Karl Kautsky

Rasse und Judentum

10. Der Zionismus nach dem Weltkrieg

Seitdem ist der Weltkrieg gekommen. Er hat die ökonomischen Bedingungen für ein Gedeihen des Judentums in Palästina durchaus nicht verbessert. Wohl aber die politischen Bedingungen für die jüdische Auswanderung dorthin anscheinend erleichtert, indes seine Konsequenzen gleichzeitig den Antisemitismus in Osteuropa stärkten und damit das Bedürfnis nach einer gesicherten Heimstätte des Judentums vermehrten.

In Westeuropa und Amerika sowie bei den Zentralmächten war während des Krieges die Judenschaft in der weitaus überwiegenden Mehrheit patriotisch geworden. Statt als geschlossene Rasse oder Nation über den kämpfenden Parteien zu stehen, stürzten sie sich mit der größten Leidenschaft in den Krieg. Die deutschen Juden fühlten sich nur als Deutsche, die französischen nur als Franzosen. Sie hassten sich mit dem vollsten Ingrimm der Kriegspsychose und kannten nicht das geringste gemeinsame Interesse.

Keine der beiden kriegführenden Mächtegruppen besaß von vornherein das Übergewicht. Jede muss trachten, alle Kräfte aufzubieten, über die sie verfügte. Hüben und drüben suchte jede Regierung, wie die Proletarier, so auch die Juden des eigenen Landes zu gewinnen. Die billigste Konzession, die man diesen zu geben hatte, waren Versprechungen zugunsten des Zionismus. Sie konnten nur die Türkei etwas kosten. Sowohl die Zentralmächte wie die Entente ließen das Judentum erwarten, dass ihr Sieg ihm eine Heimstätte in Palästina bringen werde.

So gedieh im Kriege gleichzeitig mit dem englischen, französischen, deutschen und sonstigen Nationalismus des Judentums auch der spezifisch jüdische Nationalismus des Zionismus. Nach dem Kriege scheint es nun, als sollte er durch die Sieger befriedigt werden. Sie erteilten im Friedensvertrag mit der Türkei dem Völkerbund die Verfügung über Palästina. Im Namen dieses Bundes soll es von England verwaltet werden, das die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu fördern hat. Das ist freilich noch lange nicht gleichbedeutend mit der Begründung eines selbständigen Judenstaats. Doch mag es die Aussicht auf einen solchen eröffnen. Indes nur dann, wenn sich ein starker Strom jüdischer Auswanderung nach Palästina ergießt und dort ein blühendes Gemeinwesen schafft. Es müsste ein ungemein breiter Strom sein, sollte er die Lage des osteuropäischen Judentums fühlbar verbessern. Wir haben gesehen, dass in den 27 Jahren von 1881 bis 1908 2 Millionen Juden aus Europa ausgewandert sind. Die Zahl der Juden in Osteuropa hat im gleichen Zeitraum aber trotzdem erheblich zugenommen, ihre Lage sich noch verschlechtert. In Russland gab es 1880 nicht ganz 4 Millionen Juden, 1914 dagegen 6 bis 7 Millionen, also eine Zunahme von 2 bis 3 Millionen. In Österreich-Ungarn zählte man 1880 1.646.000 Juden, 1914 dagegen 2.260.000, das heißt um über eine halbe Million mehr.

Von den 2 Millionen ausgewanderten Juden hatten sich nur 25.000 nach Palästina gewendet. Wie kolossal müsste also die Auswanderung dorthin zunehmen, sollte sie das osteuropäische Judentum fühlbar erleichtern.

Die Hoffnungen der Zionisten wurden in dieser Beziehung sehr belebt durch eine Berechnung, die Professor Ballod noch während des Kriegs in einer Schrift anstellte, die betitelt ist: Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet. [1] Er polemisiert dort gegen eine Berechnung des deutschen Geographen Professor Philippson, der auf Grund genauer Kenntnis der Länder am Mittelmeer im Berliner Tageblatt vom 9. Februar 1916 behauptet hatte, das steinige Palästina vermöge nicht mehr als 1.200.000 Menschen zu ernähren.

