E. B―n

Berichte über den Fortgang der sozialistischen Bewegung

Deutschland

(September 1880)


Aus Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, II. Jg., Zürich 1881, S. 178–192.
Transkription: Archive.org.
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Die Epoche, welche im diesmaligen Bericht über den Fortgang der sozialistischen Bewegung in Deutschland darzustellen ist, bietet im Grossen und Ganzen kein wesentlich anderes Bild als die vorhergehende. Die Klärung der politischen und sozialen Verhältnisse nimmt ihren Fortgang, im gleichen Schritt die Konsolidirung der sozialistischen Partei. Unklare und unzuverlässige Elemente scheiden aus dem Gesammtkörper aus oder werden von ihm ausgeschieden, so dass im Augenblicke, wo wir diesen Bericht niederschreiben, die Partei wiederum als ein einheitlich bewusstes Ganzes dasteht, geschlossener, als sie es je gewesen. Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands hat, dies dürfen wir vorausschicken, sich den veränderten Verhältnissen angepasst, ohne ihren eigenthümlichen Charakter aufzugeben.

Wir werden auf die Bedeutung dieser Thatsache noch zurückkommen und gehen zunächst zur Berichterstattung über, wobei wir den beim vorigen Bericht zur Anwendung gebrachten Modus auch diesmal beibehalten werden.

Die Unzufriedenheit unter den arbeitenden Klassen äussert sich da, wo es an der entsprechenden Organisation zur wirksameren Bekämpfung vorhandener Uebelstände mangelt, meist in Revolten, die unter Umständen sehr blutig sein können, aber sehr selten das von den Revoltirenden erstrebte Resultat zur Folge haben. Die herrschenden Klassen fühlen sich in derartigen Momenten stets solidarisch, und dieses Gefühl der Solidarität gibt ihnen dann auch die Organisation, die den Arbeitern abgeht. So wird es ihnen leicht, die Letzteren zu besiegen, und sie, wenn nicht durch den Aufstand ein besonders schreiender Uebelstand an das Licht gezogen wurde, wieder in das alte Joch zu spannen. Das wissen gerade die organisirten klassenbewussten Arbeiter am besten, daher denn auch die wenigsten Revolten von ihnen ausgehen. Uebrigens sind auch die meisten Arbeiterrevolten nur eine primitivere Form für den organisirten Strike.

So brachen am 13. März in der Nähe von Swinemünde (Provinz Pommern) unter den Strassenbau-Arbeitern gelegentlich der Lohnauszahlung Unruhen aus. Aus den in dieser Beziehung stets sehr dürftigen und unzuverlässigen Berichten der Tagespresse ging so viel mit Sicherheit hervor, dass die Arbeiter durch eine Art indirekten Trucksystems empört und durch das hochfahrende Benehmen der Aufsichtsbeamten zum Aeussersten gebracht worden waren. Ausser drohenden Zusammenrottungen scheinen die Arbeiter sich keinerlei „Ausschreitungen“ schuldig gemacht zu haben, nichtsdestoweniger fanden die üblichen Verhaftungen statt, und wurden im Monat Juli nach mehr als dreimonatlicher Untersuchungshaft der Hauptangeklagte zu einem Jahr und vier Monaten, zwei weitere Anklagte zu je einem Jahr und zwei Monaten, die übrigen zu drei Monaten verurtheilt. Von einer Untersuchung gegen die Beamten verlautet selbstverständlich nichts, obwohl eine solche nicht auf dem einfachsten Grundsatz der Gerechtigkeit entsprochen hätte, sondern auch mit Rocksicht auf die Grundursache der Revolte durchaus geboten gewesen wäre.

Es ist nämlich eine sehr häufig gemachte Erfahrung, dass bei grösseren Arbeiten, die nicht in Städten oder grösseren Ortschaften vor sich gehen, die Unterbeamten (Aufseher etc.) grosse Neigung haben, sich durch Abmachungen mit Verkäufern von Lebensmitteln eine Nebeneinnahme auf Kosten der Arbeiter zu verschaffen. Ein derartiger Unfug muss natürlich den Zorn der Geschädigten hervorrufen und schliesslich zu Tumulten führen. Da ist demnach ein strenges Vorgehen gegen die Manipulanten ein wirksameres Mittel zur Verhütung von Exzessen, als es drakonische Strafmittel gegen die Exzedenten sind. Die dem letzteren Verfahren zu Grunde liegende Abschreckungstheorie ist indess in Deutschland wieder zu Ehren gelangt, und ganz besonders den Arbeitern gegenüber. Man will ihnen von Zeit zu Zeit die starke Faust zeigen und glaubt so am besten den Bestand des heutigen Systems gesichert.

Wir haben uns diese Abschweifung gestattet, da derartige Vorgänge für die sozialistische Bewegung von hohem Interesse sind. Unbeeinflusst vom Geiste des modernen Sozialismus, liefern sie ihm den Beweis, dass die bürgerliche Gesellschaft jene vielgerühmte Harmonie der Interessen nicht im Gefolge hat, dass vielmehr der Klassenkampf für sie ein immanenter Faktor ist, an dessen Wirkungen sie schliesslich so gut wie die früheren Gesellschaften zu Grunde gehen muss.

Wir betonen hier übrigens, dass, so grossen Werth wir auch auf das Bestehen einer zielbewussten einheitlichen Arbeiterpartei legen, – die durch energisches Auftreten der herrschenden Klasse ein Menetekel zuruft, ihnen die in der heutigen (Gesellschaft möglichen Konzessionen abzwingt und einer Depravirung der Arbeiterschaft entgegenwirkt –, wir unsere Aufgabe nicht nur in der Berichterstattung über die Vorgänge, die direkt mit dieser Bewegung in Verbindung stehen, erblicken können, sondern es für nicht minder geboten halten, alle die Momente zu prüfen, die dieser Bewegung zu Grunde liegen, die ihr Lebensfähigkeit, sowie die Aussicht auf endliche Erfolg garantiren. Darum würden wir am liebsten gleichzeitig Bericht erstatten über die Entwicklung der Industrie, über die Bewegung der Bevölkerung und über die Gestaltung der Eigenthumsverhältnisse in Stadt und Land. Bisher war es uns leider noch nicht möglich, das nöthige Material zusammenzutragen, bezw. durchzuarbeiten, wir hoffen indess, in unsern nächsten Berichten dieser sehr wichtigen Seite unserer Aufgabe wenigstens theilweise entsprechen zu können. Bis dahin müssen wir uns neben der Schilderung des Parteilebens auf die Mittheilung einzelner Phänomene des sozialen Lebens beschränken, und, soweit dies zulässig, aus ihnen Schlüsse auf die Gestaltung des letzteren selbst ziehen.

