Karl Kautsky

Rasse und Judentum

4. Unterscheidungen und Gegensätze der Menschenrassen

Während die belletristischen und journalistischen Rassentheoretiker den Begriff der Rasse beim Menschen als Selbstverständlichkeit behandeln, können sich die Naturforscher über die Rasseneinteilung des Menschen nicht einigen. Sie müssen zugeben, dass hier alles fließt. So konstatierte Darwin:

Unser Naturforscher würde sehr beunruhigt werden, sobald er bemerkte, dass die Unterscheidungsmerkmale des Menschen in hohem Grad variabel sind. ... Es kann bezweifelt werden, ob irgendein Charakter angeführt werden kann, der für eine Rasse unterscheidend und konstant ist. ... Die Form des Schädels variiert in manchen Rassen bedeutend, und so ist es mit jedem anderen Charakter. ... Die Rassen des Menschen gehen gradweise ineinander über, und zwar, soweit wir das beurteilen können, in vielen Fällen ganz unabhängig davon, ob sie sich miteinander gekreuzt haben oder nicht. Der Mensch ist sorgfältiger als irgendein anderes Wesen studiert worden, und doch besteht die größtmögliche Verschiedenheit des Urteils unter sachkundigen Richtern darüber, ob er als eine Art oder Rasse klassifiziert werden solle oder als zwei (Virey), als drei (Jacquinot), als vier (Kant), fünf (Blumenbach), sechs (Buffon), sieben (Hunter), acht (Agassiz), elf (Pickering), fünfzehn (Bory Saint Vincent), sechzehn (Desmoulins), zweiundzwanzig (Morton), sechzig (Crawfurd) oder dreiundsechzig nach Burke. [1]

Das wurde vor einem halben Jahrhundert geschrieben, gilt aber heute noch ebenso.

In ihrer Verlegenheit sind manche Anthropologen schließlich darauf verfallen, eine Reihe von Rassen nicht nach körperlichen Merkmalen, sondern nach der Sprache einzuteilen, von Ernst Häckel allen Ernstes behauptet, sie „vererbe sich viel strenger als die Schädelformen“. [2]

Natürlich ist das, was vererbt wird, nur die Fähigkeit, zu sprechen, nicht eine besondere Sprache. Die Sprache wird erlernt, wobei die ersten und wichtigsten Lehrer jene sind, die den einzelnen in seiner Kindheit umgeben. Aber das müssen nicht immer und notwendigerweise die Eltern sein. Durch Wanderungen, durch Wechsel der Umgebung, durch Zusammentreffen mit fremden Völkern kann man auch die Sprache der Vorfahren vergessen und eine fremde annehmen, während man die angeborene Färbung der Haare, der Augen, der Haut, die Gestalt der Nase nicht verliert. Ganze Völker können, ohne ihren Rassencharakter im Geringsten zu ändern, ihre Sprache wechseln, und umgekehrt, in einer Gegend können die verschiedensten Rassen nacheinander auftauchen, eine die andere verdrängend, und dabei die Sprache der Gegend eine von der anderen übernehmen. Im heutigen Griechenland wird fast dasselbe Griechisch gesprochen wie vor zwei- und dreitausend Jahren. Wie viele Rassen sind aber seitdem dort erschienen! Andererseits haben die Irländer ihre keltische Sprache in den letzten Jahrhunderten aufgegeben, ohne ihre „Rasse“ merklich zu ändern. Wäre die Sprache ein Rassencharakter, dann müssten die Neger der Vereinigten Staaten zur angelsächsischen „Rasse“ gehören und viele Neger und Indianer Zentral- und Südamerikas zur lateinischen „Rasse“. Andere Neger wieder zur germanischen „Rasse“. Im brasilianischen Urwald stieß ein deutscher Forscher zu seiner Überraschung auf einen Neger, der plattdeutsch sprach. Sein Herr war ein von der „Waterkant“ eingewanderter Kolonist.

In Wirklichkeit ist die Sprache noch weniger ein Rassenmerkmal als Hautfarbe, Behaarung oder Schädelbildung. Es gibt keine semitische und keine arische Rasse. Die arische Rasse ist kein Urvolk, sondern „eine Erfindung der Studierstube“. [3]

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Sprache für die Gruppierung der Menschen nicht von äußerster Wichtigkeit sei. Sie ist das Mittel ihrer Verständigung, ihres gesellschaftlichen Zusammenwirkens. Wo Menschen die gleiche Sprache sprechen, gesellen sie sich leicht zu gemeinsamem Leben und Arbeiten zusammen. Wo die materiellen Bedingungen des Lebens und Arbeitens sie zusammenbringen, müssen sie trachten, sich durch eine gemeinsame Sprache zu verständigen. So steht die Sprache in steter und enger Wechselwirkung mit dem Umfang der gesellschaftlichen Gruppierung der Menschen, sie wird eines der wichtigsten Mittel, die Menschen zu vereinigen und zu sondern, und die Erforschung alter sprachlicher Überlieferungen kann uns mitunter helfen, die Geschichte gesellschaftlicher Gruppierungen aus Zeiten zu rekonstruieren, aus denen andere Zeugnisse darüber verlorengegangen sind. Die Einteilung der Menschheit nach Sprachgruppen ist wohl berechtigt, aber mit der Einteilung nach Rassen fällt sie keineswegs zusammen. Ursprünglich, solange jede Menschenrasse eine geographische Rasse darstellte, eine Menschengruppe, die viele Jahrtausende hindurch unter gleichen Bedingungen gleiche Gegenden bewohnte, kann auch jede Rasse eine ihr eigentümliche Sprachenart entwickelt haben, eine Sprachenart, die in zahlreiche Mundarten zerfiel. Gemeinsamkeit des Sprachstammes deutet zunächst auf ehemalige Gemeinsamkeit des Wohngebiets und seiner Lebensbedingungen hin und damit bei ganz urwüchsigen Völkern auf Zugehörigkeit zur gleichen geographischen Rasse. Aber es gibt heute kaum noch ein Volk, das ohne Mischung mit anderen Völkern jene Ursitze bewohnt, in denen jene Sprachenart gebildet wurde, die es heute spricht. Je mannigfacher seine Wanderungen, seine Mischungen mit anderen Rassen, seine historischen Schicksale, umso mehr werden Sprache und Rasse voneinander unabhängig werden. Und je mehr die Mittel des Verkehrs wachsen, je ausgedehnter die Menschengruppen sind, die durch die Ökonomie zu dauerndem gesellschaftlichem Zusammenwirken verbunden werden, desto eher werden sehr verschiedenartige Rassen und Rassengemische zu einer einheitlichen Sprach- und Kulturgruppe zusammengefasst. Andererseits muss dasselbe Wachsen der Mittel des Verkehrs, je mehr es Mitglieder derselben Rasse in die verschiedensten Weltgegenden führt, den verschiedensten Menschengruppen einfügt, gar manche Rasse in mehrere sprachlich verschiedene Teiletrennen, so dass vielfach Abkömmlinge der gleichen Rasse einander immer weniger verstehen, immer weniger miteinander geistig gemein haben.

