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Was der Jude glaubt, ist einerlei, |
lautet das Motto des modernen Antisemitismus, der sich im Gegensatz zu dem naiven Antisemitismus früherer Zeiten mit seinem wissenschaftlichen Sinn brüstet und sich frei fühlt von religiösen Vorurteilen. Wie die Religion ehedem dazu herhalten musste und noch herhalten muss, alle möglichen weltlichen Sonderinteressen zu decken und zu rechtfertigen, so muss jetzt die Naturwissenschaft dazu dienen, Bestrebungen als naturnotwendige und ewige hinzustellen, die zeitlich und räumlich sehr beschränkten Interessen entspringen.
Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass früher die Religion und jetzt die Naturwissenschaften eigens zu solchen Zwecken von den Interessenten geschaffen worden seien, wie dies wenigstens von der Religion mitunter behauptet wurde. Sie entspringen ganz anderen Wurzeln. Sobald aber einmal die eine oder andere zu einer Macht geworden war, die das Denken der Menschen beherrscht, wurde jede gesellschaftliche Schicht gedrängt, sich diese Macht dienstbar zu machen und ihre Interessen durch sie zu rechtfertigen.
Als zu Ende des elften Jahrhunderts die bis dahin von Slawen und Arabern bedrängten Völker West- und Mitteleuropas soweit erstarkt waren, zur Offensive übergehen zu können und den reichen Orient zu plündern, da begannen sie ihre Raubzüge – die Kreuzzüge – mit dem Ruf: Gott will es! Und als einige Jahrhunderte später, nachdem die Türken im Mittelmeer wieder die Christen zurückgedrängt, das aufkommende Kapital Westeuropas nach kolonialer Beute rief und in verkommenden Rittern und expropriierten Bauern willige Werkzeuge für seine Abenteuerzüge nach neuen Weltteilen fand, da wurden diese mit Mord und Brand, Plünderung und Sklaverei heimgesucht zur höheren Ehre Gottes, um das Licht der wahren Religion den Heiden zu bringen. Und die Klassenkämpfe in Europa selbst, die damals den Feudalismus zersetzten und den Kapitalismus einleiteten, sie wurden bis ins siebzehnte Jahrhundert von den verschiedenen Parteien geführt mit Berufung auf die Bibel und die Kirchenväter.
Seitdem hat die Religion ihre Macht verloren. In dem Maße, in dem der industrielle Kapitalismus fortschreitet, wird das religiöse durch das naturwissenschaftliche Denken verdrängt. Die Religion erhält sich noch eine Zeitlang als alte Gewohnheit, als konservative Macht, aber die Triebkräfte der gesellschaftlichen Weiterentwicklung hören auf, sich religiöser Denkformen und Argumente zu bedienen. Der Fortschritt der neuen, kapitalistischen Produktionsweise hängt auf das engste zusammen mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften. Sie fördern sich beide wechselseitig aufs stärkste. Im Einklang mit der Naturwissenschaft, das heißt den erkannten Gesetzen der Natur zu sein, wird jetzt von der bürgerlichen Intelligenz als unbedingtes Erfordernis jeglichen gesellschaftlichen Strebens betrachtet, jegliches gesellschaftliche Interesse hat sich daraufhin zu rechtfertigen, ob es vereinbar sei mit den Gesetzen der Natur. Dabei wird jedoch vielfach die menschliche Gesellschaft nicht als besonderes Stück der Natur betrachtet, das ebenso seine besonderen Gesetze hat wie etwa die organische Natur im Unterschied zur anorganischen. Die naturwissenschaftliche Auffassung glaubt, es genüge, die Gesetze der tierischen und pflanzlichen Organismen zu kennen, um das menschliche Gesellschaft zu begreifen. Das Ungenügende dieser Auffassung tritt leicht kraft genug zutage und ergibt dann die Gegenwirkung, dass die menschliche Gesellschaft oder der Mensch als gesellschaftliches, ethisches Wesen aus jeder Naturgesetzlichkeit herausgehoben wird.
