Leo Trotzki

 

Geschichte der russischen Revolution

Band 2: Oktoberrevolution

 

Kapitel 15:
Die Bauernschaft vor dem Oktober

Die Zivilisation machte den Bauern zu ihrem Lastesel. Die Bourgeoisie veränderte letzten Endes nur die Form der Last. Kaum geduldet an der Schwelle des nationalen Lebens, bleibt die Bauernschaft auch in der Wissenschaft eigentlich hinter deren Schwelle. Der Historiker interessiert sich gewöhnlich für die Bauernschaft ebensowenig wie der Theaterkritiker für jene grauen Gestalten, die die Bühne fegen, Himmel und Erde auf dem Rücken tragen und die Garderobe der Schauspieler sauberhalten. Die Teilnahme der Bauernschaft an Revolutionen der Vergangenheit blieb bis auf den heutigen Tag kaum beleuchtet.

„Die französische Bourgeoisie begann mit der Befreiung der Bauern“, schrieb Marx im Jahre 1848, „mit den Bauern eroberte sie Europa. Die preußische Bourgeoisie war so sehr in ihren engsten, nächstliegenden Interessen befangen, daß sie selbst diesen Bundesgenossen sich verscherzte und zu einem Werkzeuge in der Hand der feudalen Konterrevolution machte.“ In dieser Gegenüberstellung ist richtig, was sich auf die deutsche Bourgeoisie bezieht; jedoch die Behauptung, „die französische Bourgeoisie begann mit der Befreiung der Bauern“, ist ein Widerhall der französischen offiziellen Legende, die zu ihrer Zeit sogar Marx beeinflußte. In Wirklichkeit widersetzte sich die Bourgeoisie im eigentlichen Sinne des Wortes, soweit ihre Kräfte reichten, der Bauernrevolution. Schon in den Landinstruktionen von 1789 warfen die örtlichen Führer des Dritten Standes, unter vorgeblicher Redigierung, die schärfsten und kühnsten Forderungen hinaus. Die viel zitierten Beschlüsse, vom 4. August, von der Nationalversammlung angenommen unter dein Feuerschein der Brände auf dem Lande, blieben lange pathetische Formel ohne Inhalt. Die Bauern, die sich mit dein Betrug nicht abfinden wollten, beschwor die Konstituierende Versammlung, „zurückzukehren zur Erfüllung ihrer Pflichten und sich mit gebührender Achtung gegen das Eigentum [das feudale!] zu verhalten“. Die Zivilgarde wandte sich mehr als einmal gegen die Dörfer, um die Bauern zu unterdrücken. Die städtischen Arbeiter, welche Partei für die Aufständischen nahmen, empfingen die bürgerlichen Exekutoren mit Steinen und Dachziegeln.

Fünf Jahre lang erhoben sich die französischen Bauern in allen kritischen Momenten der Revolution, um den Schacher der Feudalen mit den bürgerlichen Eigentümern zu verhindern. Die Pariser Sansculotten, die ihr Blut für die Republik vergossen, befreiten die Bauern aus den feudalen Fesseln. Die französische Republik von 1792 bedeutete ein neues soziales Regime, zum Unterschiede von der deutschen Republik von 1918 oder der spanischen Republik von 1931, die das alte Regime minus Dynastie bedeuten. Im Kern dieses Unterschiedes ist nicht schwer, die Agrarfrage zu entdecken.

Der französische Bauer dachte nicht unmittelbar in die Republik: er wollte den Gutsbesitzer abwerfen. Die Pariser Republikaner vergaßen gewöhnlich das Dorf. Aber nur der Bauerndruck gegen die Gutsbesitzer sicherte die Schaffung der Republik, indem er für sie den Boden vom feudalen Gerümpel säuberte. Eine Republik mit Adel ist keine Republik. Das hatte sehr gut der alte Machiavelli begriffen, der vierhundert Jahre vor Eberts Präsidentschaft, in seiner florentinischen Verbannung, zwischen Drosseljagd und Tricktrackspiel mit dem Fleischer, die Erfahrung demokratischer Umwälzungen verallgemeinerte: „Wer eine Republik in einem Lande schaffen will, wo viele Adlige sind, wird es nicht machen können, ohne diese zuerst alle auszurotten.“ Die russischen Muschiks waren eigentlich der gleichen Meinung, und sie bewiesen das offen, ohne jeden „Machiavellismus“.

Spielten Petrograd und Moskau die leitende Rolle in der Bewegung der Arbeiter und Soldaten, so gehörte der erste Platz in der Bauernbewegung dem rückständigen großrussischen Agrarzentrum und dem mittleren Wolgagebiet. Hier waren von den Überresten der Leibeigenschaft besonders tiefe Wurzeln erhalten geblieben, das adlige Eigentum an Boden trug einen besonders scharf ausgeprägten parasitären Charakter, die Differenzierung der Bauernschaft war zurückgeblieben und entblößte um so stärker die Armut des Dorfes. In diesem Landstrich lodert die Bewegung bereits im März auf und erhält sogleich Terrorfärbung. Durch Bemühungen der regierenden Parteien aber wird sie bald in das Bett der Versöhnlerpolitik geleitet.

In der industriell rückständigen Ukraine gewann die für Export arbeitende Landwirtschaft fortgeschritteneren, folglich kapitalistischeren Charakter. Die Schichtung der Bauernschaft war hier weit stärker als in Großrußland. Der Kampf um nationale Befreiung bremste unvermeidlich, wenigstens bis zu einem gewissen Zeitpunkt, alle anderen Formen des sozialen Kampfes. Jedoch die Unterschiede der territorialen und sogar nationalen Bedingungen äußerten sich letzten Endes nur in den Unterschieden der Fristen. Gegen Herbst wird fast das gesamte Land zum Gebiet des Bauernaufstandes. Von 620 Kreisen, die das alte Rußland bildeten, werden von der Bewegung 482 Kreise oder siebenundsiebzig Prozent erfaßt; ohne die Randgebiete, die sich durch besondere Agrarverhältnisse auszeichnen: Norddistrikt, Transkaukasien, Steppengebiet und Sibirien, sind von 481 Kreisen 439 Kreise oder einundneunzig Prozent in den Bauernaufstand hineingezogen.

Die Kampfarten unterscheiden sich je nachdem, ob es sich um Feld, Wald oder Weideland, um Pacht oder Lohnarbeit handelt. Der Kampf ändert Formen und Methoden an verschiedenen Etappen der Revolution. Aber im allgemeinen läuft die Bewegung auf dem Lande, mit unvermeidlichem Nachhinken, durch die gleichen zwei großen Stadien wie die Bewegung der Städte. Auf der ersten Etappe paßt sich die Bauernschaft noch dem neuen Regime an und versucht, ihre Aufgaben vermittels der neuen Institutionen zu lösen. Jedoch es geht auch hier mehr um die Form als um den Inhalt. Eine Moskauer liberale Zeitung, die vor der Revolution in volkstümlerischen Farben schillerte, gab mit lobenswerter Unmittelbarkeit den Gefühlen der Gutsbesitzerkreise im Sommer 1917 Ausdruck: „Der Muschik blickt um sich; noch tut er nichts, doch betrachtet genau seine Augen, und die Augen werden euch sagen, daß das ganze Land um ihn herum – sein Land ist.“ Einen unersetzbaren Schlüssel zur „friedlichen“ Politik der Bauernschaft bildet das Apriltelegramm eines der Tambower Dörfer an die Provisorische Regierung: „Wollen im Interesse der errungenen Freiheiten Ruhe bewahren, verbietet deshalb, über Gutsbesitzerboden zu verfügen vor der Konstituierenden Versammlung, andernfalls werden wir Blut fließen lassen, aber verhindern, daß ihn andere beackern.“

Der Muschik konnte um so eher den Ton ehrerbietiger Drohung einhalten, als er beim Pochen auf seine historischen Rechte fast niemals unmittelbar mit dem Staat zusammenstieß. Am Orte fehlten Organe der Regierungsmacht. Über die Miliz verfügten die Gemeindekomitees. Die Gerichte waren desorganisiert. Die örtlichen Kommissare ohnmächtig. „Wir haben dich gewählt“, schrien die Bauern, „wir werden dich auch davonjagen.“

Indem sie den Kampf der vorangegangenen Monate steigert, nähert sich die Bauernschaft während des Sommers immer mehr dem Bürgerkrieg und überschreitet mit ihrem linken Flügel dessen Schwelle. Laut Bericht der Bodenbesitzer des Taganroger Kreises ergreifen die Bauern eigenmächtig Besitz von der Heuernte, nehmen den Boden an sich, verhindern das Pflügen, bestimmen eigenmächtig Pachtpreise, entfernen Besitzer und Verwalter. Laut Meldung des Nischegoroder Kommissars häuften sich im Gouvernement Gewaltakte und Aneignungen von Acker und Wald. Die Kreiskommissare fürchten, in den Augen der Bauern als Verteidiger der Großgrundbesitzer zu erscheinen. Die Dorfmiliz ist unzuverlässig: „Es geschahen Fälle, wo Milizbeamte sich gemeinsam mit der Menge an Gewaltakten beteiligten.“ Im Schlüsselburger Kreis untersagt das Gemeindekomitee den Bodenbesitzern, ihren eigenen Wald zu fällen. Der Gedanke der Bauern ist einfach: Keine Konstituierende Versammlung wird aus den Baumstümpfen die abgeschlagenen Bäume wieder aufleben lassen können. Der Kommissar des Hofministeriums beschwert sich über Wegnahme der Heuernte: Heu für die Schloßpferde muß gekauft werden! Im Kursker Gouvernement verteilen die Bauern unter sich Tereschtschenkos gedüngte Brachfelder: der Eigentümer ist Minister des Auswärtigen. Dem Pferdezüchter des Orlower Gouvernements, Schneider, erklärten die Bauern, sie würden nicht nur den Klee auf seinem Gut abmähen, sondern ihn selber „zu den Soldaten stecken“. Dem Verwalter des Rodsjankoschen Gutes befahl das Gemeindekomitee, die Ernte den Bauern abzutreten: „Wenn Sie dem Landkomitee nicht gehorchen, wird anders mit Ihnen verfahren, Sie werden verhaftet werden.“ Unterschrift und Siegel.

Aus allen Ecken strömen Beschwerden und Geschrei: von den Betroffenen, von den Lokalbehörden, von edlen Zeugen. Die Telegramme der Bodenbesitzer stellen die glänzendste Widerlegung aller plumpen Klassenkampftheorien dar. Namhafte Gutsbesitzer, Eigentümer von Latifundien, geistliche und weltliche Leibeigenschaftsanhänger sind ausschließlich um das allgemeine Wohl besorgt. Feind ist nicht der Bauer, sondern der Bolschewik, manchmal der Anarchist. Die eigenen Güter interessieren die Landlords einzig vom Standpunkte des Gedeihens des Vaterlandes.

