Anton Pannekoek

 

Massenaktionen

(11.11.1911)


Zuerst erschienen in der Presse Korrespondenz der Bremer B├╝rgerzeitung vom 11.11.1911.
Abgedruckt in Claudio Pozzoli (Hrsgb.): Jahrbuch Arbeiterbewegung 1975, Frankfurt a.M.: Fischer, 1975, S. 140–144.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


In der Neuen Zeit hat Kautsky vor kurzem eine Reihe von Artikeln über die Aktion der Masse veröffentlicht [1*], worin er untersucht, welche Rolle bisher Massenaktionen in der Geschichte spielten, und ob solche Aktionen auch für die Zukunft zu erwarten sind. Der Anlass zu dieser Untersuchung ist zweifellos in der Tatsache zu finden, dass in den letzten Jahren Massenaktionen in der proletarischen Bewegung immer mehr hervortraten und dass in den Diskussionen immer mehr auf sie als neue taktische Waffe des Proletariats hingewiesen wurde. Daher muss von vornherein betont werden, dass dabei unter Massenaktion etwas anderes verstanden wurde als in diesen Artikeln. Kautsky behandelt ausdrücklich die Aktion unorganisierter Massen; er musste das tun, weil in der bisherigen Geschichte die große Volksmasse immer unorganisiert war, sich nur für einen Augenblick durch einen gemeinsamen Willen zusammenfand und dann wieder zerfiel. Auch heute ist die große Masse noch unorganisiert; wer also an eine Aktion der ganzen großen Volks masse denkt, muss notwendig die Aktion unorganisierter Massen untersuchen. Wo aber in den Parteidiskussionen der letzten Zeit über Massenaktionen geredet wurde, handelte es sich immer um die Aktion organisierter Massen. Es handelt sich nicht darum, statt der kleinen Kerntruppe von Organisierten das ganze noch unorganisierte Volk ins Feld zu führen, sondern um eine neue Betätigungsweise der organisierten Massen.

Fragen, die die Parteidiskussion lebhaft beschäftigen, sind nie abstrakte oder weit abliegende theoretische Fragen, sondern Fragen der unmittelbaren Praxis. Die Praxis des modernen Kapitalismus hat den organisierten klassenbewussten Arbeitern neue Aktionsformen aufgezwungen. Bisher bestand ihre Praxis in den Wahlen, dem parlamentarischen Kampf ihrer Vertreter und dem gewerkschaftlichen Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Die imperialistische Entwicklung hat nicht nur das Wettrüsten gesteigert, hohe Zölle, Verbrauchssteuern und Teuerung gebracht, die Macht des Unternehmertums und die Reaktion im Inneren gestärkt, sie hat auch den Einfluss des Parlaments in hohem Maße verringert. Daher müssen die Massen den politischen Kampf schärfer aufnehmen, während zugleich die bisherige Methode, der Kampf im Parlament, wirkungsloser wurde. Sie mussten also selbst auf den Plan treten und ihre Stimme unmittelbar hören lassen. Der Kampf für das demokratische Wahlrecht, die Teuerung und die Kriegsgefahr bildeten nacheinander den Anlass zu solchen Massenaktionen. Wenn wir also über Massenaktionen und deren Notwendigkeit reden, meinen wir damit nichts weiter als eine politische Betätigung der organisierten Arbeiterschaft, wobei sie nicht durch Vertreter, sondern unmittelbar selbst auftritt.

Unsere Massenaktionen haben daher auch ein anderes Ziel und eine andere Wirkung als jene alten Volksbewegungen. Für die politische Revolution, für die Eroberung der Macht sind unsere Bataillone noch nicht stark genug; zunächst handelt es sich nur um die Kundgebung des proletarischen Willens, um ihn möglichst stark gegenüber den anderen mächtigen Kräften in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Allerdings ist die Eroberung der Macht auch unser Endziel; aber wir wissen, dass sie nur durch eine organisierte, sozialistisch aufgeklärte Volksmehrheit möglich ist. Daher ist das unmittelbare Ziel aller Aktionen Steigerung unserer Macht; auch unsere Massenaktionen haben diese Wirkung, weite Kreise aufzurütteln, politisch aufzuklären und zur Organisation heranzuziehen; und damit wächst der Umfang der Masse in der Aktion. Das stetige Aufbauen unserer Organisationsmacht ist der Inhalt alles proletarischen Fortschreitens, das bleibende Resultat aller Kämpfe. Dadurch unterscheiden sich die heutigen Massenaktionen von den früheren; früher konnte die Volksmacht nicht stetig und sicher aufgebaut werden, sondern sie konnte sich nur in plötzlichen, gewaltsamen Erhebungen zeigen; die Massenaktionen mussten entweder das ganze Ziel erobern, oder sie scheiterten. Unsere Massenaktionen können nicht scheitern, weil wir über die Waffe der Organisation verfügen und dadurch die Volksmacht allmählich und unerschütterlich aufbauen können, bis zu dem Grade, dass der Sieg über die Staatsgewalt der Bourgeoisie dem Zufall völlig entrückt ist.