Mit der Sprache als Rassenmerkmal ist es also ebenfalls nichts. Moderne Anthropologen denken auch ganz anders über die Rasse als jene „Anthropozoologen“, die sich offenbar deshalb so nennen, weil sie ebenso wenig von Anthropologie wie von Soziologie verstehen. Einen schönen Abriss der „anthropologischen Auffassung der Rasse“ gab der Berliner Professor Felix von Luschan auf dem ersten allgemeinen Rassenkongress, abgehalten in London im Jahre 1911. Wir geben seine Ausführungen ausführlich wieder, auch jene, die den sich wissenschaftlich drapierenden Rassendünkel unserer Kolonialfanatiker à la Rohrbach gut beleuchten. Er führte unter anderem aus:

Farbige Leute werden oft als wilde Rassen bezeichnet, aber nur verhältnismäßig selten finden wir einen Versuch, eine genaue Definition von „farbig“ und „wild“ zu geben.

Ein europäischer Gouverneur in Afrika erließ einmal eine Anordnung darüber, wie sich Neger, Araber, Hindus, Portugiesen, Griechen und andere farbige zu benehmen hätten, wenn sie einem Weißen begegnen, und im Deutschen Reichstag sprach ein Nachfolger Bismarcks einmal von den Samoanern als einer „Handvoll Wilder“.

Viele Bücher wurden über die Unterschiede zwischen den Menschenrassen geschrieben, und ernsthafte Gelehrte haben vergeblich versucht, eine genaue Definition dessen zu geben, was den Unterschied zwischen wilden und zivilisierten Rassen ausmacht. Es ist sehr leicht, von „Griechen und Barbaren“ zu sprechen. Aber manche Leute rechnen die alten Griechen zu den zivilisierten Rassen und sind dabei so streng, dass sie die Römer als „Halbbarbaren“ von dieser Gruppe ausschließen.

Alt ist die Unterscheidung der Menschheit in aktive und passive Rassen. Seitdem hat man den Versuch gemacht, zwischen die „Tagrassen“ und die „Nachtrassen“ die „Dämmerungsrassen“ einzuschieben, und die Japaner wurden den „Dämmerungsmenschen“ zugezählt – dieselben Japaner, die nun die Bahnbrecher der menschlichen Zivilisation in Asien sind und vielleicht die Denkfreiheit Europas zu Tsushima und auf den Schlachtfeldern der Mandschurei retteten.

Noch weniger haltbar und einwandfrei ist die Teilung der Rassen nach der Farbe. Wir wissen heute, dass die Farben der Haut und des Haares nur der Wirkung der Umgebung entstammen und dass wir bloß deshalb hellfarbig und blond (fair) sind, weil unsere Vorfahren Tausende oder wahrscheinlich Zehntausende von Jahren in sonnenlosen und nebligen Ländern wohnten. Hellfarbigkeit ist nichts als Mangel an Farbstoff (Pigment), und unsere Vorfahren verloren einen Teil ihres Pigments, weil sie es nicht brauchten, so wie die Grottenolm (Proteus angineus) und manche Insekten in Höhlen blind wurden, wo ihre Augen nutzlos sind. Dafür müssen wir armen hellfarbigen Leute dunkle Brillen und Handschuhe tragen, wenn wir über einen Gletscher gehen, und unsere Haut brennt ab, wenn wir sie zu stark dem Sonnenlicht aussetzen.

Es ist also ganz natürlich, dass manche Rassen der Inder und Singalesen dunkel sind, aber es wäre absurd, sie deshalb „Wilde“ zu nennen, da sie eine alte Zivilisation und eine edle und verfeinerte Religion zu einer Zeit besaßen, wo unsere Vorfahren noch sehr tief standen. (...)

Coloured people are often described as savage races, but it is comparatively rare to find any attempt to give a proper definition of “coloured” and “savage.”

A certain order issued by a European Governor in Africa once stated what Negroes, Arabs, Hindus, Portuguese, Greeks, and other coloured people, had to do on meeting a white man, and in the German Reichstag one of the successors of Bismarck once spoke of the Samoans as a “handful of savages.” Again, many books have been written on the differences between races of men, and serious scientists have tried in vain to draw up an exact definition of what really constitutes the difference between savage and civilised races. It is very easy to speak of “Greeks and other coloured people”; but some assign the ancient Greeks to the group of civilised races, and are so severe in their division as to exclude from that group the ancient Romans as half-barbarians.

The division of mankind into active and passive races is an old one. Since then, an attempt was made to put “twilight” races between the “day” races and the “night” races, and the Japanese were included in this group of “Dammerungs-Menschen” – the Japanese, who are now in the van of human civilisation in Asia, and who have, perhaps, saved the mental freedom of Europe at Tsushima and on the battle-fields of Manchuria.

Still weaker and more objectionable is the division as to colour. We now know that colour of skin and hair is only the effect of environment, and that we are fair only because our ancestors lived for thousands, or probably tens of thousands, of years in sunless and foggy countries. Fairness is nothing else but lack of pigment, and our ancestors lost part of their pigment because they did not need it. Just as the Proteus sanguineus and certain beetles became blind in caves, where their eyes were useless, so we poor fair people have to wear dark glasses and gloves when walking on a glacier, and get our skin burned when we expose it unduly to the light of the sun.

