S. [Karl Kautsky]

Das Judenthum

(1890)


S. [Karl Kautsky], Das Judenthum, Die neue Zeit, 8. Jg., (1890), H. 1, S. 23–30.
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Dass die antisemitische Bewegung, wie sie in Osteuropa herrscht, namentlich in Österreich, wo besondere Verhältnisse sie begünstigen, den Versuch einer Reaktion gegen die Entwicklung der modernen Produktionsweise darstellt, einen plumpen Versuch, ihre Schäden für eine Reihe versinkender Klassen aufzuheben, ohne sie selbst zu beseitigen, brauchen wir wohl den Lesern dieser Zeitschrift nicht des Näheren auseinander zu setzen. Der heutige Antisemitismus ist etwas Lokal wie zeitlich gleich beschränktes, eine ganz ephemere und bornierte Bewegung. Nichtsdestoweniger strebt er es, seine Existenz, die noch kein Dutzend Jahre lang währt, als in den ewigen Naturgesetzen tief begründet hinzustellen, als naturnotwendige Folge des unüberbrückbaren Rassengegensatzes zwischen „Ariern“ und „Semiten“.

Unsere Antisemiten sind ja aufgeklärte Leute; sie wollen keinen Religionskampf entfesseln. Aber sie wollen auch für Idealisten gelten. Der „gemütlose“, „frivole“ jüdische Materialismus ist es ja gerade, was sie mit Abscheu erfüllt, wie könnten sie daher zugeben, dass sie die Juden bekämpfen der Konkurrenz wegen, die diese ihnen machen auf den Gebieten der Produktion und des Handels wie der Wissenschaften und Künste, einer Konkurrenz nebenbei bemerkt, deren für viele Kreise schädliche Wirkung nur eine Folge ist der allgemeinen Überproduktion, die also nicht durch Beseitigung einiger Konkurrenten, sondern nur durch Umwandlung der bestehenden Produktionsweise aufgehoben werden kann, eine Wahrheit, die wohl allen denkenden Arbeitern geläufig ist, aber etwas mehr Studium und Nachdenken erfordert, als einem antisemitischen Denkerschädel zugemutet werden kann.

Da man also als „Idealist“ die Juden nicht deshalb angreifen will, weil sie durch ihre Konkurrenz die christlichen Profite schmälern, und als aufgeklärter Mann auch nicht um ihrer Religion willen, bleibt nichts übrig, als sich einen mystischen, von der Natur gegebenen, keiner weiteren Erklärung bedürftigen „Rassengegensatz“ zu konstruieren, der den Antisemitismus als eine Naturnotwendigkeit erscheinen lässt, und jeden „arischen Judenknecht“ zu einem unnatürlichen Monstrum stempelt, das sich der gleichen Verworfenheit schuldig macht, wie der Sohn, der die Hand gegen die eigene Mutter erhebt.

Originell ist das Verfahren gerade nicht. Als in den dreißiger und vierziger Jahren die Irländer zu Tausenden ihre Heimat verließen und nach England strömten, wo sie durch ihre Konkurrenz die Löhne aufs tiefste herabdrückten und die Lebenshaltung der englischen Arbeiterklasse ernstlich bedrohten, da erwuchs in England eine erbitterte Feindschaft gegen die schmutzigen, verkommenen Eindringlinge von jenseits des Georgskanals und bald fanden sich Gelehrte, die haarscharf bewiesen, diese Feindschaft beruhe auf dem Rassengegensatz zwischen Kelten und Angelsachsen, die Verkommenheit der Iren sei ebenso eine keltische Nationaleigentümlichkeit wie die moralische Erhabenheit der Engländer eine angelsächsische, der Gegensatz zwischen Beiden unüberbrückbar.

