Karl Kautsky

Rasse und Judentum

8. Der Antisemitismus

Der industrielle Kapitalismus hatte die ihm entgegenstehenden Elemente niedergeworfen durch seine Verbindung mit den revolutionären Teilen der Intelligenz, des Kleinbürgertums und des Proletariats. Das Ergebnis war eine Gestaltung des Staatswesens, die das industrielle Kapital aus rascheste entwickelte, aber auch seine Nachteile für Kleinbürgertum und Proletariat aufs stärkste zutage treten ließ. Früher oder später wurde daher jede dieser beiden Klassen der bürgerlichen Demokratie oder dem Liberalismus untreu – umso früher, je weniger revolutionäre Kraft dieser in der Zeit seines Aufstiegs entwickelt hatte, je weniger tief dadurch seine geistige Beherrschung der Volksmassen gedrungen war, was wieder vom Höhergrad der allgemeinen ökonomischen Entwicklung und damit der modernen Bewegung abhing.

Je später die bürgerlich-demokratische Opposition und Revolution auftrifft, desto mehr fühlt sie sich innerlich gehemmt durch die Furcht vor dem Proletariat. Je mehr wir von West nach Ost, von England nach Russland voranschreiten, desto später tritt der Liberalismus auf die politische Bühne, desto schwächlicher ist er, desto weniger imstande, Proletarier und Kleinbürger geistig von sich abhängig zu erhalten, desto früher findet die Loslösung der beiden vom Liberalismus statt, bis wir schließlich in Russland ein Stadium erreichen, wo das Proletariat schon am Anfang seines Eintritts in den politischen Kampf vom Liberalismus getrennt ist und ebenso das Kleinbürgertum.

Der Gegensatz gegen den Liberalismus gestaltet sich jedoch bekanntlich anders beim Proletariat als beim Kleinbürgertum. Für beide ist ihre soziale Lage in der kapitalistischen Gesellschaft unerträglich. Aber für das Proletariat sind die Errungenschaften der Demokratie und der kapitalistischen Ökonomie die Vorbedingungen seiner eigenen Befreiung. Es sucht sie nicht ungeschehen zu machen, sondern sich ihrer zu bemächtigen.

Das Kleinbürgertum hätte durch den Sozialismus ebenso viel zu gewinnen wie das Proletariat. Aber nur ein Teil seiner Mitglieder vermag sich durch die proletarische Führung zu dieser Erkenntnis durchzuringen. Seine Existenzbedingungen in der Gegenwart beruhen auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung von Lohnarbeitern, und zwar vorwiegend der schwächsten von allen, Frauen und Kindern. Dabei stößt es auf den Widerstand des Proletariats und gerät in schroffen Gegensatz zu ihm und seinen sozialistischen Tendenzen.

Erhebliche Teile des Kleinbürgertums, die sich vom Liberalismus abwenden, suchen die Rettung nicht darin, dass sie über ihn hinaus weiter vorwärtsschreiten. Sie fühlen sich gedrängt, wieder den Weg zurückzugehen, politisch und ökonomisch reaktionär zu werden, und sie finden dabei Verbündete in den Mächten, die der Liberalismus überwand.

Freilich, das Rad der Geschichte können sie nicht zurückdrehen. Wohl wandelt sich der Kapitalismus. Durch Aktien und Banken verschmilzt das industrielle Kapital immer mehr mit dem Geldkapital und wird zu Finanzkapital. Die Tendenzen des primitiven Geld- und Handelskapitals nach Ausschluss der Konkurrenz durch private Monopole werden wieder lebendig, die politische Reaktion wird dadurch zeitweise gefördert, ökonomisch dagegen der Kapitalismus auf die Spitze getrieben. Das Kleinbürgertum gewinnt dabei nichts.

Ohnmächtig, den ganzen Kapitalismus zu bekämpfen, weiß es nichts anderes zu tun, als sich gegen einzelne Teilerscheinungen zu wenden und die politische Reaktion mitzumachen, von der es, freilich vergebens, auch eine ökonomische Reaktion erwartet.

In dieser Situation findet es einen fruchtbaren Boden für das Wiedererwachen antisemitischer Tendenzen. Der Kampf gegen das Gesamtkapital erscheint aussichtslos. Bessere Aussichten scheint der Kampf gegen das Judentum zu bieten, gegen das jüdische Kapital, das so rasch emporkommt und dessen Konkurrenz von manchen nichtjüdischen Kapitalisten unangenehm empfunden wird.

