Eduard Bernstein

Die Voraussetzungen des Sozialismus


Drittes Kapitel
Die wirthschaftliche Entwicklung der modernen Gesellschaft


a) Etwas über die Bedeutung der Marxschen Werththeorie

 

„Woraus nebenbei noch die Nutzanwendung folgt, daß es mit dem beliebten Anspruch des Arbeiters auf den ‚vollen Arbeitsertrag‘ doch auch manchmal seinen Haken hat.“

Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung

Nach der Marxschen Lehre ist, wie wir gesehen haben, der Mehrwerth der Angelpunkt der Oekonomie der kapitalistischen Gesellschaft. Um aber den Mehrwerth zu verstehen, muß man zunächst wissen, was der Werth ist. Die Marxsche Darstellung der Natur und des Entwicklungsgangs der kapitalistischen Gesellschaft setzt daher mit der Analyse des Werthes ein.

Der Werth der Waaren besteht in der modernen Gesellschaft nach Marx in der auf sie aufgewendeten gesellschaftlich nothwendigen Arbeit, gemessen nach Zeit. Bei diesem Maßstab des Werthes ist aber eine Reihe von Abstraktionen und Reduktionen erfordert. Zuerst muß der reine Tanschwerth entwickelt, d.h. vom besonderen Gebrauchswerth der einzelnen Waaren abstrahirt werden. Dann – bei der Bildung des Begriffs der allgemein oder abstrakt menschlichen Arbeit – von den Besonderheiten der einzelnen Arbeitsarten (Zurückführung höherer oder zusammengesetzter Arbeit auf einfache oder abstrakte Arbeit). Hierauf, um zur gesellschaftlich nothwendigen Arbeitszeit als Maßstab des Arbeitswerths zu gelangen, von den Unterschieden in Fleiß, Tüchtigkeit, Ausrüstung der einzelnen Arbeiter, und weiterhin, sobald es sich um Verwandlung des Werthes in Marktwerth, bezw. Preis handelt, von der für die einzelnen Waareneinheiten erforderten gesellschaftlich nothwendigen Arbeitszeit. Aber auch der so gewonnene Arbeitswerth erfordert eine neue Abstraktion. In der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft werden die Waaren, wie ebenfalls schon erwähnt worden, nicht gemäß ihrem individuellen Werthe, sondern zu ihrem Produktionspreise, d.h. dem wirklichen Kostpreis plus einer durchschuittlichen proportionellen Profitrate veräußert, deren Höhe vom Verhältniß des Gesammtwerths der gesellschaftlichen Produktion zum Gesammtlohn der in Produktion, Austausch &c. verwendeten menschlichen Arbeitskraft bestimmt wird, wobei die Grundrente von jenem Gesammtwerth abgezogen und die Vertheilung des Kapital in industrielles, Kaufmanns- und Bankkapital in Rechnung gestellt werden muß.

Auf diese Weise verliert der Werth, soweit die einzelne Waare oder Waarenkategorie in Betracht kommt, jeden konkreten Gehalt und wird zur rein gedanklichen Konstruktion. Was aber wird unter diesen Umständen aus dem „Mehrwerth“? Dieser besteht nach der Marxschen Lehre in der Differenz zwischen dem Arbeitswerth der Produkte und der Bezahlung der in der Produktion derselben von den Arbeitern verausgabten Arbeitskraft. Es ist daher klar, daß in dem Augenblick, wo der Arbeitswerth bloß noch als gedankliche Formel oder wissenschaftliche Hypothese Geltung beanspruchen darf, der Mehrwerth erst recht zur bloßen Formel würde, zu einer Formel, die sich auf eine Hypothese stützt.

Wie bekannt hat Friedrich Engels in einem nachgelassenen Aufsatz, der in der Neuen Zeit vom Jahre 1895/96 abgedruckt ist, auf eine Lösung des Problems durch die geschichtliche Betrachtung des Vorgangs hingewiesen. Das Werthgesetz hat danach wirklich unmittelbar gegolten, es hat den Waarenaustausch unmittelbar wirklich beherrscht in der, der kapitalistischen Wirthschaft vorhergehenden Periode des Waarentausches. So lange die Produktionsmittel dem Produzirenden selbst gehören, sei es, daß urwüchsige Gemeinden den Ueberschuß ihrer Produkte austauschen oder selbstwirthschaftende Bauern und Handwerker ihre Produkte auf den Markt bringen, ist es danach der Arbeitswerth dieser Produkte, um den ihr Preis pendelt. Wie sich aber das Kapital zwischen den wirklichen Produzenten und den Konsumenten schiebt, zuerst als Handels- und kaufmännisches Verlegerkapital, dann als Manufaktur-Kapital und schließlich als großindustrielles Kapital, verschwindet der Arbeitswert immer mehr von der Oberfläche, und in den Vordergrund tritt der Produktionspreis. Die vorerwähnten Abstraktionen sind gedankliche Wiederholungen von Vorgängen, die sich in der Geschichte abgespielt haben und die noch heute nachwirken und sich in bestimmten Fällen und Formen thatsächllch wiederholen. Der Arbeitswerth bleibt Realität, wenn er auch nicht mehr direkt die Preisbewegung beherrscht.

