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Mit den körperlichen Merkmalen der jüdischen Rasse ist es nichts. Die Rasseantisemiten selbst verraten kein allzu großes Zutrauen in die Untrüglichkeit jener Merkmale trotz allen Bombastes über die tiefe natürliche Kluft, die die jüdische Rasse von den anderen trennt. Sie hüten sich sehr, die praktischen Folgerungen aus ihren Rassentheorien zu ziehen und etwa die politische Rechtlosigkeit, das Verbot der Ehelichen „arischer“ Gatten oder gar die Ausweisung aus Europa für jeden zu verlangen, der ein „jüdisches Gesicht“ trägt. Oder jeden als Arier anzuerkennen, der kein solches Gesicht sein eigen nennt. Schließlich bleibt ihnen als natürliches „Rassenmerkmal“ des Judentums nichts übrig als die Aufzeichnungen des Standesamts.
Aber freilich, die Schlechtigkeit und Verderblichkeit der jüdischen Rasse beruht nicht in der Eigenart ihrer körperlichen, sondern ihrer geistigen Merkmale, nicht in ihren krummen Nasen und krummen Beinen, sondern in ihrer krummen Moral. Die hohe Intelligenz, die enge Solidarität der Juden sind nicht Tugenden, sondern Laster, denn sie machen nur seine schlechten Eigenschaften umso gefährlicher, seine Vordringlichkeit, seine zersetzende, rein negative Kritik und vor allem seinen gemütslosen, rücksichtslosen Erwerbstrieb. Um den Juden als geborenen Verbrecher hinzustellen, wissen unsere Rassenantisemiten nichts Vernichtenderes vorzubringen als die niederschmetternde Behauptung, er sei der geborene Kapitalist. Sie erklären, dass all die Gemeinheit der kapitalistischen Denkweise, die sich der germanische Edelmensch erst mühsam anquälen muss, dem Juden im Blut seit jeher steckt. Lange, ehe es noch die leiseste Spur eines Kapitalismus gab, wurde ihm bereits die kapitalistische Gefühls- und Denkweise durch irgendein Wunder als unauslöschliches Rassenmerkmal für alle Zeiten und Länder und alle Produktionsweisen eingeflößt. Kein Wunder, dass er im Wettrennen der kapitalistischen Konkurrenz jeden Mitbewerber weit hinter sich lässt und so den christlichen Proletariern das große Leid antut, dass sie nicht ausschließlich von künstlich auf die kapitalistische Gemeinheit dressierten „blonden Bestien“ ausgebeutet werden.
Die geistigen Qualitäten des Juden, sie sind der Stein des Anstoßes. Dass darunter welche sind, die von seinen nichtjüdischen Nachbarn unangenehm empfunden werden, hat man schon vor den Rassenantisemiten nicht selten bemerkt. Aber ehedem schrieb man sie ihrer eigenartigen sozialen Lage zu, ihrer Unterdrückung, ihrer Beschränkung auf einige wenige Berufe. Mit dieser Ausnahmestellung würde auch ihre Eigenart verschwinden. So entwickelte sich die Kritik der Juden zu einer Kritik von Staat und Gesellschaft und zu einer Forderung sozialer und politischer Reform.
Dem entgeht man, wenn die geistige Eigenart der Juden ein unverlöschliches Merkmal der Rasse ist.
„Rasse allein mag oft nur zur Bemäntelung unserer Unwissenheit behalten,“ meint Fishberg, „namentlich wenn alle Milieubedingungen ausgeschlossen worden sind.“ [1]
Das trifft sicher oft zu. Aber ebenso oft ist die Berufung auf die „Rasse“ ein Mittel, jede Kritik der Gesellschaft zu unterbinden, jedes Streben nach ihrer Weiterentwicklung, ja sogar nach ihrer Erforschung zu hemmen, wenn der Begriff der Rasse dazu gebraucht wird, den Einfluss des Milieus, also auch des künstlichen, gesellschaftlichen, auf den Menschen auszuschließen.
