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Karl Kautsky, Der Kongress zu Amsterdam, Die neue Zeit, 22. Jg., 2. Bd. (21. August 1904), H. 48, S. 673–682.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.05251&dok=1903-04b&f=190304b_0673&l=190304b_0682.
Transkription: Daniel Gaido.
HTNL-Marrkierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Ein prächtiger Kongress! Es gibt wenige nationale Parteitage, es gibt keinen internationalen Kongress, der einen gleich befriedigenden, erhebenden, anfeuernden Eindruck hinterlassen hätte.
Ich muss gestehen, und Bebel hat das gleiche Geständnis schon für sich im Kongress gemacht, dass ich diesem nach den Erfahrungen von Paris mit einiger Besorgnis entgegensah. Hatte sich doch inzwischen der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen unserer französischen Genossen nicht nur persönlich, sondern weit mehr noch sachlich verschärft, waren taktische Gegensätze in anderen Ländern – so in Italien – dazugekommen, hatte sich die Eigenart und Selbständigkeit der sozialistischen Organisationen der verschiedenen Nationen Russlands vergrößert. Jedoch infolge der Rücksichtnahme der Delegierten für Russland gelang es, von dem Kongress jede Verhandlung über ihre Organisationsfragen fernzuhalten. Unseren französischen Freunden aber müssen wir vor allem Dank wissen für die musterhafte Ruhe und Zurückhaltung, die sie bei der Diskutierung der taktischen Gegensätze bewahrten, wobei es sich doch vornehmlich um ihre eigenen Angelegenheiten handelte.
Aber nicht nur durch seine Ruhe und Würde wirkte der Kongress so erfreulich, sondern auch durch die intellektuelle Höhe seiner Verhandlungen. Das gilt vor allem von der dreitägigen Diskussion in der Kommission für Politik. Dort wurde die entscheidende Frage behandelt, dorthin suchte daher jede Nation bewährte Wortführer zu entsenden. Waren die Reden anfänglich nur kurz, dem Charakter einer Kommissionsberatung entsprechend, beschränkten sie sich anfänglich auf die Skizzierung der wichtigsten Gesichtspunkte, weitere Ausführungen dem Plenum vorbehaltend, so wurden sie im Laufe der Debatte immer ausführlicher, tiefergehend, so reich an Daten und Gesichtspunkten, dass, im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Gang der Dinge, die Verhandlung im Plenum nur noch ein Anhängsel der Kommissionssitzung sein konnte, in der der Gegenstand im Wesentlichen erschöpft worden war. Ein Parteitag einer einzelnen Partei konnte kaum je eine so bedeutende Verhandlung liefern, wie sie die Kommissionssitzung darstellte. Selbst wenn es eine Partei gäbe, die über eine gleiche Fülle ebenso theoretisch geschulter wie praktisch erfahrener Köpfe verfügte wie hier der gesamte internationale Sozialismus, so würde ihr doch die Mannigfaltigkeit fehlen, die bei aller Einheitlichkeit der Grundsätze, welche die große Mehrheit der Redner verband, doch jeder Rede ein besonderes, nicht bloß individuelles, sondern auch nationales Gepräge gab. Keiner der Zuhörer dürfte die Kommissionssitzungen ohne reichen Gewinn an Einsicht in die Verhältnisse und Anschauungen unserer Bruderparteien davongetragen haben. Und das ist das Beste, was ein internationaler Kongress leisten kann.
Es ist sehr zu bedauern, aber natürlich, dass nicht Vorsorge getroffen wurde, die Verhandlungen der Kommission öffentlich abzuhalten und über sie eingehend zu berichten. Die Bedeutung dieser Kommissionsverhandlungen erwuchs erst allmählich während ihres Fortschreitens, niemand konnte sie voraussehen. Die kurzen Auszüge aus den Reden, die in den Zeitungen berichtet wurden, geben aber kein deutliches Bild von der Bedeutung der Diskussion, denn diese lag nicht in den entwickelten Grundgedanken, die ja nichts Neues brachten und bringen konnten, sondern in den Details, in den angeführten Tatsachen und in der Nuancierung der Grundgedanken.