Dreihundert Mitglieder der Kadettenpartei, aus dem Gouvernement Tschernigow, erklären: angestiftet von den Bolschewiki, vertreiben die Bauern die Kriegsgefangenen von der Arbeit und gehen zum eigenmächtigen Einholen der Ernte über: als Folge droht „die Unmöglichkeit, Steuern zu zahlen“. Den Sinn des Daseins erblickten die liberalen Gutsbesitzer in der Unterstützung der Staatskasse! Die Staatsbankfiliale in Podolien beschwert sich über das eigenmächtige Vorgehen der Gemeindekomitees, „deren Vorsitzende kriegsgefangene Österreicher sind“. Hier spricht verletzter Patriotismus! Im Gouvernement Wladimir, auf dem Gutshof des Notars Odinzow, wird das „für wohltätige Institutionen angefertigte Baumaterial“ weggenommen. Notare leben ausschließlich für die Taten der Menschenliebe! Podoliens Bischof meldet die eigenmächtige Wegnahme von Wald, der dem bischöflichen Hause gehört. Der Oberprokurator beklagt sich über die Enteignung von Wiesenland des Alexander-Newski-Klosters. Die Vorsteherin des Kislarsker Klosters beschwört alle Donner gegen die Mitglieder des Lokalsowjets: sie mischen sich in die Klosterangelegenheiten, konfiszieren zu eigenem Nutzen die Pachtgelder, „hetzen die Nonnen gegen die Obrigkeit auf“. In all diesen Fällen sind unmittelbar die Interessen der Kirche betroffen. Graf Tolstoi, einer der Söhne Leo Tolstois, berichtet im Namen des Bundes der Landwirte des Ufaer Gouvernements, daß die Übergabe des Bodens an die Landkomitees, „ohne den Beschluß der Konstituierenden Versammlung abzuwarten ... einen Ausbruch von Unzufriedenheit ... unter den bäuerlichen Eigentümern hervorrufen wird, deren es im Gouvernement über zweihunderttausend gibt“. Der vornehme Gutsbesitzer ist ausschließlich um den kleinen Bruder besorgt. Senator Belgardt, Bodenbesitzer im Gouvernement Twer, ist bereit, sich mit dem Waldfällen abzufinden, trauert aber, daß die Bauern „sich der bürgerlichen Regierung nicht unterwerfen wollen“. Der Tambower Gutsbesitzer Weljaminow fordert die Rettung zweier Güter, die „den Bedürfnissen der Armee dienen“. Zufällig sind es seine eigenen Güter. Für Philosophen des Idealismus sind die gutsherrlichen Telegramme aus dem Jahre 1917 ein wahrer Schatz. Der Materialist wird in ihnen eher eine Musterschau des Zynismus erblicken. Er wird vielleicht hinzufügen, daß große Revolutionen die Besitzenden sogar der Fähigkeit einer geziemenden Heuchelei berauben.

Die Appelle der Leidtragenden an Kreis und Gouvernementsbehörden, den Innenminister, den Vorsitzenden des Ministerrats bleiben gewöhnlich resultatlos. Bei wem nun Hilfe suchen? Bei Rodsjanko, dem Vorsitzenden der Reichsduma. Zwischen den Julitagen und dem Kornilowaufstand fühlt sich der Kammerherr wieder als einflußreiche Figur: vieles geschieht auf seinen telephonischen Anruf hin.

Beamte des Innenministeriums versenden Zirkulare an die Ortsbehörden, wonach die Schuldigen dem Gericht zu übergeben seien. Waschechte Samaraer Gutsbesitzer telegraphieren zurück: „Telegramme ohne Unterschrift der Minister-Sozialisten haben keine Kraft.“ So zeigt sich der Nutzen des Sozialismus. Zeretelli muß seine Schüchternheit überwinden: am 8. Juli schickt er eine wortreiche Verfügung über Ergreifung „schneller und entschiedener Maßnahmen“. Wie die Gutsbesitzer ist auch Zeretelli nur um Armee und Staat besorgt. Den Bauern jedoch scheint es, Zeretelli schütze die Gutsbesitzer.

In den Unterdrückungsmethoden der Regierung tritt ein Umschwung ein. Bis Juli war vorwiegend gutes Zureden angewandt worden. Entsandte man auch Truppen in die Unruheherde, so doch nur als Deckung für den Redner der Regierung. Nach dem Sieg über die Petrograder Arbeiter und Soldaten werden Kavalleriekommandos, nun ohne Beschwichtiger, den Gutsbesitzern zur unmittelbaren Verfügung gestellt. Im Kasaner Gouvernement, einem der unruhigsten, gelang es – nach den Worten des jungen Historikers Jugow – nur „durch Verhaftungen, Einquartierung bewaffneter Kommandos in den Dörfern, sogar Wiedereinführung der Prügelstrafe ... die Bauern eine Weile zu zwingen, Ruhe zu halten“. Auch an anderen Stellen bleiben die Repressalien weht ohne Wirkung. Die Zahl der in Mitleidenschaft gezogenen Güter verminderte sich ein wenig im Juli: von 516 auf 503. Im August gelang es der Regierung, weitere Erfolge zu erringen: die Zahl der unruhigen Kreise fiel von 325 auf 280, um elf Prozent; die Zahl der von Unruhen erfaßten Güter sank sogar um dreiunddreißig Prozent.

Einige der bisher unruhigsten Gebiete verstummen oder treten in den Hintergrund. Dagegen beschreiten Gebiete, gestern noch zuverlässig, den Weg des Kampfes. Vor noch kaum einem Monat entwarf der Pensaer Kommissar ein tröstliches Bild: „Das Dorf ist mit dem Einbringen der Ernte beschäftigt ... Man bereitet sich für die Wahlen zu den Gemeindesemstwos vor. Die Periode der Regierungskrise ist ruhig verlaufen. Die Bildung der neuen Regierung ist mit großer Befriedigung aufgenommen worden.“ Im August bleibt von diesem Idyll bereits keine Spur: „Massenplünderung von Gärten und Waldfrevel ... Zur Liquidierung der Unruhen muß Waffengewalt angewandt werden.“

Dem Gesamtcharakter nach gehört die Sommerbewegung noch immer zur „friedlichen“ Periode. Doch kann man an ihr bereits zwar schwache, aber untrügliche Radikalisierungssymptome beobachten: nehmen in den ersten vier Monaten direkte Überfälle auf Gutshöfe ab, so beginnen sie im Juli sich wieder zu mehren. Die Forscher stellen im allgemeinen folgende Klassifizierung der Julizusammenstöße in sinkender Reihe fest: Aneignungen von Wiesen, Ernten, Lebensmitteln und Viehfutter, Ackerland und Inventar; Kampf um die Verdingungsmodalitäten; Plünderungen von Gütern. Im August Aneignungen von Ernten, Lebensmitteln und Futtervorräten, Wiesen und Heu, Land und Wald; Agrarterror.

Anfang September wiederholt Kerenski, in seiner Eigenschaft als Höchstkommandierender, in einem Sonderbefehl die kürzlichen Argumente und Drohungen seines Vorgängers Kornilow gegen „Gewaltakte“ der Bauern. Einige Tage später schreibt Lenin: „Entweder ... den gesamten Boden sofort den Bauern ... Oder aber die Gutsbesitzer und Kapitalisten ... werden die Sache zu einem unendlich grausamen Bauernaufstand treiben.“ Im Laufe des folgenden Monats wurde das Tatsache.

Die Zahl der von Agrarunruhen erfaßten Güter stieg im September im Vergleich zum August um dreißig Prozent; im Oktober im Vergleich zum September um dreiundvierzig Prozent. Auf September und die drei ersten Oktoberwochen entfällt über ein Drittel aller seit dem März registrierten Agrarkonflikte. Ihre Schärfe war jedoch unermeßlich stärker angewachsen als ihre Zahl. In den ersten Monaten hatte man sogar offenen Aneignungen irgendwelcher Grundstücke noch die Form von Abmachungen verliehen, gemildert und gedeckt durch die Versöhnlerorgane. Jetzt fällt die legale Maskierung weg. Jeder Zweig der Bewegung nimmt herausfordernden Charakter an. Von verschiedenen Arten und Graden des Druckes schreiten die Bauern zu gewaltsamen Enteignungen von Teilen der gutsherrlichen Wirtschaft, zu Plünderungen der Adelsnester, Brandlegung auf den Gutshöfen, sogar zum Morden der Besitzer und Verwalter.

Der Kampf um Abänderung der Pachtbedingungen, der im Juni die Zahl der Plünderungen übersteigt, beträgt im Oktober nicht mal ein Vierzigstel der Zahl der Plünderungen, wobei auch die Pächterbewegung ihren Charakter ändert, indem sie nur eine andere Form zur Vertreibung der Gutsbesitzer wird. Das Verbot des Kaufs und Verkaufs von Boden und Wald macht der direkten Aneignung Platz. Massenfälle von Abholzen und Abweiden nehmen den Charakter planmäßiger Vernichtung des gutsherrlichen Eigentums an. Fälle offener Gutsplünderungen sind im September 279 registriert; sie bilden bereits über ein Achtel sämtlicher Konflikte. Der Oktober weist zweiundvierzig Prozent aller Plünderungsfälle auf; von der Miliz zwischen Februar- und Oktoberumwälzung registriert.

Besonders erbitterten Charakter nahm der Kampf um den Wald an. Dörfer brannten häufig bis auf den Boden nieder. Bauholz wurde stark bewacht und teuer verkauft. Der Bauer war ausgehungert nach Holz. Überdies nahte die Zeit, Holzvorräte für den Winter zu sichern. Aus den Gouvernements Moskau, Nischegorod, Petrograd, Orel, Wolhynien, von allen Enden des Landes kommen Klagen über Waldplünderungen und gewaltsamen Raub fertiger Holzvorräte. „Die Bauern fällen eigenmächtig und unbarmherzig Wald.“ – „Durch die Bauern sind zweihundert Deßjatinen gutsherrlichen Waldes niedergebrannt.“ – „Die Bauern der Kreise Klimowitsch und Tscherikow vernichten den Wald und zerstören die Wintersaat.“ ... Die Waldwachen retten sich durch Flucht. Es stöhnt der Adelswald, Holzspäne fliegen durchs ganze Land. Das Bauernbeil schlägt während des Herbstes einen fieberhaften Revolutionstakt.

In den Brot importierenden Bezirken verschlimmerte sich die Ernährungsfrage auf dem Lande noch schärfer als in den Städten. Es fehlten nicht nur Lebensmittel, sondern auch Samen. In den exportierenden Städten ist die Lage infolge des intensiven Hinauspumpens der Lebensmittelbestände nicht viel besser. Das Steigen der festen Preise für Getreide trifft hart die Armut. In einer Reihe von Gouvernements beginnen Hungerrevolten, Plünderungen der Getreidespeicher, Überfälle auf Organe der Lebensmittelverteilung. Die Bevölkerung greift zu Brotsurrogaten. Es kommen Berichte über Skorbut- und Typhuserkrankungen, über Selbstmorde aus Verzweiflung. Hunger oder dessen Gespenst machen die Nachbarschaft von Wohlstand und Luxus besonders unerträglich. Die von der Not am meisten betroffenen Dorfschichten rücken in die vordersten Reihen.