Engels sucht dies in Anknüpfung an eine Stelle ihn dritten Bande des Kapital eingehend an der Hand der Wirthschaftsgeschichte nachzuweisen. Aber so glänzend er das Aufkommen und die Ausbildung der Profitrate veranschaulicht, so fehlt dem Artikel doch gerade da die zwingende Beweiskraft, wo es sich um die Frage des Werthes handelt. Nach der Engelsschen Darstellung soll das Marxsche Werthgesetz fünf bis sieben Jahrtausende, von den Anfängen des Austausches von Produkten als Waaren (in Babylonien, Aegypten &c.) bis zum Aufkommen der kapitalistischen Produktion, allgemein als ökonomisches Gesetz geherrscht haben. Gegen diese Ansicht hat schon Parvus im gleichen Jahrgang der Neuen Zeit einige triftige Einwände geltend gemacht, unter Hinweis auf eine Reihe von Thatsachen (Feudalverhältnisse, undifferenzirte Wirthschaft auf dem Lande, Zunft- &c. Monopole), welche der Bildung eines auf der Arbeitszeit der Produzenten beruhenden allgemeinen Tauschwerths im Wege standen. Ganz offenbar kann Tausch auf Grundlage eines Arbeitswerths so lange nicht allgemeine Regel werden, als die Produktion für den Tausch Nebenzweig der Wirthschaftseinheiten ist, Verwendung von Ueberschußarbeit &c., und als sie bei den austauschenden Produzenten unter grundsätzlich verschiedenartigen Bedingungen erfolgt. Das Problem der Tauschwerth bildenden Arbeit, und damit des Werths und Mehrwerths, liegt auf jenen Stufen der Wirthschaft nicht klarer wie heute.

Was aber dort klarer zu Tage tritt wie heute, das ist die Thatsache der Mehrarbeit. Wo im Alterthum und im Mittelalter Mehrarbeit geleistet wurde, da herrschte über sie keinerlei Täuschung, ward sie durch keine Werthvorstellung verdunkelt. Der Sklave war, wo er für den Austausch zu produziren hatte, reine Mehrarbeitmaschine, der Leibeigene und Hörige leisteten Mehrarbeit in der offenkundigen Form von Frohndiensten, Naturalabgaben, bezw. Zehnten. Der Geselle des Zunftmeisters konnte mit Leichtigkeit übersehen, was seine Arbeit den Meister kostete und wie hoch sie dieser dem Kunden anrechnete. [1] Diese Durchsichtigkeit der Beziehungen zwischen Arbeitslohn und Waarenpreis herrscht auch noch an der Schwelle der kapitalistische|i Periode vor. Aus ihr erklären sich manche uns heute überraschende Stellen in wirthschaftspolitischen Schriften jener Zeit, über die Mehrarbeit und die Arbeit als alleinige Erzeugerin des Reichthums. Was uns als Frucht tieferer Betrachtung der Dinge erscheint, war damals fast Gemeinplatz. Es fiel den Reichen jener Epoche gar nicht ein, ihren Reichthum als Frucht ihrer eigenen Arbeit hinzustellen. Die zu Anfang der Manufakturperiode aufkommende Lehre von der Arbeit als Maß des sich nun erst verallgemeinernden (Tausch-)Werths knüpft zwar an die Vorstellung von der Arbeit als der alleinigen Erzeugeriu des Reichthums an und faßt den Werth noch ganz konkret auf, trägt aber alsbald mehr dazu bei, die Auffassungen von der Mehrarbeit zu verwirren als sie aufzuhellen. Wie dann später Adam Smith auf Grund ihrer Profit und Grundrente als Abzüge vom Arbeitswerth darstellte, Ricardo diesen Gedanken weiter durcharbeitete und Sozialisten ihn gegen die bürgerliche Oekonomie kehrten, kann man bei Marx selbst nachlesen.

Aber bei Adam Smith wird der Arbeitswerth schon als Abstraktion von der vorherrschenden Wirklichkeit aufgefaßt. Er hat volle Wirklichkeit nur „in dem frühen und rohen Gesellschaftszustand“, der der Akkumulation von Kapital und der Aneignung von Land vorhergeht, sowie in rückständigen Gewerben. In der kapitalistischen Welt dagegen sind für Smith neben der Arbeit bezw. dem Lohn, Profit und Rente konstituiremde Elemente des Werthes, und der Arbeitswerth dient Smith nur noch als „Begriff“, um die Vertheiluug des Produkts der Arbeit, d.h. die Thatsache der Mehrarbeit, aufzudecken.

Im Marxschen System ist es prinzipiell nicht anders. Wohl hält Marx den, von ihm viel strenger, aber auch abstrakter gefaßten Begriff des Arbeitswerths sehr viel fester wie Smith. Aber während die Marxsche Schule, darunter der Verfasser dieses, noch des Glaubens war, in der leidenschaftlich diskutirten Frage, ob das Attribut „gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit“ im Arbeitswerth sich nur auf die Art der Herstellung der betreffenden Waare oder auch zugleich auf das Verhältniß der produzirten Menge dieser Waare zur effektiven Nachfrage beziehe, einen Punkt von fundamentalster Wichtigkeit für das System vor sich zu haben, lag im Pulte von Marx schon eine Lösung fertig, welche mit anderen auch dieser Frage ein völlig anderes Gesicht gab, sie auf ein anderes Gebiet, in eine andere Linie schob. Der Werth der individuellen Waare oder Waarenart wird jetzt etwas ganz Sekundäres, da die Waaren sich zu ihrem Produktionspreis – Herstellungskosten plus Profitrate – veräußern. In den Vordergrund rückt der Werth der Gesammtproduktion der Gesellschaft und das Mehr dieses Werthes über die Gesammtsumme der Löhne der Arbeiterklasse, d.h. nicht der individuelle, sondern der ganze soziale Mehrwerth. Was die Gesammtheit der Arbeiter in einem gegebenen Moment über den ihnen zufallenden Antheil hinaus produziren, bildet den sozialen Mehrwerth, den Mehrwerth der gesellschaftlichen Produktion, in den sich die Einzelkapitalisten in annähernd gleicher Proportion nach Maßgabe des von ihnen wirthschaftlich angewandten Kapitals theilen. Aber dieses Mehrprodukt wird nur in dem Maße realisirt, als die Gesammtproduktion dem Gesammtbedarf, resp. der Aufnahmefähigkeit des Marktes entspricht. Von diesem Gesichtspunkt aus, d.h. die Produktion als Ganzes genommen, ist der Werth jeder einzelnen Waarengattung bestimmt durch die Arbeitszeit, die nothwendig war, sie unter normalen Produktionsbedingungen in derjenigen Menge herzustellen, die der Markt, d.h. die Gesammtheit als Käufer betrachtet, jeweilig aufnehmen kann. Nun giebt es jedoch gerade für die hier in Betracht kommenden Waaren in Wirklichkeit kein Maß des jeweiligen Gesammtbedarfs, und so ist auch der wie vorstehend begriffene Werth eine rein gedankliche Thatsache, nicht anders wie der Grenznutzenwerth der Gossen-Jevons-Böhmschen Schule. Beiden liegen wirkliche Beziehungen zu Grunde, aber beide sind aufgebaut auf Abstraktionen. [2]