Innerhalb dieser beiden Extreme bewegt sich das bürgerliche Denken unserer Zeit.
Nachdem der Darwinismus seinen Siegeszug in der Naturwissenschaft angetreten, wurde es modern, ihn ohne weiteres auf gesellschaftliche Zustände anzuwenden. In der Natur gibt es keine Sprünge, sondern nur unmerkliche Umwandlungen, also wird jede Revolution durch die Naturwissenschaft als eine Verletzung der Naturgesetze verboten. Der Kampf ums Dasein ist ewig, also widerspricht es der Natur, eine Gesellschaft ohne Konkurrenz bilden zu wollen usw.
In den letzten Jahrzehnten ist es namentlich der Begriff der Rasse, der zur Erklärung oder vielmehr zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Einrichtungen und Bestrebungen mit Vorliebe verwendet wird.
Die Kolonialpolitik wird von Rassentheoretikern als Naturnotwendigkeit hingestellt, als eine Folge davon, dass die Natur Herrenrassen schafft und Sklavenrassen. Nur die ersteren sind schöpferisch veranlagt, die anderen jeder Selbständigkeit bar, können ohne fremde Führung nicht bestehen, können sich nicht weiterentwickeln, sondern sind dazu verurteilt, den Herrenrassen zu dienen.
Aber die Naturnotwendigkeit, mit der jene Rassentheoretiker operieren, liefert noch weitere angenehme Ergebnisse für einzelne bürgerliche Cliquen unserer Zeit. Innerhalb der Herrenvölker selbst gibt es Rassenunterschiede, und da stellt sich’s heraus, dass die blonde Rasse die herrlichste von allen ist. Die Herren Blondins proklamieren sich selbst als die gescheitesten, edelsten und kraftvollsten aller Menschen, denen alle anderen zu dienen haben.
Danach hat sich die internationale Politik zu richten, damit wird aber auch die Notwendigkeit bewiesen, dass es Ausbeuter und Ausgebeutete geben muss.
Ganz eigenartig erscheint von diesem Standpunkt aus die Französische Revolution. Herr Bornhak, Professor des Staatsrechts in Berlin, geht von der Tatsache aus, dass das Gebiet des heutigen Frankreichs, das ehedem von Kelten bewohnt war und dann von den Römern erobert wurde, schließlich in der Völkerwanderung germanischen Stämmen erlag, die mit Hilfe der katholischen Kirche dort ein neues, von ihnen beherrschtes Staatswesen schufen. Bei Bornhak erscheint dieser Staat als das ausschließliche Werk der germanischen Barbaren:
„Die Kelten sind eine der politisch unfähigsten Rassen, die es je gegeben hat.“ Die Germanen sind dagegen eine „wahrhaft staatsbildende Rasse von schöpferischer Begabung.“ Durch sie wurde Frankreich eine Macht, bis die keltischen Unterworfenen das Herrenvolk in der großen Revolution mit „barbarischer Grausamkeit“ ausrotteten.
Die romanisierte keltische Rasse wird allein zum Volke. Damit war aber in der politischen Unfähigkeit des Keltentums gleichzeitig das Schicksal des französischen Staates besiegelt. [1]
Die gleiche Auffassung der Französischen Revolution als Auflehnung minderwertiger Kelten gegen blonde Edelgermanen wurde vorher schon von Driesmans verfochten, der behauptete, dass diese Revolution von „Advokaten und Journalisten gemacht wurde“, welche Berufe „zweifellos keltischen Geblüts“ sind. [2]
Auf diese Weise wird von unseren Rassentheoretikern Geschichte geschrieben.