Die Wellen der Erbitterung tragen aus der Tiefe nicht wenig Schlamm empor. Im Gouvernement Kostroma kann man „Schwarzhundert- und antijüdische Agitation beobachten. Das Verbrechertum wächst ... Es läßt sich ein Schwinden des Interesses für das politische Leben des Landes wahrnehmen“. Der letzte Satz im Bericht des Kommissares bedeutet: die gebildeten Klassen kehren der Revolution den Rücken. Plötzlich ertönt aus dem Podoler Gouvernement eine Stimme des Schwarzhundertmonarchismus: Das Komitee des Dorfes Demidowka anerkennt die provisorische Regierung nicht und betrachtet als „treusten Führer des russischen Volkes“ Kaiser Nikolai Alexandrowitsch: falls die Provisorische Regierung nicht abtritt, „schließen wir uns dem Deutschen an“. So kühne Geständnisse bleiben jedoch vereinzelt: die Monarchisten unter den Bauern hatten sich zusammen mit den Gutsbesitzern längst umgefärbt. Stellenweise, wie im gleichen Podolien, plündern die Truppen vereint mit den Bauern Schnapsbrennereien. Der Kommissar meldet Anarchie. „Es gehen Dörfer und Menschen zugrunde, die Revolution geht zugrunde.“ Nein, die Revolution ist weit vom Zugrundegehen. Sie bahnt sich nur ein tieferes Bett. Ihre rasende Wasser nähern sich der Mündung.

In der Nacht auf den 8. Oktober rufen die Bauern des Dorfes Sytschewka im Gouvernement Tambow, mit Knütteln und Heugabeln von Hof zu Hof gehend, groß und klein zusammen, um den Gutsbesitzer Romanow zu plündern. In der Gemeindeversammlung schlägt eine Gruppe vor, das Gut auf geordnetem Wege wegzunehmen, das Inventar unter die Bevölkerung zu verteilen und die Gebäude für Kulturzwecke zu erhalten. Die Armut fordert, den Gutshof niederzubrennen, daß kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Armut ist in Mehrzahl. In der gleichen Nacht erfaßte ein Flammenmeer die Güter der ganzen Gemeinde. Es wurde alles eingeäschert, was nicht feuerfest war, sogar das Versuchsfeld; das Zuchtvieh wurde abgeschlachtet, „man soff bis zum Wahnsinn“. Das Feuer griff von Dorfgemeinde auf Dorfgemeinde über. Das bastbeschuhte Heer begnügt sich bereits nicht mehr mit den patriarchalischen Heugabeln und Sensen. Der Gouvernementskommissar telegraphiert „Bauern und unbekannte Personen, bewaffnet mit Revolvern und Handgranaten, plündern die Güter im Ranenburger und Rjaschker Kreise.“ Die hohe Technik hat der Krieg in den Bauernaufstand hineingebracht. Der Bund der Bodenbesitzer meldet, in drei Tagen seien vierundzwanzig Güter niedergebrannt worden. „Die Lokalbehörden sind ohnmächtig, die Ordnung wieder herzustellen.“ Mit Verspätung trifft eine vom Armeebefehlshaber abkommandierte Militärabteilung ein, Belagerungszustand wird verhängt, Versammlungen werden verboten, die Verhaftung der Rädelsführer geht vor sich. Die Gräben sind angefüllt mit Sachen aus Gutshäusern, die Flüsse verschlingen nicht wenig Geraubtes.

Der Pensaer Bauer Begischew erzählt: „Im September führen alle, das Gut Logwin zu plündern (es war auch schon 1905 geplündert worden), zum Gut, und vom Gute zogen sich Karawanen von Gespannen, Hunderte von Bauern und Dorfweibern trieben und führten Vieh weg, fuhren mit Getreide und so weiter davon.“ Die von der Semstwoverwaltung angeforderte Soldatenabteilung versuchte einiges von dem Geplünderten zu retten, aber es versammelten sich in der Gemeinde etwa fünfhundert Weiber und Bauern, und die Abteilung „entfernte sich“. Die Soldaten waren offenbar gar nicht so darauf erpicht, die verletzten Gutsherrenrechte wiederherzustellen.

Seit Ende September begannen die Bauern im Taurischen Gouvernement nach den Erinnerungen des Bauern Haponenko „Ökonomien zu plündern, Inspektoren wegzujagen, Korn aus den Speichern, Arbeitsvieh, totes Inventar wegzuholen ... Sogar Fensterläden, Türen der Gebäude, Fußböden aus den Zimmern, Zinkdächer wurden abgerissen und weggenommen“ ... „Anfangs kam man nur zu Fuß, nahm und trug davon“, erzählt der Minsker Bauer Grunjko, „dann spannte Pferde an, wer welche hatte, und ganze Wagenzüge führten Ladungen weg. Unermüdlich ... So, wie man um 12 Uhr mittags begann, fuhr und trug man zwei Tage und Nächte ohne Rast. In diesen achtundvierzig Stunden säuberte man alles restlos.“ Die Aneignung von Gut und Habe wurde, nach den Worten des Moskauer Bauern Kusmitschew, folgendermaßen verteidigt: „Das war unser Gutsbesitzer, wir haben für ihn gearbeitet, und das Vermögen, das er hatte, muß uns allein gehören.“ Ehemals sagte der Adlige dem Leibeigenen: „Ihr seid mein, und was ihr habt, ist mein.“ Jetzt hallte es von den Bauern wider: „Unser der Herr, und unser sein Hab und Gut.“

„In einigen Orten begann man, die Gutsbesitzer nachts aufzustören“, erinnert sich ein anderer Minsker Bauer, Nowikow. „Immer häufiger brannten Gutshöfe.“ Die Reihe kam an das Gut des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, des ehemaligen Höchstkommandierenden. „Als man alles weggenommen hatte, was wegzunehmen war, ging man daran, die Öfen abzureißen, die Ofenklappen runterzuholen, Fußböden und Bretter rauszutragen und all das heimzuschleppen“ ... Hinter diesen Demolierungstaten stand die uralte, Jahrtausende alte Berechnung aller Bauernkriege: bis auf den Boden die befestigten Positionen des Feindes vernichten, keinen Platz übriglassen, wo er sein Haupt hinlegen könnte. „Die Vernünftigeren“, erinnert sich der Kursker Bauer Zygankow, „sagten: „Man darf die Gebäude nicht vernichten, wir werden sie nötig haben ... für Schulen und Krankenhäuser“, in der Mehrzahl aber gab es solche, die schrien, daß man alles vernichten müsse, damit für jeden Fall unsern Feinden kein Versteck bleibt.“ – „Die Bauern eigneten sich die gesamte gutsherrliche Habe an“, erzählt der Orlower Bauer Sawtschenko, „jagten die Gutsbesitzer von den Gütern, rissen aus den gutsherrlichen Häusern Fenster, Türen, Fußböden, Decken heraus ... Die Soldaten sagten, wenn man die Wolfshöhlen aushebt, muß man auch den Wölfen den Garaus machen. Solcher Drohungen wegen hielten sich die vornehmsten und größten Gutsbesitzer versteckt, darum hat es Morde an Gutsbesitzern nicht gegeben.“

Im Dorfe Salessje, Gouvernement Witebsk, brannte man Speicher voll Korn und Heu nieder auf dem Gut, das dem Franzosen Bernard gehörte. Die Muschiks zeigten um so weniger Lust, einen Unterschied in der Staatszugehörigkeit zu machen, als viele Gutsbesitzer sich beeilt hatten, ihren Grund und Boden auf privilegierte Ausländer zu überschreiben. „Die französische Gesandtschaft bittet, Maßnahmen zu ergreifen.“ In den an der Front gelegenen Landstrichen war es Mitte Oktober schwer, „Maßnahmen“ zu ergreifen, sogar wenn man der französischen Gesandtschaft gefällig sein wollte.

Die Plünderung eines großen Gutes bei Rjasan dauerte vier Tage, „an den Plünderungen nahmen sogar Kinder teil“. Der Bund der Bodenbesitzer brachte dem Ministerium zur Kenntnis, daß, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden sollten, „Lynchjustiz, Hunger und Bürgerkrieg entstehen müssen“. Unverständlich, weshalb die Gutsbesitzer vom Bürgerkrieg noch immer in Zukunftsform sprechen.

Auf dem Genossenschaftskongreß Anfang September sagte Berkenheim, einer der Führer der starken Handelsbauernschaft: „Ich bin überzeugt, daß noch nicht ganz Rußland sich in ein Irrenhaus verwandelt hat und vorläufig hauptsächlich die Bevölkerung der Großstädte den Verstand verlor.“ Diese selbstzufriedene Stimme des soliden und konservativen Teils der Bauernschaft kam hoffnungslos spät: gerade in diesem Monat fiel das Dorf völlig aus allen Vernunftsangeln und ließ an Wildheit des Kampfes alle „Irrenhäuser“ der Städte weit zurück.

Im April hatte Lenin es noch für möglich gehalten, daß die patriotischen Genossenschaftler und Kulaken die Hauptmasse der Bauernschaft auf den Weg der Versöhnung mit Bourgeoisie und Gutsbesitzern mitreißen könnten. Um so unermüdlicher drängte er auf Schaffung besonderer Sowjets der Landarbeiterdeputierten und selbständiger Organisationen der ärmsten Bauern. Ein Monat nach dem andern zeigte jedoch, daß dieser Teil der bolschewistischen Politik keine Wurzeln schlug. Wenn man von den Ostseeprovinzen absieht, existierten absolut keine Landarbeitersowjets. Auch die Bauernarmut fand keine eigene Organisationsform. Dies nur mit der Rückständigkeit der Landarbeiter und der ärmsten Dorfschichten zu erklären, hieße dem Kern der Sache ausweichen. Der Hauptgrund wurzelte in dem Wesen der historischen Aufgabe selbst: in der demokratischen Agrarumwälzung.

An den zwei wichtigsten Fragen: der Pacht und der Lohnarbeit, zeigt sich am überzeugendsten, wie die Gesamtinteressen des Kampfes gegen die Überbleibsel der Leibeigenschaft nicht nur der Bauernarmut, sondern auch den Landarbeitern den Weg zu einer selbständigen Politik abschnitten. Die Bauern hatten von den Gutsbesitzern im europäischen Rußland siebenundzwanzig Deßjatinen gepachtet, nahezu sechzig Prozent des gesamten in Privatbesitz befindlichen Bodens, und dafür einen jährlichen Pachttribut von vierhundert Millionen Rubel gezahlt. Der Kampf gegen die Sklavenbedingungen der Pacht wurde nach der Februarumwälzung Hauptelement der Bauernbewegung. Einen kleineren, aber doch sehr bedeutenden Platz nahm der Kampf der Landarbeiter ein, der diese in einen Gegensatz brachte nicht nur zur gutsherrlichen, sondern auch zur bäuerlichen Ausbeutung. Der Pächter kämpfte für die Erleichterung der Pachtbedingungen, der Landarbeiter für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Beide gingen, jeder auf seine Art, von der Anerkennung des Gutsbesitzers als des Eigentümers und Herrn aus. Aber von dem Moment an, wo sich die Möglichkeit eröffnete, die Sache zu Ende zu führen, das heißt den Boden wegzunehmen und sich darauf selbst zu setzen, hörte das Interesse der Bauernarmut für Pachtfragen auf, und für den Landarbeiter begann die Gewerkschaft ihre Anziehungskraft einzubüßen. Gerade die Landarbeiter und armen Pächter verliehen durch ihren Anschluß an die Gesamtbewegung dem Bauernkrieg die letzte Entschlossenheit und Unwiderruflichkeit.

