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Jetzt ist zu der chronischen und immer mehr sich komplizierenden nationalen Krisis Österreichs noch die akute seines Dualismus hinzugetreten, wodurch sich die Verworrenheit seiner inneren Lage aufs höchste steigert.
Seitdem die österreichische Regierung nach der Katastrophe von 1866 vor den Ungarn kapitulierte und ihnen volle Selbständigkeit in allen inneren Angelegenheiten zugestand, so dass sie nur noch durch die gemeinsame Armee und die gemeinsame äußere Politik mit dem Reste Österreichs zusammengehalten wurden – seitdem haben sich die Ungarn der westlichen Reichshälfte gegenüber stets als die Stärkeren erwiesen.
Das lag einmal daran, dass sie weit weniger durch nationale Kämpfe geschwächt wurden. Westösterreich besteht vorwiegend aus alten Nationen, die schon ein reiches nationales Leben gekannt hatten, ehe sie zum Reich der Habsburger geschlagen wurden. Mit Ausnahme der Deutschen waren sie – Italiener, Polen, Tschechen – Österreicher geworden durch Niederwerfung oder Zerstückelung ihrer Nation. Alle ihre nationalen Traditionen brachten sie in Gegensatz zu Österreich und seiner herrschenden Nation, der deutschen. Ihr nationales Leben musste sofort lebhaften Aufschwung nehmen, sobald die kapitalistische Gesellschaft sich in Österreich entwickelte, und das geschah bei diesen Nationen weit früher, als bei den beherrschten Nationen Ungarns.
Diese letzteren sind ökonomisch rückständig, reine Ackerbauvölker, ohne jegliche Geschichte, wie die Slowaken, oder, soweit sie eine Geschichte haben, wie die Serben, ohne den Madjaren, dem herrschenden Volke in Ungarn, allzu feindliche Traditionen. Nicht die Madjaren, sondern die Türken hatten ihre Volkskraft gebrochen, dieselben Türken, gegen welche die Madjaren im Vorkampf gestanden waren. Nur langsam und schwach entwickelte sich bei den nicht madjarischen Stämmen Ungarns ein nationales Leben, die Madjaren konnten bisher schalten und walten nach Herzenslust.
Aber die Madjaren erwiesen sich nicht bloß kraftvoll nach unten, sondern auch trotzig nach oben. Die herrschende Klasse Westösterreichs ist eine noch sehr in den Traditionen eines verkommenden Kleinbürgertums befangene, von dem aufsteigenden Proletariat erschreckte Bourgeoisie, die noch um ein gut Teil feiger und serviler auftritt, als die Deutschlands, ebenfalls dank den nationalen Gegensätzen. Statt einig zusammenzuhalten gegen Hof und Adel, ist sie national zersplittert, und die Bourgeoisie jeder Nation sucht die der anderen zu übertrumpfen durch ein Wettkriechen um ein gnädiges Lächeln von oben.
In Ungarn dagegen ist die politisch wichtigste Klasse der Kleinadel, das Junkertum, eine wehrhafte und trotzige Klasse, wie man auch in Preußen sehr wohl weiß, die Einzige außer dem Proletariat, die heute noch Männerstolz vor Königsthronen aufzuweisen vermag. Und ihr Trotz ist in Ungarn umso ungebrochener, als sie sich noch von keinem zahlreichen und kraftvollen Proletariat bedroht fühlt.
Freilich, die städtische Bourgeoisie und Beamtenschaft, die sich zumeist aus dieser Klasse rekrutiert, sowie daneben aus einer Judenschaft, die noch alle Merkmale orientalischer Wirtschaft an sich trägt, lässt an Korruption nichts zu wünschen übrig. Auch das ist keine zufällige, sondern eine gesetzmäßige Erscheinung.
Das kleine Handwerk strebt wenigstens überall dort, wo es noch nicht im Niedergang ist, nach Ehrlichkeit und Pflichterfüllung; Bourgeoisie und Staatsverwaltung find am freiesten von Korruption dort, wo sie aus einem starken, entwickelten Kleinbürgertum hervorwachsen.
Dagegen verliert der Grundbesitzer leicht jeden sittlichen Halt, wenn er in die Stadt kommt; das gilt auch vom bäuerlichen, noch mehr aber vom anspruchsvollen größeren Grundbesitzer, dem Aristokraten, der von vornherein den Staat als seine Beute ansieht, die es nicht zu verwalten, sondern zu plündern gilt.
