Conrad Schmidt


Sombarts Buch über
den modernen Capitalismus

(1902)


Quelle: Conrad Schmidt, Sombarts Buch über den modernen Capitalismus, Sozialistische Monatshefte, 6 = 8. (1902), 9, S. 678–685.
Transkription: Daniel Gaido.
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Seil langem ist auf dem Gebiete der politischen Oekonomie kein so interessantes, mit so bewusster, consequenter Eigenart geprägtes und daher au fruchtbaren Anregungen zum Selbstdenken so reiches Werk erschienen, wie die beiden von der Genesis und der Entwickelung des Capitalismus handelnden Bände Sombarts. [1] Die gleichmässige Beherrschung des massenhaften in den letzten Jahrzehnten angesammelten ökonomisch-descriptiven Wissensstoffes, der Umfang, in dem die einschlägige, nicht nur ökonomische, sondern auch rein historische Litteratur, durch eigene Quellenstudien ergänzt, überall methodisch zu Rate gezogen wird, erscheint bei dem so ausserordentlich weit gespannten Rahmen der Erörterungen geradezu erstaunlich. Schon das allein würde dem Buche eine hohe Bedeutung sichern. Aber freilich, an Fleiss und Gelehrsamkeit in den ökonomischen Forschungen hat es auch die durch Schmoller als einen Hauptvertreter repräsentierte sogenannte historische Schule nicht fehlen lassen. Das eigentlich Entscheidende, das, was Sombarts Werk, wie sehr es durch die Vorarbeiten dieser Schule bedingt ist, weit über das allgemeine Niveau heraushebt, ist, dass hier endlich wieder einmal in der Verwertung des Wissens ein echt theoretischer Sinn, ein ernstes, leidenschaftliches Bemühen, des Stoffes auch begrifflich Herr zu werden, ihn unter klaren und consequent festgehaltenen Gesichtspuncten sozusagen von innen heraus entwickelnd klarzulegen, hervorbricht.

Die höchste Manifestation theoretisch-methodischen Geistes in der Oekonomie ist Marx. Das Bekenntnis. Oekonomie theoretisch-methodisch treiben zu wollen, ist ein Bekenntnis, zwar nicht zum Marxschen System – denn welches System in welcher Wissenschaft wäre ein definitives, ein für allemal gesichertes? –, wohl aber ein Bekenntnis zu dem allgemeinen Geist, zu dem intellectuellen Willen, aus welchem heraus jenes unvergleichlich tiefste aller ökonomischen Systeme geschaffen ist. Und Sombart macht aus diesem seinem Verhältnis zum Geiste des Marxismus kein Hehl.

„Was mich von Schmoller und den Seinen trennt," so resümiert er seine Auseinandersetzung mit der historischen Schule, „ist das Constructive in der Anordnung des Stoffes, ist das radicale Postulat einheitlicher Erklärung aus letzten Ursachen, ist der Aufbau aller historischen Erscheinungen zu einem socialen System, kurz ist das, was ich als das specifisch Theoretische bezeichne. Ich könnte auch sagen: ist Karl Marx.“

Das muss professoralen Ohren bitter klingen, und um so bitterer, je richtiger es ist. Ueberau durch das ganze Werk hin lässt sich im Positiven wie im Negativen der Einfluss, den die marxistische Denkweise ausgeübt hat, verspüren. Dabei ist aber nichts, was bloss mechanisch hinübergenommen wäre. Alles ist durch das eigene Denken hindurchgegangen, einer zerlegenden und oft positiv umformenden Kritik unterzogen, einer Kritik, der, wie es sich unter diesen Umständen von selbst versteht, jede Spur schönfärberischer Apologetik, all die Verherrlichungs- und Entrüstungssentiments, mit denen die sogenannte ethische Nationalökonomie ihre Gutgesinntheit eifervoll zu beweisen trachtet, vollkommen fern liegen.