It is therefore only natural that certain Indian races and the Singhalese are dark; but it would be absurd to call them “savage” on that account, as they have an ancient civilisation, and had a noble and refined religion at a time when our own ancestors had a very low standard of life. [4]

Luschan zeigt dann an mannigfachen Beispielen, dass die angebliche Inferiorität der Wilden vielfach nur scheinbar, die Beweise dafür oft nur eine Folge der Albernheit und Ungeduld ihrer Beobachter waren, die Unverstand sahen, wo sich nur ihre eigene Verständnislosigkeit geltend machte. Er fährt dann fort:

Früher war es weniger die geistige und materielle Kultur fremder Rassen als ihre anatomische Beschaffenheit, woraus man ihre Inferiorität schloss. Besonders in Amerika war vor dem Bürgerkrieg die Anthropologie (oder was man so nannte) damit beschäftigt, zu zeigen, dass der Neger mit seiner schwarzen Haut, dem Vorsprung der Mundpartie (Prognathismus), seinen wulstigen Lippen und seinem kurzen, harten Haar kein menschliches Wesen sei, sondern ein Haustier. Die Art seiner Behandlung war seines Besitzers private Angelegenheit und ging andere Leute ebenso wenig an als die Behandlung seiner Rinder oder Pferde.

Es gibt selbst heute Gelehrte, die für die verschiedenen Typen des Menschen einen verschiedenen Ursprung behaupten und die eine der Rassen der älteren Steinzeit (paläolithisch) vom Gorilla und eine andere (oder vielleicht die gleiche) vom Orang ableiten. Der Verfasser des „Anthropozoon biblicum“ geht noch weiter und will uns glauben machen, die dunklen Rassen seien das Ergebnis eines blutschänderischen Verkehrs zwischen „Ariern“ und Affen. Aber die große Mehrheit der modernen Forscher spricht sich für die Abstammung der gesamten Menschheit von einer einzigen Rasse aus.

Die Frage der Zahl der menschlichen Rassen hat damit ihre Berechtigung verloren und ist jetzt mehr eine Frage philosophischer Spekulation als wissenschaftlicher Untersuchung geworden. Es ist heute nicht wichtiger, zu wissen, wieviel menschliche Rassen es gibt, als herauszufinden, wieviel Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Unsere Aufgabe geht dahin, zu erforschen, wie die alten, primitiven Rassen sich auseinander bildeten und wie diese Rassen sich änderten oder entwickelten durch Wanderung und Kreuzung.

Wir wissen noch nicht, wo sich die ersten Menschen aus früheren tierischen Formen zu entwickeln begannen ... Wir werden nicht ferne von der Wahrheit sein, wenn wir annehmen, dass der paläolithische Mensch Europas vom heutigen Ureinwohner Australiens nicht wesentlich verschieden war. Wenn wir aus den Eigenschaften des Skeletts Schlüsse auf die weicheren Partien des Körpers schließen dürfen, hatten unsere paläolithischen Vorfahren dunkle Haut, dunkle Augen und dunkle, mehr oder weniger straffe Haare. Ihre Heimat lag wahrscheinlich in einer Gegend Südasiens. Auch heute noch finden wir ähnliche Typen unter den Bala von Celebes und den Weddas von Ceylon. Tatsächlich gehören Millionen dunkler Menschen in Indien zu diesem Geschlecht und ebenso alle dunklen Stämme in Belutschistan.

Wir können also einen frühen und ursprünglichen Typus der Menschheit von Gibraltar, Mouster, Spy, Neandertal, Krapina bis Ceylon, Celebes, Australien verfolgen. Das ist sicher ein weites Gebiet, aber jedes Jahr bringt neue Beweise dieses direkten ununterbrochenen Zusammenhangs eines bestimmten menschlichen Typus von der frühesten Steinzeit bis zu unseren Tagen.

Natürlich ersteht die Frage, wie es kam, dass unsere australischen Brüder durch fünfzigtausend oder hunderttausend Jahre oder noch länger in einem derartig rückständigen Zustand materieller und geistiger Kultur bleiben konnten, während wir Europäer die Höhe der modernen Zivilisation erklommen. Die Antwort ist nicht schwer. Australien wurde von der übrigen Welt durch eine frühzeitige geologische Katastrophe bald nach der Einwanderung des paläolithischen Menschen getrennt. Jeder Anstoß und jede Anregung von außen hörte auf, und das menschliche Leben begann zu versteinern.

Ganz anders in Europa und Westasien. Tausenderlei Vorteile der Umgebung, eingeschnittene Küsten, viele vorgelagerte Inseln, schiffbare Ströme und namentlich ständiges Wandern von Asien nach Europa und von Europa nach Asien und Afrika, der rasche Austausch von Erfindungen, Entdeckungen und Errungenschaften, der ununterbrochene Handel und Verkehr machten uns zu dem, was wir sind.

Dieser ursprüngliche einheitliche Menschentypus begann hauptsächlich nach zwei Richtungen abzuändern. Südwestlich von der Linie, die Gibraltar mit Australien verbindet, entwickelte er wolliges, krauses Haar und wurde so zu dem, was wir heute den Neger nennen .... Aus der anderen Seite dieser Linie, in Nordasien, bekam der Urmensch im Laufe vieler Jahrtausende straffes Haar und einen kürzeren oder breiteren Schädel. Der heutige Chinese und der utopische, heute fast ausgestorbene amerikanische Indianer stehen an dem Ende dieser nordöstlichen Linie der Entwicklung, während der tropische Neger das südwestliche Ende repräsentiert.

Wir haben so drei Hauptvarietäten der Menschheit – die edle indoeuropäische, die afrikanische und die ostasiatische, die alle von demselben ursprünglichen Stamm abzweigen, seit Tausenden, vielleicht Hunderttausenden von Jahren voneinander abzweigen, aber alle drei eine vollkommene Einheit bilden, sich nach allen Richtungen untereinander fortpflanzen ohne die geringste Einbuße an Fruchtbarkeit.

Aus diesen drei Varietäten entsprangen alle die verschiedenen Typen der heutigen Menschheit, hauptsächlich durch lokale Isolierung. Ein sehr interessantes Beispiel solcher Abänderung ist in den frühesten bekannten Einwohnern Westasiens zu finden. Dies ist das Land jener ausnehmend schmalen und krumm gebogenen Nasen, die wir gewöhnlich jüdische oder semitische Nasen nennen. Diese bemerkenswerten Nasen sind jedoch nicht eine Eigentümlichkeit der semitischen Eindringlinge, die in Abraham ihren Stammvater verehren, sondern der vorsemitischen Bevölkerung, die man hettitisch oder armenoidisch nennen kann, da die heutigen Armenier ihre direkten Abkömmlinge sind.