Seitdem ist an Stelle Englands Amerika das Hauptziel der irischen Auswanderung geworden. Die Gefahr der irischen Konkurrenz hörte auf. In Amerika aber bekamen die Irländer Ellbogenraum, sich zu entwickeln und ihre glänzenden moralischen und intellektuellen Eigenschaften zu entfalten. Sie wurden eine politische und ökonomische Macht, mit der man in Amerika rechnen musste und deren Rückwirkung sich auch in einer Erstarkung der irischen Bewegung fühlbar machte. Bald bekam die irische Nationalpartei Gelegenheit, ihre Kraft an den Tag zu legen, alle Versuche scheiterten, sie zu unterdrücken, schließlich sahen sich beide englische Parteien, die Liberalen wie die Konservativen, gezwungen, ihre Bundesgenossenschaft zu suchen. Dies Werben endete damit, dass die Irländer mit der englischen Demokratie in ein inniges Bündnisverhältnis traten. Von da an erlosch plötzlich der „unüberbrückbare Rassengegensatz“ zwischen „Kelten“ und „Angelsachsen“, man könnte fast sagen, über Nacht. Keine zwei Jahre hat es gebraucht, um jede Spur jener alten Nationalfeindschaft erlöschen zu lassen, die einst den erbittertsten, blutdürftigsten Fanatismus gezeitigt. Höchstens einige verbissene alte Parteigänger grollen noch. Wenn die Konservativen sich gegen die Irländer noch ablehnend verhalten, so nicht aus Nationalfeindschaft, sondern aus Gründen der Parteipolitik. Vielleicht noch nie in der Weltgeschichte ist eine „Erbfeindschaft“, ist ein „Rassengegensatz“, und wie die Gelehrten immer dergleichen Gegensätze nennen mögen, so rasch und gründlich überwunden worden, wie seit der Bekehrung Goldstones zu Home Rule der Gegensatz zwischen Engländern und Irländern.

Auf gleicher „natürlicher“, „ewiger“ Grundlage beruhen wohl alle Rassengegensätze.

Es hieße indes das Kind mit dem Bade ausschütten, daraus folgern zu wollen, dass solche Gegensätze stets nur künstliche, durch die Aufstachlung einiger „Hetzer“ in die Massen getragene seien. Am allerwenigsten kann man das von dem Gegensatz zwischen „Ariern“ und „Semiten“ behaupten. Wenn die Antisemiten glauben, dass sie durch eine Judenhetze die Gesundung der heutigen ökonomischen Verhältnisse herbeiführen können, so ist das kurzsichtig und albern. Dass sie trotzdem in weiten Kreisen so rasch Anhang finden konnten, wenn sie den Ruf erhoben: „der Jude ist der Feind“, beweist aber, dass ein tiefgehender Gegensatz gegen das Judentum in breiten Volksschichten wirklich vorhanden ist und schon vor dem Antisemitismus bestand. Die Abneigung der „Arier“ gegen die Juden ist eine uralte Erscheinung; wir finden Andeutungen einer solchen schon in den Anfängen der römischen Kaiserzeit; neu ist bloß ihre Ausnützung als politisches Parteiprinzip. Und die Abneigung gegen die Juden ist nicht bloß alt, sie ist auch allgemein, wir finden sie zeitweise in allen Ländern Europas, wir finden sie auch im Orient.

In ihrer Allgemeinheit ist diese Abneigung eine ganz einzig dastehende Erscheinung. Es gibt kein anderes Volk, das so allgemein gehasst und verfolgt worden wäre, wie die Juden.

Sollten wirklich ihre Rasseneigentümlichkeiten Schuld daran sein?

Welche Eigenschaften wirft man den Juden vornehmlich vor? Ihren ausgeprägten Erwerbssinn, ihren innigen Zusammenhalt untereinander, ihre Abschließung gegen die Bevölkerungen, unter denen sie wohnen, die ihnen als fremde erscheinen, denen man keine Rücksicht schuldig sei, endlich ihr zähes Festhalten an den Sitten und an der Denkweise ihres Stammes, am Glauben ihrer Väter.

Alle diese Eigentümlichkeiten finden sich bereits bei den Juden des Altertums; sie sind aber nichts den Juden ausschließlich Eigenes. Es sind die Charakterzüge eines fruchtbaren Volkes, das ein armes Bergland bewohnt, welches ihm bald zu eng wird, dass jahraus jahrein einen Überschuss der Bevölkerung ins Ausland entsenden muss, der jedoch, vom Heimweh getrieben, immer wieder zurückzukehren strebt; wir finden diese als „jüdisch“ verschrienen Eigenschaften auch bei den Auvergnaten, den Schweizern und Schotten, an deren „Ariertum“ wohl keine Zweifel bestehen. Sie sind nicht Rasseneigentümlichkeiten, sondern Eigentümlichkeiten von Bewohnern bestimmter Lokalitäten unter bestimmten Produktionsverhältnissen.