Im Frühjahr, wo durch Wiederaufnahme der Bau- und des grössten Theils der Landarbeiten und verwandten Arbeitszweige eine gewisse Entlastung des Arbeitsmarktes stattfindet, pflegten in Deutschland gewöhnlich umfangreiche Lohnbewegungen einzutreten. Die Arbeiter fühlen dann etwas mehr Muth und widersetzen sich entweder zugemutheten Verschlechterungen ihrer Lage oder gehen gar zur Offensive, zur Erkämpfung besserer Arbeitsbedingungen über. Von einer solchen konnte freilich seit dem Auftreten der Krisis kaum die Rede sein, und von Jahr zu Jahr vertrösteten sich die Arbeiter daher auch auf den „kommenden Frühling“. Und da es anfangs 1880 auch wirklich den Anschein hatte, als sei ein allgemeiner Aufschwung der wirthschaftlichen Verhältnisse in Sicht, so sehen wir es auch allerorts unter den Arbeitern sich regen, und es ist nicht zum mindesten dem Mangel an wirksamen Arbeiterorganisationen zuzuschreiben, dass es nur an wenigen Orten zu Lohnkämpfen gekommen ist.

Der erste, den wir zu verzeichnen haben, fand zu Mühlhausen im Elsass unter den Arbeitern der Eisengiesserei statt und endete mit dem Siege der Arbeiter. Der Versuch der Fabrikanten, die Arbeitszeit ohne entsprechende Lohnaufbesserung zu erhöhen, wurde siegreich abgeschlagen. Von der sehr charakteristischen Lohnbewegung in Berlin werden wir weiter unten sprechen.

Anfangs April hatte die sozialistische Partei wieder einen Erfolg zu verzeichnen. In Osnabrück erhielt gelegentlich einer Nachwahl der sozialistische Kandidat ohne jegliche Agitation 998 Stimmen, d. h. die nahezu höchste Anzahl der überhaupt in jener Stadt unsererseits erreichten Stimmenzahl. Anscheinend weniger günstig fiel dagegen am 15. April die Nachwahl im zweiten Berliner Wahlkreise für die Sozialdemokratie aus. Zwar war die Betheiligung im Allgemeinen eine schwache, und sämmtliche in Frage kommenden Parteien hatten namhafte Rückschläge zu verzeichnen, dennoch erregte der Rückgang der sozialistischen Stimmen von über siebentausend auf nicht ganz dreitausend einigen Missmuth. Bedenkt man aber, was wir bereits in unserm vorigen Berichte hervorhoben (s. I. Jahrg., 2. Hälfte, S. 260), welche enormen Hindernisse der über Berlin lastende Belagerungszustand dem Wirken für den sozialistischen Kandidaten bereitete, dass sogar die Vertheilung von Stimmzetteln nur theilweise möglich war – ein äusserst mässig (unserer Meinung nach sogar übertrieben mässig) gehaltenes Wahlflugblatt wurde, obwohl es nur allgemeine Arbeiterforderungen enthielt, verboten –, so erscheint die abgegebene Stimmenzahl in einem ganz anderen Lichte, ja sie darf als ein stattliches Lebenszeichen der Sozialdemokratie angesehen werden, und so urtheilte auch grösstentheils das Publikum und die politische Presse. Uebrigens wirkten noch zwei interne Momente auf die sozialistische Stimmenabgabe abschwächend ein, deren eines, die Ersetzung des früheren Kandidaten durch einen wenig populären neuen, wir hier nur andeuten wollen, auf deren zweites dagegen, die Differenzen der Berliner Genossen unter sich, wir gelegentlich der Besprechung der Affaire Hasselmann zurückkommen werden.

Am 13. April fand die Gerichtsverhandlung gegen eine Anzahl im Laufe des Monats Januar verhafteter Berliner Sozialisten statt. Dreizehn der Angeschuldigten waren in einem Zimmer von der Polizei „überrascht“ und daraufhin der Theilnahme an einer geheimen Verbindung beschuldigt worden. Trotzdem jegliche Beweise [1] für eine solche fehlten, beantragte der Staatsanwalt dennoch Strafen bis zur Höhe von einem Jahr und drei Monaten. Der Gerichtshof erkannte dagegen auf Freisprechung in der Hauptanklage und verurtheilte nur drei der Angeschuldigten zu geringfügigen Vergehen wegen Veranstaltung einer „unerlaubten Lotterie.“ (Man hatte nämlich gegen Weihnachten zu Gunsten der Familien der Ausgewiesenen eine Art Lotterie veranstaltet.) Die Polizei wusste wenigstens insofern ihrer Auffassung Genugthuung zu verschaffen, dass sie einige der Freigesprochenen zwar nicht direkt nach ihrer Freilassung, aber nicht allzulange Zeit nachher aus dem Bereiche des kleinen Belagerungszustandes auswies.

Die Enttäuschung, welche der Ausfall der Berliner Wahl einem Theil unserer Genossen bereitet hatte, wurde sehr bald ausgeglichen durch einen Erfolg, wie ihn glänzender Niemand vorausgesehen hatte. Wir meinen den Ausfall der am 27. April stattgehabten Nachwahl im zweiten Hamburger Wahlkreise. Wohl war und ist die Stimmung in Hamburg infolge der Bismarck’schen Zollpolitik, der auf die Aufhebung der Freihafenstellung hinarbeitenden Agitationen und Manipulationen eine äusserst gereizte, doch darf bei Beurtheilung des Hamburger Wahlsieges nicht vergessen werden, dass beide in Frage kommenden Gegenkandidaten, der fortschrittliche wie der nationalliberale, sich als Gegner der Bismarck’schen Politik bekannten, und dass namentlich der erstere zu den radikalsten Mitgliedern seiner Partei gehört und in Hamburg allgemeiner Achtung sich erfreut. Nein, die dreizehntausend Stimmen, welche die Sozialdemokraten den zehntausend der gesammten Gegner gegenüberstellten, sind nicht nur ein Protest gegen die heutige Zollpolitik des deutschen Reiches, sondern gegen die herrschenden wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse überhaupt, sie gehören der Sozialdemokratie voll und ganz an.

Wenn übrigens von äusseren Vorkommnissen, die die Hamburger Wahl zu unsern Gunsten beeinflussten, gesprochen werden soll, so sind diese, wie damals ein Korrespondent des Sozialdemokrat hervorhob, in den Massnahmen der dortigen Polizei zu suchen. Diese hatte sofort nach Eintreten des Sozialistengesetzes auflöst und verboten, was es aufzulösen und zu verbieten gab, sich aber dann wieder streng in dem Rahmen der Gesetze, natürlich inklusive des Sozialistengesetzes, gehalten und so unter vielen Genossen in Hamburg die Meinung erweckt, man dürfe unter den augenblicklich in Deutschland herrschenden Verhältnissen einer so anständigen Polizei keine Schwierigkeiten bereiten. Der solchermassen eingerissenen Lauheit trat nun die Polizei durch Unterdrückung eines harmlosen Flugblattes, welches die Wähler zur Einsicht der Wahllisten aufforderte, durch Konfiskation angeblich gesammelter Gelder, Verhaftung des Wahlkomites etc., wirksamst entgegen, ob aus eigenem Antriebe oder aus Rücksicht auf Berlin, vermögen wir nicht anzugeben.

