MIA: Geschichte: Sowjetische Geschichte: 100 Jahre Russischer Revolution: Die Finnische Revolution von 1917


Die Finnische Revolution von 1917

Die vergessene Finnische Revolution ist heutzutage vielleicht lehrreicher für uns als die Ereignisse in Russland 1917.

von Eric Blanc

Rotgardisten in Finnland

Rotgardisten in Finnland. Quelle: Libcom.org

Im letzten Jahrhundert konzentrierten sich Geschichtsschreibungen über die Revolution von 1917 für gewöhnlich auf die Petrograder und russischen Sozialist*innen. Das Russische Reich bestand jedoch hauptsächlich aus Nicht-Russ*innen – und die Umwälzungen in der imperialen Peripherie waren oftmals ebenso explosiv wie in dessen Zentrum.

Der Sturz des Zarentums im Februar 1917 entfesselte eine revolutionäre Welle, die sich umgehend in ganz Russland ausbreitete. Der vielleicht ungewöhnlichste dieser Aufstände war die Finnische Revolution, die ein Wissenschaftler „Europas eindeutigsten Klassenkampf im 20. Jahrhundert“ nannte. Finnland befand sich im Vergleich zu den anderen Nationen unter zaristischer Herrschaft in einer Ausnahmesituation: 1809 von Schweden annektiert, wurde Finnland staatliche Autonomie, politische Freiheit und letztendlich auch ein eigenes demokratisch gewähltes Parlament zugestanden. Zwar versuchte der Zar, diese Autonomie einzuschränken, dennoch glich das politische Leben in Helsinki viel mehr Berlin als Petrograd.

Während Sozialist*innen in anderen Teilen Russlands gezwungen waren, sich im Untergrund zu organisieren und von der Geheimpolizei verfolgt wurden, arbeitete die Sozialdemokratische Partei Finnlands (SDP) öffentlich und legal. Wie die deutsche Sozialdemokratie bauten die Finn*innen ab 1899 eine Massenpartei der Arbeiterklasse und eine dichte sozialistische Kultur mit eigenen Vereinshäusern, Arbeiterinnengruppen, Chören und Sportligen auf.

Die finnische Arbeiterbewegung folgte einer parlamentarisch orientierten Strategie der geduldigen Ausbildung und Organisation der Arbeiter*innen. Zunächst war ihre Politik gemäßigt: Über Revolution wurde nur selten ein Wort verloren, während Kooperation mit den Liberalen üblich war.

Die SDP unterschied sich jedoch von allen anderen europäischen sozialistischen Massenparteien dadurch, dass ihre Militanz in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nicht ab-, sondern zunahm. Wäre Finnland kein Bestandteil des Zarenreiches gewesen, wäre es wahrscheinlich, dass die finnische Sozialdemokratie einen ähnlich moderaten Weg der Entwicklung wie die meisten westeuropäischen sozialistischen Parteien genommen hätte, in denen Radikale durch die parlamentarische Integration und Bürokratie zunehmend marginalisiert wurden.

Aber Finnlands Teilnahme an der Revolution von 1905 wendete die Partei nach links. Während des Generalstreiks im November 1905 staunte ein führender finnischer Sozialist über den öffentlichen Widerstand:

„Wir leben in einer wundervollen Zeit ... Menschen, die demütig und zufrieden waren, die Last der Sklaverei zu tragen, haben plötzlich ihr Joch abgeschüttelt. Menschen, die bis jetzt Pinienrinde aßen, verlangen nun Brot.“

Nach der Revolution von 1905 fanden sich moderate sozialistische Parlamentarier, Gewerkschaftsführer und Funktionäre als Minderheit in der SDP wieder. Von 1906 an versuchte die Mehrheit der Partei, die Orientierung des deutschen marxistischen Theoretikers Karl Kautsky umzusetzen, indem sie ihre gesetzlichen Taktiken und ihren parlamentarischen Fokus mit einer entschlossenen Klassenkampfpolitik erweitern. „Klassenhass ist zu begrüßen, da er eine Tugend ist“, proklamierte eine Publikation der Partei.

Nur eine unabhängige Arbeiterbewegung, verkündete die SDP, könne die Interessen der Arbeitenden voranbringen, die finnische Autonomie von Russland verteidigen und ausbauen sowie die vollständige politische Demokratie erringen. Eine sozialistische Revolution würde schlussendlich auf der Tagesordnung stehen, bis dahin sollte die Partei jedoch vorsichtig ihre Kräfte sammeln und voreilige Zusammenstöße mit der herrschenden Klasse vermeiden.

