Alexander Berkman

 

ABC des Anarchismus

 

Die Organisation der Arbeiterschaft für die soziale Revolution

Eine richtige Vorbereitung, wie auf den vorangegangenen Seiten vorgeschlagen, wird im großen Maße die Aufgabe der sozialen Revolution erleichtern und ihre gesunde Entwicklung und ihr Funktionieren sicherstellen. Nun, was werden die Hauptfunktionen der Revolution sein?

Jedes Land hat seine spezifischen Bindungen, seine eigene Psychologie, seine eigenen Traditionen, und der Revolutionsprozeß wird natürlich die Besonderheiten jedes Landes und seiner Bewohner widerspiegeln. Aber im Grunde sind sich alle Länder in ihrem sozialen (eher antisozialen) Wesen ähnlich: Welcher Art die politischen Formen des Wirtschaftssystems auch sein mögen, sie sind alle auf sich einmischenden Autoritäten, auf dem Monopol und auf der Ausbeutung des Arbeiters aufgebaut. Die Hauptaufgabe der sozialen Revolution ist daher im wesentlichen überall die gleiche: Die Abschaffung der Regierung und der wirtschaftlichen Ungleichheit sowie die Sozialisierung der Produktions- und Vertriebsmittel. Produktion, Distribution und Kommunikation sind die Grundlagen der Existenz, auf sie stützt sich die Macht der Zwangsautorität und des Kapitals. Dieser Macht einmal beraubt würden die Regierenden und Herrscher genauso gewöhnliche Menschen wie Sie und ich werden, Bürger ohne Rang unter Millionen anderen. Das zu erreichen, ist also die allererste und dringendste Aufgabe der sozialen Revolution.

Wir wissen, daß die Revolution mit Straßenunruhen und Ausschreitungen beginnt; in der einleitenden Phase treten Gewalt und Aufruhr auf. Aber das ist nur der spektakuläre Auftakt der wirklichen Revolution. Das jahrelange Elend und die Schmach, die die Massen ertragen haben, führen explosionsartig zu Unordnung und Tumult, die Erniedrigung und Ungerechtigkeit, die demütig jahrzehntelang ertragen wurden, machen sich in Taten der Raserei und Zerstörung Luft. Das ist unvermeidlich, und für diese vorübergehenden Erscheinungen der Revolution ist allein die herrschende Klasse verantwortlich. Denn in sozialer Hinsicht ist der Ausspruch „wer Wind sät, wird Sturm ernten“ sogar noch zutreffender als in individueller; je größer die Unterdrückung und das Elend sind, denen sich die Massen unterwerfen müssen, desto heftiger wird der soziale Sturm wüten. Die gesamte Geschichte beweist das, aber die Beherrscher des Lebens haben nie auf ihre warnende Stimme gehört. Diese Phase der Revolution ist von kurzer Dauer. Gewöhnlich folgt ihr die bewußtere, jedoch noch immer spontane Zerstörung der Zitadellen der Autorität, der sichtbaren Symbole der organisierten Gewalt und 6rutalität: Gefängnisse, Polizeistationen und andere Regierungsgebäude werden angegriffen, Gefangene befreit und Akten zerstört. Auf diese Weise kommt die instinktiv vorhandene Vorstellung des Volkes von Gerechtigkeit zum Ausdruck. So war zum Beispiel die Zerstörung der Bastille eines der ersten Anzeichen der französischen Revolution.

So wurden auch beim ersten Ausbruch der Revolution in Rußland Gefängnisse gestürmt und die Gefangenen befreit. Die gesunde Intuition der Menschen sieht richtigerweise in Gefangenen sozial Benachteiligte, Opfer der Zustände, und sie sympathisiert deswegen mit ihnen. Die Massen betrachten die Gerichte und ihre Prozeßprotokolle als Instrumente der ungerechten Klassenjustiz, und diese werden zu Beginn der Revolution und ganz zu Recht zerstört.

Aber diese Phase endet schnell: Der Zorn der Menschen ist bald verraucht. Gleichzeitig beginnt die konstruktive Arbeit der Revolution. „Glauben Sie wirklich, daß der Neuaufbau schon so früh beginnen kann?“ fragen Sie. Mein Freund, er muß sofort beginnen. Je besser die Massen aufgeklärt worden sind, je deutlicher die Arbeiter ihre Ziele erkennen und je besser sie gerüstet sind, desto weniger wird die Revolution destruktiv sein und desto schneller und wirkungsvoller wird die Arbeit für den Neuaufbau beginnen. „Sind Sie nicht zu hoffnungsvoll?“ Nein, das glaube ich nicht. Ich bin überzeugt, daß die soziale Revolution nicht „einfach eintritt“. Sie muß vorbereitet und organisiert werden. Ja, tatsächlich organisiert – genauso wie ein Streik organisiert wird. In Wirklichkeit wird es ein Streik sein, der Streik der vereinten Arbeiter eines ganzen Landes – ein Generalstreik.

Lassen Sie uns eine Pause machen und darüber nachdenken. Wie stellen Sie es sich vor, wie eine Revolution angesichts der modernen Panzerwagen, Giftgase und Militärflugzeuge ausgeführt werden könnte? Glauben Sie, daß die unbewaffneten Massen und ihre Barrikaden der kampfstarken Artillerie und den Bomben, die von Flugzeugen auf sie abgeworfen werden, Widerstand leisten könnte? Könnten die Arbeiter die Streitkräfte der Regierung und des Kapitals schlagen?

Das ist schon auf den ersten Blick lächerlich, nicht wahr? Und genauso lächerlich ist der Vorschlag, demzufolge die Arbeiter ihre eigenen Regimenter aufstellen sollen, „Stoßtrupps“ oder eine „Rote Front“, wie es Ihnen die kommunistischen Parteien raten. Werden solche proletarischen Gruppen jemals in der Lage sein, sich gegen die Streitkräfte der Regierung und die Privattruppen des Kapitals zur Wehr zu setzen? Werden sie auch nur die geringste Chance haben?

Schon bei der Erwähnung eines solchen Vorschlags erkennt man seine ganze Torheit. Es würde schlicht heißen, daß Tausende von Arbeitern in den sicheren Tod geschickt werden. 

