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Die erste Ausgabe der vorliegenden Schrift erschien im Oktober 1914 als eines der Ergänzungshefte der damals noch von mir redigierten Neuen Zeit. [1]
Seit jenen Tagen hat sich Ungeheures vollzogen, haben wir riesenhafte Umwälzungen durchgemacht, aber das Judentum gibt uns nach wie vor die gleichen Rätsel auf. Die Fragen des Antisemitismus und seiner Abwehr gehören zu den vielen Problemen, die der Weltkrieg vorfand und die sein Ausgang nicht nur nicht löste, sondern sogar verschärfte. So hat das Thema meiner Untersuchung an Aktualität nicht verloren, sondern leider nur zu sehr gewonnen.
Auch an meinen Auffassungen haben die großen Wandlungen seit 1914 nichts geändert. Ich durfte die Ausführungen der ersten Ausgabe im Wesentlichen unverändert lassen, hatte bloß bei der Mitteilung mancher Tatsachen das Präsens in ein Perfektum umzuwandeln und hie und da eine Einfügung zu machen, um einige neuere Literatur zu berücksichtigen. Außerdem schob ich ein neues Kapitel ein über den Zionismus nach dem Weltkrieg.
So wenig wie von der Untersuchung, die ich in der Ruhe und Unbefangenheit des Friedenszustandes unternahm, habe ich etwas von dem Vorwort zur ersten Ausgabe zurückzunehmen, dass mitten im Toben der wildesten Psychose der ersten Kriegswochen den Rassenkampf verhöhnte und einen Frieden der „Verständigung und Freundschaft“ forderte, jedes Streben nach Vernichtung oder auch nur Schwächung der Gegner verurteilte.
Heute, wo es nicht mehr nötig ist, die Schlingen einer argwöhnischen und willkürlichen Kriegszensur zu umgehen, würde ich mich natürlich in manchem deutlicher und energischer ausdrücken.
Leider ist durch den Ausgang des Krieges nicht nur der Antisemitismus in Kraft geblieben und der Zionismus neu belebt worden, sondern auch der Zwiespalt der „christlichen“ Nationen untereinander besteht fort, dem die Rassentheorien ihre Popularität verdanken. Eine Popularität, die nur einem blinden Bedürfnis entspringt, den Nationsgegner hassen und verachten zu dürfen und sich von ihm abzuschließen, und nicht klar wissenschaftlicher Einsicht.
Gerade die Ereignisse der letzten Jahre haben deutlich die Nichtigkeit der Rassentheorien gezeigt.
Je mehr die Völker sich untereinander verhetzen und bekriegen, desto klarer wird es, dass diese Kämpfe, in denen Gegner und Verbündete ununterbrochen wechseln, nicht Rassenkämpfe sind.
Noch weniger als das meist ganz gedankenlos angewandte Schlagwort vom „Imperialismus“ vermag die gedankenlose Phrase vom ererbten Rassengegensatz die heutigen internationalen Verwicklungen aufzuhellen.
Unter Imperialismus verstehen die meisten heute nichts als Eroberungssucht. Den Drang nach Eroberungen durch den Imperialismus erklären, heißt da nichts anderes, als die Eroberungssucht aus der Eroberungssucht erklären. Die Wissenschaftlichkeit der Erklärung soll offenbar darin liegen, dass man das deutsche Wort im Nachsatz in ein Fremdwort umwandelt. Wie bei der berühmten Erklärung der Armut aus der Poverty.
Was von der Rassenphrase zu halten ist, soll in den nachstehenden Ausführungen gezeigt werden.
Dringender als je ist es notwendig, den Proletariern aller Länder zu zeigen, dass die kriegerischen Gegensätze der Staaten auf keinem unwiderstehlichen Faktor beruhen, weder auf dem natürlichen der Rasse, noch auf dem ökonomischen des wachsenden Imperien. Je mehr die Arbeiterschaft sich von Schlagworten abwendet, desto mehr wird sie erkennen, dass die heutigen Gegensätze der Staaten nur auf Gegensätzen kleiner Cliquen beruhen, die mächtig sind bloß dadurch, dass die arbeitenden Massen sich von ihnen ausführen lassen.
Das Proletariat aller Länder den nationalistischen Schlagworten gegenüber kritisch zu stimmen, es gegen sie immun zu machen, es zu befähigen, die Internationalität aus einem unklar empfundenen Gefühl zu einer klar erkannten Idee zu erheben, gehört zu den dringendsten Aufgaben der Zeit. – Möge es meiner Schrift gelingen, zu ihrer Lösung beizutragen.
Berlin, März 1921 – K. Kautsky
1 Karl Kautsky, Rasse
und Judentum. Ergänzungshefte zur Neuen Zeit.
Nr. 20. 30. Oktober 1914. 94 S.
https://archive.org/details/kautsky-judentum-1914.
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026