenden Kleinkrieg mit Regierung und Bourgeoisie betätigt, lässt über die theoretische Mischung von sozialistischen, syndikalistischen und kommunistischen Anschauungen hinwegsehen. In Frankreich haben sich erst neulich kommunistische Gruppen aus der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaftsbewegung losgelöst und schreiten zur Bildung einer kommunistischen Partei. In England ist aus der tiefen Einwirkung des Krieges auf die traditionellen Verhältnisse der Arbeiterbewegung eine kommunistische Bewegung entstanden, die noch aus mehreren Gruppen und Parteien verschiedenen Ursprungs und neuen Organisationsbildungen besteht. In Amerika haben sich zwei kommunistische Parteien von der sozialdemokratischen Partei losgelöst, während diese selbst sich auch für Moskau erklärt hat. Die unerwartete Widerstandskraft Sowjetrusslands gegen die reaktionären Angriffe, wodurch die Entente zum Verhandeln gezwungen ist – so wirkt immer der Erfolg – hat eine neue starke Anziehungskraft auf die westlichen Arbeiterparteien ausgeübt. Die Zweite Internationale bricht zusammen; eine allgemeine Bewegung der Mittelgruppen nach Moskau hat eingesetzt, durch die wachsende revolutionäre Stimmung der Massen getrieben. Indem sie sich den neuen Namen der Kommunisten beilegen, ohne dass sich an ihren überlieferten Grundauffassungen viel änderte, bringen sie Anschauungen und Methoden der alten Sozialdemokraten in die neue Internationale über. Als Symptom, dass solche Länder reifer zur Revolution geworden sind, tritt nun gerade die umgekehrte Erscheinung auf wie zuerst; mit ihrem Eintritt oder mit ihrem Bekenntnis zu den Prinzipien der Dritten Internationale (wie bereits für die USP erwähnt wurde) wird die scharfe Trennung von Kommunisten und Sozialdemokraten wieder abgeschwächt. Mag man auch versuchen, solche Parteien formell außerhalb der Dritten Internationale zu halten, um nicht alle Prinzipienfestigkeit zu verwischen, so drängen sie sich doch in die Leitung der revolutionären Bewegung in jedem Lande und durch die neuen Losungen, zu denen sie sich äußerlich bekennen, behalten sie ihren Einfluss auf die in Aktion tretenden Massen. So handelt jede herrschende Schicht: statt sich von den Massen abschneiden zu lassen, wird sie selbst „revolutionär“, damit unter ihrem Einfluss die Revolution möglichst verflacht wird. Und viele Kommunisten sind geneigt, hier nur das Wachstum an Kraft, nicht auch das Wachstum an Schwäche zu sehen.

Die proletarische Revolution schien durch das Auftreten des Kommunismus und das russische Beispiel eine einfache zielklare Gestalt gewonnen zu haben. In Wirklichkeit treten jetzt mit den Schwierigkeiten auch die Kräfte hervor, die sie zu einem höchst verwickelten und mühsamen Prozess machen.
 

II

Die Fragen und Lösungen, die Programme und die Taktik entspringen nicht abstrakten Grundsätzen, sondern werden nur durch die Erfahrung, durch die reale Praxis des Lebens bestimmt. Die Anschauungen der Kommunisten über das Ziel und den Weg mussten und müssen sich an der bisherigen revolutionären Praxis ausbilden. Die russische Revolution und der bisherige Verlauf der deutschen Revolution bilden das praktische Tatsachenmaterial, das uns bis jetzt über die Triebkräfte, die Bedingungen und Formen der proletarischen Revolution zu Gebote steht.

Die russische Revolution hat dem Proletariat die politische Herrschaft in einem so erstaunlich raschen Aufschwung gebracht, dass sie die westeuropäischen Beobachter schon damals völlig überraschte und jetzt, angesichts der Schwierigkeiten in Westeuropa, immer wunderbarer erscheint, trotzdem die Ursachen klar erkennbar sind. Die erste Wirkung musste notwendig diese sein, dass in der ersten Begeisterung die Schwierigkeiten der Revolution in der übrigen Welt unterschätzt wurden. Die russische Revolution hat die Prinzipien der neuen Welt in ihrer strahlenden, reinen Kraft dem ganzen Weltproletariat vor Augen gestellt: die Diktatur des Proletariats, das Sowjetsystem als die neue Demokratie, die Neuorganisation der Industrie, der Landwirtschaft, der Erziehung. Sie hat in mancher Hinsicht ein so einfaches, klares, übersichtliches, fast idyllisches Bild des Wesens und des Gehaltes der proletarischen Revolution gegeben, dass nichts einfacher erscheinen konnte, als diesem Beispiel nachzufolgen. Dass dies aber nicht so einfach war, hat die deutsche Revolution gezeigt und die dabei hervortretenden Kräfte gelten größtenteils auch für das übrige Europa.

Als der deutsche Imperialismus November 1918 zusammenbrach, war die Arbeiterklasse für eine proletarische Herrschaft völlig unvorbereitet. Geistig und moralisch zerrüttet durch den vierjährigen Krieg, befangen in sozialdemokratischen Traditionen, konnte sie nicht in den ersten wenigen Wochen verschwundener Regierungsgewalt eine klare Erkenntnis ihrer Aufgabe gewinnen; die intensive, aber kurze kommunistische Propaganda konnte diesen Mangel nicht ersetzen. Besser als das Proletariat hatte die deutsche Bourgeoisie aus dem russischen Beispiel gelernt; während sie sich mit Rot schmückte, um die Arbeiter einzuschläfern, begann sie sofort ihre Machtorgane wieder aufzubauen. Die Arbeiterräte legten ihre Macht freiwillig aus den Händen zugunsten der sozialdemokratischen Parteiführer und des demokratischen Parlaments. Die noch als Soldaten bewaffneten Arbeiter entwaffneten nicht die Bourgeoisie, sondern sich selbst; die aktivsten Arbeitergruppen wurden von den neugebildeten weißen Garden niedergeworfen, und die Bourgeoisie wurde in Bürgerwehren bewaffnet. Mit Hilfe der Gewerkschaftsleitungen wurden die jetzt wehrlos gemachten Arbeiter allmählich aller durch die Revolution gewonnenen Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen beraubt. So wurde der Weg zum Kommunismus mit Stacheldrahtverhauen gesperrt, damit der Kapitalismus sich ausleben, d. h. stets tiefer in das Chaos hinabsinken könnte.

Zweifellos darf nun diese Erfahrung der deutschen Revolution nicht ohne weiteres auf die anderen Länder Westeuropas übertragen werden; dort wird die Entwicklung wieder anderen Linien folgen. Dort wird die Herrschaft nicht plötzlich durch einen politisch-militärischen Zusammenbruch den unvorbereiteten Massen in die Hände fallen; das Proletariat wird schwer darum kämpfen müssen und daher nach der Eroberung einen höheren Reifegrad erworben haben. Was in Deutschland im Fiebertempo nach dem Novemberumsturz geschah, findet in den anderen Ländern schon in Ruhe statt: Die Bourgeoisie zieht ihre Konsequenzen aus der russischen Revolution, rüstet sich militärisch für den Bürgerkrieg, während sie zugleich den politischen Betrug des Proletariats mittels der Sozialdemokratie inszeniert. Aber trotz dieser Verschiedenheiten zeigt die deutsche Revolution einige allgemeine Züge und bietet einige Lehren allgemeiner Bedeutung. Sie stellt uns klar vor Augen, dass und durch welche Kräfte die Revolution in Westeuropa ein langsamer, langwieriger Prozess sein muss. Die Langsamkeit der revolutionären Entwicklung Westeuropas wenn sie auch nur relativ ist – hat einen Gegensatz von einander bekämpfenden taktischen Richtungen hervorgerufen. In Zeiten schneller revolutionärer Entwicklung werden taktische Differenzen durch die Praxis rasch überwunden oder kommen nicht zum Bewusstsein; intensive prinzipielle Agitation klärt die Köpfe auf, während zugleich die Massen zuströmen und die Praxis der Aktivität die alten Anschauungen umwälzt. Wenn aber eine Zeit der äußeren Stagnation eingetreten ist, wenn die Massen regungslos alles über sich ergehen lassen und die hinreißende Kraft der revolutionären Losungen gelähmt scheint; wenn die Schwierigkeiten sich auftürmen und der Gegner nach jedem Kampfe sich riesiger zu erheben scheint; wenn die Kommunistische Partei noch schwach bleibt und nur Niederlagen erleidet – dann entzweien sich die Anschauungen, werden neue Wege gesucht und neue taktische Mittel. Der Hauptsache nach treten dann zwei Tendenzen hervor, die in allen Ländern trotz lokaler Abweichungen zu erkennen sind. Die eine Richtung will durch Wort und Tat die Köpfe revolutionieren, aufklären und sucht dazu die neuen Prinzipien möglichst scharf den alten überlieferten Anschauungen gegenüberzustellen. Die andere Richtung versucht, die Massen, die noch abseits stehen, für praktische Tätigkeit zu gewinnen, will dazu möglichst vermeiden, was sie abstoßen könnte, und hebt statt des Gegensatzes vor allem das Verbindende hervor. Erstere erstrebt die scharfe klare Scheidung, die zweite die Vereinigung der Massen; die erstere wäre als die radikale, die zweite als die opportunistische Tendenz zu bezeichnen. Bei der jetzigen Lage in Westeuropa, da einerseits die Revolution auf kräftige Widerstände stößt, andererseits die feste Kraft Sowjetrusslands gegenüber den Niederwerfungsversuchen der Entente-Regierung auf die Massen einen gewaltigen Eindruck macht und deshalb auf einen starken Zustrom bisher zögernder Arbeitergruppen zu der Dritten Internationale zu rechnen ist, wird zweifellos der Opportunismus eine starke Macht in der kommunistischen Internationale werden.

Der Opportunismus schließt nicht notwendig eine sanfte, friedfertige, entgegenkommende Haltung und Sprache im Gegensatz zu einer dem Radikalismus gehörenden schärferen Tonart ein; im Gegenteil verbirgt sich der Mangel an prinzipieller klarer Taktik nur zu oft hinter rabiaten kräftigen Worten; und es gehört gerade zu seinem Wesen, in revolutionären Situationen auf einmal alles von der großen revolutionären Tat zu erwarten. Sein Wesen ist, immer nur das Augenblickliche, nicht das Weiterabliegende zu berücksichtigen, an der Oberfläche der Erscheinungen zu haften, statt die bestimmenden tieferen Grundlagen zu sehen. Wo die Kräfte zur Erreichung eines Zieles nicht sofort ausreichen, ist es seine Tendenz, nicht diese Kräfte zu stärken, sondern auf anderem Wege, auf Umwegen das Ziel zu erreichen. Denn das Ziel ist der augenblickliche Erfolg, und dem opfert er die Bedingungen künftigen, bleibenden Erfolges. Er beruft sich darauf, dass es doch oft möglich ist, durch Verbindungen mit anderen „fortschrittlichen“ Gruppen, durch Konzessionen an rückständige Anschauungen die Macht zu gewinnen oder wenigstens den Feind, die Koalition der kapitalistischen Klassen zu spalten und damit günstigere Kampfbedingungen zu bewirken. Es stellt sich dabei jedoch immer heraus, dass diese Macht nur eine Scheinmacht ist, eine persönliche Macht einzelner Führer, nicht die Macht der proletarischen Klasse, und dass dieser Widerspruch nur Zerfahrenheit, Korruption und Streit mit sich bringt. Eine Gewinnung der Regierungsgewalt, hinter der nicht eine völlig zur Herrschaft reife Arbeiterklasse steht, muss wieder verlorengehen oder muss der Rückständigkeit so viele Konzessionen machen, dass sie innerlich zermürbt wird. Eine Spaltung der feindlichen Klasse – die viel gepriesene Losung des Reformismus – hindert die Einheit der innerlich zusammengehörigen Bourgeoisie doch nicht, während das Proletariat dabei betrogen, verwirrt und geschwächt wird. Zweifellos kann es vorkommen, dass die kommunistische Vorhut des Proletariats die politische Herrschaft übernehmen muss, bevor die normalen Bedingungen erfüllt sind; aber nur was dann an Klarheit, an Einsicht, an Geschlossenheit, an Selbstständigkeit der Massen gewonnen wird, hat einen bleibenden Wert als Fundament der weiteren Entwicklung zum Kommunismus.

Die Geschichte der Zweiten Internationale ist voll der Beispiele für diese Politik des Opportunismus, und in der Dritten fangen sie schon an sich zu zeigen. Damals bestand er in dem Bestreben, das sozialistische Ziel erreichen zu wollen mit Hilfe der Massen der nichtsozialistischen Arbeitergruppen oder anderer Klassen. Dies führte zur Korruption der Taktik und schließlich zum Zusammenbruch. Bei der Dritten Internationale liegen die Verhältnisse nun wesentlich anders; denn die Zeit der ruhigen kapitalistischen Entwicklung, da die Sozialdemokratie im besten Sinne nichts anderes tun konnte als durch eine prinzipielle Politik aufzuklären zur Vorbereitung späterer Revolutionszeiten, ist vorüber. Der Kapitalismus bricht zusammen; die Welt kann nicht warten, bis unsere Propaganda die Mehrheit zur klaren kommunistischen Einsicht gebracht hat; die Massen müssen sofort eingreifen und möglichst rasch, um sich selbst und die Welt vor dem Untergang zu retten. Was soll dann eine kleine, noch so prinzipielle Partei, wenn Massen nötig sind? Ist hier der Opportunismus, der die breitesten Massen rasch zusammenfassen will, nicht Gebot der Notwendigkeit?

Ebensowenig wie von einer kleinen radikalen Partei kann eine Revolution von einer großen Massenpartei oder einer Koalition verschiedener Parteien gemacht werden. Sie bricht spontan aus den Massen hervor; Aktionen, die von einer Partei beschlossen werden, können bisweilen den Stoss geben (das geschieht jedoch nur selten), aber die bestimmenden Kräfte liegen anderswo, in den psychischen Faktoren, tief im Unterbewusstsein der Massen und in den großen weltpolitischen Ereignissen. Die Aufgabe einer revolutionären Partei besteht darin, dass sie im voraus klare Erkenntnisse verbreitet, sodass überall in den Massen die Elemente vorhanden sind, die in solchen Zeiten wissen, was zu tun ist, und selbständig die Lage beurteilen können. Und während der Revolution hat die Partei die Programme, Losungen und Direktiven aufzustellen, die die spontan handelnde Masse als richtig erkennt, weil sie darin ihre eigenen Ziele in vollkommenster Gestalt wiederfindet und sich an ihnen zur größeren Klarheit emporhebt; dadurch wird die Partei zur Führerin im Kampfe. Solange die Massen untätig bleiben, mag es scheinen, dass dies erfolglos bleibt; aber innerlich wirkt das klare Prinzip auch bei vielen, die zuerst fernbleiben, und in der Revolution zeigt sich seine aktive Kraft, ihr eine feste Richtung zu geben. Hat man dagegen zuvor durch Verwässerung des Prinzips, durch Koalitionen und Konzessionen eine größere Partei zu sammeln gesucht, so bietet das in Zeiten der Revolution unklaren Elementen die Gelegenheit, Einfluss zu gewinnen, ohne dass die Massen ihre Unzulänglichkeit durchschauen. Die Anpassung an die überlieferten Anschauungen ist ein Versuch, Macht zu gewinnen ohne deren Vorbedingungen, die Umwälzung der Ideen; sie wirkt also dahin, die Revolution in ihrem Lauf aufzuhalten. Sie ist außerdem eine Illusion, da nur die radikalsten Ideen die Massen ergreifen können, wenn diese in die Revolution treten, gemäßigte dagegen nur, solange die Revolution ausbleibt. Eine Revolution ist zugleich eine Zeit tiefer geistiger Umwälzung der Ideen der Massen; sie schafft dazu die Bedingungen und wird durch sie bedingt; es fällt daher, durch die Kraft ihrer weltumwälzenden klaren Prinzipien, der kommunistischen Partei die Führung in der Revolution zu.

Im Gegensatz zu der starken, scharfen Hervorhebung der neuen Prinzipien (Sowjetsystem und Diktatur), die den Kommunismus von der Sozialdemokratie trennen, lehnt der Opportunismus in der Dritten Internationale sich möglichst an die aus der Zweiten Internationale überkommenen Kampfformen an. Nachdem die russische Revolution den Parlamentarismus durch das Sowjetsystem ersetzt und die Gewerkschaftsbewegung auf den Betrieben aufgebaut hatte, war das erste Streben in Westeuropa, diesem Beispiel nachzufolgen. Die Kommunistische Partei Deutschlands boykottierte die Wahlen für die Nationalversammlung und propagierte den sofortigen oder allmählichen organisierten Austritt aus den Gewerkschaften. Als aber die Revolution 1919 zurücklief und stagnierte, leitete die Zentrale der KPD eine andere Taktik ein, die auf die Anerkennung des Parlamentarismus und die Unterstützung der alten Gewerkschaftsverbände gegen die Unionen hinauskam. Das wichtigste Argument dabei ist, dass die Kommunistische Partei die Führung mit den Massen nicht verlieren darf, die noch völlig parlamentarisch denken, die durch den Wahlkampf und durch Parlamentsreden am besten zu erreichen sind und die durch massenhaftes Eintreten in die Gewerkschaften deren Mitgliederzahl auf 7 Millionen gesteigert hatten. Der nämliche Grundgedanke tritt in England in der Haltung der BSP zum Vorschein: Sie will sich nicht von der „Labour Party“ trennen, trotzdem diese der Zweiten Internationale angehört, um nicht den Kontakt mit den Massen der Gewerkschaftler zu verlieren. Diese Argumente sind am schärfsten formuliert und zusammengestellt von unserem Freund Karl Radek, dessen in der Berliner Gefangenschaft verfasste Schrift: Die Entwicklung der Weltrevolution und die Aufgabe der Kommunistischen Partei als die Programmschrift des kommunistischen Opportunismus anzusehen ist. Hier wird dargelegt, dass die proletarische Revolution in Westeuropa ein lang andauernder Prozess sein wird, in welchem der Kommunismus alle Mittel der Propaganda benutzen soll, in welchem Parlamentarismus und Gewerkschaftsbewegung die Hauptwaffen des Proletariats bleiben werden, und daneben als neues Kampfobjekt die allmähliche Durchführung der Betriebskontrolle.