Solche Abstraktiouen sind natürlich bei der Betrachtung komplizirter Erscheinungen gar nicht zu umgehen. Wie weit sie zulässig sind, hängt ganz vom Gegenstand und Zweck der Untersuchung ab. Von Hause aus ist es Marx ebenso erlaubt, von den Eigenschaften der Waaren soweit abzusehen, daß sie schließlich nur noch Verkörperungen von Mengen einfacher menschlicher Arbeit bleiben, wie es der Böhm-Jevonsschen Schule freisteht, von allen Eigenschaften der Waaren außer ihrer Nützlichkeit zu abstrahiren. Aber die einen wie die anderen Abstraktionen sind nur für bestimmte Zwecke der Beweisführung zulässig, die auf Grund jener gefundenen Sätze haben nur innerhalb bestimmter Grenzen Anspruch auf Geltung.

Wenn es indeß kein sicheres Maß für den jeweiligen Gesammtbedarf einer bestimmte Waarenart giebt, so zeigt die Praxis doch, daß innerhalb gewisser Zeiträume Nachfrage und Zufuhr aller Waaren sich annähernd ausgleichen. Die Praxis zeigt ferner, daß an der Herstellung und Zustellung [3] der Waaren nur ein Theil der Gesammtheit thätig Theil nimmt, während ein anderer Theil aus Leuten besteht, die entweder Einkommen für Dienste genießen, die in keiner direkten Beziehung zur Produktion stehen, oder arbeitsloses Einkommen habe. Von der gesammten in der Produktion enthaltenen Arbeit lebt also eine bedeutend größere Zahl Menschen als daran thätig mitwirken, und die Statistik der Einkommen zeigt uns, daß die nicht in der Produktion thätigen Schichten obendrein einen viel größeren Antheil vom Gesammtprodukt sich aneignen, als ihr Zahlenverhältniß zum produktiv thätigen Theil ausmacht. Die Mehrarbeit dieses Letzteren ist eine empirische, aus der Erfahrung nachweisbare Thatsache, die keines deduktiven Beweises bedarf. Ob die Marxsche Werththeorie richtig ist oder nicht, ist für den Nachweis der Mehrarbeit ganz und gar gleichgiltig. Sie ist in dieser Hinsicht keine Beweisthese, sondern nur Mittel der Analyse und der Veranschaulichung.

Wenn also Marx bei der Analyse der Waarenproduktion unterstellt, daß sich die einzelne Waare zu ihrem Werth veräußert, so veranschaulicht er am koustruirten Einzelfall den Vorgang, wie ihn nach seiner Auffassung die Gesammtproduktion thatsächlich darstellt. Die für die Gesammtheit der Waaren aufgewendete Arbeitszeit ist, in dem vorher bezeichneten Sinne, darnach ihr gesellschaftlicher Werth. [4] Und wenn auch dieser gesellschaftliche Werth sich nicht voll verwirklicht – weil immer wieder Entwerthung von Waaren durch partielle Ueberproduktion stattfindet – so hat das auf die Thatsache des sozialen Mehrwerths oder Mehrprodukts keinen prinzipiellen Einfluß. Das Wachsthum seiner Masse wird gelegentlich verändert oder verlaugsamt, aber noch ist nicht einmal von einem Stillstand, geschweige denn von einem Rückgang seiner Masse in irgend einend modernen Staatswesen die Rede. Das Mehrprodukt nimmt überall zu, aber das Verhältniß seiner Zunahme zur Zunahme des Lohnkapitals ist in den vorgeschrittensten Ländern heute im Fallen.