Diese alten Hettiter oder Armenoiden wanderten frühzeitig nach Europa, wo die „alpine Rasse“ von ihnen abstammte. In den meisten abgelegenen Tälern Savoyens, Graubündens, Tirols und Kärntens zeigt mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Kopfform und die Nase dieser zweiten Einwanderung aus Asien nach Europa, und aus der Mischung dieser breitköpfigen „alpinen Rasse“ mit den Abkömmlingen der langköpfigen paläolithischen oder Neandertal- oder Uraustralierrasse sind alle großen europäischen Rassen von heute entsprungen ...

Wurden die ersten Varietäten des Menschen sicherlich durch lange Isolierung geformt und fixiert, so bildeten sich spätere Varietäten und Rassen durch Wanderung und Kolonisation ...

In früheren Zeiten waren manche Ethnologen erstaunt über die auffallende Übereinstimmung in der Richtung des menschlichen Geistes, und sie wunderten sich darüber, dass die Menschen in allen Teilen der Erde auf die gleichen Ideen und Hilfsmittel verfielen. Diese Theorie des „Völkergedankens“ ist heute fast ganz aufgegeben, und wir müssen die wirkliche Einheit des Menschengeschlechts zugeben. Helle und dunkle Rasse, langköpfige und kurzköpfige, intelligente und rückständige, sie kommen alle von demselben Stamm. Günstige Verhältnisse und Bedingungen, namentlich eine gute Umgebung, eine fördernde geographische Position, Handel und Verkehr ließen die eine Gruppe rascher fortschreiten als die andere, indes einige Gruppen in ganz ursprünglichen Stadien zurückblieben, aber sie alle sind ihrer Umgebung angepaßt, nach dem Gesetz des Überlebens der Passendsten. (...)

In former times it was not so much the mental and material culture of foreign races, as their anatomical qualities, which were taken as the starting-point, in showing their inferiority. Especially in America, before the war, Anthropology (or what they called by that name) was engaged in showing that the Negro, with his black skin, his prognathism, his blubber-lips and his short and broad nose, was no real human being but a domestic animal. How to treat him was the owner’s private affair; it was nobody else’s business, any more than the treatment of his cattle or horses.

Even to-day there are scientists who claim a separate origin for the various human types, and who link one palaeolithic race to the Gorilla and another (or perhaps the same) to the Orang. The author of Anthropozoon biblicum goes still further and wants us to believe that the dark races are the descendants of incestuous intercourse between “Aryans” and monkeys. But the great majority of our modern authorities now claim a monogenetic origin for mankind.

So the question of the number of human races has quite lost its raison d’être and has become a subject rather of philosophical speculation than of scientific research. It is of no more importance now to know how many human races there are than to know how many angels can dance on the point of a needle. Our aim now is to find out how ancient and primitive races developed from others, and how races have changed or evolved through migration and interbreeding.

We do not yet know where the first man began to develop from earlier stages of zoological existence, and we know nothing of his anatomical qualities. The Pithecanthropus erectus from Java was for some time considered to be such a first man or “missing link”; but he proved to be only an enormous Gibbon. The oldest known remains of real man have been found in Western Europe. They do not show one single trait that is not found in one or other modern skull or skeleton of aboriginal Australians; even the mandible of Mauer-Heidelberg, primitive as it is, has a typical human dentition.

So we shall probably not be far from the truth if we state that the palaeolithic nan of Europe was not essentially different from the modern Australian. If we are allowed to draw conclusions as to the soft parts from the qualities of the skeleton, our palaeolithic ancestor had dark skin, dark eyes, and dark, more or less, straight hair. His home was probably in some part of Southern Asia; but we find similar types even now among the Toala of Celebes and the Veddas of Ceylon. In fact, millions of dark men in India belong to the same stock, and so do all the dark tribes of Afghanistan and Beluchistan.

So we can trace an early and primitive type of mankind from Gibraltar, Moustier, Spy, Neanderthal, Krapina, &c., to Ceylon, Celebes, and Australia. This certainly is a wide area, but every year is now bringing fresh proofs of this direct continuity of a distinct human type from the earliest palaeolithic ages to modern times.

The question naturally arises how it is that our Australian brothers have remained for fifty or a hundred thousand years, or longer, in such a primitive state of mental and material culture, while we Europeans have reached the height of modern civilisation. The answer is not difficult. Australia was isolated from the rest of the world through an early geological catastrophe soon after the immigration of palaeolithic man. Every impulse and incentive from without ceased, and human life began to petrify.

It was quite otherwise in Europe and in Western Asia. The thousand advantages of the environment, the broken coastlines, the many islands, the navigable rivers, and especially the constant passing from Asia to Europe and from Europe to Asia and Africa, the ready exchange of inventions and discoveries and acquisitions, the incessant trade and traffic, have made us what we are.

This primitive but uniform human type began to change chiefly in two directions. To the south-west of the line connecting Gibraltar with Australia, man, in some way or other, developed curly and woolly hair, and so became what we now call Protonigritian. We find his descendants in Melanesia and in Africa. The Pygmies form a very old branch of this protonigritic group; and we find them in South Africa (Bushmen), in many parts of Tropical Africa and of South-Eastern Asia, and even in some islands of the Pacific. We do not know where they became small, whether in their original home or later on, after their dispersion. The first theory is certainly the simpler; but the second is not without analogy. We know that the Ammonites began to unroll themselves quite independently of each other in distant oceans, but more or less in the same geological period.

On the other side of this line, in Northern Asia, primitive man acquired, during many thousands of years, straight hair and a shorter or broader skull. The modern Chinese and the typical, now nearly extinct, American Indian are at the end of this north-eastern line of development, while the typical Negro represents the south-western end.

We have thus three chief varieties of mankind – the old Indo-European, the African, and the East-Asiatic, all branching off from the same primitive stock, diverging from each other for thousands, perhaps hundreds of thousands, of years, but all three forming a complete unity, intermarrying in all directions without the slightest decrease of fertility.

From these three varieties came all the different types of modern mankind, generally by local isolation. A very interesting example of such mutation is found in the earliest known inhabitants of Western Asia. This is the land of those extremely narrow and higharched noses, we generally call Jewish or even Semitic. These remarkable noses, however, do not belong to the Semitic invaders, of whom Abraham is the eponymic hero, but to the pre-Semitic population which might be called Hittite or Armenoid, as the modern Armenians are their direct descendants.