Es wird Zeit, dieser veralteten Vorstellung von einer Revolution ein Ende zu setzen. Heutzutage sind Regierung und Kapital militärisch zu gut gerüstet, als daß es den Arbeitern je möglich wäre, damit fertig zu werden. Schon der Versuch wäre kriminell und es ist Wahnsinn, auch nur daran zu denken. Die Macht der Arbeiterschaft liegt nicht auf dem Schlachtfeld. Sie liegt in der Werkstatt, im Bergwerk und in der Fabrik, da liegt ihre Macht, die durch keine Armee der Welt besiegt, durch keine menschliche Einrichtung niedergeschlagen werden kann.

Mit anderen Worten, die soziale Revolution kann nur durch das Mittel des Generalstreiks erfolgen. Der Generalstreik, richtig verstanden und sorgfältig ausgeführt, ist die soziale Revolution. Dessen wurde sich die britische Regierung viel schneller bewußt als die Arbeiter, als der Generalstreik im Mai 1926 ausgerufen wurde. „Das bedeutet Revolution“, sagte die Regierung in der Tat zu den Streikführern. Trotz der Armee und der Marine waren die Behörden angesichts dieser Situation machtlos. Sie können Leute mit Kugeln in den Tod, aber nicht zur Arbeit schicken. Die Arbeiterführer selbst waren bei dem Gedanken erschrocken, daß der Generalstreik wirklich Revolution bedeutete. Das britische Kapital und die Regierung waren bei diesem Streik erfolgreich – nicht durch die Macht der Waffen, sondern wegen des Mangels an Intelligenz und Mut seitens der Arbeiterführer und weil die englischen Arbeiter auf die Konsequenzen des Generalstreiks nicht vorbereitet waren. Offen gesagt, ihnen war diese Idee ganz neu. Sie hatten niemals zuvor sich dafür interessiert, hatten nie seine Bedeutung und seine Möglichkeiten studiert. Es kann mit Sicherheit gesagt werden, daß eine ähnliche Situation sich in Frankreich ganz anders entwickelt hätte, weil die Arbeiter in diesem Land seit Jahren mit dem Generalstreik als einer revolutionären proletarischen Waffe vertraut sind.

Die Erkenntnis ist außerordentlich wichtig, daß nur über den Generalstreik eine gesellschaftliche Veränderung erfolgen kann. In der Vergangenheit ist der Generalstreik in verschiedenen Ländern propagiert worden, ohne daß ausreichend betont wurde, daß er in Wahrheit Revolution bedeutet, daß nur er als einzig gangbarer Weg zu ihr führt. Es wird Zeit, daß wir das lernen, erst dann wird die soziale Revolution aufhören, eine unbestimmbare, unbekannte Größe zu sein. Sie wird Wirklichkeit werden, ein fest umrissenes Verfahren und Ziel, ein Programm, dessen erster Schritt die Übernahme der Industrien durch die organisierte Arbeiterschaft sein wird. „Jetzt verstehe ich, warum Sie sagen, daß die soziale Revolution eher Konstruktion als Destruktion bedeutet“, wird Ihr Freund bemerken.

Ich freue mich darüber. Wenn Sie mir schon soweit gefolgt sind, dann werden Sie mir auch darin zustimmen, daß man die Übernahme der Industrien weder dem Zufall überlassen kann, noch daß sie aufs Geratewohl durchgeführt werden darf. Sie muß gut geplant, systematisch und in zweckmäßiger Weise erfolgen. Weder Sie, noch ich, noch irgendein anderer, ob Arbeiter, Herr Ford oder der Papst von Rom können das allein bewerkstelligen. Weder ein einzelner Mensch noch irgendeine Gruppe außer der Arbeiterschaft selbst können das leisten, denn nur die Arbeiter halten die Industrien in Gang. Aber selbst die Arbeiter schaffen es nur dann, wenn sie organisiert sind und zwar ganz allein für dieses Vorhaben organisiert sind.

„Aber ich dachte, Sie wären ein Anarchist“, unterbricht Ihr Freund. „Ich habe gehört, daß Anarchisten nicht an Organisation glauben.“ Das kann ich mir vorstellen, aber das ist ein überholtes Argument. Jeder, der ihnen sagt, daß Anarchisten nicht an Organisation glauben, redet Unsinn. Organisation ist alles, und alles ist Organisation. Das ganze Leben ist bewußt oder unbewußt Organisation. Jede Nation, jede Familie, ja jedes Individuum ist eine Organisation oder ein Organismus. Jeder Teil irgendeines Lebewesens ist so organisiert, daß das Ganze harmonisch arbeitet. Andernfalls könnten die verschiedenen Organe nicht richtig funktionieren und es gäbe kein Leben. Aber Organisation ist nicht Organisation. Die kapitalistische Gesellschaft ist so schlecht organisiert, daß viele ihrer Mitglieder leiden: Vergleichsweise so, als ob Teile ihres Körpers schmerzen würden und Sie krank wären.

Es gibt Organisationen, die Schmerzen bereiten, weil sie krank sind, und Organisationen, die Freude machen, weil sie Gesundheit und Kraft bedeuten. Eine Organisation ist krank oder schlecht, wenn sie einige ihrer Organe oder Mitglieder vernachlässigt oder unterdrückt. In einem gesunden Organismus sind alle Teile gleichwertig und keiner wird abgesondert. Eine auf Zwang aufgebaute Organisation, die erzwingt und einschränkt, ist schlecht und ungesund. Eine freiheitliche Organisation, die auf Freiwilligkeit aufgebaut ist und in der jedes Mitglied frei und gleichberechtigt ist, ist ein gesunder Körper und kann gut funktionieren. Eine solche Organisation ist eine freie Vereinigung von gleichen Partnern. An diese Art von Organisation glauben die Anarchisten. So muß die Organisation der Arbeiter aussehen, wenn die Arbeiterschaft einen gesunden Verband darstellen und wirksam arbeiten soll.

Das heißt vor allem, daß nicht ein einziges Mitglied der Organisation oder Gewerkschaft ungestraft benachteiligt, unterdrückt oder vernachlässigt werden darf. Vergleichbar mit dem Fall, daß Sie versuchen, einen schmerzenden Zahn zu ignorieren: Das Ergebnis wird sein, daß Sie sich am ganzen Körper krank fühlen. Mit anderen Worten, eine Arbeitergewerkschaft muß auf dem Prinzip der gleichen Freiheit aller ihrer Mitglieder aufgebaut sein. Nur wenn jeder ein freies und unabhängiges Mitglied ist, das mit den anderen aus eigenem Willen und gemeinsamem Interesse zusammenarbeitet, kann die geleistete Arbeit insgesamt gesehen erfolgreich und wirksam sein.