Damit ist aber die Frage der Zukunft der Massenaktionen nicht gelöst. Denn Kautsky weist mit Recht darauf hin, dass die moderne Entwicklung des Kapitalismus ähnliche Situationen schafft, wie diejenigen, die früher spontane revolutionäre Volkserhebungen erzeug ten. Die Geschichte wird nicht einfach darauf warten, bis wir durch unsere allmählich steigenden Massenaktionen die proletarische Armee systematisch ausgebaut haben; es können unerträgliche Verhältnisse eintreten, wodurch plötzlich die ganze millionenköpfige Volksmasse gegen die Regierenden in den Kampf getrieben wird. Kautsky weist nach, dass der Parlamentarismus, anstatt solche Massenaktionen überflüssig zu machen, vielmehr erst recht ihre Grundbedingungen verwirklicht, indem er die entlegensten Volkskreise zum politischen Kampf aufrüttelt. Und Teuerung und Krieg, die beiden großen historischen Ursachen der Revolutionen, tauchen auch jetzt wieder als furchtbare Gespenster in nächster Nähe vor den Au gen der erschreckten Volksmassen auf. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass sie das ganze Volk aufpeitschen, und ähnlich wie in früherer Zeit, gewaltige Aktionen der zumeist noch unorganisierten Massen herbeiführen.

Aber solche Aktionen der Massen werden sich doch erheblich von früheren Volksbewegungen unterscheiden. Dass heute starke Kerntruppen in der Gestalt der bestehenden Arbeiterorganisationen bestehen, die naturgemäß die Führung übernehmen, ist dabei noch nicht das Wesentliche, wenn es auch von großer Bedeutung ist. Das Wesentliche ist die ganz andere Klassenzusammensetzung der modernen Massen. Die alten Massen waren kleinbürgerlich; sie bestanden aus Handwerkern und Arbeitern im Kleinbetrieb, gelegentlich durch eine Aktion der Bauern ergänzt. Die heutigen Massen sind Arbeiter im Dienste des Großkapitals. Die Lebensverhältnisse einer Klasse bestimmen ihre Anschauungen, ihren Charakter und ihre Aktionsweise. Der Unterschied im Klassencharakter, der Gegensatz zwischen der kleinbürgerlichen und der proletarischen Klassenpsychologie ist viel wesentlicher als der Unterschied, ob die Arbeiter jetzt – oder in nächster Zukunft – organisiert oder unorganisiert sind. Wiederholt ist schon darauf hingewiesen, dass nicht alle Arbeiter schichten in demselben Maße organisierbar sind. Und gerade die Arbeiter in den kapitalistisch höchst entwickelten und konzentriertesten Betrieben, in der kartellierten schweren Industrie, in dem Eisenbahnbetrieb, teilweise auch in den Bergwerken, stehen in der Organisation weit hinter denen der weniger konzentrierten Großindustrie zu rück. Die Ursache liegt darin, dass die Macht des Kapitals ihnen gegenüber so ungeheuer groß und erdrückend auftritt, dass Widerstand auch mittels Organisation aussichtslos erscheint. Diese Massen sind in ihrem tiefsten Charakter so proletarisch wie keine anderen; in der Schule der kapitalistischen Produktion haben sie eine instinktive Disziplin erlernt. Wo sie ein einziges Mal plötzlich in den Ausstand traten – ihre Kämpfe tragen den Charakter spontaner Rebellionen – da haben sie eine erstaunliche Solidarität und Disziplin gezeigt; in Amerika hat z.B. die unerschütterliche Festigkeit der unorganisier ten Streikenden gegen die mächtigen Trusts die alten Gewerkschaften nur zu oft beschämt. Sie haben natürlich nicht die Erfahrung, die politische Einsicht, die Ausdauer, die sie auch bei Niederlagen aufrecht erhalten und die nur aus der längeren Praxis hervorgehen können; daher sinken ihre gewaltigen Erhebungen oft wieder rasch zusammen. Aber sie sind völlig verschieden von dem Individualismus des unorganisierten Kleinbürgertums; ihre Klassenlage bewirkt, dass sie blitzschnell die Lehren der Organisationen und des sozialistischen Klassenbewusstseins auffassen und anwenden werden. Jetzt sind sie unorganisiert; sobald durch irgend ein Ereignis ihnen die Macht des Kapitals nicht mehr überwältigend und unantastbar erscheint, werden sie mit ins Feld rücken, und in den Massenaktionen vielleicht eine noch größere Rolle spielen als die Masse der jetzt Organisierten.

Geht damit der Gegensatz zwischen organisierten und unorganisierten Massen auf ein kleines Maß zurück, so ändert sich auch die Bedeutung der Organisation im Massenkampfe. Die bewusste Vorbereitung, die einheitliche Leitung und der Beamtenapparat, der die Erfolge festzuhalten hat, gehören zu den festen Vereinsformen, worin sich jetzt das Organisationsleben betätigt. Diese Formen können im Kampfe zugrunde gehen; das Wesentliche aber, das bleibt, ist der Organisationsgeist, die Disziplin, die gleichsam instinktiv zum organisierten, geschlossenen Handeln führt und sich in jeder neuen Situation die Formen und Organe schafft, worin der Wille der Massen sich Ausdruck verschaffen kann. Dieser Organisationsgeist, der aus der proletarischen Klassenlage entspringt, der in dem ganzen modernen Proletariat schlummert und oft nur auf den richtigen Stoß wartet, gibt nicht nur unseren heutigen Massenaktionen, sondern auch den künftigen größeren Aktionen der Masse einen ganz neuen Charakter, der sie völlig von allen früheren Massenbewegungen unterscheidet.

Anmerkung der Herausgeber

1*. Vgl. Karl Kautsky, Die Aktion der Masse, in: Die Neue Zeit, 30. Jg. (1911/12), Bd. 1, S. 43 ff- 77 ff, 106 ff.


Zuletzt aktualisiert am 14. Dezember 2019