Karl Kautsky

Rasse und Judentum

3. Menschenrassen

Wir haben gefunden, dass die Rassen der Tiere im Naturzustand und die der Haustiere zwei sehr verschiedene Dinge sind. Man begeht daher einen großen Fehler, wenn man Erfahrungen, die an den einen gemacht wurden, ohne weiteres auf die anderen überträgt.

Eine Rasse von Haustieren kann man auf ein besonderes Elternpaar zurückführen. Eine bestimmte Rasse (Varietät) wilder Tiere führt man auf eine besondere Gegend zurück. Die naive Anschauung primitiver Völker ließ wohl auch jede Art der wilden Tiere von einem besonderen Elternpaar abstammen – ebenso wie jede Nation. Als die Sintflut drohte, nahm Noah zur Erhaltung der Tierwelt von jeder Art „ein Männchen und sein Weibchen“ in die Arche mit, um sie später wieder freizulassen. Wovon die Fleischfresser existierten, solange jede Art der Pflanzenfresser nur in zwei Exemplaren vorhanden war, wird uns nicht verraten.

So naiv diese Auffassung ist, sie beherrscht heute noch in hohem Grad unser Denken. Bei Varietäten- und Artgenossen spricht man immer noch von der Gemeinsamkeit des „Blutes“, der Abstammung.

So sagt noch Darwin:

Alle Individuen einer nämlichen Art und alle Arten einer Gattung oder selbst noch höherer Gruppen stammen von gemeinsamen Eltern ab; weshalb sie, wenn auch jetzt in noch so weit zerstreuten und isolierten Teilen der Welt zu finden, im Laufe aufeinanderfolgender Generationen aus einer Gegend in alle anderen gewandert sein müssen. [1]

Diese gemeinsame Abstammung von einem Elternpaar, die wir bei künstlichen Rassen beobachten können, gehört bei natürlichen Arten zu den größten Unwahrscheinlichkeiten.

Wir wissen nichts über die Entstehung des Lebens. Aber wir müssen annehmen, dass es ebenso wie alles andere Geschehen dem Gesetz unterliegt, dass gleiche Ursachen unter gleichen Bedingungen stets gleiche Wirkungen erzeugen. Sobald auf der Erde die Bedingungen und Ursachen organischen Lebens gegeben waren, wird sich nicht ein vereinzeltes Klümpchen Eiweiß mit Funktionen des Lebens gebildet haben, das sich durch Wachsen und Abspaltung vermehrte und von dem schließlich alle bestehenden Organismen abstammen, sondern wir müssen annehmen, dass sich Urorganismen – wie immer man sie sich vorstellen mag – überall dort bildeten, wo ihre Bedingungen gegeben waren, dass sie also sofort ihren ganzen „Nahrungsspielraum“ ausfüllten. Sie vermehrten sich, sobald sich die für sie geeigneten Gebiete erweiterten, und sie begannen mannigfaltigere Formen anzunehmen in dem Maße, in dem diese Gebiete und damit die Bedingungen des Lebens mannigfaltiger wurden. Jede neue, höhere Art wird da von Anfang an in zahlreichen Exemplaren aufgetreten sein.

Und diese Voraussetzung müssen wir bis zu den höchsten Formen machen. Nichts spricht dafür, dass die Menschheit von einem einzelnen Paar Affenmenschen abstammt. Die Entwicklung wird wohl eher so vor sich gegangen sein, dass eine Ganze den Affen verwandte Tierart in Bedingungen geriet, die ihre Entwicklung zu Menschen bewirkten. Gemeinsamkeit der Rassenmerkmale bei Tieren im Naturzustand bedingt also keineswegs Gemeinsamkeit der Abstammung – auch nicht im entferntesten Gliede – von einem gemeinsamen Elternpaar, demnach auch nicht Blutsverwandtschaft. Immerhin darf man annehmen, dass ein großer Teil von ihnen näher oder entfernter verwandt ist. Die Zahl der Blutsverwandten in einer Varietät wird relativ umso größer sein, je länger sie besteht und je kleiner das Gebiet, über das sie sich erstreckt.