These old Hittites or Armenoids emigrated in very early times to Europe, where the “Alpine Race” descended from them. In the most out-of-the-way valleys of Savoy, Graubünden, Tyrol, and Carinthia more than half of the modern population has the head-form and the nose of this second immigration from Asia to Europe, and from the mingling of this short-headed “Alpine Race” with the descendants of the long-headed Palaeolithic or Neanderthal or proto-Australian Race, all the great modern European races have sprung ...

While the first varieties of primitive man were certainly formed and fixed by long isolation, later variations and races were caused by migration and colonisation, as might perhaps best be shown by sketching the anthropology of Africa and of the Pacific Islands ... [5]

In former times ethnologists used to admire the apparent unity in the direction of the human mind, and to wonder how it was that in all parts of the earth men had similar ideas and ways. Now this “Volkergedanken” theory is nearly abandoned, and we are forced to admit the real unity of mankind. Fair and dark races, long and ] short-headed, intelligent and primitive, all come from one stock, favourable circumstances and surroundings, especially a good environment, a favourable geographical position, trade and traffic, caused one group to advance more quickly than another, while some groups have remained in a very primitive state of development; but all are adapted to their surroundings, according to the law of the survival of the fittest. [6]

Dieser Gedankengang lässt sich kaum präziser wiedergeben als mit den Worten Luschans. Wir haben sie daher ausführlich zitiert. Es ist im Wesentlichen der Gedankengang der ganzen modernen Anthropologie. In Details weichen natürlich die einzelnen Forscher noch recht weit voneinander ab.

Aber davon handeln wir hier nicht. Das Entscheidende ist, dass für die moderne Anthropologie die Rassenscheidung als unüberbrückbare Kluft nicht existiert. Die Rassen sind in beständigem Wandel und Übergang begriffen, sie find alle in letzter Linie eines Ursprungs, keine der herrschenden darf sich rühmen, ihre heutige Überlegenheit liege in ihrem Blut begründet und sei unveränderlich, solange die Rasse ihre Reinheit bewahre. Von keiner der beherrschten darf man behaupten, ihre Sklaverei entspringe einer natürlichen, unveränderlichen Minderwertigkeit. Die Überlegenheit der einen ist nur günstigen Umständen der Umwelt zuzuschreiben, wie die Zurückgebliebenheit der anderen ungünstigen. Von jeder Rasse darf man erwarten, sie werde unter gleich günstigen Umständen dasselbe leisten wie die höchststehenden – freilich nicht notwendigerweise sofort. Die Germanen des Tacitus lebten ungefähr anderthalb Jahrhunderte später als die des Cäsar und waren doch noch fast ebenso große Barbaren wie jene. Auf die germanische Völkerwanderung folgte ein ganzes Jahrtausend, ehe die Gesellschaft wieder die Höhe der untergegangenen römisch-griechischen Kultur erreichte, und von da ab dauerte es noch Jahrhunderte bis zu unserer heutigen Zivilisation. Den Negern wird aber vielfach immer noch mit leichtem Herzen jede Kulturfähigkeit abgesprochen, weil sie in den Vereinigten Staaten seit ihrer Befreiung, also seit nicht viel mehr als fünfzig Jahren, noch nicht aus dem Zustand der Barbarei, in dem sie bis dahingelebt, soweit emporgestiegen sind, dass sie einen Darwin oder Kant hervorbringen konnten. Dabei werden heute noch die Neger in den Vereinigten Staaten systematisch in größter Unwissenheit erhalten, auch die primitivste Schulbildung ihnen sehr erschwert!

Schon wenige Jahre nach der Negerbefreiung hielt sich Häckel für befugt, zu schreiben:

Einer wahren inneren Kultur und einer höheren geistigen Durchbildung sind die Ulotrichen (Wollhaarigen) unfähig, auch unter so günstigen (?) Anpassungsbedingungen, wie sie ihnen jetzt in den Vereinigten Staaten Nordamerikas geboten werden. [7]

Eine saubere „evolutionistische“ Auffassung! Irgendeine Begründung findet sie nicht. Gerade von den Anthropologen wird sie immer mehr verlassen – soweit nicht Bedürfnisse nach einer „wissenschaftlichen“ Begründung der Kolonialpolitik sie neu beleben.

Eines allerdings ist richtig: die leitenden Völker der modernen Zivilisation sind in den letzten Jahrhunderten so ungeheuer rasch fortgeschritten, namentlich in ihrer Technik, dass ihr Vorsprung ein immer gewaltigerer, der Weg immer weiter geworden ist, den die zurückgebliebenen Völker zurückzulegen haben, um auf die gleiche Höhe mit den führenden zu gelangen. Daraus folgt aber nicht, dass jene auch in Zukunft immer mehr zurückbleiben werden und zurückbleiben müssen. Der rapide Fortschritt der europäischen Völker seit dem sechzehnten Jahrhundert war nur möglich durch eine Ausdehnung des Verkehrs, die alle Nationen und Völker der Welt in engsten Kontakt miteinander bringt. Das wirkte auf die schwächsten unter ihnen zunächst mörderisch, denn die moderne Gesellschaft beruht auf brutalen Interessengegensätzen: mörderisch für den Körper und den Geist. Die einen wurden ausgerottet, die anderen zu Haustieren herabgedrückt und zur Stupidität von Haustieren verurteilt – wie europäische Proletarier auch. Aber nicht überall und nicht dauernd wirkt diese Entwicklung degradierend. Wie für jede der kraftvolleren schlichten des Proletariats, kommt auch für jede der kraftvolleren der zurückgebliebenen, vom Kapitalismus unterjochten Völkerschaften des Erdballs die Zeit, wo aus der Degradation die Empörung gegen die Degradation und damit ein Aufstieg erwächst. Dieser kann aber nur darin bestehen, dass man sich der geistigen und materiellen Waffen bemächtigt, die den „Herrenvölkern“ ihre dominierende Stellung geschaffen haben. Der Vorsprung der herrschenden kapitalistischen Nationen ist zu groß, als dass die anderen erwarten könnten, ihnen auf selbstgesuchten Wegen nachkommen zu können. Sie eilen ihnen nach und kommen ihnen immer näher auf den von den führenden Völkern selbst gefundenen und gebahnten Wegen. Diese Arbeit des Suchens und Bahnens wird den rückständigen Nationen erspart, und so können sie in wenigen Jahrzehnten erreichen, wozu die führenden Nationen viele Jahrhunderte gebrauchten. Um das zu können, müssen sie allerdings ihre Originalität, ihre Eigenart, ihre geistige Selbständigkeit aufgeben.