Unter den einzelnen Reden erschien mir besonders lehrreich die des Genossen Karl Moor, der über die ungünstigen Erfahrungen berichtete, die man in der Schweiz mit sozialistischen Ministern in einer bürgerlichen Regierung gemacht hat. Nun liegen in der Schweiz die Verhältnisse für die Teilnahme eines Sozialisten an einer bürgerlichen Regierung besonders günstig, denn die einzelnen Minister werden dort nicht von einem Staatsoberhaupt, Monarchen oder Präsidenten ernannt, sondern gewählt. Die Pariser Resolution, die da sagt, die Eroberung der politischen Macht könne nicht stückweise erfolgen, die Besetzung eines vereinzelten Ministerpostens in einer bürgerlichen Regierung durch einen Sozialisten sei eine Ursache von Verlegenheiten und Gefahren für den Sozialismus und dürfe daher ohne zwingende Not nicht akzeptiert, auf keinen Fall von vornherein angestrebt werden – diese Resolution umfasst denn auch nicht die Schweiz, da sie bloß von Staaten mit zentralisierter Regierung spricht. Aber trotzdem die Wahl der Minister durch das Volk in der Schweiz weit günstigere Bedingungen für die stückweise Eroberung der politischen Macht schafft, als sie sonstwo bestehen, zeigt die Erfahrung, dass auch dort die Nachteile dieser Praxis anfangen, über die Vorteile zu überwiegen. Diese Vorteile selbst sind sehr zweifelhaft; es fragt sich, ob das, was ein sozialistischer Minister gegenüber einer bürgerlichen Mehrheit für das Proletariat zu erlangen vermag, ein bürgerlich-radikaler Minister nicht ebenso sehr, ja leichter erlangen könnte. Denn die eigentliche Kraft, die der Bourgeoisie soziale Reformen erpresst, ist die Organisation des Proletariats, deren Macht dieselbe bleibt, ob es ihr gelingt, einen Minister zu erwählen oder nicht. Die Bourgeoisie steht aber einem sozialistischen Minister sicher misstrauischer und feindseliger gegenüber als einem radikalen. Noch nirgends hat bisher ein sozialistischer Minister erreichen können, was nicht ein bürgerlich-radikaler auch geboten hätte.
Sind also die Vorteile der sozialistischen Ministerschaft selbst in der Schweiz zweifelhaft und im besten Falle minim, so sind ihre Nachteile offenbar und sehr erheblich. Allerdings hat der vom Volke erwählte Minister den Vorteil vor dem von einem Präsidenten oder Monarchen erwählten voraus, dass er nur für seine eigenen Akte verantwortlich ist, nicht für die des Gesamtministeriums. Er braucht also seine Partei nicht notwendigerweise zu kompromittieren. Aber er bleibt ebenso wie der Minister in einem zentralisierten Staate, wie schon sein Name besagt, ein Diener der Staatsgewalt. Er wird nicht ihr Herr, ihr Souverän. Das ist selbstverständlich und notwendig, das macht ihn aber in einem Staatswesen, in dem die Bourgeoisie politisch die Oberhand hat, tatsächlich zu einem Diener der Bourgeoisie. Diese ist es, der er seine Fähigkeiten zur Verfügung stellt, indes er gleichzeitig dem Dienst für das Proletariat entzogen wird. Indem er die Interessen des Proletariats wahren will und gleichzeitig die Geschäfte der Bourgeoisie besorgen muss, wird er den schwersten Konflikten ausgesetzt und vor unmögliche Probleme gestellt: eine Situation, die schwache Charaktere korrumpiert, aber auch die besten und stärksten lahmlegt und abnutzt. So wird der Ministerialismus selbst in der Schweiz immer mehr aus einem Mittel, den Sozialismus zu fördern, zu einem Mittel, ihm Kräfte zu entziehen und seinen Fortschritt zu hemmen, ja man könnte fast sagen, zu einem Mittel, gleichzeitig den Klassenhass der Bourgeoisie gegen das Proletariat zu steigern. Nirgends in Europa hat man in den letzten Jahren mehr von militärischen Aufgeboten gegen Streiks gehört als gerade in den Ländern, in denen man sozialistische Minister hatte oder für möglich hielt, der Schweiz, Italien, Frankreich.
Damit sind wir bei einer anderen Frage angelangt, die Bebel aufwarf und über die wir einige Worte verlieren müssen, da Bebels Äußerungen arg missverstanden wurden, obwohl sie nichts sagten, was nicht in der deutschen Sozialdemokratie seit langem anerkannt worden wäre. Bebel zog die Parallele zwischen der Behandlung der Arbeiter in Republiken, wie Amerika, Frankreich, der Schweiz, und in einer Monarchie wie Deutschland, und er konstatierte, dass in den Republiken die herrschende Politik vielfach arbeiterfeindlicher ist als in Monarchien, dass zum Beispiel trotz aller Drangsalierungen streikender Arbeiter durch Gerichte und Polizei in Deutschland die Fälle gewaltsamen Eingreifens von Militär in Streiks weit seltener seien als in diesen Republiken; ebenso dass das Steuersystem Frankreichs, und er hätte hinzufügen können, auch das der Vereinigten Staaten, weit verrotteter sei als das Preußens. Man hat ihn darob zu einem Anwalt der Monarchie erhoben, trotzdem er ausdrücklich erklärt hatte, wir seien Republikaner und er halte die Republik für eine höhere Staatsform als die Monarchie. Andere haben wieder in diesen beiden Erklärungen einen Widerspruch sehen wollen: wenn die Republik arbeiterfeindlicher sei als die Monarchie, erscheine es für einen Vertreter der Arbeiterklasse absurd, die erstere der letzteren vorzuziehen. Beide Einwürfe gegen Bebel beruhen auf einem groben Missverständnis der Natur des proletarischen Klassenkampfes und sind von dem Geiste der bürgerlichen Demokratie getragen, die in den politischen Formen und nicht in den ökonomischen Klasseninteressen den entscheidenden Faktor unseres gesellschaftlichen Lebens sieht.