Wo Bourgeoisie und Beamtenschaft nicht aus einem entwickelten, auf einem kräftigen Handwerk basierenden Kleinbürgertum, sondern aus deklassierten Grundbesitzern und deren Nachkommen sich rekrutieren, da herrscht in den Städten und in der Staatsverwaltung die ärgste Korruption, die seltsam kontrastiert mit der Ritterlichkeit und der Biederkeit der Landbewohner der gleichen Nation. Das können wir von Russland und der Türkei bis zu den Buren verfolgen. Das finden wir auch in Ungarn.
Aber so korrupt auch ein großer Teil der Bourgeoisie, der Staatsverwaltung, der Politiker Ungarns ist, eines scheint keinem Madjaren käuflich zu sein, sein Chauvinismus. Der ist noch größer als alle Korruption.
So zeigen sich die Ungarn wehrhaft und trotzig auch gegenüber ihrem König. Dank dem haben sie durch den Dualismus immer Österreich beherrscht und ausgebeutet, in noch höherem Maße als die preußischen Junker Deutschland.
Bisher mussten für die gemeinsamen Bedürfnisse Ungarn 30 Prozent und Österreich 70 Prozent aufbringen. Dagegen verhält sich die Bevölkerung Ungarns zu der Österreichs wie 42 Prozent zu 58 Prozent, und in demselben Verhältnis werden sich die Rekruten verteilen, die jede der Reichshälften zur Armee stellt. Die Heereslasten sind aber so gut wie die einzigen der gemeinsamen Ausgaben. Im Reichsbudget für 1902 entfallen von 358 Millionen Kronen Ausgaben 344 Millionen auf Heer und Marine. Ein Teil davon, etwa ein Drittel, wird aus dem Ertrag der Zölle gedeckt, der Rest durch Beiträge der beiden Reichshälften. Dank der famosen Bemessung der Quoten hatte Ungarn pro Kopf im Durchschnitt der letzten Jahre rund 4 Kronen, Österreich dagegen 6 Kronen zu zahlen.
So wird also durch den Dualismus eine der drückendsten Lasten des modernen Staates, die des Militarismus, für Ungarn sehr erleichtert.
Gleichzeitig ist aber die gesamte äußere, namentlich die Handelspolitik, der Monarchie in den Dienst seiner Interessen gestellt. Die Industrie der westlichen Hälfte des Reiches bedarf dringend einer den Balkanstaaten freundlichen Politik, die den nächsten und besten Markt für ihre Produkte bilden. Aber diese Staaten sind auch Exporteure landwirtschaftlicher Produkte und als solche Konkurrenten der Ungarn. Und so wird eine Politik der Abschließung, ja der Feindseligkeiten gegenüber den Balkanstaaten geübt, die der österreichischen Industrie verderblich wird, dafür aber die Profite der ungarischen Agrarier erhöht.
Ungarn hat also von dem Dualismus bisher den größten Vorteil gezogen; die westliche Reichshälfte hat nur Nachteile davon gehabt. Man sollte annehmen, diese müsste es sein, die am entschiedensten auf das Aufgeben des Dualismus, auf die völlige Selbständigkeit der beiden Reichsteile hinwirkte, indes man von den Ungarn das Gegenteil erwarten könnte. Tatsächlich aber sehen wir das Umgekehrte sich vollziehen. Wie ist das zu erklären?
Um das zu begreifen, muss man drei Faktoren in Betracht ziehen: die Bedürfnisse der Dynastie, die der ungarischen Industrie und das Erwachen der nichtmadjarischen Nationen Ungarns.