Inwieweit dies richtig ist, wird eine Untersuchung der Grundlagen, Bedingungen und Schwierigkeiten der proletarischen Revolution in Westeuropa zeigen.
 

III

Wiederholt ist hervorgehoben worden, dass in Westeuropa die Revolution lange dauern wird, weil die Bourgeoisie hier soviel mächtiger ist als in Russland. Analysieren wir das Wesen dieser Macht! Liegt sie in der größeren Kopfzahl dieser Klasse? Die proletarischen Massen sind verhältnismäßig noch viel größer. Liegt sie in der Beherrschung des ganzen wirtschaftlichen Lebens durch die Bourgeoisie? Zweifellos war dies ein starkes Element der Macht; aber diese Herrschaft schwindet dahin, und in Mitteleuropa ist die Wirtschaft völlig bankrott. Liegt sie schließlich in ihrer Verfügung über den Staat mit allen seinen Gewaltmitteln? Gewiss, damit hat sie die Masse immer niedergehalten, und deshalb war Eroberung der Staatsgewalt das erste Ziel des Proletariats. Aber im November 1918 fiel die Staatsgewalt in Deutschland und Österreich machtlos aus ihren Händen, die Gewaltmittel des Staates waren völlig gelähmt, die Massen waren Meister. Und trotzdem hat die Bourgeoisie diese Staatsgewalt wieder aufbauen und die Arbeiter aufs Neue unterjochen können. Dies beweist, dass noch eine andere verborgene Machtquelle der Bourgeoisie vorhanden war, die unangetastet geblieben war und die ihr gestattete, als alles zusammengebrochen schien, ihre Herrschaft wieder neu zu errichten. Diese verborgene Macht ist die geistige Macht der Bourgeoisie über das Proletariat. Weil die proletarischen Massen noch völlig durch eine bürgerliche Denkweise beherrscht wurden, haben sie nach dem Zusammenbruch die bürgerliche Herrschaft mit eigenen Händen wieder aufgerichtet. Diese deutsche Erfahrung stellt uns gerade vor das große Problem der Revolution in Westeuropa. In diesen Ländern hat die alte bürgerliche Produktionsweise und die damit zusammenhängende hochentwickelte bürgerliche Kultur vieler Jahrhunderte dem Denken und Fühlen der Volksmassen völlig ihren Stempel aufgeprägt. Dadurch ist der geistige und innere Charakter der Volksmassen hier ganz anders als in den östlichen Ländern, die diese Herrschaft bürgerlicher Kultur nicht kannten. Und darin liegt vor allem der Unterschied in dem Verlauf der Revolution im Osten und im Westen. In England, Frankreich, Holland, Italien, Deutschland, Skandinavien lebte vom Mittelalter her ein kräftiges Bürgertum mit kleinbürgerlicher und primitiv kapitalistischer Produktion; indem der Feudalismus zerschlagen wurde, wuchs auf dem Lande ein ebenso kräftiges, unabhängiges Bauerntum empor, das auch Meister in der eigenen kleinen Wirtschaft war. Auf diesem Boden entfaltete sich das bürgerliche Geistesleben zu einer festen nationalen Kultur, vor allem in den Küstenstaaten England und Frankreich, die voran in der kapitalistischen Entwicklung schritten. Der Kapitalismus im 19. Jahrhundert hat mit der Unterwerfung der ganzen Wirtschaft unter seine Macht und mit der Hineinziehung der fernsten Bauernhöfe in seinen Kreis der Weltwirtschaft diese nationale Kultur gesteigert, verfeinert und mit seinen geistigen Propagandamitteln, Presse, Schule und Kirche, fest in die Köpfe der Massen eingehämmert, sowohl jener Massen, die er proletarisierte und in die Städte zog, als auch jener, die er auf dem Lande ließ. Das gilt nicht nur für die Stammländer des Kapitalismus, sondern ähnlich, sei es auch in verschiedenen Formen, für Amerika und Australien, wo die Europäer neue Staaten gründeten, und für die bis dahin stagnierenden Länder Zentraleuropas: Deutschland, Österreich, Italien, wo die neue kapitalistische Entwicklung an eine alte, steckengebliebene, kleinbäuerliche Wirtschaft und kleinbürgerliche Kultur anknüpfen konnte. Ganz anderes Material und andere Traditionen fand der Kapitalismus vor, als er in die östlichen Länder Europas eindrang. Hier, in Russland, Polen, Ungarn, auch in Ostelbien, war keine kräftige bürgerliche Klasse, die von altersher das Geistesleben beherrschte; die primitiven Agrarverhältnisse mit Großgrundbesitz, patriarchalischem Feudalismus und Dorfkommunismus bestimmten das Geistesleben. Hier standen daher die Massen primitiver, einfacher, offener, empfänglich wie weißes Papier, dem Kommunismus gegenüber. Westeuropäische Sozialdemokraten sprachen oft höhnisch ihre Verwunderung darüber aus, wie die „unwissenden“ Russen die Vorkämpfer der neuen Welt der Arbeit sein könnten. Ihnen gegenüber drückte ein englischer Delegierter auf der kommunistischen Konferenz in Amsterdam den Unterschied ganz richtig aus: Die Russen mögen unwissender gewesen sein, aber die englischen Arbeiter sind so vollgepfropft mit Vorurteilen, dass die Propaganda des Kommunismus unter ihnen viel schwieriger ist. Diese „Vorurteile“ sind nur die erste äußerliche Seite der bürgerlichen Denkweise, die die Masse des englischen und des ganzen westeuropäisch-amerikanischen Proletariats erfüllt.

Der ganze Inhalt dieser Denkweise in ihrem Gegensatz zur proletarisch-kommunistischen Weltanschauung ist so vielseitig und verwickelt, dass sie schwerlich in wenigen Sätzen zusammengefasst werden kann. Ihr erster Zug ist der Individualismus, der aus den früheren kleinbürgerlich-bäuerlichen Arbeitsformen stammt und nur langsam dem neuen proletarischen Gemeinschaftsgefühl und der notwendigen freiwilligen Disziplin weicht – in den angelsächsischen Ländern ist dieser Zug bei Bourgeoisie und Proletariat wohl am stärksten ausgeprägt. Der Blick ist auf die Arbeitsstätte beschränkt und umfasst nicht das gesellschaftliche Ganze; befangen in dem Prinzip der Arbeitsteilung sieht man auch die „Politik“, die Leitung der ganzen Gesellschaft, nicht als die eigene Angelegenheit eines jeden, sondern als ein Monopol der herrschenden Schicht, als ein spezielles Fach besonderer Fachleute, der Politiker. Die bürgerliche Kultur ist durch einen jahrhundertelangen Verkehr materieller und geistiger Natur, durch Literatur und Kunst, fest in die proletarischen Massen eingepflanzt und schafft ein Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit – tiefer im Unterbewusstsein wurzelnd, als es nach äußerer Gleichgültigkeit oder äußerlichem Internationalismus erscheint – das sich in einer nationalen Klassensolidarität äußern kann und die internationale Tat erschwert.

Die bürgerliche Kultur lebt im Proletariat erstens als geistige Tradition. Die darin befangenen Massen denken in Ideologien statt in Realitäten; bürgerliches Denken war immer ideologisch. Aber diese Ideologie und Tradition ist nicht einheitlich; aus den zahllosen Klassenkämpfen früherer Jahrhunderte sind die geistigen Reflexe als politische und religiöse Gedankensysteme überliefert worden, die die alte bürgerliche Welt und daher auch noch die ihr entstammenden Proletarier in nach ideologischen Anschauungen getrennten Gruppen, Kirchen, Sekten, Parteien, verteilen. So besteht die bürgerliche Vergangenheit im Proletariat zweitens als organisatorische Tradition, die der zu der neuen Welt gehörenden Einheit der Klasse im Wege steht; in diesen überlieferten Organisationen bilden die Arbeiter den Nachtrab und die Gefolgschaft einer bürgerlichen Vorhut. Die unmittelbaren Führer in diesen ideologischen Kämpfen gibt die Intelligenz ab. Die Intelligenz – die Geistlichen, Lehrer, Literaten, Journalisten, Künstler, Politiker – bildet eine zahlreiche Klasse, deren Aufgabe die Pflege, Ausbildung und Verbreitung der bürgerlichen Kultur ist; sie übermittelt diese den Massen und spielt den Vermittler zwischen Kapitalherrschaft und Masseninteressen. In ihrer geistigen Führerschaft über die Massen liegt die Kapitalherrschaft verankert. Denn wenn die unterdrückten Massen auch oft rebellierten gegen das Kapital und seine Organe, so nur unter ihrer Führung; und der in diesem gemeinsamen Kampfe gewonnene feste Zusammenhang und Disziplin erweist sich nachher, wenn diese Führer offen auf die kapitalistische Seite übergehen, als die stärkste Stütze des Systems. So zeigt sich die christliche Ideologie niedergehender kleinbürgerlicher Schichten, die als Ausdruck ihres Kampfes gegen den modernen kapitalistischen Staat eine lebendige Kraft geworden war, später oft als reaktionäres, staatserhaltendes Regierungssystem äußerst wertvoll (so der Katholizismus in Deutschland nach dem Kulturkampf). Ähnliches gilt für die Sozialdemokratie, trotzdem sie in theoretischer Hinsicht vieles Wertvolle geleistet hat, in der zeitgemäßen Zerstörung und Ausrottung alter Ideologien in der emporkommenden Arbeiterschaft. Sie ließ dabei die geistige Abhängigkeit der proletarischen Massen von politischen und anderen Führern bestehen, denen diese Massen als Spezialisten die Leitung aller großen allgemeinen Klassenangelegenheiten überließen, statt sie in die eigenen Hände zu nehmen. Der feste Zusammenhalt und die Disziplin, die sich in dem oft scharfen Klassenkampf eines halben Jahrhunderts ausbildeten, hat den Kapitalismus nicht untergraben, denn sie bedeutete eine Macht der Organisation und des Führertums über die Massen, die diese Massen im August 1914 und im November 1918 zu machtlosen Werkzeugen der Bourgeoisie, des Imperialismus und der Reaktion machte. Die geistige Macht der bürgerlichen Vergangenheit über das Proletariat bedeutet in vielen Ländern Westeuropas (so in Deutschland und Holland) eine Spaltung des Proletariats in ideologisch getrennte Gruppen, die die Klasseneinheit verhindern. Die Sozialdemokratie hatte ursprünglich diese Klasseneinheit verwirklichen wollen, aber – zum Teil durch ihre opportunistische Taktik, die die rein-politische Politik an die Stelle der Klassenpolitik setzte – ohne Erfolg: Sie hat die Zahl der Gruppen bloß um eine vermehrt.

Die Herrschaft bürgerlicher Ideologie über die Massen kann nicht verhindern, dass in Zeiten der Krise, die diese Massen zur Verzweiflung und zur Tat bringen, die Macht dieser Tradition zeitweilig zurückgedrängt wird – wie im November 1918 in Deutschland. Aber dann tritt die Ideologie neuerlich hervor und wird zur Ursache, dass der zeitweilige Sieg wieder verlorengeht. An dem deutschen Beispiel zeigen sich die konkreten Kräfte, die wir hier als Herrschaft bürgerlicher Anschauungen zusammenfassen: die Ehrfurcht vor abstrakten Losungen wie die „Demokratie“; die Macht alter Denkgewohnheiten und Programmpunkte, wie Verwirklichung des Sozialismus durch parlamentarische Führer und eine sozialistische Regierung; Mangel an proletarischem Selbstvertrauen, erkennbar in dem Einfluss des ungeheuren Schlammstromes der Lügennachrichten über Russland; Mangel an Glauben in die eigene Kraft; aber vor allem das Vertrauen in die Partei, die Organisation, die Führer, die während vieler Jahrzehnte die Verkörperung ihres Kampfes, ihrer Revolutionsziele, ihres Idealismus gewesen waren. Die gewaltige, geistige, moralische und materielle Macht der Organisationen, dieser von den Massen selbst in emsiger langjähriger Arbeit geschaffenen riesigen Maschinen, die die Tradition der Kampfformen einer Periode verkörperten, in der die Arbeiterbewegung ein Glied des emporsteigenden Kapitalismus war, zerdrückte jetzt alle revolutionären Tendenzen, die neu in den Massen aufflammten.

Dieser Fall wird nicht der einzige bleiben. Der Widerspruch zwischen der geistigen Unreife der Macht bürgerlicher Tradition im Proletariat und dem raschen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus – kein zufälliger Widerspruch, da in einem blühenden Kapitalismus das Proletariat die geistige Reife zur Herrschaft und Freiheit nicht erwerben kann – kann nur gelöst werden durch den revolutionären Entwicklungsprozess, in dem spontane Erhebungen und Ergreifungen der Herrschaft mit Rückschlägen abwechseln. Er macht einen Verlauf der Revolution, bei dem das Proletariat lange Zeit immer vergebens mit allen alten und neuen Mitteln des Kampfes gegen die Kapital-Burg stürmt, bis sie schließlich und dann endgültig erobert wird, wenig wahrscheinlich. Und damit fällt auch die Taktik der langwierigen, kunstvollen Belagerung, die in Radeks Ausführungen dargelegt wird. Das Problem der Taktik ist nicht, wie möglichst rasch die Macht zu erobern, wenn sie nur erst eine Scheinmacht sein kann – sie wird den Kommunisten früh genug zufallen –, sondern, wie in dem Proletariat die Grundlagen für die dauernde Macht der Klasse auszubilden. Keine „entschlossene Minorität“ kann die Probleme lösen, die durch die Aktivität der ganzen Klasse gelöst werden können; und wenn die Bevölkerung scheinbar gleichgültig eine solche Machtergreifung über sich ergehen lässt, so bildet sie doch nicht eine wirklich passive Masse, sondern ist, soweit nicht für den Kommunismus gewonnen, zu jedem Augenblicke fähig, als aktive Gefolgschaft der Reaktion über die Revolution herzufallen. Eine „Koalition mit dem Galgen daneben“ wäre auch nur eine notdürftige Verdeckung einer solchen unhaltbaren Parteidiktatur. Wenn das Proletariat in einer gewaltigen Erhebung die bankrotte Herrschaft der Bourgeoisie zerschlägt und seine klarste Vorhut, die kommunistische Partei, die politische Leitung übernimmt, dann hat sie nur eine Aufgabe, alle Mittel anzuwenden, die Ursache der Schwäche des Proletariats fortzuschaffen und seine Kraft zu steigern, damit es den revolutionären Kämpfen der Zukunft im höchsten Grade gewachsen ist. Dann gilt es, die Massen selbst zur höchsten Aktivität zu bringen, ihre Initiative anzustacheln, ihr Selbstvertrauen zu heben, damit sie selbst die Aufgaben ins Auge fassen, die in ihre Hand gelegt werden, denn nur so können diese gelöst werden. Dazu ist nötig, das Übergewicht der überlieferten Organisationsformen und der alten Führer zu brechen – also auf keinen Fall mit ihnen eine regierungsfähige Koalition bilden, die nur das Proletariat schwächen kann –, die neuen Formen auszubauen, die materielle Macht der Massen zu festigen; nur dadurch wird es möglich sein, die Produktion neu zu organisieren, sowie die Verteidigung gegen die Angriffe des Kapitalismus von außen, und dies ist die erste Vorbedingung zur Verhinderung der Konterrevolution.

Die Macht, die die Bourgeoisie in der jetzigen Periode noch besitzt, ist die geistige Abhängigkeit und Unselbständigkeit des Proletariats. Die Entwicklung der Revolution ist der Prozess der Selbstbefreiung des Proletariats aus dieser Abhängigkeit, aus der Tradition vergangener Zeiten – was nur durch die eigene Kampferfahrung möglich ist. Wo der Kapitalismus schon alt ist und daher auch der Kampf der Arbeiter gegen ihn schon einige Generationen umfasst, musste das Proletariat in jeder Periode Methoden, Formen und Hilfsmittel des Kampfes aufbauen, der jeweiligen Entwicklungsstufe des Kapitalismus angepasst, die bald nicht mehr in ihrer Realität, als zeitlich beschränkte Notwendigkeiten gesehen, sondern als bleibende, absolut gute, ideologisch verhimmelte Formen überschätzt und daher später zu Fesseln der Entwicklung wurden, die gesprengt werden müssen. Während die Klasse in stetiger rascher Umwälzung und Entwicklung begriffen ist, bleiben die Personen der Führer auf einer bestimmten Stufe stehen, als Exponenten einer bestimmten Phase, und ihr mächtiger Einfluss kann die Bewegung hemmen; Aktionsformen werden zu Dogmen und Organisationen werden zum Selbstzweck erhoben, wodurch eine neue Orientierung und Anpassung an neue Kampfbedingungen erschwert wird. Das gilt auch jetzt noch; jede Entwicklungsstufe des Klassenkampfes muss die Tradition voriger Stufen überwinden, um ihre eigenen Aufgaben klar erkennen und lösen zu können – nur dass jetzt die Entwicklung in viel rascherem Tempo vor sich geht. So wächst die Revolution im Prozess des inneren Kampfes. Aus dem Proletariat selbst wachsen die Widerstände auf, die es überwinden muss. Indem sie es überwindet, überwindet das Proletariat seine eigene Beschränktheit und wächst auf zum Kommunismus.
 

