Karl Radek

Das dritte Jahr des Kampfes
der Sowjetrepublik gegen das Weltkapital


I. Die Sprache der Waffen


Die Niederlage Koltschaks, Judenitschs und Denikins

Als das zweite Jahr der Sowjet-Republik zu Ende ging, da drängten die Roten Armeen Koltschak der sibirischen Eisenbahn entlang der endgiltigen Niederlage und Zertrümmerung entgegen. Denikins Truppen waren auf dem großen Rückzuge begriffen und sollten erst im Kaukasus zum Stehen kommen, wo ihrer der Tod zwischen Rostow und Noworossijsk harrte. Herr Lloyd George aber erklärte ruhig, als ob Denikin und Koltschak niemals die Unterstützung Englands genossen hätten, er habe niemals an ihren Sieg geglaubt. Der Bolschewismus sei überhaupt durch das Schwert nicht umzubringen. Warum Koltschak und Denikin zugrunde gehen mußten, das ist jetzt sogar der bürgerlichen Presse klar. Die Berichte, die im Sommer, der Manchester Guardian über die Verhältnisse hinter der Front Koltschaks gebracht hat, und die aus der Feder eines englischen Zuschauers stammen, sie sprechen dieselbe Sprache wie die Selbstbekenntnisse, die wir jetzt von Denikin-Leuten hören.

„Im Hinterlande Denikins herrschte eine grenzenlose Bacchanaille des Profits und des Kapitalismus. Die Spekulanten feierten Orgien, sie raubten und plünderten alles. Es genügt, festzustellen, daß die Engländer gezwungen waren, persönlich die Monturen zu den einzelnen Heeresteilen zu bringen, damit sie unterwegs nicht gestohlen und verkauft wurden. Während in verrückter Weise unerhörte Summen verpulvert wurden, brach die Bevölkerung zusammen unter der Last der Teuerung und aller Art Krisen. Das reichste südliche Brotgebiet litt stark unter dem Mangel an Brot. Wir hatten zu unserer Verfügung ein Kohlengebiet von Weltbedeutung, endlose Vorräte an Petroleum, und wir konnten aus Mangel an Heizmitteln weder Verkehr noch Industrie, in Gang bringen. Die furchtbare Auswahl der Verwaltung machte alle hohen Worte von Gesetzlichkeit und Recht zum Hohn. Die alten Beamten, Polizei-Kommissäre, Abfälle der alten zaristischen Regierung, überfluteten mit allerhand Vollmachten das Land als kleine Satrapen, sie ‚ernährten‘ sich selbst, und sie suchten auch die alten Großgrundbesitzer aufzupäppeln, die mit Hilfe der lokalen Verwaltung und des Militärs die alten Verluste sich zurückerstatteten und an den Bauern Rache nahmen ... Es wurde systematisch geraubt. Niemanden wunderte das in letzter Zeit. Es plünderten die Soldaten, es raubten die Offiziere, es raubten viele Generäle.“

So schildert die Läge hinter der Front Denikins der konterrevolutionäre Journalist G.N. Rakowsky in seinem, in Konstantinopel erschienenen Buche: Im Lager der Weißen.

Der Zusammenbruch der Konterrevolution nötigte die Hauptpartner im russischen Bürgerkriege, die Sowjet-Regierung und die englische Regierung, klar zu sagen, was sie weiter zu tun gedächten. Die Sowjet-Regierung gab auf diese Frage ihre Antwort auf dem im Dezember 1919 stattgefundenen Kongreß der Arbeiterräte. Noch dröhnten die Kanonen bei Rostow am Don, noch hatte die Armee die schwere Aufgabe, mitten im bitterkalten Winter den Denikin-Truppen den Gnadenstoß zu erteilen. Aber die Augen der Sowjet-Regierung wandten sich schon. der friedlichen Arbeit zu. Der Kongreß der Arbeiter-, Bauernund Rotarmistenräte stand unter der Losung der friedlichen Arbeit. Ueber die Methoden und Formen der Organisation der Produktion entbrannte eine lebhafte Diskussion in den Reihen der kommunistischen Partei, eine Diskussion, die auf dem Märzkongreß der Partei ihren Abschluß fand und Ausgangspunkt größter Anstrengungen war, durch Arbeitsarmeen die Kraft des Bauerntums zur Wiederherstellung der Industrie zu gebrauchen, ohne die auch die Bauernwirtschaft auf das Niveau des Mittelalters sinken müßte. Die Propaganda der Arbeitsdisziplin füllte die Sowjet-Presse. Die Arbeit wurde zu einer Religion gemacht, und immer breitere Kreise ergriff das freudige Bewußtsein, die Zeit des Mordens sei vorüber, die Sowjet-Regierung und die Sowjet-Republik wenden sich den Aufgaben zu, deretwillen sie entstanden sind: dem Kampfe gegen Not und Elend, der Organisation der wirtschaftlichen Kräfte des zerrütteten Landes.