Die Varietäten einer Tierart im Naturzustand innerhalb einer bestimmten Gegend sind äußerst gering, gewöhnlich ist innerhalb eines besonderen Gebiets nur eine vorhanden. Und diese ändert sich nicht, solange die Verhältnisse des Gebiets gleichbleiben. Die Rassen einer Haustierart innerhalb eines Gebiets können dagegen höchst zahlreich sein. Sie sind in beständiger Umformung begriffen, werden immer zahlreicher und entfernen sich immer mehr von der Ursache, von der sie abstammen.

Dies wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch imstande ist, für die von ihm gebildeten Tierrassen ein künstliches Milieu zu schaffen, das die Wirkungen des natürlichen in hohem Grad aufhebt. Bei den Tieren in der Natur wird der Organismus seinen Lebensbedingungen angepasst. Bei den Haustieren werden die Lebensbedingungen dem Organismus angepasst, den der Mensch nach seinen Bedürfnissen züchtet. Von den hochgezüchteten Haustieren vermöchte kaum eines mehr ohne Hilfe des Menschen zu existieren.

Diese neue Art der Anpassung – nicht des Organismus an sein Milieu, sondern des Milieus an den Organismus, die der Mensch für das Haustier übt, vollzieht er natürlich erst recht für sich selbst. Dieser Prozess ist es, durch den er aufhört, ein wildes Tier zu sein. Aber er wird damit nicht zum Haustier.

Bei der Anpassung der Lebensbedingungen an den Organismus verhält sich das Haustier passiv, sie wird für das Tier vom Menschen vorgenommen. Er ist das aktive Element dabei. Das Tier hört aber dabei auf, Selbstzweck zu sein. Sein Organismus wird Diener der Zwecke des Menschen. Dagegen kennt wie das Tier im Naturzustand so auch der Mensch keinen höheren Zweck als sich selbst. Er ändert das Milieu für sich selbst.

Allerdings ist der Zweck, dem der Mensch dient, nicht ausschließlich seine eigene Persönlichkeit. Bereits unter den Tieren im Naturzustand gibt es gesellschaftliche Tiere, bei denen das einzelne Exemplar für sich allein gar nicht oder zum mindesten nur unvollkommen zu existieren vermag; bei denen jedes auf das Zusammenwirken mit anderen angewiesen ist, sein Gedeihen vom Gedeihen der gesellschaftlichen Gruppe abhängt, der es angehört. Die Gesellschaft steht über dem Individuum, ihre Zwecke stehen höher als die der Einzelpersönlichkeit.

Schon in der Tierwelt erreicht bei manchen Arten die Abhängigkeit des Individuums von der Gruppe, zu der es gehört, einen hohen Grad. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade solche Tierarten am ehesten zu Haustieren werden, am leichtesten ihre Individualität einem über ihnen stehenden Zwang unterwerfen. Beim Menschen wird der gesellschaftliche Zusammenhang durch Sprache und Ökonomie noch weit enger als bei den meisten Tieren – Bienen und Ameisen vielleicht ausgenommen. Die Abhängigkeit des Individuums von der Gesellschaft wächst. Aber so sehr auch beim Menschen gelegentlich die Interessen der Gesamtheit in Widerspruch geraten mögen zu denen des Individuums, die gesellschaftlichen Interessen sind stets menschliche Interessen, sind insofern stets, wenn nicht direkt, so doch indirekt Interessen des Individuums selbst. Wir sehen hier noch von den Klassenscheidungen ab, betrachten eine urwüchsige, einfache Gesellschaft.

Die Heraushebung aus dem Naturzustand wirkt daher auf den Menschen anders als auf die übrigen Tiere. Sie ist das Produkt des Menschen, seiner Erkenntnis der Lebensbedingungen, seiner geistigen Überlegenheit über die übrige organische Natur. Sie ist das Ergebnis seiner Fähigkeit, seine Organe der sinnlichen Wahrnehmung und der Bewegung durch künstliche Organe zu verstärken und mannigfaltiger zu gestalten und dadurch die Hindernisse der umgebenden Natur in höherem Maße zu überwinden, als er im Naturzustand, das heißt mit bloßer Hilfe seiner körperlichen Organe vermochte. Jeder neue Fortschritt auf diesem Gebiet, jede Überwindung einer Naturschranke stellt den Menschen jedoch vor eine neue Schranke, stellt ihm neue Probleme, liefert ihm aber auch neue, früher unbekannte Mittel und Erkenntnisse zu ihrer Lösung. Das natürliche Milieu, dem die Organismen der wilden Tiere angepasst sind, verändert sich nicht in historischer Zeit, das heißt an den menschlichen Aufzeichnungen gemessen. Das künstliche Milieu, das der Mensch seinem Organismus anpasst, wechselt dagegen seitdem ununterbrochen. Sicher ist auch die Natur in beständigem Fluss, aber ihr Tempo ist ein unmerkliches, an der Entwicklung der Technik und der gesellschaftlichen Formen des Menschen gemessen. Insofern kann man das natürliche Milieu der wilden Tiere als unveränderliches von dem stets wechselnden künstlichen Milieu des Menschen unterscheiden.