Damit, daß Marx das hier gegebene Schema des Gesammtwaarenwerths auf die einzelne Waare überträgt, ist bereits angezeigt, daß die Bildung des Mehrwerths bei ihm ausschließlich in die Produktionssphäre fällt, wo es der industrielle Lohnarbeiter ist, der ihn produzirt. Alle anderen, im modernen Wirthschaftsleben thätigen Elemente sind Hilfsagenten der Produktion, die je nachdem indirekt den Mehrwerth erhöhen helfen, indem sie z.B. als Waarenhändler, Geldhändler &c. oder deren Personal der industriellen Unternehmung ihr sonst zufallende Arbeiten abnehmen und so ihre Unkosten verringern. Die Grossisten &c. mit ihren Angestellten sind nur noch verwandelte und differenzirte Kommis &c. der Industriellen, und ihre Profite verwandelte und konzentrirte Unkosten der Letzteren. Die im Lohnverhältniß Angestellten dieser Händler schaffen zwar Mehrwerth für diese, aber keinen gesellschaftlichen Mehrwerth. Denn der Profit ihrer Prinzipale sammt ihren eigenen Löhnen ist ein Theil des Mehrwerthes, der in der Industrie produzirt wurde. Nur daß dieser Theil proportionell geringer ist als er vor der Differenzirung der hier in Betracht kommenden Funktionen war, beziehungsweise ohne sie sein würde. Diese Differenzirung ermöglicht erst die großartige Entwicklung der Produktion und die Beschleunigung des Umschlags des industriellen Kapitals. Wie überhaupt die Arbeitstheilung, erhöht sie die Produktivität des Industriekapitals, beziehungsweise der direkt in der Industrie beschäftigten Arbeit.

Wir begnügen uns mit dieser kurzen Rekapitulation der im dritten Band Kapital niedergelegten Entwicklungen über Waarenhandlungskapital (von dem wiederum das Geldhandlungskapital eine Differenziruug darstellt) und den kaufmännischen Profit. Es erhellt aus ihnen, eine wie enge Begrenzung im Marxschen System die Mehrwerth setzende Arbeit hat. Die entwickelten wie auch andere hier nicht weiter zu erörternde Funktionen sind ihrer Natur nach für das Gesellschaftswesen der Neuzeit unerläßlich. Ihre Formen können und werden unzweifelhaft geändert werden, aber sie selbst werden verbleiben, so lange die Menschheit sich nicht in kleine, in sich abgeschlossene Wirthschaftseinheiten auflöst, wo sie dann theils aufgehoben, theils auf ein Minimum reduzirt werden mögen. In der Werthlehre, die doch für die gegenwärtige Gesellschaft gilt, erscheint jedoch die ganze auf sie entfallende Ausgabe schlechtweg als Abzug vom Mehrwerth, theils als „Unkost“, theils als integrirender Theil der Ausbeutungsrate.

Es liegt hier eine gewisse Willkür in der Werthung der Funktionen vor, bei der nicht mehr die gegebene, sondern eine konstruirte gemeinschaftlich wirthschaftende Gesellschaft unterstellt ist. Dies ist der Schlüssel für alle Dunkelheiten der Werththeorie. Sie ist nur au der Hand dieses Schemas zu verstehen. Wir haben gesehen, daß der Mehrwerth als Realität nur dadurch gefaßt werden konnte, daß die Gesammtwirthschaft unterstellt wurde. Marx ist nicht dazu gekommen, das für seine Lehre so wichtige Kapitel von den Klassen zu vollenden. An ihm würde sich aufs Klarste gezeigt haben, daß der Arbeitswerth absolut nichts als ein Schlüssel ist, ein Gedankenbild wie das beseelte Atom. [5] Ein Schlüssel, der von der Meisterhand Marx’ gebraucht, zu einer Aufdeckung und Darstellung des Getriebes der kapitalistischen Wirthschaft geführt hat, wie sie gleich eindringend, folgerichtig und durchsichtig bisher nicht geliefert wurde, der aber von einem gewissen Punkte ab versagt und daher noch fast jedem Schüler von Marx verhängnißvoll geworden ist.

Vor Allem ist die Lehre vom Arbeitswerth darin irreführend, daß er doch immer wieder als Maßstab für die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten erscheint, wozu unter Anderm die Bezeichnung der Mehrwerthsrate als Ausbeutungsrate &c. verleitet. Daß sie als solcher Maßstab selbst dann falsch ist, wenn man von der Gesellschaft als Ganzem ausgeht und die Gesammtsumme der Arbeitslöhne der Gesammtsumme der übrigen Einkommen gegenüberstellt, ist schon aus dem Vorhergehenden ersichtlich. Die Werthlehre giebt sowenig eine Norm für die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der Vertheilung des Arbeitsprodukts, wie die Atomlehre eine solche für die Schönheit oder Verwerflichkeit eines Bildwerks. Treffen wir doch heute die bestgestellten Arbeiter, Theile der „Aristokratie der Arbeit“, gerade in solchen Gewerben mit sehr hoher, die infamst geschundenen Arbeiter in solchen mit sehr niedriger Mehrwerthsrathe.

Auf die Thatsache allein, daß der Lohnarbeiter nicht den vollen Werth des Produkts seiner Arbeit erhält, ist eine wissenschaftliche Begründung des Sozialismus oder Kommunismus nicht durchzuführen. „Marx hat denn auch“, schreibt Fr. Engels im Vorwort zum Elend der Philosophie, „nie seine kommunistischen Forderungen hierauf begründet, sondern auf den nothwendigen, sich vor unseren Augen täglich nehr und mehr vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise.“

Sehen wir zu, wie es sich damit verhält.
 

b) Die Einkommensbewegung in der modernen Gesellschaft

 

„Stellt sich die Akkumulation so einerseits dar als wachsende Konzentration ... so andererseits als Repulsion vieler individueller Kapitale von einander.

Marx, Kapital I, 4. Aufl. S. 590.