Das Gebiss des Menschen hat durch das Kochen und künstliche Zerkleinern der Speisen an Kraft eingebüßt. So hat auch sein Gedächtnis sehr wahrscheinlich durch die Schrift und den Buchdruck gelitten. In gleicher Weise wird der Erfindungsgeist der rückständigen Völker sehr dadurch geschwächt, dass ihnen so viele und so überlegene Erfindungen fertiggebracht werden, die anzueignen sie ihr ganzes geistiges Vermögen anstrengen müssen. Die größere Hälfte der Menschheit wird aus selbständig suchenden Menschen in sklavisch nachahmende, in bloße Schüler überlegener Lehrer verwandelt.

Aber auch das ist nur ein Übergangsstadium, das bei jedem Volk ein Ende nimmt, sobald dieses die Höhe moderner Kultur erklommen hat. Dann beginnt es sofort, an ihr selbständig mitzuarbeiten.

Ein dauerndes Ergebnis dieses Entwicklungsganges muss schließlich die daraus hervorgehende geistige Übereinstimmung des Menschengeschlechts werden, in der alle ohnehin schon sehr variablen und unbestimmten geistigen Rassenmerkmale sich noch weit rascher verwischen als die körperlichen, um in einer höheren Einheit aufzugehen, in der dafür immer größere individuelle Verschiedenheiten auftreten. Die Typen verschwinden, die Individualitäten wachsen. Den Ausgangspunkt der menschheitlichen Entwicklung bildete wohl die Einheit des Menschengeschlechts. Dieses zerfällt in eine wachsende Zahl von Rassen, aus denen heute wieder eine neue Einheit des Menschengeschlechts erwächst, aber eine Einheit anderer Art. Schon Ratzel hat in seiner auf diesen Prozess hingewiesen, der ebenso mit seiner Negation und Negation der Negation ein dialektischer Prozess ist wie jener, den Marx im darlegt, und der mit der Expropriation der Expropriateure endet. Ratzel sagt:

Die Arteinheit der heutigen Menschheit ist in ihrem Ursprung tief verschieden von der Einheitlichkeit beliebiger Tier- und Pflanzenarten. Letztere entsteht durch immer schärfere Ausbildung bestimmter Eigenschaften in einer besonderen, beschränkten Richtung, während die Menschheit immer einheitlicher geworden ist und es noch immer mehr wird durch Verschmelzung ihrer früher weiter auseinandergegangenen Gruppen. Diese beiden Einheitlichkeiten sind also auf gerade entgegengesetzten Wegen geworden, jene durch Absonderung, diese durch Zusammenfließen und Verschmelzung. Daher sind jene auch räumlich beschränkter, während diese die ganze Erde umfasst. Und daher tragen sie auch verschiedene Merkmale. Der Geschlossenheit der Tier- und Pflanzenarten steht die Mannigfaltigkeit der Glieder der Menschheit gegenüber, welche auf einer Masse von abgeschlossenen oder verdünnten Unterschieden beruht, die indessen immer mehr sich zu verschmelzen, die Menschheit einheitlicher zu gestalten bestrebt sind. Die heutige Menschheit kann zeitlich in der Mitte zwischen einer Menschheit der Vergangenheit von größeren inneren Unterschieden, vielleicht Artunterschieden, und einer Menschheit der Zukunft von geringeren inneren Unterschieden gedacht werden. [8]

Ratzel hat hier hauptsächlich die Wirkung der Rassenmischung im Auge. Wie die meisten Anthropologen beobachtet er den ökonomischen Faktor in der Regel zu wenig. Aber die Richtung der Entwicklung hat er gut erfasst und ebenso den Unterschied der Rassenentwicklung beim Tier und beim historischen Menschen. Nicht der Sonderung der Rassen in ausbeutende und ausgebeutete oder, wie man beschönigend sagt, in aktive und passive, in Tag- und Nachtrassen gehört die Zukunft, sondern der Auflösung der Rassen in einem einheitlichen Menschengeschlecht. Zunächst ihrer geistigen Vereinigung und ihrer ökonomischen Ebenbürtigkeit, auf der aber zunehmende „Abschleifung oder Verdünnung“ ihrer Unterschiede folgen muss – unbekümmert darum, ob einige Ästheten darüber die Nase rümpfen oder nicht.

Zu diesen Ästheten gehört natürlich auch Werner Sombart. Er hält es für dringend wünschenswert, dass die Rassenunterschiede unter den Menschen erhalten bleiben – denn:

Wie sollten wir die rassigen Judiths und Mirjams missen wollen. Freilich: sie müssen rassig sein und bleiben wollen. Den schwarzblonden Mischmasch mögen wir nicht. [9]

Und da „wir“ die Abschleifung der Rassen nicht mögen, hat der historische Prozess vor ihnen haltzumachen. Dabei hat Sombart 1912 schon vergessen, was er 1911 noch gut wusste, „dass es etwas ganz anderes bedeutet, wenn ich sage: dieses Frauenzimmer ist rassig (hat Rasse), als wenn ich sage: dieser Mensch gehört der mongolischen Rasse an“. [10] Von einer mongolischen Rasse sprechen Anthropologen und überhaupt wissenschaftliche Forscher, der Begriff des rassigen Frauenzimmers entstammt jenen tiefsinnigen Kreisen, die für nichts Interesse haben als für Pferde und gewisse Weiber und den Jargon des Rennstalls auf diese übertragen.

Trotz aller Klischees lässt sich die Abschleifung der Rassen nicht aufhalten. Der Kapitalismus ist es, der mit aller Macht an dieser Entwicklung arbeitet und auch dadurch eine höhere Form der Gesellschaft vorbereitet. Dem Sozialismus fällt die Aufgabe zu, alle Unterdrückten und Enterbten gegen den ausbeutenden Kapitalismus zu kräftigen und zum Sieg zu führen, das heißt sie ihren Ausbeutern nicht nur an Macht überlegen, sondern auch an geistiger Reife mindestens ebenbürtig zu machen.