Wir sind einmal schon deswegen Republikaner, weil die demokratische Republik die einzige dem Sozialismus entsprechende politische Form ist. Die Monarchie kann nur bestehen auf der Grundlage von Klassenunterschieden und Klassengegensätzen. Die Aufhebung der Klassen bedingt auch die Aufhebung der Monarchie. Das verpflichtet uns heute praktisch noch nicht zu Bestrebungen auf Umsturz der Monarchie, denn wir wissen noch nichts über Zeit und Art der Durchführung der sozialen Umgestaltung. Aber es ist doch nicht ohne nur für seine eigenen Akte verantwortlich ist, nicht für die des Gesamtministeriums. Er braucht also seine Partei nicht notwendigerweise zu kompromittieren. Aber er bleibt ebenso wie der Minister in einem zentralisierten Staate, wie schon sein Name besagt, ein Diener der Staatsgewalt. Er wird nicht ihr Herr, ihr Souverän. Das ist selbstverständlich und notwendig, das macht ihn aber in einem Staatswesen, in dem die Bourgeoisie politisch die Oberhand hat, tatsächlich zu einem Diener der Bourgeoisie. Diese ist es, der er seine Fähigkeiten zur Verfügung stellt, indes er gleichzeitig dem Dienst für das Proletariat entzogen wird. Indem er die Interessen des Proletariats wahren will und gleichzeitig die Geschäfte der Bourgeoisie besorgen muss, wird er den schwersten Konflikten ausgesetzt und vor unmögliche Probleme gestellt: eine Situation, die schwache Charaktere korrumpiert, aber auch die besten und stärksten lahmlegt und abnutzt. So wird der Ministerialismus selbst in der Schweiz immer mehr aus einem Mittel, den Sozialismus zu fördern, zu einem Mittel, ihm Kräfte zu entziehen und seinen Fortschritt zu hemmen, ja man könnte fast sagen, zu einem Mittel, gleichzeitig den Klassenhass der Bourgeoisie gegen das Proletariat zu steigern. Nirgends in Europa hat man in den letzten Jahren mehr von militärischen Aufgeboten gegen Streiks gehört als gerade in den Ländern, in denen man sozialistische Minister hatte oder für möglich hielt, der Schweiz, Italien, Frankreich.
Damit sind wir bei einer anderen Frage angelangt, die Bebel aufwarf und über die wir einige Worte verlieren müssen, da Bebels Äußerungen arg missverstanden wurden, obwohl sie nichts sagten, was nicht in der deutschen Sozialdemokratie seit langem anerkannt worden wäre. Bebel zog die Parallele zwischen der Behandlung der Arbeiter in Republiken, wie Amerika, Frankreich, der Schweiz, und in einer Monarchie wie Deutschland, und er konstatierte, dass in den Republiken die herrschende Politik vielfach arbeiterfeindlicher ist als in Monarchien, dass zum Beispiel trotz aller Drangsalierungen streikender Arbeiter durch Gerichte und Polizei in Deutschland die Fälle gewaltsamen Eingreifens von Militär in Streiks weit seltener seien als in diesen Republiken; ebenso dass das Steuersystem Frankreichs, und er hätte hinzufügen können, auch das der Vereinigten Staaten, weit verrotteter sei als das Preußens. Man hat ihn darob zu einem Anwalt der Monarchie erhoben, trotzdem er ausdrücklich erklärt hatte, wir seien Republikaner und er halte die Republik für eine höhere Staatsform als die Monarchie. Andere haben wieder in diesen beiden Erklärungen einen Widerspruch sehen wollen: wenn die Republik arbeiterfeindlicher sei als die Monarchie, erscheine es für einen Vertreter der Arbeiterklasse absurd, die erstere der letzteren vorzuziehen. Beide Einwürfe gegen Bebel beruhen auf einem groben Missverständnis der Natur des proletarischen Klassenkampfes und sind von dem Geiste der bürgerlichen Demokratie getragen, die in den politischen Formen und nicht in den ökonomischen Klasseninteressen den entscheidenden Faktor unseres gesellschaftlichen Lebens sieht.
Wir sind einmal schon deswegen Republikaner, weil die demokratische Republik die einzige dem Sozialismus entsprechende politische Form ist. Die Monarchie kann nur bestehen auf der Grundlage von Klassenunterschieden und Klassengegensätzen. Die Aufhebung der Klassen bedingt auch die Aufhebung der Monarchie. Das verpflichtet uns heute praktisch noch nicht zu Bestrebungen auf Umsturz der Monarchie, denn wir wissen noch nichts über Zeit und Art der Durchführung der sozialen Umgestaltung. Aber es ist doch nicht ohne praktische Bedeutung für uns, denn es verhindert uns, die Hilfe der Monarchie für die Verwirklichung auch nur unserer nächsten Forderungen in Anspruch zu nehmen oder zur Stärkung einer monarchischen Regierung beizutragen.
Aber die Republik ist uns sympathisch nicht bloß mit Rücksicht auf den mehr oder weniger entfernten Zukunftsstaat der sozialen Republik. Auch als bürgerliche Republik muss sie dem sozialistischen Proletariat wertvoller sein als die Monarchie, so dass es sich für die Republik entscheidet, wo immer es die Wahl zwischen den beiden Staatsformen hat. Denn die bürgerliche Republik ist die Staatsform, in der der Entscheidungskampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie am ehesten und besten ausgefochten werden kann. Das wird bewirkt dadurch, dass der Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie in der Republik am schärfsten und klarsten zum Ausdruck kommt.