Nicht mit der gleichen Wucht erfaßte der Feldzug gegen die Gutsbesitzer auch den entgegengesetzten Pol des Dorfes. Solange es noch nicht zu einem offenen Aufstand gekommen war, spielten die oberen Schichten der Bauernschaft in der Bewegung eine beträchtliche, zuweilen auch führende Rolle. Doch in der Herbstperiode blickten die wohlhabenden Bauern mit stetig wachsendem Mißtrauen auf den sich ausbreitenden Bauernkrieg: sie wußten nicht, wie es enden würde, sie hatten etwas zu verlieren, sie rückten beiseite. Aber vollends beiseitezubleiben vermochten sie doch nicht: das Dorf ließ es nicht zu.

Verschlossener und feindseliger als die „eigenen“, die Gemeindekulaken, verhielten sich die außerhalb der Gemeinde stehenden kleinen Bodenbesitzer. Bauerngehöfte von nicht über fünfzig Deßjatinen Umfang zählte man im ganzen Lande sechshunderttausend. Sie bildeten an vielen Orten das Rückgrat der Genossenschaften und neigten besonders im Süden politisch zum konservativen Bauernbund, der bereits eine Brücke zu den Kadetten darstellte. „Die aus der Gemeinde ausgeschiedenen und die reichen Bauern unterstützten“, nach den Worten des Minsker Bauern Gulis, „die Gutsbesitzer und waren bemüht, die Bauernschaft durch Zureden zu beschwichtigen.“ An manchen Stellen hatte der Kampf innerhalb der Bauernschaft unter Einfluß lokaler Verhältnisse schon vor dem Oktoberumsturz grimmigen Charakter angenommen. Besonders scharf litten darunter die aus der Gemeinde ausgeschiedenen. „Fast sämtliche Vorwerke“ erzählt der Nischegoroder Bauer Kusmitschew, „waren niedergebrannt, die Habe teils vernichtet, teils von den Bauern weggeschleppt.“ Der Vorwerkbesitzer war „gutsherrlicher Diener, Bevollmächtigter für mehrere gutsherrliche Waldreviere; Liebling der Polizei, Gendarmerie und seiner Herren.“ Die reichsten Bauern und die Kaufleute in manchen Gemeinden des Nischegoroder Kreises flohen im Herbst und kehrten erst zwei, drei Jahre später in ihre Dörfer zurück.

Doch im größten Teil des Landes erreichten die inneren Beziehungen im Dorfe bei weitem noch nicht diese Schärfe. Die Kulaken verhielten sich diplomatisch, bremsten und hemmten, waren aber bemüht, nicht allzu sehr ihre Gegnerschaft zum „Mir“ (der Gemeinde) hervorzukehren. Das Dorf im allgemeinen beobachtete seinerseits sehr eifersüchtig das Kulakentum und verhinderte dessen Vereinigung mit den Gutsbesitzern. Der Kampf zwischen den Adligen und den Bauern um den Einfluß auf den Kulaken geht durch das ganze Jahr 1917 in verschiedensten Formen, von „freundschaftlicher“ Beeinflussung bis zum erbitterten Terror.

Während die Latifundienbesitzer die herrschaftlichen Türen der Adelsversammlung vor den reichen Bauern umschmeichelnd öffneten, suchten die kleinen Bodenbesitzer sich demonstrativ gegen die Adligen abzugrenzen, um nicht mit ihnen zusammen unterzugehen. In der Sprache der Politik äußerte es sich darin, daß die Gutsbesitzer, die vor der Revolution den Parteien der äußersten Rechten angehörten, sich jetzt die Farbe des Liberalismus zulegten, weil sie aus alter Erinnerung diese als Schutzfarbe betrachteten; indes die bäuerlichen Bodenbesitzer, die früher häufig die Kadetten unterstützt hatten, jetzt nach links rückten.

Der Kongreß der kleinen Bodenbesitzer im Gouvernement Perm grenzte sich im September scharf ab vom Moskauer Kongreß der Gutsbesitzer, an dessen Spitze „Grafen, Fürsten und Barone“ standen. Der Besitzer von fünfzig Deßjatinen sagte: „Die Kadetten haben nie Schafpelze und Bastschuhe getragen und werden daher niemals unsere Interessen vertreten.“ Während sie von den Liberalen abrückten, suchten die werktätigen Bodenbesitzer solche „Sozialisten“, die für das Eigentum eintraten. Einer der Delegierten sprach sich für die Sozialdemokratie aus. „... Der Arbeiter? Gebt ihm Boden, er kommt ins Dorf und hört auf, Blut zu spucken. Die Sozialdemokraten werden uns den Boden nicht wegnehmen.“ Es handelte sich selbstverständlich um die Menschewiki. „Unseren Boden geben wir an keinen weg. Nur der kann sich leicht von ihm trennen, der ihn leicht erworben hat, wie zum Beispiel der Gutsbesitzer. Der Bauer aber hat sein Land schwer erworben.“

Während dieser Herbstperiode kämpfte das Dorf gegen die Kulaken, ohne sie von sieh zu stoßen, im Gegenteil, es zwang sie, sich der Gesamtbewegung anzuschließen und diese gegen die Schläge von rechts zu decken. Es gab sogar Fälle, wo die Weigerung, an einer Plünderung teilzunehmen, mit dem Tode des Widerspenstigen gesühnt wurde. Der Kulak wich aus solange er konnte, doch im letzten Augenblick spannte er, sich noch einmal am Hinterkopf kratzend, seine satten Gäule vor den eisenbeschlagenen Wagen und fuhr, seinen Anteil zu holen. Nicht selten erwies dieser sich als der Löwenanteil. „Ausgenutzt haben es hauptsächlich die wohlhabenden Bauern“, erzählt der Pensaer Bauer Begischew, „die über Pferde und freie Kräfte verfügten.“ Fast dieselben Worte gebraucht auch der Orlower Bauer Sawtschenko: „Ausgenutzt haben es in der Hauptsache die Kulaken, die satt waren und Fuhrwerk hatten, den Wald abzufahren ...“

Nach der Berechnung von Wermenitschew kamen auf 4.954 Agrarkonflikte mit Gutsbesitzern während Februar–Oktober nur 324 Konflikte mit der bäuerlichen Bourgeoisie. Ein auffallend krasses Zahlenverhältnis! Es stellt unbestreitbar fest, daß die Bauernbewegung von 1917 in ihrem sozialen Kern nicht gegen den Kapitalismus gerichtet war, sondern gegen die Überbleibsel der Leibeigenschaft. Der Kampf gegen das Kulakentum entwickelt sich erst später, im Jahre 1918, nach der endgültigen Liquidierung der Gutsbesitzer.

Der rein demokratische Charakter der Bauernbewegung, der, wie es scheinen könnte, der offiziellen Demokratie unerschütterliche Macht verliehen haben sollte, offenbarte am vollständigsten deren ganze Fäulnis. Von oben gesehen, standen überall an der Spitze der Bauernschaft Sozialrevolutionäre, die Bauernschaft wählte sie, ging mit ihnen, verschmolz beinahe mit ihnen. Auf dem Maikongreß der Bauernsowjets bekam Tschernow bei den Wahlen zum Exekutivkomitee 810 Stimmen, Kerenski 804, während Lenin es alles in allem auf 20 Stimmen brachte. Nicht umsonst nannte sich Tschernow Bauernminister! Doch nicht umsonst auch trennte sich die Strategie der Bauern bald schroff von Tschernows Strategie.

Die wirtschaftliche Zersplitterung macht die Bauern, die so entschlossen im Kampf gegen den konkreten Gutsbesitzer sind, ohnmächtig gegenüber dem verallgemeinerten Gutsbesitzer, dem Staate. Daher das organische Bedürfnis des Muschiks, sich an den Märchenstaat gegen den realen zu klammern. In alten Zeiten schuf er sich falsche Zaren, schloß sich zusammen um den „goldenen Zarenschutzbrief“ oder um die Legende von der „gerechten Erde“. Nach der Februarrevolution vereinigte er sich um das sozialrevolutionäre Banner „Land und Freiheit“ und suchte bei ihm Hilfe gegen den liberalen, jetzt Kommissar gewordenen Gutsbesitzer. Das Narodnikiprogramm verhielt sich zur realen Kerenskiregierung wie der falsche Zarenschutzbrief zum realen Selbstherrscher.

Das Programm der Sozialrevolutionäre hatte stets viel Utopisches enthalten: sie wollten den Sozialismus auf der Basis der kleinen Warenwirtschaft errichten. Doch die Grundlage ihres Programms war demokratisch-revolutionär: Enteignung des Bodens der Gutsbesitzer. Vor die Notwendigkeit gestellt, das Programm zu erfüllen, verstrickte sieh die Partei in Koalitionen. Gegen eine Bodenkonfiskation erhoben sich unversöhnlich nicht nur die Gutsbesitzer, sondern auch die kadettischen Bankiers: im Bodenbesitz waren nicht weniger als vier Milliarden Rubel der Banken investiert. Da sie planten, in der Konstituierenden Versammlung mit den Gutsbesitzern um den Preis zwar zu handeln, aber friedlich abzuschließen, waren die Sozialrevolutionäre eifrigst bemüht, den Muschik nicht an den Boden heranzulassen. Sie scheiterten somit nicht an dem utopischen Charakter ihres Sozialismus, sondern an ihrer demokratischen Unzulänglichkeit. Die Nachprüfung ihres Utopismus hätte Jahre erfordert. Ihr Verrat am Agrardemokratismus offenbarte sich im Laufe weniger Monate: unter einer Regierung der Sozialrevolutionäre mußten die Bauern den Weg des Aufstandes beschreiten, um das Programm der Sozialrevolutionäre zu verwirklichen.

Im Juli, als die Regierung gegen das Dorf mit Repressalien losschlug, beeilten sieh die Bauern in der ersten Hitze, Deckung zu suchen bei denselben Sozialrevolutionären: bei Pontius dem Jüngeren suchten sie Schutz vor Pilatus dem Älteren. Der Monat der größten Schwächung der Bolschewiki in der Stadt wird der Monat der größten Expansion der Sozialrevolutionäre im Dorfe. Wie es in der Regel zu sein pflegt, besonders in revolutionären Epochen, fiel das Maximum der organisatorischen Erfassung mit dem Beginn politischen Niedergangs zusammen. Während sie bei den Sozialrevolutionären Schutz suchten vor den Schlägen der sozialrevolutionären Regierung, verloren die Bauern immer mehr das Vertrauen zu Regierung und Partei. So wurde die Aufschwemmung der sozialrevolutionären Organisationen auf dem Lande todbringend für diese universelle Partei, die von unten her meuterte und von oben unterdrückte.