Wir haben gesehen, dass deren nationales Empfinden und ihr nationaler Zusammenschluss bisher, dank ihrer ökonomischen Rückständigkeit und ihrem Mangel an nationalen Traditionen, hinter den entsprechenden Erscheinungen in der westlichen Reichshälfte weit zurückblieben. Aber sie wachsen doch an, werden immer stärker und der madjarischen Hegemonie immer gefährlicher. Welche Summe nationaler Feindseligkeit gegen die Madjaren sich bereits stellenweise angesammelt hat, haben die jüngsten Unruhen in Kroatien deutlich bewiesen. Dies zunehmende nationale Empfinden äußert sich aber nicht immer in einem Schielen über die Grenze hinüber; viel näher liegt es und viel leichter erreichbar scheint es für die nichtmadjarischen Nationen Ungarns, durch Aufhebung des Dualismus, durch Wiedervereinigung der beiden Reichshälften zu einem geschlossenen Reichskörper die Vorherrschaft der Madjaren zu brechen. Überwindung des Dualismus durch ein föderalistisch organisiertes Gesamtösterreich wird ihr nicht immer offen ausgesprochenes, aber tatsächlich erstrebtes Ziel.
Sie erreichen es aber umso schwerer, je selbständiger Ungarn ist, je unumschränkter das Madjarentum über alle Kräfte der Staatsgewalt verfügt, je mehr es imstande ist, mit Waffengewalt jedem Versuch entgegenzutreten, es wieder einem Staate einzufügen, in dem es zu einer Minderheit wird. Dazu passt sehr gut das Streben nach einer selbständigen ungarischen Armee, obwohl Ungarn diese allein bezahlen müsste, während zu der Erhaltung der bisherigen ungarischen Regimenter die Westhälfte der Monarchie ein hübsches Stück Geld zuschoss.
In gleicher Richtung wirkt das Streben nach Schaffung einer ungarischen Großindustrie. Jede Nation will ihre eigene kapitalistische Industrie haben, weil das Fehlen derselben sie in ökonomische Abhängigkeit von kapitalistisch entwickelten Nationen bringt. Aber selten versuchen die herrschenden Klassen, zur Herstellung der Vorbedingungen einer entwickelten Großindustrie Kulturarbeit zu leisten, vor allem die intellektuelle Hebung des Proletariats und die Ausdehnung des inneren Marktes durch Hebung der Lebenshaltung der Volksmassen herbeizuführen. Die Anfänge des Kapitalismus vollziehen sich meist, und auch in Ungarn, mit einer Auspowerung der bäuerlichen Bevölkerung und einer Degradierung des aus ihr sich rekrutierenden Proletariats. Unter solchen Umständen aber kann eine dem fortgeschrittenen Ausland gewachsene Großindustrie sich nicht entwickeln. Der Schutzzoll erscheint daher überall den herrschenden Klassen als ein viel probateres und auf jeden Fall bequemeres Mittel, die Industrie zu fördern, als die Verbreitung höherer Kultur. So sehnen sich auch die Ungarn nach einer eigenen Zollgrenze, trotzdem der Dualismus ihnen die äußere Handelspolitik der Gesamtmonarchie völlig dienstbar machte.
Bei ihrem Streben nach möglichster Selbständigkeit gegenüber der Gesamtmonarchie müssen sie aber in Gegensatz zu den Interessen der Dynastie geraten. Die Macht des Herrschers ist unter sonst gleichen Umständen umso größer, je einheitlicher und geschlossener die Staatsgewalt ist, über die er verfügt. Franz Josef verstand sich zum Dualismus erst nach der Katastrophe von Königgrätz, und auch da nur unter der Voraussetzung, dass wenigstens die Armee und die Zollschranken gemeinsam blieben. Hört auch diese Gemeinsamkeit auf, kommt es zur reinen Personalunion zwischen den beiden Reichshälften, dann ist nicht bloß in der Gegenwart die Macht der Dynastie verringert, indem aus dem Beherrscher eines Großstaats der zweier Kleinstaaten wird, der Bestand der Dynastie selbst ist in einer der beiden Hälften gefährdet, sobald ein Konflikt zwischen ihnen ausbricht. Der Monarch wird noch mehr gezwungen, bei jedem Gegensatz zwischen den Reichsteilen für den aggressiveren, rebellischeren zu entscheiden, er wird noch mehr der Gefangene der Ungarn, als er es jetzt ist, will er sich nicht dem Schlimmsten aussetzen, was einem in Ungarn passieren kann: als Agent des Auslandes zu gelten und behandelt zu werden.