Die Juden waren ein kräftiges Bergvolk, das vor harter Arbeit keineswegs zurückscheute. Abseits von den Pfaden des Weltverkehrs gelegen, bewahrten sie länger als ihre Nachbarn jene Eigenschaften, die ursprünglich jedem Volke eigen, den innigen Zusammenhang der Stammesgenossen untereinander und das Misstrauen gegen den Fremden, der der Feind war. Ihre Abgeschlossenheit ließ aber auch die Anhänglichkeit an die Heimat kräftig sich entfalten. Das Nomadenvolk war zu einem Volk von Ackerbauern geworden, das zäh an seinem Boden hing, im Exil seiner nicht vergessen konnte und ihn gegen Eindringlinge heroisch verteidigte.

Aber die jüdische Rasse ist fruchtbar; die Juden vermehrten sich, bis sie wurden „wie der Sand am Meer“ und die Heimat sie alle nicht mehr nähren konnte. Der Überschuss musste hinaus in die Fremde; aber die Auswanderer zogen nicht als Kolonisatoren aus, eigene Gemeinwesen außerhalb des Mutterlandes zu gründen, wie die Phöniker und Griechen taten. Wie der Schotte und Auvergnate oder auch der Chinese, zog der Jude bloß aus, um so viel zu erwerben, als er bedurfte, um daheim leben zu können, dann wanderte er wieder in seine Heimat. Er blieb ein Fremder dort wo er sich niederließ; sein Erwerb kam nicht dem Lande zu Gute, in dem er zeitweilig wohnte, er war daher kein gern gesehener Gast. Je fremder er im Ausland blieb, desto enger musste er sich dort an die Stammesgenossen anschließen, die mit ihm am gleichen Orte wohnten, desto inniger an all den Sitten und Äußerlichkeiten hängen, die sie verbanden und von den Leuten anderen Stammes unterschieden.

Da die Juden keine Kolonisten oder Städtegründer waren, kamen sie auch nicht in die Fremde als Ackerbauer oder Handwerker. Ackerbau und Handwerk wurden ehedem im Rahmen festgefügter Genossenschaften betrieben, in denen Fremde so leicht nicht Zutritt fanden. Der Jude wollte sich außerhalb der Heimat nicht fesseln, er kam als Händler. Trotzdem die Juden in Palästina ein Ackerbau treibendes Volk waren, traten sie im Ausland nur in den Städten, nur als Kaufleute auf. Landwirtschaft und Handel, Bauernschlauheit und kommerzielle Schlauheit stehen einander sehr nahe. Auf einer gewissen Kulturstufe ist der Übergang vom Bauern zum Händler ein sehr leichter. Wie hoch der Schachergeist, diese angeblich echt jüdische Eigentümlichkeit, in unseren Bauern entwickelt ist, kann man auf jedem Jahrmarkt sehen. Man muss ein Jude sein, um bei einem Handel mit einem Bauern nicht übers. Ohr gehauen zu werden.

Auch als das Land zu eng geworden war, um allen Ausgewanderten wieder die Rückkehr zu ermöglichen, als in den großen Städten der alten Zivilisation sich zahlreiche stehende Judenkolonien gebildet hatten, behielten diese immer noch ihren provisorischen Charakter. Das „gelobte Land“ blieb das Heilige Land, das Land ihrer Sehnsucht, mit dem sie in stetem Verkehr blieben, das ihnen als ihr einziges Vaterland erschien.