Dieses wird den Bedürfnissen des menschlichen Organismus angepasst. Aber es wirkt wieder auf ihn zurück. Es stellt keine neuen Anforderungen an die meisten körperlichen Organe, vielfach setzt es die bisherigen Anforderungen an sie herab; zum Beispiel an die Zähne, was zu ihrer Verkümmerung führen kann. Wohl stellt es aber immer wieder neue Anforderungen an jene Organe, denen es seine Entstehung verdankt, die Organe des Erkennens und Urteilens, der geistigen Tätigkeit.

Im Naturzustand wiederholen sich, solange keine Änderungen im Milieu eintreten, für jede Tierart in der Regel immer wieder die gleichen Situationen mit nur geringen Abänderungen. Die daraus sich ergebenden Erfahrungen, Urteile und Aktionen haben daher auch die Tendenz, sich stetig zu wiederholen, zu Gewohnheiten zu werden. Und wie andere erworbene Eigenschaften können auch Gewohnheiten, die Generationen hindurch fortgeübt werden und sich für den Organismus als zweckmäßig erweisen, schließlich erblich, zu Trieben und Instinkten werden, denen man ohne Überlegung folgt.

Beim Menschen wird das Instinktleben umso mehr zurückgedrängt, je mehr er das natürliche durch ein künstliches Milieu zurückdrängt und je rascher dessen Veränderungen vor sich gehen, je mehr sie ihn vor neue Probleme stellen, die nur durch eingehende Prüfung zu lösen sind. Den Organen der geistigen Tätigkeit werden so immer mannigfaltigere neue Aufgaben gestellt, sie werden immer gewaltiger angestrengt und dadurch immer mehr entwickelt. Immer komplizierter und verschiedenartiger werden die Anforderungen an die geistigen Organe, wird die Art ihrer Beanspruchung und Übung. Und gleichzeitig werden die Verhältnisse der Menschen untereinander, sowohl einzelner Individuen wie ganzer Völker, sehr verschiedenartig, so dass die mannigfachsten Möglichkeiten geistiger Entwicklung eintreten. Die Organe des menschlichen Geistes werden die variabelsten, aber auch die anpassungsfähigsten aller Organe, diejenigen, die den raschesten und gewaltigsten Änderungen unterliegen.

Die entgegengesetzte Entwicklung findet bei den Haustieren statt. Die Entwicklung ihrer Organe hängt vom Menschen ab. Von den meisten fordert er aber nur mehr Fleisch, Milch, Wolle, Eier oder Zugkraft, bei den wenigsten vermehrte Intelligenz, bei keiner Selbständigkeit. Sehen wir ab von den Hunden, dann ist bei den Haustieren der Fortschritt der Züchtung von einer Abnahme der Intelligenz begleitet. Und selbst beim Hund ist es fraglich, ob die „edelsten“ Rassen auch die intelligentesten sind.

Je mehr die Intelligenz des Menschen und seine Technik steigt, desto mehr ist er imstande, den Einflüssen der ihn umgebenden Lebensbedingungen Widerstand zu leisten. Er kann daher bei veränderten geographischen Bedingungen die ererbten Körpermerkmale, seine Rasseneigentümlichkeiten eher erhalten als im Naturzustand. Insofern tritt bei ihm der Einfluss der Anpassung zurück und der der Vererbung in den Vordergrund. Aber das gilt nur für die körperlichen Merkmale im engeren Sinne, nicht für die Organe des geistigen Lebens. Diese reagieren bei ihrer gesteigerten Empfindlichkeit und Variabilität sofort auf jede Änderung der Lebensbedingungen.

