Karl Kautsky

Die Slaven und die Revolution

(1902)


Karl Kautsky, Die Slaven und die Revolution. März-Festschrift, Wien, 1902.
< https://archive.org/details/kautsky-slaven-revolution
Каутский,++++++++++++++++ К. Славяне и революция. – Искра, [Мюнхен], 1902, № 18, 10 марта, стр. 1.
Transkription: Daniel Gaido.
HTNL-Marrkierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Nicht viel mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit den revolutionären Kämpfen der Märztage verflossen – eine kurze Spanne Zeit im Leben der Menschheit – und doch steht eine ganze Welt zwischen uns und jenen Tagen. Die gewaltige Umwälzung, der sich seitdem vollzogen, wird vielleicht am drastischsten illustriert durch das Verhältnis der Slaven zur Revolution.

1848 bildeten noch die Slaven mit sehr geringfügigen Ausnahmen eine „reaktionäre Masse“. Wenn man erstaunt war über die Intelligenz Polens, dann fand man sagen, ein Theil der Slaven sah dem großen Ringen um Völkerfreiheit stumpfsinnig zu, der andere Theil warf sich in den Kampf, um die Sache der Freiheit niederzuschlagen. Und sie taten das nur mit zu großem Erfolg. Wohl wurde das Schicksal der Revolution in Paris während der Junitage entschieden. Aber dass die Revolution in Deutschland und Ungarn so vernichtend aufs Haupt geschlagen werden und der Absolutismus in Österreich so vollständig wieder zur Herrschaft gelangen konnte, das ist vor Allem dem Eingreifen der Kroaten, Slaven und der russischen Heere zuzuschreiben. Der Fall Wiens in den Oktobertagen 1848 und die Kapitulation der ungarischen Armee bei Vilagos (13. August 1849) vor dem russischen General Paskewitsch waren für die Revolution im Osten ebenso entscheidende Niederlagen, wie im Westen die Junitage.

Kein Wunder, dass die Revolutionäre Deutschlands, mochten sie noch so international gesinnt sein, eine Art wilder Hass gegen die Slaven Österreichs erfasste, dass sie in diesen Völkern Zerrgestalten von Nationen erblickten, über welche die Revolution hinwegschreiten müsste. Die Slaven erschienen als Nationen von Knechten, zur Knechtseligkeit geboren.

Indes lag die Ursache des konterrevolutionären Verhaltens der Slaven nicht in einer geheimnisvollen Veranlagung zur Servilität, sondern gar in den allgemeinen Verhältnissen, in denen sie lebten. Mit Ausnahme der Czechen waren sie reine Bauernvölker, die für die politischen und sozialen Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft nicht das mindeste Verständnis haben konnten. In Böhmen fand sich wohl schon ein entwickeltes städtisches Leben und eine kapitalistische Großindustrie, aber die czechische Nation bestand nur aus Bauern und Kleinbürgern und aus Proletariern ohne eigenes Klassenbewusstsein, die völlig im Schlepptau des Kleinbürgerthums schwammen. Wohl bildete dieses 1848 noch eine revolutionäre Klasse, aber es zeigte sich bereits allenthalben unzuverlässig. Halb Bourgeois, halb Proletarier, fühlt sich der Kleinbürger einmal als das Eine, ein andermal als das Andere, schwankt zwischen Revolution und Reaktion, zwischen rebellischer Tobsucht und sich duckender Verzagtheit haltlos hin und her. Das bewies auch das czechische Kleinbürgertum; das zuerst die revolutionäre und dann die reaktionäre Seite hervorkehrte, im Juni sich gegen Windischgrätz erhob, der dafür Prag bombardieren ließ, und im Oktober demselben Windischgrätz seine Sympathien bezeugte, als er abmarschierte, um das verhasste Wien niederzuwerfen.