Der geistige Zusammenhang mit dem Marxismus schliesst natürlich nicht aus, dass die Problemstellung, von welcher Sombart in seiner Betrachtung des modernen Capitalismus ausgeht, und dass mit der Problemstellung zugleich auch seine Methode der Darstellung von der im Marxschen Capital vorwiegend angewandten Methode wesentlich abweicht. Es sind einige der glänzendsten und berühmtesten Ausführungen des Marxschen Werkes, die von der Entwickelung des Capitalismus gegenüber den überkommenen bäuerlich-grundherrlichen und handwerksmässigen Wirtschaftsformen handeln; niemand vor Marx hat den rein historischen Charakter des Capitalismus in seiner specifischen Unterschiedenheit von jenen früheren Formen mit einer gleichen in die Tiefe dringenden Kraft dargestellt. Aber die historischen Streiflichter sind in der Gesamtdarstellung des Capitals doch nur ein Moment. Das, worauf es Marx (theoretisch) in erster Reihe ankommt, ist nicht sowohl die Frage, wie sich der Capitalismus historisch durchsetzt, sondern, wie in einer rein capita1istischen Wirtschaft die Production, der Umlauf und die Verteilung der Güter als durch bestimmte Gesetze der Preisbildung geregelte Erscheinungen begrifflich klar zu erfassen seien. Und die Methode, die er zur Lösung dieser Frage einschlägt, ist – im scharfen Gegensatze zu seiner sonstigen historisch-relativistischen Auffassung – bekanntlich dadurch charakterisiert, dass er aus dem Begriff des Warenaustausches rein rationalistisch, nicht causal erklärend ein sozusagen apriorisches Gesetz der Wertbestimmung, sein berühmtes Arbeitswertgesetz, ableitet und dass er dann von hier aus die Gesetze der capitalistischen Wirtschaft in der Beziehung, die zwischen ihnen und diesen hypostasierten Grundgesetze besteht, klarzulegen, sie unter einem einheitlichen Gesichtspunct zu begreifen sucht.

Der Grundgedanke der grossartigen Conception, dass jede tieferdringende Betrachtungsweise die Waren, deren Preisbildung in einer capitalistischen Wirtschaft erforscht werden soll, zugleich als Arbeitsquantitäten zu betrachten und auf das zwischen den Arbeitsmengen und Preisgrössen der Waren etwa bestehende Verhältnisse principiell zu reflectieren habe, wird ebenso, wie eine Reihe der von Marx auf diesem Wege gewonnenen tiefen Einsichten, zweifellos bestehen bleiben, auch wenn es sich herausstellen sollte, dass die Methode, um den Anschluss an die causal bedingte, genetisch entwickelte Wirklichkeit zu gewinnen, einer wesentlichen Umbildung unterzogen werden muss.

Indem das Wertgesetz als ein die Preisbildung regulierendes von vornherein rationalistisch unterstellt wird – statt dass man umgekehrt von dem real motivierten, durch das Streben nach dem lohnenden und möglichst hoch lohnenden Preis charakterisierten Preisbildungsprocess dann daraufhin untersucht, warum und inwiefern ihm zugleich etwa eine unbewusste Tendenz innewohne, das Preisverhältnis der verschiedenen Waren in Proportion zu den relativen Arbeitsmengen der Waren zu bringen, welche Momente hierbei in der Richtung dieser Tendenz, welche dagegen wirken u. s. w. –, wird durch jene anfängliche Unterstellung nicht nur ein weit abführender Umweg eingeschlagen, der dann nachträgliche Correcturen (Widerspruch des durch die Concurrenz bedingten Gesetzes der Profitnivellierung und des Wertgesetzes) erheischt, sondern, was schlimmer ist, man kommt selbst durch diese Correcturen nicht mehr auf die einmal verlassene Heerstrasse der Wirklichkeit zurück. Bewirkt, wie es sich schliesslich herausstellt, die Concurrenz, dass die Einzelpreise der Waren nicht mit ihren nach dem Wertgesetz berechneten Werten, die Einzelprofite capitalistischer Unternehmungen nicht mit den nach eben diesem Wertgesetz berechneten, von den einzelnen Unternehmungen extrahierten Mehrwertmengen zusammenfallen können, so ist nicht abzusehen, wie die Concurrenz es dann anstellen soll, dass die Summe aller Preise mit der Summe der nach dem Wertgesetz berechneten Werte, die Summe aller Profite (und sonstigen Capitalgewinnste) mit der Summe der so berechneten Mehrwerte zusammenfallt. Und wenn sich diese Annahme für die reine, höchstentwickelte capitalistische Gesellschaft nicht erweisen lässt, so ist sie für die sich erst entwickelnde capitalistische Gesellschaft offenbar gani unfruchtbar, da hier die Abnehmer der capitalistisch erzeugten Waren, die mit dem Preise der Waren zugleich auch die profitbildenden Preisaufschläge als Tribut an das Capital zu entrichten haben, zum grossen Teil noch ausserhalb des capitalistischen Systems stehen, also als blosse Käufer, die nicht zugleich Lohnarbeiter sind, tributär gemacht werden.