Wir haben im vorigen Kapitel konstatiert, dass die Juden ein Rassengemisch darstellen, konnten aber doch einige Spuren körperlicher Merkmale einer der geographischen Rassen, aus denen jenes Gemisch sich zusammensetzte, nachweisen. Über geistige Merkmale lässt sich jedoch nichts mehr sagen. Geistige Eigenschaften sind etwas so Flüchtiges und Variables, dass es schwer, wenn nicht unmöglich ist, mit Bestimmtheit für eine besondere Rasse dauernde geistige Merkmale festzustellen. Von vornherein völlig ausgeschlossen ist es für eine vorhistorische Rasse, von der uns schriftliche Zeugnisse nicht erhalten sind. Für die Feststellung der geistigen Eigenschaften der Rassen, aus denen sich die Bevölkerung Palästinas vor einigen Jahrtausenden mischte, fehlt uns jeglicher Anhaltspunkt.
Aber selbst aus schriftlichen Zeugnissen das Charakterbild eines Volkes zu entwerfen, ist eine sehr unsichere Sache. Schon einen Menschen auf Grund einiger seiner Schriften zu beurteilen, ist sehr gewagt. Gar manche Persönlichkeit gibt sich in ihren Schriften ganz anders, als sie in Wirklichkeit ist. Und selbst persönliche Beobachtung vermag uns nie das ganze Innenleben eines Menschen zu erschließen. Ja, ihm selbst muss stets vieles von der eigenen Persönlichkeit fremd bleiben. Er kennt sein Innenleben nur, soweit es ihm zum Bewusstsein kommt, und selbst sein bewusstes geistiges Leben wird in der Erinnerung gefärbt, vereinfacht, verschönert.
Was aber an Zeugnissen aus dem Leben früherer Völker auf uns kommt, sind die schriftlichen Äußerungen einiger Menschen. Inwieweit sie typisch sind auch nur für ihre Klasse, geschweige denn für ihre ganze Nation, ist heute in der Regel ganz unmöglich herauszufinden.
Diese Zeugnisse sind sehr wichtig, wenn es sich darum handelt, den Gang der Ereignisse festzustellen, die Probleme, die die Menschen jener Zeit und Nation bewegten, die Höhe ihres Wissens und Könnens, die Ziele ihres Strebens, das natürliche und künstliche Milieu, in dem sie sich bewegten. Aber wer darüber hinausgehen und daraus ihr ganzes Innenleben bloßlegen will, wird in der Regel nur ein bloßes Phantasieprodukt liefern können, und zwar ein solches, dass mehr den Forscher kennzeichnet als die Erforschten. Denn nichts ist schwerer, als sich in die Seele eines anderen zu versetzen.
Selbst wenn es irgendwo ein Kulturvolk gäbe, das eine reine Rasse darstellte und das seine Rassenreinheit durch Jahrtausende ungetrübt erhalten hätte, wären wir nicht imstande, mit Sicherheit seine geistige Eigenart durch diese Jahrtausende hindurch so genau zu verfolgen, dass wir festzustellen vermöchten, was daran auf Vererbung und was auf die Einwirkung des Milieus zurückzuführen wäre.
Bei einer Mischrasse wäre aber bereits der bloße Versuch lächerlich. Mehr Erfolg verspricht es, wenn man nicht von der Rasse ausgeht, sondern von dem Milieu, nicht von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart. Hier können wir durch zahlreiche Beobachtungen wenigstens bis zu einem gewissen Gradefeststellen, welche Änderungen im geistigen Wesen durch eine Änderung des Milieus heute herbeigeführt werden. Auf Grund dieser Kenntnisse vermögen wir dann mit einiger Sicherheit manche Zeugnisse aus früherer Zeit zu deuten. So gehen wir vom Bekannten aus, um Unbekanntes zu erklären, während wir mit der Annahme, dass jegliche geistige Eigenart, die wir kennen, eine Rasseneigentümlichkeit sei, den umgekehrten Weg einschlagen und Bekanntes durch Unbekanntes erklären.