Diese Strategie der revolutionären Sozialdemokratie – mit ihrer militanten Botschaft und langsamen, aber stetigen Methoden – war in Finnland außergewöhnlich erfolgreich. Bis 1907 traten über 100.000 Arbeiter*innen der Partei bei, was sie im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße des Landes zur größten sozialistische Organisation weltweit machte. Und im Juli 1916 schrieb die Sozialdemokratische Partei Finnlands Geschichte, indem sie die erste sozialistische Partei auf der Welt wurde, die eine Mehrheit im Parlament erringen konnte. Doch aufgrund der zaristischen „Russifizierung“ der vorangegangenen Jahre lag der Großteil der staatlichen Macht in Finnland bei der russischen Verwaltung. Erst 1917 stellte sich für die SDP die Herausforderung, über eine sozialistischen Parlamentsmehrheit in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verfügen.
 

Die ersten Monate

Die Nachrichten über den Februaraufstand aus dem nahegelegenen Petrograd trafen Finnland überraschend. Doch sobald die Gerüchte bestätigt worden waren, meuterten in Helsinki stationierte russische Soldaten gegen ihre Offiziere, wie ein Augenzeuge berichtete:

„Am Morgen marschierten Soldaten und Matrosen mit roten Bannern auf den Straßen, einige von ihnen in Prozessionen, die die Marseillaise sangen, während andere in einzelnen Gruppen rote Bänder und Stoffstücke verteilten. Patrouillen von bewaffneten gewöhnlichen Matrosen durchstreiften die Stadt und entwaffneten alle Offiziere. Leisteten diese auch nur ein kleines bisschen Widerstand oder weigerten sich, das rote Zeichen anzunehmen, wurden sie niedergeschossen und liegengelassen.“

Russische Verwaltungsbeamte wurden rausgeschmissen, in Finnland stationierte russische Soldaten erklärten ihre Loyalität zum Petrograder Sowjet und die finnische Polizei wurde von unten zerstört. Der Bericht des konservativen Schriftstellers Henning Söderhjelm über die Revolution aus dem Jahr 1918 – der die Ansichten der finnischen Elite klar zum Ausdruck bringt – beklagt den Verlust des staatlichen Gewaltmonopols:

„Es war die ausdrückliche Strategie [der Finnischen SDP] die Polizei vollends zu zerstören. Die Polizei, die von den russischen Soldaten gleich zu Beginn der Revolution entmachtet wurde, wurde nie wieder neuformiert. Das „Volk“ hatte kein Vertrauen in diese Institution und bildete stattdessen lokale Korps zur Aufrechterhaltung der Ordnung, eine „Miliz“, deren Männer der Arbeiterpartei angehörten.“

Was sollte die alte russische Verwaltung ersetzen? Einige Radikale drängten auf eine rote Regierung, doch sie befanden sich in der Minderheit. Wie auch der Rest des Reichs wurde Finnland im März von einem Ruf nach „nationaler Einheit“ mitgerissen. In der Hoffnung, weitreichende Autonomie von der neuen russischen Provisorischen Regierung zu erhalten, brach ein moderater Teil der SDP Führung mit der langjährigen Position der Partei und trat einer Koalitionsregierung der finnischen Liberalen bei. Verschiedene radikale Sozialist*innen verurteilten diesen Schritt als einen „Verrat“ und einen schwerwiegenden Verstoß gegen die marxistischen Prinzipien der SDP – doch andere Anführer stimmten für den Eintritt in die Regierung, um eine Spaltung der Partei zu verhindern.

Finnlands politische Flitterwochen waren kurzlebig. Die neue Regierungskoalition fand sich sehr schnell zwischen den Fronten des Klassenkampfes, als beispiellose Militanz Finnlands Fabriken, Straßen und ländlichen Gegenden erschütterte. Einige finnische Sozialist*innen konzentrierten ihre Anstrengungen auf den Aufbau bewaffneter Arbeitermilizen. Andere warben für Streiks, militante Gewerkschaftsbewegungen und Betriebsaktivismus. Söderhjelm beschrieb die Dynamik:

„Das Proletariat bettelte und betete nicht mehr, sondern verlangte und forderte. Niemals, vermute ich, hat sich der Arbeiter, aber insbesondere der rohe Kerl, so mit Macht aufgeplustert gefühlt, wie in Finnland im Jahr 1917.“