Die führende Macht der europäischen Konterrevolution, die britische Regierung, schien, nachdem sie die Unausführbarkeit des Planes, mit den Waffen in der Hand Sowjet-Rußland niederzuwerfen, eingesehen hatte, den friedlichen Bestrebungen Sowjet-Rußlands entgegenzukommen. Ende Januar 1920 verkündete ein Radio-Telegramm, der Rat der Alliierten hatte beschlossen, die Blockade Rußlands aufzuheben. Man muß den Eindruck dieser Nachricht an der russischen Front miterlebt haben, um schildern zu können, wie inbrünstig und tief die Sehnsucht nach dem Frieden und nach der Arbeit in den russischen Volksmassen war. Die Verhandlungen, die seit Dezember Litwinoff, eine der besten diplomatischen Kräfte Sowjet-Rußlands, mit O'Grady in Kopenhagen begonnen hatte, haben die Verhandlungen über den modus vivendi zwischen Sowjet-Rußland und der kapitalistischen Welt eingeleitet Bald sollte Litwinoff von Krassin unterstützt werden, einem der besten russischen Techniker, der gleichzeitig altes Mitglied der Kommunistischen Partei Rußlands ist. Sowjet-Rußland war zu bedeutenden Zugeständnissen bereit, um sich die Möglichkeit der friedlichen Arbeit zu sichern. Seine führenden Kreise wie die Massen, auf die es sich stützt, gingen dabei bewußt von der Ansicht aus, die wir im Dezember 1919 in den Worten niederlegten:

„Solange in allen wichtigsten Staaten das Proletariat nicht gesiegt hat, solange es nicht in der Lage ist, alle Produktionskräfte der Welt zum Aufbau zu gebrauchen, solange neben proletarischen kapitalistische Staaten existieren, solange werden die ersten genötigt sein, mit den letzten Kompromisse zu schließen, solange wird es weder einen reinen Sozialismus noch einen reinen Kapitalismus geben, sondern territorial von einander abgegrenzt, werden sie sich auf den eigenen Staatsgebieten Konzessionen machen müssen.“

Bald sollte es sich zeigen, ob England gewillt war, ehrlich ein Kompromiß mit Sowjet-Rußland zu schließen. Die Polenfrage wurde zum Prüfstein des Friedenswillens der englischen Regierung.
 

Die Polengefahr

Der Polenkrieg war ein Teil des Krieges, den die Entente gegen Sowjet-Rußland seit Ende 1918 führte. Sowjet-Rußland hatte noch in Brest-Litowsk dem deutschen Imperialismus gegenüber die Unabhängigkeit Polens verteidigt. Als Polen, von den Krallen des Zarismus durch die russische Revolution befreit, nun auch durch die deutsche Revolution von den Fesseln des deutschen Imperialismus befreit wurde, hat die Sowjet-Republik die polnische Republik anerkannt, und der Regierung der polnischen Sozialpatrioten mit Daszynski und Pilsudski an der Spitze Verhandlungen vorgeschlagen, die die Erbschaft des Zarismus vollkommen liquidieren sollten. Aber die polnischen Sozialpatrioten fürchteten die Revolution im eigenen Lande. Kleinbürger, die sie waren, wollten sie im unabhängigen Polen den Sozialismus „schmerzlos" auf demokratischem Wege durchführen. Sie fürchteten die friedlichen Beziehungen mit Sowjet-Rußland, weil sie die Revolution fürchteten. Und eingekeilt zwischen die russische und die deutsche Revolution voller Angst vor ihrem revoltierenden Einfluß, wandten sie ihre Blicke der Entente zu, der einzigen unerschütterten Kapitalistengruppe und erwarteten von ihr das Heil. Sie sollte ihnen Rohstoffe und Maschinen, sie sollte ihnen Waffen gegen die Revolution geben. Für die Entente aber überhaupt war Polen der Wall gegen Sowjet-Rußland, für Frankreich im besonderen der Garant des Versailler Friedens. Polen mußte von Waffen starren, damit es bereit sei, als französischer Vasall ebenso die russische Schuld einzutreiben, wie Deutschland zu bewachen. Diese Rolle übernahm Polen und rückte gegen die beiden Schwesterrepubliken Sowjet-Rußlands, gegen Sowjet-Weißrußland und Sowjet-Litauen unter dem Vorwand, Sowjet-Rußland bereite einen Angriff gegen Polen, vor. Ein Jahr lang sandte die Warschauer Regierung die Söhne polnischer Bauern und Arbeiter an die Ostfront, ein Jahr lang meldeten die polnischen Telegraphen-Agenturen polnische Siege über die Roten Truppen. Dieser Ruhm war billig erkauft. Sowjet-Rußland, das im schweren Kampfe gegen Denikin, Koltschak, Judenitsch, Estland, Lettland, Petljura stand, verhielt sich den Polen gegenüber rein defensiv. Die polnischen Siege wurden auf dem Papier gewonnen. Und im Moment der entscheidenden Kämpfe mit der russischen Konterrevolution schloß Sowjet-Rußland sogar einen Geheimvertrag mit Pilsudski ab, auf Grund dessen die Rote Armee sich auf eine verabredete Linie zurückzog. Herr Pilsudski und die polnischen Sozialpatrioten verrieten schnöde Denikin und die Entente. Denn sie fürchteten die zarischen Generale mehr als Sowjet-Rußland. Sie waren überzeugt, daß der Sieg der Weißen, ein Ende der polnischen Unabhängigkeit bedeutet. Darum nahmen sie zwar fromm und bieder weiter das französische und englische Gold für den Kampf gegen Sowjet-Rußland, aber sie verabredeten mit diesem, wie der Kampf nicht zu führen sei. Sowjet-Rußland schlug ihnen eine direkte Beendigung des Kampfes durch einen Vertrag vor, der Polen ganz Weiß-Rußland bis zur Beresina, Wolhynien und Podolien einbringen sollte. Aber Pilsudski fürchtete den Bruch mit der Entente, er brauchte wenigstens den Anschein des Krieges um nicht demobilisieren zu müssen, was die Entfesselung der inneren sozialen Gegensätze mit sich bringen würde. Als Denikin und Koltschak geschlagen wurden, erwartete das Weiße Polen, daß Sowjet-Rußland nunmehr seine freigewordenen Kräfte an der Westfront zum Angriff verwenden werde. Die Presse der Entente suchten in diesem Glauben zu bestärken. Sowjet-Rußland, das ehrlich den Frieden mit Polen erstrebte, suchte durch eine Reihe von Kundgebungen diese Furcht der polnischen Regierung zu zerstreuen. In einer Kundgebung der höchsten Vertretungen Sowjet-Rußlands, in der Kundgebung des Rates der Volkskommissare, wie des Zentralen Vollzugsausschusses der Sowjets wurde in feierlichster Weise die Unabhängigkeit Polens anerkannt, und Polen Friedensverhandlungen vorgeschlagen.