Der 27. April 1880 ist – leider! – noch in anderer Beziehung für die deutsche Sozialdemokratie ein bedeutungsvoller Tag gewesen. Einer unserer bewährtesten Vorkämpfer, Wilhelm Bracke, erlag an diesem Tage seinem langjährigen Leiden; ein Blutsturz bereitete dem Leben des begeisterten und unablässig für unsere Sache wirkenden Mannes ein jähes Ende. Gleich seinem lötzener Festungsgenossen Geib erreichte Bracke noch nicht das vierzigste Lebensjahr. Wir können hier nicht näher auf die Verdienste Bracke’s um unsere Bewegung eingehen, noch seine agitatorische Thätigkeit würdigen, so wollen wir denn wenigstens die kräftigen Worte hier folgen lassen, mit denen Bracke noch wenige Tage vor seinem Hinscheiden sein Festhalten an den Grundsätzen unserer Partei bekundete. Auf die Insinuation, als bedeute seine Mandatsniederlegung einen Bruch mit der Partei, veröffentlichte Bracke am 27. März d. J. eine Erklärung, in der es unter Anderem hiess:

„2) Geschäftliche ‚Rücksichten‘, wie überhaupt materielle Interessen haben mich nie in meinem Leben davon abgehalten, für meine Ueberzeugung meine Pflicht zu thun. Die Behauptung des Gegentheils bei Gelegenheit der mir jetzt auferlegten Zurückhaltung ist eine höchst leichtfertige und grobe Beleidigung. Auf eine ‚Anzahl adeliger Grossgrundbesitzer‘ habe ich bisher nie ‚Rücksicht‘ genommen und glücklicherweise auch keine zu nehmen; diejenigen Herren, welche bisher mit mir verkehrt, fanden offenbar Geschmack an meinen geschäftlichen Grundsätzen und fragten nicht nach meinem politischen Standpunkte, und diejenigen, welche sich erdreisten möchten, hiernach zu fragen, thun am besten, mir fern zu bleiben. 3) Ich bedaure allerdings jedes gewaltthätige Vorgehen, aber die Geschichte zeigt, dass noch jedesmal die Gewaltthat von oben die Gewaltthat von unten erzeugte. Ich befinde mich deshalb auch mit meinen Freunden Bebel und Liebknecht, wie mit dem Sozialdemokrat in Zürich in vollem Einverständniss. Von einem Verluste in Ihrem (der betreffenden Zeitung) Sinne kann deshalb keine Rede sein, wenn ich allerdings vorläufig zu den Ganzinvaliden gehöre.“

Die Beerdigung Bracke’s gestaltete sich wiederum zu einer glänzenden Demonstration unserer Partei. Ein unabsehbarer Zug, der grösste den Braunschweig je gehabt, folgte dem Sarge unseres Genossens, Deputationen von nah und fern hatten sich eingestellt und legten Zeugniss davon ab, dass die Sozialdemokratie Deutschlands lebt und treu und fest hinter ihren Vorkämpfern steht, trotz aller Hetzereien von offenen Gegnern und falschen Freunden.

Es ist uns eine besondere Genugthuung, darauf hinweisen zu können, wie wenig die Gegner bisher vermocht haben, die deutsche Sozialdemokratie zu desorganisiren. Wir weisen darauf hin, dass sich seiner Zeit Niemand einbildete, durch das Sozialistengesetz die deutschen Sozialisten von ihrer Ueberzeugung abbringen zu können; worauf es bei Schaffung desselben hauptsächlich ankam, war, die Partei ökonomisch zu drangsaliren, und dadurch das Band, die Organisation zu zerstören. Das haben aber die Genossen in ihrer übergrossen Mehrheit ebenfalls begriffen und allen, aus Ehrgeiz oder noch schändlicheren Motiven hervorgehenden Separationsbestrebungen einen energischen Widerstand entgegengesetzt. Es ist geradezu bewundernswerth, wie trotz mancher Missstände, die allerdings mehr den Verhältnissen, als einzelnen Personen zur Last gelegt werden müssen, die weitaus grosse Maase der Genossen derart zusammenhält, dass wir in der Lage sind, über die an Tage getretenen Separationsbestrebungen mit vollkommener Objektiyitftt zu urtheilen.

Wir hatten bereits im vorigen Bericht erwähnt, dass Joh. Most nebst einigen Anhängern der Gesammtpartei gegenüber eine entschieden feindliche Haltung eingenommen hatte; die Kluft ist nun in der Periode, über die wir diesmal an berichten haben, fortschreitend erweitert worden. Jede Nummer der Freiheit überbot die vorhergehenden in Angriffen gegen die früheren Genossen, die nicht nur als Feiglinge und Schwachköpfe, sondern auch als Verräther, Schurken, ja als Betrüger und Spitzbuben hingestellt wurden. Einmal mit seinen früheren Grundsätzen in Widerspruch gerathen, verlor Most auch in dieser Beziehung jeden Halt, auch hier suchte er sich von Nummer zu Nummer zu überbieten, er acceptirte voll und ganz die Blanquistische Theorie der Revolutionsromantik, verherrlichte die Attentatsmacherei, um schliesslich – im Augenblicke, da wir dieses schreiben, – in’s anarchistische Lager überzugehen. Der Anhang Most’s ist denn auch ganz offenbar immer mehr zusammengeschmolzen, aber – was anerkannt werden muss – entsprechend fanatischer geworden. Wir haben Gelegenheit gehabt, eine Aufopferung unter jenen Leuten zu beobachten, von der wir nur bedauern können, dass sie in so abgeschmackter und zweckloser Weise an den Tag gelegt wurde.

Einen Augenblick – und zwar im Monat Mai d. J. – hatte es übrigens den Anschein, als sei eine Verständigung der sogenannten Most’schen Gruppe mit dem Gros der deutschen Partei nicht ausgeschlossen. Die Nothwendigkeit, einen Kongress der deutschen Sozialisten zu veranstalten, auf welchem die verschiedenen Angelegenheiten, insbesondere die Organisation und Haltung der Partei berathen werden könnten, war längst erkannt, und dementsprechend von den leitenden Persönlichkeiten eine solche Zusammenkunft, die natürlich geheim sein musste, auf Pfingsten einberufen worden. Leider erfuhr die Polizei davon, und der Kongress musste vertagt werden. Bei dieser Gelegenheit nun kam J. Most, der von Genossen in Crimmitschau und Berlin zum Delegirten gewählt worden war, nach der Schweiz und hielt daselbst an verschiedenen Orten Versammlungen ab. In St. Gallen und Zürich fand er lebhafte Opposition; am letzteren Orte kam es zu eingehenden Auseinandersetzungen, und wurde von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen, Most möge die Hetzereien und Angriffe gegen die deutsche Partei einstellen und die etwaigen Differenzen rein sachlich besprechen. Dieser Aufforderung schloss sich die Versammlung durch eine Resolution einstimmig an, und die Antwort Most’s war im Prinzip nicht ablehnend, wenngleich er einen definitiven Entscheid von der Zustimmung seiner übrigen Genossen abhängig machte. Indess liess er es in einer Debatte darüber gar nicht erst kommen. Kurz nachdem er Zürich verlassen, stellte er entschieden in Abrede, eine derartige Erklärung abgegeben zu haben, erklärte vielmehr, er wolle von einem friedlichen Nebeneinandergehen nichts wissen und setzte seine Angriffe mit verstärkter Heftigkeit fort.