In der Versammlung der Militärischen Organisation vom 30. Juli in Moskau sagte ein Frontdelegierter, selbst Sozialrevolutionär: Wenn auch die Bauern sich noch immer zu den Sozialrevolutionären zählen, zwischen ihnen und der Partei ist dennoch bereits ein Riß entstanden. Die Soldaten bestätigten: unter dem Einfluß der sozialrevolutionären Agitation verhalten sich die Bauern noch immer feindlich gegen die Bolschewiki, doch die Fragen des Bodens und der Macht entscheiden sie in Wirklichkeit auf bolschewistische Art. Der Bolschewik Powolschski, der im Wolgagebiet arbeitete, bezeugt, daß die achtbarsten Sozialrevolutionäre, Teilnehmer der Bewegung von 1905, sich immer mehr zurückgedrängt fühlten: „die Bauern nannten sie „die Alten“, bezeigten ihnen äußerlich Achtung, stimmten jedoch ab nach eigenem Kopf“. Abzustimmen und zu handeln „nach eigenem Kopf“ lehrten das Dorf Arbeiter und Soldaten.

Die Einschätzung des sozialrevolutionären Einflusses der Arbeiter auf die Bauernschaft ist nicht möglich: er hatte einen ständigen, molekularen, alles durchdringenden und deshalb unwägbaren Charakter. Das gegenseitige Durchdringen wurde dadurch erleichtert, daß ein bedeutender Teil industrieller Unternehmen in ländlichen Gegenden untergebracht war. Aber sogar die Arbeiter Petrograds, der europäischsten der Städte, bewahrten nahe Beziehungen zu den heimatlichen Dörfern. Die während der Sommermonate angewachsene Arbeitslosigkeit und die Aussperrungen der Unternehmer warfen viele Tausende Arbeiter aufs Land hinaus: ihre Mehrzahl wurde Agitatoren und Anführer.

Im Mai-Juni entstehen in Petrograd Arbeiter-Landsmannschaften nach Gouvernements, Kreisen und sogar Dorfgemeinden. Ganze Spalten der Arbeiterpresse sind Ankündigungen von Landsmannschaftsversammlungen gewidmet, wo Berichte über Fahrten ins Dorf gegeben, den Delegierten Anweisungen entworfen, Geldmittel für die Agitation gesammelt werden. Kurz vor dein Umsturz vereinigten sich die Landsmannschaften um ein besonderes Zentralbüro unter Leitung der Bolschewiki. Die Landsmannschaftsbewegung dehnte sich bald auf Moskau, Twer und wohl auch auf eine Reihe anderer Industriestädte aus.

Jedoch im Sinne der unmittelbaren Beeinflussung des Dorfes hatten noch größere Bedeutung die Soldaten. Erst unter den künstlichen Bedingungen der Front oder der Stadtkaserne kamen die jungen Bauern, bis zu einem gewissen Grade ihre Abgesondertheit überwindend, in unmittelbare Berührung mit Problemen von nationalem Maßstabe. Jedoch machte sich die politische Unselbständigkeit auch hier fühlbar. Während sie unausweichbar unter Leitung patriotischer und konservativer Intellektueller gerieten und bestrebt waren, sich von ihnen zu befreien, versuchten die Bauern, in der Armee sich gesondert von den übrigen sozialen Gruppen zusammenzuschließen. Die Behörden sahen solche Bestrebungen ungern, das Kriegsministerium setzte Hindernisse entgegen, die Sozialrevolutionäre kamen ihnen nicht zu Hilfe, – die Sowjets der Bauerndeputierten gewannen in der Armee schwer Boden. Selbst unter den gütistigsten Bedingungen vermag der Bauer nicht seine erdrückende Quantität in politische Qualität umzusetzen!

Nur in den großen revolutionären Zentren, unter direkter Einwirkung der Arbeiter, gelang es den Sowjets der Bauernsoldaten, eine nennenswerte Tätigkeit zu entwickeln. So schickte der Bauernsowjet in Petrograd von April 1917 bis zum 1. Januar 1918 935 Agitatoren aufs Land, die mit besonderen Mandaten ausgestattet waren; etwa ebensoviele reisten ohne Mandate. Die Delegierten besuchten 65 Gouvernements. In Kronstadt entstanden unter den Matrosen und Soldaten, nach dem Beispiel der Arbeiter, Landsmannschaften, die den Delegierten „Berechtigungs“-scheine für Freifahrt auf Eisenbahn und Schiff ausstellten. Privatbahnen anerkannten diese Scheine widerspruchslos, auf den Staatsbahnen ergaben sich Konflikte.

Die offiziellen Delegierten der Organisationen waren immerhin nur Tropfen im Bauernozean. Unermeßlich größer war die Arbeit jener Hunderttausende und Millionen Soldaten, die die Front- und Hinterlandgarnisonen eigenmächtig verließen und in ihren Ohren die kräftigen Parolen der Meetingsreden davontrugen. Die Schweiger an der Front wurden zu Hause auf dem Dorfe zu Sprechern. An begierigen Zuhörern fehlte es nicht. „Unter der Bauernschaft um Moskau“, erzählt einer der Moskauer Bolschewiki, Muralow, „vollzog sich ein gewaltiger Ruck nach links ... In den um Moskau gelegenen Dörfern und Marktflecken wimmelte es von Frontdeserteuren; auch der großstädtische Proletarier, der seine Beziehungen zum Dorfe noch nicht zerrissen hatte, ließ sich dort sehen.“ Das schlummernde Kalugaer Dorf erzählt der Bauer Naumtschenkow, „weckten die Soldaten, die in der Periode Juni–Juli aus verschiedenen Gründen von der Front kamen“. Der Nischegoroder Kommissar meldete, „alle Rechtsbeugungen und Ungesetzlichkeiten im Gouvernement stehen im Zusammenhang mit dem Auftauchen von Deserteuren, Urlaubern oder Delegierten der Regimentskomitees“. Der obere Gutsverwalter der Fürstin Barjatinski, im Kreise Solotonosch, klagt im August über Eigenmächtigkeit des Landkomitees mit dem Kronstädter Matrosen Gatran als Vorsitzenden. „Die auf Urlaub kommenden Soldaten und Matrosen“, meldet der Kommissar des Bugulminsker Kreises, „treiben Agitation mit der Absicht, Anarchie und Pogromstimmung herbeizuführen.“ – „Im Dorfe Belogosch, Kreis Mglin, untersagte der eingetroffene Matrose eigenmächtig das Bearbeiten und Abfahren von Holz und Schwellen aus dem Walde.“ Wenn auch nicht die Soldaten den Kampf begannen, so führten sie ihn zu Ende. Im Nischegoroder Kreis bedrängten die Bauern das Frauenkloster, mähten Wiesen ab, rissen Zäune nieder, behelligten die Nonnen. Die Vorsteherin trat energisch auf, Milizionäre führten die Bauern zur Exekution ab. „So ging es“, schreibt der Bauer Arbekow, „bis zur Ankunft der Soldaten. Die Frontler faßten sofort den Stier bei den Hörnern“: das Kloster wurde geräumt. „Im Gouvernement Mohilew“, erzählt der Bauer Bobkow, „waren die von der Front heimgekehrten Soldaten die ersten Anführer in den Komitees und leiteten die Vertreibung der Gutsbesitzer.“

Die Frontler brachten in die Sache die wuchtige Entschlossenheit von Leuten hinein, die gewohnt sind, mit Flinte und Bajonett gegen Menschen vorzugehen. Selbst die Soldatenfrauen übernahmen von den Männern die kriegerische Stimmung. „Im September“, erzählt der Pensaer Bauer Begischew, „gab es eine starke Bewegung unter den Soldatenfrauen, in den Dorfversammlungen traten sie für Plünderungen ein.“ Dasselbe wurde in anderen Gouvernements beobachtet. Die Soldatenfrauen waren auch in den Städten nicht selten das Gärungselement.

Fälle, wo an der Spitze von Bauernunruhen Soldaten standen, gab es nach Wermenitschews Zählung im März ein Prozent, im April acht, im September dreizehn, im Oktober siebzehn Prozent. Diese Statistik kann keinen Anspruch auf Genauigkeit erheben, zeigt aber lückenlos die Gesamttendenz. Die abwiegelnde Führung der sozialrevolutionären Lehrer, Gemeindeschreiber und Beamten wurde durch die Führung der vor nichts zurückschreckenden Soldaten abgelöst.

Der einstmals hervorragende deutsche marxistische Schriftstel1er Parvus, der es im Kriege verstand, Reichtümer zu erwerben und Prinzipien und Scharfsinn zu verlieren, verglich die russischen Soldaten mit mittelalterlichen Landsknechten, Plünderern, Räubern. Um dies zu behaupten, mußte man blind sein für die Tatsache, da die russischen Soldaten bei alt ihren Exzessen lediglich ausübendes Organ der in der Geschichte größten Agrarrevolution waren.

Solange die Bewegung noch nicht endgültig mit der Legalität gebrochen hatte, trug die Entsendung von Truppen aufs Land mehr symbolischen Charakter. Zur Unterdrückung der Bewegung konnte man in Wirklichkeit fast nur Kosaken verwenden. „Nach dem Serdober Kreis sind vierhundert Kosaken entsandt ... Diese Maßregel wirkte beruhigend. Die Bauern erklären, sie würden die Konstituierende Versammlung abwarten“, schreibt am 11. Oktober das liberale Russkoje Slowo. Vierhundert Kosaken – zweifellos ein Argument für die Konstituierende Versammlung! Aber die Zahl der Kosaken reichte nicht hin, überdies werden auch sie schwankend. Inzwischen sah sich die Regierung immer häufiger gezwungen, zu „entschiedenen Maßnahmen“ zu greifen. In den ersten vier Monaten zählt Wermenitschew siebzehn Fälle von Truppenentsendung gegen Bauern; Juli und August neununddreißig, September und Oktober 105 Fälle.

Gegen dir Bauern mit Waffengewalt vorzugehen, hieß, den Brand mit Öl löschen. In den meisten Fällen gingen die Soldaten auf die Seite der Bauern über. Der Kreiskommissar des Podoler Gouvernements meldet: „Armeeorganisationen, sogar ganze Truppenteile treffen Entscheidungen in sozialen und ökonomischen Fragen, zwingen (?) die Bauern zu Enteignung und Abholzung des Waldes, beteiligen sich zum Teil selbst an Plünderungen ... Die örtlichen Truppenteile weigern sich gegen die Gewalttaten einzuschreiten“ ... So zerstörte der Aufstand des Dorfes den letzten Zusammenhalt in der Armee. Es konnte nicht die Rede davon sein, daß die Armee unter den Bedingungen des Bauernkrieges, an dessen Spitze die Arbeiter standen, es dulden würde, gegen den Aufstand in den Städten sich verwenden zu lassen.