Beim Menschen tritt aber nicht bloß eine Veränderung der künstlichen, sondern auch eine solche der natürlichen Lebensbedingungen leicht ein, während eine solche im Naturzustand eine Ausnahme bildet. Es sind in der Natur meist nur allmählich eintretende Vorgänge, die in geologischen Zeiträumen wechseln, wie Eiszeiten, Hebungen und Senkungen von Kontinenten, die größere, dauernde Wanderungen von Tierarten verursachen. Solche Vorgänge vollziehen sich so langsam, dass die Veränderung der betroffenen Organismen fast unmerklich, Schritt für Schritt vor sich geht, was ihre Anpassung an die neuen Bedingungen in benachbarten Gegenden erleichtert.

Der Mensch gewinnt dagegen Fortbewegungsmittel, die es ihm erlauben, immer rascher große Entfernungen zurückzulegen, und seine Technik in Nahrungsmittelgewinnung, Kleidung, Wohnung, Heizung und Beleuchtung erlaubt ihm, in Gegenden vorzudringen, in denen er sich im Naturzustand absolut nicht zu behaupten vermöchte.

Gleichzeitig mit der Möglichkeit zu raschen und ausgedehnten Wanderungen ersteht aber im Menschen auch der Drang zu solchen. Im Naturzustand ist die Fruchtbarkeit jeder Art von Organismen ihren Lebensbedingungen angepasst, so dass ein Gleichgewichtszustand der verschiedenen Arten untereinander eintritt. Ich handle davon ausführlicher in meiner Schrift über Vermehrung und Entwicklung. [2] Hier kann ich diesen Gedanken wie so manchen anderen nur kurz andeuten.

Die Technik des Menschen stört diesen Gleichgewichtszustand. Seine Fruchtbarkeit unterliegt nun wechselnden Bedingungen, ebenso seine Sterblichkeit. Das führt mitunter zum Aussterben einzelner Volksstämme, mitunter wieder zu einer so reichlichen Vermehrung, dass bei gegebenen Verhältnissen für den Nachwuchs kein Raum mehr im Lande ist. Später gesellt sich noch die Anziehungskraft mancher Gegenden hinzu, die Fremde anlockt, auch wenn sie nicht Übervölkerung aus der Heimat verdrängt. Diese Anziehungskraft selbst hängt von der Entwicklung der Technik und der Ökonomie ab und kann sehr wechseln. Wasserbauten oder die Technik der Schifffahrt können Flussufer oder Meeresküsten, die ehedem öde, unzugängliche Wildnisse waren, höchst anziehend machen, so dass sie ärmere Stämme anlocken. In unseren Tagen hat der Goldreichtum Alaskas eine Völkerwanderung nach jenen unwirtlichen Gegenden verursacht.

Die mannigfachsten Ursachen und Möglichkeiten zu Wanderungen erstehen. Dieselbe Rasse kann jetzt in den verschiedensten Gebieten und Klimaten gleichzeitig wohnen. Die Wanderungen können so rasch und vorübergehend sein, dass jede Möglichkeit einer Anpassung der Rasse an die neuen Bedingungen, die Erwerbung neuer, erblicher Eigenschaften, ausgeschlossen ist. Aber auch dann, wenn eine Wanderung zu dauernder Festsetzung in einer neuen Gegend führt, kann das künstliche Milieu, das sich der Mensch dort schafft, so stark sein, dass es imstande ist, den Einfluss des natürlichen Milieus für längere oder kürzere Zeit zu hemmen.

Über den Menschen im Naturzustand wissen wir nichts. Selbst die primitivsten Menschen, die wir kennen, verfügen schon über einige Technik. Wir wissen nicht, ob der Mensch im Naturzustand nur ein bestimmtes Gebiet mit gleichmäßigem Charakter oder mehrere mit verschiedenem Charakter bewohnte, ob er damals eine oder mehrere geographische Rassen bildete. Jedenfalls war damals sein Rassencharakter noch ganz von der Natur abhängig.