Das hebt auch Sombart in dem knapp gehaltenen, aber gut orientierenden, in vielen wichtigen Puncten sich eng an die Marxsche Analyse anschliessenden Capitel über Begriff und Wesen des Capitalismus hervor, ohne indes auf eine kritisch-methodische Untersuchung der von Marx in seiner Wert- und Mehrwerttheorie behandelten Probleme, der eigentlichen Kernprobleme modern-ökonomischer Theorie, einzugehen. Eine Darlegung der „Gesetze capitalistischer Wirtschaft in ihren Verzweigungen“ soll nach dem Plane des Werkes erst in einem spätem Teile folgen. Dies einstweilige Beiseiteschieben der in dem Vordergrund aller theoretischen Controversen stehenden Fragen hat aber mit der Ratlosigkeit eines billigen Eklekticismus ganz und gar nichts zu thun und selbstverständlich, ebenso wenig mit der Scheu vor etwa unliebsamen Consequenzen. Dass der Profit notwendig die Aneignung unmittelbar Güter producierender Arbeitsmengen ohne Aequivalent eigener materieller Arbeit in sich schliesst, dass er in diesem Sinne nur durch Aneignung fremder Arbeitserträge, durch „Mehrarbeit“ der materiellen Arbeiter möglich ist, wird vielmehr mit allem Nachdruck hervorgehoben und bildet einen der Grundgedanken, an den sich die weiteren Untersuchungen des Sombartschen Buches angliedern. Nicht die vom Capital angeeignete Mehrarbeit, nur das restlose Zusammenfallen dieser Mehrarbeit mit der von der Lohnarbeiterclasse producierten, auf Grundlage des Wertgesetzesberechneten Mehrwertsumme ist es, das hier in Frage gezogen wird. Die „Ethiker“ des Capitalismus können dabei nichts gewinnen.

Wenn Sombart den Profit aus den Preisaufschlägen, durch welche der Capitalist unmittelbar die Verwertung seines Capitalvermögens herbeizuführen sucht, erklärt und nur den ganz allgemeinen Charakter dieser Preisaufschläge, dass sie dem nicht selbst materiell arbeitenden Capitalisten einen Anteil an dem Gesamtproduct der materiellen Arbeit sichern, hervorhebt, so ist er selbst sich völlig klar darüber, dass eine solche Auffassung nur eine relative und vorläufige sein kann, dass sie die Probleme, um welche die Marxsche Mehrwerttheorie sich bemühte, nicht löst, sondern, wie gesagt, nur hinausschiebt. Aber für die Zwecke, die Sombart in diesen beiden ersten Bänden verfolgt, für den Gesichtspunct, unter dem er den modernen Capitalismus betrachtet, genügt diese provisorische Auffassung. Hätte dieselbe vertieft und ausgebaut werden sollen, so wäre der Zusammenhang unterbrochen worden, ohne dass für die genetische Erkenntnis des Capitalismus ein bedeutsames Plus von Einsichten gewonnen wäre. Die Theorie, die Sombart geben will, soll eben – das ist der wenigstens in diesen beiden ersten Bänden consecquent festgehaltene Grundgedanke – nicht sowohl eine Theorie des Capitalismus, als eine Theorie der capitalistischen Entwickelung sein. Das Begreifen der Entwickelung, die zu der Herrschaft eines Wirtschaftssystems führt, setzt nun freilich einen Vorbegriff dieses Systems voraus, aber doch eben nur einen Vorbegriff. Es ist nicht nötig, dass alle in dem Vorbegriff latent enthaltenen Probleme schon im voraus aufgewiesen werden oder gar der Weg zu ihrer Lösung gezeigt sei. Die Frage, ob und inwieweit etwa Preis und Profit von den in den Waren unmittelbar verkörperten Arbeitsmengen abhängig sind, nach welchen näher bestimmten Gesetzen durch Vermittelung von capitalistischem Kauf und Verkauf das gesamte volkswirtschaftlich verausgabte Arbeitsquantum unter die verschiedenen Classen der capitalistischen Gesellschaft verteilt wird, hat für die Darlegung der historischen Voraussetzungen des Capitalismus und der Bedingungen seines siegreichen Vordringens gegenüber den altüberlieferten Wirtschaftsformen nur geringe Bedeutung. Es ist die von der Marxschen abweichende Problemstellung Sombarts, die ein solches Hinausschieben der theoretisch schwierigsten Fragen nicht nur gestattet, sondern in gewissem Sinne geradezu verlangt. Der Unterschied ist darin begründet, dass die Frage nach der Theorie der capitalistischen Entwickelung, die bei der Marxschen Problemstellung der Frage nach der Theorie der reinen, höchstentwickelten capitalistischen Volkswirtschaft untergeordnet erscheint, bei Sombart als Grundproblem und letzthin bestimmendes Moment in den Vordergrund rückt.

