Karl Kautsky

Serbien und Belgien in der Geschichte
Österreich und Serbien


4. Die österreichischen Niederlande


Das neue Regime war weit kräftiger als das rapid verkommende spanische. Dennoch vermochte auch der österreichische Absolutismus seinen niederländischen Gebieten nicht neuen Leben einzuflößen. Daß aber bei aller Stagnation und allem politischen Stumpfsinn der alte belgische Unabhängigkeitssinn nicht erloschen war, mußten die österreichischen Bureaukraten gleich bei Beginn ihrer Herrschaft erfahren, Selbstherrlich versuchte der Verwalter der Niederlande, der Marquis v. Prié als Stellvertreter des Statthalters Prinz Eugen von Savoyen, die Rechte der Brüsseler Zünfte zu beschneiden. Dagegen wehrten sich diese in so gewaltigem Aufruhr, daß die Regierung künftighin Beachtung der alten Rechte versprach (1717). Das Weitere erzählt der bekannte flämische Patriot Conscience in seiner populären Geschichte Belgiens [1] (1845) in folgender Weise:

Der Landvogt suchte dennoch durch Aufschub und List die Ausführung seines Versprechens wenigstens zum Teil überhoben zu werden. Das steigerte die Wut und die Widersetzlichkeit der Gilden auf das höchste. Die Bürger liefen auf den Märkten zusammen und hetzten sich gegenseitig zur Rache auf. Gleich darauf brach das Unwetter los, der Pöbel plünderte und verwüstete die Wohnungen der Staatsbeamten und Magistratspersonen.

Mittlerweile hatte der Landvogt deutsche Truppen entboten, um die Brüsseler Gilden zu bezwingen. Da diese geringe Macht, ohne irgend Widerstand zu finden, in die aufrührerische Stadt eingerückt war, so ließ der Marquis v. Prié eine Anzahl Aufrührer und fünf Vorsteher der Gilden gefangennehmen und vor Gericht stellen. Vier von den Vorstehern wurden auf ewig aus dem Lande verbannt, der fünfte aber zum Tode verurteilt. Das unglückliche Opfer des Aufruhrs war ein siebzigjähriger Greis namens Franz Agneessens, seinem Handwerk nach ein Stuhlmacher und zur niedrigsten Klasse gehörig, Nach seiner Überzeugung hatte er das gekränkte Recht der Bürger verteidigt, und als er sein Urteil verkündigen hörte, verließ ihn seine heldenmütige Standhaftigkeit keineswegs; er lud die Richter vor Gottes höheren Gerichtsstuhl und legte am 19. September 1720 sein Haupt furchtlos und ruhig auf den Block. Das Volk von Brüssel beweinte seinen Tob mit bitteren Tränen und betrachtete ihn als einen ruhmwürdigen Märtyrer der Freiheit.

Damals schon erwies sich das Proletariat als die stärkste Kraft in den Freiheitskämpfen Belgiens – und nicht Belgiens allein.

Des Aufstandes war die österreichische Regierung Herr geworden, aber er hatte ihr genügenden Respekt eingeflößt, so daß weder Karl VI. noch seine Tochter Maria Theresia einen Versuch machen, an den alten Freiheiten der Belgier zu rühren.

Franz Josef II. ging ihnen wieder zu Leibe. Er hatte es ferner zu büßen. Sein allgemeines Ziel für den Gesamtstaat war die strammste Zenfralisation, der schrankenloseste Absolutismus. Da er seine Hindernisse hauptsächlich im katholischen Klerus und im Adel fand, den einzigen Institutionen, die damals neben der monarchischen Gewalt in seinem Staat noch etwas bedeuteten, und er daher vor allem mit ihnen sich herumzuschlagen hatte, wurde er der Abgott der Liberalen Österreichs. Seine Ziele erreichte er in den deutschen und slawischen Landen. Er scheiterte am Widerstand Ungarns und Belgiens.

Kein Zweifel die Zustände Belgiens schrien nach einer Umwandlung. Seine Freiheiten waren zum großen Teil nichts als Versteinerungen alter Privilegien aus der Feudalzeit, Privilegien des Adels und der Zünfte. Der wirtschaftliche Verfall und die Armut waren erschreckend.

Am liebsten wäre Josef das Land losgeworden, das schon durch seine geographische Lage die Einfügung in sein Zentralisationssystem erschwerte und wenig Gewinn brachte. Als 1777 die bayerische Linie der Wittelsbacher ausstarb und sich ein Streit um die Nachfolge entspann, trachtete Josef danach, Bayern ober doch einen Teil davon an Österreich zu ziehen. Dafür war er bereit, dem Anwärter auf den bayerischen Thron, Karl Theodor von der Pfalz die Niederlande abzutreten. Aber Friedrich von Preußen durchkreuzte diesen Plan, der eine erhebliche Stärkung Österreichs in Deutschland bedeutet hätte. Es kam nicht zu dem beabsichtigten Tauschhandel in Landeskindern. So ging Josef baran, sie stärker an sich zu fesseln.

