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Die vorliegende Arbeit war schon im Juni dieses Jahres fertig und bestimmt, zu Anfang August der Neuen Zeit beigelegt zu werden. Der hereinbrechende Krieg drängte jeden Gedanken an Dinge zurück, die nicht unmittelbar mit dem großen Völkerringen zusammenhingen. Das erschien mir als der ungeeignetste Moment, eine theoretische Arbeit erscheinen zu lassen. Ich verschob daher ihre Herausgabe.
Jetzt hat die anfängliche Panikstimmung aufgehört, hat aber auch das Thema, das ich hier behandle, aktuelle Bedeutung gewonnen. Neben dem Kampf der Waffen auf den Kriegsschauplätzen entspann sich der Kampf der Federn in den Stuben der Journalisten und Professoren, und damit tauchte die unvermeidliche Rassentheorie wieder auf, von der ich hier handle.
Statt den Krieg aus den konkreten ökonomischen und politischen Verhältnissen der kriegführenden Staaten zu erklären, statt ihn als ein Ereignis zu betrachten, das durch eine bestimmte Politik, bestimmte ökonomische Tendenzen und Machtverhältnisse herbeigeführt wurde, und dass bei einer anderen Politik, anderen Tendenzen und Machtverhältnissen nicht eingetreten wäre, wird er als eine unvermeidliche Naturnotwendigkeit hingestellt, als eine Phase des Kampfes der Rassen. Eines Kampfes, den die Naturgebiete und der nie aufhören könne. Er sei ein Krieg der germanischen Rasse gegen – ja gegen wen?
Hier gerät die Weisheit der Herren Professoren und Journalisten in schwere Bedrängnis: auf der einen Seite nennen sie das verbündete Österreich „blutsverwandt“ – mit seinen Magyaren, Rumänen, Slawen. Auf der anderen Seite steht England, das „blutsverwandte“, im Bündnis mit Slawen und Romanen.
Wie gefährlich, den Rassenkampf der Germanen gegen die Slawen zu predigen, wenn man auf die Bundeshilfe von Tschechen, Polen, Slowenen, Kroaten usw. angewiesen ist. Und nicht weniger gefährlich das Proklamieren des Rassenkampfes der Germanen gegen die Romanen, wenn man auf die Neutralität Spaniens und namentlich Italiens sowie Rumäniens Wert legt.
Die Herren Rassentheoretiker machen die sonderbarsten Kapriolen, um ihre Theorien vom Rassenkampf in dieser verzwickten Situation zu retten. Die „Rasse“ nimmt jetzt noch absurdere Formen an, als sie bisher schon gehabt hat.
Da hat zum Beispiel der Geheime Hofrat Professor Dr. Karl Lamprecht im Berliner Tageblatt vom 23. August einen Artikel über den Krieg der Völker veröffentlicht, in dem er unter anderem erzählt, nie seien die deutschen Sympathien in den germanischen neutralen Staaten größer gewesen als eben jetzt.
Man weiß, wie gespannt manchmal das Verhältnis der Schweiz, nicht minder dasjenige Hollands oder Dänemarks oder Norwegens zum Deutschen Reiche zu sein schien. Heute ist alles dies vergessen. Das Blut schlägt durch.
So schlecht bewandert ist unser Historiker in der Geschichte seiner Zeit, dass er nicht gehört hat, wie zahlreiche deutsche Klagen, in den genannten Ländern ebenso wie in Schweden, das Lamprecht auffallenderweise vergisst, schlage das „Blut nicht durch“, sondern fänden alle Darstellungen der Gegner Deutschlands ein williges Ohr!
Nun aber die Slawen? Da entdeckt unser Professor in ihnen einen schroffen Gegensatz zwischen dem „mongolisch-tatarischen“ Russland und dem westlichen, „lateinischen Slawentum“ – daher Rassenkampf innerhalb der slawischen Welt. Die neue Rasse der „lateinischen Slawen“ ist natürlich nichts anderes als die Zusammenfassung der slawischen Völker katholischer Religion. Diese Erfindung einer katholischen Rasse erfolgte gleichzeitig mit der Wallfahrt zur polnischen Mutter Gottes von Tschenstochau, mit der ein Kollege Lamprechts, der Professor Zastrow, den Rassenkampf des Germanentums gegen die slawische Unkultur eröffnete. Doch auch das „lateinische Slawentum“ führt Lamprecht noch nicht aus dem Labyrinth des heutigen „Rassenkampfes“. Er schließt seinen Artikel mit den Worten:
Vergegenwärtigt man sich diese Konstellation, so erscheint der heutige Krieg als ein letzter Kampf des Germanentums und des lateinischen Slawentums gegen die eindringende östliche Barbarei, und eine einzige gerade Linie führt von den Kämpfen gegen Hunnen und Magyaren und Türken bis zu den sich entfaltenden Ereignissen der Gegenwart.