Um dieselbe Zeit trat ein anderes Ereigniss ein, das auf die Fernftehenden befremdend und vielleicht bedenklich wirken musste, die mit den Verhältnissen der deutschen Partei Vertrauten aber nicht überraschen konnte: wir meinen den Austritt bezw. Ausschlttss Hasselmann’s aus der Partei. Wilhelm Hasselmann, der langjährige geistige Leiter des allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins, war zwar zur Zeit der Vereinigung mit der sozialdemokratischen Arbeiter-Partei Eisenacher Programms fast übereifrig für dieselbe eingetreten, hatte aber bald nach dem Vereinigungskongress eine separatistische Haltung angenommen, wohl hanptsächlich weil ihm nicht die erwartete Stellung in der vereinigten Partei zu Theil wurde. Von Natur äusserst misstrauisch und überall Intriguen gegen seine Person witternd, begann er sofort selbst Intriguen zu spinnen und dadurch gerade Misstrauen gegen seine Person heraufzubeschwören. Immer isolirter wurde seine Stellung in der vereinigten Partei, als er 1876 die Mitredaktion an dem Zentralorgan ausschlug, weil dasselbe anstatt nach Berlin nach Leipzig verlegt wurde, und der Versuch, vermittelst eines Flugblattes Die rothe Fahne eine grössere Anhängerschaft um sich zu gruppiren, misslang. Im kritischsten Momente, gleich nach Erlass des Sozialistengesetzes, versuchte Hasselmann in Berlin auf eigene Faust ein Blatt herauszugeben, welches er in einer fremden Druckerei herstellen liess, während die von ihm selbst gegründete „Allgemeine deutsche Assoziationsbuchdruckerei“ durch das Verbot der Berliner Freien Presse, sowie einiger später herausgegebenen Blätter vor dem Ruine stand. Das betreffende Blatt wurde indessen auch unterdrückt, und nach Verhängung des Belagerungszustandes siedelte Hasselmann nach Hamburg über, von wo aus er dann alle Unternehmen der Partei zu durchkreuzen versuchte. Im Reichstag ging er dem Verkehr mit den anderen sozialistischen Abgeordneten geflissentlich aus dem Wege.

Trotz der unzweideutigsten Beweise, dass Hasselmann mit aller Macht auf eine Spaltung hinarbeitete und nur den Moment abwartete, wo er diese Spaltung mit möglichst viel Erfolg öffentlich proklamiren könnte, boten die Vertreter der Partei angesichts der schwierigen Lage derselben Alles auf, um einen Bruch zu vermeiden. Man kam Hasselmann in jeder Weise entgegen, trotzdem machte sich dieser zum Mittelpunkt jeder gegen die Parteivertreter ausgespielten Verdächtigung. Kurz, die Ueberzeugung, dass ein Miteinandergehen mit Hasselmann nicht möglich sei, drängte sich Allen auf, die für ein festes Zusammenfassen aller sozialistischen Kräfte wirken.

Der Bruch war somit thatsächlich bereits vollzogen, als er gelegentlich der dritten Berathung der Vorlage betreffend Verlängerung des Sozialistengesetzes auch der Oeffentlichkeit gegenüber perfekt wurde. In einer im Grossen und Ganzen nicht ungeschickten Rede desavouirte Hasselmann alle im Reichstag über das Verhältniss der deutschen Sozialisten zu den russischen sogenannten Nihilisten – die er übrigens, was nur sehr zum Theil zutrifft, Anarchisten nannte – gefallenen Aeusserungen und konstatirte ausdrücklich seine Separatstellung gegenüber den übrigen sozialistischen Abgeordneten. Jetzt war auch auf der anderen Seite kein Grund mehr vorhanden, der Oeffentlichkeit gegenüber hinter dem Berge zu halten. Man acceptirte die in der Rede Hasselmanns enthaltene Lossagung von der Gesammtpartei und legte sowohl im Parteiorgan, als auch in einem besonderen Flugblatt die Gründe für eine derartige Auffassung eingehend auseinander.

Der Austritt bezw. die Anschliessung Hasselmanns erregte unter den nicht unterrichteten Genossen, besonders aber unter den auswärtigen Sozialisten, nicht geringes Aufsehen. Von Hasselmann befreundeter Seite aus wurde die Anschauung verbreitet, als sei der Ausschluss wegen seiner Sympathieerklärung für die russischen Revolutionäre überhaupt und wegen des revolutionären Tones, den er angeschlagen, erfolgt. Beides ist, wie wir oben zeigten, durchaus unrichtig. Die deutsche Sozialdemokratie hat zwar an der Taktik der russichen Revolutionäre häufig Kritik geübt, ihnen aber niemals ihre Sympathien vorenthalten, sie vielmehr, wo sie es vermochte, mit Rath und That unterstüzt; die Proklamirung von „Thaten“ seitens Hasselmanns wurde angesichts seines wirklichen Verhaltens einfach verlacht.

Ebensowenig hat der Vorwurf auf sich, man habe gleich der katholischen Kirche Exkommunikation geübt. Wenn die katholische Kirche diejenigen, welche ihren Grundsätzen zuwider handeln, aus ihrer kirchlichen Gemeinschaft ausschliesst, so vermögen wir darin kein Unrecht zu erblicken. Viel weniger aber vermögen wir es zu begreifen, wie man einer unter so schwierigen Verhältnissen kämpfenden Partei das Recht streitig machen will, ein Mitglied aus ihrer Mitte zu entfernen, das die nothwendige Solidarität gröblich verletzt, die Interessen der Gesammtheit zum eigenen Vortheil geschädigt hat. Und das ist Hasselmanns Vergehen. Er und seine Freunde haben sich nie darum gekümmert, woher die Mittel zu beschaffen, um die gemassregelten Genossen vor dem Elend zu schützen; ja Hasselmann hat vielmehr Alles gethan, um die Personen, welche sich jener schwierigen Aufgabe unterzogen, zu verdächtigen, und so die Sache selbst geschädigt. Eine Reihe von Anschuldigungen ehrenrührigster Art wurde in Umlauf gesetzt und zwar in jener unbestimmten Form, die den Angreifenden schützt, den Angegriffenen aber es schwer macht, sich zu vertheidigen. Unter diesen Umständen war ein Nebeneinander- oder gar Miteinanderarbeiten eben nicht möglich.