Jene Methode, die vom Milieu ausgeht, reicht aber völlig aus, um die geistigen Eigenschaften zu erklären, die uns an der Masse der heutigen Juden auffallen. Man braucht bloß zu beobachten, wie sich das städtische Milieu heute auf die Menschen wirkt, wie sich der Landbewohner unter seinem Einfluss verändert, und dann in Betracht zu ziehen, dass die Juden das einzige Volk der Erde sind, das feit rund zwei Jahrtausenden eine rein städtische Bevölkerung bildet, und die Erklärung der jüdischen Eigenart ergibt sich zwanglos. Sie ist die auf die Spitze getriebene Eigenart des Städters. Daraus habe ich schon 1890 das jüdische Wesen erklärt. [2] Der Jude ist der Stadtbewohner par excellence geworden. Diese Gleichheit des künstlichen Milieus hat ihm bei aller Ungleichheit seiner natürlichen Milieus und aller Verschiedenheit der ererbten Rassenelemente überall einen gleichartigen geistigen Typus gegeben. Wollte man das als Rassentypus auffassen, dann könnte man den Abkömmling des homo alpinus als homo urbanus bezeichnen.
Bis weit in das letzte Jahrhundert hinein waren die Verhältnisse, unter denen die Masse der Bevölkerung in den Städten lebte, ohne Unterschied des Landes und der Nation so mörderisch, dass sie sich durch natürliche Vermehrung allein dort nicht behaupten konnte. Sie wäre immer wieder ausgestorben ohne steten Zuzug vom Lande. Ein großer Teil der städtischen Bevölkerung besteht überall aus Zuzug vom Lande, nur ein verschwindender Bruchteil kann auf städtische Vorfahren über ein Jahrhundert hinaus zurückblicken. Bloß die Juden haben die staunenswerte Leistung vollbracht, sich dem städtischen Leben so anzupassen, dass sie sich durch zwei Jahrtausende hindurch als fast ausschließlich städtische Bevölkerung nicht bloß zu erhalten, sondern sogar zu vermehren wussten.
Das mag zum Teil ein Werk unbewusster Auslese gewesen sein, durch die alle für das städtische Leben Ungeeigneten ausgemerzt wurden. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung war dieser Prozess nicht notwendig. Er wurde auch immer wieder dadurch gestört, dass neue Zuzügler vom Lande in alteingesessene Familien hineinheirateten, ausgelesene und nichtausgelesene Elemente sich mischten.
Es ist sehr fraglich, ob die natürliche Zuchtwahl in der Form der Erhaltung der Passendsten auf die Entwicklung großen Einfluss gehabt hat. Aber sicher wirkt sie auf die Gestaltung und Erhaltung der Arten durch die Ausmerzung der für das gegebene Milieu Unpassenden stets auf das mächtigste ein.
Zu dieser unbewussten Anpassung kam aber auch bewusste. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass der Jude weit eher den Arzt befragt, dessen Anordnungen gewissenhafter beobachtet als der Nichtjude, ebenso dass er – wenigstens als Ghettojude – dem Alkohol weniger frönt. Dieser Unterschied zwischen Jude und Nichtjude ist im Grunde auch nur einer zwischen dem Städter und dem Landbewohner.
Letzterer ist durch seine Lebensbedingungen dem Städter an Kraft überlegen, Krankheit ist bei ihm selten. Er verachtet sie in seinem Kraftgefühl. Und in seinem Bedürfnis, Kraft zu zeigen, in seiner Furcht, als Schwächling zu erscheinen, hält er es für ein Schande, sich krank zu zeigen. Überdies ist er oft zu unwissend, dem Arzt zu trauen.
Diese Denkart bringt er mit sich in die Stadt, wo sie absolut nicht am Platze ist.
Und ebenso verhält sich’s mit dem Alkohol. Dem kraftvollen Bauern schadet er weniger als den nervösen Städtern, und je geringer seine Nervosität, je größer seine Muskelkraft, desto größere Quantitäten kann er vertragen. So wird das Wetttrinken zu einem Messen der Körperkraft, und ein Feigling derjenige, der ihm ausweicht.