Nehmen Sie sich in Acht, Herr Professor, von Magyaren und Türken in diesem Tone zu sprechen. In dem jetzigen Kampfe des Germanentums und des lateinischen Slawentums Österreichs gegen die „mongolisch-tatarischen“ Russen sind die Führer die „mongolisch-tatarischen“ Magyaren und die besten Freunde die „mongolisch-tatarischen“ Türken.
Nicht minder verzwickt ist die Situation für den Rassentheoretiker im Westen. Lamprecht findet, Frankreich sei „innerhalb des Bereichs seiner Rasse vereinsamt“. Denn „bis jetzt wenigstens hat es sich gezeigt, dass bei den Italienern die Rassengefühle nicht stark genug waren, um die staatlichen Anforderungen und die politische Einsicht zu unterdrücken“.
Sonst proklamieren die Herren Rassentheoretiker das „Rassegefühl“ als die höchste politische Einsicht, als den nie versagenden Leitstern in allen politischen Kämpfen. Nun plötzlich heißt es, dass politische Einsicht und Rassegefühl zwei sehr verschiedene Dinge seien und man froh sein müsse, wenn dieses Gefühl jene Einsicht nicht unterdrücke – freilich nur in Italien. Bei den Germanen muss „das Blut durchschlagen“. Von Portugal und Spanien wieder heißt es, sie seien „nichts mehr als verkappte Domänen englischer Herrschaft“. So ist Frankreich unter den Romanen isoliert. Was wird aber dann aus dem so pathetisch verkündeten Kampfe des Germanentums gegen das Romanentum?
Übrigens, was soll der Hinweis auf die englische Herrschaft in Portugal und Spanien hier bedeuten? Er kann doch unmöglich Ihre Neutralität erklären? Wären sie wirklich nur verkappte Domänen englischer Herrschaft, hätten sie doch jetzt Deutschland den Krieg erklärt!
Endlich England selbst! Seine Haltung passt schon gar nicht in das Schema des Rassenkampfes. Anstatt sie aus weltpolitischen Interessen und Gegensätzen zu erklären, zieht es die naturwissenschaftliche Rassentheorie vor, die englische Politik dem angeborenen Rassencharakter der Treulosigkeit zuzuschreiben – das perfide Albion! –, wobei man freilich wieder in Konflikt damit kommt, dass gerade die Treue zu den unverlöschlichen Kennzeichen der germanischen Rasse gehört.
Doch auch da weiß man sich zu helfen. Wozu hat man denn die Kelten? Je weniger man von ihnen weiß, umso mehr sind sie an allem Unheil der Weltgeschichte schuld. So bemerkt auch Lamprecht: „Man beachte, von welchem nicht mehr rein germanischen, sondern vielmehr keltischen Geist das zentrale Land des britischen Weltreichs erfüllt ist“.
Mit dieser Entdeckung ist man indes noch nicht aus allen Schwierigkeiten. Ist damit die Feindschaft zwischen England und Deutschland „naturwissenschaftlich“ erklärt, so gilt es noch, nicht minder naturwissenschaftlich die Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika zu erklären, die man um keinen Preis missen möchte. Der eigentliche Amerikaner stammt aber von den Engländern ab. Freilich, diese Stammesgenossenschaft hat sich schon längst sehr verdünnt. Das angeblich so verderbliche keltische Blut und keltischer Geist sind durch die Irländer für Amerika zum mindesten ebenso bestimmend geworden wie für England. Dazu aber haben sich im Laufe des letzten Jahrhunderts die Angelsachsen Amerikas gemischt mit Franzosen, Italienern, Spaniern, Indianern, Negern, polnischen Juden, „lateinischen“ und „mongolisch-tatarischen“ Slawen, ja Mongolen und Tataren selbst.
Wie dieses Gemisch in eine Beziehung zur germanischen Rasse bringen? Nichts einfacher als das. Man braucht nur ein neues Wort dafür zu erfinden. Die Rassentheoretiker gehören auch zu den Leuten, die glauben, die Prägung eines neuen Wortes erschließe eine neue Wahrheit, und so verkündet uns Lamprecht freudestrahlend, das amerikanische Gemisch werde da drüben teutonisch genannt, und damit sei seine Blutsbruderschaft mit Deutschland für immer besiegelt:
Es eröffnet sich von hier aus ein weit weiterer Kreis des für unser Volk maßgebenden Rassetums. Bezeichnen wir die Völker, die in den Grenzen Europas heute mit ihren Sympathien zu uns stehen, kurzweg als Germanen, so macht sich darüber hinaus in dem amerikanischen Gefühl ein neuer Rassebegriff geltend, für den die Amerikaner auch in dem Worte Teutonismus längst einen Ausdruck geprägt haben; und im frohen Genuss dieser außerordentlichen, noch nie in diesem Grade hervorgehobenen Neubildung dürfen wir mit Ausnahme Englands, dessen angelsächsischer Charakter in diesem Augenblick gefährdet erscheint, die lebendige Zukunft einer teutonisch-germanischen Rasse verkünden!
In Wirklichkeit verstehen die Angelsachsen unter „Teutonen“ dasselbe, was wir als „Germanen“ bezeichnen. Die neue teutonisch-germanische Rasse ist also eine germanisch-germanische Rasse!