Wohl steht die Monarchie dem um seine Befreiung ringenden Proletariat notwendigerweise feindselig gegenüber, denn diese Befreiung erheischt die Aufhebung der Klassen, also die Aufhebung der Grundbedingung der Monarchie. Aber diese hat kein Interesse daran, eine andere Klasse zur Alleinherrschaft kommen zu lassen; die Macht der Monarchie ist am größten dort, wo die verschiedenen Klassen sich die Waage halten. Das kann eine monarchische Regierung unter Umständen dazu veranlassen, das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie in Schutz zu nehmen.
Andererseits kann sich in einer Monarchie die Bourgeoisie unter Umständen durch die Regierung, die nicht direkt ihre Klassenregierung ist, mehr beengt fühlen, als durch das Proletariat; sie kann es zur Schwächung der Regierung aufrufen und zu diesem Zwecke stärken.
Endlich findet in einem monarchischen Lande das Proletariat selbst zwischen sich und der Bourgeoisie die Monarchie, als einen von jener verschiedenen Gegner. Dadurch wird seine Aufmerksamkeit geteilt, die Schärfe des Klassengegensatzes vermindert, die Intensität des Klassenkampfes geschwächt.
Ganz anders in einer bürgerlichen Republik unter entwickelter kapitalistischer Produktion. Hier herrscht die Bourgeoisie direkt, hier stehen sich Proletariat und Bourgeoisie unvermittelt gegenüber, hier hat das Proletariat nicht die trennende Wand einer monarchischen Regierung zu übersteigen, will es der Bourgeoisie an den Kragen gehen.
In monarchischen Ländern – und das gilt umso mehr, je absoluter die Monarchie, also am meisten für Russland – ist das Proletariat oft gezwungen, seine ganze Kraft auf die Bekämpfung der Regierung zu konzentrieren. Gelingt es ihm dort, die Staatsgewalt niederzuwerfen, so steht es nicht am Ende seiner Kämpfe, sondern nur am Beginn einer neuen, intensiveren Phase des Klassenkampfes. Gelingt es ihm dagegen in der bürgerlichen Republik, die bestehende Staatsgewalt zu stürzen, so hat es damit endgültig über die Bourgeoisie gesiegt, ihre politische Expropriation vollzogen und ihre ökonomische Expropriation unabwendbar gemacht.
Deshalb die große Bedeutung, welche schon die bürgerliche Republik für das Proletariat hat. Aber gerade deswegen ist auch in der Republik das Klassenbewusstsein und der Klassenhass der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat mehr entwickelt, und ist dort die Bourgeoisie umso skrupelloser in ihrem Klassenkampf gegen das Proletariat, unbedenklicher in der Wahl ihrer Mittel, sei es brutaler Niederwerfung, sei es heimtückische Überlistung und Korrumpierung.
So hoch uns daher die Republik, auch die bürgerliche, steht, so wichtig sie uns für den Befreiungskampf des Proletariats erscheint, so darf uns das doch nicht blind machen gegen den arbeiterfeindlichen Charakter, den jede bürgerliche Republik und jede Regierung einer bürgerlichen Republik entwickeln muss. Gerade in dieser Erkenntnis unterscheiden wir uns von der bürgerlichen Demokratie, die der Republik eine geheimnisvolle Kraft der Schwächung der Klassengegensätze zuschreibt und wähnt, der republikanischen Bourgeoisie wohne eine weit größere Neigung inne, die Befreiung der Arbeiterklasse zu fördern, als der Monarchie und der monarchistischen Bourgeoisie.
Dieser republikanische Aberglaube gehört aber auch zu den Illusionen, die dank dem Revisionismus selbst in unsere Reihen hier und da Eingang gefunden haben. Da war es sehr am Platze, wenn Bebel demgegenüber wieder unseren Standpunkt darlegte, der den des Republikaners mit dem des proletarischen Klassenkämpfers vereinigt.
Es war Jaurès, der Bebel zu seinen Ausführungen über Republik und Monarchie veranlasste.
Eine Fortspinnung der Polemik gegen Jaurès wäre hier jetzt wohl nicht am Platze; ich verzichte darauf, seine zahlreichen Ausfälle gegen die „Neue Zeit“ und mich zu beantworten und sehe auch davon ab, seine schiefe Auffassung der deutschen Sozialdemokratie und der Ursachen ihrer angeblichen politischen Ohnmacht richtigzustellen. [1]
Was konstatiert werden muss, ist die große Tatsache, dass sich unter den zahlreichen Rednern kaum einer fand, der die Jaurèssche Taktik zur Nachahmung empfohlen hätte. Trotz aller persönlichen Sympathien, die ihm entgegengebracht wurden, lehnten fast alle Redner seine Taktik entschieden ab, und wenn sich trotzdem eine Anzahl Stimmen gegen die Dresdener Resolution erhob, so drückten diese zum Teil Bedenken aus über die Möglichkeit, internationale Regeln der Taktik festzustellen, zum Teil die Befürchtung, der Wortlaut einiger Sätze der Resolution könnte persönlich verletzend wirken, wo es sich doch nur um eine sachliche Feststellung von taktischen Grundsätzen handelte; sie bedeuteten aber nicht Zustimmung zur Jaurèsschen Taktik.