Ferner wendet sich Ballod gegen ein Buch des Agronomen Jakob Oettinger über Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina [2], der glaubte, sehr optimistisch zu rechnen, wenn er annahm, man könnte in Palästina etwa 100.000 landwirtschaftliche Familienbetriebe für eine halbe Million Menschen begründen. Ballod hält es für möglich, sechs Millionen in Palästina unterzubringen. Freilich nicht im heutigen Palästina, sondern in einem völlig neu zu schaffenden. Die Verwirklichung seiner Vorschläge würde Palästina aus dem bisher verkommensten Winkel der Welt zu ihrem höchstentwickelten Staat machen. Nicht 100.000 Kleinbetriebe will er schaffen, sondern 1.000 Großbetriebe, die mit den vollkommensten Maschinen und den kräftigsten Düngemitteln nach den besten Methoden produzieren. Ungeheure Wasserbauten sollen das dürre Land in ein Paradies verwandeln. Oettinger rechnet mit einer Durchschnittsernte für Weizen pro Hektar von 600 Kilogramm, Ballod erwartet eine Durchschnittsernte von 3.000 Kilogramm – in Deutschland beträgt sie nur 2.000 Kilogramm. Bei Baumwolle erwartet er Ernten von 600 Kilogramm pro Hektar, indes sie in den Vereinigten Staaten nur 200 bis 250 Kilogramm ergibt.

Dabei aber rechnet er, dass die ganze ungeheure Umwandlung Palästinas, die solche Rekordernten ermöglichen und das Land zu einem Heim für sechs Millionen Menschen machen soll, nur 5 Milliarden Mark (in Gold) kosten wird, während Oettinger ein Jahr vorher 2 Milliarden Franken für erforderlich hielt, um bloß eine halbe Million Menschen anzusiedeln.

Ballod rechnet eben viel billiger wie Oettinger. Er meint:

Die Errichtung einfacher Häuser würde nebst Brunnen oder Zisternen beziehungsweise Wasserleitungsanlage für 1.000 Mark zu bewerkstelligen sein. [3]

Oettinger sagt dagegen:

Nach den bisherigen in Palästina gemachten Erfahrungen muss für das Wohnhaus eines Arbeiters die Mindestsumme von 2.000 Franken angesetzt werden. ... Für den Anteil an einer Wasserleitungsanlage sind 500 Franken vorzusehen. [4]

Auch die Oettingersche Arbeiterka(r)te [?] für 2.500 Franken (mit Wasserleitung) wird kein Palast sein. Spätere Zionisten jedoch ziehen es vor, sich an Ballod zu halten. In dem Büchlein Palästina und die Juden, Tatsachen und Ziffern erklärt noch 1919 Davis Trietsch:

Für 1.000 Mark kann ein solid gebautes, bescheidenes Häuschen errichtet werden. Zu diesem Preis sind übrigens auch in Deutschland neuerdings Häuser errichtet worden. [5]

Damit die Leser nicht etwa wähnen, Trietsch habe Vogelhäuser gemeint, fügt er hinzu:

Je nach der Bauweise werden für 1.000 Mark bis zu fünf Zimmer und mehr zu erstellen sein.

Angesichts derartiger „Tatsachen und Ziffern“ muss man sich über eines wundern: dass, ganz abgesehen von der Judenschaft, nicht auch die gesamte Christenheit schon nach diesem gelobten Land eilt, dessen fabelhaft billige Häuser auffallend an seine ebenso fabelhaft großen Weintrauben erinnern, von denen eine einzige ihres Umfangs wegen von zwei Männern an einer Stange getragen werden musste. (4. Buch Mose 13, 23)

Indessen selbst wenn alle die Ballodschen Berechnungen zuträfen, so sagen sie uns doch nichts über den Termin, in dem sie zu verwirklichen wären. Auch der erheblich nüchternere Oettinger äußert sich nicht eingehender darüber. Auf S. 100 entwirft er ein Projekt zur Gründung neuer Kolonien.