Diese Gleichheit verlangt, daß es keinen Unterschied macht, was oder wer der einzelne Arbeiter ist: ob er gelernter oder ungelernter Arbeiter ist, ob er Maurer, Tischler, Ingenieur oder Tagelöhner ist, ob er viel oder wenig verdient. Sie alle haben die gleichen Interessen; alle gehören zusammen und nur wenn sie zusammenhalten, können sie ihre Vorhaben bewältigen. Das heißt, die Arbeiter aus der Fabrik, der Werkstatt oder dem Bergwerk müssen in einem einzigen Verband organisiert sein; denn es geht nicht darum, welchen Job sie im einzelnen haben, welches Handwerk oder Gewerbe sie ausüben, sondern darum, welches ihre Interessen sind. Und ihre Interessen sind dieselben, soweit sie sich gegen den Arbeitgeber und das Ausbeutungssystem richten.

Bedenken Sie doch nur, wie unklug und wirkungslos die gegenwärtige Form der Arbeiterorganisation ist, bei der ein Handwerk oder eine Zunft vielleicht gerade streikt, während die anderen Zweige derselben Industrie die Arbeit fortsetzen. Ist es nicht lächerlich, wenn beispielsweise die Straßenbahnangestellten in New York die Arbeit niederlegen, während die Angestellten der Untergrundbahn, die Taxi- und Omnibusfahrer ihre Arbeit aber fortsetzen? Der Hauptzweck eines Streiks ist doch, eine Situation herbeizuführen, die den Arbeitgeber den Forderungen der Arbeiter nachzugeben zwingt. Eine solche Lage kann aber nur geschaffen werden, wenn die ganze Industrie, um die es sich handelt, gelähmt wird; denn ein Teilstreik ist für die Arbeiterschaft nur Zeit- und Energieverschwendung, ganz zu schweigen von der schädlichen moralischen Wirkung der unvermeidlichen Niederlage.

Denken Sie nur an Streiks, an denen Sie selbst oder Bekannte von Ihnen teilgenommen haben. Hat Ihre Gewerkschaft je einen Arbeitskampf gewonnen, wenn sie nicht in der Lage war, den Arbeitgeber zum Nachgeben zu zwingen? Aber wann war sie dazu in der Lage? Nur wenn der Boß wußte, daß die Arbeiter es ernst meinten, daß es keine Meinungsverschiedenheit unter ihnen gab, daß es kein Zögern oder Zaudern gab, daß sie zu gewinnen entschlossen waren, zu welchem Preis auch immer. Aber insbesondere dann, wenn sich der Arbeitgeber der Gnade der Gewerkschaft ausgeliefert fühlte, wenn seine Fabrik oder sein Bergwerk angesichts der resoluten Haltung der Arbeiter nicht mehr arbeiten konnte, wenn er keine Streikbrecher mehr finden konnte und wenn er erkannte, daß seine Interessen stärker leiden, wenn er seine Arbeitnehmer bekämpft, als wenn er ihnen ihre Forderungen erfüllt.

Es ist also klar, daß Sie seine Willfährigkeit nur erzwingen, wenn Sie entschlossen sind, wenn Ihre Gewerkschaft stark ist, Sie gut organisiert und so geeint sind, daß der Boß seine Fabrik nicht gegen Ihren Willen führen kann. Aber der Arbeitgeber ist gewöhnlich irgendein großer Fabrikant oder eine Gesellschaft, die Betriebe oder Zechen in verschiedenen Gegenden besitzen, Angenommen, es handelt sich um einen Kohlekonzern. Wenn seine Minen in Pennsylvania wegen eines Streiks nicht arbeiten, dann wird er die Verluste dadurch auszugleichen versuchen, daß er die Kohleförderung in Virginia oder Colorado zur Produktionserhöhung benutzt. Wenn also die Bergleute in diesen Staaten weiterarbeiten, während Sie in Pennsylvania streiken, verliert die Gesellschaft gar nichts. Sie heißt den Streik vielleicht sogar willkommen, um die Kohlepreise zu erhöhen, weil das Angebot wegen Ihres Streiks geringer wird. Auf diese Weise bricht die Gesellschaft nicht nur Ihren Streik, sondern beeinflußt sogar die öffentliche Meinung gegen Sie, weil die Leute dummerweise glauben, daß die höheren Kohlepreise tatsächlich eine Folge Ihres Streiks sind, während sie in Wahrheit auf die Habsucht der Bergwerksbesitzer zurückzuführen sind. Ihr Streik wird erfolglos sein und nach einiger Zeit werden sie und die Arbeiter überall für Kohle mehr zu zahlen haben und nicht nur für Kohle, sondern für alle zum Leben notwendigen Güter, weil zusammen mit den Kohlepreisen die allgemeinen Lebenshaltungskosten steigen werden.

Machen Sie sich klar, wie dumm die heutige Gewerkschaftspolitik ist, wenn anderen Bergwerken weiterzuarbeiten erlaubt wird, während Ihr Bergwerk streikt. Die anderen bleiben in Betrieb und unterstützen Ihren Streik zwar finanziell, aber sehen Sie denn nicht, daß diese Unterstützung nur dazu beiträgt, Ihren Streik zu brechen; in Wirklichkeit also Streikbrecher zu Ihrem Streikfonds beitragen? Kann etwas sinnloser und verbrecherischer sein? Das gilt für jede Industrie und jeden Streik. Wundern Sie sich da noch, daß die meisten Streiks erfolglos sind? Das ist in Amerika ebenso wie in anderen Ländern der Fall. Vor mir liegt das Blaubuch, das in England unter dem Titel Labour Statistics gerade erschienen ist. Die Daten beweisen, daß Streiks nicht unbedingt Siege der Arbeiterschaft sind. Die Zahlen für die letzten acht Jahre sind:

Ergebnisse zugunsten der ...