Aber zu dieser kleinbürgerlichen Unzuverlässigkeit kam allerdings auch der nationale Gegensatz dazu. Der Deutsche – das war für den czechischen Bauern, Kleinbürger, Proletarier der Feind, der Ausbeuter und Erpresser. Deutsch war nicht bloß das Kapital in Böhmen, nein, deutsch waren auch die höheren Schichten der Bureaukratie, des Klerus, der Armee, der größte Theil des Adels. Und nun kam die Revolution nach Böhmen als deutsches Gewächs, getragen von Deutschen mit dem Ziele der Zusammenfassung und Kräftigung des Deutschtums! Kein Wunder, dass nach kurzem revolutionären Rausch die czechische Nation sich in die Arme der Gegenrevolution warf.

Wie ganz anders heute! Der Kapitalismus hat sich seit 1848 Bahn gebrochen in Deutschland, Bahn gebrochen zu den Slaven. Er hat sich bereits große Theile der slavischen Welt völlig unterjocht und marschiert rasch vorwärts, nicht bloß in Böhmen und Polen, nein, auch in Russland, bei den Slovenen, den Kroaten, den Serben. Überall schafft er Proletarier, schafft er den Gegensatz von Kapital und Arbeit, aus dem in der Regel früher oder später proletarisches Klassenbewusstsein entspringt und selbständige proletarische Politik, das heißt aber notwendigerweise revolutionäre Politik.

So ist die Zeit längst vorbei, wo die Slaven noch als Verkörperung der Knechtseligkeit galten; sie sind eingetreten in die Reihen der Völker mit revolutionären Klassen; auch in ihrem Schoße wird heute der große Kulturkampf um die Befreiung der Arbeiterklasse und damit der Menschheit gekämpft.

Aber nicht nur das; das ist ja seit fast einem Menschenalter eine anerkannte Tatsache. Heute scheint es jedoch, als seien die Slaven nicht bloß in die Reihe der revolutionären Völker eingetreten, sondern als verschiebe sich der Schwerpunkt des revolutionären Denkens und Wirkens immer mehr nach den Slaven zu.

Das revolutionäre Zentrum wandert von West nach Ost. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts war es in Frankreich, zeitweise in England, 1848 trat auch Deutschland in die Reihe der revolutionären Nationen ein, indes England für absehbare Zeit aus der revolutionären Reihe, ja sogar in die Bourgeoisie aller Länder den Rest ihrer revolutionären Bestrebungen aufzugeben. Revolutionär und sozialistisch wird von da an gleichbedeutend. Gerade um dieselbe Zeit verlegten die Konsequenzen des deutsch-französischen Krieges den Schwerpunkt des Sozialismus und damit der revolutionären Bewegung in Europa von Frankreich nach Deutschland.

Das neue Jahrhundert jedoch beginnt unter Erscheinungen, die den Gedanken nahelegen, dass wir einer weiteren Verschiebung des revolutionären Zentrums entgegengehen, und zwar einer Verschiebung nach Russland hin.

Bereits einmal, zu Ende der Siebziger-, Anfangs der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, flammte der russische Nihilismus ganz Europa in Spannung versetzt und die sozialistische Bewegung aller Kulturländer aufs Tiefste beeinflusst. Neben der Erhebung und dem Heldentod der Pariser Kommune und dem märchenhaften Aufschwung der deutschen Sozialdemokratie in ihrer heroischen Periode des „Ausnahmegesetzes“ Bismarcks, hat nichts die sozialistische Bewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre so sehr befruchtet und in ihr solche Begeisterung und Hingebung geweckt, wie der verzweifelte Kampf, den die kleine Schaar der russischen Revolutionäre gegen die gewaltigen Machtmittel des Absolutismus unerschrocken und zeitweise mit dem größten Erfolg führte.

Dieser verzweifelte Kampf fand schließlich ein Ende in der Erschöpfung der Kämpfenden, da nach keine revolutionäre Klasse hinter ihnen stand.