Bis zu diesem Punkt bietet die Entwicklung des Judentums keine ungewöhnlichen Momente dar. Die Rolle, welche die Juden damals im Ausland spielten, haben zu anderen Zeiten noch manche andere Völker gespielt, z. B. die Schotten im 17. und 18. Jahrhundert in England. Mit der Zeit gelangte aber das Judentum zu einer ganz eigenartigen Stellung in dem Bereich des Hellenismus, jenes Staatenkreises, der sich auf den Trümmern des Weltreichs des mazedonischen Alexander aufbaute, und später im Bereich der Römerherrschaft. Die Juden gehörten, wohl zum Theil in Folge ihrer Abgeschlossenheit, zu den Völkern, die inmitten der allgemeinen Auflösung der alten Gesellschaft, an den urwüchsigen gesellschaftlichen Gebilden und Anschauungen am zähesten festhielten, die Traditionen des Urkommunismus am treuesten bewahrten. Das war auch bei anderen Völkern im Gebiet des Hellenismus und des Römerreichs der Fall, die durch ihre geographische Lage oder andere Verhältnisse vom Weltverkehr ferngehalten wurden. Eigentümlich aber wurde die Stellung der Juden dadurch, dass sie bei allem zähen Festhalten am Alten, wie es einem Bauernvolk und namentlich einem Bergvolk eigentümlich ist, sich rasch mit der vollen Leichtigkeit von Großstädtern den Inhalt der hellenistischen und römischen Kultur eigen machten, dass sie dank ihrer innigen Verbindung von Ackerbau zu Hause und Handel im Ausland ihre Eigenart bewahrten und doch mitten in den Weltverkehr eintraten.

Ein urkräftiges Bauernvolk in Palästina, ein rühriges Handelsvolk in Alexandrien und Babylonien und anderen Mittelpunkten des Welthandels, gelangte die jüdische Nation trotz ihrer Kleinheit dazu, in ökonomischer und philosophischer Beziehung den anderen Kulturvölkern des Altertums ebenbürtig zu werden und doch von ihnen verschieden zu bleiben. Inmitten der allgemeinen Hellenisierung und dann Romanisierung waren die Juden die einzige Völkerschaft, die an diesem Prozess teilnahm, ohne ihre Nationalität einzubüßen; inmitten der allgemeinen Korruption und Versumpfung des Byzantinismus und der Entmannung waren sie die einzigen Nichtbarbaren, die Mannesmut und trotziges Freiheitsgefühl bewahrten, das einzige Hindernis, das der Despotismus der Cäsaren im römischen Weltreich fand. Kein Wunder, dass das Judentum, das philosophisch das Hellenentum erreicht hatte und moralisch dasselbe überragte, der Ausgangspunkt der Opposition gegen das damalige Bestehende, des Christentums, geworden ist.

Es sollte indes die Regenerierung der versinkenden antiken Welt nicht vom Judentum ausgehen; das blieb einem Stärkeren vorbehalten, freilich auch einem Roheren, den Germanen. Das Judentum war zu schwach, sich allein gegenüber der ganzen antiken Gesellschaft zu behaupten; die jüdische Opposition wurde gebrochen. Das Christentum überlebte ihren Untergang, verlor aber seinen oppositionellen Stachel und versumpfte zur byzantinischen Staatsreligion.

Den syrischen Königen gegenüber war es den Juden noch gelungen, ihre Selbstständigkeit und Freiheit zu wahren. Ein furchtbarer Gegner waren die römischen Legionen. Aber die Unterjochung der Juden wurde auch diesen nicht leicht. Immer und immer wieder erhob dies kleine Völkchen sich gegen die Herren der Welt und wehrte sich auf das Äußerste. Die Feigheit soll angeblich im jüdischen Rassencharakter liegen, und doch können diejenigen, die Jerusalem gegen die Söldner von Vespasian und Titus verteidigten, den heroischten Kämpfern, den gefürchtetsten Kriegern, den Hussiten Ziska’s und den Siegern von Sempach und Morgarten an die Seite gestellt werden. Selbst die Niedermezlung und Wegführung Hunderttausender im Jahr 70 unserer Zeitrechnung vermochte den trotzigen Unabhängigkeitssinn der Juden nicht zu beugen. Die jüdische Opposition endete erst mit dem jüdischen Volk, nach der gänzlichen Verödung Judäas im Jahre 135 unter Hadrian. Die Juden als Bauernvolk haben damals aufgehört zu existieren.