Jahr

Werktätigen

Arbeitgeber

1920

309

507

1921

152

315

1922

111

222

1923

187

183

1924

631

  53

1925

154

189

1926

  67

126

1927

  61

118

Tatsächlich waren also fast 60 Prozent der Streiks erfolglos. Denken Sie übrigens auch an die Folgen der Streiks, nämlich an den Verlust von Arbeitstagen, für die keine Löhne gezahlt werden. Die Gesamtsumme der für die englischen Arbeiter 1912 verlorenen Arbeitstage betrug 40,89 Mill., in Jahren gerechnet, entspricht dieser Wert etwa der Summe der Lebensjahre von zweitausend 60jährigen Männern. Im Jahre1919 betrug die Zahl der verlorenen Arbeitstage 34,969 Mill., im Jahre 1920 26,568 Mill., 1921 85,872 Mill. und im Jahre 1926 als Folge des Generalstreiks 162,233 Mill. Tage. In diesen Zahlen sind nicht die Zeit und die Löhne enthalten, die durch Arbeitslosigkeit verlorengingen.

Es bedarf nicht großer Rechnungen, um zu erkennen, daß sich Streiks, so wie sie gegenwärtig durchgeführt werden, nicht auszahlen, und daß die Gewerkschaften bei den Arbeitskämpfen nicht die Gewinner sind. Das heißt jedoch nicht, daß Streiks zwecklos sind. Im Gegenteil, sie sind von großem Wert: Sie lehren den Arbeiter, wie lebenswichtig Kooperation ist, daß er Schulter an Schulter mit seinen Genossen steht und daß er vereint für die gemeinsame Sache kämpfen muß. Streiks bilden ihn für den Klassenkampf aus und entwickeln seinen Sinn für gemeinsame Anstrengungen, für Widerstand gegen die Herren, für Solidarität und Verantwortlichkeit. In dieser Hinsicht ist sogar ein erfolgloser Streik nicht völlig wertlos. Dadurch lernen die Arbeiter, daß „eine einem einzelnen zugefügte Ungerechtigkeit, alle etwas angeht“, die praktische Weisheit, die die tiefste Bedeutung des proletarischen Kampfes verkörpert. Das bezieht sich nicht nur auf den täglichen Kampf für materielle Verbesserungen, sondern gleichermaßen auf alles, was den Arbeiter und seine Existenz betrifft und besonders auf Dinge, bei denen Gerechtigkeit und Freiheit eine Rolle spielen.

Mit großer Begeisterung nimmt man immer Anteil, wenn man sieht, daß die Massen im Namen der sozialen Gerechtigkeit tätig werden, gleichgültig um wen es sich bei dem betreffenden Fall handelt. Denn so etwas geht uns tatsächlich in der wahrsten und tiefsten Bedeutung alle an. Je besser die Arbeiterschaft aufgeklärt und je mehr sie sich ihrer Interessen im weitesten Sinne Bewußt wird, desto weitreichender und universeller wird ihr Mitgefühl werden und sie wird Gerechtigkeit und Freiheit in der ganzen Welt verteidigen. Dieses Verständnis kam zum Ausdruck, als die Arbeiter in allen Ländern gegen den Justizmord an Sacco und Vanzetti in Massachusetts protestierten.

Instinktiv und bewußt fühlten die Massen in der ganzen Welt, genauso wie jeder anständige Mann und jede anständige Frau, daß es auch sie betrifft, wenn ein solches empörendes Verbrechen begangen wird. Leider erschöpfte sich dieser Protest wie viele andere nur in Resolutionen. Hätte die organisierte Arbeiterschaft von einer Aktion, wie einem Generalstreik, Gebrauch gemacht, dann wären ihre Forderungen nicht übergangen und zwei der besten Freunde der Arbeiter und edelsten Männer nicht den Mächten der Reaktion geopfert worden. Genauso wichtig wäre es gewesen, wenn eine solche Aktion als eine Demonstration der riesigen Macht des Proletariats gedient hätte, der Macht, die immer siegt, wenn sie vereint und entschlossen ist. Dies ist in der Vergangenheit bei zahlreichen Gelegenheiten bewiesen worden, wenn die entschlossene Haltung der Arbeiterschaft geplante gesetzliche Gewalttätigkeiten verhinderte, wie es z.B. der Fall war bei Haywood, Moyer und Pettibone, Vertretern der Western Federation of Miners, als die Kohlebarone des Staates Idaho, diese während des Bergarbeiterstreiks im Jahre 1905 an den Galgen bringen wollten. Auch im Jahre 1917 vereitelte wiederum die Solidarität der Arbeiter die Exekution von Tom Mooney in Kalifornien. Die Sympathie ausdrückende Haltung der organisierten Arbeiterschaft von Amerika gegenüber Mexiko hat bis heute verhindert, daß dieses Land aufgrund der amerikanischen Ölinteressen durch die Regierung der Vereinigten Staaten militärisch besetzt worden ist. In ähnlicher Weise sind in Europa vereinte Aktionen der Arbeiter erfolgreich gewesen, indem sie die Behörden wiederholt zwangen, politische Gefangene zu amnestieren. Die englische Regierung fürchtete die deutlich ausgesprochene Sympathie der britischen Arbeiter für die russische Revolution dermaßen, daß sie gezwungen war, Neutralität vorzutäuschen. Sie wagte es nicht, den Konterrevolutionären in Rußland öffentlich zu helfen. Als die Dockarbeiter sich weigerten, Nahrung und Waffen für die weißen Armeen zu verladen, suchte die englische Regierung im Betrug Zuflucht. Sie versicherte den Arbeitern feierlich, daß die Ladungen für Frankreich bestimmt seien. Als ich im Laufe meiner Arbeit 1920 und 1921 historisches Material in Rußland sammelte, gelangte ich in den Besitz amtlicher britischer Dokumente, die bewiesen, daß die Ladungen von Frankreich aus auf direkten Befehl der britischen Regierung sofort an die konterrevolutionären Generäle in Nordrußland weitergeleitet wurden, die dort die sogenannte Tschaikowsky-Miller Regierung gebildet hatten. Dieses Beispiel – eines von vielen – demonstrierte die wohltuende Angst, die Mächte aller Art vor dem erwachenden Klassenbewußtsein und der Solidarität des internationalen Proletariats haben.