Kein Festtag auf dem Lande ohne Rausch. Das führt mitunter zu Raufereien, ja zu Mord und Totschlag, schadet aber sonst dem gesunden Bauern nichts. In der Stadt, wo weniger körperliche, abwechslungsreiche Bewegung in frischer Luft, mehr geistige und namentlich mehr monotone Arbeit in geschlossenen Stuben und Werkstätten zu vollbringen ist, wird das Bedürfnis, das Gefühl der Ermüdung der Nerven aufzuheben, und damit das Bedürfnis nach Alkohol noch größer wie auf dem Lande, auch die Vergiftung dazu näher, jedoch die Wirkung weit verderblicher. Das zeigt sich deutlich heute, wo die Masse der Bevölkerung in den Städten lebt und arbeitet und der Zuzug vom Lande, wenn auch nicht absolut, so doch relativ im Verhältnis zur Größe der städtischen Bevölkerung abnimmt. Daraus sowie aus dem Fortschritt der physiologischen Erkenntnis erwächst ein immer energischerer Kampf gegen den Alkoholismus. Darin sind die Juden schon seit Jahrhunderten vorausgegangen. Nicht in der Forderung der Abstinenz. Aber in dem Abscheu vor der Trunkenheit. Wohl weniger aus wissenschaftlicher Erkenntnis als aus ihrer sozialen Lage heraus. Die Völker des Südens neigen weniger zur Unmäßigkeit als die des Nordens. Die aus dem Süden stammenden Juden blieben bei Germanen und Slawen abgeschlossen von ihrer Umgebung und wurden nicht deren Verführungen ausgesetzt. Überdies aber war der schutzlose Jude stets viel gefährdeter als der Nichtjude. Nüchternheit bei ihm viel dringender geboten. Ein exzedierender betrunkener Jude hätte das größte Unheil nicht bloß über sich, sondern über die gesamte Judenschaft seines Wohnorts herbeiführen können. Daraus dürfte sich am ehesten die jüdische Mäßigkeit erklären. Was aber zunächst nur der Sicherung der Juden dienen sollte und eine aus dem Orient überlieferte Gewohnheit war, musste auch hygienisch in günstigster Weise auf ihn wirken.
Ebenso seine Hochachtung vor der Wissenschaft, namentlich der Medizin. In der Rohheit und Unwissenheit, die über Europa in der Völkerwanderung hereinbrach, bildete das Judentum lange eines der wenigen Asyle, in denen sich die Reste der antiken Kultur noch erhielten. Damit bewahrte es einen größeren Respekt vor der Wissenschaft als seine Umgebung, aber auch eine intensive Pflege, soweit dies nicht durch die Abgeschlossenheit des Ghettos vereitelt wurde. Der hohe Stand, den die Heilkunde bei den Griechen erreicht hatte, wurde durch jüdische Ärzte zuerst erhalten, dann im Orient weiterentwickelt und den Arabern überliefert. Aus dem Osten und aus Spanien gelangte die höhere medizinische Einsicht auch zu den Juden des Nordens.
Durch allmähliche natürliche Auslese sowie durch bewusste Anpassung an ihre Lebensbedingungen kamen die Juden dahin, den verheerenden Wirkungen des städtischen Milieus erfolgreicher zu widerstehen als der bäuerliche Zuzug vom Lande. Erneuerte sich dieser bei den Nichtjuden immer wieder im Laufe einiger Generationen, so wurden die Juden eine rein städtische Bevölkerung.
Die Juden wurden aber durch die Eigenart ihrer Geschichte nicht nur auf die Stadt beschränkt, sondern innerhalb der Stadt auf bestimmte Berufe.
Sie hatten als Fremde unter Fremden zu leben. Das vermochte ehedem am besten der Kaufmann. Dieser betrieb anfänglich nicht bloß den Kauf und Verkauf von Waren, sondern auch ihren Transport, und er musste diesen vielfach selbst besorgen oder doch überwachen. Der Warenhandel erforderte das Reisen und den Aufenthalt des Kaufmanns in der Fremde, und alle Nationen mit Warenhandel waren darauf eingerichtet und daran gewöhnt, fremde Kaufleute bei sich zu sehen.
Die Juden, die sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen, fanden am ehesten als Kaufleute in der Fremde ihr Fortkommen. Und umgekehrt, diejenigen Juden, deren geistige Eigenart für den Handel am besten veranlagt war, durften es am ehesten wagen, ins Ausland zu gehen.