Die Lage der jüdischen Kolonien in den Städten wurde nun eine ganz eigentümliche. Die städtische Bevölkerung einer jeden Nation hat sich seit jeher aus der Landbevölkerung rekrutiert; der Charakter der letzteren hat daher zu großem Teil auch den der ersteren beeinflusst. Nur die Juden bilden seit dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung eine rein städtische Bevölkerung; selbst wenn ein Jude ländlichen Grundbesitz erworben hatte, wurde er nie Bauer, sondern stets nur Grundbesitzer aus der Stadt.

Wir glauben nicht, dass je ein anderes Volk in eine solche Lage gekommen ist. Auf jeden Fall sind die Juden die einzige Nation, die in einer solchen Lage ausgedauert hat. Das städtische Leben schädigt die Gesundheit so sehr, dass eine Stadt ohne steten Zuzug vom Lande aussterben würde. Die städtische Bevölkerung bedarf steter Auffrischung ihres Blutes durch ländliche Elemente, soll sie nicht rasch verkommen. Das gilt nicht bloß für die Großstädte unserer Zeit, das gilt auch für die Städte des Mittelalters. So ergibt sich z. B. aus dem Frankfurter Bürgerverzeichnis von 1387, dass von den 2.861 Personen die es enthält, fast tausend, also über ein Drittel, nach ihren Angaben ihres fremden Ursprungs sich bewusst waren. Freilich war das Rekrutierungsgebiet der Städte im Mittelalter ein engeres als heutzutage. Es waren hauptsächlich die Dörfer der Umgebung, die die Lücken der städtischen Bevölkerung ausfüllten. [1] Nur die Juden scheinen einer solchen Auffrischung nicht bedurft zu haben. Ausgeschlossen von der Markgenossenschaft, ohne die Möglichkeit und wohl auch ohne den Drang, Bauern zu werden, lebten sie fast ausschließlich in den Städten, daneben höchstens noch in den nächsten Dörfern ihrer Umgebung. [2] Sie hatten umso mehr Ursache dazu, da nur die Städte, in denen sie eigene Gemeinden bildeten, ihnen wenigstens einigen Schuss versprachen, dessen sie in der zweiten Hälfte des Mittelalters auf das dringendste bedurften.

Trotz dieser Beschränkung auf die Städte sind die Juden nicht ausgestorben, sondern haben sich erhalten, ja vermehrt, ein Beweis der unglaublichsten Lebenszähigkeit. Die scheint allerdings ein Rassenmerkmal des jüdischen Stammes zu sein.

Aber wenn sie es auch vermochten, den ungünstigsten Verhältnissen Trotz zu bieten, so blieben diese doch nicht ohne Einfluss auf sie. Der Jude ist der Stadtmensch comme il faut geworden; in ihm finden wir gehäuft und bis ins Extrem entwickelt alle die Eigenschaften, die den Stadtbewohner im Guten wie im Bösen auszeichnen; ihm gegenüber ist der Christ ein reiner Bauer, auch der städtische Christ; stammt doch auch der christliche Städter in der Regel direkt oder indirekt vom Bauern ab. Was uns als der unüberbrückbare Rassengegensatz zwischen dem „Arier“ und dem „Semiten“ erscheint, ist in Wahrheit nur der durch besondere Verhältnisse ins Extrem getriebene Gegensatz zwischen dem Bauern und dem Städter. Die Charakterverschiedenheiten des „Ariers“ und des „Semiten“ entstammen viel mehr der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, wie sie sich durch Jahrhunderte gestaltet hat, als bestimmten Rasseneigentümlichkeiten. Erst durch das einseitige städtische Leben hat der Typus des semitischen Gebirgsfolkes seine spezifischen sogenannten jüdischen Züge erhalten.

Der Bauer sieht verächtlich auf den Städter herab, dem er an Kraft und Ausdauer überlegen ist, der es nicht aufnehmen kann mit ihm in seiner Arbeit und seinem Vergnügen, das in Fressen, Saufen und Raufen besteht. Aus den gleichen Gründen sieht der Antisemit auf den Juden herab, dessen „Rasseneigenthümlichkeiten“ ihn hindern, mehr als ein Seidel Bier zu vertragen.