Technischer und ökonomischer Fortschritt erzeugt dann zwei verschiedene Tendenzen. Verstärkte Antriebe und Möglichkeiten zu Wanderungen treiben manche Rasse dazu, dass sie sich nach und nach über die verschiedensten Gebiete verbreitet. Die verschiedene Natur der neuen Lebensbedingungen wirkt dahin, die alten Rassencharaktere durch geänderte zu ersetzen, neben die alte Rasse oder an ihre Stelle, wenn die gesamte Rasse ausgewandert, eine Reihe neuer zu setzen. Die Veränderung der Rassencharaktere geschieht teils direkt durch den Einfluss der natürlichen Faktoren, Hitze, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit, Licht, Dunkelheit usw., teils indirekt durch den Kampf gegen diese Faktoren, durch Übung bestimmter Organe, Nichtübung anderer. Je nach der Höhe der Technik und der gesellschaftlichen Bedingungen kann dieser Kampf verschiedene Formen annehmen und kann daher dieselbe Gegend unter verschiedenen Produktionsweisen verschiedene Rassencharaktere erzeugen. Wenn etwa eine Steppe von flüchtigen Nomaden bewohnt wird, so wird sie in diesen anderen Charakteren erzeugen als in einer späteren Bevölkerung, die technisch hoch genug steht, durch Bewässerungsanlagen die Steppe in fruchtbares Ackerland zu verwandeln und sie als sesshafte Bauern zu kultivieren.

So werden durch die Fortschritte der Technik und die Wanderungen die Rassenverschiedenheiten vermehrt und neue geographische Rassen geschaffen. Andererseits aber kann die Technik von einem gewissen Höhengrad an der Bildung solcher Rassen entgegenwirken. Je mehr sich die menschliche Technik entwickelt, desto unabhängiger wird die Rasse von der Natur der Umgebung. Sie kann sich ihre Eigenart in den verschiedensten Gebieten erhalten, deren Charaktere mit denen des Gebiets, wo sie sich bildete, gar nichts gemein haben. Wir finden zum Beispiel Europäer, Chinesen, Neger in den verschiedensten Weltgegenden und Klimaten.

Auf die Dauer wird freilich bei aller Höhe der Technik eine Rasse dem Einfluss der Umgebung nie ganz entgehen können. Am ehesten noch dem der organischen Umgebung, des Tier- und Pflanzenlebens, das am leichtesten durch menschliche Eingriffe zu ändern ist. Dagegen wird der Einfluss tellurischer Faktoren, Meereshöhe, Bodengestaltung, Besonnung, Hitze und Kälte, nie ganz auszuschalten sein.

Aber auch hier bezieht sich das Gesagte nur auf die eigentlichen körperlichen Rassenmerkmale. Selbst der flüchtigste Ortswechsel einer Rasse, der ihr Aussehen in keiner Weise ändert, kann, wenn er neue Gegenden mit neuen Verhältnissen erschließt, neue Eindrücke hervorruft, neue Probleme schafft, nicht ohne Einfluss auf das geistige Leben bleiben, damit aber auch auf dessen Organe, deren Beschaffenheit wie die jedes Organs von dem Grad und der Art ihres Gebrauchs wesentlich abhängt. Je eifriger die Rasse daran arbeitet, den Einfluss des neuen Milieus zurückzudrängen, je mehr sie dadurch ihre körperlichen Rassenmerkmale erhält, desto mehr wird sie ihre Organe des geistigen Lebens in neuer Weise anstrengen und ändern müssen.

Dieselben körperlichen Merkmale können daher mit den verschiedenartigsten geistigen Fähigkeiten und Neigungen gepaart sein.

Die Möglichkeit, dass eine Rasse die geographischen Schranken überschreitet, die ihr von Natur aus gesetzt sind, dass also die Menschenrassen aufhören, geographische Rassen zu sein wie die Varietäten der Tiere im Naturzustand: diese Möglichkeit führt oft und immer mehr dahin, dass in derselben Gegend mehrere Rassen zusammentreffen, freundlich oder feindlich, und zusammenwohnen. Daraus ergibt sich eine neue Möglichkeit, die im Naturzustand nur in Ausnahmefällen besteht, die der Rassenmischung, die unter Umständen zur Bildung neuer Rassen führen kann, sehr oft aber bloß die alten Rassen auflöst, an ihre Stelle ein Konglomerat der verschiedenartigsten Mischungselemente setzt. Dieser Prozess der Rassenmischung geht seit Jahrtausenden, vielleicht Hunderttausenden von Jahren vor sich.