Der Mehrwerth ist nach der Marxschen Lehre das Fatum des Kapitalisten. Der Kapitalist muß Mehrwerth produziren, um Profit zu erzielen, er kann aber nur aus der lebendigen Arbeit Mehrwerth ziehen. Um den Markt gegen seilte Konkurrenten zu sichern, muß er nach Verbilligung der Produktion streben, und diese erreicht er, sobald das Lohndrücken versagt, nur durch Erhöhung der Produktivität der Arbeit, d.h. durch Vervollkommnung der Maschinen und Ersparung menschlicher Arbeitskraft. Mit der menschlichen Arbeitskraft aber setzt er Mehrwerth produzireude Arbeit außer Funktion und schlägt er daher die Henne todt, die ihm die goldenen Eier legt. Ein sich schrittweise vollziehendes Sinken der Profitrate ist die Folge, das durch gegenwirkende Umstände wohl zeitweilig gehemmt wird, aber immer wieder von Neuem einsetzt. Hier ist ein neuer innerer Gegensatz der kapitalistischen Produktionsweise. Die Profitrate ist der Antrieb zur produktiven Anwendung von Kapital, fällt sie unter einem gewissen Punkt, so erschlafft der Trieb zu produktiver Unternehmung, vor Allem soweit es sich um die neuen Kapitale handelt, die als Ableger der angehäuften Kapitalmasseu auf den Markt treten. Das Kapital selbst erweist sich als Schranke der kapitalistischen Produktion. Die Fortentwicklung der Produktion wird unterbrochen. Während auf der einen Seite jedes thätige Kapital durch fieberhafte Anspannung der Produktion seine Profitmasse zu bergen und zu steigern sucht, setzt schon auf der anderen Stockung in der Ausbreitung der Produktion ein. Dies ist nur das Gegenstück der zur Krisis aus relativer Ueberproduktion treibenden Vorgänge auf dem Markt der Gebrauchswerthe. Die Ueberproduktion von Waaren drückt sich zugleich als Ueberproduktion von Kapitalien aus. Hier wie dort schaffen die Krisen zeitweilige Ausgleichung. Es findet kolossale Entwerthung und Zerstörung von Kapitalen statt, und unter dem Einfluß der Stagnation muß ein Theil der Arbeiterklasse sich Herabdrückung des Lohnes bis unter den Durchschnitt gefallen lassen, da eine verstärkte Reservearmee überschüssiger Arme dem Kapital auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Nach einer Weile werden so die Bedingungen neuer profitabler Kapitalanlage hergestellt und der Tanz kann von Neuem losgehen, aber auf erhöhter Stufenleiter des geschilderten inneren Gegensatzes. Größere Zentralisation der Kapitale, größere Kouzentratiou der Betriebe, erhöhte Ausbeutungsrate.

Ist das nun alles richtige?

Ja und nein. Es ist richtig vor Allem in der Tendenz. Die geschilderten Kräfte sind da und wirken in der angegebenen Richtung. Aber auch die Vorgänge sind der Wirklichkeit entnommen: der Fall der Profitrate ist Thatsache, das Eintreten von Ueberproduktion und Krisen ist Thatsache, periodische Kapitalvernichtung ist Thatsache, die Konzentration und Zentralisation des industriellen Kapitals ist Thatsache, die Steigerung der Mehrwerthsrate ist Thatsache. Soweit läßt sich prinzipiell an der Darstellung nicht rütteln. Wenn das Bild nicht der Wirklichkeit entspricht, so nicht weil Falsches gesagt wird, sondern weil das Gesagte unvollständig ist. Faktoren, die auf die geschilderten Gegensätze einschränkend einwirken, werden bei Marx entweder gänzlich vernachlässigt oder zwar bei Gelegenheit behandelt, aber später, bei der Zusammenfassung und Gegenüberstellung der festgestellten Thatsachen, fallen gelassen, so daß die soziale Wirkung der Antagonismen viel stärker und unmittelbarer erscheint, als sie in Wirklichkeit ist.

So spricht Marx im ersten Bande Kapital (Kapitel 23, Absatz 2) von der Bildung von Kapitalablegern durch Theilungen &c. („Repulsion vieler individueller Kapitalisten von einander“) und bemerkt dabei, daß mit der Akkumulation von Kapital die Anzahl der Kapitalisten in Folge solcher Spaltungen „mehr oder minder wächst“. (4. Auflage, S. 589) Aber in der folgenden Entwicklung wird von diesem Wachsthum der Zahl der Kapitalisten ganz abgesehen und sogar die Aktiengesellschaft lediglich unter dem Gesichtswinkel der Konzentration und Zentralisation des Kapitals behandelt. Mit dem obigen „mehr oder minder“ erscheint die Sache als erledigt. Am Schluß des ersten Bandes ist nur noch von der „beständig abnehmenden Zahl von Kapitalmagnaten“ die Rede, und daran wird auch im dritten Bande prinzipiell nichts geändert. Wohl werden bei Behandlung der Profitrate und des kaufmännischen Kapitals Thatsachen berührt, die auf eine Zersplitterung der Kapitale hinweisen, aber ohne Nutzanwendung für unseren Punkt. Der Leser behält den Eindruck, daß die Zahl der Kapitalinhaber beständig – wenn nicht absolut, so im Verhältniß des Wachsthums der Arbeiterklasse – zurückgeht. In der Sozialdemokratie herrscht demgemäß die Vorstellung vor oder drängt sie sich immer wieder dem Geiste auf, daß der Konzentration der industriellen Unternehmungen eine Konzentration der Vermögen parallel läuft.