Aber lässt denn das Geschichtliche überhaupt eine theoretische, das Mannigfaltige methodisch und systematisch unter einheitlichen Gesichtspuncten ordnende und erklärende Betrachtungsweise zu, kann man anders, als etwa in bloss figürlichem Sinne, von einer „Theorie der capitalistischen Entwickelung“ reden? Das Geleitwort, in dem Sombart diese philosophische Vorfrage erörtert und bejaht, gehört zu den interessantesten Partieen seines Werkes. Es wird da in abstracter Formulierung die Auffassungsweise, die dann in der Bearbeitung des concreten historischen Materials mit plastisch concreter Klarheit hervortritt, deduciert.

Das Problem in dieser abstracten Form ist von Marx nicht gestellt worden, aber die Methode, welche Sombart als Methode theoretisch-historischer Betrachtung ökonomischer Verhältnisse hier entwickelt, ist implicite in der materialistischen Geschichtsauffassung und noch deutlicher in der Art, wie Marx im Capital seine begriffliche Deduction des Capitalismus zum Anknüpfungspunct und zur Richtschnur historischer Forschung macht, teils angelegt, teils direct mit enthalten.

Um unter klaren, einheitlichen und planmässig gruppierten Gesichtspuncten, d. h. theoretisch, die Entstehung eines Wirtschaftssystems in seinen inneren Zusammenhängen zu begreifen, dazu bedarf es, wenn der Vorbegriff desselben und damit der specifisch ökonomische Geist und Wille, der sich in dem betreffenden Wirtschaftssystem auslebt – die „prävalenten Motivreihen" der typischen, führenden Vertreter des neuen Wirtschaftssystems –, richtig fixiert sind, vorerst einmal der Constatierung des Ausgangspunctes dieser Entwickelung. Es muss das geschichtlich vorhergehende Wirtschaftssystem in seiner Psychologie, in seiner Rechtsordnung und seinen realen Existenzbedingungen allgemein charakterisiert werden: hier also, wo es sich um den Capitalismus handelt, das System der mittelalterlichen handwerksmässigen Productions- und Absatzweise. So ist die Basis-gewonnen, um die Bedingungen, unter denen der Process primärer capitalistischer Vermögensbildung und, Hand in Hand damit, die Genesis des neuen, auf mass- und rücksichtslose Capitalverwertung als ökonomischen Endzweck gerichteten Geistes einsetzt, des nähern klarzulegen und dann in grossen Zügen zu verfolgen, wie dieser neue Geist die ihm vorerst noch inadäquaten socialen und technischen Bedingungen der Warenproduction und des Warenabsatzes seinen Bedürfnissen entsprechend schrittweise umgestaltet, welcherlei historische „Verumstandungen“ ihn bei diesem Werke fördern, welche ihn hemmen, und wie er endlich, neben der alten handwerksmässigen Wirtschaft aufgewachsen, von allen Seiten her vernichtend in das Gehege derselben einbricht. So etwa lässt sich im allerailgemeinsten Umriss der Gedankengang, durch den Sombart die Möglichkeit und Eigenart einer theoretischen Behandlung ökonomischer Entwickelungsgeschichte darzulegen sucht, der Plan, dem er in seinem Buche folgt, resümieren. Das Postulat, unterstützt durch die lebensvolle Art, in der Sombart selbst diese Methode handhabt, kann von fruchtbarster Bedeutung für die gesamte historische Oekonomieerforschung werden.