Nicht besser steht’s mit ihrer Nationalökonomie. Der Anthropologe Ammon veröffentlichte 1893 eine Arbeit über Die natürliche Auslese beim Menschen, in der er auf Grund badischen Materials fand, der Klassenunterschied zwischen Kapitalisten und Proletariern rühre daher, dass es in der Bevölkerung zwei Rassen gebe, eine blonde, langköpfige, germanische und eine schwarze, rundköpfige, „mongolische“. Die letztere sei unselbständig und wenig begabt. Wie ganz anders die Germanen:
Wie alle Arier sind die Germanen die geborenen Beherrscher anderer Völker. Wo sie auch auftreten, sind sie die regierenden und sozial bevorzugten Stände, sind sie ein Volk voll wilden Mutes und unbeugsamer Kraft, voll Hingebung und Treue, voll Stolz und Wahrhaftigkeit, ein leuchtendes Volk von Halbgöttern, dessen gleichen die Welt vorher nur einmal in den Griechen und nachher nie wieder gesehen hat und wahrscheinlich auch niemals wieder sehen wird.
Er untersucht die Entwicklungsgeschichte dieser Halbgötter auf Grund von Beobachtungen im Ländchen Baden. Dort wohnen sie als Bauern auf dem Lande zusammen mit den mongolischen Rundköpfen und wandern ebenso wie diese in die Städte. In diesen steigen sie dank ihrer Halbgötternatur bald in die Höhe, verklären sich zu Beamten, Bierbrauern, Getreidehändlern und ähnlichen gottähnlichen Gestalten, indes die schwarzhaarigen Asiaten aus dem Schwarzwald – die verdiente verächtlich Knechtschaft der Lohnarbeit herabsinken.
Aber gleichzeitig, noch vor Ammon erstanden andere Rassentheoretiker und konstatierten, dass nicht die blonden Germanen, sondern schwarzhaarige Asiaten in den Städten sich immer mehr des Kapitals bemächtigten, die Germanen unterjochten und diese auch als Intellektuelle immer mehr zurückdrängten als Ärzte, Advokaten, Journalisten. Darum wurden aber die Sieger nicht als Halbgötter gepriesen, sondern als schädliches Geschmeiß denunziert, das im Interesse der herrlichen Germanen verjagt oder doch rechtlos gemacht werden müsste.
Diese Rasse schwarzer Schädlinge ist das Judentum. Mehr noch als bei jeder anderen sozialen Bewegung unserer Zeit macht sich im Antisemitismus das Rassenargument geltend. Es hat in Westeuropa ganz das religiöse Argument zurückgedrängt.
Der aus der Feudalzeit überkommene Antisemitismus hatte eine Zeitlang Miene gemacht, zu verschwinden. Er wich in dem gleichen Maße und unter dem Einfluss der gleichen kapitalistischen Entwicklung zurück wie die Macht der Religion. Man begann ihn unter die Vorurteile rückständiger Menschen zu zählen.
Aber seit einem Menschenalter hat er wieder an Kraft gewonnen, er hat sich modernisiert, und ist er auch nicht in allen modernen Staaten ein politischer, so doch überall ein gesellschaftlicher Faktor geworden. Wir werden noch sehen, woher dies rührt und warum wir nicht so bald mit dem Ende, aber freilich auch nicht mit dem Sieg des Antisemitismus zu rechnen haben.
Zunächst wollen wir nur das Rassenargument prüfen, dessen er sich bedient, das aber auch außerhalb des Antisemitismus in unserer inneren und äußeren Politik immer mehr Verwendung findet.
Und merkwürdigerweise ersteht im Judentum selbst als Gegenwirkung gegen den Antisemitismus ebenfalls das Streben, die Rassentheorie anzunehmen und auszunutzen. Die Anwendung liegt ja nahe: gestattet diese Theorie christlich-germanischen Patrioten, sich selbst zu Halbgöttern zu ernennen, warum sollen zionistische Patrioten sie nicht benutzen, das auserwählte Volk Gottes zu einem auserwählten Volk der Natur zu stempeln, zu einer Edelrasse, die vor jeder Verschlechterung und Verunreinigung durch rassenfremde Elemente ängstlich zu hüten ist?