Aber seitdem ist ein neues Geschlecht von Helden im russischen Volke herangewachsen und diese stehen heute nicht mehr allein. Ein kraftvolles Proletariat wächst auch im Zarenreich heran, das selbst Helden gebärt und den revolutionären Helden aus anderen Schichten einen Rückhalt verleiht, den sie bisher entbehren mussten. So geben wir einer neuen Epoche revolutionärer Kämpfe in Russland entgegen, Kämpfen, die sich auf breiterer Grundlage abspielen, als die vor einem Vierteljahrhundert, die aber an Erbitterung der Kämpfenden, an Brutalität und Gemeinheit der Unterdrücker, an Heroismus und Hingebung der Revolutionäre sich wohl mit denen der früheren Periode der russischen Bewegung messen können.

Es ist aber nicht bloß ein physischer Kampf von Gewalt gegen Gewalt, an dessen Vorabend in Russland wir stehen. Nein, der Revolution der Zäuste entspricht eine Revolutionierung der Köpfe. Ein heißer Wissensdrang erfasst die aufstrebenden Schichten des Volkes, ein Drang, in der Erkenntnis der eigenen historischen Aufgaben die höchsten und tiefsten Probleme zu meistern und sich über das Elend des Tageskampfes zu erheben durch den Ausblick auf die großen historischen Ziele, denen er dient.

Von dieser Erhebung der Geister dürfen wir herrliche Taten erwarten, die auch auf Westeuropa ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Russland, das so viele revolutionäre Anregungen von dem Westen empfangen, ist vielleicht jetzt daran, auch seinerseits revolutionäre Anregungen zu geben. Die herannahende russische revolutionäre Bewegung wird vielleicht das kraftvollste Mittel sein, jenen Geist des weichlichen Philisthertums und kühlen Staatsmannstums zu bannen, der in unseren Reihen sich breit zu machen beginnt, und die Leidenschaften des Kampfes und der Begeisterung für unsere großen Ideale wieder hell aufflammen zu lassen.

Russland hat längst aufgehört, für Westeuropa ein bloßer Hort der Reaktion und des Absolutismus zu sein. Das Verhältnis kehrt sich jetzt vielmehr um. Westeuropa wird der Hort der Reaktion und des Absolutismus in Russland. Der morsche Zarenthron kracht in allen Fugen und wäre vielleicht schon längst in sich zusammengebrochen, wenn nicht das Bürgertum Westeuropas mit seinen Millionen – nein, Milliarden – ihn immer wieder frisch zusammenleimte. 1848 schickte der Zar seine Machtmittel nach Europa, die Erhebung des europäischen Bürgertums niederzuschlagen, seitdem schickt dieses Bürgertum seine Machtmittel nach Russland, damit der Zar alle freiheitlichen Regungen im eigenen Lande niederschlagen könne. Mit dem Zaren wären die Revolutionäre Russlands vielleicht schon längst fertig geworden, wenn sie nicht gleichzeitig gegen seinen Bundesgenossen zu kämpfen hätten, das europäische Kapital.

Hoffentlich gelingt es ihnen diesmal, beide Feinde niederzuringen, so dass deren unheilige Allianz rascher zusammenbricht, als ihre Vorgängerin. Aber wie immer der jetzige Kampf in Russland enden möge, das Blut und das Lebensglück der Märtyrer, das er leider nur in reichlich fordern dürfte, wird nicht umsonst dahingegeben werden. Es wird die Saat der sozialen Umwälzung in der ganzen zivilisierten Welt befruchten und sie reicher und rascher in die Halme schießen lassen.

Die Slaven waren 1848 der eisige Frost, der die Blüten des Völkerfrühlings tötete. Vielleicht ist es ihnen beschieden, nun zum Föhnsturm zu werden, der das Eis der Reaktion zum Bersten bringt und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführt.


Zuletzt aktualisiert am 22, Oktober 202d