Georgi Plechanow


Über materialistische Geschichtsauffassung



VII

Der Verfasser der Skizzen zur Gogolschen Periode der russischen Literatur [1*] sagt in einer seiner Anmerkungen zum ersten Buch der poiitischen Ökonomie von J.S. Mill:

„Wir wollen nicht behaupten, daß die Rasse gar keine Bedeutung habe; die Entwicklung der Natur- und Geschichtswissenschaften hat noch nicht eine solche Exaktheit der Analyse erreicht, daß man in den meisten Fällen unbedingt sagen könnte: hier ist dieses Element absolut nicht vorhanden. Wer weiß, vielleicht steckt in dieser Stahlfeder ein Partikelchen Platin; absolut läßt sich das nicht leugnen. Man kann nur das eine sagen: laut chemischer Analyse besteht die Zusammensetzung dieser Feder aus so viel unzweifelhaften Stahlteilchen, daß der Teil, der in seiner Zusammensetzung als Platin angesprochen werden könnte, verschwindend klein ist: selbst wenn dieser Teil existierte, so käme er praktisch nicht in Betracht ... Wenn es um praktisches Handeln geht, so verfahre man mit dieser Feder so, wie man mit Stahlfedern schlechthin zu verfahren pflegt. Ebenso soll man in praktischen Dingen die Rasse der Menschen außer acht lassen, man behandle sie einfach als Menschen... Vielleicht hatte die Rasse des Volkes einen gewissen Einfluß darauf, daß ein bestimmtes Volk sich gegenwärtig in diesem und nicht in einem anderen Zustand befindet. Absolut leugnen läßt sich das nicht, die historische Analyse hat noch keine mathematische, unbedingte Exaktheit erreicht. Nach dieser Analyse bleibt, wie auch nach der heutigen chemischen Analyse, noch ein kleines, sehr kleines Residuum, ein Restteil übrig, der feinere Methoden der Erforschung beansprucht, wie sie dem heutigen Zustand der Wissenschaft noch unzugänglich sind. Aber dieser Restbestand ist sehr klein. Bei der Formierung der heutigen Lage eines jeden Volkes entfällt ein so riesiger Teil auf die Einwirkung von Umständen, die von den natürlichen Stammeseigenschaften unabhängig sind, daß für die Einwirkung derartiger von der allgemeinen menschlichen Natur verschiedenen Eigenschaften, auch für den Fall, daß sie existieren sollten, sehr wenig Platz, unermeßlich, mikroskopisch wenig Platz übrigbliebe.“

Diese Worte kamen uns in den Sinn, als wir Labriolas Betrachtungen über den Einfluß der Rasse auf die Geschichte der geistigen Entwicklung der Menschheit lasen. Der Verfasser der Skizzen zur Gogolschen Periode interessierte sich für die Frage nach der Bedeutung der Rasse hauptsächlich vom praktischen Standpunkt aus. Aber das von ihm Gesagte sollten ständig auch alle diejenigen im Auge behalten, die sich mit rein theoretischen Untersuchungen befassen. Die Gesellschaftswissenschaft wird außerordentlich viel gewinnen, wenn wir endlich die schlechte Angewohnheit ablegen, all das, was uns in der geistigen Geschichte des betreffenden Volkes unverständlich erscheint, auf die Rasse abzuwälzen. Vielleicht übten die Stammeseigenschaften auch einen gewissen Einfluß auf diese Geschichte aus. Dieser hypothetische Einfluß war aber sicherlich so unermeßlich klein, daß man im Interesse der Forschung besser tut, ihn gleich Null zu setzen und die in der Entwicklung dieses oder jenes Volkes wahrgenommenen Eigentümlichkeiten als Produkt der besonderen historischen Bedingungen zu betrachten, unter denen sich diese Entwicklung vollzog, und nicht als Resultat des Rasseneinflusses. Selbstverständlich werden wir auf gar manche Fälle stoßen, in denen wir außerstande sein werden, die Bedingungen zu nennen, durch die die uns interessierenden Besonderheiten hervorgerufen worden sind. Aber das, was sich heute den Mitteln der wissenschaftlichen Forschung entzieht, kann ihnen morgen schon unterliegen. Berufungen auf Rasseneigentümlichkeiten sind schon deshalb unangebracht, weil sie die Forschungsarbeit gerade dort abbrechen, wo diese anfangen sollte. Warum gleicht nicht die Geschichte der französischen Dichtkunst der Geschichte der Dichtkunst Deutschlands? Aus einem sehr einfachen Grunde: das Temperament des französischen Volkes sei derart, daß es weder einen Lessing noch einen Schiller, noch einen Goethe haben konnte. Na, danke für die Erklärung; jetzt verstehen wir alles!

Labriola hätte natürlich gesagt, daß ihm derartige Erklärungen, die nichts erklären, himmelweit fernliegen. Und das wäre richtig. Allgemein gesprochen, versteht er ausgezeichnet die ganze Untauglichkeit dieser Erklärungen, und er weiß wohl, von welcher Seite aus man an die Lösung der Aufgaben von der Art des von uns angeführten Beispiels herangehen muß. Da er aber zugibt, daß die geistige Entwicklung der Völker durch ihre Rassenmerkmale kompliziert wird, so lief er Gefahr, seine Leser dadurch in die Irre zu führen, und so zeigte er sich bereit, wenigstens in unbedeutenden Details, gewisse für die Gesellschaftswissenschaft schädliche Zugeständnisse an die alte Denkart zu machen. Gegen diese Zugeständnisse richten sich eben unsere Bemerkungen.

Nicht ohne Grund bezeichnen wir die von uns bestrittene Auffassung von der Rolle der Rasse in der Geschichte der Ideologien als alte Auffassung. Sie ist eine einfache Spielart jener im vergangenen Jahrhundert sehr verbreitet gewesenen Theorie, die den ganzen Gang der Geschichte aus den Eigenschaften der menschlichen Natur erklären will. Die materialistische Geschichtsauffassung ist mit dieser Theorie völlig unvereinbar. Nach der neuen Auffassung verändert sich die Natur des gesellschaftlichen Menschen zugleich mit den gesellschaftlichen Beziehungen. Folglich können die allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Natur die Geschichte nicht erklären. Labriola, der glühende und überzeugte Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, erkannte jedoch bis zu einem gewissen, wenn auch sehr geringem Grade auch die Richtigkeit der alten Auffassung an. Die Deutschen sagen aber nicht umsonst: Wer A sagt, muß auch B sagen. Nachdem Labriola die Richtigkeit der alten Auffassung in dem einen Fall anerkannt hatte, mußte er sie auch in einigen anderen Fällen anerkennen. Es erübrigt sich zu sagen, daß diese Vereinigung von zwei entgegengesetzten Auffassungen der Geschlossenheit seiner Weltanschauung Abbruch tun mußte!


Anmerkung des Übersetzers

1*. Gemeint ist N. Tschernyschewski (1828-1889), der große russische Gelehrte und Kritiker.


Zuletzt aktualiziert am 9.8.2008