Es gibt Landdistrikte, wo für den Bauern die Begriffe „Städter“ und „Jude“ gleichbedeutend sind, wo alle die Argumente gegen den Städter ins Feld geführt werden, die der Antisemit gegen den Juden ins Feld führt.

Eine der Haupteigentümlichkeiten, die das städtische Leben entwickelt, ist die Nervosität, und die ist vor Allem den Juden eigen. Man vergleiche den Gang eines Städters, der hastig dahineilt, mit dem eines Bauern, der behaglich einherwandelt: das ist der Unterschied zwischen den „Ariern“ und den Juden. Der „Arier“ neigt zu Indolenz und Trägheit, der Jude zu Rastlosigkeit und Unternehmungslust; der „Arier“ will „sei' Ruh'“ haben, der Jude will sich geltend machen. Die Masse der „Arier“ sind Durchschnittsmenschen, die Einen gleichgültig lassen. Die Masse der Juden besteht aus extremen Charakteren, denen gegenüber Neutralität unmöglich ist, die entweder das Bedürfnis erregen, sich mit ihnen zu befreunden, oder das, sie schleunigst hinauszuwerfen. Im Judentum sind alle erfreulichen und unerfreulichen Ergebnisse unserer Kulturentwicklung auf die Spitze getrieben; wir finden unter den Juden die liebenswürdigsten und die abstoßendsten Charaktere, der größte Heroismus und die erbärmlichste Feigheit, die hingebendste Selbstlosigkeit und die schuftigste Niedertracht, das kühnste, schärfste Denken und die verstockteste Borniertheit, sie sind im Judentum zu finden.

Als der dem städtischen Leben am besten angepasste Theil der Bevölkerung gewinnen die Juden seit ihrer Emanzipation zusehends in allen städtischen Berufen die Oberhand, nicht bloß im Handel, sondern auch in der Industrie, in den Wissenschaften und deren praktischer Anwendung und in vielen Künsten. Immer mehr treten sie in den Städten in den Vordergrund, und da diese heute das flache Land und das ganze Staatswesen beherrschen, so wächst damit ihr Einfluss auf Staat und Gesellschaft in allen Gebieten. Das ist unleugbar und dass dem Bauern- und Knotentum Angesichts dessen ganz Angst und Bang wird, da es sich der Konkurrenz nicht gewachsen fühlt und doch die Gesellschaft der freien Konkurrenz nicht aufheben will, ist nicht zu verwundern.

Aber in demselben Maße, in dem die Juden in die städtischen Berufe mehr und mehr eindringen, geht das Judentum zurück, hört der jüdische Charakter auf, der Charakter der Juden zu sein. Das Judentum als ein Ergebnis besonderer historischer Verhältnisse, geschaffen im kaiserlichen Rom, befestigt und erhalten im feudalen Mittelalter, hört auf, zu existieren, sobald die Verhältnisse aufhören, deren Kind es ist. In der Zeit der Markgenossenschaften und Zünfte konnte das Judentum als besondere, rechtlich streng von der anderen getrennten Genossenschaft und Zunft sich erhalten. Die moderne Produktionsweise löst es auf, wie alle anderen aus dem Mittelalter überkommenen Genossenschaften. Jude sein, hieß im Mittelalter nicht bloß Mitglied einer bestimmten Nation, sondern auch eines bestimmten Berufs sein. Jude sein, hieß Wucherer sein und umgekehrt; der jüdische Charakter wurde der Charakter des Wucherers, der Charakter des Wucherers wurde zum jüdischen Charakter.