Je stärker dieses Bewußtsein der Arbeiter wird, desto wirksamer wird ihr Kampf für Emanzipation sein. Klassenbewußtsein und Solidarität müssen nationale und internationale Ausmaße annehmen, wenn die Arbeiterschaft ihre volle Kraft erlangen soll. Wo immer es Ungerechtigkeit, Verfolgung und Unterdrückung gibt – sei es die Unterwerfung der Philippinen, die Invasion in Nicaragua, die Versklavung der Arbeiter im Kongo durch belgische Ausbeuter, die Unterdrückung der Massen in Ägypten, China, Marokko oder Indien – es ist die Sache der Arbeiter der ganzen Welt, ihre Stimme gegen solche Gewalttätigkeiten zu erheben und ihre Solidarität für die gemeinsame Sache der Beraubten und Enteigneten in der ganzen Welt zu demonstrieren. Die Arbeiterschaft nähert sich langsam diesem sozialen Bewußtsein: Streiks und andere Sympathiekundgebungen sind wertvolle Manifestationen dieser Gesinnung. Wenn die meisten Streiks heute erfolglos sind, so liegt es daran, daß das Proletariat sich nationalen und internationalen Interessen noch nicht genügend Bewußt ist, nicht nach den richtigen Prinzipien organisiert ist und die Notwendigkeit einer weltweiten Zusammenarbeit nicht ausreichend erkannt hat.

Ihr täglicher Kampf für bessere Bedingungen würde schnell einen anderen Charakter annehmen, wenn Sie solch einer Organisation angehören würden, daß die gesamte Industrie die Arbeit augenblicklich niederlegt, wenn Ihre Fabrik oder Ihr Bergwerk streikt; alle zusammen zur gleichen Zeit. Dann wäre der Unternehmer Ihrer Gnade ausgeliefert, denn was könnte er schon unternehmen, wenn sich auch nicht ein einziges Rad in der ganzen Industrie dreht? Er könnte genug Streikbrecher vielleicht für ein oder auch ein paar Werke bekommen, aber sie würden weder für die gesamte Industrie ausreichen, noch würde der Unternehmer ihren Einsatz als sicher oder ratsam ansehen. Darüber hinaus würde die Arbeitsniederlegung in irgendeinem Industriezweig sofort eine große Anzahl anderer Branchen in Mitleidenschaft ziehen, weil die moderne Industrie ineinander verflochten ist.

Diese Sachlage geht nun das ganze Land an, die Öffentlichkeit würde aufgeschreckt werden und eine Schlichtung fordern. (Zur Zeit, wenn Ihre Fabrik allein streikt, kümmert sich niemand darum, und Sie können hungern, solange Sie nicht aufmucken.) Das Ergebnis der Schlichtung würde auch wieder von Ihnen abhängen, d.h. von der Stärke Ihrer Organisation. Wenn die Bosse sehen, daß Sie Ihre Macht kennen und daß Sie sie zu nutzen entschlossen sind, würden sie schnell genug nachgeben und einen Kompromiß suchen. Sie würden sonst täglich Millionen verlieren. Die Streikenden könnten sogar an den Werken und Anlagen Sabotage verüben, trotzdem wären die Arbeitgeber nur zu eifrig bestrebt zu „schlichten“, während sie bei einem Streik einer einzigen Fabrik oder nur eines Distrikts gewöhnlich die sich daraus ergebende Lage willkommen heißen, weil sie wissen, daß alle Umstände gegen Sie sind.

Sie sehen also, wie wichtig es ist, in welcher Weise, auf welchen Prinzipien Ihre Gewerkschaft aufgebaut ist und wie wesentlich Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterschaft im täglichen Kampf für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen sind. Ihre Macht liegt in der Einheit, aber diese Einheit gibt es nicht und kann es nicht geben, solange Sie nach Berufszweigen statt nach Industrien organisiert sind.

Es gibt nichts Wichtigeres und Dringenderes, als daß Sie und Ihre Mitarbeiter unverzüglich die Form der Organisation in dieser Hinsicht ändern. Aber nicht nur die Form muß geändert werden. Ihre Gewerkschaft muß sich ihrer Ziele und ihres Zwecks bewußt werden. Der Arbeiter muß ernsthaft darüber nachdenken, was er wirklich will und mit welchen Methoden er sein Ziel zu erreichen hofft. Er muß herausfinden, wie seine Gewerkschaft aussehen soll, wie sie funktionieren soll und was sie zu erreichen versuchen muß.

Nun, was soll die Gewerkschaft anstreben? Worin sollten die Ziele einer wahren Arbeitergewerkschaft bestehen? Zuerst einmal muß eine Gewerkschaft den Interessen ihrer Mitglieder dienen. Das ist ihre Hauptaufgabe. Daran gibt es nichts zu deuteln; jeder Werktätige versteht das. Wenn manche sich weigern, einer Arbeiterorganisation beizutreten, so liegt es daran, daß sie zu unwissend sind, um ihren großen Wert abschätzen zu können, in diesem Fall müssen sie erst aufgeklärt werden. Aber im allgemeinen lehnen sie den Eintritt in eine Gewerkschaft ab, weil sie kein Vertrauen haben oder von ihr im Stich gelassen worden sind. Die meisten bleiben der Gewerkschaft fern, weil so viel mit der Stärke der organisierten Arbeiterschaft geprahlt wird, während sie oft aus bitterer Erfahrung wissen, daß sie bei fast jedem wichtigen Kampf unterliegt. „Ach, Gewerkschaft“, sagen sie verächtlich, „das bringt doch nichts“. Wenn man ehrlich ist, muß man ihnen in gewissem Umfang recht geben. Sie sehen, wie das organisierte Kapital mit der von ihm proklamierten „open-shop“-Politik die Vorhaben der Gewerkschaft vereitelt; sie sehen Arbeiterführer, die die in Streiks errungenen Vorteile wie beim Ausverkauf verschleudern und die Arbeiter hintergehen; sie sehen die gewöhnlichen Mitglieder den politischen Machenschaften innerhalb und außerhalb der Gewerkschaft hilflos ausgeliefert. Sicherlich verstehen sie die Gründe dafür nicht, aber sie sehen die Tatsachen und sind wütend auf die Gewerkschaft.

Andere dagegen wollen überhaupt nichts mehr mit der Gewerkschaft zu tun haben, weil sie ihr einst angehörten und deshalb die unbedeutende Rolle kennen, die das einzelne Mitglied, der Durchschnittsarbeiter, innerhalb der Organisation spielt. Der Funktionär am Ort, die Bezirks- und Zentralorgane, die Funktionäre auf nationaler und internationaler Ebene sowie die der Arbeiterföderation in den Vereinigten Staaten (American Federation of Labor – AFL) veranstalten die ganze Show, werden sie Ihnen sagen; „Sie haben nichts weiter zu tun, als zu wählen und falls Sie aufmucken, fliegen Sie raus“.

