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Eine der sonderbarsten Eigentümlichkeiten unserer Rassentheoretiker, die sich „Anthroposoziologen“ nennen, besteht darin, dass sie uns darüber, was eine Rasse ist, umso mehr im Dunkeln lassen, je unbedenklicher sie mit diesem Begriff bei der Erklärung gesellschaftlicher Erscheinungen hantieren. Was ein Mensch ist, tut, leistet, das verdankt er nach ihrer Ansicht einfach seiner Rasse, das hat er von seinen Vorfahren ererbt und vererbt es mit Naturnotwendigkeit seinen Nachkommen. Die Rasse ist das moderne Fatum, ebenso unbegreiflich und ebenso unabänderlich wie dieses.
Es erscheint den anthroposoziologischen Rassentheoretikern als selbstverständlich, dass jene Gruppen, die man als Menschenrassen unterscheidet, ebenso aufzufassen sind wie Tierrassen. Sie werden keinen Moment von der Frage beunruhigt, ob die Lebensbedingungen des Menschen den Rassenbegriff für ihn ändern. Sie untersuchen nicht einmal die Frage, welcher Art von Tierrassen sie die Menschenrassen zuzählen.
Die Tierrassen sind nämlich nicht alle der gleichen Art, sondern zerfallen in zwei sehr verschiedene Gruppen: die Rassen der Haustiere und die der Tiere im Naturzustand.
Die Zoologen und Botaniker unterscheiden beide Gruppen genau. Sie gebrauchen in der Regel nur für die ersteren das Wort Rasse, die anderen nennen sie meistens Varietäten oder Unterarten. Die Rassentheoretiker der „Anthroposoziologie“ aber wenden unterschiedslos Erfahrungen und Gesetze, die für Haustierrassen, wie solche, die für die Varietäten wilder Tiere gelten, auf die Menschenrassen an. Schon dadurch müssen sie eine heillose Konfusion anrichten, ganz abgesehen davon, dass die Menschen weder Haustiere sind noch Tiere im Naturzustand, sondern eine Tiergattung, die unter ganz eigenartigen Bedingungen lebt, die von denen aller anderen Tiere gründlich verschieden sind.
Ehe wir an das Rassenproblem herantreten, müssen wir uns also zunächst über den Unterschied zwischen der Rasse des Haustiers und der Varietät des wilden Tieres klar werden. Wir sprechen hier nur von Tieren, weil bloß sie für unser Thema, die Menschenrassen, in Betracht kommen. Doch gilt das im Folgenden Entwickelte für Pflanzen nicht minder wie für Tiere.
Jede Erscheinung wird am besten dann begriffen, wenn man ihre Entstehung kennt. Die ist bei den Rassen der Haustiere nicht schwer festzustellen, denn sie ist ein Prozess, der sich tagtäglich vor unseren Augen vollzieht. Die Züchtung neuer Rassen findet ununterbrochen statt. Dagegen ist die Bildung von Varietäten in der Natur nicht zu beobachten, sie muss durch Hypothesen erschlossen werden.
Betrachten wir die Organismen der Natur, so finden wir, dass keiner von ihnen einem Zwecke dient, der außer ihm selbst liegt. Jeder ist sich Selbstzweck. Seine einzelnen Organe müssen der Erhaltung des Ganzen dienen und insofern zweckmäßig eingerichtet oder mindestens mit dem Zweck seiner Erhaltung vereinbar sein. Ein Organismus, der anders eingerichtet ist, kann nicht bestehen und noch weniger sich fortpflanzen.
Für den tierischen Organismus sind aber nicht bloß seine eigenen Organe wichtig, sondern nicht minder die der anderen Organismen, mit denen er zu tun bekommt, die ihm feindlich gegenübertreten oder von denen er lebt. Nur der Mensch kommt jedoch so weit, die Organe von Organismen, von denen oder durch die er lebt, so abzuändern, dass sie seinen Zwecken dienlicher werden. Es gehört dies zu den Mitteln, durch die er sich über den Naturzustand erhebt.
Den ersten Schritt dazu macht er dadurch, dass er Tiere (und ebenso Pflanzen), die er sonst mühsam aufsuchen müsste, um sich ihrer zu bemächtigen, dahin bringt, dass sie in seiner Nähe leben und sich fortpflanzen. Dabei verfolgt er zunächst wohl nur den Zweck, die Mühe des Suchens, mitunter auch des Überwindens der Organismen, von denen er lebt, zu verringern. Sind die Organismen aber einmal eingewöhnt, zu völlig vertrauten Genossen des Menschen geworden, dann erwacht auch das Streben, die Organe des Haustiers oder der angebauten Pflanze den Zwecken des Menschen anzupassen, für die sie nicht von Natur aus bestimmt sind.
Das wird am ehesten dadurch erreicht, dass man ihre Lebensbedingungen zweckmäßig ändert: man vermehrt ihre Nahrungszufuhr, etwa durch Düngung oder Mästung, vermindert ihren Aufwand an Kräften für den Lebensprozess, erspart ihnen zum Beispiel das Aufsuchen des Futters, das Fliehen vor Feinden, Wärmeverlust in der Winterkälte usw.
Schließlich kommt man aber dazu, den Organismus zu ändern durch Benutzung der Erfahrung, dass jedes Individuum die Tendenz hat, seine Eigenart zu vererben. So sehr auch alle Individuen derselben Art untereinander übereinstimmen, vollständig sind sie nie einander gleich. Kleine Abänderungen – Variationen – finden sich stets unter ihnen, die sich leicht vererben.