Das ist aber keineswegs der Fall. Die Form der Aktiengesellschaft wirkt der Tendenz: Zentralisation der Vermögen durch Zentralisation der Betriebe, in sehr bedeutendem Umfang entgegen. Sie erlaubt eine weitgehende Spaltung schon konzentrirter Kapitale und macht Aneignung von Kapitalen durch einzelne Magnaten zum Zwecke der Konzentrirung gewerblicher Unternehmen überflüssig. Wenn nicht-sozialistische Oekonomen diese Thatsache zum Zwecke der Beschönigung der sozialen Zustände ausgenutzt haben, so ist das für Sozialisten noch kein Grund, sie sich zu verheimlichen oder sie hinwegzureden. Es handelt sich vielmehr darum, ihre wirkliche Ausdehnung und ihre Tragweite zu erkennen.

Leider fehlt es durchaus noch an zahlenmäßigen Nachweisen über die thatsächliche Vertheilung der Stamm-, Prioritäts- &c. Antheile der heute einen so gewaltigen Raum einnehmenden Aktiengesellschaften, da in den meisten Ländern die Antheile anonym sind (d.h. wie anderes Papiergeld ohne Umstände den Inhaber wechseln können), während in England, wo die auf den Namen eingetragenen Aktien überwiegen und die Listen der so festgestellten Aktionäre von Jedermann ihn staatlichen Registriramt eingesehen werden können, die Aufstellung einer genaueren Statistik der Aktienbesitzer eine Riesenaufgabe ist, an die sich noch Niemand herangewagt hat. Man kann ihre Zahl nur auf Grund gewisser Ermittlungen über die einzelnen Gesellschaften annähernd schätzen. Um jedoch zu zeigen, wie sehr die Vorstellungen täuschen, die man sich, dieser Hinsicht macht, und wie die modernste und krasseste Form kapitalistischer Zentralisation, der „Trust“, thatsächlich ganz anders auf die Vertheilung der Vermögen wirkt, als es dem Fernstehenden erscheint, folgen hier einige Zahlen, die leicht verifizirt werden können.

Der vor etwa Jahresfrist gegründete englische Nähgarn-Trust zählt nicht weniger als 12 300 Antheilsinhaber. Davon:

6.000

Inhaber von

Stammaktien

mit

1.200

Mark Durchschnittskapital

4.500

"

Prioritätsaktien

"

3.000

"

1.800

"

Obligationen

"

6.800

"

Auch der Trust der Feingarnspinner hat eine anständige Zahl von Antheilsinhabern, nämlich 5.454.

2.904

Inhaber von

Stammaktien

mit

  6.000

Mark Durchschnittskapital

1.870

"

Prioritätsaktien

"

10.000

"

   680

"

Obligationen

"

26.000

"

Aehnlich der Baumwoll-Trust P. u. T. Coats. [6] Die Zahl der Aktionäre des großen Manchester Schiffskanals beläuft sich auf rund 40.000, die des großen Provisionsgeschäfts T. Lipton auf 74.262! Ein im neuerer Zeit als Beispiel der Kapitalkonzentration angeführtes Waarenhaus, Spiers & Pond in London, hat, bei einem Gesammtkapital von 26 Millionen Mark, 4.650 Aktionäre, davon nur 550, deren Aktienbesitz 10.000 Mark übersteigt. Das sind einige Beispiele für die Zersplitterung der Vermögenstheile an zentralisirten Unteruehmungen. Nun sind selbstverständlich nicht alle Aktionäre in nennenswerthem Grade Kapitalisten, und vielfach erscheint ein und derselbe große Kapitalist bei allen möglichen Gesellschaften als kleiner Aktionär wieder. Aber bei alledem ist die Zahl der Aktionäre und der Durchschnittsbetrag ihres Aktienbesitzes in raschem Wachsthum begriffen. Insgesammt wird die Zahl der Aktieninhaber in England auf weit über eine Million geschätzt, und das erscheint nicht übertrieben, wenn man bedenkt, daß im Jahre 1896 allein die Zahl der Aktiengesellschaften des Vereinigten Königreichs sich auf 21.223 mit einem eingezahlten Kapital von 22.290 Millionen Mark belief, wozu dann noch die nicht in England selbst negotiirten auswärtigen Unternehmungen, Staatspapiere &c. kommen. [7]

Diese Vertheilung des nationalen Reichthums, für welches Wort man auch in einem großen Theil der Fälle nationales Mehrprodukt sagen kann, spiegelt sich in den Zahlen der Einkommensstatistik wieder.

Im Vereinigten Königreich betrug im Finanzjahr 1898-99 (der letzte mir vorliegende Bericht) die Zahl der unter Rubrik D und E (Einkommen aus Geschäftsprofiten, höheren Beamtenposten &c.) mit 3.000 Mark und darüber eingeschätzten Personen 727.270. Dazu kommen aber noch die Zensiten aus Einkommen von Grund und Boden (Renten, Pachterträge), von Miethshäusern und von steuerbaren Kapitalanlagen. Diese Gruppen versteuern zusammen fast ebenso viel wie die vorgenannten Steuergruppen, nämlich 6.000 gegenüber 7.000 Millionen Mark Einkommen. Das dürfte die Ziffer der über 3.000 Mark beziehenden Personen nahezu verdoppeln.

In der British Review vom 22. Mai 1897 finden sich einige Zahlen über das Wachsthum der Einkommen in England von 1851 bis 1881. Darnach zählte England Familien mit 150 bis 1.000 Pfund Sterling Einkommen (die mittlere und kleine Bourgeoisie und die höchste Arbeiteraristokratie): 1851 rund 300.000, 1881 rund 990.000. Während die Bevölkerung in diesen dreißig Jahren sich im Verhältniß vou 27 auf 35, d.h. um etwa 30 Prozent vermehrte, stieg die Zahl dieser Einkommensklassen im Verhältniß von 27 auf 90, d.h. um 2331/3 Prozent. Sie wird heute von Giffen auf anderthalb Millionen Steuerzahler geschätzt.

