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Karl Kautsky, Die Nationalitätenfrage in Russland, Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 98, 29. April 1905.
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Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Meine armenischen Freunde haben mich ersucht, der vorliegenden Übersetzung meiner Schrift über das Erfurter Programm einige Worte über die nationale Frage vorauszusenden, die für die armenischen Sozialisten, und namentlich jetzt, besondere Bedeutung habe.
Es ist natürlich unmöglich, eine erschöpfende Darstellung der nationalen Frage auf wenigen Seiten zu geben. Ist doch die Nation nicht eine von Natur gegebene Gemeinschaft, wie die Massentheoretiker annehmen, sondern ein gesellschaftliches Gebilde, das zu verschiedenen Zeiten den verschiedensten Bedingungen entspringt, die verschiedensten Formen annimmt, sich in beständigem geschichtlichem Fluss befindet. Selbst unter den heutigen Kulturvölkern ist der Begriff der Nationalität je nach ihrer besonderen geschichtlichen Entwicklung sehr verschieden, und jeder unserer internationalen Kongresse weiß von den Schwierigkeiten zu erzählen, die daraus erwachsen. Die französische Nation, die irische, die australische, die jüdische, die armenische, bedeuten jede etwas ganz andres.
Indes, wie verschieden auch die geschichtlich gewordenen Nationen sein mögen, eines kennzeichnet jede von ihnen: die Sprachgemeinschaft. Nicht alle, die die gleiche Sprache sprechen, bilden immer die gleiche Nation, aber stets sprechen alle Mitglieder der gleichen Nation die gleiche Sprache. Die Sprache ist eben das wichtigste gesellschaftliche Bindemittel, ohne sprachliche Gemeinschaft ist kein gesellschaftliches Zusammenwirken möglich.
Aber die nationale oder sprachliche Gemeinschaft und die staatliche Gemeinschaft fallen nicht notwendigerweise zusammen. Daraus ergeben sich Gegensätze, die die modernen nationalen Fragen bilden.
Vor dem Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise konnte ein Staatswesen ohne Schwierigkeiten die verschiedensten Nationalitäten umfassen. Ein solches Staatswesen, z. B. ein mittelalterliches oder ein orientalisches, bildete ein Konglomerat der verschiedensten Gemeinden, Gaue, Markgenossenschaften, die untereinander geringen Verkehr hatten, ihre inneren Angelegenheiten selbst ordneten, jede für sich allein mit der Zentralgewalt verkehrten; ein Verkehr, der sich fast nur um die Höhe der Tributzahlungen drehte, mit denen die Zentralgewalt anfangen mochte, was sie wollte. Jede dieser Gemeinden oder Genossenschaften mochte da einer anderen Nationalität angehören, und die Zentralgewalt wieder einer besonderen Nationalität, das machte nichts aus. Dafür war auch das Gefüge solcher Staaten ein sehr loses. Ein glücklicher Eroberer mochte da über Nacht ein Weltreich zusammenraffen; eine verlorene Schlacht konnte ein solches Reich in tausend Atome zerstieben lassen.