IV

Der Parlamentarismus und die Gewerkschaftsbewegung waren die beiden hauptsächlichen Kampfformen in dem Zeitalter der Zweiten Internationale.

Die erste internationale Arbeiterassoziation hat auf ihren Kongressen die Grundlagen zu dieser Taktik gelegt, indem sie (entsprechend der Marxschen Gesellschaftslehre) gegenüber den primitiven Anschauungen aus vorkapitalistischer, kleinbürgerlicher Zeit den Charakter des proletarischen Klassenkampfes als ununterbrochenen Kampf gegen den Kapitalismus um die Lebensbedingungen des Proletariats bis zur Eroberung der politischen Gewalt bestimmte. Als das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen und bewaffneten Aufstände abgeschlossen war, konnte dieser politische Kampf nur im Rahmen der alten oder neu entstandenen Nationalstaaten geführt werden, der gewerkschaftliche oft noch in engerem Rahmen. Daher musste die Erste Internationale auseinanderfallen; und der Kampf um die neue Taktik, die von ihr selbst nicht durchzuführen war, sprengte sie, während in dem Anarchismus die Tradition der alten Anschauungen und Kampfmethoden lebendig blieb. Als Erbschaft hinterließ sie die neue Taktik denjenigen, die sie praktisch durchführen mussten, den überall entstehenden sozialdemokratischen Parteien mit den Gewerkschaften. Als aus ihnen die Zweite Internationale als lose Föderation entstand, hatte sie sich zwar noch in dem Anarchismus mit der Tradition auseinanderzusetzen; aber das Vermächtnis der Ersten Internationale bildete schon ihren selbstverständlichen taktischen Boden. Jeder Kommunist kennt heute die Gründe, weshalb diese Kampfmethoden während jener Zeit notwendig und nützlich waren. Wenn die Arbeiterklasse mit dem Kapitalismus emporkommt, ist sie noch nicht imstande und kann nicht einmal den Gedanken fassen, die Organe zu schaffen, durch die sie die Gesellschaft beherrschen und regeln könnte. Sie muss sich zuerst geistig zurechtfinden und den Kapitalismus und seine Klassenherrschaft begreifen lernen. Ihre Vorhut, die sozialdemokratische Partei, muss durch ihre Propaganda das Wesen der Regierung enthüllen und durch das Aufstellen der Klassenforderungen den Massen ihre Ziele zeigen. Dazu war es notwendig, dass ihre Wortführer in die Parlamente, die Zentren der Bourgeoisherrschaft, eindrangen, dort ihre Stimme erhoben und sich an den politischen Parteikämpfen beteiligten.

Anders wird es, wenn der Kampf des Proletariats in ein revolutionäres Stadium tritt. Wir reden hier nicht über die Frage, weshalb der Parlamentarismus als Regierungssystem nicht zur Selbstregierung der Massen taugt und dem Sowjetsystem weichen muss, sondern über die Benutzung des Parlamentarismus als Kampfmittel für das Proletariat. Als solche ist der Parlamentarismus die typische Form des Kampfes mittels Führer, wobei die Massen selbst eine untergeordnete Rolle spielen. Seine Praxis besteht darin, dass Abgeordnete, einzelne Personen, den wesentlichen Kampf führen; es muss dies daher bei den Massen die Illusion wecken, dass andere den Kampf für sie führen können. Früher war es der Glauben, die Führer könnten für die Arbeiter wichtige Reformen im Parlament erzielen; oder gar trat die Illusion auf, die Parlamentarier könnten durch Gesetzbeschlüsse die Umwälzung zum Sozialismus durchführen. Heute, da der Parlamentarismus bescheidener auftritt, hört man das Argument, im Parlament könnten die Abgeordneten Grosses für die Propaganda des Kommunismus leisten. [1] Immer fällt dabei das Hauptgewicht auf die Führer, und es ist selbstverständlich dabei, dass Fachleute die Politik bestimmen – sei es auch in der demokratischen Verkleidung der Kongressdiskussionen und Resolutionen –; die Geschichte der Sozialdemokratie ist eine Kette vergeblicher Bemühungen, die Mitglieder selbst ihre Politik bestimmen zu lassen. Wo das Proletariat parlamentarisch kämpft, ist das alles unvermeidlich, solange die Massen noch keine Organe der Selbstaktion geschaffen haben, also, wo die Revolution noch kommen muss. Sobald die Massen selbst auftreten, handeln und dadurch bestimmen können, werden die Nachteile des Parlamentarismus überwiegend.

Das Problem der Taktik ist – wir führten es oben aus – wie in der proletarischen Masse die traditionelle bürgerliche Denkweise auszurotten ist, die ihre Kraft lähmt; alles, was die überlieferte Anschauung neu stärkt, ist von Übel. Der zäheste, festeste Teil dieser Denkweise ist ihre Unselbständigkeit Führern gegenüber, denen sie die Entscheidung allgemeiner Fragen, die Leitung ihrer Klassenangelegenheiten überlässt. Der Parlamentarismus hat die unvermeidliche Tendenz, die eigene, zur Revolution notwendige Aktivität der Massen zu hemmen. Mögen da schöne Reden zur Weckung der revolutionären Tat gehalten werden, so entspringt das revolutionäre Handeln nicht solchen Worten, sondern nur der harten, schweren Notwendigkeit, wenn keine andere Wahl mehr bleibt.

Die Revolution erfordert auch noch etwas mehr als die massale Kampftat, die ein Regierungssystem stürzt und von der wir wissen, dass sie nicht von Führern bestellt, sondern nur aus dem tiefen Drang der Massen emporspringen kann. Die Revolution erfordert, dass die großen Fragen der gesellschaftlichen Rekonstruktion in die Hand genommen, dass schwierige Entscheidungen getroffen werden, dass das ganze Proletariat in schaffende Bewegung gebracht wird – und das ist nur möglich, wenn zuerst die Vorhut, dann eine immer größere Masse sie selbst zur Hand nimmt, sich selbst dafür verantwortlich weiß, sucht, propagiert, ringt, versucht, nachdenkt, wägt, wagt und durchführt. Aber das ist alles schwer und mühsam; solange daher die Arbeiterklasse glaubt, einen leichteren Weg zu sehen, indem andere für sie handeln – von einer hohen Tribüne Agitation führen, Entscheidungen treffen, Signale für die Aktionen geben, Gesetze machen – wird sie zögern und durch die alten Denkgewohnheiten und die alten Schwächen passiv bleiben.

Während die Bedeutung des Parlamentarismus einerseits das Übergewicht der Führer über die Massen stärkt, also konterrevolutionär wirkt, hat sie andererseits die Tendenz, diese Führer selbst zu verderben. Wenn persönliche Geschicklichkeit ersetzen muss, was aktiver Massenkraft fehlt, tritt eine kleinliche Diplomatie auf; die Partei, mag sie mit anderen Absichten hineingegangen sein, muss sich einen legalen Boden, eine parlamentarische Machtstellung zu erwerben suchen; so wird schließlich das Verhältnis zwischen Zweck und Mittel umgekehrt, und es dient nicht das Parlament als Mittel zum Kommunismus, sondern der Kommunismus als werbende Losung steht im Dienste der parlamentarischen Politik. Damit bekommt aber auch die kommunistische Partei selbst einen anderen Charakter. Aus der Vorhut, die die ganze Klasse zum revolutionären Handeln hinter sich sammelt, wird sie zu einer parlamentarischen Partei, mit derselben legalen Position wie die anderen, gleichartig sich mit den anderen herumzankend, eine Neuauflage der alten Sozialdemokratie unter neuen radikalen Losungen. Während im inneren Wesen zwischen der revolutionären Arbeiterklasse und der kommunistischen Partei kein Unterschied besteht, kein Gegensatz denkbar ist, da die Partei gleichsam das zusammengefasste klarste Klassenbewusstsein des Proletariats und seine wachsende Einheit verkörpert, zerbricht der Parlamentarismus diese Einheit und schafft die Möglichkeit eines solchen Gegensatzes: Statt die Klasse zusammenzufassen, wird der Kommunismus eine neue Partei mit eigenen Parteihäuptern, die sich zu den anderen Parteien fügt und so die politische Spaltung des Proletariats verewigt; und die Fälle werden vorkommen, wo die Partei nach Macht strebt, durch Konzessionen, Kompromisse und andere Mittel, die der Macht und Geschlossenheit der Klasse schaden. Alle diese Tendenzen werden zweifellos durch die revolutionäre Entwicklung der Wirtschaft wieder aufgehalten werden; aber auch die ersten Ansätze können der revolutionären Bewegung nur schaden, indem sie die geistige Entwicklung zum klaren Klassenbewusstsein hemmen; und wo die wirtschaftliche Lage zeitweilig in konterrevolutionärer Richtung zurückläuft, wird diese Politik den Weg der Ablenkung der Revolution ins Fahrwasser der Reaktion bahnen.

Das große, wirklich Kommunistische der russischen Revolution liegt vor allem darin, dass sie die eigene Aktivität der Massen geweckt hat und eine psychische und physische Energie in ihnen entfachte, die sie befähigte, die neue Gesellschaft zu bauen und zu tragen. Dieses Aufwachen der Massen zu solchem Kraftbewusstsein und zu solcher Kraft geht nicht in einem, sondern in Etappen; eine Etappe auf diesem Weg zur Selbständigkeit und Selbstbefreiung ist die Ablehnung des Parlamentarismus. Als die neuentstandene Kommunistische Partei Deutschlands, Dezember 1918, die Boykottierung der Nationalversammlung beschloss, entsprang dies nicht der unreifen Illusion eines leichten, raschen Sieges, sondern dem Bedürfnis, sich aus der geistigen Abhängigkeit von Parlamentsvertretern zu befreien – als Reaktion gegen die sozialdemokratische Tradition notwendig – da man jetzt den Weg zur eigenen Aktion in dem Aufbau des Rätesystems vor sich sah. Allerdings hat von den damals Vereinigten die eine Hälfte, die in der KPD Gebliebenen, nach dem Zurückfluten der Revolution den Parlamentarismus wieder adoptiert – mit welchen Folgen, wird sich noch herausstellen und hat sich zum Teil schon herausgestellt. Auch in anderen Ländern sind die Anschauungen unter den Kommunisten geteilt, und es wollen viele Gruppen sogar vor dem Ausbruch der Revolution den Parlamentarismus nicht anwenden. So wird während der nächsten Zeit der innere Streit über den Parlamentarismus als Kampfmethode voraussichtlich einer der hauptsächlichsten Streitpunkte der Taktik innerhalb der Dritten Internationale sein.

Allerdings sind alle darin miteinander einig: Er bildet nur einen untergeordneten Punkt unserer Taktik. Die Zweite Internationale konnte sich so weit entwickeln, bis sie den Kernpunkt der neuen Taktik hervorgehoben und klargestellt hatte: Das Proletariat kann den Imperialismus nur besiegen mit der Waffe der Massenaktionen. Selbst konnte sie sie nicht mehr anwenden; sie musste zugrundegehen, als der Weltkrieg den revolutionären Klassenkampf auf eine internationale Basis stellte. Das Resultat der vorigen war die selbstverständliche Grundlage der neuen Internationale; die Massenaktionen des Proletariats bis zum Massenstreik und zum Bürgerkrieg bildet den gemeinsamen taktischen Boden der Kommunisten. In der parlamentarischen Aktion ist das Proletariat national geteilt und ist ein wirklich internationales Auftreten nicht möglich; in den Massenaktionen gegen das internationale Kapital fallen die nationalen Trennungen fort und ist jede Bewegung, auf welche Länder sie sich ausbreiten oder beschränken mag, Teil eines gemeinsamen Weltkampfes.
 

V

So wie der Parlamentarismus die geistige, so verkörpert die Gewerkschaftsbewegung die materielle Macht der Führer über die Arbeitermassen. Die Gewerkschaften bilden unter dem Kapitalismus die natürlichen Organisationen für den Zusammenschluss des Proletariats; und als solche hat Marx schon in frühester Zeit ihre Bedeutung hervorgehoben. Im entwickelten Kapitalismus und noch mehr in dem imperialistischen Zeitalter sind diese Gewerkschaften stets mehr zu riesigen Verbänden geworden, die die gleiche Tendenz der Entwicklung zeigen wie in älterer Zeit die bürgerlichen Staatskörper selbst. In ihnen ist eine Klasse von Beamten, eine Bürokratie entstanden, die über alle Machtmittel der Organisation verfügt: die Geldmittel, die Presse, die Ernennung der Unterbeamten; oft hat sie noch weitergehende Machtbefugnisse, so dass sie aus Dienern der Gesamtheit zu ihren Herren geworden ist und sich selbst mit der Organisation identifiziert. Und auch darin stimmen die Gewerkschaften mit dem Staat und seiner Bürokratie überein, dass trotz der Demokratie, die darin herrscht, die Mitglieder nicht imstande sind, ihren Willen gegen die Bürokratie durchzusetzen; an dem kunstvoll aufgebauten Apparat von Geschäftsordnungen und Statuten bricht sich jede Revolte, bevor sie die höchsten Regionen erschüttern kann. Nur mit zäher Ausdauer gelingt es einer Opposition bisweilen, nach Jahren einen mäßigen Erfolg zu erzielen, der meist nur auf einen Personenwechsel herauskommt. In den letzten Jahren, vor dem Krieg und nachher, kam es daher – in England, Deutschland, Amerika – öfters zu Rebellionen der Mitglieder, die auf eigene Faust streikten, gegen den Willen der Führer oder die Beschlüsse des Verbandes selbst. Dass dies als etwas Natürliches vorkommt und als solches hingenommen wird, bringt schon zum Ausdruck, dass die Organisation nicht die Gesamtheit der Mitglieder ist, sondern gleichsam etwas ihnen Fremdes; dass die Arbeiter nicht über ihren Verband gebieten, sondern dass er als eine äußere Macht, gegen die sie rebellieren können, über ihnen steht, obgleich doch diese Macht aus ihnen selbst entsprießt – also wieder ähnlich wie der Staat. Legt sich dann die Revolte, so stellt sich die alte Herrschaft wieder ein, trotz des Hasses und der machtlosen Erbitterung in den Massen weiß sie sich zu behaupten, weil sie sich stützt auf die Gleichgültigkeit und den Mangel an klarer Einsicht und einheitlichem, ausdauerndem Willen dieser Massen und von der inneren Notwendigkeit der Gewerkschaft als einzigem Mittel der Arbeiter, in dem Zusammenschluss Kraft gegen das Kapital zu finden, getragen wird.

Kämpfend gegen das Kapital, gegen die verelendenden absolutistischen Tendenzen des Kapitals, sie beschränkend und dadurch der Arbeiterklasse die Existenz ermöglichend, erfüllte die Gewerkschaftsbewegung ihre Rolle im Kapitalismus und war dadurch selbst ein Glied der kapitalistischen Gesellschaft. Aber erst mit dem Eintritt der Revolution, als das Proletariat aus einem Glied der kapitalistischen Gesellschaft zum Vernichter dieser Gesellschaft wird, tritt die Gewerkschaft in Gegensatz zum Proletariat.

Sie wird legal, offen staatserhaltend und staatlich anerkannt, sie stellt den „Aufbau der Wirtschaft vor der Revolution“ als ihre Losung auf, also die Erhaltung des Kapitalismus. In Deutschland strömen nun viele Millionen Zahlen von Proletariern, die es bisher durch Terrorismus von oben nicht wagten, in sie hinein in der Mischung von Furchtsamkeit und beginnender Kampfstimmung. Jetzt wird die Verwandtschaft der fast die ganze Arbeiterklasse umfassenden Gewerkschaftsverbände mit einem Staatswesen noch größer. Die Gewerkschaftsbeamten kommen nicht nur darin mit der staatlichen Bürokratie überein, dass sie zu Gunsten des Kapitals durch ihre Macht die Arbeiterklasse niederhalten, sondern auch darin, dass ihre „Politik“ immer mehr darauf hinauskommt, die Massen mit den demagogischen Mitteln zu betrügen und für ihre Abkommen mit den Kapitalisten zu gewinnen. Und auch die Methode wechselt mit den Verhältnissen: roh und brutal in Deutschland, wo die Gewerkschaftsführer den Arbeitern mit Gewalt und schlauem Betrug die Akkordarbeit und die verlängerte Arbeitszeit aufhalsten, mit raffinierter Schlauheit in England, wo dieses Beamtentum – ähnlich wie die Regierung – sich den Anschein gibt, sich durch die Arbeiter widerwillig fortschieben zu lassen, während es in Wirklichkeit die Forderungen der Arbeiter sabotiert.