Es wäre das eine Infiltration marxistischen Geistes. Bei allem „extremen Objectivismus“ gilt auch für Marx, ganz so wie Sombart es meint, das Verwertungsstreben des Capitals – das ist ja die prävalente Motivreihe der im Capitalismus „führenden Wirtschaftssubjecle“ – als d'as treibende Moment der Entwickelung. Unter diesem Gesichtspunct wird in den geschichtlichen Parteien des Capital die Entfaltung der modernen Betriebstechnik: Manufactur, Fabrik, Hausindustrie, wird der Kampf um den Arbeitstag, die Gegenreaction der ersten modernen Arbeiterschutzgesetzgebung besprochen, wobei nach allen Richtungen hin Streiflichter auf das allgemeine Wirken dieses neuen capitalistischen Geistes fallen. Und vollends in dem Schlussabschnitt, der über die Vorbedingungen der capitalistischen Productionsweise, über die ursprüngliche Accumulation, die Lostrennung des Arbeiters von den Productionsmitteln und die treibhausmässige Züchtung capitalistischen Reichtums durch die mercantilistische Handels- und Colonialpolitik handelt, tritt das Analogische der Fragestellung und Methode klar hervor. Das Verdienst Sombarts ist nur die Herausschälung, die principielle und erweiterte Explication dieser Methode, ihre kritische, die nächstgelegenen Einwürfe glücklich widerlegende Formulierung und nicht zum wenigsten die selbständige Durchführung derselben auf der Basis massenhaften neuen Materials.

Selbstverständlich kann eine solche Durchführung bei der ausserordentlichen Vielgestaltigkeit der in dieser Entwickelung mitbestimmend eingreifenden Momente und vor allem bei der durchgängig zwischen ihnen bestehenden Wechselwirkung nie eine allseitig erschöpfende sein. Die Methode schreibt nur die allgemeine Richtung vor. Im einzelnen hat individuelle Auswahl des Autors je nach dem Stand der allgemeinen, sowie der eigenen wissenschaftlichen Forschung zu entscheiden, welche der vielerlei verschlungenen Zusammenhänge in der Darstellung ausführlich abgehandelt, welche nur in kurzem Hinweis angedeutet und welche, bei der notwendigen Begrenzung des Stoffes, aus der Betrachtung ausgeschieden werden sollen. Es kann sich, wie weit der Plan eines Werkes – das Sombartsche ist auf eine Reihe von Bänden berechnet – auch gespannt sei, immer nur um Beiträge zu einer Theorie in diesem Sinne Handeln. Und die Beschränkung, die den, Gesamtwerk, wenn Sombart die Vollendung des selben vergönnt sein sollte, notwendig wird anhaften müssen, tritt in dem Teilwerk der beiden ersten jetzt veröffentlichten Bände natürlich noch schärfer hervor. Gar manches, was unter die wichtigsten Bedingungen für die Entwickelung des gewerblichen Capitalismus zählt – nur mit diesem haben es die zwei Bantlu vorerst zu thun –: auswärtiger Handel, Handelspolitik, Entfaltung des Creditsystems u. a. m., ist in den Kreis methodischer Erörterungen nicht mit einbezogen worden, manches, so die neue Technik und das neue Recht, nur ganz summarisch gewürdigt, während z. B. die Neugestaltung des Bedarfs und des Güterabsatzes, sowie der Concurrenzkampf zwischen Capital und Handwerk sehr ausführlich entwickelt wird. Das grosse und so interessante Material, welches die Untersuchungen des Vereins für Socialpolitik über die Lage des Handwerks zu Tage gefördert, ist in weitem Umfang zur Bearbeitung herangezogen und war auch neben den rein methodologischen Erwägungen wohl der Anlass, dass Sombart seine Darstellung speciell auf die Verdrängung des Handwerks durch den Capitalismus so nachdrücklich pointiert und ausgesponnen hat. Darin ist denn zugleich begründet, dass die Darstellung vorwiegend auf die Entwickelung des Capitalismus in der Sphäre der Consumtionsmittelproduction, als der Sphäre, auf die der capitalistische Concurrenzkampf mit dem Handwerk sich im wesentlichen beschränkt, zugeschnitten ist. Um so überraschender ist die logisch-ästhetische Kunst, mit welcher der Verfasser bei der ganz unvermeidlichen Freiheit und Willkür in der Auswahl der Momente doch in allen Teilen die einheitliche Verbindung mit dem Grundgedanken herstellt, wie er, von Fragestellung zu Fragestellung sicher fortschreitend, den Gang seiner Darstellung aus dem vorgesteckten Ziele heraus rechtfertigt und den Leser dies Allgemeine über der zerstreuenden Fülle des Stoffes nie vergessen lässt. Auch das Bekannte gewinnt durch den Zusammenhang, in den es so gerückt wird, eine neue Bedeutung.