Erst von den Arbeitern und Soldaten erfahren die Bauern über die Bolschewiki das Neue, was ihnen die Sozialrevolutionäre nicht gesagt hatten. Lenins Parolen und sein Name dringen ins Dorf. Die sich häufenden Beschwerden über die Bolschewiki tragen jedoch in vielen Fällen erdichteten und aufgebauschten Charakter: die Gutsbesitzer hoffen dadurch eher Hilfe zu bekommen. „Im Ostrower Kreise herrscht völlige Anarchie infolge der Propaganda des Bolschewismus.“ Aus dem Ufaer Gouvernement: „Das Mitglied des Dorfkomitees, Wassiljew, verbreitet das Programm der Bolschewiki und erklärt offen, die Gutsbesitzer würden gehängt werden.“ Der Nowgoroder Gutsbesitzer Polonnik, der um „Schutz gegen Plünderungen“ nachsucht, unterläßt hinzuzufügen: „Die Exekutivkomitees sind überfüllt mit Bolschewiki“, das bedeutet: mit Feinden der Gutsbesitzer. „Im August“, erzählt der Simbirsker Bauer Sumorin, „reisten durch die Dörfer Arbeiter, agitierten für die Partei der Bolschewiki, erzählten deren Programm.“ Der Untersuchungsrichter des Sebescher Kreises leitet ein Strafverfahren ein gegen die aus Petrograd eingetroffene Weberin Tatjana Michajlowa, sechsundzwanzig Jahre alt, die in ihrem Dorf aufrief „zur Niederwerfung der Provisorischen Regierung und Lenins Taktik verherrlichte“. Im Smolensker Gouvernement begann man Ende August, wie der Bauer Kotow berichtet. „sich für Lenin zu interessieren und auf Lenins Stimme zu horchen“ ... Doch in die Gemeindesemstwos werden noch immer in gewaltiger Überzahl Sozialrevolutionäre gewählt.

Die bolschewistische Partei ist bemüht, an den Bauer näher heranzugehen. Am 10. September fordert Newski vom Petrograder Komitee die Herausgabe einer Bauernzeitung: „Die Sache muß so angefaßt werden, daß man nicht dasselbe erlebt, was die französische Kommune erlebt hat, als die Bauernschaft Paris nicht verstand, Paris nicht die Bauernschaft.“ Die Zeitung Bednota (Armut) begann bald zu erscheinen. Aber die direkte Parteiarbeit unter der Bauernschaft blieb noch immer geringfügig. Die Stärke der bolschewistischen Partei lag nicht in technischen Mitteln, nicht im Apparat, sondern in der richtigen Politik. Wie die Luftströme den Samen überallhin tragen, so trugen die Revolutionsstürme überallhin Lenins Ideen.

„Gegen September“, erinnert sich der Twerer Bauer Worobjew, „treten in den Versammlungen immer häufiger und kühner zur Verteidigung der Bolschewiki nicht mehr nur Frontler, sondern auch arme Bauern selbst auf“ ... „Unter der Armut und einigen Mittelbauern“, bestätigt der Simbirsker Bauer Sumorin, „verschwindet Lenins Name nicht von den Lippen; nur von Lenin wird gesprochen.“ Der Nowgoroder Bauer Grigorjew erzählt, wie ein Sozialrevolutionär in der Gemeinde die Bolschewiki „Expropriateure“ und „Verräter“ nannte. „Wie tobten da die Bauern: „Nieder mit dem Hund, steinigt ihn! Erzähl uns keine Märchen, – wo ist der Boden? Genug! Her mit den Bolschewiken!““ Es ist allerdings möglich, daß diese Episode – und solcher und ähnlicher gab es nicht wenig – bereits in die Zeit nach dem Oktober fällt: im Gedächtnis der Bauern sitzen Tatsachen fest, ist aber die Chronologie schwach.

Den Soldaten Tschinenow, der sein Dorf im Orlower Gouvernement eine Kiste bolschewistischer Literatur brachte, hatte das Heimatdorf unfreundlich empfangen: sicherlich deutsches Gold. Im Oktober jedoch „zählte die Gemeindezelle siebenhundert Mitglieder, viele Gewehre erhoben sich stets zur Verteidigung der Sowjetmacht“. Der Bolschewik Wratschew erzählt, wie die Bauern des rein agrarischen Woronescher Gouvernements, „erwacht aus dem sozialrevolutionären Rausch, begannen, sich für unsere Partei zu interessieren, infolgedessen hatten wir bereits nicht wenig Dorf- und Gemeindezellen, Abonnenten für unsere Zeitungen und empfingen viele Bauernabgesandte im engen Raum unseres Komitees“. Im Smolensker Gouvernement waren, nach Erinnerungen von Iwanow, „in den Dörfern Bolschewiki sehr rar, auch in den Kreisen waren ihrer sehr wenig, bolschewistische Zeitungen gab es nicht, Flugblätter erschienen sehr selten ... Und dennoch, je näher an den Oktober, um so mehr wandte sich das Dorf den Bolschewiki zu“

In den Kreisen, wo schon vor dem Oktober der bolschewistische Einfluß in den Sowjets bestand“, schreibt derselbe Iwanow, „trat die elementare Welle der Güterplünderungen gar nicht oder in schwachem Maße in Erscheinung.“ Allerdings verhielt es. sich nicht überall gleich „Die Forderung der Bolschewiki, den Boden den Bauern zu übergeben“, erzählt beispielsweise Tadejusch, „wurde besonders schnell von der Bauernmasse des Mohilewer Kreises aufgenommen, die die Güter plünderte, manche niederbrannte, Wiesen und Wälder wegnahm.“ Ein Widerspruch zwischen diesen Zeugnissen besteht eigentlich nicht. Die gesamte Agitation der Bolschewiki nährte zweifellos den Bürgerkrieg im Dorfe. Doch dort, wo es den Bolschewiki gelungen war, festere Wurzel zu fassen, waren sie naturgemäß bestrebt, ohne den Bauerndruck abzuschwächen, seine Formen in geordnetere Bahnen zu lenken und die Verwüstungen einzudämmen.

Die Bodenfrage stand nicht isoliert da. Der Bauer litt, besonders in der letzten Kriegsperiode als Verkäufer wie als Käufer: das Getreide wurde ihm zu festgesetzten Preisen abgenommen, die Industrieprodukte wurden für ihn immer unerschwinglicher. Das Problem der ökonomischen Wechselbeziehungen zwischen Dorf und Stadt, das später unter dem Namen „Schere“ zum Zentralproblem der Sowjetwirtschaft werden soll, zeigt bereits sein bedrohliches Antlitz. Die Bolschewiki sagten den Bauern: Die Sowjets müssen die Macht übernehmen, dir Boden geben, den Krieg beenden, die Industrie demobilisieren, Arbeiterkontrolle in den Betrieben einführen, das Verhältnis der Preise zwischen Industrie- und Landwirtschaftsprodukten regulieren. So summarisch das auch klang, aber es bezeichnete den Weg. „Zwischen uns und der Bauernschaft“, sagte Trotzki am 10. Oktober in der Konferenz der Fabrikkomitees, „stehen als Scheidewand die Awksentjewschen Sowjetgestalten. Wir müssen diese Wand durchbrechen. Wir müssen im Dorfe erklären, daß alle Versuche der Arbeiter, dem Bauern durch Belieferung des Dorfes mit landwirtschaftlichen Geräten zu helfen, so lange resultatlos bleiben müssen, wie nicht die Produktion organisiert und unter Arbeiterkontrolle gestellt ist.“ In diesem Sinne erließ die Konferenz ein Manifest an die Bauern.

Die Petrograder Arbeiter schufen währenddessen in den Fabriken eigene Kommissionen, die Metall sammelten, Bruch und Ausschuß, und es einer besonderen Zentrale „Der Arbeiter dem Bauern“, zur Verfügung stellten. Der Abfall wurde verwandt zur Herstellung einfachster landwirtschaftlicher Geräte und Ersatzteile. Dieser erste planwirtschaftliche Einbruch der Arbeiter in die Produktion, noch unbedeutend dem Umfange nach, mit dem Übergewicht agitatorischer Ziele vor ökonomischen, eröffnete jedoch die Perspektive der nahen Zukunft. Erschrocken durch das Eindringen der Bolschewiki in das geheiligte Gebiet des Dorfes, machte das Bauernexekutivkomitee einen Versuch, sich des neuen Beginnens zu bemächtigen. Doch mit den Bolschewiki in der städtischen Arena sich zu messen ging bereits über die Kräfte der altersschwachen Versöhnler, die auch auf dem Lande immer mehr den Boden unter den Füßen verloren.

Das Echo der bolschewistischen Agitation „brachte die arme Bauernschaft derart in Aufruhr“, schrieb später der Twerer Bauer Worobjew, „daß man bestimmt sagen kann: Wäre der Oktober nicht im Oktober, er wäre im November gekommen.“ Diese plastische Charakteristik der politischen Macht des Bolschewismus steht keineswegs im Widerspruch zu der Tatsache seiner organisatorischen Schwäche. Nur durch solch scharfe Disproportionen kann sich eine Revolution den Weg bahnen. Gerade deshalb läßt sich, nebenbei gesagt, ihr Lauf nicht in die Rahmen der formalen Demokratie zwängen. Damit die Agrarumwälzung geschehen könne, im Oktober oder November, blieb der Bauernschaft nichts anderes übrig, als das zerfallende Gewebe der sozialrevolutionären Partei auszunutzen. Deren linke Elemente gruppieren sich hastig und ungeordnet unter dem Druck der Bauernbewegung, streben den Bolschewiki nach, rivalisieren mit diesen. Während der nächsten Monate vollzieht sich die politische Verschiebung der Bauernschaft hauptsächlich unter dem zerfetzten Banner der linken Sozialrevolutionäre: diese ephemere Partei wird zur reflektierenden und schwankenden Form des Dorfbolschewismus, provisorische Brücke vom Bauernkrieg zur proletarischen Umwälzung.

Die Agrarrevolution bedurfte eigener lokaler Organe. Wie sahen diese aus? Auf dem Lande existierten Organisationen verschiedener Typen: staatliche, wie die Gemeinde–, Land- und Verpflegungsexekutivkomitees; gesellschaftliche, wie die Sowjets; rein politische, wie die Parteien, und schließlich Organe der Selbstverwaltung, in Gestalt der Gemeindesemstwos. Bauernsowjets vermochten sich zu entwickeln nur im Maßstabe des Gouvernements, teilweise des Kreises; Gemeindesowjets gab es nur vereinzelt. Gemeindesemstwos faßten schwer Fuß. Dagegen wurden die Land- und Exekutivkomitees, dem Plane nach Staatsorgane, so seltsam das auf den ersten Blick scheinen mag, zu Organen der Bauernrevolution.

Das oberste Landkomitee, bestehend aus Beamten, Gutsbesitzern, Professoren, gelehrten Agronomen, sozialrevolutionären Politikern; mit einer Beimischung zweifelhafter Bauern, war seinem Wesen nach die Zentralbremse der Agrarrevolution. Die Gouvernementskomitees hörten nicht auf, Leiter der Regierungspolitik zu sein. Die Komitees in den Kreisen schaukelten zwischen den Bauern und der Obrigkeit. Dagegen wurden die Gemeindekomitees, von den Bauern gewählt und an Ort und Stelle vor den Augen des Dorfes arbeitend, Werkzeuge der Agrarbewegung. Der Umstand, daß die Komiteemitglieder sich gewöhnlich zu den Sozialrevolutionären zählten, änderte nichts an der Sache: sie richteten sieh nach der Muschikhütte und nicht nach dem Adelsgutshof. Die Bauern schätzen besonders hoch den staatlichen Charakter ihrer Landkomitees, da sie in ihm eine Art Freibrief auf den Bürgerkrieg erblickten.

