Anton Pannekoek

 

Marx der Ethiker

(25.02.1911)


Zuerst erschienen in der Presse Korrespondenz der „Bremer B├╝rgerzeitung“ vom 25.02.1911.
Abgedruckt in Claudio Pozzoli (Hrsgb.): „Jahrbuch Arbeiterbewegung 1975“, Frankfurt a.M.: Fischer, 1975, S. 133–136.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


Der Kampf der bürgerlichen Anschauungen gegen den Marxismus wird in zwiefach verschiedener Weise geführt. Meist wird versucht, die Lehren und Darlegungen von Marx als unhaltbare, einseitige, durch die moderne Wissenschaft längst überwundene Irrtümer nachzuweisen. Aber mitunter wählt man auch einen anderen Weg, indem er selbst gegen die modernen Marxisten ausgespielt wird und als der Schwurzeuge irgendeiner beschränkten oder gegnerischen Auffassung herhalten muss. So machen die Syndikalisten aus Marx einen Anhänger des Syndikalismus, so versuchten unsere Revisionisten Marx den Blockpolitiker gegen die Klassenkampftaktik der deutschen Arbeiterpartei ins Feld zu führen. Und so kann es nicht wundernehmen, wenn auch die Ethiker, – diejenigen, die den Kampf für den Sozialismus damit begründen, dass der Kapitalismus gegen die Gebote der Sittlichkeit, gegen die Ethik verstoße, – Marx für sich in Anspruch nehmen, und den ethischen Ausgangspunkt des Marxismus betonen. Nun muss dieser Versuch schon von vornherein seltsam erscheinen. Jedermann weiß, dass die Grundlage des Marxismus materialistisch ist, und es ist ja von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus selber genügend hervorgehoben worden. Nicht durch seine ethische Verurteilung, sondern durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte der Welt wird der Kapitalismus zugrunde gehen. Die Entwicklung der materiellen Grundlagen der Gesellschaft, die Entwicklung des Kapitals und der technischen Hilfsmittel der Menschen treibt zu neuen gesellschaftlichen Formen und schafft die Vorbedingungen, die Möglichkeit und die Sicherheit einer neue Weltordnung. Wenn die Großindustrie nicht immer größere Arbeitermassen zusammenführte, organisierte, zum Kampfe triebe umschulte, würde alle Empörung über die zahllosen Verbrechen des Kapitalismus an Menschenleben und Menschenglück ihm nichts anhaben können. Die Geschichte der Menschheit zeigt eine endlose Reihe von ungesühnten Verbrechen, von empörenden Verstößen gegen die sittlichen Gebote, ohne dass dadurch der Gang der Entwicklung merklich beeinflusst wurde; nur als ein Entwicklungsprozess, der durch die Umwälzung materieller Kräfte vorwärts getrieben wird, ist diese Geschichte zu verstehen. Die Sozialdemokratie hat sich diese realistische Weltbetrachtung zu eigen gemacht, indem sie nicht auf die Aufrüttelung des sittlichen Bewusstseins aller braven Menschen, sondern auf die Organisation des Klassenkampfes ihr einziges Augenmerk richtet.

Wie ist dann möglich, dass trotzdem die Behauptung aufgestellt wer den kann, der Marxismus habe eine ethische Grundlage? Marx’ Werk ist nicht einfach eine kühle Darstellung der kapitalistischen Entwicklung; die ganze Glut der Empörung quillt jedes Mal durch seine Beschreibungen der schamlosen Ausbeutung hervor; mit leidenschaftlicher Begeisterung ruft er zum Kampfe gegen die Klassenherrschaft und überall leuchtet das Ideal des Sozialismus zwischen den wissenschaftlichen Darstellungen hindurch. Und genau so wie er legt auch die kämpfende Sozialdemokratie von heute an die bestehende Welt den Maßstab der künftigen, von ihr erstrebten Welt an; sie denunziert die Ausbeutung, donnert gegen die Rechtsbrüche und Gewaltakte des Klassenstaates und weckt bei den Arbeitern Solidarität, Opfermut und Hingabe an unser großes Ideal. So scheint die ganze Praxis der heutigen Arbeiterbewegung im Grunde ethisch zu sein; sie lässt nicht kühl die Welt sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln, sondern greift aktiv, mit aller Wucht der Leidenschaft ein; sie bewertet und urteilt, verurteilt das Schlechte, preist das Gute und erhebt das höchste sittliche Ideal, die Gleichheit aller Menschen, zum eigenen Ziel – und dabei handelt sie genau so wie Marx auch.

Aber es wäre ein großer Irrtum, hier einen Widerspruch zu der materialistischen Grundlage des Marxismus finden zu wollen. Die Entwicklung der Gesellschaft, deren Gesetze Marx aufgestellt hat, ist keine Entwicklung, an der die Menschen keinen Teil haben und die sich ohne ihre Mitwirkung von selbst durchsetzen könnte. Die Ge setze der gesellschaftlichen Entwicklung sind nichts anderes als die Gesetze des menschlichen Handelns selbst. Die menschliche Aktivität wird immer vorausgesetzt; aber diese ist nicht der Regellosigkeit zufälliger Willkür unterworfen, sondern sie wird durch die materiellen Verhältnisse bestimmt. Der Sozialismus kommt nur, weil die Arbeiterklasse mit Leidenschaft eingreift und kämpft; aber dieser Kampf und seine Formen, diese Leidenschaft, werden selbst erst durch die Entwicklung des modernen Kapitalismus hervorgerufen. Die materielle Grundlage der Welt, die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt die neuen Formen der Gesellschaft, aber nur vermittels des menschlichen Handelns.