Danach würden im Laufe von etwa zwölf Jahren dreißig neue jüdische Stützpunkte mit einer anfänglichen landwirtschaftlichen Bevölkerung von 3.000 Familien oder 12.000 bis 15.000 Seelen entstehen. Außerdem würden durch dieselben wohl etwa 30.000 Juden anderer Berufsarten ins Land herangezogen werden. [6]

Diese Kolonien würden ein Kapital von 77½ Millionen Franken (in Gold) erfordern.

Die hier berechneten 45.000 Neueinwanderer sind von den 6 Millionen Ballods etwas recht weit entfernt.

Später sagt Oettinger freilich, die Besiedlung Palästinas könne unter günstigen Verhältnissen ein rascheres Tempo einschlagen, er stellt dann die schon erwähnte Berechnung von der Unterbringung einer halben Million neuer Ansiedler an, aber mit der vorsichtigen Hinzufügung:

Man möge diese Zahl als eine ganz problematische ansehen, und man lasse die Frage des Zeitraums, der zur Ansiedlung einer derartigen Menge von Kolonien notwendig ist, gänzlich aus dem Spiel. [7]

Diese Frage ist indes keineswegs eine gleichgültige für den Zionismus. Was er nicht sofort leistet, wird ihm später nicht mehr gelingen, wie wir noch sehen werden. Aber es ist ganz ausgeschlossen, baldigst große Massen jüdischer Kolonisten nach Palästina zu werfen.

Der Krieg hat Palästina nicht verschont. Die ökonomische Situation des Landes ist heute weit trostloser als vor dem Kriege, es wird Jahre brauchen, ehe dessen Verheerungen vollständig überwunden sind.

Die Situation in Palästina im Jahre 1919 erhellt aus einem Privatbrief von zionistischer Seite, dessen Verfasser zu nennen ich nicht berechtigt bin, der aber auch nichts zur Sache tut. Der Inhalt wurde mir von den verschiedensten Seiten bestätigt. In dem Briefe aus Palästina, der vom 30. Oktober 1919 datiert ist, heißt es unter anderem:

Wir sind abgekommen von unseren früheren Ideen über die Einwanderung. ... Wir kommen zum Schlusse, dass Masseneinwanderung zurzeit nicht nur nicht wünschenswert, sondern direkt grausam wäre, hauptsächlich aus zwei Gründen:

    Gesundheit. Das Gebiet (Städte und offenes Land in gleicher Weise) ist durch Malaria verseucht, ganz abgesehen von anderen vermeidbaren ansteckenden Krankheiten wie Trachom (die Augenentzündung). Palästina bedarf einer gründlichen Reinigung, ehe es für eine Ansiedlung geeignet ist. Wir trafen manche der jüdischen Kolonien oder Dörfer in der traurigsten Verfassung; jeder Ansiedler war dort tatsächlich entweder arbeitsunfähig oder hoffnungslos matt. Dasselbe in den Städten. Obwohl Jerusalem über der normalen Moskitolinie liegt, sind sie dort massenhaft vorhanden. Eine Partie heldenhafter junger Juden aus Polen kam zu Beginn dieses Jahres nach unglaublichen Abenteuern hierher. Wir fanden die meisten von ihnen krank. Die hiesige ärztliche Station der amerikanischen Zionisten hat viel geleistet, sie hat zum Beispiel binnen sechs Wochen die Moskitos in Safed dadurch vernichtet, dass sie die Zisternen mit Öl überziehen ließ. Sie wird infolge des Beispiels, den Brandeis abstattete, noch weit mehr leisten. Aber es wird einige Zeit dauern, bis das Land für Masseneinwanderung gesund genug ist, denn die Entwässerung von Sümpfen bedeutet eine weit gewaltigere Arbeit als das Bauen von Zisternen.