Die meisten Haustiere werden schließlich dem Menschen so untertan, dass es in seiner Macht steht, sie nach seinem Belieben zu paaren oder von der Fortpflanzung auszuschließen. Ist er so weit, dann bringt er selbstverständlich diejenigen Exemplare am ehesten zur Fortpflanzung, die seinen Zwecken am besten entsprechen, die am meisten Milch liefern, Fleisch und Fett geben, die feinste Wolle produzieren, am fleißigsten Eier legen, die größte Zugkraft oder Schnelligkeit entwickeln usw. Werden von deren Nachkommen wieder diejenigen fortgepflanzt, die die gleichen Eigenschaften am ausgeprägtesten aufweisen, dann häufen sich diese Eigenschaften nach und nach so sehr und wandelt sich mit ihnen auch der Körper der Tiere in so hohem Grad, dass sie von ihren Ahnen erheblich verschieden sind und sich auf diese Weise aus der alten Art eine neue entwickelt, deren Eigenschaften sich befestigen und immer wieder vererben, wenn ihre Zuchttiere stets nur mit ihresgleichen gepaart werden.
Diese Zuchtwahl ist zunächst vorwiegend noch eine unbewusste. Man pflanzt die besten Exemplare fort, weil man sie am höchsten schätzt, ohne die Absicht, zu einer neuen Rasse zu kommen. Dies Endergebnis des Prozesses ist nicht von vornherein ins Auge gefasst. Aber die Kunst der Züchtung vervollkommnet sich immer mehr, wird immer bewusster, setzt sich schließlich von vornherein die Bildung bestimmter Rassen mit bestimmten Rassenmerkmalen zum Ziele.
Mitunter treten sprunghaft neue Variationen bei einem einzelnen Exemplar auf. Sind sie dem Menschen vorteilhaft, so wird er versuchen, sie fortzupflanzen. So wurde von einem Widder mit kurzen krummen Beinen und langem Rücken, der dadurch verhindert war, Hecken zu überspringen, 1791 in Amerika eine neue Rasse, die der Ankonschafe, gezogen. Ebenso diente in Frankreich 1828 ein hornloser Widder mit ungewöhnlich weicher und langer Wolle dazu, eine neue Rasse zu erzeugen, die der Mauchampschafe.
In der Regel vollzieht sich jedoch die Schaffung einer neuen Rasse nicht so einfach, sondern durch langsame, allmähliche Versüßung von Merkmalen, die in der ersten Generation oft nur das Auge erfahrener Züchter herausfindet und die erst durch die Häufung im Laufe von Generationen so ausgeprägt werden, dass sie praktische Bedeutung bekommen.
Die durch Generationen fortgesetzte ununterbrochene Auslese der Zuchttiere stets nach dem gleichen Plane bildet eine neue Rasse, die sich dadurch erhält, dass immer nur jene Exemplare fortgepflanzt werden, die den Rassencharakter am ausgeprägtesten aufweisen, dass die Paarung mit Individuen anderer Rassen streng vermieden wird und alle Exemplare der besonderen Rasse von der Nachzucht ausgeschlossen werden, die eine vom Rassencharakter abweichende Variation aufweisen.
Eine Vorbedingung der Bildung derartiger neuer Rassen ist es natürlich, dass die Tiere sich im gezähmten Zustand fortpflanzen und ihre Paarung der Kontrolle des Menschen unterliegt. Der Elefant pflanzt sich in der Regel nur in wildem Zustand fort. Er hat keine neuen Rassen erzeugt.
Andererseits lässt die Hauskatze an Fruchtbarkeit nichts zu wünschen übrig. Aber sie hat sich dem Menschen gegenüber viel von ihrer urwüchsigen Freiheit gewahrt. Ihr Liebesleben vollzieht sich nicht im Stall, sondern auf den Dächern, daher, sagt Darwin, liefert sie in dem gleichen Lande keine verschiedenen Rassen. [1]
Dagegen wird die Bildung neuer Rassen unter sonst gleichen
Umständen umso leichter werden, je größer die
Sicherheit der Paarung bestimmter Individuen und je rascher die
Generationen aufeinanderfolgen. Daher die große Zahl von Rassen
der Kaninchen und Tauben. Die Züchtung neuer Rassen ist hier ein
Sport geworden.
Wie steht es nun mit der Bildung von Varietäten bei Tieren im Naturzustand? Diese Frage müsste man eigentlich untersuchen, ehe man die Bildung der Haustierrassen in Betracht zieht. Die wilden Varietäten sind ja früher entstanden und bilden den Grundstock, von dem die Rassen der Haustiere abzweigten. Aber für die Geschichte der Theorie der Entwicklung der Rassen ist die Entstehung der von Menschen beherrschten Organismen der Ausgangspunkt. Die Beobachtungen bei der künstlichen Zuchtwahl waren es, die Darwin zu seiner Hypothese der natürlichen Zuchtwahl veranlassten.