Was Marx und Lenin für den Staat hervorhoben: dass es seine Organisation trotz der formellen Demokratie unmöglich macht, ihn zu einem Instrument der proletarischen Revolution zu machen, muss daher auch für die Gewerkschaftsorganisationen gelten. Ihre konterrevolutionäre Macht kann nicht durch einen Personenwechsel, durch die Ersetzung reaktionärer durch radikale oder „revolutionäre“ Führer vernichtet oder geschwächt werden. Die Organisationsform ist es, die die Massen so gut wie machtlos macht und sie daran hindert, die Gewerkschaft zum Organ ihres Willens zu machen. Die Revolution kann nur siegen, indem sie diese Organisation vernichtet, d. h. die Organisationsform so völlig umwälzt, dass sie zu etwas ganz anderem wird. Das Sowjetsystem, der Aufbau von innen, ist nicht nur imstande, die staatliche, sondern auch die gewerkschaftliche Bürokratie zu entwurzeln und zu beseitigen; es wird nicht bloß die neuen politischen Organe des Proletariats gegenüber dem Parlament bilden, sondern auch die Grundlage der neuen Gewerkschaften. In den Parteistreitigkeiten in Deutschland ist darüber gespöttelt worden, als könne eine Organisationsform revolutionär sein, da es doch nur auf die revolutionäre Gesinnung der Menschen, der Mitglieder ankomme. Wenn aber der wichtigste Inhalt der Revolution darin besteht, dass die Massen selbst ihre Angelegenheiten – die Leitung der Gesellschaft und der Produktion – in die Hand nehmen, dann ist jede Organisationsform konterrevolutionär und schädlich, die den Massen nicht gestattet, selbst zu herrschen und zu leiten; daher soll sie ersetzt werden durch eine andere Form, die deshalb revolutionär ist, weil sie die Arbeiter selbst aktiv über alles bestimmen lädst. Das soll nicht bedeuten, dass in einer noch passiven Arbeiterschaft diese Form zuerst geschaffen und fertiggestellt werden soll, in der sich dann nachher der revolutionäre Sinn der Arbeiter betätigen könnte. Diese neue Organisationsform kann selbst nur im Prozess der Revolution von den revolutionär auftretenden Arbeitern geschaffen werden. Aber die Erkenntnis der Bedeutung der heutigen Organisationsform bestimmt die Stellung, die die Kommunisten zu den Versuchen einzunehmen haben, die jetzt schon auftreten, diese Form zu schwächen oder zu sprengen.

In den syndikalistischen und noch mehr in der „industriellen“ Gewerkschaftsbewegung trat schon das Bestreben hervor, den bürokratischen Apparat möglichst klein zu halten und alle Kraft in der Aktivität der Massen zu suchen. Daher haben sich die Kommunisten zumeist für die Unterstützung dieser Organisationen gegen die zentralen Verbände ausgesprochen. Solange der Kapitalismus aufrechtsteht, können allerdings diese Neubildungen keinen großen Umfang gewinnen – die Bedeutung der amerikanischen IWW ist dem besonderen Umstand eines zahlreichen ungelernten Proletariats meist fremden Ursprungs außerhalb der alten Verbände entsprungen. Dem Sowjetsystem vielmehr verwandt ist die Bewegung der Shop-Committees und Shop-Stewards in England, die in der Kampfpraxis geschaffene Organe der Massen gegenüber der Bürokratie sind. Noch absichtlicher der Sowjetidee nachgebildet, aber schwach durch das Stagnieren der Revolution, sind die „Unionen“ in Deutschland. Jede Neubildung solcher Art, die die zentralisierten Verbände und ihre innere Festigkeit schwächt, räumt ein Hemmnis der Revolution aus dem Wege und schwächt die konterrevolutionäre Macht der Gewerkschaftsbürokratie. Allerdings wäre es eine verlockende Idee, alle oppositionellen und revolutionären Kräfte innerhalb dieser Verbände zusammenzuhalten, damit sie schließlich als Majorität diese Organisation erobern und umwälzen könnten. Aber erstens ist dies eine Illusion – ähnlich wie es der verwandte Gedanke wäre, die SD-Partei zu erobern –, da die Bürokratie schon weiß, mit einer Opposition umzugehen, bevor sie zu gefährlich wird. Und zweitens läuft eine Revolution nun einmal nicht nach einem glatten Programm ab, sondern spielen elementare Ausbrüche leidenschaftlich aktiver Gruppen darin immer eine besondere Rolle als vorwärts treibende Kraft. Sollten aber Kommunisten, aus opportunistischen Rücksichten auf Augenblickserfolge, sich solchen Erstrebungen entgegenstellen zu Gunsten der Zentralverbände, so würden sie die Hemmnisse verstärken, die sich ihnen später am mächtigsten in den Weg stellen werden.

Die Bildung ihrer eigenen Macht- und Aktionsorgane, der Sowjets, durch die Arbeiter, bedeutet schon die Zersetzung und Auflösung des Staates. Die Gewerkschaft als eine viel jüngere, moderne, selbstgeschaffene Organisationsform wird sich viel länger erhalten, da sie in einer frischeren Tradition selbsterlebter Verhältnisse wurzelte und daher in der Anschauungswelt des Proletariats noch einen Platz behauptet, wenn es die staatlich-demokratischen Illusionen schon abgestreift hat. Da die Gewerkschaften aber aus dem Proletariat selbst hervorgekommen sind, als Produkte ihres eigenen Schaffens, werden sich hier am meisten Neubildungen zeigen als Versuche, sie jedes Mal neuen Verhältnissen anzupassen; hier werden dem Prozess der Revolution folgend, sich nach dem Muster der Sowjets neue Formen seines Kampfes und seiner Organisation in stetiger Umbildung und Entwicklung aufbauen.
 

VI

Die Vorstellung, die proletarische Revolution in Westeuropa sei einer geregelten Belagerung der kapitalistischen Festung zu vergleichen, in der das Proletariat, durch die kommunistische Partei in eine wohlorganisierte Armee zusammengefasst, sie mittels seiner altbewährten Methoden in wiederholten Stürmen angreift, bis der Feind sich ergibt, während es zugleich die Betriebskontrolle Schritt für Schritt erobert, ist eine neureformistische Vorstellung, die den Kampfbedingungen der altkapitalistischen Länder sicher nicht entspricht. Revolutionen und Eroberungen der Macht können da vorkommen, die wieder verloren gehen; die Bourgeoisie wird die Macht zurückgewinnen können, aber dabei die Wirtschaft noch hoffnungsloser zerrütten; politische Zwischenformen können auftreten, die durch ihren Mangel an Kraft das Chaos nur verlängern. Der Prozess der Revolution besteht zuerst in einer Loslösung der alten Bedingungen, die in jeder Gesellschaft vorhanden sein müssen, weil sie den gesellschaftlichen Gesamtprozess der Produktion und des Zusammenlebens erst ermöglichen und die durch die lange geschichtliche Praxis die feste Kraft spontaner Sitten und sittlicher Normen (Pflichtgefühl, Fleiß, Disziplin) bekommen haben. Ihr Zerfall ist eine notwendige Begleiterscheinung der Auflösung des Kapitalismus, während zugleich die neuen Bindungen, die zur kommunistischen Neuorganisation der Arbeit und der Gesellschaft gehören – deren Entstehung wir in Russland beobachteten – noch nicht kräftig genug sind. Daher wird eine Zeit des gesellschaftlichen und politischen Chaos als Übergangszeit unvermeidlich. Wo das Proletariat rasch die Herrschaft erobert und sie fest in der Hand zu behalten weiß, wie in Russland, kann die Übergangszeit kurz sein und rasch durch den positiven Aufbau beendet werden. Aber in Westeuropa wird der Zerstörungsprozess viel langwieriger sein. In Deutschland sehen wir die Arbeiterklasse gespalten in Gruppen, in denen diese Entwicklung verschieden weit gediehen ist und die deshalb noch nicht zur aktiven Einheit kommen können. Die Symptome der letzten Revolutionsbewegungen weisen darauf hin, dass das ganze Reich, wie Zentraleuropa überhaupt, sich auflöst, dass die Volksmassen nach Schichten wie nach Regionen auseinanderfallen, deren jede zuerst auf eigene Faust vorgeht, hier sich zu bewaffnen weiß und die politische Gewalt mehr oder weniger an sich zieht, da in Streikbewegungen die bürgerliche Gewalt lähmt, dort sich als eine Bauernrepublik abschließt, anderswo zum Stützpunkt von weißen Garden wird oder in elementaren agrarischen Revolten die feudalen Reste sprengt – die Zerstörung der Kräfte muss offenbar erst gründlich sein, bevor von einem wirklichen Aufbau des Kommunismus die Rede sein kann. Die Aufgabe der kommunistischen Partei kann dabei nicht sein, diese Umwälzung zu schulmeistern und vergebliche Versuche anzustellen, sie in eine Zwangsjacke überlieferter Formen zu pferchen, sondern überall die Kräfte der proletarischen Bewegung zu unterstützen, die spontanen Aktionen zusammenzufassen, ihnen das Bewusstsein ihres Zusammenhanges im großen Rahmen zu geben, dadurch die Vereinheitlichung der zersplitterten Aktionen vorzubereiten und sich so an die Spitze der Gesamtbewegung zu stellen.

Die erste Phase der Auflösung des Kapitalismus, gleichsam ihre Einleitung, sehen wir in den Ententeländern, wo seine Herrschaft noch unerschüttert ist, als ein unaufhaltsames Zurücklaufen der Produktion und der Valuta, ein Überhandnehmen des Streiks und eine starke Arbeitsunlust im Proletariat. Die zweite Phase, die Zeit der Konterrevolution, d. h. der politischen Herrschaft der Bourgeoisie im Zeitalter der Revolution, bedeutet den völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch; wir können sie am besten in Deutschland und im übrigen Zentraleuropa studieren. Wäre sofort nach der politischen Umwälzung ein kommunistisches System aufgetreten, so hätte, sogar trotz der Friedensverträge von Versailles und St. Germain, trotz Erschöpfung und Armut, ein organisierter Aufbau beginnen können. Aber Ebert-Noske dachten so wenig wie Renner-Bauer an den organisierten Aufbau; sie ließen der Bourgeoisie die freie Hand und sahen es nur als ihre Aufgabe an, das Proletariat niederzuhalten. Die Bourgeoisie handelte, d. h. jeder Kapitalist handelte, wie es seiner Natur als Bourgeois entspricht; jeder hatte nur diesen einen Gedanken, möglichst viel Profit machen, für sich persönlich aus dem Zusammenbruch zu retten, was zu retten war. Es wurde zwar in Zeitungen und Manifesten von der Notwendigkeit geredet, das ökonomische Leben durch geordnete Arbeit wieder aufzubauen, aber das war bloß für die Arbeiter gemeint, um den harten Zwang zur intensivsten Arbeit trotz ihrer Erschöpfung mit schönen Phrasen zu verkleiden. In Wirklichkeit kümmerte sich selbstverständlich kein einziger Bourgeois um den wirtschaftlichen Aufbau als allgemeines Volksinteresse, sondern nur um seinen persönlichen Gewinn. Zuerst wurde der Handel wieder, wie in der Urzeit, das wichtigste Mittel zur Bereicherung; das Sinken der Valuta bot die Gelegenheit, alles ins Ausland zu verkaufen – Rohstoffe, Lebensmittel, Produkte, Produktionsmittel – was für den wirtschaftlichen Aufbau oder die bloße Existenz der Massen nötig gewesen wäre, und weiter die Fabriken selbst und die Eigentumsmittel. Das Schiebertum beherrscht alle bürgerlichen Schichten, von einer zügellosen Korruption des Beamtentums unterstützt. So wurde alles, was vom alten Besitz übrig geblieben war und nicht als Kriegsentschädigung abgegeben werden musste, von den „Leitern der Produktion“ ins Ausland verschoben. Und ähnlich trat auf dem Gebiet der Produktion die private Profitsucht auf, die durch ihre völlige Gleichgültigkeit für das Gemeinwohl das Wirtschaftsleben herunterbringt. Um den Proletariern die Akkordarbeit und verlängerte Arbeitszeit aufzwingen zu können oder die rebellischen Elemente unter ihnen los zu werden, wurden sie ausgesperrt und die Betriebe stillgelegt, unbekümmert um die Stagnation, die dadurch in der übrigen Industrie entstand. Dazu kam die Unfähigkeit der bürokratischen Leitung der Staatsbetriebe, die zur völligen Bummelei wurde, da die kräftige Hand der Regierung von oben fehlte. Beschränkung der Produktion, das altprimitive Mittel zur Steigerung der Preise, aber unter einem blühenden Kapitalismus infolge der Konkurrenz undurchführbar, kam wieder zu Ehren. In den Börsennachrichten scheint der Kapitalismus wieder aufzublühen, aber die hohen Dividenden sind ein Aufzehren des letzten Besitzes und werden selbst in Luxus verjubelt. Was wir in Deutschland in dem letzten Jahr beobachteten, ist nicht etwas Auffälliges, sondern die Wirkung des allgemeinen Charakters der Bourgeoisie als Klasse. Ihr einziges Ziel ist und war immer der persönliche Profit, im normalen Kapitalismus hält dieser Trieb die Produktion im Gang, im untergehenden Kapitalismus bewirkt er die völlige Zerstörung der Wirtschaft. Und daher wird es mit anderen Ländern denselben Weg gehen; ist einmal die Produktion bis zu einer gewissen Höhe zerrüttet und ist die Valuta stark gesunken, dann wird, wenn der privaten Gewinnsucht der Bourgeoisie freie Bahn gelassen wird – und das ist die Bedeutung der politischen Herrschaft der Bourgeoisie unter der Larve irgendwelcher nichtkommunistischen Partei – auch der völlige Untergang der Wirtschaft das Resultat sein.

Die Schwierigkeiten des Neuaufbaues, vor die sich das westeuropäische Proletariat unter solchen Umständen gestellt sieht, sind ungeheuer viel größer, als sie in Russland waren – die nachherige Verwüstung der industriellen Produktivkräfte durch Koltschak und Denikin gibt eine schwache Ahnung davon. Er kann nicht warten, bis eine neue politische Ordnung hergestellt ist, er muss schon im Prozess der Revolution begonnen werden, indem überall, wo das Proletariat die Macht ergreift, sofort eine Ordnung der Produktion durchgeführt wird, und die Verfügungsgewalt der Bourgeoisie über die materiellen Elemente des Lebens aufgehoben wird. Die Betriebskontrolle kann dazu dienen, in den Werkstätten die Verwendung der Waren zu überwachen; aber es ist klar, dass damit nicht alle gemeinschädlichen Schiebungen der Bourgeoisie erfasst werden. Dazu ist die volle bewaffnete politische Gewalt und ihre schärfste Handhabung nötig. Wo die Wucherer rücksichtslos ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl das Volksgut verschleudern, wo die bewaffnete Reaktion blindlings mordet und zerstört, muss das Proletariat rücksichtslos eingreifen und kämpfen, das Gemeinwohl, das Leben des Volkes zu schützen.

Die Schwierigkeiten der Neuorganisation einer völlig vernichteten Gesellschaft sind so groß, dass sie von vornherein unüberwindlich erscheinen, so dass es auch absolut unmöglich ist, im Voraus ein Programm für die Rekonstruktion aufzustellen. Aber sie müssen überwunden werden, das Proletariat wird sie überwinden durch die grenzenlose Selbstaufopferung und Hingabe, durch die unendliche Kraft der Seele und des Geistes, durch die ungeheuren psychischen und moralischen Energien, die die Revolution in seinem geschwächten und gemarterten Leib zu wecken vermag.

Ein paar Fragen mögen andeutungsweise erörtert werden. Die Frage der technischen Industriebeamten wird nur zeitweilig Schwierigkeiten geben, trotzdem sie absolut bürgerlich denken und einer proletarischen Herrschaft in tiefster Feindschaft gegenüberstehen, werden sie sich schließlich doch fügen. Das Ingangbringen von Verkehr und Industrie wird vor allem eine Frage der Zufuhr von Rohstoffen sein; und diese Frage fällt mit der Frage der Lebensmittel zusammen. Die Lebensmittelfrage ist die Kernfrage der westeuropäischen Revolutionen, da die stark industrialisierte Bevölkerung schon unter dem Kapitalismus nicht ohne fremde Zufuhr auskommen konnte. Die Lebensmittelfrage der Revolution ist aber aufs engste mit der ganzen Agrarfrage verknüpft, und die Prinzipien einer kommunistischen Regelung der Landwirtschaft müssen schon auf die Maßnahmen zur Steuerung des Hungers während der Revolution von Einfluss sein. Die Junkergüter, der Großgrundbesitz ist reif zur Enteignung und kollektiven Bewirtschaftung; das Kleinbauerntum wird von aller kapitalistischen Ausbeutung befreit und durch Unterstützung mit allen Mitteln der Staatshilfe und Kooperation auf den Weg intensiver Kultur geleitet werden; das mittlere Bauerntum, das zum Beispiel in West- und Südwestdeutschland die Hälfte des Bodens besitzt, das stark individualistisch, also antikommunistisch denkt, aber eine noch unerschütterliche wirtschaftliche Stellung einnimmt, also nicht zu expropriieren ist, wird man durch Regelung des Produktenaustausches und Förderung der Produktivität in den Kreis des gesamten Wirtschaftsprozesses einzufügen haben – erst der Kommunismus wird in der Landwirtschaft die Entwicklung zur höchsten Produktivität und die Aufhebung der Individualwirtschaft einleiten, die der Kapitalismus in der Industrie gebracht hat. Daraus ergibt sich, dass die Arbeiter die Gutsbesitzer als feindliche Klasse, die Landarbeiter und Kleinbauern als ihre Verbündeten in der Revolution anzusehen haben, während sie keinen Anlass haben, sich die Mittelbauern zu Feinden zu machen, wenn diese im voraus auch feindlich gesinnt sein mögen. Das bedeutet, dass, solange ein Austausch von Gütern noch nicht geregelt ist – in der ersten chaotischen Zeit – eine Requisition von Lebensmitteln bei diesen Bauernschichten nur als Notmaßnahme, als absolut unvermeidlicher Ausgleich des Hungers zwischen Stadt und Land, stattfinden kann. Der Kampf gegen den Hunger wird vor allem durch die Einfuhr von außen geführt werden müssen. Sowjetrussland wird mit seinen reichen Hilfsquellen an Lebensmitteln und Rohstoffen der Retter und Ernährer der westeuropäischen Revolution sein. Deshalb vor allem ist die Erhaltung und die Unterstützung Sowjetrusslands für die westeuropäische Arbeiterklasse das allerhöchste und ureigenste Lebensinteresse.