    Beschäftigung. Palästina ist heute voll von jüdischen Bettlern. Die jüdische Bevölkerung der sogenannten „vier heiligen Städte“ pflegte von den Spenden der auswärtigen Gläubigen zu leben. Diese Spenden waren während des Krieges abgeschnitten und können bei dem heutigen Stande der osteuropäischen Judenschaft nicht wieder ins Leben gerufen werden. Daher herrscht grässliches Elend. In Safed nahm die jüdische Bevölkerung von 10.000 auf 3.000 ab. Diese Leute waren nicht gewöhnt, zu arbeiten, aber haben sich jetzt dazu bekehrt und schreien danach. Neue Industrien sind dringend notwendig, und wir haben die Möglichkeiten solcher sorgfältig erwogen, zum Beispiel Buchdruckerei, die Herstellung von Schreibmaterialien, von Fruchtkonserven, Kleidungsstücken usw. Aber Ihr könnt Euch vorstellen, dass diese Sache gut vorbereitet sein muss, will man Schwitzsystem und ähnliche unerwünschte europäische (und nicht europäische allein: die Fabriken von Damaskus zum Beispiel sollen entsetzlich sein) Begleiterscheinungen vermeiden. ...

Ich weiß wohl, was dieser Aufschub für die Juden Osteuropas bedeutet, die bereit sind, in Millionen zu kommen. Leider kann Palästina selbst unter den günstigsten Verhältnissen viele Jahre hinaus nicht dahin kommen, diejenigen aufzunehmen, die bereit sind, sich hinzuwenden. Der kundigste Berater in Fragen der Besiedlung Palästinas, Artur Ruppin, hat in einem Buche, das im letzten April erschien (Der Aufbau des Landes Israel), berechnet, dass es unter günstigen Bedingungen zwanzig Jahre brauchen wird, ehe die jetzige jüdische Bevölkerung auf 1 bis 1¼ Million gestiegen ist und dass der Zuwachs an jüdischen Arbeitern bei öffentlichen Arbeiten nicht mehr als 15.000 im Jahre betragen kann.

Die Juden Osteuropas brauchen aber jetzt und für ihre Generationen eine zahlreiche Bevölkerung ernähren kann. Aber das ist ein schlechter Trost für die Opfer der Pogrome unserer Tage. Indes kann man nicht beides gleichzeitig haben.

Soll Palästina eine Zufluchtsstätte werden, dann kann es nicht ein wirklich gesundes Gemeinwesen sein. Will man es auf einer gesunden ökonomischen Grundlage aufbauen, dann müssen die Fluchtbereiten warten.

Nicht nur in Palästina selbst, auch außerhalb des „gelobten Landes“, in Europa und Amerika hat der Krieg die ökonomischen Vorbedingungen für eine jüdische Kolonisationstätigkeit erheblich verschlechtert. Wo sollen heute alle die Millionen und Milliarden herkommen, die selbst nach den billigsten Berechnungen erforderlich wären, um in Jerusalem eine einigermaßen ins Gewicht fallende Besiedlungstätigkeit zu entfalten? Die Völker Europas sind kaum imstande, auch nur einigermaßen die Mittel zu ihrem eigenen Wiederaufbau aufzutreiben. Sie haben keine überschüssigen Millionen nach Asien abzugeben für die Realisierung von Projekten, denen die Mehrheit der Judenschaft selbst gleichgültig, zweifelnd oder direkt ablehnend gegenübersteht. Ballod konstatiert 1918, dass es unter 600.000 deutschen Juden nur 10.000 gibt, „die den Scheckel, den Beitrag für die Förderung des Zionismus zahlen“. [8] Und in seiner neuesten Schrift, der Revision des jüdischen Nationalismus (Wien 1919) weist Zollschan mit Missvergnügen auf die Tatsache hin, dass bei den Wahlen in die deutsch-österreichische Nationalversammlung der zionistische Kandidat in Wien von „weit über 100.000 Stimmen“ (jüdischen) nur 7.800 erhielt. [9]

Europa muss sich erst gründlich von den Verheerungen des Krieges erholt haben, ehe man daran denken kann, von dem europäischen Judentum ernsthafte finanzielle Hilfe für die jüdische Besiedlung Palästinas zu erwarten. Und auch dann wird diese Besiedlung, die ungeheure Wasserbauten, Straßenanlagen und andere kostspielige Einrichtungen voraussetzt, zunächst nur in kleinem Maßstab vor sich gehen können.