Finnlands Elite hatte ursprünglich gehofft, dass der Eintritt moderater Sozialisten in eine Koalitionsregierung die SDP dazu nötigen würde, ihre klassenkämpferische Haltung aufzugeben. Söderhjelm beklagt sich über diese enttäuschten Hoffnungen:

„Mit ungeahnter Geschwindigkeit entstand die reine Herrschaft des Pöbels. [...] Zuallererst [daran schuld waren] die Taktiken der Arbeiterpartei. [...] Auch wenn die Arbeiterpartei folglich in ihrem höchst offiziellem Umgang eine gewisse Würde zeigte, setzte sie ihre Agitationspolitik gegen die Bourgeoisie mit unermüdlichem Eifer fort.“

Während moderate Sozialisten in der neuen Regierung sowie ihre verbündeten Arbeiterführer bestrebt waren, den Volksaufstand zu schwächen, forderte die radikale Linke der Partei durchweg einen Bruch mit der Bourgeoisie. Zwischen diesen Polen schwankend stand eine unentschiedene Mitte, welche die neue Regierung begrenzt unterstützte. Und obgleich die meisten SDP Führer im Allgemeinen der parlamentarischen Arbeit größere Priorität beimaßen, unterstützte die Mehrheit den Aufstand von unten, oder trug ihn zumindest mit.

Angesichts des unerwartet herangewachsenen Widerstands wurde Finnlands Bourgeoisie zunehmend aggressiver und kompromissloser. Der Historiker Maurice Carrez hebt hervor, dass die finnische Oberschicht sich nie damit zufrieden gab, die „Macht mit einer politischen Formation zu teilen, die sie als die Verkörperung des Teufels sah“.
 

Klassenpolarisierung

Im Sommer begann die finnische Koalitionsregierung zusammenzubrechen. Im August war die Nahrungsmittelversorgung im Reich nicht mehr gegeben und das Schreckgespenst einer Hungersnot ergriff die finnischen Arbeiter*innen. Anfang des Monats kam es zu ersten Hungersrevolten und die Führung der SDP Helsinki verurteilte die Weigerung der Regierung, entschiedene Maßnahmen zu treffen, um die Krise anzugehen. „Die hungernden arbeitenden Volksmassen verloren binnen kürzester Zeit sämtliches Vertrauen in die Koalitionsregierung“, stellte Otto Kuusinen fest, der Haupttheoretiker der SDP Linken, welcher ein Jahr später die finnische kommunistische Bewegung mitbegründen würde.

Die sozialistische Unnachgiebigkeit im Kampf um nationale Befreiung spitzte die Klassenpolarisierung weiter zu. Finnische Sozialist*innen kämpften mit aller Kraft für ein Ende der fortlaufenden Einmischungen der russischen Regierung in das Innenleben ihrer Nation. Ihre Hoffnung war, dass sie ihre parlamentarische Mehrheit – und ihre Kontrolle über die Arbeitermilizen – nach der Unabhängigkeit für ein ambitioniertes Programm politischer und sozialer Reformen nutzen könnten.

So erklärte ein sozialistischer Führer im Juli: „bis hierhin wurden wir genötigt, an zwei Fronten zu kämpfen – gegen unsere eigene Bourgeoisie, und gegen die russische Regierung. Wenn unser Klassenkampf erfolgreich sein soll, wenn wir in der Lage sein sollen, alle unsere Kräfte an einer Front zu sammeln, gegen unsere eigene Bourgeoisie, brauchen wir Unabhängigkeit, für die Finnland jetzt schon bereit ist.“

Auch konservative und liberale Finnen hatten Gründe, die finnische Autonomie zu stärken. Aber sie waren weder dazu bereit, revolutionäre Mittel zu ergreifen, um dieses Ziel zu erreichen, noch unterstützten sie im Allgemeinen die Forderung der SDP nach vollständiger Unabhängigkeit.

Im Juli kam es endlich zum offenen Konflikt. Die sozialistische Mehrheit schlug im finnischen Parlament das bahnbrechende valtalaki (Ermächtigungsgesetz) vor, welches einseitig die vollständige Souveränität Finnlands ausrief. Das Gesetz wurde zwar von der konservativen Parlamentsminderheit scharf kritisiert, trotzdem wurde das valtalaki am 18. Juli erfolgreich verabschiedet. Die russische Übergangsregierung, angeführt von Alexander Kerenski, bestritt sofort die Gültigkeit des valtalaki und drohte, Finnland zu besetzen, sollte ihr Urteil nicht respektiert werden.