Der neue Aufbau der Wirtschaft, so ungeheuer schwierig er sein wird, ist nicht das erste Problem, das die Kommunistische Partei zu beschäftigen hat. Wenn die proletarischen Massen ihre höchste geistige und sittliche Kraft entfalten, werden sie es lösen. Die erste Aufgabe der Kommunistischen Partei ist, diese Kraft zu wecken und zu fördern. Sie hat alle überkommenen Ideen, die das Proletariat ängstlich und unsicher machen, auszurotten, allem, was in den Arbeitern Illusionen über leichtere Wege weckt und sie von den radikalsten Maßnahmen zurückhält, entgegenzusetzen, alle Tendenzen, die auf halbem Wege oder bei Kompromissen stehen bleiben, energisch zu bekämpfen. Und solche Tendenzen gibt es noch viele.
 

VII

Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus wird nicht nach dem einfachen Schema: Eroberung der politischen Gewalt, Einführung der Rätesysteme, Aufhebung der Privatwirtschaft, stattfinden, wenn dies auch die große Entwicklungslinie abgibt. Das wäre nur möglich, wenn man gleichsam im Leeren aufbauen könnte. Aber aus dem Kapitalismus sind Betriebs- und Organisationsformen entstanden, die ihren festen Boden im Bewusstsein der Massen haben und selbst erst in einem Prozess politischer und wirtschaftlicher Revolution umgewälzt werden können. Von den Betriebsformen erwähnten wir schon die agrarischen Formen, die eine besondere Entwicklung durchmachen. In der Arbeiterklasse sind unter dem Kapitalismus Organisationsformen entstanden – nach den Ländern in Einzelheiten verschieden –, die eine starke Macht darstellen, die nicht sofort zu beseitigen sind und die daher eine bedeutsame Rolle im Verlauf der Revolution spielen werden.

Das gilt zuerst von den politischen Parteien. Die Rolle der Sozialdemokratie in der heutigen Krise des Kapitalismus ist genügend bekannt, aber in Zentraleuropa bald ausgespielt. Auch ihre radikalsten Teile (wie die USP in Deutschland) wirken nicht nur dadurch schädlich, dass sie das Proletariat spalten, sondern vor allem, weil sie durch ihre sozialdemokratischen Ideen – die Herrschaft politischer Führer, die durch ihre Taten und Verhandlungen die Geschicke des Volkes lenken – immer wieder die Massen verwirren und von der Aktion zurückhalten. Und wenn eine Kommunistische Partei sich als parlamentarische Partei konstituiert, die statt der Klassendiktatur die Diktatur der Partei, das heißt die Diktatur der Parteiführer verwirklichen will, so kann sie auch zu einem Hemmnis werden der Entwicklung. Die Haltung der Kommunistischen Partei Deutschlands während der revolutionären Märzbewegung, als sie erklärte, das Proletariat sei noch nicht reif zur Diktatur und sie werde deshalb, wenn eine „rein sozialistische Regierung“ zustande käme, zu ihr als „loyale Opposition“ auftreten, also das Proletariat vom schärfsten revolutionären Kampf gegen eine solche Regierung zurückhalten, hat auch schon von verschiedenen Seiten Kritik erfahren. [2]

Eine Regierung sozialistischer Parteiführer kann im Verlaufe der Revolution als Zwischenform auftreten; in ihr kommt dann das augenblickliche Verhältnis der revolutionären und bürgerlichen Kräfte zum Ausdruck, und sie hat die Tendenz, das augenblickliche Verhältnis der Zerstörung des Alten und der Ausbildung des Neuen als das Ergebnis der Revolution festzuhalten und zu verewigen. Sie wäre so etwas wie eine radikalere Neuauflage der Ebert-Haase-Dittmann-Regierung. Was von einer solchen Regierung zu erwarten ist, ergibt sich aus ihrer Grundlage: ein scheinbares Gleichgewicht der feindlichen Klassen, aber unter einem Übergewicht der Bourgeoisie, eine Mischung von parlamentarischer Demokratie mit einer Art Rätesystem für die Arbeiter, Sozialisierung, durch das Veto des Entente-Imperialismus beschränkt, unter Erhaltung des Kapitalprofits, vergebliche Versuche, das scharfe Aufeinanderprallen der Klassen zu verhindern. Die dabei geprellt werden, sind immer die Arbeiter. Eine solche Regierung kann nicht nur nichts zum Aufbau tun, sie versucht es nicht einmal, da ihr einziges Ziel ist, die Revolution auf halbem Wege in ihrem Lauf aufzuhalten. Da sie sowohl den weiteren Abbruch des Kapitalismus zu verhindern sucht, wie die Ausbildung der vollen politischen Gewalt des Proletariats, wirkt sie direkt konterrevolutionär. Die Kommunisten können nicht anders, als in der rücksichtslosesten Weise eine solche Regierung bekämpfen.

Sowie in Deutschland die Sozialdemokratie die führende Organisation des Proletariats war, hat in England die Gewerkschaftsbewegung durch eine fast hundertjährige Geschichte die tiefsten Wurzeln in der Arbeiterklasse. Hier ist es schon lange das Ideal der jüngeren radikalen Gewerkschaftsführer – Robert Smillie mag als ihr Typus gelten –, dass die Arbeiterklasse mittels der Organisation der Gewerkschaften die Gesellschaft beherrscht. Auch die revolutionären Syndikalisten und die Wortführer der IWW in Amerika – obgleich der Dritten Internationale angeschlossen – denken sich die künftige Herrschaft des Proletariats vorwiegend in solcher Gestalt. Die radikalen Gewerkschaftler betrachten das Sowjetsystem nicht als die reinste Form proletarischer Diktatur, sondern vielmehr als eine Regierung von Politikern und Intelligenzlern, die auf einer aus Arbeiterorganisationen bestehenden Grundlage aufgebaut ist. Dagegen ist die Gewerkschaftsbewegung für sie die natürliche selbstgeschaffene Klassenorganisation des Proletariats, das sich darin selbst regiert und die ganze Arbeit beherrschen soll. Ist das alte Ideal der „industriellen Demokratie“ verwirklicht und die Gewerkschaft Meister in der Fabrik, dann wird ihr gemeinsames Organ, der Gewerkschaftskongress, die Funktion der Leitung und Verwaltung des wirtschaftlichen Gesamtprozesses übernehmen. Er ist dann das wirkliche „Parlament der Arbeit“, das an die Stelle des alten bürgerlichen Parteienparlaments tritt. Allerdings schreckt man in diesen Kreisen oft noch vor einer einseitigen und „ungerechten“ Klassendiktatur als Verstoß gegen die Demokratie zurück; die Arbeit soll herrschen, aber die anderen sollen nicht rechtlos sein. Dementsprechend könnte neben dem Arbeitsparlament, das die Grundlage alles Lebens, die Arbeit, verwaltet, ein durch allgemeines Wahlrecht gewähltes zweites Haus als Vertretung des ganzen Volkes kommen und seinen Einfluss auf öffentliche, kulturelle und allgemein politische Fragen ausüben.

Diese Auffassung einer Regierung von Gewerkschaften soll nicht mit dem „Laborism“ verwechselt werden, der Politik der „Labourparty“, die die Gewerkschaftler jetzt führen. Dies ist ein Eindringen der Gewerkschaften in das heutige bürgerliche Parlament, indem sie eine „Arbeiterpartei“ bilden auf gleichen Fuß mit den anderen Parteien und danach streben, an ihrer Stelle Regierungspartei zu werden. Diese Partei ist völlig bürgerlich, und zwischen Henderson und Ebert ist nicht viel Unterschied. Sie wird der englischen Bourgeoisie die Gelegenheit bieten – sobald es durch den drohenden Druck von unten nötig ist – auf breiterer Basis ihre alte Politik fortzusetzen, die Arbeiter dadurch schwach zu halten und irrezuführen, dass ihre Führer in die Regierung aufgenommen werden. Eine Regierung der Arbeiterpartei – die vor einem Jahr bei der revolutionären Stimmung der Massen nahe schien, die aber die Führer selbst seitdem durch die Niederhaltung der radikalen Strömung wieder in weite Ferne gerückt haben – wäre ähnlich wie die Ebertregierung in Deutschland nur eine Regierung für die Bourgeoisie. Aber es muss sich noch zeigen, ob die weitblickende kluge englische Bourgeoisie sich selbst nicht viel besser als diesen Arbeiterbürokraten die Einseifung und Niederhaltung der Massen zutraut.

Eine reine Gewerkschaftsregierung nach radikaler Auffassung steht gegenüber dieser Arbeiterparteipolitik, diesem „Laborism“, wie Revolution gegenüber Reform steht. Nur eine wirkliche Revolution der politischen Verhältnisse – ob gewaltsam oder nach alten englischen Mustern – kann sie herbeiführen; und im Bewusstsein der breiten Massen wäre dies dann die Eroberung der Herrschaft durch das Proletariat. Aber dennoch ist sie von dem Ziel des Kommunismus durchaus verschieden. Sie beruht auf der beschränkten Ideologie, die sich im Gewerkschaftskampf entwickelt, wo man nicht das Weltkapital als Ganzes in allen seinen verschlungenen Formen, nicht das Finanzkapital, nicht das Bankkapital, das agrarische Kapital, das Kolonialkapital, sondern nur seine industrielle Form sich gegenüber sieht. Sie stützt sich auf die marxistische Ökonomie, wie sie jetzt in der englischen Arbeiterwelt eifrig studiert wird, die die Produktion als Ausbeutungsmechanismus zeigt, aber ohne die tiefere marxistische Gesellschaftslehre, den historischen Materialismus. Sie weiß, dass die Arbeit die Grundlage der Welt bildet und will daher, dass die Arbeit die Welt beherrscht; aber sie sieht nicht, wie alle abstrakte Gebiete des politischen und geistigen Lebens durch die Produktionsweise bedingt werden, und sie ist deshalb geneigt, diesen der bürgerlichen Intelligenz zu überlassen, wenn diese nur die Vorherrschaft der Arbeit anerkennt. Eine solche Arbeiterregierung wäre in Wirklichkeit eine Regierung der Gewerkschaftsbürokratie, die sich ergänzt durch den radikalen Teil der alten Staatsbürokratie, denen sie als Sachverständigen die Spezialgebiete der Kultur, der Politik und dergleichen überlässt. Ihr wirtschaftliches Programm wird voraussichtlich auch nicht mit der kommunistischen Enteignung zusammenfallen, sondern nur auf die Enteignung des Großkapitals, des Wucher-, Bank- und Bodenkapitals gerichtet sein, während der „redliche“ Unternehmerprofit der von diesem Großkapital gerupften und beherrschten kleineren Unternehmer geschont wird. Es ist auch fraglich, ob sie in der Kolonialfrage, diesem Lebensnerv der herrschenden Klasse Englands, den Standpunkt völliger Freiheit für Indien einnehmen wird, der wesentlich zum kommunistischen Programm gehört.

In welcher Weise, in welchem Maße und in welcher Reinheit sich eine solche politische Form verwirklichen wird, ist nicht vorauszusägen; wir können nur die allgemeinen Triebkräfte und Tendenzen, die abstrakten Typen erkennen, aber nicht die überall verschiedenen konkreten Formen und Mischungen, in denen sie realisiert werden. Die englische Bourgeoisie hat immer die Kunst verstanden, durch partielle Konzessionen im richtigen Moment von revolutionären Zielen zurückzuhalten, inwieweit sie auch in Zukunft diese Taktik befolgen kann, wird vor allem von der Tiefe der wirtschaftlichen Krise abhängen. Wird in ungeregelten industriellen Revolten die Gewerkschaftsdisziplin von unten zerrieben, während der Kommunismus die Massen ergreift, dann werden die radikalen und reformistischen Gewerkschaftler sich auf einer mittleren Linie zusammenfinden; geht der Kampf scharf gegen die alte reformistische Führerpolitik, dann werden radikale Gewerkschaftler und Kommunisten Hand in Hand gehen.

Diese Tendenzen sind nicht auf England beschränkt. In allen Ländern bestehen Gewerkschaften als die mächtigsten Arbeiterorganisationen; sobald durch einen politischen Zusammenstoß die alte Gewalt stürzt, wird sie naturgemäß der bestorganisierten und einflussreichsten Macht zufallen, die dann vorhanden ist. In Deutschland bildeten die Gewerkschaftsvorstände im November 1918 die konterrevolutionäre Garde hinter Ebert; und bei der letzten Märzkrise traten sie auf die politische Bühne, mit dem Versuch, einen direkten Einfluss auf die Bildung der Regierung zu erwerben. Bei diesen Stützen der Ebert-Regierung handelte es sich dabei nur darum, durch den Trug einer „Regierung unter Kontrolle der Arbeiterorganisation“ das Proletariat noch schlauer einzuseifen. Aber es zeigt, dass hier die gleiche Tendenz vorhanden ist wie in England. Und wenn auch die Legien und Bauer zu sehr konterrevolutionär kompromittiert sind, neue radikalere Gewerkschaftler der USP-Richtung werden an ihre Stelle treten – so wie im vorigen Jahr die Unabhängigen unter Dissmann schon die Leitung des großen Metallarbeiterverbandes eroberten. Wenn eine revolutionäre Bewegung die Ebert-Regierung stürzt, wird zweifellos – neben der KP oder gegen sie – diese festorganisierte Macht von sieben Millionen Mitgliedern dabei sein, die politische Gewalt zu ergreifen.

Eine solche „Regierung der Arbeiterklasse“ mittels der Gewerkschaften kann nicht stabil sein, wenn sie sich bei einem langsamen ökonomischen Zersetzungsprozess auch lange wird behaupten können, so wird sie in einer akuten Revolution nur als schwankender Übergangszustand bestehen können. Ihr Programm, wie oben skizziert; kann nicht radikal sein. Eine Richtung aber, die solche Maßnahmen, nicht wie der Kommunismus, höchstens als zeitweilige Zwischenform zulässt, die er bewusst in der Richtung einer kommunistischen Organisation weiterentwickelt, sondern als definitives Programm betrachtet, muss notwendig im Gegensatz zu und in Streit mit den Massen kommen. Erstens, weil sie die bürgerlichen Elemente nicht völlig machtlos macht, sondern ihnen in der Bürokratie und vielleicht im Parlament eine gewisse Machtposition überlässt, von der aus sie den Klassenkampf weiter führen können. Die Bourgeoisie wird trachten, diese Machtpositionen zu stärken, während das Proletariat, weil es in solcher Weise die feindliche Klasse nicht vernichten kann, versuchen muss, das reine Sowjetsystem als Organ seiner Diktatur durchzuführen, in diesem Kampfe zweier kräftiger Gegner wird der ökonomische Aufbau unmöglich. [3] Und zweitens, weil eine solche Regierung von Gewerkschaftsführern die Probleme, die die Gesellschaft stellt, nicht lösen kann. Denn diese sind nur zu lösen durch die eigene Initiative und Aktivität der proletarischen Masse, die durch eine so opferwillige, grenzenlose Begeisterung getrieben wird, wie sie nur der Kommunismus mit seinen Perspektiven völliger Freiheit und höchster geistiger und sittlicher Erhebung wecken kann. Eine Richtung, die die materielle Armut und Ausbeutung aufheben will, sich aber bewusst darauf beschränkt, den bürgerlichen Überbau nicht antastet und nicht zugleich den ganzen geistigen Ausblick, die Ideologie des Proletariats umzuwälzen weiß, kann diese mächtigen Energien in den Massen nicht auslösen; aber daher wird sie auch unfähig sein, das materielle Problem, den wirtschaftlichen Aufbau, zu lösen und das Chaos zu heben.