Ist das aber ein Grund, die zionistischen Ideale für verfehlt zu erklären? Darf ein Sozialist an einer Idee deshalb Kritik üben, weil sie erst nach Generationen zu verwirklichen ist? Konnte man nicht dasselbe den sozialistischen Zielen zur Zeit des Aufkommens des Sozialismus entgegenstellen? War das ein Argument, das die Marx und Engels, Bebel und Liebknecht je anerkannt hätten?

In der Tat bildete die Länge der Zeitdauer, deren die jüdische Kolonisation bedurfte, um Palästina ein jüdisches Gepräge geben zu können, kein Argument gegen sie, wenn die Zeit für den Zionismus ebenso arbeitete wie für den Sozialismus, das heißt wenn die Bedingungen für seine Verwirklichung im Laufe der ökonomischen und politischen Entwicklung sich fortschreitend verbesserten. Aber das ist beim Zionismus nicht der Fall. Und das ist seine fundamentale Schwäche. Er kann nicht warten, denn die politischen Bedingungen seiner Durchführung müssen sich rapid verschlechtern. Was er in den nächsten Jahren nicht erreicht, wird ihm nie wieder gelingen.

Der Zionismus ist eben keine fortschrittliche, sondern eine reaktionäre Bewegung. Er will nicht in der Linie der notwendigen Entwicklung wirken, sondern dem Rad dieser Vorwärtsbewegung in die Speichen fallen.

Er verleugnet das Recht der Selbstbestimmung der Nationen und proklamiert ihm gegenüber das historische Recht, das heute überall versagt, selbst dort, wo die Mächtigsten es sind, die es durchzusetzen suchen.

Die Idee der Demokratie, die Selbstbestimmung der Nationen, ist mit der modernen ökonomischen Entwicklung unzertrennlich verbunden und wird durch sie unwiderstehlich. (Ich habe darüber ausführlicher gehandelt in meiner 1917 in Stuttgart bei Dietz erschienenen Schrift Die Befreiung der Nationen.) Das gilt heute nicht bloß für Europa, es beginnt auch für Asien zu gelten.

Der Ausgang des Weltkriegs hätte einen erheblichen Fortschritt in den internationalen Beziehungen bedeuten können, wenn die Sieger sich allenthalben dem demokratischen Gedanken gebeugt und die Selbstbestimmung der Nationen durchweg grundsätzlich anerkannt hätten. Sie ließen sich jedoch einzig von ihren Machtbedürfnissen leiten; sie brachten die Idee der Selbstbestimmung der Nationen nur dort zur Anwendung, wo sie ihnen passte.

Wo durch diese Idee ihre bisherigen Gegner gestärkt werden konnten, da setzten sie ihr ganz willkürlich andere leitende Gedanken entgegen, den der strategischen Grenzen, der Monopolisierung von Bodenschätzen oder Verkehrswegen sowie endlich den des historischen Rechts, des Anspruchs einer Nation auf Wiederherstellung der Grenzen ihres Staatswesens, wie sie vor Jahrhunderten unter ganz anderen Verhältnissen bestanden hatten.

Unter den vielen veralteten Rechtsansprüchen, die von den kleinen Schutzbefohlenen der großen Sieger bei diesen angemeldet wurden, ist der modernste der historische Rechtsanspruch der Juden auf Palästina. Er ist zwei Jahrtausende alt, und inzwischen haben die Juden völlig aufgehört eine Nation zu sein. Sie haben nicht bloß ihr gemeinsames Territorium verloren, sondern auch ihre gemeinsame Sprache. Was man heute noch als lebende jüdische Sprache ansehen könnte, das „Jiddisch“, ist ein verdorbenes Deutsch. Einen jüdischnationalen Schein bekommt diese Sprache erst dann, wenn sie geschrieben, nicht dann, wenn sie gesprochen wird. Sie ist hebräisch geschriebenes Deutsch.

