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Der Zionismus ist eine undurchführbare Utopie. Andererseits ist der Liberalismus mehr nicht imstande und kaum noch gewillt, durchzusetzen, was er bisher versäumt hat. Dazu schwindet ihm immer mehr die Kraft und der Rückhalt in der Bevölkerung. Wo er noch nicht die volle Emanzipation der Juden, nicht bloß die gesetzliche, sondern auch ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung durchgesetzt hat, wird er sie nicht mehr erreichen.
Die kapitalistischen Juden selbst geben sich überall mit dem Erreichten zufrieden. Ist es auch nicht immer das, was sie wünschen, so besitzen sie doch durch ihren Besitz Macht genug, kleine Unbequemlichkeiten zu überwinden. Das gilt selbst im zaristischen Russland. Und auch, wo dies nicht der Fall, erscheinen ihnen diese Unbequemlichkeiten nicht groß genug, ihretwillen eine Revolution zu riskieren. Das kapitalistische Judentum selbst wird konservativ und findet sich mit dem Bestehenden ab.
Als einzige Kraft, die das Bestehende gründlich umzuwälzen und jegliche Unterdrückung, jegliche gesetzliche und soziale Ungleichheit beseitigen muss, wenn sie sich befreien will, bleibt das Proletariat übrig. Nur noch das siegreiche Proletariat kann dem Judentum volle Emanzipation bringen, an seinem Sieg ist das gesamte Judentum interessiert, soweit es nicht am Kapitalismus hängt.
Sicher bedeutet die Befreiung des Judentums umso eher seine Auflösung, je gründlicher sie vollzogen wird.
Der Schwerpunkt der Judenfrage liegt heute in den Gebieten des ehemaligen Russlands. Behauptet sich dort volle staatsbürgerliche Gleichheit für die Judenschaft und kommt das Land zu ökonomischem Gedeihen in einer aufblühenden Industrie, so wird es nicht wieder zu einer jüdischen Emigration nach dem Westen kommen. Damit wird der Prozess der jüdischen Assimilierung, der schon so weit vorgeschritten war, jedoch in den letzten Jahrzehnten ins Stocken kam, von neuem in Fluss gebracht werden. Selbst in England und in Amerika wird sich die Assimilierung der neu zugezogenen russischen Juden rasch vollziehen. Hört der Zuzug aus Russland auf, dann wird wahrscheinlich schon die zweite, sicher die dritte Generation der Juden des Londoner Ostend und New Yorks nicht mehr Jiddisch verstehen, sondern Englisch sprechen, nicht mehr in einem Stadtteil in einigen Schweißgewerben eng zusammengedrängt ein dürftiges Leben fristen, sondern über das ganze Land verbreitet in den verschiedensten Beschäftigungen in gleicher Weise ein Fortkommen finden wie die übrige Bevölkerung. Und die Religion wird ihr sehr gleichgültig geworden sein. Damit wird ihr Judentum ausgelöscht.
Diese Erwartung, die ich vor dem Kriege aussprach, wird bestätigt durch Zollschan’s eigene Erfahrungen, die er in seinem Buche von 1919 mitteilt:
Die zweite Generation der Einwohner daselbst spricht nur noch im elterlichen Milieu ihr altes Jiddisch, und in weiterer Folge wird es überhaupt nur ausnahmsweise gebraucht .... Das jüdische Theater hat dort den Höhepunkt bereits überschritten. Auf meine Frage nach den inneren Gründen hörte ich immer wieder, dass die zweite Generation das Interesse daran sowie auch an der Sprache ganz verloren habe. [1]
Im Chinesenviertel fand Zollschan zwei russische Jüdinnen an Chinesen verheiratet!
Langsamer als in Amerika wird sich der Prozess der Auflösung des Judentums in Osteuropa vollziehen. Er kann aber auch dort nicht ausbleiben, trotz dem der Emanzipationskampf der Juden dort zurzeit zu einer stärkeren Hervorhebung ihrer Eigenart führt.
Wie andere Völker, die unter einer Herrenklasse standen und durch sie von der modernen Kultur abgeschlossen wurden, haben auch die Juden Russlands, sobald sie ein Streben nach Unabhängigkeit entwickelten, eine Literatur in ihrer bisher literaturlosen Sprache geschaffen. Eine jüdische Literatur ist entstanden, ein jüdisches Theater, eine jüdische Presse, die in Amerika über große tägliche Zeitungen und Zeitschriften verfügt und auch in Russland bis zum Krieg einen großen Aufschwung genommen hatte.
Die „jüdische“ Tagespresse übertrifft nach zehn Jahren des Bestandes in der Größe ihrer Auflagen die polnische und steht heute in dieser Beziehung in Russland an erster Stelle nach der eigentlichen russischen. [2]
Die Produkte und Mittel eines regen nationalen Lebens der russischen Juden werden noch wachsen und sich kräftigen, solange der Kampf um die jüdische Freiheit vorwärtsgeht. Aber das, was man die jüdische Nation nennt, kann nur siegen, um unterzugehen.