Andere Länder zeigen kein prinzipiell verschiedenes Bild. Frankreich hat nach Mulhall, bei einem Gesammt von 8.000.000 Familien, 1.700.000 Familien in groß- und kleinbürgerlichen Existenzverhältnissen (Durchschnittseinkommen von 5.200 Mark) gegen 6.000.000 Arbeiter und 160.000 ganz Reiche. In Preußen gab es, wie die Leser Lassalles wissen, 1854 bei einer Bevölkerung von 16,3 Millionen nur 44.407 Personen mit einem Einkommen von über 1.000 Thaler. Im Jahre 1894/95 versteuerten, bei einer Gesammtbevölkerung von gegen 33 Millionen, 321.296 Personen Einkommen über 3.000 Mark. 1897/98 war die Zahl auf 347.328 gestiegen. Während die Bevölkerung sich verdoppelte, hat sich die Schicht der besser situirten Klassen um mehr als versiebenfacht. Selbst wenn mal dagegen in Anrechnung setzt, daß die 1866 annektirten Landestheile meist größere Wohlhabenheitsziffern aufweisen als Altpreußen, und daß viele Lebensmittelpreise in der Zwischenzeit erheblich gestiegen sind, kommt noch mindestens ein Zunahmeverhältniß der besser Situirten gegen das der Gesammtbevölkerung von weit über 2 : 1 heraus. Nehmen wir z.B. einen späteren Zeitraum, so finden wir, daß in den vierzehn Jahren zwischen 1876 und 1890, bei einer Gesammtzunahme der Zensiten um 20,56 Prozent, die Einkommen zwischen 2.000 bis 20.000 Mark (das wohlhabende und kleinere Bürgerthum) von 442.534 auf 582.024 Steuerzahler, d.h. um 31,52 Prozent anwächst. Die Klasse der eigentlichen Besitzenden (6.000 Mark Einkommen und darüber) wächst in der gleichen Zeit von 66.319 auf 109.095, d.h. um 58,47 Prozent. Fünf Sechstel dieses Zuwachses, nämlich 33.226 vou 38.776, entfallen auf die Mittelschicht der Einkommen zwischen 6.000 und 20.000 Mark. Nicht anders liegen die Verhältnisse im industriellsten Staate Deutschlands, nämlich Sachsen. Dort stieg von 1879 bis 1890 die Zahl der Einkommen zwischen 1.600 und 3.300 Mark von 62.140 auf 91.124, die der Einkommen zwischen 3.300 und 9.600 Mark von 24.414 auf 38.841. [8] Aehnlich in auderen deutschen Einzelstaaten. Natürlich sind nicht alle Empfänger von höheren Einkommen „Besitzende“, aber in wie hohem Maße dies der Fall, ersieht mal daraus, daß für 1895/96 in Preußen 1.152.332 Zensiten mit einem steuerbaren Nettovermögensbesitz von über 6.000 Mark zur Ergänzungssteuer herangezogen wurden. Ueber die Hälfte davon, nämlich 598.063, versteuerten ein Nettovermögen von mehr als 20.000 Mark, 385.000 ein solches von über 32.000 Mark.

Es ist also durchaus falsch anzunehmen, daß die gegenwärtige Entwicklung eine relative oder gar absolute Verminderung der Zahl der Besitzenden aufweist. Nicht „mehr oder minder“, sondern schlechtweg mehr, d.h. absolut und relativ wächst die Zahl der Besitzenden. Wären die Thätigkeit und die Aussichten der Sozialdemokratie davon abhängig, daß die Zahl der Besitzenden zurückgeht, dann könnte sie sich in der That „schlafen legen“. Aber das Gegentheil ist der Fall. Nicht vom Rückgang, sondern von der Zunahme des gesellschaftlichen Reichthums hängen die Aussichten des Sozialismus ab. Der Sozialismus oder die sozialistische Bewegung der Neuzeit hat schon manchen Aberglauben überlebt, sie wird auch noch den überleben, daß ihre Zukunft von der Konzentration des Besitzes oder, wenn man will, der Aufsaugung des Mehrwerths durch eine sich verringernde Gruppe kapitalistischer Mammuths abhängt. [9] Ob das gesellschaftliche Mehrprodukt von 10.000 Personen monopolistisch aufgehäuft oder zwischen einer halben Million Menschen in abgestuften Mengen vertheilt wird, ist für die neun oder zehn Millionen Familienhäupter, die bei diesem Handel zu kurz kommen, prinzipiell gleichgiltig. Ihr Bestreben nach gerechterer Vertheilung oder nach einer Organisation, die eine gerechtere Vertheilung einschließt, braucht darum nicht minder berechtigt und nothwendig zu sein. Im Gegentheil. Es möchte weniger Mehrarbeit kosten, einige Tausend Privilegirte in Ueppigkeit zu erhalten, wie eine halbe Million und mehr in unbilligem Wohlstand.

Wäre die Gesellschaft so konstituirt oder hätte sie sich so entwickelt, wie die sozialistische Doktrin es bisher unterstellte, dann würde allerdings der ökonomische Zusammenbruch nur die Frage einer kurzen Spanne Zeit sein können. Aber das ist eben, wie wir sehen, nicht der Fall. Weit entfernt, daß die Gliederung der Gesellschaft sich gegen früher vereinfacht hätte, hat sie sich vielmehr, sowohl was die Einkommenshöhe, als was die Berufstätigkeiten anbetrifft, in hohem Grade abgestuft und differenzirt. Und wenn wir die Thatsache nicht durch Einkommen- und Berufsstatistik empirisch festgestellt vor uns hätten, so würde sie sich auch auf rein deduktivem Wege als die nothwendige Folge der modernen Wirthschaft nachweisen lassen.