In Palästina gibt es heute noch keine jüdische Bevölkerung von Belang. In der einen Stadt New York allein findet man vierzehnmal mehr Juden als in Palästina. Dort macht die jüdische Bevölkerung nur ein Achtel oder ein Neuntel der Gesamtbevölkerung aus. Von den 100.000 Juden in Palästina lebten aber vor dem Kriege nur etwa 20.000 von Arbeit (eine Minderzahl von Landwirtschaft), die übrigen von den Spenden frommer Juden aus der ganzen Welt.

Ist es die Arbeit, die einer Bevölkerung ein Recht auf den Boden gibt, auf dem sie sitzt, dann hat das Judentum heute nicht das mindeste Anrecht auf Palästina. Nach dem Recht der Arbeit wie nach dem demokratischen Selbstbestimmung gehört heute Palästina nicht den Juden in Wien oder London oder New York, die es für das Judentum reklamieren, sondern den Arabern im Lande selbst, der großen Mehrheit der Bevölkerung.

Doch nicht bloß das demokratische und sozialistische Recht spricht für die Araber, sondern auch, was entscheidend ist, die politischen Machtverhältnisse. Bei den zionistischen Berechnungen wird die arabische Bevölkerung meist völlig ignoriert oder als ein Umstand behandelt, um den man sich nicht viel zu kümmern braucht. Nur gelegentlich erinnert man sich der Tatsache, dass Palästina bereits ein besiedeltes Land ist. Sann nimmt man einfach an, dass seine bisherigen Bewohner verdrängt werden, um den zuziehenden Juden Platz zu machen. So wirft Ballod die Frage auf, was bei einer Inanspruchnahme ganz Palästinas für die jüdische Kolonisation zu geschehen hätte:

Bei einer Massensiedlung genügt nicht der freihändige Ankauf von Land aus der Hand der arabischen Großgrundbesitzer, sondern es muss, um nicht die Preise für das Land auf eine märchenhafte Höhe steigen zu lassen, einer jüdischen Chartered Company das Recht auf Enteignung zu einem angemessenen Preis verliehen werden. [10]

Mit den Kleinbauern, den Fellahs, meint Ballod weiter, hätte man weniger Schwierigkeiten. Sie würden, nach seiner Ansicht, „recht gern Palästina verlassen, wenn ihnen anderwärts, zum Beispiel in Nordsyrien oder in Babylonien bei dessen Wiederbelebung durch großzügige Kulturarbeiten, bessere Bedingungen geboten werden“. [11]

Aber wer soll ihnen denn diese „besseren Bedingungen“ bieten?

Ballod selbst erwartet denn auch einen Gegensatz zwischen den Juden in Palästina und dem Arabertum. Seine Schrift wurde noch in einer Zeit abgefasst, in der er mit einem Sieg der Zentralmächte rechnete. So untersuchte er denn auch in einem eigenen Kapitel das den Titel trägt: Die Zentralmächte und der Zionismus, die Vorteile, die der letztere jenen in Aussicht stelle. Er führt aus,

dass es im Interesse Deutschlands und Österreichs liegt, wenn sich größere jüdische Massen in der Türkei ansiedeln. [12]

Einmal deswegen, weil den an Menschen und Mitteln verarmten türkischen Bundesgenossen neue Mittel und Menschen zugeführt würden. Dann, weil die zuwandernden Ostjuden Deutsch sprechen und so den Handel der Türkei mit den Zentralmächten fördern dürften. Endlich aber deshalb, weil die Juden in Palästina ein Gegengewicht gegen die englandfreundlichen Araber bieten könnten.