Der Gegensatz zwischen den Interessen der Dynastie und denen der Madjaren droht sich aber immer mehr zuzuspitzen, je mehr die nichtmadjarischen Nationen in Ungarn erstarken und fähig werden, der Krone gegen eine madjarische Rebellion als Bundesgenossen zu dienen. Er dürfte sich zuspitzen auch aus persönlichen Gründen, sobald an Stelle des regierenden Kaisers der Thronfolger tritt. Franz Josef ist alt, gebeugt durch eine Reihe der härtesten Schicksalsschläge staatlicher und persönlicher Natur. Er liebt nicht mehr gewaltsame Konflikte und war populär bei den Ungarn, denen er nach 1866 eine Reihe der wertvollsten Konzessionen gemacht hatte, die sie für drei Jahrzehnte vollauf befriedigten. Der Thronfolger ist ein Heißsporn, der sich gegen jede Beschränkung seiner Herrschergewalt erbittert aufbäumt. Die Ungarn haben von ihm die schärfste Bekämpfung ihrer Bestrebungen nach größerer Selbständigkeit, ja, eine energische Förderung von Bestrebungen zu erwarten, die den Dualismus nicht durch die Herbeiführung der Personalunion, sondern durch die Wiederherstellung eines einheitlichen, wenn auch föderalistisch organisierten Österreich überwinden wollen, in dem die Madjaren nicht mehr bedeuten würden als etwa die Tschechen oder Polen.
Diese Aussicht verschärft aber schon die heutige Situation. Nicht bloß das Erstarken des nationalen Empfindens der nichtmadjarischen Völkerschaften, sondern auch der Hinblick auf den zu erwartenden Wechsel in der Person des Herrschers zeigt den Madjaren, dass nach vielleicht einem Jahrzehnt ihre Position weit ungünstiger wäre wie heute, wenn sie jetzt nicht ein tüchtiges Stück neuer Selbständigkeit erringen. Was ihnen jetzt nicht gelingt, dem alten Herrscher abzupressen, werden sie von dem neuen nicht erlangen.
Die Haltung der Madjaren wie die der Krone in dem ganzen Konflikt ist leicht begreiflich. Viel weniger begreiflich ist die Mehrheit der deutschen Politiker in Westösterreich, welche die Masse der durch das Wahlrecht privilegierten Klassen vertreten.
Man sollte meinen, dass sie die Absonderung Ungarns von Österreich als die Abschüttelung einer schweren Last freudig begrüßen müssten. Haben doch gerade die Deutschen neben den Tschechen am meisten die Kosten des Dualismus zu tragen. Einmal dadurch, dass gerade sie die industriell fortgeschrittensten Gegenden bewohnen, die am meisten unter der agrarischen Handelspolitik der Ungarn leiden, dann aber auch dadurch, dass sie den größten Teil der Steuern aufzubringen haben, aus denen die gemeinsame Armee erhalten wird.
Es betrugen 1899 pro Kopf:
|
Kronländer |
Direkte Steuern |
Verzehrungssteuern, Oktroi |
Jahresausgabe für |
Zusammen |
|
Niederösterreich |
31,65 |
17,12 |
18,27 |
67,04 |
|
Oberösterreich |
11,65 |
6,39 |
8,62 |
26,66 |
|
Salzburg |
11,79 |
10,31 |
10,97 |
33,07 |
|
Steiermark |
10,48 |
5,55 |
8,04 |
24,07 |
|
Böhmen |
10,68 |
17,30 |
9,27 |
37,25 |
|
Mähren |
10,14 |
21,81 |
6,88 |
38,83 |
|
Schlesien |
9,17 |
27,00 |
11,06 |
47,23 |
|
Galizien |
3,53 |
5,12 |
3,69 |
12,34 |
|
Bukowina |
3,95 |
4,61 |
4,00 |
12,56 |
|
Dalmatien |
2,69 |
0,90 |
2,45 |
6,04 |
|
In der gesamten Reichshälfte |
10,52 |
11,48 |
8,05 |
30,05 |
Nun wäre diese ungleiche Verteilung der Lasten nicht so schlimm, wenn sie eine Ausgleichung des Reichtums herbeiführte, wenn die höheren Einnahmen aus den industriellen Gegenden zur kulturellen Hebung der agrarischen, für Schulen, Verbesserung der Verkehrswege, Meliorationen und dergleichen verwendet würden. Das wäre eine Politik, die sich nicht bloß vom Standpunkt der internationalen Solidarität des Proletariats, sondern auch von dem egoistischen Geschäftsstandpunkt des Bourgeois bezahlt machte, weil sie durch die kulturelle Hebung der rückständigen Landstriche den inneren Markt erweiterte.