Die kapitalistische Produktionsweise brachte einen lebhaften Verkehr der einzelnen Gemeinden und Gaue eines Staates untereinander und mit seinen kommerziellen und industriellen Zentren; sie vernichtete die Abgeschiedenheit der einzelnen Lokalitäten, stellte die innigste Gemeinschaft zwischen ihnen her und erzeugte ein Interesse an der Staatsverwaltung und Staatsgestaltung zunächst in den der kapitalistischen Produktion am nächsten stehenden Klassen – Kapitalisten, Intelligenz, industrielles Proletariat, großstädtisches Kleinbürgertum, nach und nach aber selbst bei dem kleinstädtischen Kleinbürgertum und der Bauernschaft. Damit erweiterte sich in den unteren, den demokratischen Klassen ihr demokratisches Streben, das früher nur der Gemeinde und dem Gau gegolten, nun auf den Staat; das Bedürfnis nach einer demokratischen Gestaltung des Staates kam auf. Gleichzeitig aber gerieten nun die nationalen Verschiedenheiten immer mehr in Konflikt mit dem Streben nach staatlicher Einheit. Am festesten gefügten und am kraftvollsten erwiesen sich die Staaten, innerhalb deren nur eine Sprache gesprochen wurde. In mehrsprachigen Staaten entstand dagegen der Kampf der Nationalitäten untereinander. Denn der moderne Einheitsstaat entfaltete nun überall das Bestreben, das mächtigste gesellschaftliche Bindemittel, die Sprache, in seinem Innern einheitlich zu gestalten, Staatsverwaltung, Rechtsprechung, Unterricht in einer und derselben Sprache vornehmen zu lassen; diejenige Nationalität, deren Sprache dadurch bevorzugt wurde, erlangte aber dadurch gewaltige politische und ökonomische Vorteile vor den andern. Das rief natürlich den heftigsten Widerstand der benachteiligten Nationen hervor. In demselben Maße, in dem die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt und die Tendenzen zum modernen Einheitsstaat verstärkt, wachsen in dessen Schöße nicht bloß die staatlich-demokratischen Bestrebungen, sondern, wenn er mehrere Nationen umfasst, auch die nationalen Kämpfe. Beide sind Kinder der gleichen Mutter und mit der modernen Entwicklung naturnotwendig verknüpft.
Anderseits wächst mit der Zunahme des Verkehrs auch der Austausch von Ideen zwischen Mitgliedern der gleichen Nation, die verschiedenen staatlichen Organisationen angehören; und je heftiger der Nationalitätenkampf entbrennt, desto stärker empfindet jede Nationalität das Bedürfnis nach engem Zusammenschluss ihrer Teile, als dem besten Mittel, ihre volle Kraft zu entfalten. So erzeugt die kapitalistische Produktionsweise in Nationen, die über mehrere Territorien verteilt sind, welche aneinandergrenzen, aber verschiedenen Staaten angehören, das Bestreben, diese Territorien zu einem einzigen Staatswesen zusammenzuschließen, sie also von ihren bisherigen staatlichen Gemeinschaften loszulösen.
Auch diese nationale Tendenz wie die erstere ersteht mit Notwendigkeit aus der modernen ökonomischen Entwicklung und lässt sich ebenso wenig zurückdrängen, wie diese Entwicklung selbst. Wo solche nationalen Tendenzen noch um ihre Anerkennung zu kämpfen haben, da muss jede moderne Partei, auch die Vertreterin des Proletariats, die Sozialdemokratie, dieser Notwendigkeit Rechnung tragen; ebenso wie das Streben nach demokratischer Gestaltung des Staates muss sie auch das nach staatlicher Zusammenfassung und nach Selbständigkeit der einzelnen Nationen, in denen sie wirkt, unterstützen. In diesem Sinne muss sie daher ebenso national sein wie demokratisch.
Aber ebenso wenig wie sie eine bürgerlich-demokratische
Partei sein kann und sein darf, kann und darf sie nationalistisch in
demselben Sinne sein wie die herrschenden Klassen. Ihre nationale wie
ihre demokratische Politik muss im Einklang stehen mit dem Wesen des
proletarischen Klassenkampfes und erhält dadurch ein
eigenartiges Gepräge.
Vor allem muss die Sozialdemokratie natürlich im Gegensatz stehen zu jenem reaktionären Nationalismus, der, meist von ökonomisch reaktionären Klassen – Adel, Kleinbürgertum und ihren Ideologen – getragen, die nationalen Ziele nicht als etwas Neues, aus den modernen Verhältnissen Entspringendes auffasst, sondern sie aus den alten Traditionen ableitet, die sie wiederzubeleben sucht. Dies Streben kann bei Nationen, die eine glänzende Geschichte hinter sich haben, zeitweise auch Ideologen ergreifen, die sonst nicht reaktionär gesinnt sind.