Den Beweis, wie sehr gerechtfertigt sein Ausschluss war, lieferte Hasselmann übrigens selbst. Er veröffentlichte Enthüllungen gegen seine Widersacher, welche zwar von der gegnerischen Presse mit grossem Behagen aufgegriffen, von den Angegriffenen aber nunmehr, da sie in bestimmterer Form vorlagen, mit Leichtigkeit widerlegt wurden – der offene Gegner war eben minder gefährlich, als der falsche Freund – ja, eine Anzahl unzufriedener Elemente in der Partei, die sich auf Hassehnanns Seite geschlagen hatte, zog sich von ihm zurück, nachdem er sich durch die Gehässigkeit und Verlogenheit seiner Angriffe selbst in das rechte Licht gestellt hatte. So schlug der Versuch, mit den Unzufriedenen der Partei eine eigene Fraktion zu bilden, fehl, die Blätter, welche er zu seinem Lebensunterhalte in’s Leben gerufen hatte, waren lebensunfähig, es blieb ihm daher schliesslich kein anderer Ausweg, als unter Hinterlassung nicht unbeträchtlicher Schulden in’s Ausland zu gehen. Angeblich, weil ihm ein Hochverrathsprozess drohte, thatsächlich aber aus dem angegebenen Grunde ging er mit seinem Hauptmitarbeiter nach Brüssel und von da nach London.

Welche Schritte er in Zukunft unternehmen, ob er nach Deutschland zurückkehren, oder, wie es heisst, nach Amerika auswandern wird, ist bis jetzt nicht bekannt, jedenfalls ist seine Rolle in der deutschen Partei ausgespielt.

Für den hier und da ausgesprochenen Verdacht, als habe Hasselmann die Rolle eines bezahlten agent provocateur gespielt, bieten sich unseres Erachtens keine genügenden Anhaltspunkte. Wohl schlug er hie und da einen Ton an, der gewissen der Regierung nahestehenden Organen nicht unsympathisch ist, auch wurde er zeitweise in etwas auffälliger Weise von höchst verdächtigen Persönlichkeiten – u. A. dem bekannten H. J. Gehlsen – kajolirt, doch lässt das noch keinen sicheren Schluss auf bestimmte Beziehungen zu. ―

Von einem grösseren Anhange Hasselmanns innerhalb der Partei war, wie gesagt, schon längst keine Rede mehr, nur in einigen Orten des Rheinlandes besass er einigen Einfluss, sonst hatte er überall nur sehr vereinzelte Anhänger. Das war auch in Berlin der Fall, obwohl er gerade dort am Meisten intriguirte, wobei ihm der Belagerungszustand trefflich zu Statten kam. Es gelang ihm zwar, durch Aussprengen von allerhand Verdächtigungen die Berliner gegen die Parteileitung aufzuhetzen, aber zu einer Partei Hasselmann brachte er es trotzdem nicht. Infolge verschiedener innerer Zerwürfnisse befand sich ein Theil der Berliner Sozialisten in einer sehr gereizten Stimmung und war für jede Opposition in der Partei empfänglich, derselbe hat sich aber konsequent jeden separatistischen Bestrebungen ferngehalten. ―

Seitdem durch das Erscheinen des Zentralorganes das Band der Partei wiederum ein festes geworden ist, steigert sich auf der anderen Seite selbstverständlich auch der Eifer der Polizei. Es vergeht fast kein Tag, an welchem nicht die Zeitungen von Haussuchungen etc. zu melden wissen. Wie stets, wird auch hier die Praxis zur besten Lehrmeisterin, mit den wachsenden Chikanen nimmt auch die List und Gewandtheit der Verfolgten zu. Ein Guerillakrieg ent¥nlckelt sich, dessen wesentlichste Folge eine weitere Abnahme des Ansehens der Behörden ist. Gezwungen, sie zu hintergehen, sucht man schliesslich zum Schaden noch den Spott zu fügen, und mancher gelungene Streich legt Zeugniss davon ab, dass den Sozialisten Deutschlands weder der Muth noch der Humor ausgegangen ist.

Als ganz besonders gelungen glauben wir einen derselben hier anführen zu dürfen: Ein industrieller Buchhändler in Magdeburg hatte den Beruf gefühlt, den Staatsretter spielen zu sollen, und – nachdem er sich des Beistandes der Behörden versichert – unter dem Titel: Die Idee Deutschland als Republik, eine mit rothem Umschlag versehene Broschüre herausgegeben, die radikal beginnend an den „gesunden Sinn der Arbeiter appellirt und sie zur Geduld und Massigkeit“ ermahnt. Obwohl diese von dem Polizeipräsidenten von Magdeburg gebilligte Schrift denkbarst ungeschickt abgefasst war, beschlossen nun einige Genossen, dem guten Manne ein Kukuksei in’s Nest zu legen und liessen nach dem Muster seiner Broschüre eine zweite anfertigen, welche in Titel, Umschlag und Einleitung der ersteren vollkommen glich, im Uebrigen aber durchaus sozialistischen Inhalts war. Mehr als zwei Monate konnte so diese sozialistische „Brandschrift“ verbreitet werden, ehe die gute Polizei dahinter kam. Nun war aber guter Rath erst recht theuer, da ein Verbot neben der bösen auch die gute Broschüre getroffen hätte. Endlich fand sich doch ein Ausweg: die Schattirung des Umschlages stimmte nicht ganz überein, und man erliess daher jene kostbare Verfügung, die den hellrothen Umschlag verbot, den blassrothen aber gestattete.

So erheiternd derartige Episoden allerdings wirken, so vermögen sie selbstverständlich Niemanden über den Ernst der Situation zu täuschen. Die Behörden haben denn doch die Gewalt in der Hand und wissen sich für ihre moralischen Misserfolge leicht zu entschädigen. Durch das bekannte Reskript der Oberpostdirektion ist das Briefgeheimniss für einen grossen Bruchtheil der Bevölkerung thatsächlich aufgehoben. Unerhörtes in dieser Beziehung leisteten und leisten namentlich Chemnitz, Frankfurt a. M. und Breslau. Ebenso fehlt es nicht an Prozessen aller Art, doch ist von grösseren Verurtheilungen diesmal glücklicherweise Nichts zu berichten.

