Victor Serge

 

Die Russische Revolution und der Iran [1]

(1946)


Victor Serge, Für die Erneuerung des Sozialismus: Unbekannte Aufsätze, Hamburg 1975, S.41-42.
Übersetzung aus dem Französischen: Marita Molitor.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive. [1*]


Die Ereignisse im Norden des Iran sind für diejenigen, die die Geschichte der Komintern gut kennen, lediglich eine – mit Erfolg gekrönte – Wiederholung der Ereignisse von 1920/21, die ich in Petrograd und Moskau von den besten Beobachtungsposten aus verfolgte ... Die Russische Revolution, die zu jenem Zeitpunkt blockiert war, versuchte ihren Einfluß in Asien, vor allem in Richtung auf Indien zu vergrößern. 1919 wurde in den nördlichen Provinzen Persiens Aserbeidschan und Gilan, die vom Kaukasus und vom Kaspischen Meer her leicht zugänglich sind, eine Partei gegründet, die von russischen Revolutionären ins Leben gerufen wurde. Die Partei Adaljat wurde in einer der ersten Ausgaben der offiziellen Zeitschrift Die Kommunistische Internationale mit Lobreden bedacht. Die Komintern ließ schnell Propagandaliteratur ins Persische übersetzen, und ich erlebte eine komische Diskussion mit einem persischen Übersetzer, der erklärte, daß es die Wörter „Proletariat, proletarisch“ in seiner Sprache nicht gibt; er hatte sie erfinden müssen ... Der Kern der neuen Partei bestand aus tüchtigen Revolutionären aus Baku und islamischen Kämpfern aus dem Bürgerkrieg, unter denen die Abenteurer natürlich zahlreich vertreten waren. Die Partei vegetierte bis 1920 dahin. Zu diesem Zeitpunkt entfesselte sie am Rand des Kaspischen Meeres, vor allem in Gilan, weil sie in Täbris (Hauptstadt von Aserbeidschan – A.d.Ü.) nicht sehr stark war, einen Aufstand, der ziemlich erfolgreich war und der die Moskauer Zeitungen als Beginn der Revolution bezeichneten. Daß die soziale Situation in Persien sich dafür anbot, darüber besteht kein Zweifel. Elend und Korruption herrschen unter einem zugleich patriarchalischen und unmenschlichen alten Regime. Die Initiative und der größte Teil der aktiven Kräfte kamen dennoch aus Rußland. Ein persischer Intellektueller, Kutschuk-Khan war der namentliche Führer der Bewegung; sein Photo hing lange Zeit in den Museen der Revolution. Es war das Photo eines sehr mageren Mannes mit Brille und europäischem Aussehen. Ich habe allen Grund zu glauben, daß er ein aufrichtiger, idealistischer Kämpfer war. 2-3tausend ausgewählte Partisanen aus den Truppen, die in Rußland den Bürgerkrieg gemacht hatten, von denen viele die Sprache des Landes nicht kannten, bildeten die revolutionäre Armee. Sie unterstanden dem Kommando meines Freundes Jakow Blumkin, der in Moskau den deutschen Botschafter Mirbach getötet hatte und der später die erste Armee der Mongolischen Volksrepublik organisieren mußte und 1929 erschossen wurde, weil er Trotzki in Istanbul besucht hatte. Blumkin und seine Kommissare erhielten ihre Order direkt aus Moskau und nicht vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, das theoretisch die einzige zuständige Obrigkeit gewesen wäre, sondern wie gesagt vom Zentralkomitee der russischen Partei, deren treue Mitglieder sie waren. So erhielten sie eines Tages mitten im Kampf den Befehl, „die Bewegung aufzuhalten und zu liquidieren“. Lenins Zentralkomitee hatte sich davon überzeugt, daß internationale Komplikationen auftreten würden; so nahm er eine versöhnliche Haltung gegenüber England und Frankreich an, und die „Revolution in Persien“ erschien ihm unter diesen Umständen mehr als überflüssig, nämlich lästig. Kutschuk-Khan und seine persischen Freunde verweigerten den Gehorsam, und es war davon die Rede, sie zu erschießen. Ich weiß darüber hinaus nicht, was mit Kutschuk-Khan geschah, ich weiß nur aus Blumkins Mund, daß die Entscheidung getroffen wurde, ihn zu töten, wenn er sich weiterhin weigerte, die Bewegung zu liquidieren. Der Aufstand endete so wie er begonnen hatte. Die russischen Partisanen überquerten die Grenze oder schifften sich auf Feluken ein und kehrten über das Meer nach Baku zurück.