Zunächst legte er die Axt an die Selbständigkeit der katholischen Kirche. Da bekam er es zu verspüren, welche Kraft sie in Belgien noch besaß.

Schlosser hat diese Kraft sehr gut gezeichnet:

Die Verschmelzung des Kirchlichen und der Politik oder mit anderen Worten die unerschütterliche Anhänglichkeit an die alte Religion, an den überlieferten Aberglauben und an die herkömmlichen kirchlichen Festlichkeiten und Gebräuche war von jeher ein Hauptcharakterzug des belgischen Volkes. Auf ihm beruhte auch der große Einfluß der Geistlichkeit und ihre unbedingte Gewalt über das ganze abergläubische und bigotte Volk. Doch stützte sich die Macht derselben auch darauf, daß der größte Teil des Grundbesitzes sich im Besitz der Kirche befand und daß die vielen Abteien, Bistümer und geistlichen Pfründen zur Versorgung der jüngeren Söhne des Adels dienten, daß also das Interesse des Klerus mit den der weltlichen Aristokratie innig verbunden war. Die Zahl der Geistlichen war in Belgien größer als in den meisten anderen Ländern. Es gab, abgesehen von den vielen Mönchen und Pfarrgeistlichen, nicht nur außer dem in Mecheln residierenden Erzbischof noch sieben andere Bischöfe, sondern auch nicht weniger als 107 Äbte, von denen manche ein jährliches Einkommen von 300.000 Gulden hatten. Der Einfluß des Klerus erstreckte sich sogar auf diejenige Klasse des Volkes, welche weder zum Adel noch zum bigotten großen Haufen gehörte, weil alle Schulen, sogar die Landesuniversität Löwen unter der alleinigen Leitung der Geistlichkeit standen und diese folglich auch allen Justiz- und Verwaltungsbeamten ihre Bildung und Richtung gab. (Weltgeschichte, XVII, S. 34)

Schlosser erklärt den Einfluß der Kirche auf den „großen Haufen“ bloß aus dessen „Bigotterie“, Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß angesichts des Massenelends auch die Wohltätigkeit der reichen Kirche ein kräftiges Mittel zur Beherrschung des „großen Haufens“ geworden war.

Die Schlossersche Darstellung ist dabei noch insofern einseitig, als er nur die reaktionären Kräfte sieht, die sich Josef widersetzten. Es gab aber neben ihnen noch andere, revolutionäre. So sehr auch Belgiens Entwicklung stagnierte, so entwickelte es doch vorwärtsstrebende bürgerliche Elemente, Intellektuelle und Kapitalisten. Nicht umsonst bildete es das Durchzugsland, das den drei Staaten benachbart war, die im Laufe des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts nacheinander mit rascher kapitalistischer Entwicklung die revolutionärsten Ideen geboren hatten, Holland, England, Frankreich. Namentlich die Ideen der französischen Aufklärer hatten in Belgien Einfluß gewonnen, naturgemäß am ehesten unter den Städtern der Französisch sprechenden Landesteile. Vor der französischen Revolution schon bildete sich jene Teilung aus, die später große Bedeutung gewinnen sollte, daß das Freidenkertum in den wallonischen, die Kirchlichkeit in den flämischen Landesteilen vorherrschte, so daß der Kampf der beiden Richtungen zeitweise auch einen nationalen Charakter annahm.

Die Anhänger der Aufklärung in Belgien waren keine österreichischen Liberalen, sondern von demselben Drang nach Selbstverwaltung beseelt wie ihre kirchlich gesinnten Landesleute. Sie wollten der Kirche und dem Adel, kurz der ganzen Feudalität zu Leibe gehen, aber durch eine Volksbewegung, nicht durch die Erlasse einer dem Lande fremden Bureaukratie. So nahmen, trotz der großen inneren Gegensätze, Wallonen und Flämen, Freidenker und Klerikale mit dem gleichen Ungestüm an dem Kampfe gegen die Josefinische Reform teil, obwohl dieser ein fortschrittlicher Zug innewohnte.