Nun haben jedoch die Engländer gesiegt, die Araber sind aber für diese ebenso unbequem geworden wie ehedem für die Türken, und da dreht man von zionistischer Seite den Spieß um und preist die jüdischen Kolonisten in Palästina als Bundesgenossen Englands gegen die nach Selbständigkeit drängenden Araber.

Bei allen diesen Wandlungen bleibt eines bestehen: die Abhängigkeit der jüdischen Kolonisation von den siegreichen europäischen Großmächten und der Gegensatz der Kolonisation zum Arabertum. Beides entspringt naturnotwendig aus den gegebenen ökonomischen und politischen Bedingungen, und jeder der beiden Faktoren stählt in reger Wechselwirkung den anderen. Hier finden wir den tiefsten Grund für die Unhaltbarkeit des Zionismus. Die jüdische Kolonisation in Palästina muss zusammenbrechen, sobald die englisch-französische Vorherrschaft über Vorderasien (mit Ägypten) zusammenbricht. Und das ist nur eine Frage der Zeit und wahrscheinlich schon sehr naher Zeit.

Der Krieg hat den arabischen Nationalismus gewaltig gestärkt. Die Engländer selbst haben dazu erheblich beigetragen, da sie an ihn appellierten, um einen Bundesgenossen gegen das türkische Regime zu gewinnen. Nun werden sie die Geister nicht los, die sie gerufen. Wie überall, ist auch in Vorderasien der Geist der nationalen Selbstbestimmung unwiderstehlich, sobald er einmal die Volksmassen ergriffen hat, und das ist jetzt der Fall. Arabien ist schon so gut wie selbständig, Mesopotamien, Ägypten, Syrien werden sich binnen wenigen Jahrzehnten selbständig machen, und bis dahin das europäische Protektorat, das sie eine Weile noch hinnehmen müssen, immer mehr seiner wirklichen Macht entkleiden.

Am scheußlichen Sieg des Arabertums ist nicht mehr zu zweifeln, es fragt sich bloß noch, ob dieser Sieg durch friedliche Methoden allmählichen Abringens von Konzessionen oder durch eine Periode wilden Guerillakriegs und blutiger Insurrektionen vorbereitet wird. Die englische Regierungsart weist mehr nach den ersteren, die französische mehr nach den letzteren Methoden hin. Wie immer sich der Umwandlungsprozess gestalten möge, die armen und schwachen jüdischen Ansiedler in Palästina werden die Hauptleidtragenden dabei sein, sowohl während des Kampfes der Araber um die Unabhängigkeit wie nach deren Siege. Alle werden sich unter den europäischen Elementen in Vorderasien am wenigsten wehren, am schwersten flüchten können und doch als die gefährlichsten Feinde behandelt werden, weil sie durch ihre Ansiedlung beweisen, dass sie im Lande bleiben und die früheren Einwohner nicht bloß in Abhängigkeit bringen, sondern völlig verdrängen wollen.

Man darf es als ein wahres Glück für die leidende Judenschaft betrachten, dass die zionistische Ansiedlungspolitik allem Anschein nach nur sehr langsam in Fluss kommen wird. So darf man hoffen, dass die Opfer nicht allzu zahlreich sein werden, welche durch die Politik des Zionismus hervorgerufen werden, eine Politik, die im Grunde nichts anderes bewirkt, als dass sie mit ungeheuren Kosten und den größten Opfern der Beteiligten aus Gebieten, in denen die Judenpogrome ihrem Ende entgegengehen, in Gebiete transportiert, in denen solche Pogrome mit größter Macht einsetzen werden, wenn das zionistische Programm auch nur einigermaßen zur Ausführung kommt.

Eine derartige Verkehrung der eigenen Absichten ist das gerade Gegenteil ist unvermeidlich dort, wo man die Regeln für sein Handeln in der Gegenwart nicht aus der Erforschung dieser schöpft, sondern sie sich durch heraufbeschworene Gespenster einer grauen Vorzeit diktieren lässt.