Ähnlich wie die „rein sozialistische“ Regierung wird die Gewerkschaftsregierung das augenblickliche Ergebnis des Revolutionsprozesses festzuhalten und zu stabilisieren versuchen – nur in einem viel weiteren Entwicklungsstadium, wenn die Vorherrschaft der Bourgeoisie zerstört ist und ein gewisses Gleichgewicht der Klassen unter Vorherrschaft des Proletariats eingetreten ist; wenn nicht der ganze Kapitalprofit mehr zu erhalten ist, sondern nur seine weniger anstößige kleinkapitalistische Form; wenn nicht mehr der bürgerliche, sondern der sozialistische Aufbau ernsthaft versucht wird, sei es auch mit ungenügenden Mitteln. Ihre Bedeutung ist also die einer letzten Zuflucht der bürgerlichen Klasse. Wenn die Bourgeoisie sich gegen den Ansturm der Massen auf der Linie Scheidemann-Henderson-Renaudel nicht mehr halten kann, zieht sie sich auf ihre letzte Rückzugslinie Smillie-Dissmann-Merrheim zurück. Kann sie durch „Arbeiter“ in einer bürgerlichen oder sozialistischen Regierung das Proletariat nicht mehr betrügen, so kann sie nur noch durch eine „Regierung von Arbeiterorganisationen“ das Proletariat von seinen fernsten radikalen Zielen zurückzuhalten suchen, um so einen Teil ihrer Vorzugsstellung zu erhalten. Der Charakter einer solchen Regierung ist konterrevolutionär, insoweit sie die notwendige Entwicklung der Revolution zur völligen Zerstörung der bürgerlichen Welt und zum völligen Kommunismus von dem Verfolgen seiner größten und klarsten Ziele zurückzuhalten sucht. Der Kampf der Kommunisten mag jetzt oft mit dem der radikalen Gewerkschaftler parallel laufen; aber es wäre eine schädliche Taktik, dabei die Gegensätze in Prinzip und Ziel nicht scharf hervorzuheben. Und diese Betrachtungen haben auch eine Bedeutung für das Verhalten der Kommunisten den heutigen Gewerkschaftsverbänden gegenüber; alles, was dazu beiträgt, ihre Geschlossenheit und ihre Kraft zu stärken, stärkt die Macht, die sich künftig dem Fortschreiten der Revolution in den Weg stellt. Wenn der Kommunismus einen starken und prinzipiellen Kampf gegen diese politische Übergangsform führt, ist er der Vertreter der lebendigen revolutionären Tendenzen im Proletariat. Dieselbe revolutionäre Aktion des Proletariats, die dadurch, dass sie den bürgerlichen Machtapparat bricht, die Bahn für die Herrschaft der Arbeiterbürokratie öffnet, treibt die Massen zugleich zur Schaffung ihrer eigenen Organe, der Räte, die sofort die bürokratische Maschinerie der Gewerkschaften in ihren Grundlagen untergraben. Der Aufbau des Sowjetsystems ist zugleich der Kampf des Proletariats, die unvollkommene Form der Diktatur durch die vollkommene Diktatur zu ersetzen. Aber bei der intensiven Arbeit, die alle nie aufhörende Versuche zur „Neuorganisation“ der Wirtschaft erfordern, wird eine Führerbürokratie noch lange eine große Macht behalten können und die Fähigkeit der Massen, sich ihrer zu entledigen, nur langsam wachsen. Diese verschiedenen Formen und Phasen der Entwicklung folgen einander auch nicht in der abstrakt-regelmäßigen Weise, wie wir sie logisch als Ausdruck verschiedener Reifegrade der Entwicklung hintereinander setzen, sondern laufen nebeneinander her, vermischen und durchkreuzen sich als ein Chaos sich ergänzender, bekämpfender und ablösender Tendenzen, in deren Kampf sich die Gesamtentwicklung der Revolution entzieht. „Proletarische Revolutionen“, sagte schon Marx, „kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihre Gegner nur niederzuwerfen, damit es neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte ...“. Die Mächte, die aus dem Proletariat selbst aufwachsen als Ausdruck seiner unzulänglichen Kraft, müssen im Prozess der Entwicklung dieser Kraft – einer Entwicklung in Gegensätzen, also katastrophal, durch Kampf – überwunden werden. Im Anfang war die Tat, aber sie bildet nur den Anfang. Eine Herrschaft zu stürzen, erfordert einen Augenblick einheitlichen Willens, aber nur die bleibende Einheit – die nur möglich ist durch die klare Einsicht – vermag den Sieg festzuhalten. Sonst kommt der Rückschlag, der keine Rückkehr der alten Herrscher ist, sondern eine neue Herrschaft in neuen Formen, mit neuen Personen und neuen Illusionen. Jede neue Phase der Revolution bringt eine neue Schicht noch unverbrauchter Führer als Vertreter bestimmter Organisationsformen an die Oberfläche, deren Überwindung wieder eine höhere Stufe der Selbstbefreiung des Proletariats verkörpert. Die Kraft des Proletariats ist nicht nur die forsche Kraft der einmaligen gewaltigen Tat, die den Feind niederschlägt, sondern die geistige Kraft, die die alte geistige Abhängigkeit überwindet und so mit starkem Griff festzuhalten weiß, was im Sturmangriff erobert wurde. Das Wachstum dieser Kraft im Auf- und Niedergang der Revolution ist das Wachstum der proletarischen Freiheit.
 

VIII

Während in Westeuropa der Kapitalismus immer mehr zusammenbricht, wird in Russland mit ungeheuren Schwierigkeiten die Produktion unter einer neuen Ordnung aufgebaut. Die Herrschaft des Kommunismus bedeutet nicht, dass die Produktion völlig kommunistisch geordnet ist– dies ist erst durch einen längeren Entwicklungsprozess möglich – sondern dass die Arbeiterklasse mit bewusster Absicht die Produktion in der Richtung zum Kommunismus entwickelt. (4) Diese Entwicklung kann zu jeder Zeit nicht weiter gehen, als die vorhandenen technischen und gesellschaftlichen Grundlagen zulassen, sie muss daher Übergangsformen zeigen, in denen Reste der alten bürgerlichen Welt hervortreten. Nach dem, was wir in Westeuropa über die russischen Zustände erfahren, sind diese auch in der Tat vorhanden.

Russland ist ein riesiges Bauernland, die Industrie hat sich nicht, wie in Westeuropa, zu dem unnatürlichen Umfang einer „Werkstätte“ der Welt entwickelt, die Ausfuhr und Expansion zu einer Lebensfrage machte, aber gerade genug, um eine industrielle Arbeiterklasse zu bilden, die fähig war, als eine entwickelte Klasse die Leitung der Gesellschaft in die Hand zu nehmen. Die Landwirtschaft beschäftigt die Volksmasse, und darin bilden die modernen Grossbetriebe eine, obgleich für die kommunistische Entwicklung wertvolle, Minderheit. Den Hauptteil bilden die Kleinbetriebe, nicht die elenden ausgebeuteten Kleinbetriebe Westeuropas, sondern Betriebe, die den Bauern Wohlfahrt sichern und die die Sowjetregierung durch materielle Versorgung mit Hilfsstoffen und Werkzeugen sowie durch intensiven, kulturellen und fachwissenschaftlichen Unterricht in immer festere Verbindung mit dem Ganzen zu bringen sucht. Dennoch ist es selbstverständlich, dass diese Betriebsform einen gewissen individualistischen, dem Kommunismus fremden Geist erzeugt, der bei den „reichen Bauern“ zu einer feindlichen, regelrecht antikommunistischen Gesinnung wird. Darauf hat zweifellos die Entente mit ihrem Projekt des Handels mit Genossenschaften spekuliert, um dadurch, dass sie diese Schichten in den Kreis bürgerlicher Profitsucht zu ziehen versuchte, eine bürgerliche Gegenbewegung zu entfachen. Weil aber doch ein zu großes Interesse, die Furcht vor der feudalen Reaktion, sie mit der heutigen Regierung verbindet, müssen solche Versuche fehlschlagen, und wenn der westeuropäische Imperialismus untergeht, so verschwindet diese Gefahr völlig.

Die Industrie ist vorwiegend zentral geregelte, ausbeutungslose Produktion, sie ist das Herz der neuen Ordnung, auf das industrielle Proletariat stützt sich die Leitung des Staates. Aber auch diese Produktion befindet sich in einem Übergangszustand; die technischen und Verwaltungsbeamten in Fabrik und Staatswesen üben eine größere Macht aus, als zum entwickelten Kommunismus passt. Die Notwendigkeit, rasch die Produktion zu heben, und noch mehr die Notwendigkeit, eine gute Armee gegen die Angriffe der Reaktion zu schaffen, nötigte dazu, im raschesten Tempo dem Mangel an führenden Kräften abzuhelfen; der drohende Hunger und die feindlichen Angriffe gestatten nicht, alle Kraft auf die Hebung – im langsameren Tempo – der allgemeinen Fähigkeit und Entwicklung aller als Basis eines kommunistischen Gemeinwesens zu verwenden. So musste aus den neuen Führern und Beamten eine neue Bürokratie entstehen, die die Reste der alten Bürokratie in sich aufnahm und deren Vorhandensein bisweilen als eine Gefahr der neuen Ordnung mit Besorgnis betrachtet wird. Diese Gefahr kann nur durch eine breite Entwicklung der Massen beseitigt werden, daran wird mit Feuereifer gearbeitet, aber ihre dauernde Grundlage wird erst von dem kommunistischen Überfluss gebildet werden, wodurch der Mensch aufhört, Sklave seiner Arbeit zu sein. Nur der Überfluss schafft die materielle Bedingung für Freiheit und Gleichheit; solange der Kampf gegen die Natur und gegen die Kapitalmächte noch ein schwerer Kampf ist, wird eine übermäßige Spezialisierung nötig bleiben.

Es ist bemerkenswert, dass nach unserer Untersuchung die verschiedene Entwicklung in Westeuropa – wo wir sie erst im weiteren Fortgang der Revolution voraussehen – und in Russland dieselbe politisch-wirtschaftliche Struktur hervorbringt: eine kommunistisch geregelte Industrie, in der Arbeiterräte das Element der Selbstverwaltung bilden, unter technischer Leitung und politischer Herrschaft einer Arbeiterbürokratie, während daneben die Landwirtschaft in dem vorherrschenden Klein- und Mittelbetrieb einen individualistischkleinbürgerlichen Charakter behält. Aber diese Übereinstimmung ist doch nicht sonderbar, da eine solche soziale Struktur nicht durch die politische Vorgeschichte, sondern durch technisch-wirtschaftliche Grundbedingungen bestimmt wird – die Entwicklungsstufe der industriellen und landwirtschaftlichen Technik sowie der Massenbildung – die da wie dort die gleichen sind. []5) Aber bei dieser Übereinstimmung besteht ein großer Unterschied in Bedeutung und Ziel. In Westeuropa bildet diese politisch-ökonomische Struktur einen Übergangszustand, auf dem in letzter Linie die Bourgeoisie ihren Untergang aufzuhalten sucht, während in Russland versucht wird, die Entwicklung bewusst in die Richtung des Kommunismus weiterzusteuern. In Westeuropa bildet sie eine Phase im Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, in Russland eine Phase in dem neuen wirtschaftlichen Aufbau. Unter gleichartigen äußeren Formen befindet sich Westeuropa auf der niedergehenden Linie einer untergehenden Kultur, Russland in der aufsteigenden Bewegung einer neuen Kultur.

Als die russische Revolution noch jung war und schwach und ihre Rettung von dem baldigen Ausbruch der europäischen Revolution erwartete, herrschte eine andere Auffassung über ihre Bedeutung. Russland ist, so hieß es damals, nur ein Außenposten der Revolution, wo durch eine zufällige Gunst der Umstände das Proletariat so früh die Macht ergreifen konnte; aber dieses Proletariat ist schwach und ungebildet und verschwindet beinahe in den endlosen Bauernmassen. Das Proletariat des wirtschaftlich rückständigen Russland kann nur zeitweilig voranschreiten; sobald die Riesenmassen des westeuropäischen Proletariats aufstehen werden, mit ihren Kenntnissen und ihrer Durchbildung, mit ihrer technischen und organisatorischen Schulung, und die Herrschaft über die entwickeltsten Industrieländer mit alter reicher Kultur übernehmen, dann wird man ein Aufblühen des Kommunismus erleben, neben dem der dankenswerte russische Anfang doch nur schwach und dürftig erscheinen würde. Wo der Kapitalismus seine höchste Kraft entfaltet – in England, in Deutschland, in Amerika – und die neue Produktionsweise vorbereitet hatte, da lag der Kern und die Kraft der neuen kommunistischen Welt.

Diese Auffassung hielt keine Rechnung mit den Schwierigkeiten der Revolution in Westeuropa. Wo das Proletariat nur langsam zu einer gefestigten Herrschaft kommt und die Bourgeoisie dann und wann die Macht oder Teile der Macht zurückzugewinnen weiß, dort kann von einem Aufbau der Wirtschaft nichts kommen. Ein kapitalistischer Aufbau ist unmöglich; jedes Mal, wenn die Bourgeoisie freie Hand bekommt, schafft sie ein neues Chaos und vernichtet die Grundlagen, die zum Aufbau einer kommunistischen Produktion dienen könnten. Durch blutige Reaktion und Zerstörung verhindert sie immer wieder die Festigung der neuen proletarischen Ordnung. Auch in Russland fand dies statt: die Zerstörung der Industrieanlagen und Bergwerke im Ural und im Donezbecken durch Koltschak und Denikin sowie die Notwendigkeit, die besten Arbeiter und den Hauptteil der Produktionskraft auf den Kampf gegen sie zu verwenden, hat die Wirtschaft tief zerrüttet und den kommunistischen Aufbau schwer geschädigt und zurückgeworfen – und wenn auch die Eröffnung der Handelsbeziehungen mit Amerika und dem Westen den Anfang eines neuen Aufschwungs erheblich fördern kann, so wird doch die größte, aufopferndste Anstrengung der Massen in Russland nötig sein, den Schaden völlig zu beheben. Aber – und darin liegt der Unterschied – in Russland blieb die Sowjetrepublik selbst unerschüttert, als ein organisiertes Zentrum kommunistischer Kraft, das schon eine große innere Festigkeit erworben hatte. In Westeuropa wird nicht weniger zerstört und gemordet werden, da werden auch die besten Kräfte des Proletariats im Kampfe vernichtet werden, aber hier fehlt die Kraftquelle eines schon gefestigten, organisierten, großen Sowjetstaates. Im verheerenden Bürgerkrieg erschöpfen sich die Klassen gegeneinander, und solange kann vom Aufbau nichts kommen, solange bleiben Chaos und Elend herrschend. Das wird das Los der Länder sein, wo das Proletariat nicht sofort mit klarem Blick und einheitlichem Willen seine Aufgabe erkannte, der Länder also, wo die bürgerlichen Traditionen die Arbeiter schwächen und spalten, ihre Augen trüben und ihre Herzen verzagt machen. Jahrzehnte werden nötig sein, um in den alten kapitalistischen Ländern den verpestenden lähmenden Einfluss der bürgerlichen Kultur auf das Proletariat zu überwinden. Und inzwischen bleibt die Produktion brach liegen und wird, wirtschaftlich, das Land zu einer Wüste werden.

Zur selben Zeit, als Westeuropa mühsam sich aus seiner bürgerlichen Vergangenheit emporringt, wirtschaftlich stagniert, blüht im Osten, in Russland, die Wirtschaft in der kommunistischen Ordnung empor. Was die Länder des entwickelten Kapitalismus vor dem rückständigen Osten auszeichnete, war ihr ungeheurer Besitz an materiellen und geistigen Produktionsmitteln – ein dichtes Netz von Eisenbahnen, Fabriken, Schiffen, eine dichte, technisch ausgebildete Bevölkerung. Aber im Zusammenbruch des Kapitalismus, im langen Bürgerkrieg, in der Zeit der Stagnation, wenn zu wenig produziert wird, geht dieser Besitz verloren, wird verbraucht oder zerstört. Die unzerstörbaren Produktivkräfte, die Wissenschaft, die technischen Fähigkeiten, sind nicht an diese Länder gebunden; ihre Träger finden in Russland eine neue Heimat, wohin auch ein Teil des materiellen, technischen Besitzes Europas durch den Handelsverkehr hinübergerettet werden mag. Das Handelsabkommen Sowjetrusslands mit Westeuropa und Amerika, wenn ernsthaft und kräftig durchgeführt, hat die Tendenz, diesen Gegensatz zu stärken, weil es den wirtschaftlichen Aufbau Russlands fördert, während es in Westeuropa den Zusammenbruch verzögert, den Ruin aufhält, dem Kapitalismus eine Atempause verschafft und die revolutionäre Tatkraft der Massen lähmt – auf wie lange und im welchem Maße, steht noch dahin. Politisch wird sich das in einer scheinbaren Stabilisierung einer bürgerlichen oder einer der oben behandelten Regierungsformen zeigen und in einem gleichzeitigen Überhandnehmen des Opportunismus in dem Kommunismus; durch die Anerkennung der alten Kampfmethoden, durch die Teilnahme an der parlamentarischen Arbeit und loyale Opposition in den alten Gewerkschaften werden sich die kommunistischen Parteien in Westeuropa eine legale Position erwerben, ähnlich wie früher die Sozialdemokratie, und wird sich demgegenüber die radikale, revolutionäre Richtung in die Minderheit gedrängt sehen. Ein wirkliches neues Aufblühen des Kapitalismus ist aber durchaus unwahrscheinlich; das Privatinteresse der mit Russland handelnden Kapitalisten wird sich um die Gesamtwirtschaft nicht kümmern und des Profits wegen wichtige Grundelemente der Produktion nach Russland verschleudern; das Proletariat ist auch nicht wieder in die Abhängigkeit zu bringen. Damit wird die Krise schleppend; eine bleibende Besserung ist unmöglich und wird stets wieder aufgehalten; der Prozess der Revolution und des Bürgerkrieges wird aufgeschoben und verlängert, die volle Herrschaft des Kommunismus und der Anfang neuen Aufblühens in eine weitere Zukunft verschoben. Inzwischen erhebt sich im Osten die Wirtschaft unbehindert im kräftigen Aufschwung, eröffnet neue Wege, sich stützend auf die höchste Naturwissenschaft – die der Westen nicht zu gebrauchen weiß – vereint mit der neuen Sozialwissenschaft, der neugewonnenen Herrschaft der Menschheit über ihre eigenen gesellschaftlichen Kräfte. Und diese Kräfte, hundertfach gesteigert durch die neuen Energien, die aus der Freiheit und Gleichheit entsprießen, werden Russland zum Zentrum der neuen kommunistischen Weltordnung machen.