Die polnische Regierung suchte Rat bei den Alliierten. Frankreichs Rat galt selbstverständlich der Unterstützung der kriegerischen Fraktion der polnischen Regierung. Der französische Imperialismus hatte dem Drange der englischen Regierung nachgegeben, der Aufhebung der Handelsblockade zugestimmt. Aber er hat den Gedanken an die Niederwerfung Sowjet-Rußlands nicht aufgegeben. England aber antwortete ausweichend. Lloyd George erklärte zwar den Polen, daß es besser wäre, wenn sie den Frieden schließen würden. Aber er hütete sich, irgendwie auf den Friedensschluß zu drängen. Und Lloyd George repräsentierte allein die englische Regierung nicht: Neben ihm, dem Exponenten der kleinbürgerlichen und der Handelsfriedensstimmungen gab es noch eine zweite englische Regierung, gab es die Regierung Winston Churchills und Lord Curzons. Diese Nebenregierung bestand aus zwei Cliquen: der militärischen und der indischen. Die militärische Clique, die sich um Churchill gruppiert, sieht in Rußland den Vertreter der Weltrevolution. Sie fürchtet den Sieg des Kommunismus in Deutschland und das sich daraus ergebende Bündnis zwischen Sowjet-Rußland und dem Räte-Deutschland. Sie ist für ununterbrochene Anstrengungen zwecks militärischer Niederwerfung Sowjet-Rußlands mit gleichzeitigen. Zugeständnissen an das bürgerliche Deutschland, das den polnischen Wall gegen Sowjet-Rußland stärken soll. Lord Curzon of Cedleston wuchs auf in den Traditionen der Verteidigung Indiens. Als früherer Vize-König von Indien sieht er die englische Politik und die Weltlage von der Terrasse des indischen Vize-Königs-Palais herab. Der Zentralgedanke der auswärtigen Politik Curzons war und bleibt die Schwächung Rußlands, Rußlands überhaupt, ohne Rücksicht darauf, wie die Regierung Rußlands aussieht. Curzon fürchtete den Sieg der Weißen Generale. Er war überzeugt, daß das Weiße Rußland auf eine asiatische Expansion hinsteuern wird, um das russische Volk die Revolution vergessen zu lassen und den Ruhm der herrschenden Generalität und somit ihre innere Position zu stärken. Darum annullierte er im August 1919 den alten russisch-persischen Vertrag und stellte Persien, dieses wichtige Gebiet, das Glacis der indischen Festung, unter alleinige englische Kontrolle. Darum liquidierte er den Dardanellen-Vertrag., und nahm sie unter den „Schutz“ der englischen Kanonen. Es war ihm nicht geheuer bei den Siegen Denikins und die Geschichte wird vielleicht einmal beweisen, daß Curzon eine Hand im Spiele hatte, wenn Denikin und Judenitsch nicht mit der ganzen Macht Englands unterstützt wurden. Nachdem Denikin geschlagen war, mußte die Sorge Curzons sich dem Gedanken zuwenden, wie verlängert man den Zustand des Bürgerkrieges in Rußland, wie läßt man die Wunden Rußlands nicht vernarben. Curzon hatte zwei Eisen im Feuer. Ein Teil der Denikin-Truppen sind im Moment der Niederlage auf der Krim gewesen, wo sie verstärkt durch Flüchtlinge aus dem Kaukasus, unter der Führung Wrangels den Ausgangspunkt einer, neuen Intervention bilden konnten. Im Westen stand das polnische Heer. Genötigt durch die Niederlage der Weißen in Rußland, durch die Friedensstimmung der englischen Arbeiterklasse zu Friedensverhandlungen mit Rußland, wollte Curzon die Liquidierung der anti-bolschewikischen, d. h. für ihn antirussischen Kräfte überhaupt nicht zulassen. Unter der Maske der Humanität begann er Verhandlungen mit Sowjet-Rußland über die Liquidierung der Wrangelfront, deren Aufgabe es war, Zeit zu gewinnen für die Ausrüstung Wrangels. Er rechnete richtig, daß die stark durch den Krieg geschwächten Roten Truppen Wrangel nicht hart bedrängen werden, wenn ihnen die Aussicht eröffnet wird auf eine kampflose Liquidierung der Wrangelfront. Was Polen anbetrifft, so genügte bei dem kriegerischen Drängen der Franzosen, daß er und Churchill Polen wissen ließen, es könne, die ihm, früher versprochenen Waffen weiterkriegen. Sah Polen, daß die Friedenshaltung Lloyd Georges von seinen Kollegen nicht ernst genommen wurde, nun, dann brauchte es die friedlichen Ratschläge des englischen Premierministers nicht ernst zu nehmen. Und Lloyd George? Lloyd George wollte nicht weniger als Curzon die Niederlage Sowjet-Rußlands. Er glaubte nur an den Sieg der Waffen nicht. Curzon und Churchill konnten ihm aber Berichte ihrer Agenten, in erster Linie der Revaler militärischen Mission vorlegen, aus denen hervorging, die Rote Armee sei durch die Friedenssehnsucht vollkommen demoralisiert. Die Ueberführung einzelner Teile der Roten Armee in Arbeitsarmeen wurde in diesen Berichten als Beweis gedeutet, die Räteregierung sähe selbst die Kampfunfähigkeit der Roten Armee ein. Wenn dem so ist, warum dann nicht abwarten, ob es den Polen nicht gelingt, die Rote Armee zu zertrümmern. Dann braucht man dem verhaßten Sowjet-Rußland keine Zugeständnisse zu machen. In dem Willen, „to wait and to see“, wurde Lloyd George bestärkt durch die Haltung Litwinoffs und Krassins in den, Kopenhagener Vorverhandlungen. Statt um den Frieden zu flennen, und den High Honourables Rußland zum Ausverkauf vorzuschlagen, erklärten Litwinoff und Krassin offen, Rußland sei durch den Krieg, den es an der Seite der Alliierten geführt hat, und durch den Bürgerkrieg, den sie finanziert haben, so geschwächt, daß es nicht imstande sei, die alten zarischen Schulden zu bezahlen, und sofort größere Mengen an Getreide und Rohstoffen auszuführen. Es müsse zuerst mit Hilfe des Entente-Kapitals sein Transportwesen heben, die Industrie in Gang bringen, bis es imstande sein wird, als Lieferant von Rohstoffen und Lebensmitteln auf dem Weltmarkt zu erscheinen.