Als die finnischen Sozialisten sich weigerten einzulenken oder das valtalaki zu widerrufen, nutzten Finnlands Liberale und Konservative die Gunst der Stunde. In der Hoffnung, die SDP zu isolieren und ihrer parlamentarischen Mehrheit ein Ende zu bereiten, unterstützten und legitimierten sie in zynischer Weise Kerenskis Entscheidung, das demokratisch gewählte finnische Parlament aufzulösen. Neuwahlen wurden ausgerufen, in denen die Nicht-Sozialisten eine knappe Mehrheit gewannen.

Die Auflösung des finnischen Parlaments markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Bis zu diesem Moment hatte die Arbeiterinnen und ihre Repräsentanten große Hoffnungen in das Parlament als ein Instrument der sozialen Emanzipation gelegt. Kuusinen erklärte, dass

„unsere Bourgeoisie keine Armee hatte, nicht einmal auf die Polizei konnte sie zählen [...] daher hatten wir allen Grund, auf den ausgetretenen Pfaden der parlamentarischen Demokratie zu verbleiben, in der, so schien es, die Sozialdemokratie einen Sieg nach dem anderen erringen könne.“

Aber eine wachsende Zahl von Arbeitern und Parteiführern kam zu der Erkenntnis, dass das Parlament als Institution ausgedient hatte.

Sozialist*innen verurteilten den antidemokratischen Coup und kritisierten die Bourgeoisie scharf für ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Staat gegen Finnlands nationale Rechte und demokratische Institutionen. In den Augen der SDP war die neue Parlamentswahl illegal gewesen und nur durch weitreichenden Wahlbetrug gewonnen worden. Mitte August wies die Partei alle ihre Mitglieder an, aus der Regierung auszutreten. Weiter noch verbündeten sich die finnischen Sozialist*innen zunehmend mit den Bolschewiki, der einzigen russischen Partei, die ihr Streben nach Unabhängigkeit unterstützte. Alle Konfliktparteien stellten sich auf die Konfrontation ein, während das bislang friedliche Finnland auf eine revolutionäre Explosion zuraste.
 

Der Kampf um die Macht

Im Oktober kochte die Krise im gesamten russischen Reich über. Finnische Arbeiter*innen in der Stadt und auf dem Land verlangten wütend, dass ihre Führer die Macht ergreifen. In ganz Finnland kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen. Doch noch immer glaubten viele in der SDP Führung, dass der Moment der Revolution noch weiter hinausgezögert werden könne, bis die Arbeiterklasse besser organisiert und bewaffnet war. Andere fürchteten sich davor, die parlamentarische Arbeit aufzugeben. Der sozialistische Anführer Kullervo Manner drückt das im späten Oktober folgendermaßen aus:

„Wir können der Revolution nicht lange ausweichen. [...] Das Vertrauen in den Wert friedlicher Aktivitäten ist verloren und die Arbeiterklasse beginnt, nur in ihre eigene Stärke zu vertrauen. [...] Sollten wir uns über das schnelle Nahen der Revolution irren, wäre ich erfreut.“

Nachdem die Bolschewiki im späten Oktober die Macht erlangten, schien Finnland der nächste logische Kandidat. Ohne die militärische Unterstützung der russischen Übergangsregierung befand sich Finnlands Elite in einer gefährlichen Isolation. Die mehreren zehntausend in Finnland stationierten russischen Soldaten unterstützten im Allgemeinen die Bolschewiki und ihren Ruf nach Frieden. „Die Welle des siegreichen Bolschewismus wird Wasser auf die Mühlen unserer Sozialisten sein, und diese werden natürlich in der Lage sein, sie zum Drehen zu bringen“, beobachtete ein finnischer Liberaler.

Die Basis der SDP und die Bolschewiki in Petrograd beschworen die finnischen Sozialisten, unverzüglich die Macht zu übernehmen, doch die Parteiführung suchte nach Ausreden. Niemand wusste, ob die Regierung der Bolschewiki mehr als einige wenige Tage überdauern würde. Die moderaten Sozialisten klammerten sich an die Hoffnung, dass eine friedliche parlamentarische Lösung gefunden werden könne. Einige Radikale argumentierten, dass die Machtübernahme sowohl möglich als auch dringend notwendig sei. Zwischen diesen beiden Optionen schwankten die Mehrheit der Führung.