So liebten es die deutschen Liberalen, die deutsche Einheit als eine Erneuerung des mittelalterlichen Kaisertums aufzufassen; die Tschechen, auch die demokratischen, möchten das Reich der alten böhmischen Könige wiederherstellen; unter den Polen ist der Traum der Wiederaufrichtung des alten Polen noch lebendig. Wie es in der Beziehung bei den Armeniern steht, weiß ich nicht, es dürfte aber auch nicht anders sein. Und doch waren diese alten Reiche gar nicht nationale Staaten im modernen Sinne, weil eben vor der kapitalistischen Produktionsweise die Grundlagen des Staates ganz andere waren, als nationale. Das römische Reich deutscher Nation, das die Hohenstaufen beherrschten, reichte von Dänemark bis Sizilien; die in Prag residierenden Přemysliden geboten zur Zeit ihrer größten Macht vom Riesengebirge bis zum adriatischen Meere, also weit über das ganze Gebiet des heutigen Österreich, außer Ungarn und Galizien; das Reich der polnischen Jagellonen erstreckte sich von Posen bis Kiew und Nowgorod, umfasste nicht bloß Polen, sondern auch Deutsche, Lithauer, Russen, Kosaken; und ebenso enthielt das armenische Reich des Tigranes die verschiedensten Nationen.
Die alte Herrlichkeit wiederherstellen heißt Mumien galvanisieren wollen. Aber schon das Träumen davon ist schädlich, weil es den Blick von den wirklichen Verhältnissen ablenkt und allen reaktionären Bestrebungen Vorschub leistet.
Jedes auch in dem modernen Streben bürgerlicher Parteien nach der Bildung wirklich nationaler Staaten kann, sich die Sozialdemokratie nicht vorbehaltlos anschließen. Muss sie auch den Drang nach nationaler Unabhängigkeit als berechtigt anerkennen und ihm Rechnung tragen, so ist doch damit nicht gesagt, dass sie jede Form unterstützt, die dieser Drang annimmt. Und diese Formen können sehr verschieden sein.
So lebt z. B. unter den verschiedenen Nationen, die an den Grenzen Russlands wohnen, Finnen, Letten, Polen, Kleinrussen, den verschiedenen kaukasischen Völkerschaften, ein starker Drang nach Selbständigkeit, ein Drang, der das Streben nach Aufhebung jeder staatlichen Gemeinschaft mit dem russischen Reiche, nach gewaltsamer Losreißung von Russland und völliger staatlicher Selbständigkeit der genannten Gebiete gezeitigt hat. Aber das gilt nur dem absolutistischen Russland gegenüber. Wird dieses durch ein demokratisches ersetzt, dann könnte der Drang dieser Nationen nach Selbständigkeit auch in der Weise befriedigt werden, dass sie im Verband des russischen Reiches bleiben, dieses selbst aber umgewandelt wird und den Charakter eines Bundesstaats annimmt, der „Vereinigten Staaten von Russland“. Das könnte sogar im Interesse der einzelnen Nationen liegen. Was die englischen Kolonien an England fesselt, ist die Tatsache, dass ihre Selbständigkeit durch die Verbindung mit dem mächtigen Mutterlande viel besser gesichert ist, als wenn jede von ihnen isoliert den verschiedenen Großmächten der Welt gegenüberstände.
Eine ähnliche Erwägung könnte sogar die stärkste der Nationen an den Grenzen Russlands mit dem lebhaftesten nationalen Gefühl veranlassen, innerhalb des Reichsverbandes zu bleiben. Gerade für die Polen – und ähnliches gilt für die Armenier – ist die nationale Frage nicht bloß die der Unabhängigkeit vom Zarentum, sondern auch die der Vereinigung der verschiedenen Teile der Nation in einem einheitlichen Staatsverband. Welche Formen immer dieses Streben in der Praxis annehmen mag, auf jeden Fall werden die Polen, ebenso die Armenier dabei mehr erreichen, wenn sie sich auf ein mächtiges Russland stützen, als wenn sie im Gegensatz zu diesem ständen.