Eine ansehnliche Literatur ist im letzten Jahrzehnt über diese Fragen entstanden. Schon vor zehn Jahren fanden ihre Argumente eine gute Darstellung und Würdigung in dem Buche, das Friedrich Herz über Moderne Rassentheorien (Wien 1904, E. W. Stern) veröffentlichte. [3] Es wurde 1915 in zweiter, neubearbeiteter und stark vermehrter Auflage unter dem Titel Rasse und Kultur, Leipzig, A. Kröner, herausgegeben. [4] Unter den neuesten Schriften darüber erscheint mir besonders bemerkenswert die Arbeit des Dr. Maurice Fishberg über Die Rassenmerkmale der Juden, eine Einführung in ihre Anthropologie, deutsch von L. Hepner (München 1913, Verlag von Ernst Reinhardt, 300 Seiten). [5] Fishberg hat nicht nur das von anderen Anthropologen gesammelte Material benutzt, sondern selbst reiches neues Material durch Messungen an mehr als 4000 Juden aus vier Erdteilen gewonnen und auf das gewissenhafteste und sachkundigste verarbeitet. Die reichen Anregungen, die mir dieses Werk gab, haben mich zu den folgenden Darlegungen veranlasst.
Ich komme dabei in dieselbe unangenehme Lage, in der ich mich schon bei der Abfassung meines Buches über Vermehrung und Entwicklung befand und auf die ich dort S. VII und 17 hinwies, dass ich als Laie auf dem Gebiet der Naturwissenschaften über biologische Fragen zu sprechen habe. [6] Auch hier liegt ein Grenzgebiet vor, eines der vielen, auf denen Biologie und Soziologie zusammentreffen und die es eigentlich erheischen würden, dass man die beiden Wissenschaften vollständig beherrscht. Aber das ist unter den heute Lebenden keinem gegeben. Man kann von keinem, der sich auf ein derartiges Gebiet begibt – und sie sind sehr begangen –, mehr verlangen, als dass er die eine der beiden in Frage kommenden Wissenschaften beherrscht und die andere so weit verfolgt, dass er den Stand der Forschung kennt. Den Ausgangspunkt hat für ihn stets die eigene Wissenschaft zu bilden; seine Aufgabe besteht darin, deren Ergebnisse mit denen der Grenzwissenschaft in Einklang zu bringen, keine einfache Aufgabe zum Beispiel für einen Soziologen, wenn die Männer der Naturwissenschaft selbst untereinander so völlig uneins sind, wie es in der Rassenfrage mit dem grundlegenden Problem der Vererbung der Fall ist. Da hat der Soziologe wohl das Recht, unter den streitenden Theorien der Naturforscher auch als Laie eine Wahl zu treffen und sich für diejenige zu entscheiden, die vereinbar ist mit der sicheren Basis, die er in der Soziologie gewonnen.
1. Conrad Bornhak, Der Einfluss der Rasse auf die Staatsbildung, Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, Band 1, Heft 2, März 1904, S. 254 ff.
2. Zitiert bei Friedrich Otto Hertz, Moderne Rassentheorien: Kritische Essays, Wien: C. W. Stern, 1904, S. 10.
3. Friedrich Otto Hertz, Moderne Rassentheorien: Kritische Essays, Wien: C. W. Stern, 1904.
4. Friedrich Otto Hertz, Rasse und Kultur: Eine kritische Untersuchung der Rassentheorien, Leipzig: A. Kröner, 1915.
5. Maurice Fishberg, Die Rassenmerkmale der Juden. Eine Einführung in ihre Anthropologie, Deutsch von L. Hepner, München: Verlag von Ernst Reinhardt, 1913. 300 S. [Maurice Fishberg, The Jews: A Study of Race and Environment. New York: Charles Scribner’s Sons, 1911. XIX, 578.]
6. Karl Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft, Stuttgart: J.H.W. Dietz Nachf., 1910.
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026