Die moderne Produktionsweise hat die aus dem Mittelalter überkommenen Genossenschaften aufgelöst, hat die Fesseln des verknöcherten Zunftwesens und der Markgenossenschaft gesprengt. Aber wenn man ihr deswegen „nivellierende“ und „atomisierende“ Tendenzen zuschreibt, so ist das völlig unberechtigt, sobald man darunter versteht, dass sie die Menschen uniform mache und jedes korporative Leben ertöte. Im Gegenteil. Die Arbeitsteilung, die Spezialisierung, die Berufsbornierteit ist nie so weit gediehen, wie heute. Der Arbeiter des Mittelalters war noch ein ganzer Arbeiter, der etwas Ganzes produzierte. Der heutige Arbeiter &ndash und nicht bloß in der Industrie, sondern zusehends immer mehr auch in der Wissenschaft, ja sogar der Kunst &ndash wird immer mehr Teilarbeiter, der nur Stückwerk schafft und den Zusammenhang desselben mit dem Ganzen nicht begreift. So weit geht die Arbeitstheilung, dass jeder Beruf mehr und mehr sogar seine eigenen Krankheiten entwickelt.

Das genossenschaftliche Leben aber ist keineswegs ertötet, wenn auch die alten Genossenschaften untergegangen sind. Die modernen Klassenkämpfe sind ja von einer Ausdehnung, in ihnen treten solche Massen einander gegenüber, dass deren Organisation mehr geboten ist als je. In einer mittelalterlichen Stadt, in der jedes Gewerk sich in einer Straße zusammengedrängt befand, wo eine Verständigung von Mund zu Mund das einfachste Ding von der Welt war, da bedurften die Gesellen einer Organisation viel weniger, als die Arbeiter der heutigen Großindustrie, die zu hunderttausenden in den Industriestädten zusammenarbeiten und sich oft aus den verschiedensten Theilen des Kontinents rekrutieren.

Ähnlich, wie mit den Arbeitern der Industrie, steht es mit den übrigen Berufen. Nichts weniger als Atomisierung und Nivellierung sind heute in der Gesellschaft zu finden; vielmehr enges Zusammenschließen der Berufsgenossen und zunehmende Einseitigkeit der beruflichen Arbeit.

In dem Maße, in dem die Juden in die modernen städtischen Berufe eindringen, verliert auch für sie der Geist ihrer mittelalterlichen Korporation, des Judentums, immer mehr an Bedeutung; an Stelle der jüdischen Borniertheit tritt die neue Berufsborniertheit. In dem Maße, in dem die Juden in andere Berufe eindringen, hört der Wuchergeist auf, der spezifisch jüdische Geist zu sein.

Eine neue Diaspora, eine neue Zerstreuung der Juden beginnt: ihre Zerstreuung in die verschiedenen Klassen. Und diese Diaspora ist dem Judentum gefährlicher, als die nach dem Untergang Jerusalems es war: die Juden wurden damals zerstreut, aber das Band des gemeinsamen Interesses blieb erhalten; sie bildeten eine große Handels- und Wuchergesellschaft. Ja, der nationale Zusammenhalt wurde vielleicht durch den Untergang des Mutterlandes der jüdischen Nationalität noch gestärkt. Denn dieser Untergang bedeutet auch den Untergang der Klassengegensätze innerhalb des Judentums. Wie die Juden in der Diaspora die einzige ausschließlich städtische Nation sind, so die Einzige, die keinen Klassengegensatz kennt.

Das hört jetzt immer mehr auf; und selbst der schroffste der modernen Klassengegensätze macht sich im Judentum immer mehr geltend: der zwischen Kapitalisten und Proletariern. Wie unter den „Ariern“ machen sich auch unter den Juden, wenn auch nicht in dem gleichen Maße, die proletarischen Eigenschaften der modernen Produktionsweise sichtbar. Die Zahl der jüdischen Proletarier wächst von Tag zu Tag. Allerdings füllen sie meist die Reihen der „gebildeten“ Proletarier, der beschäftigungslosen Juristen, Mediziner, Philosophen, namentlich aber der Handlungsgehilfen. In diesen Kreisen ist ein proletarisches Klassenbewusstsein nur spärlich vorhanden. Bei den Handlungsgehilfen sind Ansätze eines solchen zu finden, die sich bald entwickeln dürften. Die akademischen Proletarier dagegen sind nur deklassierte Bourgeois und fühlen sich auch als solche.