Diese Ereignisse liegen symbolisch zwischen zwei diplomatischen Akten. 1919 hatte Persien seinen Vertrag mit England annulliert; am 26. Februar 1921 schloß Persien einen Vertrag mit der Sowjetrepublik. Die Moskauer Regierung annullierte großzügig alle Abkommen, die die Zaren Persiens aufgezwungen hatten, verzichtete auf die bevorzugte Behandlung der russischen Staatsbürger in Persien, annullierte Persiens Schulden in Höhe von 62 Millionen Rubel an Rußland, verzichtete auch zuvor erhaltene ökonomische Konzessionen, autorisierte Persien, eine Flotte im Kaspischen Meer zu bilden und überließ diesem Land das Grenzdorf Firiuse und die kleine Insel Aschur-Ade. Das war, wie man sieht, gute, intelligente Politik, ein Bruch mit der imperialistischen Tradition, um die Sympathie eines Landes zu gewinnen, das damals eine bedeutende politische Reform durch Risa-Khan erlebte. Persien gewährte den Russen seinerseits Fischereigebiete, verpflichtete sich, keiner anderen Auslandsmacht die Konzessionen, auf die die Russen verzichtet hatten, abzutreten und verpflichtete sich weiterhin, die Rote Armee in sein Territorium zu lassen für den Fall, daß andere ausländische Truppen in das Land eindringen sollten. Die beiden Länder gingen feierlich die Verpflichtung der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten ein. Bis zum 2. Weltkrieg lebten sie unter dieser vertraglichen Regelung in guten Beziehungen.

Die Wirtschaftskarten über Persien, die in der UdSSR vom Staatsverlag und vor allem in den sowjetischen Enzyklopädien veröffentlicht, d.h. von offiziellen Experten ausgearbeitet wurden, bezeichnen trotzdem weiterhin den ganzen Norden Persiens, d.h. alle Länder am Rand des Kaspischen Meeres, des Kaukasus, der Türkei und des nördlichen Irak als „ökonomisch abhängige gebiete der UdSSR“; diese Region umfaßt die Städte Täbris, Meschhed, Kaswin, Astrabad und die Häfen Pehlewi, Khorram-Abad, Bender-Schah und sogar in der Wüste an der Grenze nach Afghanistan die kleinen Städte Turbat, Scheich, Djam und Kariz, mit einem Wort alles, was durch ein Straßennetz mit dem Kaspischen Meer verbunden werden kann. Eine offizielle Karte, die ich besitze, verlegt die Hauptstadt des Iran, Teheran, an die Grenze, fast ins Innere dieser Region.

Mexiko, Januar 1946

 

Anmerkung

1. Das Wissen um die kommunistische Bewegung im Iran und deren Geschichte ist in der BRD-Linken immer noch äußerst gering. Dabei ist, was die antikolonialistische Politik der Komintern und des Stalinismus betrifft, gerade der an die SU angrenzende Iran von modellhafter Wichtigkeit. Einen ersten Einstieg in diese Problematik liefert: Schapour Ravasni: Sowjetrepublik Gilan. Die sozialistische Bewegung im Iran seit Ende des 19. Jahrhunderts bis 1922, Basis Verlag Berlin 1922. Diese Arbeit liefert auch genügend Literatur zur weitere Arbeit. (Anm.d.Verlages)

 

Anmerkung des MIA

1*.In der Ausgabe des Verlags Association wurden alle Substantive außer Eigennamen kleingeschrieben. Wir haben für diese Internet-Ausgabe zwecks Leserlichkeit die normale Großschreibung wiedereingeführt.

 


Zuletzt aktualiziert am 14.10.2003