Dagegen bestritt freilich Jaurès auf das lebhafteste, dass seine Taktik sich vom Standpunkt des proletarischen Klassenkampfes entfernt habe. Er erkenne die Existenz der Klassengegensätze und die Notwendigkeit des Klassenkampfes an, er halte das sozialistische Endziel hoch, er betonte trotz aller Bündnispolitik die Notwendigkeit der Selbständigkeit einer sozialistischen Partei. Andererseits, meinte er, hätten die revolutionären Sozialisten selbst sich wiederholt genötigt gesehen, für das Ministerium Combes zu stimmen, um die reaktionären Kabalen zu durchkreuzen. Die Differenzen zwischen seiner und der revolutionären Richtung seien daher keine grundsätzlichen, sondern solche, die aus der Eigenart Frankreichs entsprängen und in die sich einzumischen nicht Sache des internationalen Sozialismus sei.
Wieweit ist das begründet und worin liegt in Wahrheit die Differenz zwischen uns und Jaurès? Darüber gilt es kein Mißverständnis aufkommen zu lassen. Wir wollen durchaus nicht leugnen, dass Jaurès theoretisch den Klassenkampf anerkennt und der Überzeugung lebt, nur durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel könne das Proletariat emanzipiert werden. Ebenso wenig wollen wir leugnen, dass die Organisation der französischen sozialistischen Partei (P.S.F.) formell selbständig und jeden Tag in der Lage ist, aus dem republikanischen Block auszutreten. Es fällt uns andererseits gar nicht ein, von den französischen Sozialisten zu verlangen, sie sollten trachten, das Ministerium Combes zu stürzen, dessen relative Nützlichkeit wir insofern anerkennen, als es nur durch ein reaktionäreres und nicht durch ein radikaleres Ministerium ersetzt würde. So wie wir die Unterstützung des radikalen Ministeriums Bourgeois durch die französische Arbeiterpartei billigten, können wir auch in einer Unterstützung des antiklerikalen Ministeriums Combes an sich noch nichts Anstößiges sehen.
Aber die Situation der französischen Arbeiterpartei gegenüber dem Kabinett Bourgeois und die der französischen sozialistischen Partei gegenüber dem Kabinett Combes sind keineswegs gleichartig. Die Sozialisten traten im ersteren Falle in keinen ministeriellen „Block“ ein, sie wurden nicht ein Bestandteil der Regierungspartei, sie nahmen daher keinen Anteil an der Regierung, die sie nicht beeinflussten, für die sie aber auch nicht verantwortlich wurden.
Und weil sie für das Ministerium nicht verantwortlich waren, wurden sie durch dessen Unterstützung in keiner Weise gezwungen, seine Fehltritte zu beschönigen und seine Erfolge zu übertreiben, mit einem Worte, auf die Kritik des bürgerlichen Radikalismus zu verzichten. Sie standen diesem nicht bloß formell, sondern auch innerlich selbständig gegenüber.
Auf der anderen Seite aber sahen die französischen Sozialisten zur Zeit des Ministeriums Bourgeois noch die wahre Wurzel ihrer Kraft im Proletariat und nicht im Parlament. Wie wichtig es ihnen auch erschien, im Parlament gehört zu werden und Einfluss zu haben, auf die Gesetzgebung und Staatsverwaltung im Sinne des Proletariats einzuwirken; noch weit wichtiger erschien ihnen die Aufklärung und Organisierung des Proletariats, und jeder parlamentarische Erfolg wäre ihnen zu teuer erkauft erschienen, wenn seine Konsequenzen die sozialistische Propaganda oder Organisation zu stören drohten.
Sie wollten damals ein radikales Kabinett nur solange und soweit unterstützen, als diese Tätigkeit zur Kräftigung des französischen Proletariats beitrug. Aber sie hätten es entschieden abgelehnt, ein radikales Kabinett auch in Situationen zu unterstützen, wo sie dadurch Zwietracht und Verwirrung in die eigenen Reihen trugen. Selbst durch das reaktionärste Ministerium kann die Sache der Arbeiterklasse nicht so schwer geschädigt werden, wie durch eine Spaltung der sozialistischen Organisationen oder durch eine Verwischung der Grenzen zwischen uns und den uns benachbarten bürgerlichen Parteien.
In ganz anderer Weise als 1895 unterstützt die französische sozialistische Partei, die sogenannten „Jaurèsisten“ (wogegen die in Deutschland meist „Guesdisten“ und „Blanquisten“ benannten Genossen die sozialistische Partei Frankreichs, P.S.D.F., bilden), heute das Kabinett Combes. Als Mitglied der Regierungspartei nimmt sie Anteil an deren Beratungen und Beschlüssen, wird sie verantwortlich für alle Taten der Regierungen, auch für jene, die sich gegen das kämpfende Proletariat wenden. Und durch diesen unbedingten Ministerialismus gerät sie in Zwiespalt mit den oppositionellen Teilen des französischen Sozialismus, spaltet und schwächt sie ihn, während sie gleichzeitig den bürgerlichen Radikalismus wie den Anarchismus fördert und die Aufklärung des Proletariats über seine Klassenlage hindert. Das und nicht das einfache Stimmen für die Regierung ist es, was die reformistische Taktik – wenn man diese Terminologie gebrauchen will – von der revolutionären scheidet.