Gleich die Explication der mittelalterlichen-handwerksmässigen Wirtschaft, mit der, nach einigen rein theoretischen Erörterungen über Wirtschaft und Betrieb, der erste Band einsetzt, ist in ihrer klaren und durch Klarheit spannenden Gliederung ein kleines Musterbeispiel für die von Sombart geforderte Methodik ökonomisch-historischer Darstellung. Die Belege, die er für seine in mancher Hinsicht von der bisherigen Auffassung bedeutend abweichenden Ansichten vorbringt, sind ebenso interessant, wie sie beweiskräftig erscheinen. Dann folgt jenes oben bereits erwähnte Capitel über Begriff und Wesen des Capitalismus, in dem im Anschluss an den Begriff zugleich die bestimmenden Fragen, die den Leitfaden zu einer Theorie der capitalistischen Entwickelung abgeben sollen, aufgezeigt werden. Es sind die Fragen zunächst nach den subjectiven Voraussetzungen der capitalistischen Production, die Fragen nach der Entstehung einer für capitalistische Zwecke verfügbaren Vermögensbildung und nach dem „Erwachen des Erwerbstriebes“. Die Problemstellung ist der Ausgang höchst interessanter Erörterungen. Insbesondere die Wanderung, die Sombart durch die ganze mittelalterliche Wirtschaftsordnung unternimmt, um der primären capitalistischen Vermögensbildung – dieselbe leitet sich nach seiner Ansicht aus der Capitalisierung ländlicher, insbesondere aber städtischer Grundrenten her – auf die Spur zu kommen, glänzt ebenso durch den Reichtum historischer Ausblicke, wie durch die sichere Planmässigkeit des Vorgehens. Nachdem dann ebenfalls unter dem Gesichtspunct der Geldaccumulation die Colonialwirtschaft abgehandelt und weiterhin einige der hauptsächlichsten Hemmungen capitalistischer Productionsweise – die ungeheure Geldmassen verschlingenden Kriege der frühcapitalistischen Epoche, die langsame Volksvermehrung und der Volksabfluss nach dem freien Siedelungsgebiete der Colonien – besprochen sind, schliesst dieser erste Band mit einer vergleichenden Darstellung deutscher Volkswirtschaft am Ende ihrer frühcapitalistischen, noch vorwiegend handwerksmässigen Periode (um das Jahr 1850) und ihrer gegenwärtigen hochcapitalistischen Gestaltung ab. Der zweite Band, eingeleitet durch einen Excurs über die Neubegründung des Wirtschaftslebens – Gewerbefreiheit, wissenschaftliche, dem rationalistischen, „rechenhaften“ Charakter des Capitalismus entsprechende Revolutionirrung der Technik, neuer Stil des Wirtschaftslebens –, entwickelt dann die weiteren „objectiven Existenzbedingungen“ des gewerblichen Capitalismus: einerseits die Auflösung der alten bodenständigen Wirtschaftsverfassung durch das Eindringen capitalistischer Erwerbsprincipien in die Landwirtschaft und damit die progressiv zunehmende Freisetzung von Arbeitskräften für den gewerblichen Capitalismus, andererseits die capitalistische Städtebildung. Diese ist wieder die Voraussetzung einer gänzlichen Umgestaltung des Bedarfes – Vermehrung der kaufkräftigen Schichten, Verdichtung, Verfeinerung, rapider Modewechsel des Bedarfs –, einer Umgestaltung, die rückwirkend den capitalistischen Unternehmungen erst eine breite Existenzbasis und den Sieg im Concurrenzkampf über das schwerfällige Handwerk sichert. Im Anschluss an diese Umgestaltung des Bedarfs wird die ihm entsprechende den Capitalismus fördernde Umgestaltung des Absatzes, so insbesondere die Neuorganisation des „sesshaften Detailhandels“ mit ihren Hilfsorganen und ihren neuen Geschäftsformen, dargestellt. Der letzte Abschnitt fasst methodisch in trefflicher und origineller Orientierung die mannigfaltigen in jener Umwälzung aller ökonomischen Verhältnisse – der Technik, der Absatzbedingungen und des Bedarfs – begründeten Momente zusammen, die der capitalistischen Unternehmung, ob sie in der Form des Grossbetriebes oder in anderen Betriebsformen – Hausindustrie, capitalistisch geleiteter Kleinbetrieb – auftrete, in allen Sphären des gewerblichen Lebens einen uneinbringbaren Vorsprung in dem Concurrenzkampf mit dem Handwerk garantieren. Es ist eine breit angelegte Revue über die technisch-kaufmännischen Kampfmittel des Capitalismus, durch welche im Sturmschritt weniger Jahrzehnte der Uebergang der „frühcapitalistischen Epoche“ zum „Hochcapitalismus“, speciell auf dem Gebiete der Consumtionsmittelproduction, erzwungen wurde. Die hochcapitalistische Epoche aber – auch hierin denkt Sombart, wie u. a. seine Würdigung der zu Eigenproduction fortschreitenden Consumvereine zeigt, marxistisch – entwickelt „den Keim zu einer principiell neuen Ordnung des Wirtschaftslebens, die bestimmt sein kann, den Capitalismus langsam abzulösen“. Es entspricht das dem allgemeinen Standpunct, den er vor Jahren bereits in seiner kleinen bekannten, die neue „revisionistische Bewegung“ im Princip antecipierenden Schrift: Socialismus und sociale Bewegung im XIX. Jahrhundert vertreten hat.