Darwin nahm an, die Bildung von Varietäten und Arten gehe im Naturzustand ebenso wie bei Haustieren und Kulturpflanzen in der Weise vor sich, dass die besten, zweckmäßigsten Exemplare zur Fortpflanzung ausgelesen und die weniger geeigneten von ihr ausgeschlossen werden. Der Unterschied sei nur der, dass im Naturzustand nicht der Mensch die Auslese besorgt, nicht die Zwecke des Menschen die entscheidenden dabei sind, sondern der Kampf ums Dasein, der eine Folge der Übervölkerung ist, des Umstandes, dass von jeder Art viel mehr Individuen produziert werden, als existieren können. Steter, erbarmungsloser Kampf herrscht unter ihnen, in dem die schwächsten, am wenigsten zweckmäßig ausgestatteten unterliegen, die stärksten, am passendsten eingerichteten sich behaupten und fortpflanzen.
Gegen diese Auffassung erhoben sich von vornherein schwere Bedenken. Bedeutet der Kampf ums Dasein eine beständige und fortschreitende Auslese der Besten, dann muss die Umwandlung der Arten ununterbrochen vor sich gehen. Und zwar in ziemlich raschem Tempo. Bei manchen Haustieren und Gartenpflanzen genügen schon einige Jahre, eine besondere neue Rasse zu bilden.
In der Natur zeigt uns dagegen die Erfahrung die anscheinende Unveränderlichkeit der Arten innerhalb langer Zeiträume. Sie ändern sich wohl in geologischen Perioden, bleiben aber innerhalb einer solchen viele Jahrtausende lang unverändert. In historischer Zeit ist die Masse der Arten wilder Tiere völlig gleichgeblieben. Sie sehen auf den ältesten ägyptischen und assyrischen Monumenten ebenso aus wie heute.
Diese Schwierigkeit soll dadurch beseitigt werden, dass man annimmt, die Entwicklung gehe ungeheuer langsam vor sich, durch allmähliche Häufung ganz unmerklicher Abänderungen. Aber je langsamer diese Entwicklung ist, je unmerklicher die Abänderungen, die jede Generation zum Fortschritt beiträgt, desto unüberwindlicher wird eine andere Schwierigkeit der Selektionstheorie: desto unmöglicher wird es, dass jede der Abänderungen dem Individuum, das sie hervorbringt, ein Übergewicht über die anderen, nicht damit begabten verleiht.
Bei der künstlichen Zuchtwahl geschieht die Auslese durch Menschen, die im Geiste bereits den neuen Typus, der gezüchtet werden soll, und seine praktischen Vorteile voraussehen und für deren geschärfte Augen durch diese Voraussicht kaum merkliche Veränderungen eine Bedeutung erhalten, die sie nicht für sich allein, sondern nur als Ausgangspunkt einer langen Entwicklungsreihe haben, an deren Endpunkt erst ein bedeutungsvoller neuer Typus steht. Die Entwicklungstheorie will ohne jede Vorsehung bei der Bildung der natürlichen Arten auskommen. Ohne eine vorausblickende Auslese können aber unmerkliche Abänderungen kein Grund für das Überleben und die Fortpflanzung der mit ihnen begabten Individuen werden. Der Hinweis auf die künstliche Zuchtwahl versagt da vollkommen.
Zu alledem gesellt sich noch eine dritte Schwierigkeit: Darwin nannte seine Theorie der natürlichen Zuchtwahl eine Erklärung der Entstehung der Arten. Sie gäbe aber, wäre sie richtig, nur eine Erklärung der Entwicklung höher organisierter aus niedrigen organisierten Individuen. Ihr ganzes Schwergewicht legt sie auf die Lösung des Problems der Entwicklung. Aber um die Entstehung der Arten zu erklären, muss man auch die Übereinstimmung der Individuen erklären, die es veranlasst, dass man sie als besondere Art zusammenfasst. Woher diese Übereinstimmung?
Bei künstlicher Zuchtwahl liegt die Ursache der Übereinstimmung der Individuen in ihrer gemeinsamen Abstammung von den gleichen Ahnen. Der Stammbaum spielt dabei eine große Rolle, es ist aber unmöglich, eine „reine Rasse“ aufrechtzuerhalten ohne stetes Eingreifen des Züchters, der auf das sorgfältigste darüber zu wachen hat, dass seine Rassetiere sich nicht mit anderen paaren, und der unter dem Nachwuchs alle ausmerzen muss, bei denen Abänderungen zutage treten, die vom Typus der reinen Rasse abweichen.
In der Natur fehlt dieser Züchter, sind die Abänderungen nicht der Art, dass sie das Individuum zum frühen Untergang verurteilen, dann hindern sie nicht, dass es sich mit anderen verschieden gearteten Individuen paart und sich fortpflanzt. Eine stete Mischung von Individuen mit den verschiedensten Abänderungen findet statt.
Der Züchter, der eine neue Rasse züchtet, hat dabei überdies nur eine besondere, bestimmte Einseitigkeit im Auge, die er zu verstärken sucht. Einzig im Hinblick auf sie geschieht seine Auslese. In der Natur ist es offenbar nicht nur eine bestimmte Eigenschaft, die einen Vorteil gewährt. Die verschiedensten Eigenschaften können einen solchen bieten. Nehmen wir an, die Selektionstheorie wäre insoweit richtig, als die Entwicklung dadurch vor sich geht, dass Individuen mit Abänderungen, die einen Vorteil bieten, sich leichter als die anderen behaupten und fortpflanzen. Dann sind doch die verschiedenartigsten Abänderungen möglich. Betrachten wir etwa die Hasen. Die einen werden einen Vorteil ziehen aus längeren Beinen, andere aus größerer Ausdauer, dritte aus besserer Schutzfärbung, etwa weiß im Winter, braun im Sommer, vierte aus vermehrter Fruchtbarkeit, wieder andere aus erhöhter Widerstandsfähigkeit gegen klimatische Einflüsse, etwa dickem Pelz im Winter, leichtem im Sommer; endlich werden auch Verschiedenheiten in den Sinnesorganen, schärfere Augen, besseres Gehör, feinerer Geruch sowie Verschiedenheiten in der Intelligenz, in der Fixigkeit und Richtigkeit der Urteile, die aus den Sinneseindrücken geschöpft werden, Vorteile bieten. Das eine Individuum wird diese, das andere jene Vorteile aufweisen.