Es sind jedoch nicht allein Handwerker und Kleinhändler, dem Liberalismus untreu werden, der ihre Erwartungen nicht erfüllt hat, und die sich vom aufkommenden Judentum bedroht fühlen. Die Vorhut des Liberalismus hatte die Intelligenz gebildet. Sie nahm eine günstige Position ein, solange sie einen Seltenheitswert besaß. Das hörte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr auf. Eine Überproduktion an Intelligenz machte sich bemerkbar aus den verschiedensten Gründen, nicht zum wenigsten infolge des Niederganges des Kleinbürgertums, das seine Söhne und schließlich auch seine Töchter auf Hochschulen oder, wenn die Mittel nicht reichen, auf Handels- und Gewerbeschulen schickt, um ihnen als Angestellten oder selbständigen Kopfarbeitern die Existenz zu schaffen, die Handwerk und Kleinhandel nicht mehr bieten. Dabei find es wieder auf den verschiedensten Gebieten die Juden, die am raschesten vorwärtskommen. Daher werden auch unter nichtjüdischen Intellektuellen und Angestellten diejenigen für antisemitische Tendenzen zugänglich, die sich nicht zum Sozialismus durchzuringen vermögen, der allen Schäden der Konkurrenzwirtschaft ein Ende macht.

So erstehen seit den siebziger Jahren in Deutschland, Österreich, Frankreich wieder Bestrebungen weiterer Volkskreise nach politischer Zurückdrängung und gesetzlicher Einengung oder wenigstens nach gesellschaftlicher Boykottierung des Judentums, Bestrebungen, die sich mit dem Judenhass kirchlich bornierter Kreise und der Judenverachtung feudaler Überhebung begegnen und ihnen erneute Kraft verleihen.

Sombart bringt es fertig, die Zurücksetzung der Juden in der Armee und den Universitäten zu verteidigen:

Die Gepflogenheit bei der Besetzung der Lehrstühle an den Universitäten ebenso wie bei der Zulassung zur Privatdozentur ist heute in ganz Deutschland wohl die, dass man zwar Juden nicht grundsätzlich ausschließt, aber bei ihrer Zulassung oder Wahl sich gewisse Reserven auferlegt. Das kann man im Interesse der amtlich approbierten Wissenschaft bedauern, denn es ist immer eine Schädigung des wissenschaftlichen Betriebs an einer Lehranstalt, wenn zwischen zwei Bewerbern um eine Stelle der dümmere gewählt wird. Kann nun aber bei der Besetzung der Lehrstühle an einer Universität das wissenschaftliche Interesse allein oder auch nur vorwiegend den Ausschlag geben? Auf unsere Frage zugeschnitten: Ist es ein denkbarer und erträglicher Zustand, dass im Deutschen Reiche sämtliche Dozenturen und Professuren an den Hochschulen mit Juden – getauften oder ungetauften, das bleibt sich natürlich gleich – besetzt wären? Da die Juden im Durchschnitt so sehr viel gescheiter und betriebsamer als wir sind, so könnte dieses leicht die Wirkung einer vollständig freien Zulassung der Juden zu den Lehrstellen an den Universitäten sein. ... Vielleicht leiden die Universitäten weit mehr unter einer solchen Beschränkung als die Juden. ... Aber es ist nun einmal wirklich besser so. [1]

Also: Die Wissenschaft leidet unter dem bestehenden Zustand der Fernhaltung von Juden, aber trotzdem ist es „nun einmal wirklich besser so“, denn es sind „nun einmal wirklich“ die Universitäten nicht Einrichtungen, bei denen das „wissenschaftliche Interesse allein oder auch nur vorwiegend den Ausschlag gibt“. Sie sind nicht der Sitz der hohen Göttin Wissenschaft, sondern bloß Stallungen für die bekannte milchende Kuh, Einrichtungen, die soundso viele Posten für soundso viele Streber aus guten Familien zu liefern haben. Da darf nicht alles von den Juden mit Beschlag belegt werden. „Es ist nun einmal wirklich besser so.“

Und die Armee? Ei, da wollen nun einmal wirklich die Herren Offiziere keine Juden unter sich haben, und das ist Grund genug für einen so „klugen Mann“ wie Sombart:

Hier werden nun einmal die antisemitischen Traditionen gepflegt. ... Das ist eine Tatsache, die man bedauern mag, die aber mit diesem Bedauern nicht aus der Welt geschafft wird, mit der jeder kluge Mensch rechnen muss. [2]

Als klug erscheinen Sombart offenbar jene Menschen, die vor jedem Hindernis haltmachen, dessen Überwindung einen größeren Kraftaufwand erheischen würde als bloßes „Bedauern“.