Damit wird auch das Verhältnis zwischen Marxismus und Ethik klargestellt. Die materialistische Lehre von Marx leugnet die Ethik nicht, auch nicht die Macht der ethischen Empfindungen. Aber sie leugnet, dass diese Empfindungen in einer über den Menschen schwebenden Ethik wurzeln, sie erklärt die Ethik selbst als ein Produkt der materiellen Faktoren der Gesellschaft. Die Tugend, die jetzt in den Arbeitern aufwächst, ihre Solidarität und Disziplin, ihre Opferfreudigkeit und Hingabe für die Klassengemeinschaft und für den Sozialismus, bilden eine Grundbedingung für die Aufhebung der Ausbeutung; ohne diese neue Sittlichkeit des Proletariats wird der Sozialismus nicht zu erkämpfen sein. Aber sie wächst nicht ursachlos von selbst in den Arbeitern empor; sie ist ein Produkt des Kapitalismus, der Ausbeutung, der Betriebskonzentration, der Kampfeserfahrungen, kurz, der ganzen materiellen Lebenslage des Proletariats.

Beweist aber nicht unser Ideal der Gleichheit aller Menschen, der Aufhebung aller Ausbeutung, dass in Wirklichkeit die Ethik mit ihrem ewigen Prinzip, der Mensch dürfe nur (als) Zweck, niemals als Mittel zu einem Zweck betrachtet werden, das Fundament des Sozialismus ist? Nein. Denn dieses Ideal konnte selbst nur als Produkt einer materiellen Entwicklung der Gesellschaft emporkommen und mächtig werden. Nicht weil immer mehr Menschen die Ausbeutung als unsittlich ansehen, geht es mit dem Kapitalismus zu Ende, sondern weil es mit dem Kapitalismus zu Ende geht, weil die Ausbeutung immer überflüssiger und unhaltbarer wird, wird sie von immer mehr Menschen als unsittlich verurteilt. So lange die Klassenherrschaft notwendig und unentbehrlich ist, kann sie nicht von einer machtvollen Masse als unsittlich empfunden und aufgehoben werden. In dem Maße, wie eine neue Gesellschaft ohne Klassenherrschaft möglich und notwendig wird, wird auch das Ideal der Gleichheit aus einer machtlosen Gelehrtenphrase zu einer lebendigen, weltumwälzenden Macht, die die Massen begeistert und mitreißt. Aber deshalb soll noch nicht alles, was in den Streitrufen und Kampfesworten – weder bei Marx, noch bei den heutigen Sozialdemokraten – donnert und tobt, anklagt und verflucht, anfeuert und begeistert, als Ethik bezeichnet werden. Das wäre die biedere, salbungsvolle Predigermoral, die Ideologie der selbstzufriedenen Bourgeoisie, die die ganze Welt in Ethik auflöst. Für sie besteht alles Handeln der Menschen nur in Gut und Böse; statt es als natürliche und notwendige Ausflüsse der Verhältnisse zu begreifen, stellt sie sich zufrieden, die eigene Tugend zu loben und die Gemeinheit des Gegners zu tadeln. Mit dieser ethischen Weltbetrachtung hat die Praxis der Arbeiterbewegung nichts gemein. Wenn wir die scheußlichen Verbrechen des Kapitals an Leben und Gesundheit der Arbeiter denunzieren und gegen die Gewalttätigkeit und das Unrecht der Regierungen auftreten, hat das nichts mit dem Standpunkt eines Tugendboldes zu tun, der sich sittlich entrüstet über so viel Bosheit. Sondern es ist der Schrei der Empörung der Gepeinigten und Unter drückten selbst, die darunter leiden, der drohende Schrei des Hasses gegen die Peiniger; es ist der Ruf des Kämpfers, der unter Hinweis auf die erlittenen Qualen die noch schlafenden und ängstlichen Kameraden zum Kampfe auffordert. Und dieser Schrei der Empörung, dieser flammende Aufruf zum Kampfe, ist gerade so wenig Ethik, wie der Schmerzensschrei eines gequälten Tieres, wie das anfeuernde Hurra einer für die Freiheit kämpfenden Kriegerschar. Es ist die Natur selbst, die sich darin Bahnen bricht. Wer zerdrückt und geschunden wird, muss sich wehren, er kann nicht anders; nicht irgendeine sittliche Entrüstung über den Bedrücker, sondern das einfache Naturgesetz der Selbsterhaltung zwingt ihn dazu. So liegt die Sache auch mit der Arbeiterbewegung: Sie tritt nicht als der tugendhafte Ritter auf, der aus ethischer Empörung über die Unsittlichkeit des Kapitalismus die Menschheit davon befreit, sondern sie bekämpft den Kapitalismus, weil sie muss, weil ihr sonst keine Rettung bleibt, weil sie sonst von der schweren Wucht des Kapitals einfach zerschmettert werden würde.

So ist das Gerede über den Ethiker Marx in doppelter Hinsicht unrichtig. Nicht die Ethik bildet die Grundlage des Marxismus, sondern umgekehrt gibt der Marxismus der Ethik erst eine materialistische Grundlage. Und die gewaltige Leidenschaft der Kritik und des Kampfes, die durch die Zeilen von Marx' Schriften loht, hat auch nichts mit Ethik zu tun; sie bezeugt bloß, dass er in seiner Wissenschaft und Kritik des Kapitalismus nur der Vertreter und Vorkämpfer des ausgebeuteten Proletariats war, der seine Empfindung verdolmetschte, und ihm in seinem Werk eine Waffe des Kampfes für seine Befreiung gegeben hat.


Zuletzt aktualisiert am 13 Dezember 2019