Sehr charakteristisch war in dieser Beziehung die zweite Rede, die Jaurès in der Kommission hielt. Zuerst ich und dann noch ausführlicher Bebel hatten in der Kommission auf eine Reihe von arbeiterfeindlichen Maßregeln, ja von Infamien hingewiesen, deren sich die von Jaurès gestützten Ministerien Waldeck-Rousseau und Combes schuldig gemacht hatten. Was wusste Jaurès darauf zu antworten? Er leugnete nicht die ihm vorgehaltenen Tatsachen, warf uns aber vor, dass wir nicht, wie es philosophischen Politikern gebühre, das Wirken der letzten zwei französischen Regierungen in seiner Gesamtheit, sondern nach einigen nebenmächlichen Details beurteilten:
„Sie haben nach einigen Details geurteilt, deren Bedeutung und deren Ernst ich nicht verkenne, die aber nicht genügen, einer Politik ihren Gesamtcharakter zu geben. Sicher, es ist bedauerlich, abscheulich, dass sich gewisse Personen in ein bürgerliches Ministerium eingeschlichen haben, dass es in der Polizei noch Überlebsel der Brutalität der Polizei des Kaiserreichs gibt. Aber wenn Sie das Gesamtwerk in Betracht ziehen, jene enormen und fruchtbaren Leistungen, die wir seit sechs Jahren vollbracht haben“ – dann, meint Jaurès, würden wir anders urteilen. Und als solche „enorme und fruchtbare Leistungen“ führte er an die Arbeiterschutzgesetzgebung, die Erhaltung des Weltfriedens, die Befreiung der proletarischen Gehirne von der klerikalen Verdummung.
Wie steht es demgegenüber mit den Tatsachen?
Es ist bedauerlich, dass sich gewisse Personen, ein Gallifet, ein Rouvier, in ein von Sozialisten unterstütztes Ministerium „einschleichen“ konnten. Aber dies „Einschleichen“ geschah doch bei hellichtem Tage, es erregte die lebhaftesten Proteste der revolutionären Sozialisten, dagegen die ebenso lebhafte Verteidigung durch die ministeriellen Sozialisten. Der Keim zum Bruche zwischen den beiden Richtungen des französischen Sozialismus wurde durch diese Verteidigung des „bedauerlichen und abscheulichen Einschleichens“ gelegt.
Was aber die „Überlebsel der Brutalität der Polizei des Kaiserreichs anbelangt“, so bestand die wichtigste Tatsache, die Bebel hier vorbrachte, darin, dass 1889 unter einem opportunistischen Ministerium (Tirard-Constans) die Teilnehmer des internationalen Kongresses ungehindert durch irgend ein Polizeiaufgebot auf dem Père Lachaise die Kommunekämpfer in dankbarer Erinnerung ehren durften, während 1900 unter dem sozialistischen Minister die Teilnehmer des internationalen Kongresses auf dem Père Lachaise von einem unglaublichen Aufgebot bewaffneter Macht, nicht bloß Polizei, sondern Kavallerie und Infanterie, empfangen, und von dem Polizeipräfekten von Paris selbst am Sprechen gehindert wurden. Diese Behandlung des internationalen Kongresses war also nicht ein „Überlebsel“ einer alten Tradition, sondern eine neue Praxis, und zwar eine, die nicht irgendein untergeordnetes Subjekt, sondern nur das Ministerium selbst veranlasst haben konnte.
Diese zwei Beispiele genügen wohl, erkennen zu lassen, wie, bei Licht betrachtet, die „untergeordneten“ Details aussehen, die den beiden von Jaurès unterstützten Ministerien zur Last gelegt werden. Wie verhält es sich aber andererseits mit den „enormen und fruchtbaren“ Leistungen der Kabinette Waldeck-Rousseau und Combes? Sie sollen den Weltfrieden gewahrt haben, nicht zum wenigsten durch den Einfluss Jaurès’ und seiner Freunde. Aber haben in derselben Zeit nicht alle anderen Regierungen Europas den europäischen Frieden ebenfalls gewahrt? Und was den Weltfrieden anbelangt, so hat gerade die französische Republik zu seiner Bedrohung nicht wenig beigetragen. Sie gab Russland die Mittel und auch sonst jede Unterstützung, sich in der Mandschurei festzusetzen und dadurch den jetzigen Krieg zu entzünden. Sie machte die chinesische Expedition mit, die ebenfalls einer der Keime des jetzigen Krieges wurde, und sie ist im Begriff, sich in Marokko in ein Abenteuer einzulassen, das nicht minder die Gefahr von kriegerischen Komplikationen in sich birgt.