So ist es denn kein Wunder, dass er sein „Programm“ in der Judenfrage „kurz“ so formuliert:

Die Staaten geben ihren (der Staaten?) jüdischen Mitbürgern die volle Gleichberechtigung, und die Juden werden die Klugheit und den Takt besitzen, diese Gleichberechtigung nicht überall und in vollem Umfang auszunutzen. [3]

Diese „Klugheit“, die gleichzeitig den Juden und ihren Gegnern alles bietet, was sie verlangen, den einen allerdings nur im Vordersatz, den anderen im Nachsatz, der den Vordersatz aufhebt, ist nicht zu überbieten.

Trotz allem Antisemitismus, allen Einschränkungen und Benachteiligungen der Juden geht das Aufsteigen des Judentums, aber auch seine Auflösung durch Abkehr von der Religion und durch Mischehen weiter. Die Zahlen, die wir oben darüber vorführten, stammen alle aus der Zeit des wiedererwachenden Antisemitismus.

Wenn trotzdem das Wirken der Assimilation anscheinend zum Stillstand gekommen ist und das Judentum als gesonderte Volksschicht an Boden nicht verliert, ist dies der Bewegung zuzuschreiben, die die Juden Osteuropas ergriffen hat.

Wir haben gesehen, wie die Judenverfolgung gerade zu der Zeit des Humanismus und gerade in den aufgeklärtesten Teilen Europas den Juden die Existenz unmöglich machte. Sie flüchteten nach dem Osten, nach Polen und der Türkei. In diesen barbarischen Ländern wurden sie geduldet, gerade weil es barbarische Länder waren, in denen man eine städtische Bevölkerung wohl brauchen konnte. Und weil sie Fremde, weil sie bloß geduldet waren, werden sie den Machthabern besonders willkommen gewesen sein, denen ein starkes städtisches Bürgertum unwillkommen sein musste, da ihre Macht beschränkt hätte.

In den Gebieten, die damals den Polen und Türken gehörten, in Ungarn, Rumänien, dem eigentlichen Polen und dem westlichen Teil Russlands, sammelten sich die Juden in großen Massen aus ganz Europa, namentlich aus Deutschland. Die spanischen Juden gingen vielfach nach den südlichen Teilen der Europäischen Türkei (Saloniki).

Die rechtliche, aber auch zum größten Teil die ökonomische Lage der Juden in der Türkei ist noch heute die beste in der Welt. [4]

Die große Mehrheit der Juden hat sich in jenen Gebieten konzentriert. Nach einer Aufstellung Nawratzkis [5] betrug die Zahl der Juden der Welt unmittelbar vor dem Kriege 12 ½ bis 13 Millionen. Höher schätzt sie Trietsch. (Palästina und die Juden, Berlin 1919, S. 46) Er veranschlagt ihre Gesamtzahl 1914 auf 14 ½ Millionen.

Nawratzki rechnet auf Russland 6, auf Galizien und die Bukowina 1, Ungarn 0,9, Rumänien 0,3, die Europäische Türkei 0,2 Millionen Juden. Trietsch dagegen: Russland 7, Österreich 2,3, Rumänien 0,3, die Türkei 0,4 Millionen.

Also rund 8½ bis 10 Millionen Juden lebten in den Gebieten des ehemaligen Polen und der Türkei. Die in Großbritannien, 250.000 bis 300.000, und Amerika lebenden, 2.300.000 bis 2.500.000, sind zum großen Teil jüngst erst aus jenen Gebieten eingewandert. Das gäbe also 11 bis 13 Millionen in Osteuropa wohnende oder von dort stammende und nicht ganz 2 Millionen sonstige Juden in der übrigen Welt.

Am dichtesten leben sie zusammen in den Gebieten des ehemaligen Polen. Sie kamen dahin meist aus oder doch über Deutschland, und so haben sie bis heute eine eigenartige Sprache bewahrt, die sie von ihrer slawischen Umgebung scheidet, das sogenannte Jiddisch, ein verdorbenes Deutsch – die einzige jiddische Bevölkerung der Welt, die sich nicht der Sprache ihrer Umgebung assimiliert hat. In ihr hat sich auch das religiöse Bewusstsein, die Orthodoxie, am strengsten und lebendigsten erhalten.