Aber anders steht die Sache, wenn die ganzen Einnahmen aus den wohlhabenden Gegenden bloß dazu dienen, den Moloch Militarismus großzuziehen.
Diese Gegenden werden dann ausgesogen und ihr industrieller Aufschwung unterbunden, ohne den mindesten Vorteil für die rückständigen, die ebenfalls weißgeblutet werden, so dass sie noch mehr als die industriellen ökonomisch verkommen.
1899 entfielen von den Staatsausgaben Zisleithaniens auf das Ministerium für Kultus und Unterricht 60.225.000 Kronen, auf das Ackerbauministerium 42.005.000. Dagegen auf gemeinsame Angelegenheiten (Armee) 250.505.000, daneben noch besonders für das Landesverteidigungsministerium 49.041.000, zusammen also 300 Millionen Kronen; und auf die Verzinsung der Staatsschuld 339.842.000 Kronen.
Die Deutschen in Österreich haben nicht das mindeste Interesse daran, den heutigen Zustand fortzuerhalten, der für sie eine bedeutende Erschwerung der an sich schon überall so drückenden Last des Militarismus bedeutet. Sie, neben den Tschechen, haben am meisten Ursache, zu rufen: Los von Ungarn!
Aber wie so oft, zeigen sich auch diesmal wieder die Deutschen Österreichs – das heißt ihre politisch bevorrechteten Klassen – mit unheilbarer Blindheit geschlagen. Aus den kurzsichtigsten und kleinlichsten Motiven widersetzen sie sich einer Entwicklung, die ihr eigenes Interesse dringend gebietet, wenn man es von etwas höheren Gesichtspunkten aus betrachtet.
Dank dem heutigen Wahlrecht, das die besitzenden Klassen bevorrechtet, sind die Sprachenkämpfe und überhaupt die Nationalitätenkämpfe in den Vertretungskörpern Österreichs Kämpfe nicht der Nationen, sondern bloß ihrer oberen Schichten. Dank aber der industriellen Rückständigkeit und Stagnation hat der Nachwuchs dieser Klassen nur wenig Gelegenheit, durch geschäftliche Tätigkeit vorwärts zu kommen. Der Staats- und Gemeindedienst, überhaupt das öffentliche Amt wird da von weit größerer Bedeutung als etwa in England oder auch in Deutschland. Es wird die Hauptzuflucht der „Intelligenz“, des bürgerlichen und auch bäuerlichen Nachwuchses. Und seine Bedeutung für sie wächst in dem Maße, als Bauer und Kleinbürger verkommen, wie das in Österreich der Fall ist trotz der Stagnation der kapitalistischen Entwicklung. Denn wenn es ein Gesetz der kapitalistischen Produktionsweise ist, dass der Großbetrieb, wo er aufkommt, den Kleinbetrieb erschlägt, so ist damit nicht gesagt, dass heute der Kleinbetrieb überall gedeiht, wo der Großbetrieb nicht Fuß zu fassen vermag. Der Großbetrieb versagt dort, wo die Verhältnisse jede profitable Produktion unmöglich machen. Dort verkommt aber auch der Kleinbetrieb. In dieser angenehmen ökonomischen Lage ist Österreich.
Staat, Land, Gemeinde haben aber nicht Platz für alle die zahlreichen Bewerber, welche die ökonomische Stagnation ihnen zutreibt, und so entsteht ein wilder Kampf der einzelnen Nationen um die Ämter – die Stellen von Lehrern, Richtern, Verwaltungsbeamten, Offizieren. Die Deutschen oder, besser gesagt, die Deutschsprechenden, hatten ehedem das Monopol auf diese Stellen; nun werden sie in den nichtdeutschen Gegenden aus dem Gemeinde- und Provinzialdienst hinausgedrängt, sogar aus den unteren Staatsstellen. Umso krampfhafter halten sie an der deutschen Armeesprache fest. Wenigstens in der Armee soll der deutsche Offizier bevorzugt, der deutschsprechende allein zum Dienst zugelassen sein.