Über die Unentschiedenheit der Partei in diesem entscheidenden Moment schreibt Kuusinen: „Wir Sozialdemokraten, ,vereint auf Basis des Klassenkampfes‘, schwankten erst zur einen Seite und dann zur anderen, zuerst stark zur Revolution tendierend, nur um uns dann wieder zurückzuziehen.“

Unfähig, eine Einigung über einen bewaffneten Aufstand zu erzielen, rief die Partei stattdessen zu einem Generalstreik am 14. November auf, der folgende Forderungen stellte: Verteidigung der Demokratie gegen die Bourgeoisie, Erfüllung der dringenden wirtschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und die finnische Souveränität. Die Reaktion von unten war überwältigend – tatsächlich ging sie viel weiter als der recht vorsichtige Streikaufruf.

Finnland kam zum Stillstand. In verschiedenen Städten übernahmen SDP Organisationen und Rote Garden die Macht, besetzten strategische Gebäude und verhafteten Politiker der Bourgeoisie.

Dieses aufständische Muster sollte sich bald in Helsinki wiederholen. Das Generalstreikkomitee der Hauptstadt stimmte am 16. November für die Machtübernahme. Als jedoch moderate Gewerkschafts- und Sozialistenführer die Entscheidung verurteilten und aus dem Gremium austraten, nahm das Komitee noch am selben Tag seine Entscheidung zurück. In seinem Beschluss heißt es: „Da eine solch große Minderheit sich gegen den Beschluss ausspricht, kann das Komitee in dieser Situation nicht damit beginnen, die Macht in die Hände der Arbeiter zu geben, aber es wird weiter daran arbeiten, den Druck auf die Bourgeoisie zu erhöhen.“ Kurz darauf wurde der Streik beendet.

Der finnische Historiker Hannu Soikkanen unterstreicht, dass der Novemberstreik eine bedeutende vergebene Chance war:

„Es kann wenig Zweifel daran geben, dass dies der beste Augenblick für die Arbeiter war, die Macht zu übernehmen. Der Druck von unten war enorm und die Bereitschaft zu kämpfen war am stärksten. [...] Allerdings überzeugte der Generalstreik die Bourgeoisie, mit wenigen Ausnahmen, von der akuten Gefahr, die von den Sozialisten ausging. Sie nutzten die Zeit bis zum Ausbruch des offenen Bürgerkrieges, um sich unter strengen Führung zu organisieren.“

Anthony Upton bemerkte das Zögern der SDP, Massenaktionen durchzuführen, und dass „die finnischen Revolutionäre im Allgemeinen die miserabelsten Revolutionäre der Geschichte waren“. Wäre unsere Geschichte im November zu Ende gewesen, könnte man eine solche Meinung vielleicht vertreten, doch die folgenden Ereignisse zeigten, dass das revolutionäre Herz von Finnlands Sozialdemokratie sich schlussendlich durch setzte.

Frustrierte Arbeiter waren nach dem Generalstreik vermehrt auf der Suche nach Waffen und wandten sich direkten Aktionen zu. Die Bourgeoisie bereitete sich gleichermaßen auf den Bürgerkrieg vor, indem sie ihre „weißgardistische“ Milizen formierte und sich an die deutsche Regierung für militärische Unterstützung wandte.

Trotz des rasenden Zerfalls des sozialen Zusammenhalts beschäftigten sich viele sozialistische Führer weiter mit fruchtlosen parlamentarischen Verhandlungen. Dieses Mal jedoch zeigte der linke Flügel der SDP Rückgrat und erklärte, dass jede weitere Verzögerung von revolutionären Aktionen nur in einem Desaster enden könne. Nach langwierigen internen Parteikämpfen setzten sich die Radikalen im Dezember und Januar schlussendlich durch.

Im Januar folgten den revolutionären Worten der SDP endlich Taten. Um den Beginn des Aufstandes zu signalisieren, entzündeten Parteiführer am Abend des 26. Januars eine rote Laterne im Turm des Helsinki Arbeitersaals. Während der nächsten Tage übernahmen die Sozialdemokraten und die ihnen treuen Arbeiter recht einfach die Macht in allen großen Städten Finnlands – der ländliche Norden verblieb jedoch in den Händen der Bourgeoisie.

Die historische Proklamation der finnischen Aufständischen verkündete, dass die Revolution notwendig gewesen sei, weil die finnische Bourgeoisie in Verbindung mit dem ausländischen Imperialismus einen konterrevolutionären „Coup“ gegen die Errungenschaften der Arbeiter und die Demokratie geführt hatten.