Weil sie in solchen Massen zusammenwohnten, konnten sie nicht ein bloßes Volk von Kaufleuten, Wucherern und Intellektuellen bleiben. Sie konnten das umso weniger, als das Land, in dem sie wohnten, nicht bloß ökonomisch rückständig war, sondern auch so blieb. Die Verlegung des Handels nach Indien vom Landweg nach dem Seeweg um Afrika herum, die Entdeckung Amerikas, die Verlegung des ökonomischen Schwerpunktes Europas an die Küsten des Atlantischen Ozeans hemmte die Entwicklung nicht bloß Italiens, sondern noch viel mehr die Polens und der Türkei und bereitete auch ihren politischen Niedergang und Zerfall vor. Unter diesen Bedingungen konnte sich keine starke kapitalistische Industrie entwickeln, wurde aber auch die Intelligenz von dem Zusammenhang mit dem geistigen Leben Westeuropas abgeschnitten und gänzlich das Dienern des religiösen Kultus untergeordnet. Die ganze glänzende Entwicklung seit der Renaissance existierte für sie nicht. Sie blieb im Zeitalter der Scholastik, in der jüdischen Scholastik des Talmuds stecken. Eine Nachfrage nach dieser Art Intelligenz bestand nur innerhalb des Judentums, und eine Nachfrage nach anderer Art von Intelligenz durch die nichtjüdische Bevölkerung war höchst gering. So wendete sich ein großer Teil der polnischen Juden dem Handwerk zu, namentlich dem Schneiderhandwerk.

Im Ansiedlungsrayon, jenem Gebiet des russischen Reiches, in dem die Masse der Juden allein wohnen durfte, zählte man nach dem Zensus von 1897, der ersten und bisher letzten Volkszählung Russlands:

Erwerbstätige

Absolute
Zahl

Prozent

Auf 100 Nichtjuden
der gleichen Kategorie
entfallen

 

Juden

Nichtjuden

Juden

Insgesamt

1 428 835

9 854 054

100   

In der Industrie beschäftigt.

   518 075

1 132 264

  36   

In der Kleiderindustrie beschäftigt

   235 993

   222 764

  16,5

Im Handel beschäftigt.

   450 427

   108 499

  31,5

Im Korn- und Viehhandel beschäftigt

   202 016

     57 485

  14   

Das sind Zahlen aus unserer Zeit. [6] Vordem bildeten die Juden in noch weit höherem Grad in jenen Gebieten die Masse der städtischen, kommerziellen und vielfach auch der industriellen Bevölkerung.

In diese ökonomisch rückständigen Länder brach nach dem Krimkrieg, während der liberalen Ära, die ihm folgte, plötzlich mit voller Macht der hochentwickelte westeuropäische Kapitalismus herein. Seine erste Wirkung war die, das Geldbedürfnis des Staates, seine Verschuldung, aber auch seine Steuerlast enorm zu steigern. Mit einem Schlage wurde die Naturalwirtschaft des Bauern in Warenproduktion verwandelt, was unter den gegebenen Verhältnissen seinen Betrieb nicht verbesserte, sondern durch immer mehr gesteigerten Raubbau ruinierte. Ein stets wachsender Teil der Landbevölkerung wurde in die Städte gedrängt. Schon nach dem Zensus von 1897 gehörten von den 14.300.000 nichtjüdischen Einwohnern der Städte 7.300.000, mehr als die Hälfte, zur Bauernschaft. [7] Seitdem hat der Zustrom vom Lande in die Städte noch gewaltig zugenommen. Aber dort fand er keine rasch emporwachsende Industrie, die ihn hätte aufnehmen können. Die verkommenden Bauern boten keinen ausreichenden Markt für eine solche Industrie. Die Konkurrenz unter den Handwerkern und den Krämern wuchs. Die Juden wurden so immer mehr bedrängt, ihre nie sehr glänzende Lage gestaltete sich nun immer trostloser. Aber auch die nichtjüdische Bevölkerung litt. Für sie alle wurde der Rahmen der Produktion zu enge. Die Volksmasse war aber zu unwissend, um die Lösung der Schwierigkeiten in der entsprechenden Erweiterung dieses Rahmens zu suchen und herauszufinden, wie die ökonomische Rückständigkeit mit der politischen zusammenhing. Und das Streben nach einer Änderung der Staatsgewalt war auch zu gefährlich. Viel gefahrloser, bequemer und näherliegend war es, sich gegen die Konkurrenz zu wenden, die schutzlosen Juden.

Die Staatsgewalt selbst in ihren verschiedenen Organen kam diesen Tendenzen entgegen. Fühlte sie sich doch durch die Ergebnisse der ökonomischen Umwälzung bedroht, wenn diese auch zunächst nicht in den Volksmassen, sondern nur in der studierenden Jugend eine politische Opposition erzeugte. Die wachsende Unzufriedenheit war unverkennbar, sie musste von den Spitzen des Staates abgelenkt werden – auch dazu waren die unglückseligen Juden vortrefflich geeignet.