Was uns die Gegenwart in Millionen Fällen zeigt, hat auch in aller Vergangenheit bestanden, und es gibt auf diesem kleinen, die Kommunikation erleichternden Planeten keine ungemischte Rasse .... Auf dieser Erde gehen alle Rassen ineinander über, und jede Rasse setzt sich aus verschiedenen Unterabteilungen zusammen. [3]

Je weiter ein Volk von seinen ursprünglichen Wohnsitzen und seinen ursprünglichen Zuständen entfernt ist, je mehr Wanderungen es durchgemacht hat, je reicher seine Geschichte, je größer sein Verkehr, also je höher es steht, umso mehr Gelegenheiten zu Rassenmischungen wird es gehabt haben, desto weniger von seiner ursprünglichen Rasse wird in ihm vorhanden sein; desto mehr hat es aufgehört, eine „reine“ Rasse zu sein, und desto mannigfaltiger die Rassenelemente anderer Art, die es in seinem Schoße aufgenommen hat. Insoweit nicht länger dauernder Einfluss gleicher Naturbedingungen in einem Gebiet dieser Mannigfaltigkeit entgegenwirkt und eine neue geschlossene geographische Rasse herzustellen trachtet, werden Kreuzungen und Rückschläge in einer derartigen Bevölkerung die größte Mannigfaltigkeit körperlicher oder noch mehr geistiger Eigenschaften herbeiführen, die ja viel variabler sind wie jene. Gerade je höher die technische und gesellschaftliche Entwicklung, umso geringer der Einfluss der Naturbedingungen.

Doch erzeugt der gesellschaftliche Fortschritt nicht bloß die Tendenz nach Auflösung der alten, überkommenen Typen, er lässt auch Faktoren erstehen, die neue Typen innerhalb einer Bevölkerung zu bilden trachten. Das wird bewirkt durch die Arbeitsteilung, zu der wir im Tierreich bloße Ansätze finden – auch hier wieder Bienen und Ameisen ausgenommen –, die in der menschlichen Gesellschaft zu wachsender Ausdehnung gelangt und eine der wichtigen Grundlagen ihres Fortschritts wird.

Die Teilung in Berufe wird unter Umständen zu einer Teilung in Klassen, herrschende und beherrschte, ausbeutende und ausgebeutete. Die Teilung der Arbeit führt schließlich zu einer Teilung der Gesellschaft in Arbeitende und Nichtarbeitende.

Solche Teilungen bewirken, dass sich innerhalb eines Volkes Gruppen bilden, von denen jede ihre natürlichen Organe anders anwendet oder andere Organe anwendet, und dass jede von ihnen unter anderen Bedingungen, in einem anderen Milieu lebt. Unter diesen Umständen erwirbt jede dieser Gruppen ihre besonderen Eigenschaften, zum Teil Körpermerkmale, vor allem aber geistige Merkmale, denn die ökonomischen und sozialen Scheidungen verursachen mehr noch bei den geistigen als bei den im engeren Sinne körperlichen Fähigkeiten Unterschiede in der Betätigung.

Wir sahen früher, dass dieselbe Rasse durch Zerstreuung über verschiedene Gebiete mit verschiedenen Produktionsweisen Abänderungen erleiden kann. Jetzt sehen wir, dass bei derselben Rasse innerhalb eines bestimmten Gebiets solche Abänderungen durch ökonomische Einwirkungen eintreten können. Andererseits vermag aber auch wieder Gemeinsamkeit des Berufs Angehörigen verschiedener Rassen den gleichen Charakter aufzuprägen und ihre Unterschiede zu verwischen.

So bemerkt zum Beispiel Ratzel:

In manchen Fällen, wo man von „Rasse“ spricht, würde man besser „Klasse“ sagen. Durch alle Völker begleiten körperliche Unterschiede die Sonderung der Stände, welche umso tiefer geht, je weiter die Völker von Bildung und Freiheit entfernt sind. ... Die Verteilung der Farbentöne der Haut begleitet aus naheliegenden Gründen am häufigsten die Standesunterschiede. ... Es lässt sich nicht die Farbenabstufung übersehen, welche auf einer und derselben Insel zwischen höheren und niederen Klassen besteht. Jene werden schon von Cook und von Forster als heller bezeichnet, außerdem als größer und edler in der Haltung. G. Forster in seiner überschwänglichen Art meint, diese Adligen hätten so viel vor dem gemeinen Manne voraus, dass sie fast eine ganz andere Art von Mensch zu sein scheinen. Der Zusammenhang der helleren Haut und sanfteren Züge mit einer bequemen, untätigen Lebensart wird indessen ausdrücklich von ihm hervorgehoben. Nicht minder sprach aber auch im Geist und Charakter etwas Verfeinertes, wenn auch nicht Veredeltes sich aus. Die Adligen waren als die Häuptlinge und Priester zugleich auch der Wille und die Intelligenz Polynesiens, die Monopolisten des Wissens und des darauf gegründeten Denkens. [4]