In ihrem Heimatland produzierten die Juden wie jedes andere Volk alle Klassen und Berufe, die ihren gesellschaftlichen Zuständen angemessen waren. Ebenso wenig wie irgendein anderes Volk zeigten sie jene Borniertheit, die die Anthropopsychologen als kennzeichnende Eigentümlichkeit der verschiedenen Rassen betrachten, jene Beschränkung ihrer Fähigkeiten bloß auf einen oder ein paar Berufe. Sie zeigten sich ebenso fähig zum Landbau wie zu Handel und Industrie, zum Kriegsdienst wie zur Staatsbildung, zur Philosophie wie zur Poesie. Der Geist des einzelnen menschlichen Individuums ist eben in seinen Anlagen unendlich mannigfaltiger, als sich mancher Rassentheoretiker träumen lässt. Erst die Schranken eines einseitigen Lebens bewirken bei einem Individuum, dass nur einige seiner Fähigkeiten zu voller Entfaltung kommen, vielleicht durch energische Übung verstärkt vererbt werden, indes andere durch Nichtübung verkümmern.
Die Juden außerhalb Palästinas waren in erster Linie darauf angewiesen, als Kaufleute tätig zu sein. So erscheinen sie uns frühzeitig als Handelsvolk. Sie haben die Fähigkeiten, deren der Kaufmann bedarf, dadurch sicher stark entwickelt, und diese hohe Entwicklung muss im Laufe der vielen Generationen solcher Tätigkeit innerhalb derselben Familien schließlich erbliche Fähigkeiten und Merkmale gebildet haben.
Indessen beschränkten sich die Juden keineswegs auf den Handel. Wo es ihnen möglich war, griffen sie auch zu anderen Berufen, und das war namentlich in Städten der Fall, wo sie in großen Massen zusammenwohnten. Vom Handel kann stets nur eine kleine Minorität leben, denn er ist unproduktiv. Er vermag unter Umständen die Produktion zu erleichtern, er kann sie nie ersetzen. Einen größeren Bruchteil der Bevölkerung in einer Stadt konnten die Juden nur dort bilden, wo es ihnen gestattet war, neben dem Handel noch eine andere Erwerbsart, etwa Handwerk, zu betreiben. Andererseits wieder vermochten dort, wo Juden in großer Zahl zusammenlebten, eher Handwerker und Angehörige freier Berufe, etwa Ärzte, jüdischer Abstammung sich zu behaupten, da sie bei ihren zahlreichen Genossen einen starken Rückhalt und ausreichenden Markt für ihre Produkte und Leistungen fanden. Wo die Juden im Altertum in großen Massen zusammenleben, zum Beispiel in Alexandrien, finden wir auch zahlreiche Handwerker unter ihnen trotz jener geheimnisvollen Rassenveranlagung, die den Handelsgeist von allem Anfang an, also lange, ehe es einen Handel gab, zum unauslöschlichen Merkmal eines jeden Juden machte.
Als ausschließliche Städter bevorzugten sie dabei nicht jene Berufe, für die der zugezogene Landmann am ehesten taugt, sondern solche, für die das städtische Leben am besten vorbereitet. Dazu gehören einerseits Berufe, die große Intelligenz und theoretisches Wissen, und andererseits solche, die nicht viel Muskelkraft erfordern. Sie werden also, wenn sie sich dem Handwerk zuwenden, eher Schneider als Schmiede; der Überschuss der Kaufmannsfamilien aber, der nicht im Handel Unterkunft findet oder diesen Erwerb nicht nötig hat, wendet sich rein geistiger Arbeit zu.
Der Handel entwickelt dazu nicht bloß eine gute materielle Grundlage durch den Wohlstand der Familien, sondern weit mehr noch durch eine gute natürliche Veranlagung, die er erzeugt. In meinem Buche über den Ursprung des Christentums habe ich bereits auf den Zusammenhang zwischen „Handel und Philosophie“ hingewiesen. [3] Ich zeigte dort, wie die Industrie mehr die Fähigkeiten bildender Kunst entwickelt, der Handel dagegen mehr die Fähigkeiten des mathematischen, abstrakten Denkens, aber auch des Forschens und Spekulierens, des Dranges, aus bekannten Elementen notwendig mit ihnen zusammenhängende unbekannte zu erfassen. Dabei erweitert der Welthandel den Blick über das Gewohnte, Überlieferte hinaus.