Ob die nationalen Bestrebungen der Polen und anderer Grenzvolker Russlands die Form des Strebens nach Losreißung vom Reich oder des Strebens nach Umgestaltung des Reichs im föderativen Sinne annehmen, hängt zum großen Teil von den Formen ab, die die Revolution im Innern Russlands annimmt. Ich habe oben auf das freundschaftliche Verhältnis zwischen England und den Kolonien hingewiesen. Dieses Verhältnis wäre unmöglich in einem bureaukratisch zentralisierten Staate, es ist nur möglich in einer Demokratie. Je kraftvoller in der Revolution Russlands das Proletariat sich betätigt, je mehr die Revolution nicht bloß eine liberale wird, sondern eine wirklich demokratische, desto mehr Anziehungskraft wird das Reich auch für seine Grenznationen erhalten, desto lieber werden sie den freien Bund mit ihm dem Kampf mit ihm vorziehen. Je weniger es dagegen gelingt, an dem heutigen Regime im Innern Russlands etwas zu ändern, desto mehr wird die Revolution an den Grenzen separatistische Tendenzen annehmen.
Je demokratischer Russland selbst, desto geringer aber auch das Interesse der westeuropäischen Demokratie daran, dass die polnische Revolution zur Losreißung Polens vom russischen Reich führt. Dies erschien notwendig, so lange keine Aussicht darauf bestand, den russischen Absolutismus von innen heraus zu zerbrechen, so lange ein freies Russland ein Traum blieb, den kaum jemand zu träumen wagte. Da war ein freies Polen nur möglich als selbständiger, von Russland losgelöster Staat, und war ein selbständiges Polen notwendig, die Macht des Zarismus einzuengen und Westeuropa gegen sein Vordringen und seinen Einfluss zu schützen, die Wiederkehr der heiligen Allianz unmöglich zu machen. Und ähnliches gilt vom Kaukasus. Die Losreißung des Kaukasus von Russland ebenso wie die Erhaltung der Türkei erschien den Demokraten Westeuropas bis tief in die siebziger Jahre als ein wichtiges Mittel, den Zarismus zu schwächen und damit die Sache der Demokratie allenthalben zu stärken.
Alle diese Erwägungen werden beseitigt durch die russische
Revolution, sobald diese die Demokratie an Stelle des Absolutismus
setzt. Nicht mehr an den Grenzen des Reichs, sondern in seinem Innern
wird jetzt der für die Demokratie wichtigste, entscheidende
Kampf geführt. Es liegt im gemeinsamen Interesse nicht nur der
Sozialdemokratie aller Nationen Russlands, sondern der gesamten
Sozialdemokratie Europas, ja der Welt, dass die Revolution im
eigentlichen Russland möglichst kraftvoll sei, ihr Ergebnis ein
möglichst demokratisches. Alle proletarischen Parteien
Russlands, welcher Nation immer sie angehören mögen, haben
daher im gegebenen Moment die Aufgabe, alles zu unterlassen, was die
Revolution im eigentlichen Russland schwächen, alles zu tun, was
sie stärken könnte. Sie müssen alle von dem
Bewusstsein durchdrungen sein, dass im Innern Russlands ihrer aller
Geschicke entschieden werden; sie dürfen nicht separatistische
Tendenzen und Forderungen in den Vordergrund stellen, müssen im
engsten Kontakt mit den Sozialdemokraten des eigentlichen Russlands
bleiben und diese tatkräftig fördern. Nicht minder
tatkräftig müssen sie natürlich innerhalb der eigenen
Nation selbst vorgehen, aber auch da müssen sie mit aller Kraft
für die gemeinsamen proletarischen Forderungen eintreten und die
energische Verfechtung der besonderen nationalen Forderungen, soweit
sie nicht schon in den allgemeinen enthalten, dem Zeitpunkt
vorbehalten, in dem die Entscheidung im eigentlichen Russland
gefallen ist. Von der Art dieser Entscheidung wird auch die
schließliche Gestaltung ihrer nationalen Forderungen
abhängen.