Die antisemitischen Tendenzen von oben und unten wurden noch begünstigt dadurch, dass in Russland mehr als anderswo die Juden durch ihr massenhaftes Zusammenwohnen jeder Assimilation entgangen waren. Sie unterschieden sich scharf von der übrigen Bevölkerung nicht nur, wie wir schon bemerkt, durch ihre strenge Einhaltung des Ritus, der Speisegebote, der Festtage, durch die Besonderheit ihrer Sprache [8], sondern vielfach auch noch durch Kleidung und Haartracht. Mehr als anderswo ist in Russland und den Nachbargebieten der Jude ein Fremder im Volke geblieben. Die Fremdartigkeit wirkt leicht komisch, wo sie nur einen Unterschied anzeigt, nicht mit einem Gegensatz verbunden ist. Wo ein solcher vorhanden, macht sie ihn auffallender und fühlbarer, wirkt sie aufreizend und erbitternd.

So erstand nach einer kurzen liberalen Zeit seit den achtziger Jahren eine Periode des wüstesten und stets wachsenden Antisemitismus, zunehmender Misshandlungen der Juden durch ihre Umgebung und vermehrter Rechtlosigkeit. Sie wurden seit 1882 auf einen Ansiedlungsrayon beschränkt, der nur 4 Prozent der Oberfläche des russischen Reiches umfasste. Bloß reiche Kaufleute, manche Intellektuelle und manche Handwerksmeister durften sich außerhalb seiner Grenzen niederlassen. Innerhalb derselben aber durften sie wieder nur in den Städten wohnen. Alle Juden, die sich auf dem Lande niedergelassen hatten, wurden seit 1882 in die Städte gedrängt und dabei viele, die sich in der liberalen Ära außerhalb des Rayons gewagt hatten, wieder in ihn zurückgetrieben.

Unter den dort Zusammengedrängten brach eine entsetzliche Notlage aus. Schlimm waren die Pogrome, noch schlimmer die teuflischen Quälereien und Erpressungen der russischen Gewalthaber, aber am verzweifeltsten gestaltete sich die materielle Not.

In dieser grauenhaften Situation finden nur die Tapfersten den Mut, um ein besseres Schicksal zu kämpfen. Von den anderen flieht, wer irgendwie fliehen kann, wer die Mittel zur Auswanderung findet und Aussicht auf Beschäftigung auswärts zu haben glaubt. Die industriellen Arbeiter also eher als die Kleinhändler. Namentlich stark ist die Auswanderung aus den überfüllten Berufen. Nach dem Zensus von 1897 zählte man im Ansiedlungsrayon unter den Schneidern 147.435 erwerbstätige Juden. Von 1899 bis 1910 wanderten im Durchschnitt jährlich 15.396 dieser Branche in die Vereinigten Staaten, also 10,5 Prozent. Dagegen von den 71.856 jüdischen Schustern nur 1.960, nur 2,7 Prozent. Die Schneiderei war noch vorwiegend Hausindustrie für den lokalen Bedarf, in der Schuhmacherei entwickelte sich rasch die Fabrikindustrie, die in ganz Russland ihren Markt fand. [9] Am massenhaftesten war die jüdische Auswanderung nach Amerika. Von 1881 bis 1912 betrug die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten 2.258,146 Köpfe, seit 1899 1.246.260. In der Zeit von 1881 bis 1898 wanderten im Ganzen 1.011.886 Juden ein, davon 526.122, die Hälfte, aus Russland. Von 1899 bis 1911 betrug die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer 1.165.665, davon 831.001, also drei Viertel, aus Russland.

Weit blieb dahinter die jüdische Wanderung aus Russland nach den Ländern Westeuropas zurück. Nach einer Aufstellung Ruppins wanderten von 1881 bis 1908 Juden aus:

 

Aus
Russland

Aus
Österreich

VAus
Rumänien

Aus anderen
Ländern

Insgesamt

Nach England

150.000

10.000

20.000

10.000

190.000

Nach Deutschland

  15.000

25.000

–

–

  40.000

Nach Frankreich

  30.000

10.000

–

10.000

  50.000

Nach Belgien

    5.000

–

–

  5.000

  10.000

Wichtiger wurde für Deutschland und Österreich die Binnenwanderung ihrer eigenen östlichen Juden nach dem Westen. Es war dies ein Teil der allgemeinen Wanderung, die den Kapitalismus kennzeichnet, aus dem Lande in die Stadt, aus agrarischen Distrikten in industrielle. Sie wurde verschärft durch die ökonomischen Verhältnisse der polnischen Landesteile, die auch in Österreich und Deutschland ähnlich, wenn auch nicht in so hohem Maße und unter so brutalen Formen wie in Russland, einen stets wachsenden Teil der agrarischen Bevölkerung überschüssig machten, der zum Teil in die Städte zog und die Juden verdrängte, zum Teil ebenso wie diese auswanderte.