So wenig diese flüchtige Skizzierung der Ordnung, in der Sombart den Stoff behandelt, ein Bild von dem reichen, durch fesselnde culturhistorische Excurse reizvoll erweiterten Inhalt des Werkes geben kann – ganz zu schweigen noch von der glänzenden Kunst der Stilistik –, mag sie als Hinweis auf das, was uns in erster Reihe an dem Werke bedeutsam erscheint, auf das Wiedererwachen zielbewussten theoretischen Geistes hier genügen. Das hochgesteckte Endziel des Gesamtwerkes ist der Aufstieg von den Einzeluntersuchungen zu einem allgemeinen Ueberblick, zu einem „System der Socialphilosophie“, das, wenn es gelingt, notwendig eine kritische Auseinandersetzung mit der vorerst nur immer noch aphoristisch formulierten materialistischen Geschichtsauffassung, eine methodische Fort- und Umbildung der in dieser grossartigsten Marxschen Conception enthaltenen Grundgedanken wird werden müssen. Vielleicht das höchste Lob, das sich diesen beiden ersten Bänden nachsagen lässt, ist, dass sie durch den Geist, in welchem sie das einzelne behandeln, ein fruchtbares Gelingen auch jenes Endziels erhoffen lassen.

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Fussnote

1. Werner Sombart: Der moderne Capitalismus. Zwei Bände. Leipzig. Verlag von Duncker & Humblot. 1902./p>


Zuletzt aktualiziert am 26. Januar 2020