Verschiedene Klassen können den Charakter verschiedener Rassen annehmen. Andererseits kann das Zusammentreffen verschiedener Rassen, von denen jede eine besondere Beschäftigung besonders entwickelt hat, dazu führen, dass diese Rassen verschiedene Berufe oder soziale Stellungen innerhalb der gleichen Gemeinschaft ausfüllen, die Rasse zur Klasse wird. Namentlich häufig ist der Fall, dass ein armes, aber kriegerisches Nomadenvolk eine wohlhabende friedliche Bauernbevölkerung überfällt und unterjocht, wobei das erstere Volk die Funktion eines kriegerischen Adels übernimmt, dessen Monopol die Landesverteidigung wird. Dieser Adel wird ausschließlich kriegerische Eigenschaften entwickeln, produktive Arbeit verachten, und die Arbeiter werden arm, schlecht genährt, wehrlos und unkriegerisch sein, was sich bis zur Feigheit steigern kann.

Wo die Rassenmerkmale mit den beruflichen zusammenfallen, werden sie durch die Arbeitsteilung noch verschärft und vertieft werden.

Andererseits kann die Vertiefung einer im Berufs- oder Klassenleben erworbenen Eigenschaft zu einer Rasseneigenschaft dadurch gefördert werden, dass die Angehörigen einer Klasse oder eines Berufs gezwungen werden, ausschließlich innerhalb ihrer Gruppe zu heiraten. Das kann teils eine Folge von Überhebung einer höheren Klasse sein, die die anderen verachtet, teils aber aus Gründen der Zuchtwahl verfügt werden: die herrschende Klasse will ihre hervorragenden Eigenschaften, die ihr zur Macht verhalfen, sich ungeschmälert erhalten und darum jede Mischung mit anderen Gruppen, denen jene Eigenschaften fehlen, vermeiden. Die Vererbung der Merkmale der Herrscherklasse soll gesichert werden. Andererseits wird Gruppen, die auf die tiefste Stufe herabgedrückt werden, verboten, sich mit der übrigen Bevölkerung zu mischen, damit diese nicht von den Fehlern jener Auswürflinge angesteckt werde.

Wie bei den Haustieren sucht man auch bei den Klassen hervorragende Merkmale dadurch zu konservieren, dass man die Rasse „rein“ erhält. Aber der Mensch ist kein Haustier, und die Reinheit der Rasse stößt bei ihm auf mannigfache Schwierigkeiten.

Bei den Haustieren genügt es nicht, dass die Zuchttiere von der Kreuzung mit rassefremden Individuen bewahrt werden. Es müssen auch unter den Rassetieren stets die hervorragendsten Exemplare ausgewählt und allein als Zuchttiere benutzt werden. Die übrigen, weniger ausgezeichneten werden oft vernichtet, stets von der Fortpflanzung ausgeschlossen.

So streng kann eine Klasse oder Kaste gegen ihre eigenen Mitglieder nicht vorgehen, sie mag das Klasseninteresse noch so sehr über das individuelle erheben. Sie nimmt oft für sich oder den Vater des Kindes das Recht in Anspruch, zu entscheiden, ob es aufgezogen oder getötet werden soll. Das christlich-germanische Rittertum wurde dieser Praxis dadurch enthoben, dass es die Möglichkeit bekam, schwächliche oder unkriegerische Knaben in ein Kloster zu stecken und dadurch am Erzeugen einer legitimen Nachkommenschaft zu hindern. Aber diese Methoden der Auslese wurden doch nicht immer nach rein züchterischen Gesichtspunkten angewandt und oft durch andere Erwägungen durchkreuzt. Der Vater, der einen Erbeserben wünschte und einen kräftigen nicht zu erzielen vermochte, wird ein schwächliches Kind nicht getötet, sondern aufgezogen, auch nicht zum Zölibat verurteilt, sondern verheiratet haben.