„Die revolutionäre Kraft in Finnland gehört von diesem Punkt an der Arbeiterklasse und ihren Organisationen. [...] Die proletarische Revolution ist edel und streng [...] streng gegen die unverschämten Feinde des Volkes, aber bereit den Unterdrückten und Marginalisierten Hilfe zu leisten.“

Trotz der Versuche der neuen roten Regierung, einen zunächst recht vorsichtigen politischen Kurs zu fahren, versank Finnland schnell in einem blutigen Bürgerkrieg. Die Verzögerung der Machtübernahme kam die finnische Arbeiterklasse teuer zu stehen, da bis Januar die meisten russischen Truppen nach Hause zurückgekehrt waren. Die Bourgeoisie nutzte die drei Monate nach dem Novemberstreik, um ihre Truppen in Finnland und Deutschland aufzubauen. Letztendlich verloren über zwanzigtausend Finn*innen im Krieg ihr Leben. Und nachdem die Rechten die Finnische Sozialistische Arbeiterrepublik vernichtet hatten, wurden weitere achtzigtausend Arbeiter*innen und Sozialist*innen in Konzentrationslager gesteckt.

Historiker*innen sind sich uneins darüber, ob die finnische Revolution hätte triumphieren können, hätte sie früher begonnen und einen offensiveren politischen und militärischen Kurs genommen. Teils wird die deutsche imperialistische Militärintervention im März und April 1918 als der letztlich entscheidende Faktor betrachtet. Kuusinen zog eine ähnliche Bilanz:

„Der deutsche Imperialismus erhörte die Klagen unserer Bourgeoisie und zeigte sich bereit, die neu erlangte finnische Unabhängigkeit zu verschlingen, welche Finnland auf Ersuchen der finnischen Sozialdemokraten durch die russische Sowjetrepublik gewährt worden war. Das Nationalgefühl der Bourgeoisie litt aus diesem Grund nicht im Geringsten und das Joch eines ausländischen Imperialismus schreckte sie überhaupt nicht als ihr „Vaterland“ das Vaterland der Arbeiter zu werden drohte. Sie waren dazu bereit, die gesamte Bevölkerung dem großen deutschen Banditen zu opfern, vorausgesetzt, dass sie ihre unehrenhafte Position als Sklaventreiber behalten konnten.“
 

Geschichtliche Lehren

Was sollen wir von der finnischen Revolution halten? Zunächst zeigt sie, dass Arbeiterrevolution nicht nur in Zentralrussland ein Phänomen war. Auch im friedlichen, parlamentarischen Finnland wurde die arbeitende Bevölkerung zunehmend davon überzeugt, dass nur eine sozialistische Regierung einen Weg aus sozialer Krise und nationaler Unterdrückung bieten könne.

Außerdem machen die Ereignisse deutlich, dass die Bolschewiki nicht die einzige Partei im gesamten Reich war, welche die Arbeiter an die Macht führen könnte. Die Erfahrung der finnischen SDP bestätigte auf vielfältige Art und Weise die traditionelle Auffassung Karl Kautskys über Revolution: Durch geduldige klassenbewusste Organisation und Bildung gewannen Sozialisten eine Mehrheit im Parlament, welche die Rechten dazu antrieb, diese Institution aufzulösen, was in der Folge eine sozialistisch geführte Revolution entfachte.

Auch wenn die Partei die defensive parlamentarischen Strategie bevorzugte, hielt diese Strategie sie letztlich nicht davon ab, die kapitalistische Herrschaft zu stürzen und Schritte in Richtung Sozialismus zu unternehmen. Die bürokratisierte deutsche Sozialdemokratie hingegen – welche Kautskys Strategie schon vor langer Zeit aufgegeben hatte – stützte in den Jahren 1918–1919 aktiv die kapitalistische Herrschaft und erstickte gewalttätig jeden Versuch diese zu überwinden.

Dennoch führten die Ereignisse in Finnland nicht nur die Stärken, sondern auch die potentiellen Grenzen revolutionärer Sozialdemokratie vor Augen: das Zögern, die parlamentarische Arbeit aufzugeben; die Unterschätzung von Massenaktionen; und die Tendenz, gegenüber moderater Sozialisten um der Einheit willen nachzugeben.


Zuerst auf Deutsch bei bei der Marx200-Webseite veröffentlicht: http://marx200.org/reichweite/die-finnische-revolution-von-1917

Eric Blanc: Finland’s Revolution

Übersetzung: Veit Groß
Redaktion: Einde O’Callaghan
Korrektur: Johannes Liess


Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2017