Die polnische Regierung erklärte sich bereit zu Friedensverhandlungen. Aber als Ort dieser Verhandlungen schlug sie Borissow vor, ein Nest hinter der polnischen Front, an der Eisenbahnlinie, die nach Minsk führt. Die Wahl des Ortes für Friedensverhandlungen sagte jedem Kundigen, an was für einen Frieden Polen dachte. Die polnisch-russische Front zerfiel in zwei Teile, die südwestliche und die nordwestliche Front. Es war für Polen klar, daß Sowjet-Rußland an der Südwestfront schwach sein muß. Das ukrainische Eisenbahnnetz, der Zustand der ukrainischen Bevölkerung, die zwölf Regierungen kommen und gehen sah, und deshalb keiner traute, waren die Erklärung dafür. Dazu kam noch in Betracht, daß ein Schlag an der Südwestfront sich nur dann in der Richtung des Zentrums der polnischen Regierung Warschaus auswirken konnte, wenn ihm ein Schlag an der Nordwestfront folgte. Der kürzeste Weg nach Warschau führte über Minsk. Indem die polnische Regierung einen Waffenstillstand an der ganzen Front ablehnte, und nur auf der Borissower Front einen solchen zuließ, behielt sie sich vor, falls die Sowjet-Regierung nicht allen Forderungen der Polen nachgab, während der Friedensverhandlungen einen Schlag gegen Kiew zu führen, während an der Nordwestfront die Roten Kräfte gebunden bleiben würden. Pilsudski wollte den General Hoffmann spielen. Und wie Hoffmann als Trumpf gegen Sowjet-Rußland den kleinbürgerlichen ukrainischen Nationalisten Petljura ausspielte, um die Ukrainer, d. h. Brot und Kohle, von Sowjet-Rußland zu trennen, so schloß auch Pilsudski ein Abkommen mit Petljura, in dem dieser dreimal durch die Arbeiter- und Bauern-Ukraina verjagte Allerweltsverbündeter und Allerweltsverräter, von Pilsudski als Vertreter der Unabhängigen Ukraina anerkannt wurde. Die Sowjet-Regierung wandte sich am 8. April an die englische Regierung mit einer Note, in der sie diesen Tatsachenbestand feststellte, und als Friedensverhandlungsort u. a. London vorschlug. Damit ward gesagt: wenn die englische Regierung ein wirkliches Friedensinteresse hat, nun, dann hat sie auch die Möglichkeit, ein Kompromiß zwischen Polen und Sowjet-Rußland herbeizuführen, und so das Kriegshinderhis für die Friedensverhandlungen aus dem Wege zu räumen. Tut die englische Regierung dies nicht, nun, dann verwirkt sie das Recht der Einmischung in den polnisch-russischen Krieg als neutrale Macht. Die englische Regierung ließ die Masken fallen. Sie beantwortete die Note der Sowjet-Regierung nicht. Am 29. April begann die Offensive Pilsudskis gegen Kiew, das nur von 6.000 Mann verteidigt wurde. Am 7. Juni fiel Kiew. Die französische Presse lachte die Engländer aus: Ihr wollt durch Verhandlungen mit Sowjet-Rußland Lebensmittel und Rohstoffe kriegen? Dies alles holt uns Pilsudski aus der Ukraina!
 