Würden sich immer wieder Individuen paaren, deren Merkmale übereinstimmten, dann könnten sie diese verstärken und so eine neue Rasse bilden. Aber da es ungemein viele solcher Merkmale gibt, würde dabei aus einer Art in derselben Gegend nicht eine einzige neue Art entstehen, sondern zahlreiche. So zerfallen im Gegensatz zum wilden Kaninchen die zahmen Kaninchen in unzählige Rassen.
Dass sich aber immer nur Individuen mit gleicher Eigenart paaren, ist in der Wildheit ausgeschlossen. Welcher Art die Partner sind, hängt da meist vom Zufall ab, welche Individuen gerade zur Paarungszeit aufeinandertreffen. Nicht immer findet eine geschlechtliche Auslese statt, oft geschieht die Paarung unterschiedslos. Wo eine Auslese stattfindet, ist sie auf das eine Geschlecht beschränkt. Der siegreiche Hirsch begattet alle Hirschkühe seines Rudels, welches immer ihre Eigenschaften sein mögen, und wo eine Auslese stattfindet, vollzieht sie sich stets unter wenigen Individuen.
Im Naturzustand werden also innerhalb einer Art die verschiedensten Abänderungen vererbt, die sich dabei immer wieder aufs Neue mischen. Wie sich dadurch Zuchtwahl neue große Arten mit übereinstimmendem Charakteren bilden sollten, ist unerfindlich. Findet eine stete Fortentwicklung durch das Überleben der Passendsten mit neuen Eigenschaften und durch deren Vererbung statt, dann muss sie zu einer Auflösung bestehender Arten in einen wirren Haufen der verschiedenartigsten Individuen führen, unter denen jede Übereinstimmung immer mehr verlorenginge. Die Theorie der Entstehung wird zu einer Theorie der Auflösung der Arten, wobei es unbegreiflich bleibt, wieso es überhaupt jemals zu Arten kam, zur Übereinstimmung zahlreicher Individuen. In Wirklichkeit finden wir aber in der Natur viel zahlreichere Individuen mit übereinstimmenden Charakteren als unter den Haus- stieren. Wir haben darauf hingewiesen, wie unendlich groß die Zahl der Kaninchenrassen ist gegenüber der Einförmigkeit unter den wilden Kaninchen und den Feldhasen.
Und die Zahl der Arten wilder Tiere wächst nicht, während bei vielen Haustieren fast jedes Jahr eine neue Rasse bringt:
Die Geologie lehrt uns, dass von der früheren Zeit der langen Tertiärperiode an die Zahl der Molluskenarten und von dem mittleren Teil derselben Periode an die Zahl der Säugetierarten nicht bedeutend oder gar nicht zugenommen hat. [2]
Kobelt sagt darüber in der Vorrede zu seinem schönen Buch über Die Verbreitung der Tierwelt (Leipzig 1902):
Dass eine gleichmäßige, langsame Umbildung der Tierwelt durch große Zeiträume erfolge, wie sie der strenge Darwinismus verlangt, davon habe ich mich nicht überzeugen können... Seit der Mitte der Pliozänzeit (dem geologischen Zeitalter, das der Entstehung des Menschen unmittelbar vorherging, K.) können wir keine einigermaßen sichere Neuentstehung einer Art nachweisen. [3]
Woher kann die große Übereinstimmung so vieler Individuen im Naturzustand rühren?
Wir können sie unmöglich erklären, wenn wir nur das Individuum und nur die individuelle Entwicklung in Betracht ziehen. Es handelt sich hier um eine Massenerscheinung, die nur erklärt werden kann durch einen Faktor, der außerhalb der Individuen und über ihnen auf sie alle in gleicher Weise wirkt. Er ist nicht schwer zu finden, wenn wir die Varietäten der Tiere im Naturzustand betrachten. Bei den Rassen der Haustiere kommen vor allem die individuellen Ahnen, der Stammbaum, in Betracht. Die Varietäten der wilden Tiere sind dagegen „geographische Rassen“. Dies gilt schon für die Hauskatze, die der künstlichen Zuchtwahl widerstrebt, es gilt umso mehr von Tieren in völlig ungebundenem Naturzustand.
So unterscheidet man zum Beispiel beim Löwen die Varietäten des Berberlöwen, des Senegallöwen, des Kaplöwen, des Perserlöwen, des Guzeratlöwen.
Unter den Elefanten unterscheidet man den indischen und den afrikanischen.