Das wird ja nicht der erste Fall in der Weltgeschichte sein, dass bei dem Übergang zu einer neuen Produktionsweise – oder einer ihrer Phasen – das Zentrum der Welt nach anderen Gegenden der Welt verlegt wurde. Im Altertum wanderte es von Vorderasien nach Südeuropa, im Mittelalter von Süd- nach Westeuropa; mit dem Aufkommen des Kolonial- und Handelskapitals wurde zuerst Spanien, dann Holland und England, mit dem Aufkommen der Industrie wurde England das führende Land. Die Ursachen dieser Wandlungen sind auch in einem allgemeinen Gesichtspunkt zusammenzufassen: Wo die frühere Wirtschaftsform zur höchsten Entfaltung kam, sind die materiellen und geistigen Kräfte, die politisch-rechtlichen Institutionen, die ihre Existenz sichern und zu ihrer vollen Ausbildung nötig sind, so fest ausgebaut worden, dass sie einer Entwicklung zu neuen Formen fast unüberwindliche Widerstände in den Weg legen. So hemmte das Institut der Sklaverei am Ausgang des Altertums die Entwicklung einer feudalen Ordnung; so bewirkten die Zunftgesetze in den großen reichen Städten des Mittelalters, dass die spätere kapitalistische Manufaktur sich nur in anderen, bis dahin unbedeutenden Orten entwickeln konnte; so hemmte die politische Ordnung des französischen Absolutismus, die unter Colbert die Industrie förderte, im späteren 18. Jahrhundert die Einführung der neuen Großindustrie, die England zum Fabrikland machte. Es besteht sogar ein dem entsprechendes Gesetz in der organischen Natur, das als Gegenstück zu Darwins „das Überleben der Passendsten“ mitunter als „survival of the unfitted“, das „Überleben der Nichtangepassten“ bezeichnet wird. Wenn ein Tiertypus – wie zum Beispiel die Saurier im sekundären Zeitalter – sich spezialisiert und differenziert hat zu einem Reichtum an Formen, die allen besonderen Lebensbedingungen jener Zeit völlig angepasst sind, so ist er unfähig zur Entwicklung zu einem neuen Typus geworden: Allerhand Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten sind verloren gegangen und kommen nicht zurück. Die Ausbildung eines neuen Typus geht von den primitiven Urformen aus, die, weil sie undifferenziert sind, alle Entwicklungsmöglichkeiten bewahrt haben, und der anpassungsunfähige alte Typus stirbt aus. Als besonderer Fall dieser organischen Regel ist die Erscheinung zu betrachten – die die bürgerliche Wissenschaft mit der Phantasie einer „Erschöpfung der Lebenskraft“ einer Nation oder Rasse abtut –, dass im Laufe der Geschichte der Menschheit die Führung in der wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Entwicklung fortwährend von einem Volke oder Land auf ein anderes übergeht.

Wir sehen jetzt die Ursachen, wodurch die Vorherrschaft von Westeuropa und Amerika – die die Bourgeoisie so gerne einer geistigsittlichen Überlegenheit ihrer Rasse zuschreibt – verschwinden wird und wohin sie voraussichtlich gehen wird. Neue Länder, wo die Massen nicht durch den Qualm einer bürgerlichen Weltanschauung vergiftet sind, wo durch einen Anfang industrieller Entwicklung ihr Geist aus der alten unbeweglichen Ruhe emporgetrieben wurde und ein kommunistisches Gemeinschaftsempfinden erwachte, wo die Rohstoffe vorhanden sind, um die vom Kapitalismus ererbte höchste Technik zu einer Erneuerung der überlieferten Produktionsformen anzuwenden, wo der Druck von oben kräftig genug ist, zum Kampf und zur Ausbildung der Kampftugenden zu zwingen, wo aber keine übermächtige Bourgeoisie diese Erneuerung verhindern kann solche Länder werden die Zentren der neuen kommunistischen Welt sein. Russland, mit Sibirien selbst ein halber Weltteil, steht schon an erster Stelle. Diese Bedingungen sind aber auch mehr oder weniger vorhanden in anderen Ländern des Ostens, in Indien, in China. Wenn hier auch wieder andere Ursachen der Unreife vorhanden sind, so dürfen diese Länder Asiens doch bei einer Betrachtung der kommunistischen Weltrevolution nicht übersehen werden.

Man sieht diese Weltrevolution nicht in ihrer vollen universellen Bedeutung, wenn man sie nur vom westeuropäischen Gesichtspunkt betrachtet. Russland ist nicht nur der östliche Teil Europas, sondern – nicht nur geographisch, sondern auch ökonomisch-politisch – in viel höherem Maße der westliche Teil Asiens. Das alte Russland hatte mit Europa wenig gemeinsam: es war das am weitesten nach Westen liegende jener politisch-wirtschaftlichen Gebilde, die Marx als „Orientalische Despotien“ bezeichnete und zu denen alle großen alten und neuen Riesenreiche Asiens gehörten. In ihnen erhob sich auf der Grundlage des Dorfkommunismus eines überall nahezu gleichartigen Bauerntums eine unbeschränkte Fürsten- und Adelsmacht, die sich außerdem auf einen relativ geringen, aber wichtigen Handelsverkehr mit einfachem Handwerk stützte. In diese, sich durch Jahrtausende – trotz Herrscherwechsel an der Oberfläche – immer wieder in derselben Weise reproduzierende Produktionsweise ist das westeuropäische Kapital von allen Seiten auflösend, umwälzend, unterwerfend, ausbeutend, verelendend eingedrungen; durch Handel, durch direkte Unterwerfung und Ausplünderung, durch Ausbeutung der Naturschätze, durch das Bauen von Eisenbahnen und Fabriken, durch Staatsanleihen an die Fürsten, durch die Ausfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen – was alles unter dem Namen Kolonialpolitik zusammengefasst wird. Während Indien mit seinem ungeheuren Reichtum früh erobert, ausgeraubt und dann proletarisiert und industrialisiert wurde, gerieten die anderen Länder erst später durch die moderne Kolonialpolitik in die Fänge des entwickelten Finanzkapitals. Auch Russland wurde – obgleich es äußerlich seit 1700 als eine der europäischen Großmächte auftrat – zu einer Kolonie des europäischen Kapitals: Durch seine unmittelbare kriegerische Berührung mit Europa ging es früher und rascher den Weg, dem Persien und China später folgten. Vor dem letzten Weltkrieg waren 70% der Eisenindustrie, die Mehrzahl der Eisenbahnen, 90% der Platinproduktion, 75% der Naphthaindustrie in den Händen europäischer Kapitalisten, die außerdem mittels der enormen Staatsschulden des Zarismus die russischen Bauern bis über die Hungergrenze hinaus ausbeuteten. Während die Arbeiterklasse in Russland in gleichartigeren Verhältnissen arbeitete als in Westeuropa, wodurch eine Gemeinschaft revolutionärer, marxistischer Anschauungen entstand, so war dennoch in seiner ganzen ökonomischen Situation Russland das westliche der asiatischen Reiche.

Die russische Revolution ist der Anfang der großen Revolte Asiens gegen das in England konzentrierte westeuropäische Kapital. Man achtet hier in der Regel nur auf ihre Einwirkung auf Westeuropa, wo die russischen Revolutionäre durch ihre hohe theoretische Schulung die Lehrer des zum Kommunismus emporstrebenden Proletariats geworden sind. Aber noch wichtiger ist ihr Wirken nach Osten; und daher beherrschen die asiatischen Fragen die Politik der Sowjetrepublik fast noch mehr als die europäischen Fragen. Von Moskau, wo die Delegationen asiatischer Stämme nacheinander eintreffen, geht der Ruf nach Freiheit und der Selbstbestimmung aller Völker und des Kampfes gegen das europäische Kapital über ganz Asien. [6] Von der Turanischen Sowjetrepublik gehen die Fäden nach Indien und den mohammedanischen Ländern, in Südchina suchten die Revolutionäre dem Beispiel der Sowjetverfassung nachzufolgen; die in Vorderasien aufkommende panislamitische Bewegung unter türkischer Führung sucht sich an Russland anzulehnen. Hier liegt der große Inhalt des Weltkampfes zwischen Russland und England als den Exponenten zweier Gesellschaftssysteme; und daher kann dieser Kampf trotz zeitweiliger Pausen nicht mit einem wirklichen Frieden enden, denn der Gärungsprozess in Asien geht weiter. Englische Politiker, die etwas weiter blicken als der kleinbürgerliche Demagoge Lloyd George, sehen sehr gut die Gefahr, die hier die englische Weltherrschaft und damit den ganzen Kapitalismus bedroht; sie sagen mit Recht, dass Russland viel gefährlicher ist, als Deutschland je war. Aber sie können nicht energisch auftreten, da die beginnende Revolutionierung des englischen Proletariats eben keine andere Regierung als die der kleinbürgerlichen Demagogie zulässt. Die Sache Asiens ist die eigentliche Sache der Menschheit. In Russland, China und Indien, in der sibirisch-russischen Ebene und den fruchtbaren Tälern des Ganges und Jangtsekiang wohnen 800 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte der ganzen Bevölkerung der Erde, fast dreimal so viel wie im übrigen kapitalistischen Europa. Und überall traten, außerhalb Russlands, auch schon die Keime der Revolte hervor; einerseits kräftig auflodernde Streikbewegungen, wo industrielle Proletarier zusammengepfercht sind, wie in Bombay und Hankau, andererseits nationalistische Bewegungen unter der noch schwachen emporkommenden nationalen Intelligenz. Soviel hier aus den spärlichen Nachrichten der ziemlich schweigsamen englischen Presse zu entnehmen ist, hat der Weltkrieg die nationalen Bewegungen stark angefacht, sie dann aber gewaltsam unterdrückt, während die Industrie sich in so kräftigem Aufschwung befindet, dass das Gold massenhaft aus Amerika nach Ostasien abfließt. Wenn die Welle der Wirtschaftskrise diese Länder erreicht – Japan scheint von ihr schon erfasst zu sein – wäre daher auf neue Kämpfe zu rechnen. Die Frage kann aufgeworfen werden, ob rein nationalistische Bewegungen, die in Asien ein national-kapitalistisches Regiment erstreben, unterstützt werden sollen, da sie sich doch feindlich zu der eigenen proletarischen Freiheitsbewegung verhalten werden. Aber voraussichtlich wird die Entwicklung nicht diesen Weg nehmen. Zwar hat sich bisher die aufkommende Intelligenz nach dem europäischen Nationalismus orientiert und als Ideologen der entstehenden einheimischen Bourgeoisie eine national-bürgerliche Regierung nach westlichem Muster propagiert. Aber mit dem Zerfall Europas verblasst dieses Ideal, und sie wird zweifellos stark unter den geistigen Einfluss des russischen Bolschewismus kommen und darin das Mittel finden, sich mit der proletarischen Streik- und Aufstandsbewegung zu verschmelzen. So werden vielleicht rascher, als jetzt nach dem äußeren Schein zu erwarten wäre, die nationalen Freiheitsbewegungen Asiens auf dem festen materiellen Boden eines Klassenkampfes der Arbeiter und Bauern gegen die barbarische Unterdrückung durch das Weltkapital eine kommunistische Gedankenwelt und ein kommunistisches Programm annehmen.

Dass diese Völker überwiegend agrarisch sind, braucht ebensowenig wie in Russland ein Hindernis zu sein: Kommunistische Gemeinwesen bestehen nicht in einer dichtgedrängten Menge von Fabrikstädten – da hier die kapitalistische Trennung von Industrieländern und Agrarländern aufhört – sondern die Landwirtschaft wird in ihnen einen großen Raum einnehmen müssen. Allerdings wird der vorwiegend agrarische Charakter die Revolution erschweren, da die geistige Disposition dabei geringer ist. Zweifellos wird in diesen Ländern auch eine längere Periode geistiger und politischer Umwälzung nötig sein. Die Schwierigkeiten sind hier anders als in Europa: weniger aktiv als passiv; sie liegen weniger in der Kraft der Widerstände als in der Langsamkeit des Erwachens zur Aktivität, nicht in dem Überwinden des inneren Chaos, sondern in der Bildung einheitlicher Kraft zur Vertreibung des fremden Ausbeuters. Auf die speziellen Unterschiede dieser Schwierigkeiten – die religiöse und nationale Zersplitterung Indiens, den kleinbürgerlichen Charakter Chinas – gehen wir hier nicht ein. Wie sich auch weiter die politischen und wirtschaftlichen Formen entwickeln werden, das Hauptproblem, das zuerst gelöst werden muss, ist die Vernichtung der Herrschaft des europäisch-amerikanischen Kapitals.

Der schwere Kampf zur Vernichtung des Kapitalismus ist die gemeinsame Aufgabe, die die Arbeiter Westeuropas und der USA Hand in Hand mit den Millionenvölkern Asiens zu lösen haben. Wir stehen jetzt erst in seinen ersten Anfängen. Wenn die deutsche Revolution eine entscheidende Wendung nimmt und sich Russland anschließt, wenn in England und Amerika revolutionäre Massenkämpfe ausbrechen, wenn in Indien die Aufstände auflodern, wenn der Kommunismus seine Grenzen zum Rhein und zum Indischen Ozean vorschiebt, dann tritt die Weltrevolution in die nächste gewaltigste Phase. Mit ihren Vasallen des Völkerbundes und ihren japanischen und amerikanischen Bundesgenossen wird die weltbeherrschende englische Bourgeoisie, von innen und außen angegriffen, durch koloniale Aufstände und Befreiungskriege in ihrer Weltmacht bedroht, durch Streik und Bürgerkrieg im Innern gelähmt, alle Kräfte anstrengen müssen und Söldnerheere gegen beide Feinde auf die Beine bringen müssen. Wenn die englische Arbeiterklasse, im Rücken gestärkt durch das übrige europäische Proletariat, ihre Bourgeoisie angreift, kämpft sie in doppelter Weise für den Kommunismus, indem sie dafür in England die Bahn selbst freimacht, und indem sie hilft, Asien zu befreien. Und umgekehrt wird sie auf die Unterstützung der kommunistischen Hauptmacht rechnen können, wenn bewaffnete Mietlinge der Bourgeoisie ihren Kampf im Blut zu ertränken suchen – denn Westeuropa mit den vorgelagerten Inseln ist nur eine aus dem großen russisch-asiatischen Länderkomplex hinausragende Halbinsel. Der gemeinsame Kampf gegen das Kapital wird die proletarischen Massen der ganzen Welt zu einer Einheit machen. Und wenn endlich am Ende des schweren Ringens die europäischen Arbeiter, tief erschöpft, im klaren Morgenlicht der Freiheit stehen, grüssen sie im Osten die befreiten Völker Asiens und reichen sie sich die Hände in Moskau, der Hauptstadt der neuen Menschheit.

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Anhang

Die vorstehenden Ausführungen wurden im April geschrieben und auf den Weg nach Russland abgeschickt, damit sie womöglich als Material zu den taktischen Entscheidungen des Exekutiv-Komitees und des Kongresses dienen könnten. Inzwischen haben sich die Verhältnisse dahin weiter entwickelt, dass das Exekutiv-Komitee in Moskau und die führenden Genossen in Russland sich völlig auf die Seite des Opportunismus gestellt haben und damit dieser Richtung das Übergewicht auf dem zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale verschafften.