Die Verhandlungen mit England

Die englische Regierung führte inzwischen dilatorische Verhandlungen. Sie, die Litwinoff nicht hineinließ mit der Begründung: es handle sich doch nicht um Politik, sondern um wirtschaftliche Beziehungen, begann die Verhandlungen mit der Frage von der Ueberwindung der politischen Hindernisse der wirtschaftlichen Beziehungen. Sie klagte wehleidig über die kommunistische Agitation, die seitens Sowjet-Rußland nicht nur unter den englischen Arbeitern geführt wird, sondern — was für ein Verbrechen! — unter den Orientvölkern, die schon von Gott dazu verurteilt sind, die Wohltaten der englischen Herrschaft zu genießen. Sie forderte die Einstellung dieser Propaganda als Hauptbedingung eines russisch-englischen Handels-Abkommens. Krassin wies darauf hin, daß England das Haupt der antirussischen Koalition, die Leiterin der russischen Konterrevolution, sei. Auf die Aufforderung, der Engländer, den Kampf gegen die englischen Orientinteressen einzustellen, antwortete Krassin mit dem Hinweis darauf, daß Rußland keineswegs in der Lage ist, den Engländern von den Augen abzulesen, worin ihre Orientinteressen bestehen. Rußland grenze an den Orient, und wenn es, auch keine selbstsüchtigen Interessen im Orient verfolge, so ist es sein Interesse, daß keine imperialistische Macht die Orientländer als eine Basis zum Kampfe gegen Sowjetrußland gebrauche, ganz davon abgesehen, daß Rußland durch die Solidarität eines vom Weltkapital bedrängten Volkes mit den Orientvölkern verbunden sei. Die Iswestja spönnen diesen Gedanken weiter. Sie sagten: Sowjet-Rußland sehe in den Orientvölkern keineswegs ein Schacherobjekt. Es ist mit ihrem Aufstieg dauernd verbunden, aber es ist klar, daß, falls England Frieden mit Sowjet-Rußland schließt, dies eine Situation schaffen würde, in der auch die Orientvölker, von Sowjet-Rußland gestützt, zu einem friedlichen modus vivendi mit England gelangen könnten, in dem sie dem Frieden Opfer bringen würden, wie es Sowjet-Rußland in Brest-Litowsk getan hat. Die englische Regierung, die die prekäre Lage Sowjet-Rußlands an der Polenfront zum Abschluß eines Abkommens ausnützen wollte, drängte auf den Abschluß. Am 6. Juli wurde das Abkommen von Sowjet-Rußland unterzeichnet. Das Abkommen garantierte die Freiheit der Handelsbeziehungen der beiden Länder unter der Bedingung des gegenseitigen Verzichts auf feindliche Aktionen und Agitationen, ohne diese zu spezifizieren. Die englische Regierung glaubte durch dies Abkommen einen großen Sieg erfochten zu haben. In Wirklichkeit hat sie ein erst auszufüllendes Stück Papier erlangt. Nicht weil Sowjet-Rußland gewillt wäre, jedes Abkommen mit einer kapitalistischen Regierung nach dem Bethmann-Hollwegschen Muster als scrap of paper zu behandeln. Ohne den diplomatischen Abkommen die Bedeutung heiliger Bücher beizumessen, ist Sowjet-Rußland zweifelsohne gewillt, die Friedensabkommen zu halten, denn es braucht Frieden für seine Wirtschaftsarbeit. Die beste Garantie der Einhaltung des Friedens durch Sowjet-Rußland. ist sein Interesse an den Handelsbeziehungen mit den kapitalistischen Ländern. Aber wenn England glaubte, es werde Rußland binden, während es sich selbst nicht bindet, so war das ein großer Irrtum. Denn mit der feindlichen Stellungnahme Englands gegen Sowjet-Rußland würde die Zurückhaltung Sowjet-Rußlands hinfällig werden. Das Papier des Abkommens stellte also ein leeres Blatt dar, das erst durch die beiden vertragschließenden Parteien ausgefüllt werden sollte.

Inzwischen suchte die Rote Armee die Bedingungen zu schaffen, unter denen auch die englische Regierung ein lebhaftes Interesse an der Erhaltung des Friedens mit Sowjet-Rußland haben würde.
 