Die Rhinozerosse zerfallen in verschiedene Varietäten: das indische Nashorn, dessen „Verbreitungsgebiet auf die indische Halbinsel beschränkt scheint“. Das Waranashorn findet sich, „soweit unsere Kenntnis reicht, ausschließlich auf Java“. „Das Halbpanzernashorn bewohnt ausschließlich Sumatra.“ „Das Verbreitungsgebiet des Doppelnashorns erstreckt sich heutigentags über ganz Mittelafrika.“ „Das Verbreitungsgebiet des Stumpfnashorns soll auf die südliche Hälfte Afrikas beschränkt sein.“ [4] (Brehm, Tierleben)
Endlich noch ein Beispiel vom Hasen:
Ganz Mitteleuropa und ein kleiner Teil des westlichen Asiens ist die Heimat unseres Hasen. Im Süden vertritt ihn der Hase des Mittelmeers, eine verschiedene Art von geringerer Größe und rötlicher Färbung; auf den Hochgebirgen der Alpenhase, im hohen Norden der Schneehase ... Die afrikanischen Hasen zeichnen sich sämtlich von den unsrigen durch ihre geringe Größe und zumal durch die ungemein langen Löffel aus. [5] (Brehm, Tierleben)
Es sind also geographische Verschiedenheiten, die die Verschiedenheiten der Varietäten im Naturzustand hervorrufen, Verschiedenheiten im Klima, der Bodengestaltung, der Zusammensetzung und Gewinnung der Nahrung, der Art der Feinde usw. Andererseits aber ist es die Gleichheit der Lebensbedingungen innerhalb eines bestimmten Gebiets, die die Übereinstimmung der Individuen derselben Art dort hervorbringt. Diese Gleichheit erweist sich mächtiger als die Ungleichheiten, die Variationen der Individuen. Diese haben die Tendenz nach Verschiedenheit, sie streben auseinander. Die Lebensbedingungen in der Natur eines bestimmten Bezirkes sind aber für alle die gleichen, wirken auf alle in gleicher Weise und wirken dem Streben nach Ungleichheit immer wieder entgegen.
Wenn wir so die Lebensbedingungen, das „Milieu“ als den entscheidenden Faktor für die Gestaltung der Varietäten und Arten im Naturzustand betrachten, beseitigen wir die Schwierigkeiten, die eintreten, wenn wir zur Erklärung der natürlichen Varietäten von den Erfahrungen ausgehen, die man bei der Züchtung der Haustierrassen gemacht hat.
Nicht nur die Übereinstimmung der Individuen der gleichen Art innerhalb eines Bezirkes wird jetzt begreiflich, sondern auch die Konstanz, die Tendenz zur Unveränderlichkeit der Arten in historischer Zeit, und ihre Veränderungen in geologischen Perioden werden nun miteinander vereinbar. Solange das Milieu das gleiche bleibt, ändern sich die Arten nicht. Aber es ist nicht dauernd unveränderlich. Die Erde verändert sich. Sie wechselt ihre Stellung im Himmelsraum. Indem sie ihn mit dem ganzen Sonnensystem durcheilt, kann sie zeitweise kältere, zeitweise wärmere Gegenden des Weltraums passieren. Ihre Stellung zur Sonne ist auch nicht stets die gleiche, die Erdachse schwankt, und damit können manche Teile ihrer Oberfläche ein mehr polares, manche ein mehr äquatoriales Klima bekommen, als sie früher hatten.
Weit sicherer als diese Veränderungen sind jedoch diejenigen, die aus dem allmählichen Erkalten und Schrumpfen der Erde hervorgehen. Kontinente und Meere bilden sich, tiefe und seichte Meere, Flachland und Gebirge, Meeresströmungen und Windrichtungen, nichts dauernd, alles wechselnd, aber in unendlich langen Zeiträumen. Jahrtausendelang wird in derselben Gegend der gleiche Zustand herrschen, dann ändert er sich allmählich, Feuchtigkeit wird durch Trockenheit ersetzt, Wärme durch Kälte, Tiefebenen werden gehoben, zu Gebirgen gestaltet, oder gesenkt, in Meeresboden verwandelt usw. Tritt eine derartige Änderung ein, dann können die Organismen der Gegend nicht die gleichen bleiben. Sie werden zum Teil vernichtet, zum Teil verdrängt, zu Wanderungen getrieben, zum Teil den neuen Bedingungen angepasst, was in der mannigfachsten Weise geschehen kann, wofür Lamarck und Darwin sowie ihre Jünger sehr wichtige Illustrationen gegeben haben. Sind aber einmal die Organismen der Gegend dem neuen Zustand angepasst, dann besteht für weitere Änderungen ihrer Beschaffenheit keine Ursache mehr, dann bleiben sie, was sie geworden sind so lange, bis neue Änderungen ihrer Lebensbedingungen eintreten.
Diese Auffassung ist nicht neu. Darwin selbst wies in der historischen Skizze, die er seinem Buche über die Entstehung der Arten vorausschickte, darauf hin, dass Isidore Geoffroy Saint-Hilaire 1850 seine Meinung über Artencharaktere dahin aussprach, „dass sie für jede Art feststehen, solange sie sich innerhalb derselben Verhältnisse fortpflanzt, dass sie aber abändern, sobald die äußeren Lebensbedingungen wechseln“.
Darwin hat die Wirkung veränderter Lebensbedingungen sowie des Gebrauchs und Nichtgebrauchs der Organe wohl erkannt. Aber er hat sie doch unterschätzt, da ihm die Erfahrungen der künstlichen Zuchtwahl und die Annahme eines steten Kampfes ums Dasein unter dem Druck der Übervölkerung ganz gefangengenommen hatten.
Die letztere Auffassung übernahm er von Malthus, sie gilt heute noch als ehernes Gesetz der Naturwissenschaft.