Erwähnen wir noch zweier Reichstagswahlen, die für die Beurtheilung der Lage der Partei kennzeichnend sind. Zu Anfang Juni fand im fünften Berliner Reichstagswahlkreis an Stelle des verstorbenen Abgeordneten Zimmermann Neuwahl statt. Angesichts der im zweiten Wahlkreise gemachten Erfahrungen und in Erwägung der absoluten Aussichtslosigkeit einer sozialistischen Kandidatur im obengenannten Kreise, und da ausserdem noch Uneinigkeit unter den Vertrauensmännern selbst herrschte, empfahl die Parteileitung den Genossen, sich demonstrativ der Wahl zu enthalten. Einige Heisssporne nun, die durchaus nicht auf die Wahl verzichten wollten, wandten sich nunmehr an den Redakteur der Freiheit, und dieser nahm denn auch, entgegen der kurz vorher noch von ihm gepredigten Taktik die Kandidatur an. Das Resultat war ein klägliches; von 3.615 Stimmen, welche der sozialistische Kandidat 1878 auf sich vereinigt hatte, fielen nur 203 auf den in Berlin einst so populären Namen Most. – Im Gegensatz hierzu erhielt am 1. Juli in Lübeck der Sozialist Schwarz 1.312 Stimmen, d. h. nur um ein Geringes weniger, als die Sozialisten Lübecks in der Zeit lebhaftester Agitation erzielt hatten. ―

Ein empörendes Beispiel von Klassenjustiz lieferte die Ende Juni stattgehabte Gerichtsverhandlung gegen die bei den Unruhen auf der Radzionkau-Grube verhafteten Arbeiter. Obwohl die Verhandlung bis zur Evidenz erwies, dass zwei Oberaufseher durch allerhand Missbräuche (ein die Arbeiter beträchtlich schädigendes Trucksystem) die Wuth der Arbeiter aufs Aeusserste gesteigert hatten, wurden gegen 50 der Letzteren Verurtheilungen – und zwar bis zu 1¾Jahren Zuchthaus – ausgesprochen. Anfangs hiess es zwar, es werde auch gegen die betreffenden Beamten Untersuchung eingeleitet werden, dass eine solche indess thatsächlich stattgefunden habe, ist uns nicht bekannt. In dieser Beziehung macht sich der Mangel einer energischen Arbeiterpresse, wie es s. Z. die sozialistische war, erheblich fühlbar. Derartiges hätte, wir sprechen es mit voller Ueberzeugung aus, im Jahre 1877 nicht geschehen dürfen. ―

Es ist übrigens recht charakteristisch, dass diejenigen Organe und Organisationen, von denen man hätte glauben dürfen, dass sie vom Sozialistengesetz den meisten Vortheil ziehen würden, – wir denken hier an die Christlich-soziale Partei und an die Hirsch-Dunkerschen Gewerkvereine – eher das Gegentheil aufweisen. Obwohl die einen in der ihnen zur Verfügung stehenden konservativen, die anderen in der fortschrittlich-liberalen Presse es an Reklame nicht fehlen lassen, ist ihr Einfluss auf die Arbeiter noch immer ein unerhört geringer. Nun kehren die Christlich-Sozialen, seitdem ihnen das sozialistische Feuer nicht mehr auf den Nägeln brennt, allerdings mit erstaunlichem Ungeschick die lediglich christliche, d. h. orthodox-konfessionelle Seite heraus, während die Gewerkvereinler von der ihnen anerzogenen Koketterie mit der Bourgeoisie nicht lassen können, dennoch darf die Zurückhaltung der Arbeiter von diesen Zwitterbildungen als ein Zeichen entwickelten Klassenbewusstseins und klarer politischer Auffassung – beides Folgen der sozialistischen Agitation – gelten. Nichts ist geeigneter, etwaigen pessimistischen Anwandlungen entgegenzuwirken, als der Widerstand der deutschen Arbeiter gegen die vielerlei Köder, vermittelst deren man sie fangen möchte. Dem Fiasko der Herren Stöcker und Hirsch reiht sich würdig das Fiasko Körner-Finn an. Beide Persönlichkeiten hatten in der Arbeiterbewegung einen gewissen Namen, Körner war noch im März als Reichstags-Kandidat in Berlin aufgetreten, und Finn hatte lange Jahre hindurch unter den Zimmerleuten Deutschlands als Agitator und Organisator gewirkt. Kaum aber traten sie mit einem staatssozialistischen Programm auf, als sie sich von allen Seiten verlassen sahen und der Regierung nichts als – um ein bekanntes Bild zu gebrauchen – einige Offiziere ohne Armee präsentiren konnten.

Einen glänzenden Beweis für die Schulung der deutschen Arbeiter durch die sozialistische Agitation liefern auch die seit diesem Frühjahr währenden Lohnkämpfe der Berliner Tischler. Wir haben diese Bewegung mit besonderem Interesse verfolgt und müssen gestehen, dass uns die Umsicht, welche die Arbeiter und ihre Delegirten bei dieser Gelegenheit nach allen Richtungen hin an den Tag legten, im höchsten Grade befriedigt hat. Nebenbei sei noch bemerkt, dass auch hier wiederum die Hirsch-Dunkerschen Gewerkvereinler den Versuch machten, die Bewegung auf höchst unlautere Manier in ihre Hände zu spielen. Unter dem Deckmantel der zu erstrebenden Harmonie zwischen Kapital und Arbeit versuchte man von vornherein ein aus Prinzipalen und Gewerkvereinsmitgliedern bestehendes Lohnkomite zu bilden und sich die Mitwirkung ersterer durch Zugeständnisse auf Kosten der Arbeiter zu sichern. Aber die Herren hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht: die weitaus grössere Masse der Arbeiter zog es vor, selbstständig zu handeln, und sich nicht mit dem abfinden zu lassen, was die Prinzipale von vornherein zu geben bereit waren.

Auch an anderen Orten Deutschlands regt es sich unter den Arbeitern, und wenn ihnen die Verhältnisse auch keine direkten Lohnkämpfe gestatten, so legen doch namhafte Unterstützungen, welche die Berliner Tischler von allen Orten Deutschlands empfangen, von dem kräftigen Solidaritätsgefühl der deutschen Arbeiter Zeugniss ab. Dieser echt sozialistische Geist ersetzt ihnen in Etwas die gefüllten Kassen der englischen Trades Unions.

Was nun die allgemeinen sozial-politischen Verhältnisse Deutschlands anbetrifft, so greift die Missstimmung immer weiter um sich: Das Streben der Reichsregierung, von keiner Partei abhängig zu sein, hat zur Folge, dass auch keine Partei mit ihr zufrieden ist. Nur durch die Konkurrenz unter sich gezwungen, leisten Konservative, Liberale und Klerikale abwechselnd der Regierung Heerbann, keine der genannten Parteien aus voller Ueberzeugung. Die Erwerbsverhältnisse sind nichts weniger als bessere geworden, das überaus nasse Frühjahr hat an vielen Orten entsetzliche Verheerungen angerichtet, so dass die Ernte weit unter dem Durchschnittsertrage geblieben ist, und die Frage der Aufhebung des Roggenzolles ernsthaft diskutirt wird. Die kleinen Gewerbtreibenden fangen an einzusehen, dass der Segen der Schutzpolitik für sie mehr wie zweifelhaft ist, und auch der Enthusiasmus für die neuen Innungen lässt gewaltig nach. Und während die Regierungen, insbesondere die preussische, den Noth- und Missständen ziemlich rath- und hilflos gegenüber stehen und sich auf den Mangel an Geldmittel berufen, steigen die Anforderungen an die Steuerkraft des Volkes unausgesetzt und zwar ausschliesslich zu Gunsten des Militärbudgets. So ist es denn kein Wunder, dass die von der Sozialdemokratie in Tausenden von Exemplaren importirten Flugblätter auf guten Boden fallen und ihrer energischen Sprache wegen selbst von Leuten, die durchaus keine Sozialisten sind, nicht ungern gelesen werden. [2]