Ein absurderer Wortgeklingel ohne jeden tatsächlichen Hintergrund als derartige Rassephantasien ist kaum denkbar, es tritt jedoch mit dem Anspruch größter Wissenschaftlichkeit auf und imponiert, umso mehr, je weniger die meisten versucht haben, den Begriff der Rasse wissenschaftlich genau festzustellen.
Und die Jongleurkünste unserer Rassentheoretiker sind nicht bloß sinnlose Spielereien einiger Stubengelehrten. Sie können gerade in einem Moment wie dem jetzigen höchst gefährlich werden. Denn die Gemüter werden an den Friedensschluss ganz anders herangehen, wenn sie im Krieg das Ergebnis besonderer vorübergehender Umstände sehen, als wenn sie ihn als den Ausfluss naturnotwendiger, unauslöschlicher und unüberbrückbarer Rassengegensätze betrachten. Wenn ihr Ziel nicht Verständigung und Freundschaft, sondern Vernichtung oder mindestens tiefgehende Schwächung der anderen Rassen ist, die von Natur aus unsere Todfeinde sein und bleiben müssten.
Da wird eine nicht auf Fachkreise beschränkte Untersuchung des Begriffs der Rasse eine praktische Notwendigkeit.
In der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich allerdings nur der erste Teil mit dieser höchst aktuellen Frage. Der zweite Teil gilt der Anwendung des Begriffs der Rasse auf das Judentum. Und dieses Problem scheint im Moment durchaus nicht aktuell zu sein. Es steht ganz so aus, als sollte der jetzige Krieg auch dem Zionismus ans Leben gehen. Eifrige Zionisten, die eben noch um die Reinheit der jüdischen Rasse aufs ängstlichste besorgt waren und jede Assimilierung aufs schärfste zurückwiesen, haben sich über Nacht in einer Weise assimiliert, dass sie sich gebärden, als wären sie Abkömmlinge Hermanns des Cheruskers. So „schlägt das Blut durch“.
Indes entbehren auch die Ausführungen über das Judentum nicht der Aktualität, denn sie müssen sich eingehender mit der Lage der Juden im russischen Reich befassen, eines der Elemente, deren Haltung für das Ergebnis des Krieges nicht ohne Bedeutung sein mag.
Diese Haltung scheint keine einheitliche zu sein. Um die jüdischen Interessen in Russland zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, was in der vorliegenden Arbeit näher erörtert wird, die verzweifelte Lage der Juden Russlands, die vornehmlich darauf beruht, dass sie auf einen engen Rayon beschränkt wurden, für den sie in den ihnen offenstehenden Berufen viel zu zahlreich sind. Was sie vor allem brauchen, ist Freizügigkeit in einem Großstaat. Sie werden jede Änderung willkommen heißen, die ihnen zum mindesten die Aussicht darauf bietet, dagegen jede ablehnen, die sie ihnen abschneidet.
Die Herstellung eines besonderen polnischen Staates, der von drei Großmächten umschlossen wäre, bedeutete für sie die Verstärkung der gegenwärtigen Abschließung ihres Rayons und die völlige Aussichtslosigkeit, diese Abschließung loszuwerden. Sollte gar dies neue Polen als eine ultramontanes und junkerliches auftreten, würden sie darin eine unerträgliche Verschlechterung ihrer jetzt schon verzweifelten Lage sehen.
Was sie freudig willkommen heißen werden, ist ein freies, demokratisches Polen, das in engster politischer und ökonomischer Verbindung mit einem Großstaat steht, in dem ihrer Freizügigkeit keine Grenzen gesteckt sind.
Die Wirkungen des jetzigen Krieges werden zum großen Teil von der Art der Friedensbedingungen abhängen, davon, ob sie in der Richtung der historischen Entwicklung liegen, eine Reihe von Gebilden und Einrichtungen beseitigen, die den ökonomischen Fortschritt sowie die politische Tätigkeit hemmen und noch schlimmere Zustände schaffen, als der Kapitalismus unvermeidlicherweise mit sich bringt.
So kann es vom Ergebnis des Krieges auch abhängen, ob die Frage des Judentums nach ihm fortbesteht oder aufhört, die Kulturvölker zu beschäftigen. Auch insofern wird es von Wichtigkeit sein, ob man das Judentum als unveränderliche Rasse oder als ein Produkt besonderer historischer Zustände betrachtet.
Die von mir hier erörterten Fragen sind also keineswegs Doktorfragen. Sie haben direkte Beziehung zu den Problemen des Krieges. Allerdings musste ich zur Begründung ihrer Lösung tiefer graben und mich oft weitab von der tosenden Wirklichkeit in die Welt der Laboratorien, Experimente und Berechnungen versenken. Aber die Endergebnisse stehen im Zusammenhang mit den Kämpfen der Gegenwart.
Und darum wage ich es, mitten im Kriege eine theoretische Schrift herauszugeben, die noch in der Atmosphäre ungestörten Friedens abgefasst wurde.
Berlin, Oktober 1914
Karl Kautsky
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026