Untersuchen wir aber den Kampf ums Dasein näher, so finden wir, dass bei ihm die Übervölkerung, also der Kampf von Individuen der gleichen Art untereinander um das Futter nur eine sehr geringe Rolle spielt, nur eine ausnahmsweise Erscheinung ist.
Betrachten wir einige konkrete Fälle. Die Hasen sind von bekannter Fruchtbarkeit. Schon im März setzt die Häsin einige Junge. Aber nur die wenigsten unter ihnen kommen auf. Wie viele am Leben bleiben, hängt vor allem vom Wetter ab. Schneit es und friert es, werden sie fast alle zugrunde gehen. Scheint die Sonne, wehen laue Winde, werden sich viele behaupten. Es ist klar, dass in diesen Fällen für die Auslese unter den Jungen, für ihren Kampf ums Dasein ihre Zahl ganz bedeutungslos ist. Dieser Kampf ist für sie ein Kampf gegen die äußeren Lebensbedingungen, nicht gegen die zahlreichen Konkurrenten ihrer Art.
Oder nehmen wir Antilopen in einer afrikanischen Steppe. Zeitweise tritt dort wochenlange Dürre ein, in der die Quellen versiegen, die Wassertümpel austrocknen und viele Antilopen verdursten. Nur diejenigen erhalten sich, die am längsten den Durst ertragen können oder deren Organe so fein sind, dass sie eher als andere die wenigen noch vorhandenen Wasserstellen auf weite Entfernungen wittern. Der Kampf ums Dasein übt da sicher eine weitgehende Auslese aus, aber es ist ein Kampf gegen die äußeren Lebensbedingungen. Mit der Anzahl der vorhandenen Antilopen hat er nichts zu tun. Das Wasser ist nicht dadurch zu wenig geworden, weil zu viele Antilopen da waren, die es tranken.
Ein anderer Feind der Antilopen ist der Löwe. Aber dessen Kraft und Mordlust hängt auch nicht von der Anzahl der Antilopen ab. Unter zwei Löwen selbst mag mitunter, wenn Antilopen selten sind, ein Kampf um eine Beute entstehen, bei dem der stärkere siegt. Aber auch das kommt nur ausnahmsweise vor.
Die große Fruchtbarkeit der Organismen ist, weit entfernt davon, die allgemeine und stete Ursache des Kampfes ums Dasein darzustellen, vielmehr eine Waffe der Organismen, sich in diesem Kampfe zu behaupten, in dem sie sonst unterliegen müssten. Der Kampf ums Dasein ist in der Regel nicht ein Kampf von zu zahlreichen Individuen der gleichen Art untereinander, sondern ein Kampf des Individuums oder einer Gruppe von Individuen der gleichen Art gegen die äußeren Lebensbedingungen, zu denen nicht nur die anorganische, sondern auch die organische Natur der Umgebung gehört. Mit diesen Lebensbedingungen ändert sich auch die Art des Kampfes ums Dasein, ändert sich der Gebrauch der Organe, werden alte Organe oder Formen von Organen entbehrlich, neue Organe oder neue Formen alter Organe notwendig. Gelingt es der Art, im Kampfe mit den neuen Bedingungen diese neuen Formen zu entwickeln und so eine neue Art zu werden, dann wird sie sich behaupten. Sonst wird sie zugrunde gehen. Wie viele im Laufe der Erdentwicklung zugrunde gegangen sind, bezeugen ihre Überreste im Erdinnern.
Die Theorie der Übervölkerung beweist also nichts gegen die Auffassung, die die letzte Ursache der Bildung neuer Arten in der Veränderung der Lebensbedingungen sieht. Ein anderer Grund wäre noch zu erwägen: die Auffassung, dass erworbene Eigenschaften nicht erblich werden können.
Moderne Physiologen unterscheiden zwischen den Körperzellen und den Fortpflanzungszellen, dem „Körperplasma“ und dem „Keimplasma“. Das Keimplasma ist nach ihrer Auffassung unsterblich, es wird immer wieder weitervererbt. Es soll aber nach der Ansicht Weismanns auch unveränderlich sein insofern, als es von Eigenschaften, die der Körper des Individuums während seines Lebens erworben hat, nicht berührt wird. Es soll sie nicht vererben. Damit wäre die Bildung neuer, vererblicher Artcharaktere durch Einwirkung neuer Lebensbedingungen auf den Körper ausgeschlossen. Diese Auffassung wurde jedoch schon bei ihrem Auftreten heftig bekämpft, gerade von darwinistischer Seite. Darwin selbst nahm eine Vererbung erworbener Eigenschaften an, ebenso Herbert Spencer. Neuere Experimente zeigen einerseits, dass äußere Einwirkungen Veränderungen herbeiführen, die vererbt werden, und andererseits, dass das Keimplasma keineswegs völlig unabhängig vom Körperplasma ist. Diese Frage wird sehr gut behandelt von Tschulok in seinem Büchlein über die Entwicklungstheorie. [6]
Besonders bemerkenswert ist folgendes Experiment:
Man nahm zwei Hühnerrassen, eine rein schwarze und eine rein weiße. Die Rassen waren sicher rein, das heißt man konnte für jedes einzelne Tier haarscharf nachweisen, dass seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern alle die gleichen Eigenschaften gehabt hatten wie es selbst, dass also keine Vermischung stattgefunden hatte. Wenn man ein solches weißes Huhn mit einem weißen Hahn kreuzte, so ergab sich eine ausnahmslos weiße Nachkommenschaft. Ebenso ergab die Verbindung einer schwarzen Henne mit einem schwarzen Hahn eine ausnahmslos schwarze Nachkommenschaft.