Der Krieg mit Polen

Das Papier war noch nicht Brocken, auf dem die polnischen bürgerlichen Schwätzer die Siege Pilsudskis mit denen Boleslaus des Tapferen verglichen, die Blumen waren noch nicht verwelkt, mit denen Pilsudski bei seiner Rückkehr aus Kiew auf den Straßen Warschaus beworfen wurde, als im Nordwesten die Offensive Tuchatschewskys begann. Sie wurde von den Polen bei Molodetschno aufgehalten, aber für den Preis der Einsetzung einer Anzahl von der Kiewer Front geholter Divisionen. Das schwächte die polnische Südfront so, daß, als die Kavallerie des früheren Wachtmeisters Budjonny über den Dnjepr hinausgriff, die polnische Südfront erzitterte, und eiligst zurückging. Damit war die Lage der Nordfront unhaltbar geworden. Sie hing in der Luft. Während Büdjonnys Reiterscharen die Polen in erbitterten Kämpfen auf Galizien zurückwarfen, zog sich die Nordfront in Eilmärschen auf Brest-Litowsk und Bialystok, hart verfolgt durch die Truppen Tuchatschewskys. „Hannibal ante portas!“ schrie dieselbe imperialistische Presse der Entente, die kurz vorher die Rote Armee als eine disziplinlose Horde behandelt hatte; Die französische Presse . schrie nach einer militärischen Intervention für Polen. Der Stabschef des Marschall Foch, General Weygand, übernahm die Leitung der polnischen Armee, und England, das am 8. April nichts hören wollte von einer Einmischung zugunsten des Friedens, es zeigte sich auf einmal höchst interessiert an der Herbeiführung des Friedens zwischen Sowjet-Rußland und Polen. Denn wenn, auch England in Polen einen Vasallen Frankreichs sieht, und keinesfalls Ursache hat, diesen Pfeiler der französischen Bestrebungen nach einer Hegemonie auf dem Kontinente zu lieben, so verstand es, daß das Verschwinden des weißgardistischen Polens katastrophale Folgen für die Weltbourgeoisie haben würde. Ein Sowjet-Polen wäre ein Vorwerk Sowjet-Rußlands Die Herrschaft der Arbeiterklasse an der Weichsel würde nicht nur den Versailler Frieden des polnischen Pfeilers berauben sondern sie würde den Sieg des deutschen Proletariats beschleunigen, da dann vom deutschen Proletariat die Furcht vor dem Zerdrücken zwischen dem imperialistischen Frankreich und dem nationalistischen Polen verschwinden würde. Darum vergaß England, daß es mit der verfehlten Sowjet-Regierung keine politischen Verhandlungen fuhren könne. Kamenew durfte an der Spitze einer politischen Delegation nach London fahren, er wurde so liebenswürdig von Lloyd George empfangen, als wäre er ein Abgesandter des bluttriefenden Zaren und nicht der proletarischen Demokratie Rußlands. Und die englische Regierung schlug eine allgemeine Konferenz über die Ostfragen vor. Sie gab zu verstehen, daß es sich um die vollkommene Liquidierung der anti-bolschewikischen Politik handele, der die Anerkennung Sowjet-Rußlands folgen werde. Lloyd George und die seinen setzten die russische Delegation geheimnisvoll ins Vertrauen über alle Differenzen mit dem schlechten Millerand, die natürlich jeder Gassenbube aus den Zeitungen kannte. Der Preis, den Sowjet-Rußland für die Ehre, das größere Vertrauen Lloyd Georges zu genießen, als Millerand angeblich besaß, zu bezahlen hatte, der Preis all dieser Liebenswürdigkeiten sollte in der Unterbrechung der Waffenhandlungen gegen Polen bestehen. Sowjet-Rußland lehnte die englische Einmischung ab. "Weder die englischen Liebenswürdigkeiten noch die Drohungen mit den Strafen der Hölle, die angesichts der Tatsache, daß das englische Volk neben dem jüdischen das Auserwählte ist, immer in Bewegung tritt, wenn englische imperialistische Interessen bedroht sind, weder die Peitsche noch das Zuckerbrot hielten den russischen Vormarsch auf. Sowjet-Rußland war zum Frieden bereit, aber es sollte ein Frieden sein, geschlossen zwischen dem russischen und polnischen Volke, der ein für allemal es der Entente unmöglich machen würde, den polnischen Säbel gegen Sowjet-Rußland zu schwingen.

Die Gefahren des Vormarsches lagen auf der Hand. Je weiter die Rote Armee sich von ihrer Basis entfernte, desto schwieriger war ihre Verpflegung und Versorgung mit Munition. Die schwere Artillerie konnte den Truppen nicht nachfolgen. Es drohte, daß sie aufgebraucht auf den zusammengedrängten Feind stoßen würden. Der Stand des Transportwesens erlaubte gar nicht, alle verfügbaren Kräfte im den Kampf einzusetzen. Diesen Erwägungen gegenüber, die es empfahlen, am Bug Halt zu machen, wiesen die andern darauf, hin, daß, wenn man den Polen Zeit überläßt, so werden sie ihre geschwächte, aber nicht aufgeriebene Armee mit Hilfe Frankreichs reetablieren, und zu einem neuen Schlag ausholen. Und England war nicht imstande, irgendwelche Frankreich bindende Verpflichtungen zu übernehmen. Das Risiko eines Mißlingens wurde gemacht. Die Roten Armeen überschritten den Bug, den Njemen, sie drängten über Brest-Litowsk und Bialistok auf Warschau. Sie griffen über die Weichsel, um die Möglichkeit der Unterstützung Polens durch die Entente von Danzig aus zu verhindern. Trotz der auf der Hand liegenden Gefahren, die bei jeder großen militärischen Operation bestehen, war der vollkommene Sieg möglich. Er scheiterte in erster Linie an organisatorischen Fragen. Die Rote Armee ging zur Offensive in zwei Gruppen geteilt, in die südwestliche und die nordwestliche, die selbständiges Kommando hatten. Bei der Schwierigkeit der Verbindung war das Zusammenarbeiten der beiden Armeegruppen mangelhaft. Dies wurde im Kampfe erkannt und die südwestliche Gruppe wurde dem allgemeinen Kommando Tuchatschewskys unterstellt. Tuchatschewsky, der wußte, daß die polnischen Kräfte, die sich über Brest-Litowsk zurückgezogen haben, nicht auf Warschau, sondern auf Lublin zurückgingen, sah die Gefahr eines Flankenstoßes gegen die die Vorstadt Warschaus, Praga, bestürmende Armee. Er befahl der Kavallerie Budjonnys den Kampf um Lemberg abzubrechen und in der Richtung Lublin einzusetzen. Budjonny war jedoch auf Grund der früheren Befehle des selbständig gen Südwestkommandos in schweren Kämpfen verwickelt und konnte sich vom Feinde nicht ablösen. Das erlaubte Weygand, den Flankenstoß auszuführen, mit dem sich Abtrennungsstöße im Norden vereinigten, die an und für sich keine ausschlaggebende Bedeutung gehabt haben würden, wenn Budjonny zeitig genug eingegriffen hätte. Die bei Warschau zurückgeworfene Armee flutete zurück und hart in den Rückzugskämpfen mitgenommen, konnte sie fast erst an der Beresina haltmachen.