Aber die Zahl der Juden nimmt auch unter den Proletariern comme il faut, den industriellen Proletariern, rasch zu. Die Förderung dieses Prozesses ist das einzige praktische Resultat, welches der Antisemitismus bisher erreicht hat. Er verjagt die jüdischen Kleinhändler und Kleinhandwerker aus Osteuropa und hetzt sie nach England und Amerika, wo sie, entblößt von allen Mitteln, der Landessprache und der Verhältnisse unkundig, in einer verzweifelten Situation ankommen und den christlichen wie jüdischen Ausbeutern, die ihrer harren, auf Gnade und Ungnade preisgegeben sind. Nichts Scheußlicheres, als die Lage dieser, meist in der Hausindustrie beschäftigten Arbeiter. Wie auf allen Gebieten des modernen Lebens sind auch auf dem der Ausbeutung die Juden auf den beiden Extremen zu finden: die größten und rücksichtslosesten Ausbeuter sind Juden; aus den Reihen des Judentums rekrutieren sich aber auch die ausgebeutetsten, hilflosesten Proletarier.

Innerhalb des industriellen Proletariats verliert aber der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden jede Bedeutung. In den höheren Klassen wird der Jude immer noch als Eindringling betrachtet; einer bevorrechteten Klasse anzugehören ist ein Privilegium, dessen Wert man nicht gern durch die Teilung mit Andern schmälert. Der Proletarier hat keine Privilegien zu wahren, jeder Klassengenosse ist ihm willkommen, wenn dieser nicht zum Verräter an seiner Klasse wird. Innerhalb des Proletariats finden wir den Gegensatz zwischen verschiedensprachigen, ja mitunter schon von verschiedenfarbigen Elementen überwunden, wie sollte der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden, die die gleiche Sprache sprechen, irgendwelche Bedeutung für das Proletariat haben, ein Gegensatz, der ja vielfach nur noch ein rein historischer ist, auf der Tradition, nicht auf einem bestehenden Interessengegensatz beruht! Der „ererbte“, „unvertilgbare“ „Rassengegensatz“ zwischen Ariern und Semiten ist heute bereits bei uns für weite Volksschichten ebenso überwunden, wie in England der zwischen Kelten und Angelsachsen. Der „Rassenhass“ beschränkt sich fast ausschließlich auf die Kreise des kleinbürgerlichen Philistertums und des feudalen Junkertums, auf die Kreise mittelalterlicher Ruinen.

Verschwindet der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden im Proletariat völlig, so erzeugt andererseits der Gegensatz zwischen Proletariern und Kapitalisten immer mehr einen Gegensatz zwischen Juden und Juden. Dadurch wird der die moderne Gesellschaft am tiefsten bewegender Konflikt, der schon so mancher mittelalterlichen Einrichtung, die sich in unseren Tagen noch erhalten wollte, den Rest gegeben hat, auch zu dem mächtigsten Keil werden zur Sprengung des zähesten unter den Erbstücken des Mittelalters, des Judentums.

Mit dem Judentum wird man aber nicht die Juden los. Diese werden fortfahren, den Nichtjuden Konkurrenz zu machen und sie vermöge ihrer besseren Anpassung an das städtische Leben aus einer vorteilhaften Position nach der andern zu verdrängen. Wer das ändern will, muss unsere ganzen gesellschaftlichen Zustände ändern wollen. Die jüdische Konkurrenz hört erst auf mit der Konkurrenz überhaupt; die Überlegenheit des städtischen Judentums über das bäuerliche Ariertum wird erst ein Ende nehmen
nach Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land.
 

Anmerkungen

1. Dr. Karl Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt am Main im 14. und 15. Jahrhundert. Tübingen, 1886, S. 162 ff.

2. Nach dem oben angeführten Werk Büchers stammten in Frankfurt

aus

Städten

Flecken

Dörfern

Juden

90,0 Prozent

4,5 Prozent

  5,5 Prozent

christliche Neubürger

36,2 Prozent

8,3 Prozent

55,5 Prozent

Die Mehrheit der christlichen Einwanderer stammte also aus den Dörfern; von den Juden kam nur ein verschwindender Bruchtheil daher (Karl Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt am Main im 14. und 15. Jahrhundert. Tübingen, 1886, S. 600).


Zuletzt aktualisiert am 22. August 2026