„Die Bauern sagen, sie anerkennen niemand außer dem Gemeindekomitee“, klagt bereits im Mai einer der Milizchefs des Saransker Kreises, „alle Kreis- und Staatskomitees hingegen arbeiten angeblich den Bodenbesitzern in die Hand.“ Nach den Worten des Nischegoroder Kommissars „enden die Versuche einiger Gemeindekomitees, gegen die eigenmächtigen Handlungen der Bauern anzukämpfen, fast immer mit Mißerfolg und führen zur Absetzung der gesamten Mitglieder“ ... „Die Komitees waren stets“, nach den Worten des Pskower Bauern Denisow, „auf seiten der Bauernbewegung gegen die Gutsbesitzer, da man in sie den revolutionärsten Teil der Bauernschaft und Frontsoldaten hineinwählte.“

Die Kreis- und besonders die Gouvernementskomitees wurden von der Beamten-“Intelligenz“ geleitet, die danach strebte, friedliche Beziehungen zu den Gutsbesitzern aufrechtzuerhalten. „Die Bauern sahen“, schreibt der Moskauer Bauer Jurkow, „daß es der gleiche Pelz ist, nur gewendet, die gleiche Macht, nur unter neuem Namen.“ „Man kann“, meldet der Kursker Kommissar, „die Neigung ... zu Neuwahlen jener Kreiskomitees beobachten, die unentwegt die Verfügungen der Provisorischen Regierung durchführen.“ Aber an das Kreiskomitee zu gelangen war dem Bauern sehr schwer gemacht: die politische Verbindung der Dörfer und Gemeinden sicherten Sozialrevolutionäre, so daß die Bauern gezwungen waren, sich der Partei zu bedienen, deren Hauptmission im Wenden des alten Pelzes bestand.

Die auf den ersten Blick erstaunliche Kühle der Bauernschaft für die Märzsowjets hatte in Wirklichkeit tiefe Ursachen. Der Sowjet repräsentiert im Gegensatz zum Landkomitee keine Spezial-, sondern eine Universalorganisation der Revolution. Doch auf dem Gebiet der allgemeinen Politik ist der Bauer nicht imstande, auch nur einen Schritt ohne Führung zu tun. Die Frage ist, woher sie kommt. Die bäuerlichen Gouvernements- und Kreissowjets wurden errichtet auf Initiative und zum großen Teil mit Mitteln der Genossenschaft, nicht als Organe der Bauernrevolution, sondern als Werkzeuge zur konservativen Bevormundung der Bauernschaft. Das Dorf duldete über sich die rechtssozialrevolutionäre Sowjets, als Schild gegen die Regierung. Zu Hause bei sich zog es die Landkomitees vor.

Um das Dorf zu hindern, sich im Kreise „rein bäuerlicher Interessen“ zu bewegen, drängte die Regierung auf Schaffung demokratischer Semstwos. Schon dies allein mußte den Bauern Grund sein, die Ohren zu spitzen. Die Wahlen mußte man häufig geradezu aufzwingen. „Es kämen Fälle von Ungesetzlichkeiten vor“, meldet der Pensaer Kommissar, „die zur Sprengung der Wahlen führten.“ Im Gouvernement Minsk verhafteten die Bauern den Vorsitzenden der Gemeindewahlkommission, Fürsten Druzki-Lubezki, den sie der Wahllistenschiebung beschuldigten: es fiel den Bauern nicht leicht, sich mit dem Fürsten über die demokratische Lösung des jahrhundertealten Streites zu verständigen. Der Bugulminsker Kreiskommissar meldet: „Die Wahlen zu den Gemeindesemstwos sind im Kreise nicht ganz planmäßig verlaufen ... Die Zusammensetzung der Gemeindeabgeordneten ist rein bäuerlich, es läßt sich eine Entfremdung der Ortsintelligenz feststellen, besonders den Bodenbesitzern gegenüber.“ Somit unterschieden sich die Semstwos wenig von den Komitees. „Zur Intelligenz, besonders zu den Bodenbesitzern“, klagt der Minsker Gouvernementskommissar, „verhält sich die Bauernmasse ablehnend.“ In der Mohilewer Zeitung vom 23. September ist zu lesen: „Die Arbeit der Intelligenz auf dem Lande ist mit Gefahren verbunden, verspricht man nicht kategorisch, die sofortige Übergabe des gesamten Bodens an die Bauern zu unterstützen.“ Wo eine Verständigung und sogar ein Verkehr zwischen den Hauptklassen unmöglich wird, verschwindet der Boden für Institutionen der Demokratie. Die Totgeburt der Gemeindesemstwos kündete unfehlbar den Zusammenbruch der Konstituierenden Versammlung an.

„Unter der hiesigen Bauernschaft“, meldet der Nischegoroder Kommissar, „hat sich der Glaube gefestigt, alle bürgerlichen Gesetze hätten ihre Kraft verloren und alle Rechtsbegriffe müßten jetzt durch die Bauernorganisationen reguliert werden.“ Die örtliche Miliz zu ihrer Verfügung, erließen die Gemeindekomitees lokale Gesetze, bestimmten Pachtpreise, regulierten den Arbeitslohn, setzten eigene Verwalter auf den Gütern ein, nahmen Boden, Wiesen, Wälder, Inventar in eigene Hand, holten dem Gutsbesitzer die Waffen weg, nahmen Haussuchungen und Verhaftungen vor. Die Stimme der Jahrhunderte und die frische Revolutionserfahrung sagten dem Bauern in gleicher Weise, daß die Bodenfrage die Frage der Macht sei. Für die Agrarumwälzung waren Organe der Bauerndiktatur notwendig. Der Muschik wußte um dieses lateinische Wort noch nicht. Aber der Muschik wußte, was er wollte. Jene „Anarchie“, über die Gutsbesitzer, liberale Kommissare und versöhnlerische Politiker klagten, war in Wirklichkeit die erste Etappe der revolutionären Diktatur auf dem Lande.

Die Notwendigkeit der Schaffung besonderer, rein bäuerlicher lokaler Organe für die Agrarumwälzung verteidigte Lenin schon während der Ereignisse von 1905/06: „Revolutionäre Bauernkomitees“, bewies er auf dem Stockholmer Parteikongreß, „sind der einzige Weg, den die Bauernbewegung gehen kann.“ Der Muschik las Lenin nicht. Dafür aber las Lenin die Gedanken des Muschiks gut.

Das Dorf ändert sein Verhalten zu den Sowjets erst gegen Herbst, wo die Sowjets selbst ihren politischen Kurs ändern. Die bolschewistischen und linkssozialrevolutionären Sowjets in den Kreis- oder Gouvernementsstädten halten jetzt die Bauern nicht mehr zurück, im Gegenteil, sie stoßen sie vorwärts. Hatte das Dorf in den ersten Monaten bei den Versöhnlersowjets legale Deckung gesucht, um später in feindliche Konflikte mit ihnen zu geraten, so fand es jetzt zum erstenmal in den revolutionären Sowjets eine wirkliche Führung. Saratower Bauern schrieben im September: „Die Macht muß in ganz Rußland in die Hände ... der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputiertensowjets übergehen. So wird es sicherer sein.“ Erst gegen Herbst beginnt die Bauernschaft ihr Bodenprogramm mit der Parole Sowjetmacht zu verbinden. Aber auch dabei weiß sie noch nicht, wie und durch wen diese Sowjets geführt werden sollen.

Agrarunruhen hatten in Rußland ihre große Tradition, ihr einfaches, aber grelles Programm, ihre Lokalmärtyrer und Helden. Die gewaltige Erfahrung von 1905 war auch für das Dorf nicht spurlos vorbeigegangen. Hierbei ist noch die Arbeit der Sektiererideen, die Millionen Bauern erfaßten, in Betracht zu ziehen. „Ich kannte“, schreibt ein unterrichteter Autor, „viele Bauern ..., die die Oktoberrevolution als direkte Erfüllung ihrer religiösen Hoffnungen aufnahmen.“ Von allen Bauernaufständen, die die Geschichte kennt, war die Bewegung der russischen Bauernschaft von 1917 zweifellos die am meisten von politischen Gedanken befruchtete. Und hat sie sich dennoch als unfähig erwiesen, sich eine selbständige Führung zu schaffen und die Macht in die eigenen Hände zu nehmen, so sind die Gründe dafür in der organischen Natur der isolierten herkömmlichen Kleinwirtschaft zu suchen: diese sog aus dem Bauer alle Säfte, ohne ihn dafür mit der Fähigkeit zu Verallgemeinerungen auszustatten.

Die politische Freiheit des Bauern bedeutet in der Praxis die Freiheit, zwischen den verschiedenen städtischen Parteien zu wählen. Doch auch diese Wahl vollzieht sich nicht a priori. Durch ihren Aufstand stößt die Bauernschaft die Bolschewiki an die Macht. Aber erst nach der Machteroberung werden die Bolschewiki die Bauernschaft erobern können, indem sie die Agrarrevolution zum Gesetz des Arbeiterstaates erheben.

Eine Forschergruppe unter Jakowlews Leitung nahm eine sehr wertvolle Klassifizierung der Materialien vor, die die Evolution der Agrarbewegung vom Februar bis Oktober charakterisieren. Die Zahl der unorganisierten Zusammenstöße mit einhundert pro Monat zugrunde legend, berechneten die Forscher, daß an „organisierten“ Konflikten auf den April dreiunddreißig, auf den Juni sechsundachtzig, auf Juli 120 entfielen. Das war der Augenblick der höchsten Blüte der sozialrevolutionären Organisationen auf dem Lande. Im August kommen auf hundert unorganisierte Konflikte bereits nur zweiundsechzig organisierte, im Oktober insgesamt vierzehn. Aus diesen bei all ihrer Bedingtheit höchst lehrreichen Zahlen zieht Jakowlew jedoch eine ganz überraschende Schlußfolgerung: wenn die Bewegung bis zum August immer „organisiertere“ Formen annahm, so gewinnt sie im Herbst dagegen einen immer „elementareren Charakter“. Zur gleichen Formel gelangt ein anderer Forscher, Wermenitschew: „Das Sinken des organisierten Teiles der Bewegung in der Periode der Voroktoberwelle beweist das Elementare der Bewegung in diesen Monaten.“ Stellt man das Elementare dem Bewußten, wie Blindheit dem Sehvermögen, gegenüber und das wäre die einzige wissenschaftliche Gegenüberstellung –, dann müßte man zu der Schlußfolgerung kommen, daß das Bewußte in der Bauernbewegung bis August steigt, dann zu fallen beginnt, um im Moment des Oktoberaufstandes gänzlich zu verschwinden. Dieses haben unsere Forscher offenbar nicht sagen wollen. Bei einem einigermaßen nachdenklichen Verhalten zu der Frage ist es unschwer zu begreifen, daß zum Beispiel die Bauernwahlen zur Konstituierenden Versammlung, trotz all ihrer äußerlichen „Organisiertheit“, einen unvergleichlich „elementareren“, das beißt unvernünftigeren, herdenmäßigeren blinderen Charakter gehabt hatten als der „unorganisierte“ Bauernfeldzug gegen die Gutsbesitzer, wo jeder Bauer klar wußte, was er wollte.