Neben der Rücksicht auf die Reservierung der Offiziersstellen für deutsche Jünglinge, die ihre Herren Eltern anderswo nicht unterzubringen wissen, bestimmt aber die deutschen Politiker noch eine Rücksicht „realpolitischer“ Natur.
Sie wollen die anderen Nationen im Wettkriechen schlagen, der Krone beweisen, dass bei den Deutschen allein ihre Rechte gut aufgehoben sind, dass die Deutschen allein zuverlässige Lakaien abgeben, dass sie daher alle Ursache hat, das deutsche Element zu hegen und zu pflegen.
Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen. Tatsächlich hat nirgends die Politik, durch Entgegenkommen von einer herrschenden Klasse Konzessionen zu erbetteln, so Bankrott gemacht, wie in Österreich. Nicht die loyalste, sondern die rebellischste Nation hat seit 1848 die meisten Konzessionen erlangt, diejenige, die damals erklärte, die Dynastie Habsburg habe aufgehört, zu regieren, und der man es zutraut, sie könnte diese Erklärung wiederholen, wenn ihr Interesse es erheischt. Dagegen haben jene Elemente, auf deren Loyalität die Krone unbedingt rechnen konnte, stets schlechte Geschäfte gemacht – in Österreich und auch anderswo.
Anders als die besitzenden Klassen der Deutschen stellt sich die internationale Sozialdemokratie Österreichs. Seit Jahren hat sie ein klares und entschiedenes Programm, wie in der Nationalitätenfrage im Allgemeinen, so in der des Dualismus insbesondere. Für die erstere lautet es: Autonomie der Nationen. Für die andere: Trennung der beiden Reichshälften, Aufhebung des jetzigen Zwitterzustandes, der beide Hälften beengt und zu nichts dient, als Reibungsflächen zu schaffen, durch welche die ohnehin schon komplizierten nationalen Gegensätze des Staates noch künstlich kompliziert und verschärft werden.
Das sozialdemokratische Programm ist das einzige, das eine wirkliche Lösung des österreichischen Nationalitätenproblems bedeutet. Aber es wird nur von der Sozialdemokratie vertreten und darum ist keine Aussicht auf seine Verwirklichung vorhanden, ehe das Proletariat die politische Macht in Österreich erobert hat. Denn es bedeutet die Auflösung Österreichs als zentralisierte Großmacht mit gemeinsamer Armee und Bureaukratie, seine Verschweizerung, seine Verwandlung in einen Bund von Nationalitäten, in deren Mitte die weitestgehende Autonomie von kleinen Kantonen oder Bezirken und Gemeinden herrscht.
Eine solche Umwandlung wäre nur zu erreichen durch eine Revolution, die das alte Österreich totschlüge. Wer aber hätte ein Interesse daran, Österreich wieder zu neuem Leben zu erwecken, wenn es einmal tot ist? Der Bestand Österreichs ist heute ein Produkt der Verlegenheit, nicht innerer Notwendigkeit; solange Österreich besteht, müssen seine Bewohner, also auch die Sozialdemokraten, suchen, es lebensfähig zu gestalten, weil sie darin zu leben haben. Ist aber das alte Österreich einer Katastrophe oder seinem Marasmus erlegen, dann werden seine Elemente frei, und weit entfernt, nach neuen Formen des Zusammenlebens zu suchen, werden sie sich möglichst separieren, namentlich die Bestandteile alter, historischer Nationen, Deutsche, Polen, Italiener. Ob auch der Rest sich benachbarten national verwandten Staaten angliedert – Ruthenen, Rumänen, Serben – oder eine eigene Staatsbildung versucht – Tschechen, Madjaren – oder endlich es vorzieht, ein neues Österreich auf Grundlage der Autonomie der Nationen zu gründen, das hier zu erörtern, wäre müßig, weil es unmöglich ist, darüber etwas vorauszusehen. Es dürfte weder ein sehr einfacher, noch ein sehr friedlicher Prozess sein, in dem sich das Völkerchaos Südosteuropas zu seiner schließlichen nationalen Konsolidierung durchringt.