Leider haben diese Leute recht. Auch Sie wissen ja, wie die Gewerkschaften gemanagt werden. Die gewöhnlichen Mitglieder haben kaum etwas zu sagen. Sie haben die gesamte Macht den Führern übertragen, und diese sind Bosse geworden, genauso wie überall im Leben der Gesellschaft die Menschen dazu gebracht werden, sich den Befehlen jener zu unterwerfen, die ursprünglich ihnen dienen sollten – die Regierung und ihre Vertreter. Wenn Sie das erst einmal getan haben, dann wird die von Ihnen abgetretene Macht jedesmal gegen Sie selbst und Ihre Interessen gerichtet werden. Und dann werden Sie sich beklagen, daß Ihre Führer „ihre Macht mißbrauchen“. Nein, mein Freund, sie mißbrauchen sie nicht; sie gebrauchen sie nur, denn es ist der Gebrauch der Macht, der an sich der schlimmste Mißbrauch ist.

Das alles muß geändert werden, falls Sie wirklich Ergebnisse erzielen wollen. In der Gesellschaft muß es dadurch geändert werden, daß Ihren Regierenden die politische Macht genommen wird, indem sie gänzlich abgeschafft wird. Ich habe gezeigt, daß politische Macht Autorität, Unterdrückung und Tyrannei bedeutet und daß wir keine politische Regierung brauchen, sondern eine vernünftige Regelung aller uns betreffenden Angelegenheiten.

Ebenso brauchen Sie in Ihrer Gesellschaft eine aufmerksame Verwaltung für die geschäftlichen Dinge. Wir kennen die ungeheure Macht, welche die Arbeiterschaft als Schöpfer allen Reichtums und Träger der Welt hat. Richtig organisiert und geeint könnten die Arbeiter Herr der Situation sein und sie beherrschen. Die Macht des Arbeiters liegt aber nicht im Versammlungsraum der Gewerkschaft; sie liegt in der Werkstatt und Fabrik, in der Werkshalle und im Bergwerk. Dort muß er alles erledigen, dort, bei der Arbeit. Dort erkennt er, was er will, welches seine Bedürfnisse sind, und auf diesen Ort muß er seine Bemühungen und seinen Willen konzentrieren. In jeder Werkstatt und Fabrik müßte es eine besondere Gruppe geben, die sich mit den Wünschen und Bedürfnissen der Arbeiter befaßt; keine Führer, sondern einfache Leute von der Werkbank und vom Hochofen, die sich um die Forderungen und Beschwerden ihrer Kameraden kümmern. Solch ein Ausschuß, immer zur Stelle und ständig unter der Leitung und Aufsicht der Arbeiter, übt keine Macht aus: Er führt nur Anweisungen aus. Seine Mitglieder werden nach Belieben abberufen und andere werden an ihrer Stelle gewählt, ganz dem augenblicklichen Bedarf und der Fähigkeit entsprechend, die für die gerade zu bewältigende Aufgabe benötigt wird. Es sind die Arbeiter, die über strittige Fragen entscheiden und ihre Entscheidungen durch den Werksausschuß ausführen. Genau diese Art und Form der Organisation braucht die Arbeiterschaft. Nur auf diese Weise kann sie ihre wahre Absicht ausdrücken und nur so wird sie einen ihr angemessenen Sprecher haben, der ihren wirklichen Interessen dient. Diese Werks- und Fabrikausschüsse, verbunden mit gleichartigen Organen in anderen Betrieben und Bergwerken, lokal, regional und national zusammengeschlossen, würden eine neue Art der Arbeiterorganisation darstellen, die die kräftige Stimme der Arbeiterschaft und ihre wirkungsvolle Vertretung wäre. Sie hätte das ganze Gewicht und die ganze Energie der vereinten Arbeiter hinter sich und wäre eine gewaltige Macht in ihrem Rahmen und ihren Möglichkeiten.

Im täglichen Kampf des Proletariats könnte solch eine Organisation Siege erringen, von denen die konservative Gewerkschaft, so wie sie gegenwärtig aufgebaut ist, nicht einmal träumen kann. Sie würde den Respekt und das Vertrauen der Massen genießen, Nichtorganisierte anziehen und die Arbeitskräfte auf der Basis der Gleichberechtigung aller Arbeiter sowie ihrer gemeinsamen Interessen und Ziele vereinen. Sie würde den Herrschern mit der ganzen Macht der Arbeiterklasse hinter sich mit einer neuen Haltung bezüglich des Bewußtseins und der Macht gegenübertreten. Nur dann werden die Arbeiter Würde erlangen und deren Ausdruck wird wirklich Bedeutung haben. Solch eine Gewerkschaft würde bald mehr sein als nur ein Verteidiger und Beschützer der Arbeiter. Sie würde wesentlich an der Verwirklichung der eigentlichen Bedeutung von Einheit und der sich ergebenden Macht, der Arbeitersolidarität, mitwirken. Die Fabrik und der Betrieb würden als Übungsfeld dazu dienen, das Verständnis des Arbeiters bezüglich seiner wirklichen Rolle im Leben zu entwickeln, sein Selbstvertrauen und seine Unabhängigkeit zu pflegen, ihn gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit lehren und ihm seine Verantwortung bewußt machen. Er wird lernen, zu entscheiden und seinem eigenen Urteil gemäß zu handeln und es nicht mehr seinen Führern oder Politikern zu überlassen, daß sie seine Angelegenheiten regeln und sich um sein Wohlergehen kümmern. Er wird es sein, der zusammen mit seinen Kollegen an der Werkbank bestimmt, was sie wollen und welche Methoden ihren Zielen am besten dienen, und der Ausschuß an Ort und Stelle würde nur Instruktionen ausführen. Betrieb und Fabrik würden Schule und Lehranstalt der Arbeiter werden. Dort wird er seinen Platz in der Gesellschaft, seine Funktion in der Industrie und seinen Lebenssinn erkennen. Er wird als Werktätiger und als Mensch reifen und der Riese Arbeiterschaft wird seine volle Statur annehmen. Er wird Kenntnisse haben und dadurch stark sein.