Sie vermöchte sich nur zu erhalten durch engstes Zusammenwohnen der Juden. Die Berufe, auf die sich die Masse der Juden Osteuropas konzentriert, vertragen aber zum großen Teil eine derartige Zusammendrängung nicht. Sie können nur gedeihen, wenn sie gemischt mit größeren Massen anderer Berufe, in denen die nichtjüdische Bevölkerung überwiegt. Gerade die erzwungene Zusammendrängung auf einen kleinen Raum, die heute den Schein einer jüdischen Nationalität schafft, schafft auch das jüdische Elend. Mit diesem werden auch die Bedingungen der jüdischen Nationalität schwinden. Das jüdische Elend kann nur verschwinden in einem politischen und sozialen Zustand Osteuropas, der die dortigen Juden drängt, die Sprache ihrer Umgebung zu sprechen, womit ihre Assimilierung eingeleitet wird. Diese muss noch gefördert werden dadurch, dass in einem freien Osteuropa die intellektuelle Hebung der Gesamtbevölkerung eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinwesen wird. Nur aus dem Antisemitismus, aus der Verfolgung zieht das Judentum als besondere, von seiner Umgebung abgesonderte Korporation seine Existenz. Ohne die Verfolgung wäre es längst aufgesogen worden. Die Gegenrevolution könnte dem Judentum neues Leben einflößen. Aber sie kann nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Mit der Verfolgung und Achtung des Judentums muss auch dieses selbst verschwinden.
Haben wir das zu bedauern?
Das hängt natürlich ganz von dem Standpunkt ab, den man einnimmt. Es scheint mir jedoch, dass für den Juden selbst das Ghetto, die Lebensform des Judentums, keine Erscheinung ist, die sehnsüchtige Erinnerungen wachruft. Noch weniger als der konservative Jude haben aber die Freunde des menschlichen Fortschritts irgendeine Ursache, dem Judentum eine Träne nachzuweinen.
Wir haben gesehen, wie das Judentum die Eigenschaften des Städters in höchster Potenz entwickelt. Es sind gerade jene geistigen Eigenschaften, deren der Fortschritt der Menschheit unter den gegebenen Verhältnissen am meisten bedarf. So hat denn auch die winzige Zahl von Juden Westeuropas eine erstaunlich hohe Zahl bahnbrechender Geister geliefert, eine stolze Reihe von Spinoza bis Heine, Lassalle und Marx.
Aber dasselbe Judentum, in dem sich jene gewaltigen geistigen Fähigkeiten entwickelten, es wurde immer ungeeigneter, sie zu betätigen. War das Judentum bis tief ins Mittelalter hinein neben der katholischen Kirche ein Element des Fortschritts gewesen, so verschloss es sich seitdem, ebenso wie diese, jedem weiteren Fortschritt; ja noch mehr als diese wegen seiner Enge und seiner strengen Absonderung von der nichtjüdischen Welt, die ihren Gesichtskreis seit dem fünfzehnten Jahrhundert ungeheuer erweiterte und eine Ära ständiger geistiger Revolutionen einleitete. Das Judentum, zusammengehalten im Getto durch seine Orthodoxie, blieb von dieser Umwälzung der Geister gänzlich unberührt, es stellte sich feindlich dem neuen Denken gegenüber. Die Geistesriesen, die das neuere Judentum hervorgebracht hat, sie konnten ihre Kräfte erst entfalten, nachdem sie die Schranken des Judentums gesprengt hatten. Sie wirkten ohne Ausnahme außerhalb dieser Schranken im Bereich der modernen, ebenso nichtjüdischen wie unchristlichen Kultur und oft in vollem und bewusstem Gegensatz zum Judentum – worunter hier immer, um es nochmals zu bemerken, nicht etwa die Gesamtzahl der Juden, sondern die in einer besonderen Korporation zusammengefassten und als solche von der übrigen Menschheit abgesonderten Juden zu verstehen sind. Selbst die Vorkämpfer des Zionismus, die Herzl, Nordau, Zangwill, bedienen sich der Weltsprachen und nicht des „Jiddischen“. Die Juden sind ein eminent revolutionärer Faktor geworden, das Judentum aber ein reaktionärer. Es ist ein Bleigewicht am Fuße der vorwärtsdrängenden Juden selbst; einer der letzten Überreste aus dem feudalen Mittelalter, ein soziales Ghetto, das sich im Bewusstsein noch behauptet, nachdem das greifbare Ghetto schon verschwunden ist. Wir sind nicht völlig aus dem Mittelalter heraus, solange das Judentum noch unter uns existiert. Je eher es verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und die Juden selbst.
Dies Verschwinden bedeutet keineswegs einen tragischen Prozess, wie etwa das Aussterben der Indianer oder der Tasmanier. Es bedeutet nicht einen Untergang in Stumpfsinn und Verkommenheit, sondern ein Aufsteigen zu höherer Kraft, zu Wohlstand und Gedeihen, die Erschließung eines ungeheuren Feldes der Betätigung. Es bedeutet nicht den Umzug aus einer mittelalterlichen Ruine in eine andere, nicht den Übergang aus dem orthodoxen Judentum in das kirchliche Christentum, sondern die Schaffung neuer, höherer Menschen.
Ahasver (the Wandering Jew) wird dabei endlich zur Ruhe kommen. Er wird fortleben in der Erinnerung als der größte Dulder der Menschheit, der am meisten von ihr gelitten, der ihr am meisten geschenkt.
1. Ignaz Zollschan, Revision des jüdischen Nationalismus, Wien: R. Löwit, 1919, S. 14.
2. Liebmann Hersch, Le juif errant d’aujourd’hui, étude sur l’émigration des israélites de l’Europe orientale aux États Unis de l’Amérique, Paris : Giard & Brière, 1913, S. 9.
Zuletzt aktualisiert am 5. November 2026