Während an der Weichsel die Rote Armee dabei war, den Lakaien der Weltbourgeoisie, die polnische Bourgeoisie zu schlagen, und so die Weltherrschaft des Kapitals zu erschüttern, sah es in seinen eigenen Domänen die Entstehung der Roten Gefahr. In Deutschland ergriff eine große Erregung die Arbeitermassen. Sie störten die französischen Munitionstransporte und waren daran, die von Noske mit Minenwerfern getöteten Arbeiterräte wieder aufleben zu lassen. In England wurde zum ersten Mal der Gedanke an die Revolution in den Massen lebendig. Auf die Kriegsdrohung der Downingstree antwortete die vom Opportunismus sich noch nicht erhalte Arbeiterklasse, mit der Bildung des Council of action mit der Erklärung, daß sie zum Massenstreik greifen werde, falls die Regierung versuchen sollte, die englische Flotte gegen Sowjet-Rußland einzusetzen. Zum ersten Mal in der englischen Geschichte war die Arbeiterklasse zum ausschlaggebenden Faktor in der auswärtigen Politik geworden.

Ein Alp fiel vom Herzen der Weltbourgeoisie, als die Rote Armee, an der Weichsel geschlagen, zurückkehrte. Wie sie nicht fähig war, die Siege der Roten Armee zu verstehen, so war sie nicht fähig, ihre Niederlagen richtig zu beurteilen. Im August so schrieb der Redakteur eines führenden englischen Organs an seinen Korrespondenten in Rußland — waren die englischen Bourgeois überzeugt, die roten Truppen würden zu Weihnachten, am Rhein stehen. Und Herr Churchill trat schon offen für die Amnestierung der „Hunnen" ein, die doch nicht schwärzer und weniger zivilisiert seien, als die Senegalneger und die indischen Truppen, die das französische und englische Kapital zur Rettung der Zivilisation (bringt 20 Prozent ein) im Kriege eingesetzt hatten. Jetzt, nachdem die militärische Gefahr seitens Sowjet-Rußlands verschwunden, war, und die revolutionären Arbeiterbewegungen abebbten, prophezeite die gesamte bürgerliche Presse der Welt den Zusammenbruch Sowjet-Rußlands und pries die polnischen Schlachzizen als die Retter der Zivilisation: die, die unter dem König Sobieski das Christentum vor der türkischen Gefahr gerettet haben, die haben jetzt das jüdische Jobbertum gerettet. Heil Pilsudski, dem Retter der Zivilisation und Heil dem General Weygand, der den kopflosen Pilsudski gerettet hat!
 