Wie mit dem Weltfrieden steht es mit der Sozialreform. Jaurès erscheint sie enorm und fruchtbar, aber um dazu zu kommen, musste er nicht bloß die schon gewonnenen, sondern auch versprochene Resultate zu Hilfe nehmen, so das Achtstundengesetz für Bergarbeiter, das freilich die Kammer votiert hat, aber wohl nur im Zutrauen auf die bewährte Arbeiterfeindlichkeit des Senats, bei dem der Gesetzentwurf jetzt liegt und der ihn schon verstümmeln wird; Jaurès musste hinweisen auf die versprochenen Versicherungsgesetze, auf die versprochene Einkommensteuer.
Und nicht besser geht es mit der „Befreiung der Arbeitergehirne“. Der Kampf gegen den Klerikalismus bildet sicher die beste Seite des Kabinetts Combes, jene, die auch unsere Genossen von der sozialistischen Partei Frankreichs veranlasste, es vor einer Niederlage zu retten. Aber so enorm, wie Jaurès sie hinstellte, sind die erlangten Resultate denn doch nicht. Sie gehen nicht weit über das hinaus, was der Opportunist Ferry schon 1880 erreicht hatte. Jaurès muss daher auch hier mit Versprechungen arbeiten und uns die versprochene Trennung von Kirche und Staat als eine „Leistung“ vorführen. Wir halten es hier mit Bebel, der aus den Klassenbedürfnissen der Bourgeoisie den Schluss zieht, sie könne auf den lieben Gott weniger als je verzichten und daher in ihren Kämpfen mit der Kirche über gewisse Grenzen nicht hinauskommen. Der Erfolg wird zeigen, wer recht hat. Aber darum handelt es sich hier nicht, sondern um die Tatsache, dass Jaurès offensichtlich bemüht ist, die von der radikalen Regierung erreichten Resultate maßlos zu übertreiben. Spricht er doch bereits jetzt von einer Befreiung der proletarischen Gehirne, wo die praktischen Änderungen im Schulwesen noch äußerst geringfügig sind, wo es im besten Falle noch vieler Jahre bedarf, ehe sie nur einigermaßen wirken können, wo sich noch gar nicht übersehen lässt, ob, wie und wie lange sie in Kraft bleiben. Die Herren Rouvier und Delcassé als die Befreier der Gehirne der Arbeiterklasse!
Die Jaurèssche Rede zeigt uns also zwei Charakteristika: einmal das Bestreben, alle Fehler und Vergehen des bürgerlichen Ministeriums möglichst zu verkleinern, dagegen seine Leistungen „enorm“ zu übertreiben, das winzigste Reförmchen, ja, jede ministerielle Versprechung als einen unendlichen Erfolg hinzustellen.
Das geschah nicht bloß in seiner Rede, im Eifer des Gefechtes, das ist die ständige Politik, die Jaurès seit Jahren verfolgt. Sie ist nicht ein Produkt des Zufalls, sie entspringt mit Naturnotwendigkeit daraus, dass Jaurès für die bürgerliche Regierung verantwortlich ist und diese Verantwortung empfindet. Das lastet schwer auf ihm und fälscht seine sozialistische Propaganda. Es hindert ihn, zu brandmarken, was zu brandmarken ist, und es treibt ihn, in den Himmel zu erheben, was nüchtern und kritisch, ja misstrauisch zu messen ist.
Wenn hier nur von Jaurès’ Rede ist, darf das nicht persönlich genommen werden, sondern als Kennzeichnung einer ganzen Richtung, die aber von Jaurès so glänzend vertreten wird, dass, wenigstens für das Ausland, alle ihre anderen Vertreter daneben in den Hintergrund treten.
Durch diese Beschönigung der Vergehen des bürgerlichen Radikalismus, durch diese Übertreibung seiner Leistungen, die sie an Stelle seiner Kritisierung setzen, schädigen die ministeriellen Sozialisten den Sozialismus vielleicht noch mehr als durch ihre Votierungen im Parlament. Würden die Sozialisten das bürgerlich-radikale Ministerium für ein Übel erklären, würden sie seine Halbheit, seine Unzuverlässigkeit als eine notwendige Folge der von ihm vertretenen Klasseninteressen erkennen lassen, würden sie seine Akte der Feindseligkeit gegen das Proletariat brandmarken, wie wir in Deutschland es der bürgerlichen Demokratie gegenüber tun, dann dürften sie auch gelegentlich für diese Demokratie stimmen, ohne fürchten zu müssen, dadurch die Massen zu verwirren, da man sie erkennen ließe, dass man nur für das kleinere Übel stimmt, das aber trotzdem ein Übel ist, dass daher das Proletariat nur dadurch zu einer Wahrung seiner Interessen kommen kann, wenn es der Sozialdemokratie die Macht gibt, mit beiden Übeln aufzuräumen, dem kleineren wie dem größeren, der bürgerlichen Demokratie wie der Reaktion.