Zur Reinheit der Rasse als Klasse gehört aber auch vollständige Verfügung über das Geschlechtsleben der Frau – nicht des Mannes. Seine Bastarde werden nicht Mitglieder der herrschenden Klasse. Dagegen wird Ehebruch der legitimen Frau, wenn er nicht zutage kommt, die Reinheit der Rasse unterbrechen. Je freier die Frau, desto leichter der Ehebruch. Eine Unfreiheit der Frau, die so weit geht, dass sie in einen Harem gesperrt wird wie eine Kuh in den Stall, ist stets mit Vielweiberei gepaart. Da aber die Zahl der Frauen überall ungefähr der der Männer gleich ist, erheischt die Vielweiberei, dass auch Frauen, die nicht der herrschenden Rasse angehören, zu Ehegattinnen erhoben werden. Übrigens ist selbst die Frau des Harems noch keine Stallkuh und ihres freien Willens nicht ganz beraubt. Auch sie findet noch Mittel zum Ehebruch. Das wusste schon der Sultan Scheherban, der meinte, es gebe nur ein Mittel, sich die Treue einer Frau zu sichern: ihre Tötung nach der ersten Umarmung.

Gelingt es trotz alledem, die Reinheit der Rasse zu wahren, dann droht ihr weiteres Unheil aus der Inzucht. Diese kann lange unschädlich bleiben dort, wo nur kerngesunde Menschen zur Fortpflanzung kommen. Eine ausbeutende Klasse, die ihre Herrschaft befestigt hat und über große Reichtümer verfügt, ergibt sich jedoch leicht einem arbeitslosen Genussleben, das sie degeneriert. Wo das eintritt, da fördert noch die Inzucht den Verfall, umso mehr, je reiner die Rasse bleibt.

Wir sehen, die Erscheinung der Rasse ist beim Menschen noch weit verwickelter als in der Tierwelt. Die Bestimmtheit der Rasse, die beim Tier so deutlich auftritt, geht in der Menschheit immer mehr verloren. An Stelle lange unverändert bleibender, scharf begrenzter Rassen finden wir einen stetig fließenden und immer rapider fortschreitenden Prozess von Rassenauflösungen, Rasseneubildungen, Rassenmischungen, der bedingt wird durch den allgemeinen Prozess der technischen, ökonomischen, sozialen Entwicklung, aus ihm entspringt, sich mit ihm verschlingt. Immer schwerer wird es, die ererbten von den individuell erworbenen Eigenschaften zu trennen, immer mannigfaltiger werden die Rassen, die Rasseneigenschaften, immer mannigfaltiger innerhalb jeder Menschengruppe die Individuen, immer variabler und immer wichtiger werden für den Menschen an Stelle der körperlichen, schwer veränderlichen, leicht festzustellenden Merkmale die geistigen, die aufs äußerste wandelbar, durch keinerlei Messungen vollständig festzustellen, vielfach nur aus den flüchtigsten Erscheinungen zu erschließen sind.

Es dürfte kaum eine schwierigere Aufgabe geben als die, bei einer bestimmten Erscheinung der menschlichen Geschichte den Einfluss der Rasse rein herauszuschälen. Die Aufgabe wird umso schwieriger und – für unsere bisherigen Mittel und Methoden der Forschung – hoffnungsloser, je weiter wir in der Geschichte fortschreiten, je mehr sich die Rassen mengen, je mannigfaltiger und kräftiger die künstlichen Bedingungen werden, in denen sie leben.

Unseren Rassentheoretikern aber erscheint das, was vielleicht das verwickeltste Problem der Menschheitsgeschichte ist, als ihre einfache und selbstverständliche Erklärung. Den Begriff der Rasse, der sogar für die tierischen und pflanzlichen Organismen, wo er viel einfacher liegt, noch recht stark schwankt, betrachten sie als unerschütterliche Basis, auf der ohne weiteres die gesamte Theorie und Praxis der menschlichen Gesellschaft aufzubauen ist.

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Anmerkungen

1. Charles Darwin, Entstehung der Arten, deutsch von Carus, Stuttgart 1876, S. 548.

2. Karl Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft, Stuttgart: J.H.W. Dietz Nachf., 1910.

3. Friedrich Ratzel, Anthropogeographie, 4., unveranderte Auflage, Stuttgart: J. Engelhorns Nachfolger, 1912–22 II, S. 387.

4. Friedrich Ratzel, Anthropogeographie, 4., unveränderte Auflage, Stuttgart: J. Engelhorns Nachfolger, 1912–22 II, S. 590–591.


Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026