Freilich, die wissenschaftliche Spekulation ist anderer Art als die kommerzielle. Aber sie unterscheiden sich nicht in den Fähigkeiten, deren sie bedürfen, sondern in den Bedingungen, unter denen sie angewandt werden. Die Beschäftigung mit dem Handel, das interessierte Forschen und Spekulieren erschwert sehr das uninteressierte Forschen und Spekulieren, also die wissenschaftliche Arbeit, und umgekehrt.
Der Handel entwickelt die für wissenschaftliche Arbeit erforderliche geistige Begabung, nicht aber deren wissenschaftliche Anwendung. Im Gegenteil, wo er auf die Wissenschaft Einfluss gewinnt, wirkt er nur dahin, sie Ergebnisse für seine Interessen zurechtzufälschen.
Das wissenschaftliche Denken konnte sich nur bei einer Klasse entwickeln, die unter dem Einfluss aller der Begabungen, Erfahrungen und Kenntnisse stand, die der Handel mit sich brachte, die zugleich aber von der Erwerbsarbeit befreit war und so Muße, Gelegenheit und Freude zu unbefangenem Forschen, zum Lösen von Problemen ohne Rücksicht auf deren nächste praktischen und persönlichen Ergebnisse erhielt. [4]
Diese Bedingungen waren im Altertum in manchen griechischen Handelsstädten gegeben, aber auch in manchen jüdischen Ansiedlungen, vor allem in Alexandrien. Wir haben schon darauf hingewiesen, welche Bedeutung für die Medizin das Judentum Alexandriens gewann. Auch für die Philosophie wurde es bedeutsam.
Die Achtung vor der Wissenschaft und der Drang, dem Gelehrten eine sorgenfreie Existenz zu ermöglichen, hat das Judentum im Mittelalter geistig hoch über seine barbarische Umgebung erhoben. Neben dem Judentum gebührte die Kirche zu den Korporationen, die Reste der antiken Kultur inmitten der christlich-germanischen Unkultur lebendig erhielten. Darob ist die Kirche nicht wenig gepriesen worden. Man hat dabei bisher nicht beachtet, dass sie eine geistige Auslese der bedenklichsten Art übte. In den jüdischen Familien wurde die Verheiratung und Fortpflanzung der Intelligenztesten eifrig betrieben. [5] Die katholische Kirche zog die intelligentesten Elemente der christlichen Familien an sich und verurteilte sie zum Zölibat, verbot ihnen die Fortpflanzung. Es war das Gegenteil der jüdischen Zuchtwahl, eine Zuchtwahl der Dümmsten, die sie betrieb, allerdings nur so lange, als sich die gescheitesten Köpfe der Nationen ihr zuwandten.
Begeistert hat Lecky in seiner Geschichte des Geistes der Aufklärung in Europa den wissenschaftlichen Geist im Judentum gepriesen:
Während man ringsumher in der Finsternis beliebter Unwissenheit herumtappte, während trügerische Wunder und gefälschte Reliquien die Gegenstände waren, über die man sich fast in ganz Europa weitläufig ausließ, während der Geist des Christentums, von den Banden eines grenzenlosen Aberglaubens gefesselt, in Todesbetäubung versunken war, bei der alle Liebe zur Forschung und alles Streben nach Wahrheit aufhörte, verfolgten die Juden den Pfad des Wissens immer weiter, sammelten sie Kenntnisse und förderten den Fortschritt mit derselben unermüdlichen Ausdauer, die sie für den Glauben an den Tag legten. Sie waren die geschicktesten Ärzte, die tüchtigsten Finanzmänner und gehörten zu den gründlichsten Philosophen, während sie in der Pflege der Naturwissenschaften nur den Mauren nachstanden. Auch waren sie die Hauptvertreter der arabischen Gelehrsamkeit im Westen Europas. Aber ihr wichtigster Dienst bestand in der Aufrechterhaltung der kaufmännischen Tätigkeit. Jahrhunderte lang blieben sie fast die einzigen Arbeiter auf diesem Gebiet. [6]
Unter diesen Umständen hat sich die geistige Eigenart des Judentums gebildet. Nicht aus seiner „Rasse“ – was immer man darunter verstehen mag –, sondern aus der historischen Eigenart seiner sozialen Entwicklung. Dadurch erlangte es aber gerade jene Eigenschaften, deren der Kapitalismus bedurfte, die unter kapitalistischen Verhältnissen am leichtesten vorwärtsbringen. Die kapitalistische Produktionsweise ist vorwiegend städtischer Natur; sie konzentriert die Masse der Bevölkerung in den Städten, macht das Land ökonomisch abhängig von der Stadt. Sie verwandelt die gesamte Produktion in Warenproduktion, macht damit die ganze Produktion abhängig vom Warenhandel. Sie hebt die handwerksmäßige Routine auf und ersetzt sie durch Anwendung der Wissenschaft auf allen Gebieten.