Gerade gegen diese Flugblätteragitation vermögen die Behörden wenig auszurichten, da ein Verbot immer erst post festum kommt, d. h. wenn das Flugblatt bereits vertheilt ist. Einen klassischen Ausdruck dieser Rathlosigkeit lieferte ein Reskript der Verwaltungs- und Polizeibehörden von Chemnitz, welches „an den gesunden Sinn der Bevölkerung“ appellirte und an alle Wohlgesinnte das Ersuchen richtete „zur Entdeckung derartiger Frevler (Verbreiter von Flugblättern) thunlichst mitzuwirken und die etwa vorgefundenen verbotenen oder verdächtigen Druckschriften an die unterzeichneten Behörden oder deren Organe abzuliefern.“ Ebenso wird in einer Anklageschrift gegen einige Magdeburger Sozialisten geklagt, dass „die geheime Organisation der Sozialdemokratie eine so eigenthümliche sei, dass stets nur einige Maschen des über ganz Deutschland verbreiteten sozialistischen Netzes entdeckt werden können; dass die massenhaften Flugblätter grossentheils vom Ausland nach Deutschland importirt werden, theilweis in ganzen Ballen, theilweis unter einzelnen Adressen brieflich.“ „Meistentheils“, heisst es dann weiter, „Bind falsche Namen fttr Verfasser, Verleger und Drucker gewählt, so dass es fast nie gelingt, bestimmte Anhaltspunkte zu gewinnen.“ – Die Flugblattagitation erweist sich als so praktisch, dass der Abgeordnete Bebel, als ihm die Dresdener Polizei eine mündliche Berichterstattung an seine Wähler unmöglich machte, sich in einem vortrefflichen Flugblatt direkt an dieselben wendete. Dieses Flugblatt wurde in 30,000 Exemplaren am 1. August Morgens zwischen 7 und 9 Uhr von vierhundert Mann so geschickt verbreitet, dass, als die Polizei dahinter kam, sie nur noch Einzelexemplare aufgreifen konnte. ―

Aus Alledem lernen die Macher des Sozialistengesetzes natürlich Nichts. Sie sehen ein, dass es nicht hält, was sie sich von ihm versprochen, sind aber eher geneigt, nach Verschärfungen zu rufen, als ihren Irrthum einzusehen. Sie begreifen nicht, dass eine Partei, die so tiefe Wurzeln geschlagen hat sich in alle Verhältnisse hineinfindet, dass mit den Schwierigkeiten, die man ihr in den Weg legt, auch ihre Geschicklichkeit, sie zu überwinden, wächst. ―

Ende August fand endlich auf schweizerischem Boden der längst herbeigesehnte Kongress der deutschen Sozialdemokraten statt; dass seine Sitzungen geheim sein mussten, ist selbstverständlich. Im Uebrigen aber war er im Parteiorgan mehrmals und zwar an hervorragender Stelle angekündigt, ebendaselbst zu Delegirtenwahlen aufgefordert, sowie eine Anmeldestelle angegeben worden, so dass an der Legitimität des Kongresses nur Diejenigen zu zweifeln berechtigt wären, deren Anmeldungen aus unzureichenden Gründen zurückgewiesen wurden. Das ist nicht geschehen, vielmehr darf das Arrangement und der Verlauf des Kongresses als wohlgelungen bezeichnet werden.

Von gegen fünfzig Delegirten aus Deutschland und mehreren Delegirten Deutscher im Auslande beschickt, zeigte der Kongress, ungeachtet in Spezialfragen die Meinungen oft differirten, und bei aller scharfen Kritik des bisher Geschehenen in den wesentlichen Fragen das Bestreben, dem gemeinsamen Feind gegenüber auch die Solidarität unentwegt hochzuhalten. Alle Ausführungen, alle Beschlüsse waren von diesem Geiste diktirt.

Auf die Einzelnheiten des Kongresses hier einzugehen, halten wir nicht für geboten und verweisen in dieser Beziehung auf das im Verlage des „Sozialdemokrat“ erschienene Protokoll, das Alles enthält, was zur Veröffentlichung geeignet ist. Anderes, wie z. B. die so wichtigen Organisationsdebatten in denen die Delegirten ihre Erfahrungen gegenseitig austauschten, musste natürlich auch aus diesem Protokoll fortbleiben. Im Nachstehenden wollen wir dagegen die Beschlüsse des Kongresses anführen, und zwar, wo es uns nöthig erscheint, mit kurzem Kommentar.

In Bezug auf das Programm wurde einstimmig beschlossen, im Absatz II das Wort „gesetzlich“ zu streichen.

Einstimmig votirte der Kongress ferner folgende Resolution:

„Der Kongress erklärt, dass er die seit Erlass des Sozialistengesetzes von den Abgeordneten und der Partei überhaupt eingehaltene Taktik für prinzipiell richtig hält und spricht den in schwieriger Lage handelnden Vorkämpfern der Partei sein Vertrauen aus.“ ―

Diese Resolution hat wegen ihrer bedingten Fassung einigen anarchistischen Blättern Veranlassung zu hämischen Interpretationen gegeben. Wer aber den Kongressdebatten beiwohnte, ja wer anuh nur das Kongressprotokoll aufmerksam liest, muss sich darüber klar werden, dass sie kaum anders lauten konnte. Der Kongress hat die Thätigkeit der Parteileitung scharf kritisirt, die Debatte ergab aber, dass die Leiter nicht viel anders hatten handeln können, als es thatsächlich der Fall war. Die Anforderungen waren gerade in der ersten Zeit nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes zu zahlreiche, als dass die Parteileitung allen hätte gerecht werden können. Bedenkt man fernerhin, dass die betreffenden Personen eine ganz andere Verantwortung trugen als jede andere Einzelpersönlichkeit, so wird man auch einsehen, warum sie Manches vorläufig unterliessen, was der Einzelne ruhig riskiren konnte. Grund zu Beschwerden mochte Mancher haben, Grund zu Misstrauen oder gar an Anklagen hatte Niemand auf dem Kongresse.