Nun machte man folgenden Versuch:
Man schnitt einer weißen Henne den Eierstock heraus und pflanzte ihn in den Körper einer schwarzen Henne ein. Die schwarze musste ebenso ihren Eierstock für die weiße hergeben. Die Operation wird unter solchen Vorsichtsmaßregeln ausgeführt, dass die Tiere am Leben bleiben und nach der Einheilung der Wunden sogar in normaler Weise Nachkommenschaft erzeugen können. Man lässt nun die weiße Henne mit schwarzem Eierstock von einem schwarzen Hahn befruchten. Was für eine Nachkommenschaft sollte man da erwarten? Natürlich eine schwarze, da doch die Eier im Eierstock aus einem schwarzen Huhn stammen und der männliche Same ebenfalls aus einem schwarzen Hahn. Man erhielt aber gescheckte, das heißt schwarz und weiß gefärbte Küchlein. Ebenso ließ man die schwarze Henne, die einen Eierstock der weißen in sich trug, von einem weißen Hahn befruchten. Das Ergebnis waren neben rein weißen auch schwarz gefleckten Hühnchen. [7]
Dies Ergebnis ist umso erstaunlicher, als es durch einen plötzlichen rein mechanischen Eingriff, nicht durch allmähliche, organische Änderung erzielt wurde. Der Eierstock war im Körper des schwarzen Huhnes bereits völlig ausgebildet, als er dem weißen Huhn eingepflanzt wurde. Trotzdem erwies sich der Einfluss der neuen Körperzellen auf die übertragenen Keimzellen so stark, dass der neue Körper diesen ganz seinen Typus aufprägte. Man darf annehmen, dass der Einfluss abgeänderter Körpereigenschaften auf das Keimplasma noch stärker sein muss dort, wo der Körper unter dem Einfluss veränderter Bedingungen Abänderungen erleidet, ehe noch seine Keimzellen zur Reife kommen, so dass diese Reifung völlig unter dem Einfluss der neuen Eigenschaften vor sich geht.
Wir sehen also keinen Grund, der uns zwänge, anzunehmen, dass erworbene Eigenschaften nicht vererbt werden. Die Art und Weise, wie die Vererbung bewirkt wird, ist jedoch noch völlig im Dunkeln. Auch kann man keineswegs sagen, dass alle erworbenen Eigenschaften vererbt werden. Verletzungen und Verstümmelungen zum Beispiel werden kaum vererbt. Weismann schnitt Mäusen durch eine lange Reihe von Generationen hindurch die Schwänze ab, ohne jemals ein schwanzloses Junges zu erzielen. Mancher anscheinende Fall von Vererbung lässt sich auch dadurch erklären, dass die Nachkommen unter den gleichen Bedingungen leben wie die Vorfahren und dadurch die gleichen Eigenschaften erwerben und zeigen, ohne dass sie sie ererben.
Unter den ererbten Eigenschaften selbst gibt es verschiedene Grade. Die einen sind zäher als die anderen. Es gibt ererbte Eigenschaften, die das Individuum leicht verliert, sobald es in ein Milieu kommt, das von jenem abweicht, in dem diese Eigenschaften produziert wurden. Andere Eigenschaften dagegen erhalten sich hartnäckig durch viele Generationen hindurch auch unter den verschiedensten Lebensbedingungen.
Relativ, im Vergleich zu den leicht wandelbaren, kann man also die letztere Art der vererbten Merkmale als unveränderlich betrachten. Sind sie aber durch den Einfluss besonderer Lebensbedingungen erworben worden, dann wäre es unbegreiflich, warum sie durch den Einfluss geänderter Lebensbedingungen nicht sollten abgeändert werden können.
Manche Forscher unterscheiden beim Menschen zwischen eigentlichen Rassenmerkmalen, die völlig unveränderlich seien, wie Farbe der Augen, der Haare, der Haut, Formen des Schädels, und sekundären oder fluktuierenden Eigenschaften, wie Körperhöhe, Knochenstärke, Muskulatur, Fettansatz usw.
Sicher besteht ein Unterschied zwischen den Rassenmerkmalen jener und dieser Art. Vielleicht ist er aber bloß darauf zurückzuführen, dass die Bedingungen, die die „fluktuierenden“ Eigenschaften beeinflussen, leichter und rascher wechseln als jene, denen die anscheinend unveränderlichen entstammen. Die einen können so rasch wechseln, dass wir imstande sind, ihren Einfluss ohne Mühe zu konstatieren. Die anderen Bedingungen kennen wir noch gar nicht, vielleicht deswegen, weil sie sich in dem Zeitraum, in dem wir Beobachtungen anstellen, nicht merklich ändern. Aber von keinem Rassenmerkmal kann man mit Bestimmtheit sagen, dass es absolut unveränderlich sei – es wäre die einzige unveränderliche Erscheinung in dieser veränderlichen Welt.