Ein österreichischer Geschichtsschreiber sagt von diesen Reformen:

Dieselben Tendenzen zur Einheit und Allmacht der Staatskraft, wie sie Josef in Österreich teilweise ausgeführt hatte, sind hier erkennbar. Der Feudalismus wird ein für allemal abgetan, der Föderalismus in den Provinzen gebrochen und eine einfache Verwaltung eingeführt ... Die belgische Nation hat sich nach vielen leidensvollen Jahren, nach dem Sturz ihrer Verfassung und einer drückenden Fremdherrschaft eine Verwaltung nach denselben Grundsätzen und in derselben Form wie bei der Josefinischen Institution gegeben. Aber die Belgier waren an ein Self-government gewöhnt; die ganze gesellschaftliche Ordnung beruhte auf Privilegien. „Jedermann lebte von seinem Anteil daran.“ Die Josefinischen Reformen dagegen erschienen absolutistisch, als Verletzung der Verfassung, als ein Umsturz aller Einrichtungen. (A. Wolf, Österreich unter Maria Theresia, Josef II. und Leopold II., Berlin 1884, S. 282, 283)

Schon 1782 begann Josef seine Eingriffe in das belgische Kirchenwesen, 1787 stürzte durch seine Edikte die ganze Verfassung seiner niederländischen Provinzen um. Da wurde die Unzufriedenheit allgemein und machte sich nach belgischer Art bald energisch Luft. Schon vor der französischen Revolution kam es zur Rebellion in Belgien. Bereits am 20. September 1787 gab es in Brüssel große Demonstrationen, Barrikaden wurden gebaut, und die Haltung der Bevölkerung nahm einen so drohenden Charakter an, daß der Militärkommandant von Belgien Graf Murray mit den Rebellen unterhandelte und Zugeständnisse machte. Josef erkannte diese nicht an, ließ seine Truppen einschreiten. In Brüssel, Mecheln, Antwerpen kam es zu Blutvergießen, und zunächst siegte die Regierung. Ein Schreckensregiment begann.

Aber mit dem Ausbruch der französischen Revolution wendete sich das Blättchen. Der Aufstand erhob von neuem sein Haupt. Am 26. Oktober 1789 erleiden die österrechischen Truppen eine Niederlage in dem Straßenkampf von Turnhout. Nun wird die Rebellion unaufhaltsam. Am 7. Januar 1790 konstituieren die Abgeordneten der belgischen Provinzen mit Ausnahme Luxemburgs die Republik der „Vereinigten Belgischen Staaten“. Die Nachricht soll der Todesstoß für Josef gewesen sein, der am 20. Februar starb.

Aber die Rebellen hatten nur zusammengehalten, solange es den Kampf gegen die Fremdherrschaft galt. Kaum war sie abgeworfen, brach der innere politische Gegensatz durch. Die Reaktionäre, geführt von van der Noot, die auf Preußens Unterstützung rechneten, wendeten sich gegen die Revolutionäre, die Vonck führte, der den Standpunkt vertrat, das belgische Volk dürfe auf keinen fremden Monarchen, sondern nur auf sich selbst vertrauen. Die Vonckisten erwiesen sich als die Schwächeren. Schon am 16. März 1790 wurden ihre Wohnungen in Brüssel von der wütenden Bevölkerung geplündert, bald darauf ihre Führer verhaftet ober zur Flucht ins Ausland gezwungen. So wurde die Erhebung ihrer besten revolutionären Kräfte beraubt. Die Revolutionäre Frankreichs hatten kein Interesse mehr an ihr. Niemand half den Belgiern, als Josefs II. Nachfolger Leopold 1791 ein Heer in Belgien einrücken ließ, dem es gelang, das österreichische Regiment wiederherzustellen.

Doch war es ihm nicht beschieden, sich lange seines Sieges zu freuen. Schon ein Jahr später kam es zum Kriege des revolutionären Frankreich gegen das monarchische Europa, zunächst gegen Österreich und Preußen. Dabei eroberten die Franzosen bereits im November 1792 Belgien, verloren es im nächsten Jahre, um es im Jahre 1794 abermals zu gewinnen. Im Frieden von Campo Formio 1797 trat Franz II. die österreichischen Niederlande an Frankreich ab, dem auch das Fürstbistum Lüttich sowie das ganze linke Rheinufer (außer den preußischen Besitzungen) einverleibt wurde. Diese Gebiete bildeten fortan einen Teil des französischen Staates. Ihre Trennung von den nördlichen Niederlanden blieb weiter bestehen. Diese waren von den französischen Siegern, die sie 1795 besetzt hatten, in die „Batavische Republik“ verwandelt worden.


Fußnote

1. H. Conscience, Geschichte von Belgien, aus dem Flämischen von Wolff, Leipzig 1863. Wissenschaftlich hat das Buch keine Bedeutung. Doch ist es das Werk eines der Begründer der flämischen Literatur und Nationalbewegung und gibt die geschichtliche Auffassung der flämischen Nationalkreise der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gut wieder.


Zuletzt aktualisiert am 3. Mai 2019