Der Waffenstillstand in Riga und die Niederlage Wrangels

Sowjet-Rußland hatte genug seiner Söhne unter Waffen, um zur dritten Offensive gegen die Polen überzugehen. Es verzichtete aber auf einen neuen Waffengang und betrat den Weg der Rigaer Friedensverhandlungen mit dem festen Entschluß, sie durch Kompromiß mit dem Weißen Polen zu beenden. Die Gründe, die dafür sprachen, waren eindeutig. Während des polnischen Krieges hat Frankreich Wrangel anerkannt. Damit wurde ein neues Zentrum der russischen Konterrevolution geschaffen, hinter dem in dem gegebenen Moment die ganze Macht Frankreichs stand und morgen auch die, ganze Macht Englands stehen konnte. Mit der polnischen Konterrevolution, war ein Kompromiß möglich. Polen war durch den Krieg hart mitgenommen. Die polnische Bourgeoisie und die polnischen Schlachzizen sahen, wie gering die Hilfe war, die ihnen Frankreich angedeihen lassen konnte. Ihre Presse nannte die Niederlage der Roten Armee „Das Wunder an der Weichsel" und Wunder sind keine berechenbaren Faktoren. Die Rücksprache in Minsk zeigte, daß die Polen auf das ukrainische Abenteuer, die einzige Frage, in der kein Kompromiß möglich war, verzichten. Es konnte sich also handeln um territoriale Zugeständnisse in Weiß-Rußland und um ökonomische Abkommen. Natürlich war es für Sowjet-Rußland nicht leicht, die weißrussischen Bauern, die den Roten Truppen zugejauchzt haben, den polnischen Schlachzizen auszuliefern. Aber die Sowjetregierung hat nicht zum ersten Mal einen Teil seiner Kinder der Ausbeutung der Feinde ausliefern müssen, um das Leben der Sowjetrepublik selbst keinen Gefahren auszusetzen: blieb Sowjet-Rußland heil, so blieb das Zentrum der Weltrevolution heil, die in der Zukunft alle Unterdrückten befreien wird. In den Sümpfen und Wäldern Weißrußlands lag kein Lebensinteresse Sowjet-Rußlands. Die Besetzung Weißrußlands erschwierigte nur, die ökonomische Lage der polnischen Bourgeoisie. Ueber ökonomische Fragen war ein Kompromiß zwischen Polen und Sowjet-Rußland möglich, und es war desto aussichtsreicher, daß sie natürlich lange Verhandlungen erforderte, während welcher die Position Sowjet-Rußlands durch den Sieg über Wrangel gestärkt werden konnte. Mit Wrangel gab es kein Kompromiß. Wrangel und Sowjet-Rußland waren zwei Zentren: das Zentrum der Konterrevolution und der Revolution in Rußland. Beide kämpften um die Macht im russischen Maßstabe. Anerkannt und unterstützt durch Frankreich, begann Wrangel die Ueberreste aller konterrevolutionären Heere heranzuziehen, und er bedrohte den Lebensnerv Rußlands. Er konnte Sowjet-Rußland abschneiden vom Baku-Petroleum, von dem nordkaukasischen Getreide und er konnte die erst begonnene Restaurationsarbeit im Donez-Kohlenbecken ruinieren. Wrangel mußte geschlagen werden. Noch bevor der polnische Waffenstillstand unterzeichnet war, begannen die Truppentransporte von der Polenfront an die Wrangelsche abzugehen. Ganz Rußland strengte alle Kräfte an, um den Winter für die Kämpfe gegen Wrangel auszunützen. Und es handelte sich nicht nur darum, Wrangel zu schlagen. Der Sieg über Wrangel war ein Sieg über das imperialistische Frankreich. Er war ein Beweis, daß Sowjet-Rußland durch die polnische Niederlage in seinen Fundamenten unberührt geblieben ist. Die Daily News, das Organ der liberalen englischen Bourgeoisie, schrieb mit Recht: Wenn Sowjet-Rußland die Erschütterung durch die Niederlage im Polenkrieg aushält, nun dann steht es fest. Es ist klar, daß nur eine festfundierte Regierung den Verlust von zehntausenden Toten und von zehntausenden Gefangenen ohne tiefere Erschütterung erträgt. Und wie tief die Erschütterung sei, das konnte am besten die Haltung der Roten Armee an der Wrangelfront zeigen. Wird sie durch die Polenniederlage nicht entmutigt sein, wird sie den Strapazen im Süden während des Winters gewachsen sein? — das waren die Fragen, die sich jedem aufdrängten. Die Sowjetregierung bereitete sich für eine Winterkampagne an der Wrangelfront vor. Anfang Oktober begann die Offensive gegen Wrangel unter der Leitung von Frummse. Anfang November war Wrangel abgetan. Der Kampf gegen Wrangel bildet eines der schönsten Ruhmesblätter in der Geschichte der Roten Armee. Es setzte im Süden schon ein bitterer Winter ein. Schneegestöber und Frost wechselten mit Regen, der alle Wege aufweichen ließ. Und obwohl Moskau und Petrograd 15.000 Wintermäntel täglich lieferten, so standen die Soldaten im Felde noch allen Bitternissen des späten Herbstes und des anfangenden Winters ausgesetzt. Die schwere Artillerie konnte schwer herangeführt werden. Und als die Rote Armee die Wrangelschen Heere bis zu den beiden Meeresengen, die die Krim mit dem Kontinent verbinden, getrieben hatte, da stand sie vor ausgezeichnet ausgebauten Verteidigungslinien, die unter der Führung französischer Artillerie-Offiziere, ausgezeichnet bestückt, verteidigt wurden. Nur wenige rechneten mit der Möglichkeit der Forcierung der Meeresengen: Das Rote Heereskommando machte Vorbereitungen zu Flankenschlägen von der See aus. Aber die Roten Truppen, nicht entmutigt durch die polnische Niederlage, gingen todesmutig zu einem Frontalangriff nach dem andern über. Zehntausend Söhne Sowjet-Rußlands blieben auf der Strecke liegen, aber das Sowjet-Banner ward an den Meerengen gehißt und bald leuchtete der Sowjetstern von den Türmen Sewastopols ins Schwarze Meer hinein, den Völkern des Ostens den Weg des Kampfes und des Sieges zeigend.

Mitte November konnte der umsichtige, kluge und ruhige Kommandant der Roten Armee, der frühere zarische Oberst Sergej Sergeitsch Kamenew der Sowjetregierung freudestrahlend, melden, daß er einstweilen arbeitslos sei. Wenn der Sieg über Wrangel gezeigt hat, wie gut der Geist der Roten Armee, wie treu sie zum Sowjetbanner halte, so hat er auch gezeigt, daß Sowjet-Rußland in seinem Offizierskorps nicht nur auf die jungen proletarischen Roten Offiziere rechnen kann, sondern daß in den drei Jahren des Bürgerkrieges sich aus den alten zarischen Offizieren eine Elite herauskristallisiert hat, die mit der Sowjet-Regierung innig verbunden ist. Es sei hier gesagt, daß Kamenew, als es zu wählen galt zwischen, der Weiterführung des Krieges gegen Polen, wofür er aus nationalen Gründen sein mußte, und zwischen Wrangel, mit dem ihm seine Vergangenheit verband, kühl und klar das Interesse der Sowjet-Republik erfassend, sich für den entscheidenden Kampf gegen Wrangel aussprach. Die proletarische Diktatur hat sich in der Offizierselite treuere Verbündete erworben, weil alle denkenden, mit ihrem Volke fühlenden Offiziere verstehen, daß nur die Proletarierherrschaft Rußland von dem Geschick einer kapitalistischen Kolonie retten kann, weil sie zu verstehen beginnen, daß die alte kapitalistische Welt abstirbt, und man mit der neuen proletarischen gehen muß, wenn man nicht auf den Hundeinseln des Bosporus in den englischen Konzentrationslagern enden.


Zuletzt aktualiziert am 15.6.2011