In der Provinz Posen wurden 1849 noch 76.757 Juden gezählt, 1910 nur noch 26.512! Die Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Posen zusammen zählten im Jahre 1871 noch 116.075 Juden, 1910 nur noch 62.355.

Die Richtung der Wanderung ging nach Berlin. Im Stadtkreis Berlin und der Provinz Brandenburg wuchs die jüdische Bevölkerung von 1871 bis 1910 von 47.489 Köpfen auf 151.356.

In gleicher Weise nahm die Zahl der Juden in Wien von 1880 bis 1910 von 73.222 auf 175.318 zu, um 139 Prozent, während die gesamte jüdische Bevölkerung Österreichs im gleichen Zeitraum nur um 30 Prozent wuchs. In Russisch-Polen umfasste Warschau 1893 13,8 Prozent der jüdischen Bevölkerung Polens (168.677 von 1.224.052 Köpfen), 1909 16,1 Prozent (281.754 von 1.747.655), sie zählte 1910 308 488 Personen. Die jüdische Einwohnerschaft von Lodz hat sich im gleichen Zeitraum verdreifacht, sie wuchs von 37.106 auf 92.558. [10] Fast alle jüdischen Auswanderer nach Frankreich sammelten sich in Paris, die nach England in London, die Mehrzahl der Wanderer nach den Vereinigten Staaten blieb in New York, das über eine Million Juden zählt.

Schon diese Konzentration in einigen wenigen Großstädten musste das Judentum immer auffallender hervortreten lassen. Dies wurde noch gesteigert dadurch, dass das einwandernde Judentum von seiner neuen Umgebung viel stärker absticht, in ihr viel fremdartiger erscheint als die dort von alters her angesessenen Juden.

Die neue große Wanderbewegung der Juden ist ganz anderer Art als die früheren. Ehedem zogen die Juden in Länder niederer oder doch nicht überlegener Kultur. Jetzt sind es rückständige Judenmassen, die nach höher entwickelten Gegenden abströmen – ebenso wie Irländer, Süditaliener, Polen und Ruthenen oder Chinesen. Wohl sind die polnischen Juden in der Heimat ihrer Umgebung an Bildung überlegen – und das ist auch einer der Gründe, die ihre Assimilierung mit der nichtjüdischen Bevölkerung hinderten. Aber den Westeuropäern und Amerikanern gegenüber erscheinen sie doch auf einer tiefen Stufe.

Die russische Zählung von 1897 verzeichnete unter den männlichen Juden im Alter von mehr als 10 Jahren 33,4 Prozent Analphabeten (des Lesens und Schreibens Unkundige), unter den jüdischen Frauen in diesem Alter sogar 63,4 Prozent! Aber freilich, unter der russischen Gesamtbevölkerung fand man damals unter den mehr als 10 Jahre alten Männern nicht weniger als 61,3 Prozent Analphabeten und unter den Frauen sogar 83 Prozent!

Die Einwanderer in den Vereinigten Staaten werden auf ihre Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, geprüft. Hierbei ergaben sich für die Juden bessere Prozentzahlen als bei der russischen Aufnahme von 1897. Das mag zum Teil daher rühren, dass die amerikanischen Zahlen aus späterer Zeit stammen als die russischen (1899 bis 1910), dann daher, dass nur die Erwachsenen gezählt wurden, vielleicht auch daher, dass die Unwissendsten am ehesten zu Hause bleiben. Dafür wurden bei dieser Aufnahme alle Juden gezählt, auch die nichtrussischen. Trotzdem ergab sich eine große Rückständigkeit der Juden gegenüber anderen Völkern. Das zeigt folgende Tabelle, mitgeteilt bei Hersch [11]:

Analphabeten unter
tausend erwachsenen
Einwanderern

 

Analphabeten unter
tausend erwachsenen
Einwanderern

Skandinavier

    4

Slowaken

240

Schotten

    7

Juden

260

Engländer

  11

Griechen

264

Finnländer

  13

Rumänen

340

Tschechen

  17

Polen

354

Irländer

  25

Kroaten und Slowenen

361

Holländer

  44

Russen

384

Deutsche [12]