Zuerst trat diese Politik in Deutschland auf, in dem Bestreben Radeks, den deutschen Kommunisten mit allen geistigen und materiellen Mitteln, worüber er mit der Leitung der KPD verfügte, seine Taktik des Parlamentarismus und der Unterstützung der Zentralverbände aufzuzwingen, wodurch die kommunistische Bewegung gespalten und geschwächt wurde. Seitdem Radek als Sekretär des Exekutiv-Komitees auftrat, ist diese Politik zur Politik des ganzen Exekutiv-Komitees geworden. Die bis dahin vergeblichen Versuche, die deutschen Unabhängigen zum Anschluss an Moskau zu bringen, wurden eindringlich fortgesetzt; die antiparlamentarischen Kommunisten der KAPD dagegen, die, wie wohl keiner bezweifeln wird, ihrer Natur nach zur KI gehören, wurden frostig behandelt: Sie hätten sich, hieß es, in allen wichtigen Fragen der Dritten Internationale gegenübergestellt, und nur unter besonderen Bedingungen könnten sie zugelassen werden. Das Amsterdamer Subbüro, das sie als gleichwertig aufgenommen und behandelt hatte, wurde kaltgestellt. Mit den Delegierten des Zentrums der französischen SP wurde über den Anschluss verhandelt. Den englischen Kommunisten erklärte Lenin, dass sie nicht nur an den Parlamentswahlen teilnehmen sollten, sondern sich auch der zur Zweiten Internationale gehörenden „Labour Party“ – dem politischen Verein zumeist reaktionärer Gewerkschaftsführer – anschließen sollten. In allen diesen Stellungnahmen tritt das Bestreben der führenden russischen Genossen hervor, eine Verbindung mit den großen, noch nicht kommunistischen Arbeiterorganisationen Westeuropas herzustellen. Während die radikalen Kommunisten die Aufklärung und Revolutionierung der Arbeitermassen durch den schärfsten prinzipiellen Kampf gegen alle bürgerlichen, sozialpatriotischen und schwankenden Richtungen und deren Vertreter betreiben, sucht die Leitung der Internationale sie massenhaft zum Anschluss an Moskau zu gewinnen, ohne dass ihre überlieferten Grundanschauungen sich völlig umzuwälzen brauchen. Der Gegensatz, in dem die russischen Bolschewiki, ehemals durch ihre Taten die Lehrer der radikalen Taktik, in solcher Weise zu den radikalen Kommunisten Westeuropas geraten sind, tritt klar hervor in der eben erschienenen Broschüre Lenins „Der Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“. Ihre Bedeutung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in der Person ihres Verfassers. Denn die Argumente bieten kaum etwas Neues; es sind zumeist dieselben, die auch schon von anderen benutzt wurden; aber das Besondere ist, dass sie jetzt von Lenin gebraucht werden. Es kann sich deshalb auch nicht darum handeln, sie zu bekämpfen – ihre Fehler beruhen zumeist auf der Gleichsetzung der westeuropäischen Verhältnisse, Parteien, Organisationen, Parlamentspraxis u. d. mit den russischen gleichen Namens – und andere Argumente ihnen gegenüberzustellen, sondern die Tatsache, dass sie hier auftreten, als Ausfluss einer bestimmten Politik zu verstehen.

Die Grundlage dieser Politik ist in den Bedürfnissen der Sowjetrepublik unschwer zu erkennen. Durch die reaktionären Aufstände Koltschaks und Denikins sind die Grundlagen der russischen Eisenindustrie zerstört, während die Anstrengungen für den Krieg die kräftige Entfaltung der Produktion lähmten. Für den wirtschaftlichen Aufbau braucht Russland dringend Maschinen, Lokomotiven, Werkzeuge, die nur die intakt gebliebene Industrie der kapitalistischen Länder liefern kann. Daher braucht es den friedlichen Handelsverkehr mit der übrigen Welt, namentlich den Ententeländern, die umgekehrt zur Verhinderung des kapitalistischen Zusammenbruches auf die Rohstoffe und Lebensmittel Russlands angewiesen sind. Die russische Sowjetrepublik muss also – durch die Langsamkeit der revolutionären Entwicklung in Westeuropa gezwungen – einen modus vivendi mit der kapitalistischen Welt suchen, einen Teil ihrer Naturschätze als Kaufpreis hergeben und auf die direkte Förderung der Revolution in anderen Ländern verzichten. Gegen ein solches Übereinkommen, von beiden Seiten als Notwendigkeit anerkannt, ist an sich nichts einzuwenden; aber es wäre nicht sonderbar, wenn aus der Empfindung der Notwendigkeit und der beginnenden Praxis eines Übereinkommens mit der bürgerlichen Welt eine geistige Disposition der Mäßigung in den Anschauungen entstände. Die Dritte Internationale, als Bund der kommunistischen Parteien, die in allen Ländern die proletarische Revolution vorbereitet, steht formell außerhalb der Regierungspolitik der russischen Republik und sollte völlig unabhängig davon ihre eigenen Aufgaben erfüllen. Aber in Wirklichkeit ist diese Trennung nicht vorhanden; so wie die KP das Rückgrat der Sowjetrepublik ist, ist durch die Personen ihrer Mitglieder das Exekutivkomitee mit dem Vorstand der Sowjetrepublik aufs engste verknüpft und bildet so ein Instrument, mittels dessen dieser Vorstand in die westeuropäische Politik eingreift. So wird es verständlich, dass die Taktik der Dritten Internationale – wenn sie von einem Kongress für alle kapitalistischen Länder einheitlich festgelegt und zentral geleitet wird – nicht bloß durch die Bedürfnisse der kommunistischen Propaganda in jenen Ländern, sondern auch durch die politischen Bedürfnisse Sowjetrusslands bestimmt wird. Nun brauchen zwar die feindlichen Weltmächte des Kapitals und der Arbeit, England und Russland, beide den friedlichen Güteraustausch zum Aufbau der Wirtschaft. Aber nicht nur diese direkt-wirtschaftlichen Bedürfnisse bestimmen ihre Politik, sondern auch der tiefere ökonomische Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, die Frage der Zukunft, die darin hervortritt, dass mächtige kapitalistische Gruppen in ihrer richtigen prinzipiellen Feindschaft jedes Übereinkommen zu verhindern suchen. Die Sowjetregierung weiß, dass sie sich nicht auf die Einsicht Lloyd Georges und das Friedensbedürfnis Englands verlassen kann; diese wurden einerseits durch die unbesiegbare Kraft der Roten Armeen erzwungen, andererseits durch den Druck, den die englischen Arbeiter und Matrosen auf ihre Regierung ausübten. Sie weiß, dass die Drohung des Ententeproletariats eine ihrer wichtigsten Waffen ist, die imperialistischen Regierungen zu lähmen und zum Verhandeln zu nötigen. Daher muss sie diese Waffe möglichst kräftig machen. Was sie dazu braucht, ist nicht eine radikale kommunistische Partei, die eine gründliche Revolution für die Zukunft vorbereitet, sondern eine große organisierte proletarische Macht, die für Russland eintritt und der die eigene Regierung Rechnung tragen muss. Sie braucht sofort größere Massen, mögen sie auch nicht völlig kommunistisch sein. Gewinnt sie diese für sich, so ist deren Anschluss an Moskau ein Zeichen für das Weltkapital, dass Vernichtungskriege gegen Russland nicht mehr möglich, also Frieden und Handelsbeziehungen unvermeidlich sind.

Daher muss in Moskau eine kommunistische Taktik für Westeuropa verfochten werden, die den überlieferten Anschauungen und Methoden der großen ausschlaggebenden organisierten Arbeitermassen nicht scharf widerspricht. In derselben Weise musste versucht werden, möglichst rasch in Deutschland an die Stelle der Ebert-Regierung, die sich als Werkzeug der Entente gegen Russland gebrauchen ließ, eine nach Osten orientierte Regierung zu bekommen; und dazu waren, da die KP selbst zu schwach war, nur die Unabhängigen brauchbar. Eine Revolution in Deutschland würde die Position Sowjetrusslands der Entente gegenüber enorm stärken. Allerdings könnte eine solche Revolution in ihrer weitesten Entwicklung für die Politik des Friedens und des Einvernehmens mit der Entente sehr unbequem werden, da eine radikale proletarische Revolution die Zerreißung des Versailler Vertrages und die Erneuerung des Krieges bedeuten würde – die Hamburger Kommunisten wollten sich auf diesen Krieg schon im voraus aktiv vorbereiten. Dann würde auch Russland in den Krieg gezogen werden, und wenn auch seine äußere Kraft dabei wüchse, so wäre doch der wirtschaftliche Aufbau und die Hebung der Not auf eine weitere Zukunft verschoben. Diese Konsequenzen könnten verhindert werden, wenn die deutsche Revolution sich innerhalb solcher Grenzen halten Messe, dass sie zwar die Macht der verbündeten Arbeiterregierungen dem Ententekapital gegenüber stark vergrößerte, aber es doch nicht unabweisbar zum sofortigen Krieg nötigte. Nicht die radikale Taktik der KAPD, sondern eine Regierung von Unabhängigen, KPD und Gewerkschaften, in der Form einer Räteorganisation nach russischem Muster wäre dazu nötig. Diese Politik hat aber noch weitere Aussichten als bloß die Gewinnung einer günstigeren Position für die augenblicklichen Verhandlungen mit der Entente. Ihr Ziel ist die Weltrevolution; aber es ist klar, dass dem besonderen Charakter dieser Politik auch eine besondere Auffassung der Weltrevolution entsprechen muss. Die Revolution, die jetzt durch die Welt schreitet, die bald Zentraleuropa und dann Westeuropa überziehen wird, wird getrieben von dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus; wenn es dem Kapital nicht gelingt, einen Aufschwung der Produktion herbeizuführen, müssen die Massen zur Revolution greifen, wollen sie nicht tatenlos zugrunde gehen. Aber während sie die Revolution machen müssen, befinden sich die großen Massen noch in der geistigen Abhängigkeit von den alten Anschauungen, den alten Organisationen und Führern, und diese werden zunächst die Macht in die Hände nehmen. Daher muss unterschieden werden zwischen der äußeren Revolution, die die Herrschaft der Bourgeoisie vernichtet und den Kapitalismus unmöglich macht, und der sich in einem längeren Prozess vollziehenden, die Massen innerlich umwälzenden kommunistischen Revolution, in der die sich von allen Fesseln befreiende Arbeiterklasse den Aufbau des Kommunismus fest in die Hand nimmt. Es ist die Aufgabe des Kommunismus, die Kräfte und Tendenzen, die die Revolution auf halbem Wege festhalten wollen, zu erkennen, den Massen den Weg darüber hinaus zu zeigen und durch den schärfsten Kampf für die fernsten Ziele, für die volle Macht, gegen jene Tendenzen, die Kraft im Proletariat zu wecken, die Revolution weiterzutreiben. Das kann er nur, wenn er jetzt schon diesen Kampf gegen die hemmenden Führertendenzen und die Führermacht führt. Der Opportunismus will sich mit ihnen verbinden und teil an der neuen Herrschaft nehmen; indem er glaubt, sie in den Weg des Kommunismus lenken zu können, wird er durch sie kompromittiert. Indem die Dritte Internationale diese Taktik zu der offiziellen kommunistischen Taktik erklärt, prägt sie der Besitzergreifung der Macht durch die überkommenen Organisationen und ihre Führer den Stempel der „Kommunistischen Revolution“ auf, festigt sie die Herrschaft dieser Führer und erschwert die Weiterführung der Revolution.

Vom Standpunkt der Erhaltung Sowjetrusslands ist diese Auffassung vom Ziele der Weltrevolution gewiss unanfechtbar. Wenn in den anderen Ländern Europas ein ähnliches politisches System besteht als in Russland: Herrschaft einer Arbeiterbürokratie, die sich stützt auf ein Rätesystem als Grundlage, dann ist die Macht des Welt-Imperialismus besiegt und gestürzt, wenigstens in Europa. Dann kann in Russland, umgeben von befreundeten Arbeiterrepubliken, ohne Furcht vor reaktionären Angriffskriegen der wirtschaftliche Aufbau zum Kommunismus ungestört vor sich gehen. So wird verständlich, dass, was wir als zeitweilige, ungenügende, mit aller Macht zu bekämpfende Zwischenform betrachten, für Moskau die Verwirklichung der proletarischen Revolution, das Ziel der kommunistischen Politik ist.

Daraus ergeben sich auch die kritischen Bedenken, die vom Standpunkt des Kommunismus gegen diese Politik zu erheben sind. Sie liegen zuerst in ihrer geistigen Rückwirkung auf Russland selbst. Wenn die in Russland herrschende Schicht mit der westeuropäischen Arbeiterbürokratie – die durch ihre Stellung, ihren Gegensatz zu den Massen, ihre Anpassung an die bürgerliche Welt korrumpiert ist – fraternisiert und sich deren Geist aneignet, so kann die Kraft, die Russland auf dem Wege zum Kommunismus weiterführen muss, verloren gehen; stützt sie sich gegen die Arbeiter auf das landbesitzende Bauerntum, so wäre eine Ablenkung der Entwicklung zu bürgerlichagrarischen Formen und damit eine Stagnation der Weltrevolution nicht unmöglich. Sie liegen weiter darin, dass dasselbe politische System, das für Russland als praktische Übergangsform zur Verwirklichung des Kommunismus entstand – und nur durch besondere Verhältnisse zu einer Bürokratie erstarren konnte – in Westeuropa von vornherein eine reaktionäre Hemmung der Revolution bedeutet. Wir hoben schon hervor, dass eine solche „Arbeiterregierung“ die Kräfte zum kommunistischen Aufbau nicht wird auslösen können. Da aber nach dieser Revolution die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Massen (zusammen mit den Bauern) noch eine ungeheure Macht darstellen – anders als in Russland nach der Oktoberrevolution – wird das Versagen des Aufbaues nur zu leicht die Reaktion wieder in den Sattel bringen, während zugleich die proletarischen Massen sich zu neuen Anstrengungen zur Beseitigung dieses Systems erheben müssten.

Es ist aber auch noch fraglich, ob diese Politik einer verflachten Weltrevolution zu ihrem Ziel gelangen kann und nicht vielmehr umgekehrt, wie jede opportunistische Politik, die Bourgeoisie neu stärken würde. Denn es ist nie eine Förderung der Revolution, wenn die radikalste Opposition sich im voraus mit der gemäßigten zwecks Teilung der Herrschaft verbindet, statt sie durch unerbittlichen Kampf vorwärtszutreiben; dabei wird die Gesamtangriffskraft der Massen so sehr geschwächt, dass der Sturz des herrschenden Systems verzögert und erschwert wird.

Die wirklichen Kräfte der Revolution liegen anderswo als in der Taktik der Parteien und der Politik der Regierungen. Trotz aller Verhandlungen kann es keinen wirklichen Frieden zwischen der imperialistischen und der kommunistischen Welt geben: Während Krassin in London verhandelte, zerschmetterten die Roten Armeen die polnische Macht und erreichten die Grenzen Deutschlands und Ungarns. Damit wird der Krieg auf Zentraleuropa übertragen; und die hier bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Gegensätze der Klassen, der völlige innere wirtschaftliche Zusammenbruch, die die Revolution unabwendbar machen, die Not der Massen, das Wüten der bewaffneten Reaktion, sie werden den Bürgerkrieg in diesen Ländern hoch auflodern lassen. Wenn aber die Massen hier in Bewegung kommen, wird sich ihre Revolution nicht in die Grenzen bannen lassen, die die opportunistische Politik kluger Führer ihr vorschreibt; sie muss radikaler, tiefer werden als in Russland, weil viel gewaltigere Widerstände zu überwinden sind. Gegen die wilden chaotischen Naturkräfte, die aus der Tiefe dreier zerrütteter Völker hervorbrechen und der Weltrevolution einen neuen Schwung geben werden, fällt den Kongressbeschlüssen in Moskau nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

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Anmerkungen des Verfassers

1. In Deutschland wurde neulich der Grund angegeben, die Kommunisten müssen ins Parlament gehen, um die Arbeiter von der Nutzlosigkeit des Parlaments zu überzeugen. Aber man geht doch nicht einen falschen Weg, um anderen zu zeigen, dass er falsch ist, sondern geht lieber sofort den richtigen Weg.

2. Wir verweisen zum Beispiel auf die eingehende Kritik des Genossen Koloszvary in der Wiener Wochenzeitschrift Kommunismus.

3. Das Fehlen äußerlich sichtbarer imponierender Gewaltmittel der Bourgeoisie in England weckt mitunter die pazifistische Illusion, eine gewaltsame Revolution sei hier nicht nötig und ein friedlicher Aufbau von unten (wie in der Guildbewegung und den Shop Committees) werde alles besorgen. Sicher ist, dass bisher die mächtigste Waffe der englischen Bourgeoisie nicht die Gewalt, sondern der schlaue Betrug war; wenn es aber nötig ist, wird diese weltbeherrschende Klasse noch ungeheure Gewaltmittel aufzubieten wissen.

4. Diese Auffassung der allmählichen Umwälzung der Produktionsweise steht im scharfen Gegensatz zu der sozialdemokratischen Auffassung, die den Kapitalismus und die Ausbeutung allmählich, in langsamen Reformen beseitigen wollen. Die unmittelbare Aufhebung alles Kapitalsprofits und aller Ausbeutung durch das siegreiche Proletariat ist die Vorbedingung, damit die Produktionsweise den Weg zum Kommunismus einschlagen kann.

5. Ein bekanntes Beispiel für eine solche konvergente Entwicklung findet man in der sozialen Struktur am Ende des Altertums und zu Beginn des Mittelalters, vgl. Engels, Der Ursprung der Familie, Kap. VIII.

6. Hier liegt der Grund zu der Haltung, die Lenin in 1916, zur Zeit Zimmerwalds, gegenüber Radek, der den Standpunkt der westeuropäischen Kommunisten vertrat, zum Ausdruck brachte. Diese betonten, dass die Losung des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker – die die Sozialpatrioten mit Wilson anstimmten – nur Volksbetrug sei, da unter dem Imperialismus dieses Recht immer nur Schein und Trug sein kann, und dass daher diese Losung von uns bekämpft werden müsse. Lenin sah in diesem Standpunkt die Tendenz westeuropäischer Sozialisten, die nationalen Befreiungskriege der asiatischen Völker abzulehnen, wodurch sie sich dem radikalen Kampf gegen die Kolonialpolitik ihrer Regierungen entziehen könnten.


Zuletzt aktualisiert am 30. Dezember 2019