Auf dem Herbstgipfel brach die Bauernschaft nicht mit dem Bewußten zugunsten des Elementaren, sondern mit der Versöhnlerführung zugunsten des Bürgerkriegs. Der Niedergang der Organisiertheit hatte wesentlich äußerlichen Charakter: die Versöhnlerorganisationen kommen in Wegfall; aber sie hinterlassen keinesfalls einen leeren Platz. Das Beschreiten des neuen Weges vollzog sich unter unmittelbarer Führung der revolutionärsten Elemente: Soldaten, Matrosen und Arbeiter. Vor entscheidenden Taten riefen die Bauern häufig allgemeine Versammlungen ein, sorgten sogar dafür, daß Beschlüsse von allen Dorfgenossen unterzeichnet wurden. „In der Herbstperiode der Bauernbewegung mit ihren Zerstörungsformen“, schreibt der dritte Forscher, Schestakow, „tritt häufig die alte „Dorfversammlung“ der Bauern in Erscheinung ... In der Dorfversammlung verteilt die Bauernschaft das enteignete Hab und Gut, durch die Dorfversammlung verhandelt sie mit den Gutsbesitzern und Gutsadministrationen, den Kreiskommissaren und den Beschwichtigern anderer Art“ ...

Weshalb die Gemeindekomitees, die den Bauern dicht an den Bürgerkrieg herangeführt hatten, vom Schauplatz verschwanden, darüber enthalten die Materialien keine direkten Angaben. Aber die Erklärung drängt sich von selbst auf. Die Revolution verbraucht rapid ihre Organe und Werkzeuge. Schon deshalb, weil die Landkomitees die halb friedlichen Handlungen geleitet hatten, mußten die sich für den direkten Sturm als wenig geeignet erweisen. Der allgemeine Grund wird durch besondere, aber nicht weniger schwerwiegende Ursachen ergänzt. Indem sie den Weg des offenen Krieges gegen die Gutsbesitzer beschritten, wußten die Bauern nur allzu gut, was ihnen im Falle einer Niederlage drohte. Nicht wenige Landkomitees saßen ohnehin bereits bei Kerenski hinter Schloß und Riegel. Die Verantwortung zu dekonzentieren, wurde unerläßliche Forderung der Taktik. Die geeignetste Form dafür war der „Mir“. In gleicher Richtung wirkte außerdem zweifellos das übliche Mißtrauen der Bauern untereinander: es ging jetzt um direkte Aneignung und Teilung der Gutsbesitzerhabe, jeder wollte selbst daran teilnehmen, ohne seine Rechte einem anderen anzuvertrauen. So führte die höchste Kampfverschärfung zu vorübergehendem Beiseiteschieben der Vertretungsorgane durch die urwüchsige bäuerliche Demokratie von der Art der Dorfversammlung und des Mirspruchs.

Die grobe Unklarheit im Deuten des Charakters der Bauernbewegung muß besonders überraschend erscheinen aus der Feder bolschewistischer Forscher. Doch darf man nicht vergessen, daß es sich um Bolschewiki neuen Schlages handelt. Bürokratisierung des Denkens führt unvermeidlich zur Überschätzung der Organisationsformen, die der Bauernschaft von oben aufgezwungen waren, und zur Unterschätzung jener, die die Bauernschaft sich selbst gab. Der aufgeklärte Beamte betrachtet zusammen mit dem liberalen Professor gesellschaftliche Prozesse unter dem Gesichtswinkel der Verwaltung. Als Volkskommissar für Landwirtschaft bewies Jakowlew später das gleiche summarisch-bürokratische Herangehen an die Bauernschaft, nur auf einem unermeßlich weiteren und verantwortlicheren Gebiet, nämlich bei der Durchführung der „durchgehenden Kollektivisierung“. Theoretische Oberflächlichkeit rächt sich grausam, wenn es um die Praxis im großen Maßstabe geht!

Jedoch bis zu den Fehlern der durchgehenden Kollektivisierung bleiben noch gute dreizehn Jahre. Jetzt handelt es sich vorerst um die Expropriierung des Bodeneigentums. 134.000 Gutsbesitzer zittern noch um ihre achtzig Millionen Deßjatinen. Am gefährdetsten ist die Lage der Spitze der dreißigtausend Herren des alten Rußland, die über siebzig Millionen Deßjatinen verfügen, durchschnittlich mehr als zweitausend Deßjatinen pro Besitzer. Der Adelige Boborykin schreibt an den Kammerherrn Rodsjanko: „Ich bin Gutsbesitzer, und es will mir nicht in den Kopf, daß ich meinen Boden verlieren soll, noch dazu für den unwahrscheinlichsten Zweck: für ein Experiment der sozialistischen Lehren.“ Aber eine Revolution hat eben zur Aufgabe, zu vollziehen, was den Regierenden nicht in den Kopf will.

Weiterblickende Gutsbesitzer kommen jedoch zu der Einsicht, daß sie ihre Güter nicht werden behalten können. Sie streben es auch schon gar nicht mehr an: je schneller sie den Boden loswerden, um so besser. In der Konstituierenden Versammlung sehen sie vor allem die große Verrechnungskammer, wo der Staat sie nicht nur für den Boden, sondern auch für ihre Unannehmlichkeiten entschädigen wird.

Die Bauerneigentümer schlossen sich von links diesem Programm an. Sie waren nicht abgeneigt, mit dem parasitären Adel Schluß zu machen, fürchteten aber, den Begriff des Bodeneigentums zu erschüttern. Der Staat sei reich genug, erklärten sie auf ihren Kongressen, um den Gutsbesitzern die Kleinigkeit von zwölf Milliarden Rubel zu bezahlen. In ihrer Eigenschaft als „Bauern“ hofften sie dabei, unter bevorrechteten Bedingungen auf Kosten des Volkes zu gutsherrlichem Boden zu kommen.

Die Besitzer erkannten, daß die Höhe der Ablösungen eine politische Größe ist, die bestimmt wird vom Kräfteverhältnis im Augenblick der Abfindung. Bis August blieb Hoffnung, daß die nach Kornilow-Methoden einzuberufende Konstituierende Versammlung die Agrarreform auf einer mittleren Linie zwischen Rodsjanko und Miljukow durchführen würde. Kornilows Zusammenbruch bedeutete, daß die besitzenden Klassen das Spiel verloren haben.

Im September und Oktober warteten die Gutsbesitzer auf die Lösung, wie ein hoffnungsloser Kranker auf den Tod. Der Herbst ist die Zeit der Muschikpolitik. Die Felder sind abgeerntet, die Illusionen zerstreut, die Geduld erschöpft. Es ist Zeit, Schluß zu machen! Die Bewegung tritt aus den Ufern, erfaßt alle Bezirke, verwischt lokale Besonderheiten, reißt alle Dorfschichten mit, spült Rücksichten auf Gesetz und Vorsicht weg, wird offensiv, erbittert, ungestüm, rasend, bewaffnet sich mit Eisen und Feuer, Revolver und Granaten, vernichtet und brennt Gutshöfe nieder, verjagt die Gutsbesitzer, säubert den Boden, tränkt ihn mancherorts mit Blut.

Zugrunde gehen die Adelsnester, einst besungen von Puschkin, Turgenjew und Tolstoi. In Rauch geht das alte Rußland auf Die liberale Presse sammelt das Stöhnen und Klagen über die Vernichtung von englischen Gärten, Bildern der leibeigenen Pinsel, Familienbibliotheken, Tambower Parthenons, Rennpferden, alten Gravüren, Zuchtstieren. Bürgerliche Historiker versuchen die Verantwortung für diesen „Vandalismus“ des Bauernstrafgerichts über die Adels“kultur“ den Bolschewiki zuzuschieben. In Wirklichkeit führte der russische Muschik eine Jahrhunderte vor dem Auftreten der Bolschewiki begonnene Sache zu Ende. Seine fortschrittliche historische Aufgabe löste er mit den einzigen Mitteln, über die er verfügte: Mit Hilfe der revolutionären Barbarei rottete er die Barbarei des Mittelalters aus. Hinzu kommt, daß weder er selbst; noch seine Großväter und Urgroßväter jemals Gnade oder Nachsicht erfahren hatten.

Als die Feudalen gesiegt hatten über die Jacquerie, die der Befreiung der französischen Bauern um viereinhalb Jahrhunderte voranging, schrieb ein gottesfürchtiger Mönch in seine Chronik: „Sie haben dem Lande so viel Böses zugefügt, daß zur Vernichtung des Königtums es des Kommens der Engländer nicht mehr bedurfte; diese hätten Frankreich niemals das antun können, was die Adligen Frankreich angetan haben.“ Erst die Bourgeoisie – im Mai 1871 – übertraf an Grausamkeit die französischen Adligen. Die russischen Bauern entgingen dank der Führung der Arbeiter, die russischen Arbeiter dank der Hilfe der Bauern dieser doppelten Lehre der Beschirmer von Kultur und Menschlichkeit.

Die Wechselbeziehungen zwischen den Hauptklassen Rußlands fanden ihr Abbild im Dorfe. Wie die Arbeiter und Soldaten, den Plänen der Bourgeoisie zuwider, gegen die Monarchie kämpften, so erhob sich, ohne auf die Warnung des Kulaken zu hören, gegen die Gutsbesitzer am kühnsten die Dorfarmut. Wie die Versöhnler glaubten, die Revolution könne nur von dem Moment an fest auf den Beinen stehen, wo Miljukow sie anerkennt, so meinte der nach rechts und links blickende Mittelbauer, die Unterschrift des Kulaken legitimiere die Aneignungen. Schließlich, wie die der Revolution feindliche Bourgeoisie ohne Bedenken sich die Macht aneignete, so verzichteten die den Plünderungen widerstrebenden Kulaken nicht auf deren Früchte. Die Macht in den Händen des Bourgeois wie die gutsherrliche Habe in den Händen des Kulaken waren nicht von Dauer: in beiden Fällen aus gleichgearteten Gründen.

Die Stärke der agrardemokratischen, dem Wesen nach bürgerlichen Revolution hatte sich darin geäußert, daß sie vorübergehend die Klassenwidersprüche des Dorfes überwand: der Landarbeiter plünderte den Gutsbesitzer, wobei er dem Kulak half Das XVII., XVIII. und XIX. Jahrhundert der russischen Geschichte erhob sich auf den Schultern des XX. und drückte es nieder zur Erde. Die Schwäche der verspäteten bürgerlichen Revolution hatte sich darin geäußert, daß der Bauernkrieg die bürgerlichen Revolutionäre nicht vorwärtsstieß, sondern im Gegenteil sie endgültig ins Lager der Reaktion zurückwarf; der gestrige Zuchthäusler Zeretelli beschützte den gutsherrlichen Boden vor Anarchie! Die von der Bourgeoisie zurückgeworfne Bauernrevolution vereinigte sich mit dem Industrieproletariat Dadurch befreite sich das XX. Jahrhundert nicht nur von den auf ihm lastenden früheren Jahrhunderten, sondern erhob sich auf deren Schultern zu einer neuen historischen Höhe. Damit der Bauer den Boden säubern und von Zäunen befreien konnte, mußte an die Spitze des Staates der Arbeiter treten: dies ist die einfachste Formel der Oktoberrevolution.

 


Zuletzt aktualisiert am 15.10.2003