  52

Bulgaren und Serben

409

Franzosen

  63

Litauer

489

Norditaliener

112

Ruthenen

534

Magyaren

114

Süditaliener

539

Spanier

145

Portugiesen

682

Nur Ost- und Südslawen, Süditaliener und Portugiesenxweisen ein höheres Analphabetentum auf als die Masse der auswandernden Juden. Das bedeutet natürlich eine Schande nicht für diese Völker, sondern für ihre Regierungen. Es waren höchst rückständige orthodoxe Elemente des Judentums, die von Osten nach dem hochentwickelten Westen strömten. Die nächste Wirkung davon war die, dass der Prozess der Assimilierung der Juden des Westens ins Stocken geriet. Die zweite die, dass der Antisemitismus neu belebt wurde. In doppelter Weise, einmal durch Vermehrung der Konkurrenz für Intellektuelle und Händler, dann aber auch durch Verstärkung des fremdartigen Auftretens des Judentums. Gleichzeitig änderte er jedoch seinen Charakter. Ehedem wendete er sich in erster Linie gegen die kapitalistische Ausbeutung, als deren vornehmster Repräsentant in den Ländern des Antisemitismus der Jude galt. Jetzt wird es immer mehr der proletarische Jude, der arme Student, der arme Hausierer, der Heimarbeiter, der die Gegnerschaft des Antisemiten auf sich zieht. Die Zeiten sind vorbei, wo der Antisemitismus als eine Abart des Sozialismus erschien, als der „Sozialismus des dummen Kerls von Wien“. Heute ist er eine Abart des Kampfes gegen das Proletariat, die feigste und brutalste seiner Abarten, er ist die Sozialistenfresserei des dummen Kerls von Wien geworden.

Gleichzeitig hat sich aber eine Kluft innerhalb der Judenschaft selbst aufgetan: die wohlhabenden und gebildeten, nahezu assimilierten Juden des Westens empfinden den Zustrom ihrer armen, unwissenden „jiddischen“ Brüder aus dem Osten vielfach nicht gerade angenehm. Sie fragen ihm nicht selten Gefühle entgegen, die man als Antisemitismus innerhalb des Judentums bezeichnen könnte.

Eines der hervorragenden Merkmale der Juden war die innige Solidarität gewesen, die in ihren Reihen herrschte; die ewigen Verfolgungen hatten ihren Zusammenhalt gewaltig gestärkt, und seine Stärke war eines der wichtigsten Mittel geworden, sich in den Verfolgungen zu behaupten. Er soll auch ein Rassenmerkmal der Juden darstellen, ist aber, wie die anderen ihrer angeblichen geistigen Rassenmerkmale, nur ein Produkt ihrer Lebensbedingungen.

Sobald diese sich ändern, wechselt auch das „Rassenmerkmal“. Das Solidaritätsgefühl der westlichen Juden hat bereits eine bedeutende Schwächung erfahren, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, weil der gesellschaftliche Antisemitismus im Westen, in Berlin, in Paris, in London, in New York und namentlich in Wien zeitweise gewachsen ist. Bei den kapitalistischen Juden, die zu einer herrschenden Position in der bestehenden Gesellschaft aufgestiegen sind, macht sich das jüdische Solidaritätsgefühl nur noch selten geltend, und immer mehr nur noch in der Form der Wohltätigkeit. Diese kann bei ihrem wachsenden Reichtum große Dimensionen annehmen. Aber sie gilt nur dem bettelnden, nicht dem kämpfenden jüdischen Proletarier.

Dem kampffähigen Teil des osteuropäischen Judentums gegenüber versagte bereits vor dem Kriege vollständig die jüdische Solidarität. Und der tückischste Gegner dieser jüdischen Schicht in Russland, der Zar, ward zum Bundesgenossen der reichen Juden Westeuropas, den sie mit allen Mitteln zu unterstützen suchten.

Die alten Juden sahen in Haman, dem Reichskanzler des Königs Ahasverus, dem Urbild der Pogromerreger, den Feind, der an einen fünfzig Fuß hohen Galgen zu henken sei. Der Zarismus misshandelte das jüdische Volk weit grausamer, als es irgendein Haman getan, aber die kapitalistischen Juden wünschten ihm nicht den Untergang, sondern sie unterstützen ihn durch die Anleihen, die sie ihm gewährten und die ihm sein Leben immer wieder verlängerten. Denn Mordechai war ein armer Schneider geworden, und Esther nicht zur Königin erhoben, sondern in ein argentinisches Bordell verschleppt.