Fishberg sagt darüber:
Neuere Untersuchungen hatten das Ergebnis, die Theorie von der Beständigkeit und Unveränderlichkeit von Rassenmerkmalen zu modifizieren oder gar völlig zu zerstören. Seit langer Zeit behaupteten einige Anthropologen, dass das äußere Milieu, besonders die Ernährung, die soziale und geographische Umgebung großen Einfluss auf die Modifizierung mancher Merkmale haben, wie der Statur, Muskelentwicklung usw. Manche erklärten sogar, dass diese Agentien die Pigmentierung und die Kopfform ändern können. Ridgeway geht noch weiter in seiner Annahme, dass die Dauer menschlicher Typen in bestimmtem Gebiet und während langer Perioden ein Ausdruck nicht des Vererbungs-, sondern des Umgebungseinflusses ist, und dass andererseits die Modifikationen menschlicher Form, die man im mittelländischen Gebiet, in Zentral- und Nordwestafrika findet, auf die Unterschiede von Klima, Boden und Naturprodukten zurückzuführen sind.
Diese Theorie vom mächtigen Einfluss der Umgebung auf Änderung oder Modifizierung körperlicher Grundeigenschaften lässt sich auf einige der Rassenmerkmale leicht anwenden. ... In manchen Gegenden fand man, dass der Boden einen mächtigen Einfluss auf die Körpergröße der Bewohner hat; so ist zum Beispiel der hohe Wuchs des Volkes in Kentucky, Vereinigte Staaten, aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Kalkwasser dieses Gebiets zurückzuführen. Ähnlich hat sich (nach Röses Beobachtungen) in Gotha die Statur der dortigen Bevölkerung mit Einführung von hartem Wasser verändert. Es sind auch Beobachtungen über den Einfluss der Umgebung auf die Kopfform – ein bisher unter allen Umständen als unveränderlich betrachtetes Merkmal – verzeichnet worden. ...
Professor Franz Boas in New York ist durch neuere Forschungen zum Schlusse gelangt, dass absolute Dauer menschlicher Typen eine unhaltbare Theorie ist. Seine Untersuchungen der physischen Beschaffenheit von Einwanderern haben eine höchst merkwürdige Erscheinung zutage gefördert; er fand, dass die Kinder der Einwanderer von höherem Wuchs und besserer körperlicher Entwicklung sind als ihre in Europa geborenen Eltern. Er entdeckte auch eine höchst merkwürdige Änderung in der Kopfform der nach Einwanderung der Eltern in Amerika geborenen Kinder. Das im Ausland geborene Kind, selbst wenn es bei seiner Landung noch kein Jahr alt war, behält die ausländische Kopfform. Das in Amerika geborene Kind, selbst wenn es nur wenige Monate nach Landung der Eltern geboren war, hat die amerikanische Kopfform. [8]
Schon vor Boas ist es anderen Forschern aufgefallen, dass die Weißen in den Vereinigten Staaten im Laufe einiger Generationen immer mehr indianische Rassenmerkmale annehmen, sich „indianisieren“.
Aber es wäre voreilig, wollte man aus solchen Tatsachen schließen, das amerikanische Milieu werde schließlich die Weißen zu Indianern machen.
Selbst bei den Tieren ist das Milieu nur einer der Faktoren, die seine Körperformen und Kräfte bestimmen. Unter gleichen Bedingungen erzeugt er natürlich gleiches. Aber zu diesen Bedingungen gehört auch der Organismus selbst, auf den das Milieu einwirkt. Das gleiche Milieu muss auf verschiedene Organismen nicht gleich, sondern kann auf jeden von ihnen anders wirken. Wenn verschiedene Rassen aus den Milieus, die sie bildeten, in ein neues, ihnen gemeinsames versetzt werden, werden sie alle dadurch abgeändert werden, müssen aber nicht alle in ganz gleicher Weise abändern.
Die amerikanischen Bedingungen können auf einen Weißen anders wirken wie auf einen Mongolen und wieder anders auf einen Neger.
Dazu gesellen sich aber noch andere Momente, die bewirken, dass beim Menschen das Rassenproblem noch verwickelter ist als bei den Tieren.
1. Charles Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustand der Domestikation, deutsch von Carus, I. S. 50, II, S. 270.
2. Charles Darwin, Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl; oder die Erhaltung der begünstigen Rassen im Kampfe um’s Dasein. Nach der letzten englischen Auflage wiederholt durchgesehen, von J. Victor Carus. 9. Auflage, Stuttgart: Schweizerbart, 1899, S. 152.
3. Wilhelm Kobelt, Die Verbreitung der Tierwelt. Gemäßigte Zone, Leipzig: C.H. Tauchnitz, 1902.
4. Alfred Edmund Brehm, Brehms Tierleben; mit etwa 2.000 Abbildungen im Text, über 500 Tafeln in Farbendruck, Kupferätzung und Holzschnitt und 13 Karten. 4., vollständig neubearbeitete Auflage, Leipzig: Bibliographisches Institut, 1911–1921.
5. Alfred Edmund Brehm, Brehms Tierleben; mit etwa 2.000 Abbildungen im Text, über 500 Tafeln in Farbendruck, Kupferätzung und Holzschnitt und 13 Karten. 4., vollständig neubearbeitete Auflage, Leipzig: Bibliographisches Institut, 1911–1921.
6. G. Tschulok, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre), Stuttgart: J. H. W. Dietz, 1912. 312 S.
7. G. Tschulok, Entwicklungstheorie (Darwins Lehre), Stuttgart: J. H. W. Dietz, 1912, S. 241–242.
8. Maurice Fishberg, Die Rassenmerkmale der Juden. Eine Einführung in ihre Anthropologie, Deutsch von L. Hepner, München: Verlag von Ernst Reinhardt, 1913, S. 5 ff. [Maurice Fishberg, The Jews: A Study of Race and Environment. New York: Charles Scribner’s Sons, 1911. XIX, 578.]
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026