Das Resultat all dieses Ringens und Kämpfens der Kapitalisten mit den Proletariern der vorgeschrittenen Nationen und mit den rebellischen Schichten der zurückgebliebenen ist nicht bloß die internationale Solidarität der Proletarier der Kulturnationen, sondern in letzter Linie die internationale Einheit im Denken und Wissen, im Forschen und Streben des gesamten Menschengeschlechts.

So muss schließlich der Satz zur Wirklichkeit werden, der zuerst ein Ideal der Denker und Vorkämpfer der revolutionären Bourgeoisie formulierte, das als solches vom revolutionären Proletariat vorgefunden und aufgenommen wurde, der Satz:

Alle Menschen, gleich geboren,
Sind ein adliges Geschlecht.

Diese Erwartung hätte vor einem Jahrzehnt noch phantastisch erscheinen können. Seitdem haben die Siege der Japaner über Russland aller Welt offenbart, wie weit die Revolutionierung Asiens durch den Kapitalismus und die Erhebung seiner Völker bereits gediehen ist. Diese Völker, von denen man bisher annahm, das konservative Beharren in den überkommenen Lebensformen stecke ihnen im Blut, sei ihr festes Rassenmerkmal, sie sind heute ein revolutionäres Element der Welt geworden.

Wie der Sieg des Proletariats der Weißen ist auch die Befreiung der „Farbigen“ nur eine Frage der Zeit.

Ist aber deren Streben nach Befreiung nicht ein Rassenkampf? Ein Teil des ununterbrochenen Kampfes der Rassen, der seit jeher bestand und immer währen muss, weil der Kampf ums Dasein eine Naturnotwendigkeit ist?

Wir haben gesehen, dass der Kampf ums Dasein in der Tierwelt fast ausschließlich ein Kampf gegen die umgebende Natur, nicht gegen Individuen der eigenen Art ist. Er ist in der Natur in der Regel auch nicht ein Kampf verschiedener Varietäten derselben Art gegeneinander. Denn diese sind geographischen Charakters, jede hat ihr besonderes Gebiet, innerhalb dessen sie in einem Gleichgewichtszustand lebt, und dass sie nicht verlässt, solange dies Gleichgewicht nicht gestört wird, was meist nur nach geologischen Zeiträumen vorkommt.

Eine Änderung tritt beim Menschen ein. Seine Technik stört das Gleichgewicht in der Natur und auch das Gleichgewicht in seinen eigenen Reihen. An manchen Stellen kann jetzt Übervölkerung eintreten und damit ein Kampf um die Nahrungsquellen. Dabei kämpft aber nicht Rasse gegen Rasse, sondern zunächst jede von Nahrungsmangel betroffene Horde gegen die benachbarte, die sie zu verdrängen sucht. Das ist also ein Kampf nicht von Rasse gegen Rasse, sondern ein Kampf innerhalb der Rasse. Die Horden und Stämme waren viel zu klein, als dass eine von ihnen hätte mit der Rasse zusammenfallen können.

Dauert die Übervölkerung längere Zeit, dann ergreift die Bewegung wohl schließlich alle Stämme eines Gebiets, ein Teil muss auswandern und kann so weit geraten, dass er mit Horden oder Stämmen einer anderen Rasse in feindliche Berührung gerät. Aber der Kampf mit diesen ist im Grunde nicht anderer Art als der innerhalb der eigenen Rasse. Höchstens mag die Fremdartigkeit des Gegners die Rücksichtslosigkeit des Kampfes und der Ausbeutung des Sieges verschärfen, aber auch dabei werden die Unterschiede der Sprache und der Kultur, die die Verständigung erschweren, mehr beteiligt sein als die Verschiedenheit der Rassenmerkmale.

Mit steigender Kultur wachsen die gesellschaftlichen Gruppen zu Staaten und Nationen; aber auch diese fallen keineswegs mit den Rassen zusammen. Gleichzeitig erstehen die Unterschiede der Klassen und die Gegensätze zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. Diese Gegensätze werden bestimmend nicht nur für die innere, sondern auch für die äußere Politik der Staaten. Die Ausbeuter trachten, die Zahl der von ihnen Ausgebeuteten und damit ihre Einnahmen aus der Ausbeutung zu steigern, entweder durch Menschenraub, Sklaverei oder durch Eroberung neuer Gebiete und Unterjochung ihrer Einwohner. Nicht mehr Übervölkerung, sondern Ausbeutung wird jetzt die Ursache zu Kriegen – Kämpfe von Ausbeutern gegen Ausgebeutete oder Kämpfe von Ausbeutern untereinander um ein Ausbeutungsobjekt.

Diese Kämpfe sind tief begründet, aber in gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht in Rassenunterschieden. Es kann wohl vorkommen, dass die gegensätzlichen Gruppen von Interessenten verschiedener Rasse sind, aber das ist keineswegs die Regel, denn selbstverständlich sind es auch hier die Nachbarn, mit denen man am ehesten als Ausbeuter oder Ausgebeuteter in Konflikt kommt. Bei den alten Athenern und Römern zum Beispiel konnte man zahlreiche griechische und italienische Sklaven finden, dagegen kaum jemals Negersklaven. Das Ausbeutungsverhältnis, der Interessengegensatz entspringt nicht aus dem Rassenunterschied, dieser kann auch hier wieder nur dazu beitragen, die Äußerungen des Gegensatzes brutaler zu gestalten.

Auch dort, wo gegensätzliche Interessengruppen verschiedenen Rassen angehören und dadurch, schon äußerlich geschieden, einander aufs schroffste gegenüberstehen, auch dort kommt es nie dahin, dass eine Rasse geschlossen die andere bekämpft. Immer sind es nur einzelne Gruppen, von denen jede die verschiedensten Kombinationen mit anderen Gruppen der eigenen oder einer anderen Rasse eingehen kann.

Viele der Negersklaven, die weiße Händler nach Amerika transportierten, waren früher die Sklaven anderer Neger gewesen, von denen sie an die Weißen verkauft wurden.

Der Kampf zwischen Indianern und „Bleichgesichtern“ in Nordamerika scheint ein Rassenkampf zu sein. Aber die Weißen, die nach Amerika kamen, traten dort nicht alle als Vertreter der gleichen Rasse in enger Gemeinschaft auf, sondern als Vertreter verschiedener Staaten, die einander aufs erbittertste bekriegten. Dabei suchten sie die Bundesgenossenschaft indianischer Stämme. So kämpften dort während des ganzen achtzehnten Jahrhunderts Weiße gegen Weiße – Franzosen gegen Engländer und dann amerikanische Kolonisten gegen Engländer – und Indianer gegen Indianer. Und wo Indianer gegen Weiße kämpften, taten sie es oft im Auftrag anderer Weißen.