Gerade in der Zeit, in der die Theorie der reinen Rassen aufkommt und das Judentum zum Muster einer reinen, geschlossenen Rasse erhoben wird, fängt es an, durch den Klassengegensatz, der hier zusammenfällt mit einem kulturellen Gegensatz, aufs tiefste gespalten zu werden. Der Gegensatz zwischen kapitalistischem und proletarischem Judentum verleiht den Wanderungen der Juden heute einen ganz anderen Charakter und andere Wirkungen als ehedem. Kaplun-Kogan hat den Unterschied im Charakter dieser Wanderungen sehr gut dargelegt, aber ihre Wirkungen hat er nicht ganz glücklich dahin unterschieden, dass sie ehedem Träger des wirtschaftlichen Fortschritts waren und heute Träger des wirtschaftlichen Rückschritts sind. [13]

Der „wirtschaftliche Fortschritt“, das heißt der Fortschritt des Kapitalismus, bedarf nicht nur der Produktionsmittel, sondern auch der Proletarier. Erst ihre Anwendung durch diese verwandelt jene in Kapital. Ohne den gewaltigen Zustrom von Proletariermassen aus Europa hätte der amerikanische Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten nicht seinen erstaunlichen Aufschwung nehmen können. Alle die Proletarier, die aus einem Milieu ökonomischer Hemmung in ein Milieu zogen, das dem Fortschritt günstig war, und sich ihm dort zur Verfügung stellten, sind dadurch Träger des wirtschaftlichen Fortschritts geworden. Das sind sie zunächst unbewusst, sie werden es aber bald bewusst, indem die Wanderung sie kampffähiger macht. Und trotz ihres bei der zaristischen Barbarei unvermeidlichen starken Analphabetentums waren sie als städtische Bevölkerung den anderen Einwanderern in die Vereinigten Staaten, die aus den rückständigsten agrarischen Gebieten stammen, an rascher Auffassung und theoretischem Sinne weit überlegen.

Die jüdische Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten zählt mit zu den energischsten Pionieren des sozialen Fortschritts.

*

Anmerkungen

1. Werner Sombart, Die Zukunft der Juden, Leipzig: Duncker & Humblot, 1912, S. 32–33.

2. Werner Sombart, Die Zukunft der Juden, Leipzig: Duncker & Humblot, 1912, S. 85–86.

3. Werner Sombart, Die Zukunft der Juden, Leipzig: Duncker & Humblot, 1912, S. 87.

4. W. W. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewegungen der Juden. Bonn: A. Marcus’ und E. Webers Verlag, 1913. VIII, 164 Seiten, S. 45. Reiches statistisches Material findet man auch in der Abhandlung von Issac M. Rubinow, Economic condition of the Jews in Russia. Bulletin of the Bureau of Labor, Washington 1907. Vergl. auch die Artikelserie: H. K., Die ökonomische Lage des jüdischen Proletariats in Russland, Die neue Zeit, 24.6 Jg., 1. Bd. (1906), H. 7, S. 231–237, H. 8, S. 261–266, H. 10, S. 334–337.

5. C. Nawratzki, Die jü dische Kolonisation Palästinas. München 1914, Ernst Reinhardt. XV, 538 Seiten.

6. Die Zahlen entnehme ich dem Buche von Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. S. 191. Dieses Buch erschien fast gleichzeitig mit dem vorher zitierten Kaplun-Kogans über die Wanderbewegungen der Juden. Beide behandeln zum Teil dasselbe Thema, das gleiche Material und kommen zu ähnlichen Schlüssen, so dass sie einander bekräftigen. Hersch geht mehr in das statistische Detail ein, Kaplun-Kogans Darstellung ist umfassender. Beide Werke sind mir bei vorliegender Untersuchung sehr zustatten gekommen.

7. Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. 229.

8. Noch 1897 gaben bei der Volkszählung 5.054.300 Bekenner des jüdischen Glaubens „Jiddisch“ als ihre Muttersprache an, nur 161.505 eine andere. Daneben finden wir 8.856 Personen nichtjüdischen Glaubens, die Jiddisch als ihre Muttersprache angeben, offenbar getaufte Juden – aber schlecht getaufte. Vergl. Rubinow, Economic condition of the Jews in Russia, S. 488.

9. Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. 240.

10. Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. 172, 309.

11. Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. 91.

12. Nicht bloß aus dem Deutschen Reich stammende, sondern auch Österreicher.

13. W. W. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewegungen der Juden. Bonn: A. Marcus’ und E. Webers Verlag, 1913, S. 58, 147.


Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026