Aber wie dem auch sein möge, auf jeden Fall erscheint eine endgültige Lösung der österreichischen Nationalitätenprobleme oder auch nur eine Lösung der Krise des Dualismus unmöglich, solange das heutige Regime dauert. Man kann nichts als Provisorien herstellen, „fortwursteln“, man kann keine der großen nationalen Fragen aus der Welt schaffen. Im Gegenteil, gleich den sozialen Gegensätzen müssen sich auch die nationalen immer mehr verschärfen.
Auch hier ist die bürgerliche Welt soweit, dass sie die Konsequenzen ihres eigenen Wesens nicht mehr zu ziehen wagt. Zu ihren Aufgaben gehörte wie die Herstellung der juristischen Gleichheit und politischen Freiheit, so auch die Gruppierung und Zusammenfassung der Nationen in Nationalstaaten. Aber wie alle großen, historischen Probleme, die aus der Zuspitzung von gesellschaftlichen Gegensätzen hervorgehen, ist auch dieses im modernen Großstaat nur durch Katastrophen lösbar, welche die Hindernisse der Neugestaltung aus dem Wege räumen. In Kriegen und Revolutionen wurden die Nationalstaaten geschaffen. Heute ist indes die bürgerliche Gesellschaft so morsch geworden, dass sie keine politische Katastrophe mehr aushalten könnte. Sie schaudert vor jeder zurück und bietet ihre ganze Kunst auf, jede Lösung, und sei sie noch so dringend, zu vertagen, wenn diese nur durch eine Katastrophe herbeigeführt werden kann, durch eine Kraftprobe, die es dem Sieger gestattet, seinen Willen vollständig zur Geltung zu bringen.
Aber je weiter sie die Lösungen der alten Fragen hinauszuschieben versteht, desto gewaltiger der Umfang, den die schließliche Katastrophe annehmen muss; desto mehr gesellen sich zu den alten, ungelösten Fragen neue, welche die alten komplizieren und die Gegensätze vertiefen, desto riesenhafter freilich auch die Aufgaben, die in dieser kommenden großen Katastrophe dem Sieger zufallen.
Wir haben gar keine Ursache, zu wünschen, dass die Entwicklung in dieser Weise vor sich gehe, weil sie die Anforderungen, die dadurch an unser Können gestellt werden, aufs höchste steigert. Aber dieser Wunsch darf uns nicht blind machen dagegen, dass das der wirkliche Gang der Entwicklung ist, dem wir uns anzupassen haben, um allen Eventualitäten gewachsen zu sein.
Nichts könnte der Sozialdemokratie Österreichs willkommener sein, als eine endgültige Lösung der Nationalitätenfrage schon im jetzigen Staate. Ihr Wirken würde ihr dadurch unendlich erleichtert. Aber gegen die Impotenz der bürgerlichen Gesellschaft ist kein Kraut gewachsen. Ich hatte früher einmal erwartet, das Anwachsen des proletarischen Klassenkampfes werde die Bourgeoisien der verschiedenen Nationen einander nähern, aber bisher ist das Gegenteil dieser Erwartung eingetroffen, wie wir im Allgemeinen bemerken können, dass die bürgerliche Welt immer mehr zerklüftet, je mehr das kämpfende Proletariat fortschreitet. Große Siege der Sozialdemokratie können vorübergehend diese Zerklüftung überwinden und unsere Gegner zu einer reaktionären Masse vereinigen, auf die Dauer lässt sich diese nicht zusammenhalten, es sei denn, sie merkte, dass ihr letztes Stündlein naht. Und so werden wohl für absehbare Zeit unsere Genossen in Österreich dazu verurteilt bleiben, in einem stets wilder werdenden nationalen Chaos nicht bloß gegen die Angriffe unserer Gegner, sondern auch gegen eine wachsende Flut nationaler Strömungen und Gegensätze innerhalb rückständiger Proletarierschichten selbst ununterbrochen ankämpfen zu müssen. Das ist eine harte Arbeit, indes es ist ihnen bisher gelungen, die Fahne der internationalen Solidarität festzuhalten, dank ihrem klaren Programm und ihrer stolzen Abwehr jeglichen Kompromißgedankens, und so wird es ihnen auch weiterhin gelingen.
1. Das Tabakmonopol warf der westlichen Reichshälfte 1899 133 Millionen Kronen Reingewinn ab, bei 76 Millionen Ausgaben. Zwei Drittel der Ausgaben für Tabak bilden also eine Steuerzahlung.