Wie immer die schließliche Form der staatsrechtlichen Stellung der Grenzgebiete Russlands sein mag, so wird damit doch nur ein Teil seiner nationalen Fragen gelöst; ein anderer kann auf diese Weise nicht aus dem Wege geräumt werden. Ob z. B. der Kaukasus einen selbständigen Staat bildet oder ein Gebiet der Vereinigten Staaten von Russland, die Stellung der armenischen Nationalität ist damit noch nicht entschieden. Es gibt eben in Russland, wie auf der Balkanhalbinsel, in Kleinasien, in Österreich große Gebiete, die nicht einer besonderen Nationalität angehören, sondern in denen die Nationen bunt durcheinanderwohnen und unmöglich territorial zu scheiden sind. Daraus entstehen nationale Fragen, die für einen Westeuropäer ganz unbegreiflich und mit den Mitteln Westeuropas nicht zu lösen sind. Dagegen sind sie z. B. den Österreichern sehr vertraut, man hat auch in Österreich schon seit einiger Zeit eine Reihe sinnreicher Vorschläge gemacht, um die Selbstverwaltung der Länder mit der der einzelnen Nationen zu kombinieren, und in der Partei-organisation der österreichischen Sozialdemokratie sind die beiden Arten Autonomie auch praktisch nebeneinander verwirklicht. Trotzdem, und obwohl Österreich durch seine nationalen Streitigkeiten aufs tiefste herunterkommt, haben die bürgerlichen Parteien sich der Idee der Autonomie der Nationen bisher hartnäckig verschlossen. Es zeigt sich auch hier wieder, dass die größte Schwierigkeit bei der Lösung einer gesellschaftlichen Frage die Machtverhältnisse der Klassen und nicht das Ausfindigmachen von praktischen Vorschlägen ist. Wo ein Wille ist, da findet sich leicht auch ein Weg. Dagegen nutzt das Bahnen des schönsten Weges nichts, wenn der Wille fehlt, das Ziel zu erreichen, zu dem er hinführt.
Die Autonomie der Länder ist mit dem Geist der bürgerlichen Gesellschaft vereinbar, da jede Nation dadurch von der andern abgeschlossen, zu einem gesonderten Individuum erhoben wird; dagegen findet das friedliche Zusammenleben von Nationen, die durcheinanderwohnen, nicht die Möglichkeit haben, ihre Wirkungskreise voneinander abzuscheiden, einen großen Widerstand im Wesen der bürgerlichen Gesellschaft, das auf der Konkurrenz, dem Gegensatz der verschiedenen Volkschichten, ruht. Wohl erzeugt die Konkurrenz von Zeit zu Zeit Gegenwirkungen; alle Klassen der bürgerlichen Gesellschaft suchen unter Umständen und zwar immer wieder die Konkurrenz aufzuheben, die jeder von ihnen unter gewissen Verhältnissen schädlich wird, aber die besitzenden Klassen wissen nur ein Mittel dagegen: das Monopol, die Privilegierung einzelner Klassen, Gegenden, Nationalitäten auf Kosten der andern. Von den mittelalterlichen Zünften und städtischen Oktrois bis zu den modernen Schutzzöllen und Kartellen ziehen sich diese Versuche, die Konkurrenz durch das Monopol zu beseitigen. Das heißt aber nur eine Stelle der Gegensätze, die die Konkurrenz erzeugt, noch schärfere und drückendere setzen.
Ganz anders als die besitzenden Klassen sucht dagegen das Proletariat die Konkurrenz und deren Nachteile in seinen Reihen aufzuheben: nicht durch das Monopol, sondern durch die Solidarität. Dadurch vermag es in seinen Reihen alle jene Gegensätze wirksam zu überwinden, die die bürgerliche Welt umso mehr zerklüften, je mehr sie die Konkurrenz aufzuheben sucht.
Wohl gibt es auch im Proletariat Versuche, eine privilegierte, monopolistische Stellung zu erlangen. Wo in seinen Reihen noch kein eigenes Klassenbewusstsein herrscht, sondern die bürgerlichen Denkweisen unbesehen übernommen werden, und wo dazu außergewöhnliche Verhältnisse für einzelne proletarische Schichten eine ausnahmsweise günstige Stellung schaffen, suchen diese zu monopolisieren, dem andern Proletariat den Zugang zu ihrem Beruf zu versperren. Dies Streben war sehr verbreitet in einzelnen Handwerken zur Zeit der Zünfte. Aber in der kapitalistischen Produktionsweise werden derartige Bestrebungen immer erfolgloser, da die privilegierten proletarischen Schichten immer mehr von zwei Seiten bedroht werden: hinter ihnen wogt ein mächtiges Heer von arbeitsuchenden Proletariern, und vorn rückt ein immer rücksichtsloseres Großkapital mit allen Machtmitteln der modernen Technik heran. Allein, isoliert können die bevorzugten Arbeiterschichten sich nicht behaupten, sie müssen immer mehr an die gesamte Arbeiterbevölkerung bei ihren Kämpfen appellieren und so ihre Exklusivität aufgeben und der Solidarität huldigen.