Er wird dann nicht mehr lange mit dem Los zufrieden sein, Lohnsklave, Angestellter und vom guten Willen seines Herren, den seine schwere Arbeit ernährt, abhängig zu sein. Er wird in zunehmendem Maße verstehen, daß das heutige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem falsch und verbrecherisch ist, und er wird sich entscheiden, diesen Zustand zu ändern. Der Werksausschuß und die Gewerkschaft werden das Vorbereitungsfeld für ein neues Wirtschaftssystem, für eine neue Gesellschaft werden.

Sie sehen also, wie wichtig es ist, daß Sie und ich und jeder Mann und jede Frau, denen das Interesse der Arbeiter am Herzen liegt, auf dieses Ziel hinarbeiten. Und an diesem Punkt möchte ich die außerordentliche Dringlichkeit betonen, der zufolge ganz besonders die fortschrittlichen Proletarier, die Radikalen und die Revolutionäre über diese Dinge ernsthaft nachdenken müssen, denn für die meisten von ihnen und sogar für einige Anarchisten ist alles nur ein frommer Wunsch, eine entfernte Hoffnung. Sie können nicht die außerordentliche Bedeutung der in diese Richtung zielenden Bemühungen erkennen. Doch ist es nicht nur ein Traum.

Zahlreiche progressive Werktätige kommen zu dieser Einsicht: Die Industriearbeiter der Welt und die revolutionären Anarcho-Syndikalisten in jedem Land widmen sich diesem Ziel. Das ist gegenwärtig das dringendste Problem. Es kann nicht oft genug betont werden, daß nur die richtige Organisation der Arbeiterschaft das erreichen kann, wonach wir alle streben. Darin liegt die Rettung der Arbeiterschaft und der Zukunft. Nur eine Organisation von der Basis her, beginnend im Betrieb und in der Fabrik, gegründet auf den gemeinsamen Interessen der Arbeiter gleich welcher Zunft, Rasse oder Staatsangehörigkeit, kann durch gemeinsame Anstrengungen und geeinten Willen das Arbeiterproblem lösen und der wahren Emanzipation der Menschen dienen.

„Sie sprachen davon, daß die Arbeiter die Industrien übernehmen“, erinnert Ihr Freund Sie. „Wie wollen Sie das machen?“ Ja, ich sprach darüber, als Sie die Organisation erwähnten. Aber es war auch gut, daß diese Sache diskutiert wurde, weil es das wichtigste der von uns untersuchten Probleme ist.

Kommen wir also auf die Übernahme der Industrien zurück. Das heißt nicht nur, daß sie von den Arbeitern übernommen werden, sondern auch, daß sie von ihnen geleitet werden. Was die Übernahme betrifft, müssen Sie bedenken, daß die Arbeiter in Wirklichkeit schon jetzt in den Industrien sind. Die Übernahme besteht darin, daß die Arbeiter dort bleiben, wo sie sind, jedoch nicht als Angestellte, sondern als rechtmäßige kollektive Besitzer. Begreifen Sie diesen Gesichtspunkt, mein Freund! Die Enteignung der kapitalistischen Klasse während der sozialen Revolution – die Übernahme der Industrien – verlangt Taktiken, die genau im Gegensatz zu denen stehen, die Sie heute bei einem Streik anwenden. Beim letzteren legen Sie die Arbeit nieder und lassen den Boß im vollen Besitz des Betriebes, der Fabrik oder des Bergwerks. Das ist natürlich ein idiotisches Verfahren, da Sie dem Herrschenden alle Vorteile lassen: Er kann Streikbrecher an Ihrer Stelle einsetzen und Sie werden kaltgestellt. Bei einer Enteignung dagegen behalten Sie Ihren Job und Sie werfen den Boß raus. Er darf nur bleiben, wenn er auf gleicher Stufe mit den anderen steht: als Arbeiter unter Arbeitern. Die Arbeiterorganisationen eines gegebenen Ortes übernehmen die öffentlichen Einrichtungen, die Kommunikations-, die Produktions- und die Vertriebsmittel in ihrem betreffenden Gebiet. Das heißt, die Arbeiter der Telegrafen- und Telefonämter sowie der Elektrizitätswerke, die Eisenbahner und so weiter nehmen (durch ihr revolutionäres Werkskomitee) das Werk, die Fabrik oder andere Einrichtungen in Besitz. Die kapitalistischen Vorarbeiter, Aufseher und Manager werden vom Betriebsgelände entfernt, falls sie dem Wechsel Widerstand leisten und die Zusammenarbeit verweigern. Falls sie zur Mitarbeit bereit sind, wird ihnen verständlich gemacht, daß sie von nun an weder die Herren noch die Besitzer sind: Daß die Fabrik öffentliches Eigentum unter der Leitung der in der Industrie tätigen Gewerkschaftsarbeiter wird und daß alle gleiche Partner in der allgemeinen Betriebsführung sind.

Es ist damit zu rechnen, daß die höheren Angestellten der großen Industrie- und Handelskonzerne eine Zusammenarbeit verweigern werden. Damit schalten sie sich selbst aus. Ihr Platz muß von Arbeitern eingenommen werden, die vorher auf diese Aufgabe vorbereitet worden sind. Darum habe ich die außerordentliche Bedeutung der fachlichen Vorbereitung so betont. Sie ist unbedingt notwendig, um die sich unausweichlich entwickelnde Lage zu meistern, und von ihr hängt der Erfolg der sozialen Revolution mehr als von jedem anderen Faktor ab. Die fachliche Vorbereitung ist der wesentlichste Punkt, denn ohne sie ist die Revolution zum Scheitern verurteilt. Wenn die Revolution kommt, werden die Ingenieure und andere technische Spezialisten eher geneigt sein, mit den Arbeitern zusammenzuarbeiten, besonders wenn in der Zwischenzeit eine engere Beziehung und ein besseres Verständnis zwischen den manuell und den intellektuell Arbeitenden hergestellt worden ist. Sollten sie sich weigern und sollten die Arbeiter es versäumt haben, sich fachlich und technisch vorzubereiten, dann wäre die Produktion nur aufrecht zu erhalten, wenn man die vorsätzlich Widerspenstigen zur Mitarbeit zwingt – ein Experiment, das in Rußland versucht wurde und sich als totaler Fehlschlag erwies.