Der Ausschliessung Hasselmanns schloss sich der Kongress in folgender Resolution mit Allen gegen drei – sich enthaltenden – Stimmen an:

„Nachdem der Kongress über die Intriguen und das gewissenlose Gebahren Hasselmanns aufgeklärt ist, billigt er die von den Abgeordneten proklamirte Ausschliessung Hasselmanns voll und ganz und warnt alle auswärtigen Genossen, den Vorspiegelungen dieser als notorischer Verläumder entlarvten Persönlichkeit Glauben zu schenken.“

Die Begründung dieser Resolution glauben wir oben geliefert zu haben, ebenso selbstverständlich ist die folgende, mit allen gegen zwei Stimmen angenommene Resolution:

„In Erwägung, dass Johann Most seit längerer Zeit sich in Widerspruch mit den von ihm selbst noch unter dem Sozialistengesetz vertretenen Grundsätzen der Partei gesetzt hat und nur noch den Einflüssen seiner häufig wechselnden Laune folgt;

„In fernerer Erwägung, dass Most sich zum Kolporteur jeder gegen die deutsche Sozialdemokratie erhobenen Verleumdung, komme sie von welcher Seite sie wolle, gemacht hat und notorischen Polizeiagenten trotz ertheilter Warnung Vorschub leistete, nur weil sie auf die sogenannten Parteiführer schimpften;

„In schliesslicher Erwägung, dass Most Handlungen begangen hat, die allen Gesetzen der Ehrenhaftigkeit widersprechen,

„Erklärt der Kongress, dass er jede Solidarität mit Johann Most zurückweist und ihn als aus der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ausgeschieden betrachtet.“

Zur Beruhigung derjenigen zartbesaiteten Gemüther, welche in dieser letzten Resolution ein Unrecht gegen J. Most erblicken, machen wir zum Ueberfluss darauf aufmerksam, dass Most fast in jeder Nummer seines Blattes erklärt hatte, er erkenne die alte Partei nicht mehr an, die bisherigen Führer hätten abgewirthschaftet, gehörten in’s alte Eisen etc. „Uns Einigkeit mit ihnen zumuthen, heisst von uns Verrath an der Sache fordern,“ schrieb er am 5. Juni in seinem Blatte; auf die Aufforderung, zur Vertretung seiner Angriffe selbst auf dem Kongresse zu erscheinen, antwortete er mit Verdächtigungen der Einberufer etc. Unter solchen Umständen hat Most absolut kein Recht sich zu beklagen, dass ihm Unrecht geschehen sei.

Der mit Vorliebe verbreiteten Auffassung, als nehme die deutsche Sozialdemokratie den russischen Sozialrevolutionären gegenüber eine grundsätzlich feindliche Haltung ein, begegnet folgende Resolution:

„Wie die deutsche Sozialdemokratie allen Bewegungen, die auf Befreiung der Völker vom sozialen und politischen Druck ausgehen, ihre volle Sympathie entgegenträgt, so thut sie dies selbstverständlich auch den für die Befreiung des russischen Volkes wirkenden sogenannten Nihilisten gegenüber, obwohl sie deren durch die besonderen Verhältnisse Russlands bedingte Taktik für Deutschland nicht geeignet hält.“

Hierzu gehört auch folgender Antrag, der einstimmig angenommen wurde:

„Der Kongress deutscher Sozialisten, in Erwägung, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der vereinigten Proletarier aller Länder sein muss und dass die deutsche Sozialdemokratie von jeher ihren internationalen Charakter betont hat, stimmt dem Vorschlag der belgischen sozialistischen Arbeiterpartei auf Einberufung eines sozialistischen Weltkongresses mit voller Sympathie zu und beauftragt die Parteivertretung, den Kongress mit zwei Vertretern zu beschicken.“

Beiden Resolutionen dürfen wir noch hinzufügen, dass für den Ernst der Sympathiebezeugungen auch – wo es die Verhältnisse ermöglichten – thatkräftige Unterstützung Beweis ablegte und auch in Zukunft ablegen wird. – Weiter wurde eine ganze Anzahl auf die Organisation der Partei bezüglicher Anträge angenommen, die indess zur Veröffentlichung nicht geeignet sind. Als offizielles Organ der Partei wurde einstimmig der in Zürich erscheinende Sozialdemokrat bezeichnet, sowie den Parteigenossen in Deutschland anempfohlen, „sich mit allen Kräften an den stattfindenden Wahlen für Reichstag, Landtag und Kommune zu betheiligen und zwar aus agitatorischen und propagandistischen Rücksichten.“

Die im Auslande wohnenden Deutschen, sowie überhaupt die ausländischen Genossen dürfte noch folgender Beschluss interessiren:

„Zur Herstellung einer regelmässigen Verbindung der Sozialisten und Sozialistenvereine des Auslandes unter sich und mit der Partei in Deutschland, sowie zur Pflege des Verkehrs zwischen letzterer und den Bruderparteien des Auslandes, wird eine Verkehrsstelle ausserhalb Deutschlands geschaffen, welche den Verkehr zwischen den einzelnen Vereinen zu vermitteln, alle Beschwerden, Anträge etc. entgegenzunehmen und in geeigneter Weise zu erledigen hat.“ ―

Wir glauben, mit der Berichterstattung über den Kongress unseren diesmaligen Bericht abschliessen zu sollen. Unzweifelhaft hat der Kongress Klarheit in die seit Proklamirung des Sozialistengesetzes eingetretene Situation der Partei gebracht. Er hat nichts im Grunde Neues geschaffen, das war nach unserer Meinung auch gar nicht seine Aufgabe, aber er hat die im Verlauf der Dinge sich als nothwendig herausgestellten Schritte und Unternehmungen anerkannt, er hat den Genossen gezeigt, dass ihre bisherigen Vorkämpfer noch unentwegt auf ihrem schwierigen Posten stehen, und hat diesen die Gewissheit gegeben, dass die deutsche Sozialdemokratie in ihrer übergrossen Mehrheit nicht gesonnen ist, den Launen und Einfallen einzelner Abenteurer als Spielball zu dienen, sondern fest hält an dem für richtig und zweckmässig Erkannten und nach wie vor mit allen Mitteln wirken will für die endliche Verwirklichung ihrer auf Beseitigung aller Ausbeutung gerichteten Bestrebungen.

Der Kongress hat auf uns im höchsten Grade ermuthigend gewirkt, wir hoffen, in unserem nächsten Bericht sagen zu dürfen, dass wir uns in dieser Beziehung nicht getäuscht haben. Denn im Augenblick, da wir unsern Bericht abschliessen, gehen uns Mittheilungen zu, nach welchen neue Verfolgungen gegen uns im Werk sind.

Im September 1880

E. B―n



Fußnoten

1. Die ganze Anklage stützte sich auf die Aussagen des Kriminalkommissars Krüger, der aber die Quelle seines Wissens nicht angeben wollte, um „seine Leute den Angeschuldigten gegenüber nicht bloszustellen.“

2. Der konservative Schwäbische Merkur drückte sich über die Vertheilung des bekannten Flugblattes Keine Schmarotzer mehr folgendermassen aus:

„Solch schamloses Vorgehen der Sozialdemokraten ist ein trauriger Beweis davon, dass das Feuer, wenn auch unterdrückt, doch gewaltig unter der Asche fortglimmt, sowie dass von ihnen Alles angeboten wird, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und sie an sich zu ziehen. Steuerentlastung, das ist ja ein Wort, welches gegenwärtig auch von vermöglicheren Bauern gerne gehört wird und eine solche Macht ausübt dass alle Gegenbelehrung wenig Eingang finden will.“


Zuletzt aktualisiert am 22. September 2016