Was sollen dagegen die proletarischen Massen davon halten, wenn man ihnen immer und immer wieder demonstriert, die Arbeiterfeindlichkeit des bürgerlichen Liberalismus sei nicht dem bürgerlichen Klassenhass, sondern nur einigen zufällig eingeschlichenen Personen und ersterbenden Erinnerungen aus früheren Zeiten zuzuschreiben, und was der mit den Sozialisten verbündete Liberalismus für das Proletariat leiste, seien enorme Fortschritte von äußerster Fruchtbarkeit? Alle Grenzen zwischen Liberalismus und Sozialismus werden dadurch verwischt. Ein Arbeiter, der diese Entschuldigungen und Lobpreisungen für bare Münze nimmt, muss zur Ansicht kommen, ein bürgerlicher Radikaler könne seine nächsten Interessen, und das sind die entscheidenden, ebenso gut vertreten wie ein Sozialist. Ein Arbeiter dagegen, der die bürgerlichen Radikalen schon genügend kennt, muss durch diese Verwischung der Grenzlinien zur Anschauung kommen, die Sozialisten seien auch nichts Besseres als diese alten Phrasendrescher und Betrüger des Proletariats; sie versuchten bloß, das Geschäft der alten bankrotten Firma unter einem neuen Namen fortzusetzen. Im ersteren Falle wird dadurch der Arbeiter dem Radikalismus zugetrieben, im zweiten Falle dem Anarchismus.
Das ist es, was die Jaurèssche Taktik so gefährlich macht. Wir wiederholen es, und es ist wichtig, dies zu sagen, um alle Mißdeutungen zu vermeiden: nicht die Beteiligung an praktischer Reformtätigkeit noch auch die Unterstützung des Kabinetts Combes wird ihm vorgeworfen. Weder das eine noch das andere wird durch die Dresdener Resolution gehindert, wohl aber die Erhebung der Sozialdemokratie zu einer Regierungspartei, welche die Verantwortung für alle Akte der bürgerlichen Regierung trägt und danach auch ihre Propaganda einrichtet.
Soviel zur Kennzeichnung der gehaltenen Reden. Und nun noch ein Wort über die Abstimmung und ihre wahrscheinlichen Folgen.
Nicht nur durch die Würde und Ruhe seiner Verhandlungen und deren hohes geistiges Niveau, sondern auch durch ihr Ergebnis ist der Amsterdamer Kongress geeignet, befriedigend und erhebend zu wirken. Es ist zu hoffen, dass nicht bloß diejenigen, die für die unveränderte Dresdener Resolution stimmten, sondern auch die Mehrzahl der Verfechter der abgelehnten Adler-Vanderveldeschen Fassung zu dieser Empfindung kommen. Denn wenn sie die Dresdener Resolution ändern wollten, geschah es nicht, weil sie ihren Inhalt missbilligten, sondern weil sie glaubten, dass die Fassung einzelner ihrer Sätze persönlich verletzend wirken und dadurch manchen abstoßen könnte, den festzuhalten wir alle Ursache haben, und dass sie so die Einigung der französischen Sozialisten erschweren würde.
Dass diese Befürchtungen unbegründet waren, haben kurz nach der Abstimmung noch auf dem Kongresse selbst die versöhnlichen Erklärungen der Genossen Vaillant und Renaudel gezeigt. Diese Erklärungen zeigten, wie sehr gerade die Dresdener Resolution die Sache der sozialistischen Einigung in Frankreich zu fördern geeignet ist. Denn sie bietet der im Geiste einer wirklich selbständigen proletarischen Klassenpolitik wirkenden Minderheit der sogenannten Jaurèsisten einen mächtigen moralischen Rückhalt in der proletarischen Masse ihrer Genossen, der vielleicht imstande ist, aus ihr, die heute schon eine ansehnliche Macht darstellt, eine Majorität zu machen, und ihr die Kraft zu geben, die jaurèsistischen Organisationen wieder in die gleiche Aktionsrichtung zu drängen, in der sich heute nicht bloß die P.S.D.F., sondern die große Masse des internationalen Sozialismus bewegt, und dadurch die unerlässliche Vorbedingung einer wirklichen und dauernden Einigung der beiden feindlichen Bruderparteien zu schaffen.
Die Pariser Resolution, die der Vermittlung zwischen den beiden Fraktionen dienen sollte, leitete vielleicht gerade dadurch den Bruch zwischen ihnen ein. Möge es nun der strengeren Resolution von Amsterdam-Dresden gelingen, wieder Einheitlichkeit und damit Einheit in den französischen Sozialismus zu bringen, so dem Proletariat Frankreichs wieder zu der ihm nach seiner Zahl, seiner Geschichte, seiner Intelligenz, seinem Enthusiasmus gebührenden Kraft und Macht zu verhelfen und der Armee der internationalen Sozialdemokratie an Stelle zweier sich befehdender und dadurch zur Ohnmacht bringender Divisionen ein geschlossenes, wohlorganisiertes und dadurch siegreiches Armeekorps zuzuführen! Dann werden auch diejenigen, die gegen die Dresdener Resolution gestimmt, sich des Sieges derselben erfreuen, und der Amsterdamer Kongress wird nicht nur der schönste und erhebendste, sondern auch der fruchtbarste Kongress genannt werden können, den die neue Internationale bisher abgehalten.
1. Zur Erheiterung unserer Leser sei bei dieser Gelegenheit ein drolliger Lapsus mitgeteilt, der dem Berichterstatter für die deutsche Parteipresse passierte. Vandervelde sprach von Jaurès als einem „brüllenden Löwen“ (lion rugissant). Unser Berichterstatter nahm rugissant für rougissant und setzte so das Wundertier von einem „errötenden Löwen“ in die Welt.
Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2026