Der gravierende Fehler der Bolschewisten war in diesem Zusammenhang die feindselige Behandlung der gesamten Klasse der Intelligenz aufgrund der Opposition einzelner. Der dem fanatischen Dogma innewohnende Geist der Intoleranz brachte sie dazu, eine ganze Gruppe der Gesellschaft wegen der Fehler einiger Individuen zu verfolgen. Dies schlug sich nieder in der Politik der Massenbestrafung von Fachleuten, technischen Spezialisten, kooperativen Organisationen und allgemein allen kultivierten Menschen. Die meisten von ihnen, die anfangs der Revolution freundlich gesinnt waren, sich sogar für sie begeisterten, wurden durch die bolschewistischen Taktiken entfremdet und eine Zusammenarbeit mit ihnen wurde dadurch unmöglich gemacht. Die diktatorische Haltung führte zu dem Ergebnis, daß die Kommunisten immer mehr auf Unterdrückung und Tyrannei zurückgriffen, bis sie schließlich reine Kriegsmethoden in dem industriellen Leben des Landes einführten. Das war die Ära der Zwangsarbeit, der Militarisierung der Fabriken und Betriebe, die unvermeidlich in der Katastrophe enden mußte, weil aufgezwungene Arbeit schon allein durch das Wesen des Zwangs schlecht und ineffektiv ist: Darüber hinaus reagieren Leute, die zur Arbeit gezwungen werden, auf diese Situation mit vorsätzlicher Sabotage, mit systematischer Verzögerung und Zerstörung, was ein intelligenter Feind auf eine Weise praktizieren kann, die nicht rechtzeitig entdeckt, den Maschinen und der Produktion mehr schadet als eine direkte Arbeitsverweigerung.

Trotz der drastischen Maßnahmen gegen diese Art von Sabotage und sogar trotz Todesstrafe war die Regierung bei der Überwindung dieses Übels machtlos. Die Beaufsichtigung jedes Technikers in einer verantwortungsvollen Position durch einen Bolschewisten oder einen politischen Kommissar ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Maßnahme schuf nur eine Legion von parasitären Funktionären, die sich ohne Kenntnis industrieller Arbeitsweise nur in die Tätigkeit jener Leute einmischten, die der Revolution sowieso freundlich gesonnen waren und bereitwillig halfen, zudem konnten sie aufgrund ihrer Unkenntnis keineswegs die fortgesetzte Sabotage verhindern. Das System der Zwangsarbeit entwickelte sich in der Praxis schließlich zu einer wirtschaftlichen Konterrevolution und keine Anstrengung der Diktatoren konnte diesen Zustand ändern. Diese Situation veranlaßte die Bolschewisten, von der Zwangsarbeit zu einer Politik überzugehen, bei der Spezialisten und Techniker dadurch auf ihre Seite gezogen wurden, indem sie wieder in die Führungspositionen der Industrien eingesetzt und mit hoher Bezahlung und Nebeneinkünften belohnt wurden. Es wäre dumm und verbrecherisch, die Methoden zu wiederholen, die schon so offensichtlich in der russischen Revolution versagt haben und aufgrund ihrer charakteristischen Beschaffenheit industriell und moralisch zu allen Zeiten zum Scheitern verdammt sind.

Die einzige Lösung dieses Problems liegt in der schon vorgeschlagenen Vorbereitung und Ausbildung der Arbeiter in der Kunst der Industrieführung und des Managements, sowie im engeren Kontakt zwischen dem manuell Arbeitenden und dem Techniker. Jede Fabrik, jedes Bergwerk und jeder Betrieb sollte einen eigenen Arbeiterrat getrennt und unabhängig von dem Werkskomitee haben, um die Arbeiter mit den verschiedenen Stufen in ihrem Industriezweig vertraut zu machen, einschließIich Problemen der Rohstoffquellen, der Folge von Herstellungsverfahren, von Nebenprodukten und des Vertriebswesens. Dieser Industrierat sollte auf Dauer eingerichtet werden, aber seine Mitglieder müssen sich derart abwechseln, daß praktisch alle Angestellten der gegebenen Fabrik oder des Betriebs ihm einmal angehören. Zur Erläuterung nehmen wir einmal an, daß der Industrierat eines bestimmten Unternehmens aus fünf oder fünfundzwanzig Mitgliedern besteht, je nach Fall und entsprechend der Verflechtung der Fabrikation und der Größe der betrachteten Fabrik. Nachdem sich die Mitglieder des Rates eingehend mit den Problemen ihrer Branche vertraut gemacht haben, veröffentlichen sie das Gelernte zur Information ihrer Arbeitskameraden und neue Ratsmitglieder werden gewählt, um die Studien fortzusetzen. Auf diese Weise kann die gesamte Belegschaft der Fabrik oder des Werkes nacheinander die notwendige Kenntnis über die Organisation und das Management ihrer Branche erlangen und mit deren Entwicklung Schritt halten. Diese Räte werden als Schulen für die Industrie dienen, in denen sich die Arbeiter mit der Technik ihres Industriezweigs auf allen Stufen vertraut machen.

Gleichzeitig muß die größere Organisation, die Gewerkschaft, das Kapital zwingen, eine Teilnahme der Arbeiterschaft in größerem Umfang im tatsächlichen Management zuzugestehen. Aber das kommt im günstigsten Fall nur einer kleinen Minderheit der Arbeiter zugute. Der oben vorgeschlagene Plan eröffnet andererseits praktisch jedem Arbeiter im Betrieb, in Werkstatt und Fabrik die Möglichkeit einer industriegerechten Ausbildung.

Es stimmt natürlich, daß gewisse Tätigkeiten – wie zum Beispiel das Ingenieurwesen in seinen verschiedenen Formen – von den Industrieräten nicht durch Praxis erlernt werden können. Aber was sie allgemein von den industriellen Verfahren lernen, wird als Vorbereitung von unschätzbarem Wert sein. Für alles andere ist die engere freundschaftliche Beziehung und Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Technikern das oberste Gebot. Die Übernahme der Industrie stellt aus diesem Grunde das erste große Ziel der sozialen Revolution dar. Sie muß durch das Proletariat erfolgen, und zwar durch den Teil, der organisiert und für die Aufgabe vorbereitet ist. Eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern beginnt bereits die Wichtigkeit der Übernahme zu erkennen und die vor ihnen liegende Aufgabe zu verstehen. Aber das Verstehen dessen, was unbedingt getan werden muß, reicht nicht aus. Der nächste Schritt besteht im Erlernen, wie es getan werden muß. Es ist die Aufgabe der organisierten Arbeiterklasse, sofort mit dieser Vorbereitungsarbeit zu beginnen.

 


Zuletzt aktualisiert am 17.10.2004