So kommt innerhalb des Kapitalismus diejenige Bevölkerungsschicht am ehesten zur Geltung, deren Fähigkeiten dem städtischen Leben, dem Handel, der wissenschaftlichen Arbeit am besten angepasst sind. Und das ist das Judentum.
Sombart freilich erklärt den kapitalistischen Geist wie die Abstraktionskraft im Judentum nicht aus seinem städtischen Leben, nicht aus seiner Handelstätigkeit, sondern aus der – Viehzucht der Wüstennomaden, die vor Jahrtausenden zu den Ahnen der Juden zählten!
Aus der unendlichen Wüste, aus der Herdenwirtschaft erwächst das Widerspiel der alten bodenständischen Wirtschaftsordnung, der Kapitalismus. Das Wirtschaften hat hier keinen umfriedeten Bezirk, keinen abgegrenzten Tätigkeitsbezirk mehr, sondern das unbeschränkte Feld der Viehzüchtung, deren Ertrag von heute auf morgen vereitelt sein, aber auch in wenigen Jahren verzehnfacht sein kann. [7]
Wie Sombart das Wunder fertigbringt, eine Rinderherde in wenigen Jahren zu verzehnfachen, verrät er nicht. Und doch könnte er damit aller Fleischnot abhelfen. Und die Weiden in der Wüste scheinen ihm unbeschränkt zu sein, ebenso das Futter, das sie liefern, das sich binnen wenigen Jahren offenbar auch verzehnfachen lässt.
Unsere neue Entstehungsgeschichte des Kapitalismus fährt fort:
Hier (in der Wüste) allein, in der Herdenwirtschaft – niemals in der Sphäre des Ackerbaus – konnte die Erwerbsidee Wurzel schlagen. Hier allein konnte die Wirtschaft auf eine unbegrenzte Vermehrung der Produktenmenge eingestellt werden. [8]
Das heißt, die Idee unbegrenzter Vermehrung, also unbegrenzter Fruchtbarkeit konnte nur in den unfruchtbarsten Wüsten, nie in den fruchtbarsten Ackerländern entstehen. Die Sandwüste ist der gegebene Boden, Vieh und Viehfutter in unbegrenztem Maße zu produzieren.
Aber die Wüste bietet nicht nur die Möglichkeit unbegrenzter Vermehrung der Produkte, die nomadische Weidewirtschaft der Wüste erzeugt auch den Trieb, die „Güter“ unbegrenzt zu vermehren ohne Rücksicht darauf, ob man sie brauche oder nicht. Marx meinte, die Maßlosigkeit des Dranges nach Schatzbildung, nach Anhäufung von Gold und Silber sei ein Erzeugnis der Warenproduktion. Sombart weiß das besser. Nicht die Warenproduktion, sondern die Tatsache, dass das Vieh Junge kriegt, erzeugt in der Wüste den maßlosen Drang, Schätze an Vieh anzusammeln, die Viehhaltung binnen wenigen Jahren zu verzehnfachen, ohne zu fragen, ob man diese vermehrte Summe auch verwenden könne, bloß um das Vergnügen zu haben, die Viehhäupter zählen zu können:
Hier allein konnte die Vorstellung entstehen, dass die abstrakte Güterquantität und nicht die Gebrauchsqualität die beherrschende Kategorie des Wirtschaftslebens sei. Hier wurde zum erstenmal beim Wirtschaften gezählt. Aber auch die rationalen Elemente dringen in das Wirtschaftsleben durch den Nomadismus ein, der somit (!) in fast allen Punkten der Vater des Kapitalismus ist. Und wir sehen abermals um einige Lichtstärken besser, wie sich das Band zwischen Kapitalismus und Judentum knüpft, der hier als Bindeglied zwischen jenem und dem Nomadismus erscheint. [9]
Wir sehen nur „um einige Lichtstärken besser“ die maßlose Fruchtbarkeit der wüsten Phantasie unseres Professors.