Aber man braucht bloß unsere Zeit anzusehen, in der der Begriff des Rassenkampfes eine solche Rolle spielt, um die Hohlheit und Lächerlichkeit dieser Phrase zu erkennen.

Da soll die „Rasse“ der Germanen mit der „Rasse“ der Slawen und der der Romanen von Natur aus in einem Kampf auf Leben und Tod stehen. Deshalb musste die deutsche Armee vermehrt werden, weil der Balkankrieg das Gleichgewicht zwischen Germanen und Slawen gestört hatte und Österreich von den Südslawen bedroht ward. Aber es war nicht die Rasse der Germanen, die in Konflikt mit den Serben geriet, sondern die, allerdings nicht sehr reine Rasse der Agrarier, vor allem der ungarischen, polnischen und böhmischen Großgrundbesitzer, die sich den Teufel um die germanische Rasse scheren.

Gleichzeitig aber verbündeten sich die Germanen Deutschlands, um den Rassenkampf gegen die Romanen Frankreichs zu führen, mit der romanischen Rasse Italiens. Eine Zeitlang suchten unsere Germanen dazu auch die Freundschaft der germanischen Rasse in England, und damals war „Blut dicker als Wasser“. Seitdem haben aber die englischen Germanen schnöderweise die Entente mit dem Hort der slawischen Rasse, mit Russland, und mit dem Hauptland der romanischen Rasse, mit Frankreich gesucht, im Gegensatz zu den germanischen Blutsbrüdern in Deutschland.

Wie die „arische“ und „semitische“, die deutsche oder die slawische Rasse, so ist auch der Rassenkampf eine Erfindung von Schulmeistern. Ernsthafte Gelehrte lehnen ihn ab.

So war es schon vor dem Weltkrieg. Er drängte die deutsche Regierung, die Hilfe der Türken und der ganzen mohammedanischen Welt zu suchen, indes Frankreich und England sowie später Amerika farbige Regimenter gegen ihre weißen Feinde schickten. Eine sonderbare Illustrierung der Lehre vom Rassenkampf.

Eduard Mayer sagte ehedem über diesen Kampf:

Wenn auch die Unterschiede der körperlichen Bildung und vor allem der Hautfarbe immer sinnenfällig waren, so haben sie doch auf das Verhalten der Völker aufeinander gar keinen Einfluss ausgeübt, es sei denn, dass so scharfe Gegensätze nicht nur der äußeren Erscheinung, sondern vor allem der Kulturfähigkeit und Denkweise aufeinanderstießen wie Europäer und Neger. Auch hier hat erst unsere Zeit dem äußeren Gegensatz eine innere Bedeutung beigelegt, und manche ins Absurde überspannte Theorien haben dem Rassenfaktor eine Bedeutung zugeschrieben, die ihm niemals zugekommen ist und aller geschichtlichen Erfahrung ins Gesicht schlägt.

Die populäre Meinung, dass der Gegensatz gegen die Juden (Antisemitismus) ein Rassengegensatz sei und mit der Rasse irgendetwas zu tun habe, ist vollständig irrig; er herrscht bei ihren nächsten Stammverwandten ganz ebenso wie bei den Europäern. Allbekannt ist, dass der Gegensatz der Rassen im Orient kaum empfunden wird, und selbst die Abneigung gegen den Neger nur bei den germanischen (englischen) Stämmen zu voller Schärfe herausgebildet ist. [11]

Es gibt sicher nichts Absurderes als die Theorie vom „natürlichen“ Gegensatz der Rassen, aber trotzdem gehört sie nicht zu den Theorien, die die Lächerlichkeit tötet. Sie entspricht zu sehr starken Interessen erleichtert zu gut die demagogische Ausnutzung alter Vorurteile und Irrtümer über fremdartige Erscheinungen, als dass nicht die absurde Schulmeistererfindung in Redaktionsstuben und auf den Parlamentstribünen von Geschäftspatrioten aller Art als anerkannte Wissenschaft, als Selbstverständlichkeit gepriesen und immer wieder mit neuer Lebenskraft versehen würde.

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Anmerkungen

1. Charles Darwin, Abstammung des Menschen, deutsch von Carus, I, S. 228.

2. Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte: Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwicklungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen, 5. Auflage, Berlin: Verlag von Georg Heimer, 1874, S. 602.

3. Dr. Émile Houzé, L’Aryen et l’anthroposociologie : étude critique, Bruxelles ; Leipzig : Misch & Thron, 1906, S. 33.

4. Felix von Luschan, Anthropological View of Race, Papers on inter-racial problems, communicated to the first Universal Races Congress held at the University of London, July 26–29, 1911. London: P.S. King and son Publisher, 1911, pp. 13–24. (pp. 13–14)
https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.237455/page/n61/mode/2up.

5. Felix von Luschan, Anthropological View of Race, Papers on inter-racial problems, communicated to the first Universal Races Congress held at the University of London, July 26–29, 1911. London: P.S. King and son Publisher, 1911, pp. 13–24. (pp. 16–18)
https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.237455/page/n65/mode/2up.

6. Felix von Luschan, Anthropological View of Race, Papers on inter-racial problems, communicated to the first Universal Races Congress held at the University of London, July 26–29, 1911. London: P.S. King and son Publisher, 1911, pp. 13–24. (pp. 21–22)
https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.237455/page/n69/mode/2up.

7. Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte: Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwicklungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen, 5. Auflage, Berlin: Verlag von Georg Heimer, 1874, S. 603.

8. Friedrich Ratzel, Anthropogeographie, 4., unveränderte Auflage, Stuttgart: J. Engelhorns Nachfolger, 1912–22 II, S. 585.

9. Werner Sombart, Die Zukunft der Juden, Leipzig 1912, Duncker & Humblot, S. 72.

10. Werner Sombart, strong>Die Zukunft der Juden, Leipzig 1912, Duncker & Humblot, S. 349.

11. Eduard Mayer, Geschichte des Altertums, I, 1, 3. Auflage, 1910, S. 77.


Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026