Die besitzenden Klassen sind von vornherein privilegierte Klassen; ihre soziale Stellung beruht auf dem Monopol des Besitzes der Produktionsmittel. Die Proletarier als die unterste der Klassen können als Klasse nie privilegiert sein, nie andere Klassen ausbeuten. Sie können die Staatsmacht nicht erobern, um ein neues Privilegium, ein neues Monopol an Stelle des alten zu setzen, sondern nur, um jedem Privilegium, jedem Monopol, also auch dem einzelner Nationalitäten, ein Ende zu machen: Wenn daher die besitzenden Klassen naturgemäß die Konkurrenz der Nationen nur zu ersetzen wissen durch das Monopol, die Privilegierung ihrer Nation, so seht das Proletariat ebenso notwendig überall früher oder später an Stelle der nationalen Konkurrenz, des nationalen Hasses, die internationale Solidarität.
Anfangs freilich gibt es überall auch unter den Proletariern infolge ihrer nationalen Konkurrenz auch nationalen Hass. Wo Proletarier unter günstigen Umständen eine höhere Lebenshaltung und bessere Arbeitsbedingungen erringen, sucht die Kapitalistenklasse sie dessen wieder zu berauben. Eines der beliebtesten Mittel dabei ist die Einführung rückständiger Arbeitskräfte – Frauen und Kinder, ungelernte Arbeiter, Landarbeiter und endlich Arbeiter fremder, eben erst der kapitalistischen Ausbeutung erschlossener, zum Kampf gegen sie noch nicht gewappneter Nationen.
Natürlich und mit Recht suchen die höherstehenden Arbeiter ihre bessere Position zu verteidigen; aber es hat sich als eine kurzsichtige Politik, die sich schwer rächt, erwiesen, wenn man dabei die Methoden des bürgerlichen Polizei- und Privilegienstaates nachahmte und die Ausschließung der neuen Arbeitskräfte forderte.
Auf die Dauer erweist sich nur eine Methode wirksam: die die neuen Konkurrenten in das Land der Solidarität einzubeziehen, sie zu organisieren, aus Streikbrechern und Lohndrückern in Genossen und Mitkämpfer zu verwandeln. Das gilt für die Frauen, gilt für die ungelernten Arbeiter und gilt jetzt auch immer mehr von den Arbeitern der fremden Nationalitäten, deren Konkurrenz umso mehr wächst, je mehr der internationale Verkehr sich entwickelt. Die kapitalistische Industrie kann nicht ihre Ausfuhr von Produkten ausdehnen, ohne dass nicht notwendigerweise eine vermehrte Einfuhr von Rohmaterialien, Lebensmitteln und Arbeitskräften daraus folgte.
Aber wie feindselig die neuen Einwanderer von den eingeborenen Arbeitern anfangs betrachtet werden mögen, überall bricht schließlich die Notwendigkeit des solidarischen Zusammenschlusses für sie durch. Der Gedanke, sich der Konkurrenten durch ihre Ausschließung zu erwehren, hält nirgends stand.
Eine anscheinende Ausnahme macht zurzeit die „gelbe Gefahr“, die Konkurrenz der Chinesen und Japaner. Der „Sozialismus“ der australischen und vieler amerikanischen Gewerkschaftler beschränkt sich auf die Forderung der Ausschließung dieser Arbeiter vom Lande. Aber auch diese Ausschließungspolitik wird sich als unhaltbar erweisen. Die japanischen Siege haben schon begonnen, sie zu unterminieren. Sie ist aber auch irrationell. Denn die japanischen und chinesischen Waren kann man doch nicht vom Weltmarkt fernhalten. Es kann sich also bloß fragen, ob die billige „gelbe“ Arbeit direkt oder indirekt der europäischen Konkurrenz macht. Je mehr aber jene mit dieser in persönliche freundschaftliche Berührung tritt, desto rascher steigen ihre Lebenshaltung und ihre Widerstandskraft, welche die in die Heimat Zurückkehrenden dann auch zu Hause verbreiten. Schon gibt es in Japan einen Sozialismus und in China wird er rasch folgen. Die Förderung dieses Sozialismus und nicht Einwanderungsverbote, sind das beste Mittel gegen die „gelbe Gefahr“; das wirksamste Mittel und das einzige, das eines Sozialisten würdig ist.