Doch mit der Gefährdung der Juden, die messianische Sehnsucht nach Palästina lockt, sind die unheilvollen Wirkungen des Zionismus nicht abgetan. Vielleicht noch schlimmer ist es, dass durch ihn Kräfte und Mittel der Judenschaft in falscher Richtung verschwendet werden in einem Augenblick, in dem ihre wirklichen Schicksale in einer ganz anderen Richtung entschieden werden und sie dazu ihre ganze Macht zu konzentrieren hat.

Nicht in Palästina, in Osteuropa selbst werden heute die Geschicke des leidenden und bedrückten Teiles der Judenschaft ausgefochten, nicht für einige Tausende, im besten Falle Hunderttausende, sondern für etwa acht bis zehn Millionen Menschen. Keine Auswanderung in die Fremde kann ihnen helfen, wo immer sie hingeleitet werden mag. Ihr Schicksal ist aufs engste verknüpft mit dem der Revolution in der Heimat.

Die Methoden der Bolschewiki sind nicht die der westeuropäischen Sozialdemokratie. Sie sind auch nicht imstande, einen modernen Sozialismus zu begründen. Was sie in Wirklichkeit vollziehen, ist eine bürgerliche Revolution, in Formen, die dem sozialen Zustand des heutigen Russlands entsprechen, die aber den Formen der großen Französischen Revolution am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in vielem sehr nahekommen. Diese hat unter anderem die Juden in Frankreich befreit, ihnen volle Staatsbürgerrechte gegeben. Das gleiche wird zu den dauernden Errungenschaften der russischen Revolution in ganz Osteuropa gehören, wenn sie nicht der wüstesten Gegenrevolution erliegt.

Aber nicht nur um die politische Freiheit und um die Freizügigkeit der Juden wird heute in Osteuropa gekämpft. Es bereiten sich gleichzeitig auch die Bedingungen vor, ihre ökonomische Lage zu heben. Neben der Emanzipation der Juden wird die der Bauern eine dauernde Wirkung der osteuropäischen Revolution sein. Ein wohlhabenderer Bauernstand wird an Stelle des bisherigen verkümmerten treten und einen großen inneren Markt für eine städtische Industrie schaffen. Ist erst einmal wieder der Friede in Osteuropa hergestellt, dann wird und muss die Industrie und mit ihr das Verkehrswesen sich dort gewaltig entwickeln, die städtische Bevölkerung wird reichliche Beschäftigung und Nahrung finden, und damit wird der Masse der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit erstehen, aus halb lumpenproletarischen Existenzbedingungen zu solchen des großindustriellen Proletariats aufzusteigen und als dessen Bestandteil an seinem Aufwärtssteigen teilzunehmen.

Hierin allein liegt die Möglichkeit für die jüdischen Massen, zu einem menschenwürdigen Dasein zu gelangen. Der Zionismus kann sie bei ihrem Ringen nicht stärken. Er schwächt sie im historisch entscheidenden Moment durch Propagierung eines Strebens, das praktisch auf Fahnenflucht hinausläuft.

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Anmerkungen

1. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918. 32 S.

2. Jakob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Haag: Jüdischer Nationalfonds, 1916.

3. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918, S. 18.

4. Jakob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Haag: Jüdischer Nationalfonds, 1916, S. 67.

5. Davis Trietsch, Palästina und die Juden, Tatsachen und Ziffern, Berlin: Deutsches Komitee zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung/Buchabteilung, 1919, S. 26.

6. Jakob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Haag: Jüdischer Nationalfonds, 1916, S. 100.

7. Jakob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Haag: Jüdischer Nationalfonds, 1916, S. 104.

8. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918, S. 7.

9. Ignas Zoltschan, Revision des jüdischen Nationalismus, Wien: R. Löwit, 1919, S. 27.

10. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918, S. 30.

11. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918, S. 30.

12. Carl Ballod, Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet, Deutschen Komitees zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung, 2. Heft. 1918, S. 27.


Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026