1. Maurice Fishberg, Die Rassenmerkmale der Juden. Eine Einführung in ihre Anthropologie, Deutsch von L. Hepner, München: Verlag von Ernst Reinhardt, 1913, S. 88. [Maurice Fishberg, The Jews: A Study of Race and Environment. New York: Charles Scribner’s Sons, 1911. XIX, 578.]
2. S. [Karl Kautsky], Das
Judenthum, Die neue Zeit, 8. Jg., (1890),
H. 1, S. 23–30.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.00604&dok=1890&f=1890_0023&l=1890_0030
Karl Kautsky, Das Massaker von Kischeneff und die Judenfrage, Die
neue Zeit, 21. Jg., 2. Bd. (3. Juni 1903), H. 36, S. 303–309.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.04809&dok=1902-03b&f=190203b_0303&l=190203b_0309
3. Kautsky, Der Ursprung des Christentums: Eine historische Untersuchung, Stuttgart: J.H.W. Dietz, 1908, S. 203 ff.
4. Kautsky, Der Ursprung des Christentums: Eine historische Untersuchung, Stuttgart: J.H.W. Dietz, 1908, S. 207–208.
5. Unter den Juden Polens nahm dies schließlich absurde Formen an. In dem Abschnitt seiner Geschichte der neueren Philosophie, der von dem jüdischen Philosophen Maimon (geboren 1754, gestorben 1800) handelt, schreibt Kuno Fischer:
„Unter den polnischen Juden hatten die Talmudisten und Rabbiner das höchste Ansehen. Jede Familie setzte ihren Stolz darein, einen solchen Gelehrten unter ihren Gliedern zu haben, und wenn von den Söhnen keiner ein Talmudist war, so musste womöglich ein Schwiegersohn diese Zierde der Familie werden. Daher waren junge Talmudisten gesuchte Heiratsartikel. ... Die talmudistische Gelehrsamkeit hat drei Grade: der erste besteht im Übersehen des Talmuds, der zweite im Erklären, der dritte im Disputieren. Salomon Maimon hatte den dritten Grad erreicht, als er neun Jahr alt war. ... Er wurde verheiratet, als er noch nicht elf Jahre alt war. In seinem elften Jahre war er Ehemann, in seinem vierzehnten Vater.“ (Kuno Fischer, Geschichte der neueren Philosophie, Sechster Band. Fichtes Leben, Werke und Lehre. Dritte durchgesehene Auflage. Heidelberg: Carl Winter’s Universitātsbuchhandlung, 1900, S. 120–121.)
6. William Lecky, Geschichte des geistes der Aufklärung in Europa, seiner Entstehung und seines Einflusses [History of the Rise and Influence of the Spirit of Rationalism in Europe], Deutsche Ausgabe, Berlin, L. Heimann, 1874, S. 402–403.
7. Werner Sombart, Die Juden
und das Wirtschaftsleben, Leipzig: Duncker & Humblot, 1911, S. 425.
https://archive.org/details/diejudenunddaswi00sombuoft.
8. Werner Sombart, Die Juden
und das Wirtschaftsleben, Leipzig: Duncker & Humblot, 1911, S. 426.
https://archive.org/details/diejudenunddaswi00sombuoft.
9. Werner Sombart, Die Juden
und das Wirtschaftsleben, Leipzig: Duncker & Humblot, 1911, S. 425–426.
https://archive.org/details/diejudenunddaswi00sombuoft.
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026