Die Arbeiter Russlands werden unter den europäischen die ersten sein, für die diese Frage praktische Gestalt annimmt. Die Sibirische Eisenbahn hat schon zahlreiche Chinesen nach Sibirien gelockt. Wie immer sich das Schicksal der Mandschurei gestalten möge, der Handelsverkehr zwischen Russland und China wird auf jeden Fall nach dem Krieg an Stärke noch zunehmen, damit aber auch das Vordringen chinesischer, vielleicht auch japanischer Arbeitskräfte in Russland. Sie zu organisieren und der Armee des kämpfenden Proletariats einzuverleiben, wird da eine dringende Pflicht der russischen Sozialdemokratie werden.
Auf einem anderen, nicht minder schwierigen Gebiet hat diese es aber jetzt schon verstanden, ihre internationalen Pflichten zu erfüllen. In dem bunten Völkergewimmel des Kaukasus, in den Massen noch völlig ungeschulter Proletarier, die aus den verschiedensten Nationen in den Industriezentren südlich des Kaukasus im letzten Jahrzehnt zusammenströmten, hat sie es vermocht, eine auf internationaler Solidarität begründete sozialdemokratische Organisation zu schaffen und damit das Vorbild zu liefern für eine Verwaltung des kaukasischen Gebiets, die auf der Autonomie nicht bloß des Landes, sondern auch der Nationen, gleichzeitig aber auch auf ihren Zusammenfassung zu gemeinsamem Wirken beruht.
Es ist für einen Ausländer unmöglich, zu erkennen, welchen politischen Einfluss diese sozialdemokratische Organisation auf das Proletariat der kaukasischen Territorien besitzt, und wie stark die politische Kraft dieses Proletariats ist. Es wäre aber wohl selbst für einen gewiegten Kenner der dortigen Verhältnisse unmöglich, zu sagen, welchen Einfluss in der revolutionären Epoche dieses Proletariat und diese Organisation gewinnen werden, denn Revolutionen erzeugen die größten Überraschungen für jedermann, und besonders das Proletariat entwickelt sich geradezu sprunghaft während einer Revolution.
Es ist daher auch unmöglich, vorauszusehen, welche Gestaltung die nationalen Gegensätze und Kämpfe im russischen Reich überhaupt und im Kaukasus insbesondere annehmen werden. Sicher aber kann man sagen, dass es nicht bloß im allgemeinen Interesse der revolutionären Schichten liegt, wenn alle nationalen Gegensätze und Probleme möglichst zurückgedämmt werden, so lange es den gemeinsamen Kampf gegen die Autokratie gilt; sondern dass es namentlich im Interesse des kämpfenden Proletariats liegt, wenn in seinen Reihen vollständige internationale Solidarität herrscht. Für das Proletariat ist diese Solidarität nicht bloß bedingt durch die augenblickliche Situation, sondern ist ihm eine Lebensnotwendigkeit, eine Notwendigkeit für seine alltäglichen Kämpfe. Das Proletariat Russlands braucht keine Entsagung zu üben, es braucht bloß seinem wohlverstandenen Interesse und dem großen Beispiel der kämpfenden Proletarier der gesamten Kulturwelt während mehr als eines Menschenalters zu folgen, um das zu tun, was die Befreiung Russlands jetzt auf das Dringendste fordert: den Zusammenschluss aller seiner Völker zum gemeinsamen Kampf gegen den Zarismus.
K. Kautsky
1. Vorliegender Artikel bildet, wie schon seine Einleitungsworte zeigen, die Vorrede zur armenischen Ausgabe des Erfurter Programms von K. Kautsky. Die Redaktion
Zuletzt aktualisiert am 25. Oktober 2026