Was die moderne Produktionsweise vor Allem auszeichnet, ist die große Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit. Die Wirkung ist eine nicht minder große Steigerung der Produktion – Massenproduktion von Gebrauchsgütern. Wo bleibt dieser Reichthum? Oder, um gleich die Frage auf den Kern der Sache zuzuspitzen: wo bleibt das Mehrprodukt, das die industriellen Lohnarbeiter über ihren eigenen, durch ihren Lohn begrenzten Konsum hinaus produziren? Die „Kapitalmagnaten“ möchten zehnmal so große Bäuche haben, als der Volkswitz ihnen nachsagt, und zehnmal so viel Bedienung halten, als sie in Wirklichkeit thun, gegenüber der Masse des jährliche Nationalprodukts – man vergegenwärtige sich, daß ja die kapitalistische Großproduktion vor Allem Massenproduktion ist – wäre ihr Konsum immer noch wie eine Feder in der Wage. Man wird sagen, sie exportiren den Ueberschuß. Schön, aber der auswärtige Abnehmer zahlt schließlich auch wieder nur in Waaren. Im Welthandel spielt das zirkulirende Metallgeld eine verschwindende Rolle. Je kapitalreicher ein Land, um so größer seine Waareneinfuhr, denn die Länder, denen es Geld leiht, können zumeist die Zinsen gar nicht anders zahlen, als in der Form von Waaren. [10] Wo also bleibt die Waarenmenge, die die Magnaten und ihre Dienerschaft nicht verzehren? Wenn sie nicht doch in der einen oder anderen Weise den Proletariern zufließt, so muß sie eben von anderen Klassen aufgefangen werden. Entweder steigende relative Abnahme der Zahl der Kapitalisten und steigender Wohlstand des Proletariats oder eine zahlreiche Mittelklasse, das ist die einzige Alternative, die uns die fortgesetzte Steigerung der Produktion läßt. Krisen und unproduktive Ausgaben für Heere &c. verschlingen viel, haben aber doch in neuerer Zeit immer nur Bruchtheile des Gesammtmehrprodukt absorbirt. Wollte die Arbeiterklasse darauf warten, bis das „Kapital“ die Mittelklassen aus der Welt geschafft hat, so könnte sie wirklich einen laugen Schlaf thun. Das Kapital würde diese Klassen in der einen Form expropriien und sie in der anderen immer wieder neu ins Leben setzen. Nicht das „Kapital“, die Arbeiterklasse selbst hat die Mission, die parasitischen Elemente der Wirthschaft aufzusaugen.

Auf die Thatsache, daß der Reichthum der modernen Nationen in steigendem Maße Reichthum an beweglichen Gebrauchsgütern ist, haben manchesterliche Schriftsteller allerhand Schönfärberei der heutigen Zustände gestützt. Das hat seiner Zeit fast alle Sozialisten veranlaßt, in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen und den gesellschaftlichen Reichthum nur noch als fixirten Reichthum, sub specie des „Kapitals“, zu betrachten, das allmälig zu einer mystischen Wesenheit personifizirt wurde. Selbst die klarsten Köpfe verlieren ihr gesundes Urtheil, sobald ihnen diese Vorstellung „Kapital“ in die Quere läuft. Marx sagt einmal von dem liberalen Oekonomen J.B. Say, er nehme sich heraus, über die Krisen abzuurtheilen, weil er wisse, daß die Waare Produkt sei. Heute glauben viele, vom gesellschaftlichen Reichthum alles gesagt zu haben, wenn sie auf die spezifische Form des Unternehmungskapitals verweisen.

Gegen den Satz in meiner Zuschrift an den Stuttgarter Parteitag, die Zunahme des gesellschaftlichen Reichthums werde nicht von einer zusammenschrumpfenden Zahl von Kapitalmagnaten, sondern von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet, wirft mir ein Leitartikel der New Yorker Volkszeitung vor, das sei, wenigstens soweit Amerika in Betracht komme, falsch, denn der Zensus der Vereinigten Staaten weise nach, daß die Produktion dort von einer, ihn Verhältniß zu deren Gesammtgröße immer mehr zusammenschrumpfenden Zahl von Syndikaten („Concerns“) beherrscht werde. Was für eine Widerlegung. Was ich von der allgemeinen Klassengliederung erkläre, glaubt der Kritiker mit dem Hinweis auf die Gliederung der industriellen Unternehmungen schlagen zu können. Es ist als wenn Jemand sagen wollte, die Zahl der Proletarier schrumpfe in der modernen Gesellschaft immer mehr zusammen, denn wo früher der einzelne Arbeiter stand, stehe heute die Gewerkschaft.

Hinterher wird dann allerdings die Erklärung angefügt, diese Zusammenfassung der Unternehmungen sei die Hauptsache, ob sich nun in den Aktionären eine neue Klasse von Nichtsthuern bilde, darauf komme es nicht an.

Das ist zunächst eine Ansicht und kein Beweis gegen die betonte Thatsache. Für die Analyse der Gesellschaft kommt die eine Thatsache so gut in Betracht wie die andere. Sie kann unter einem gewissen Gesichtspunkt die unwichtigere sein, aber es handelt sich hier nicht darum, sondern ob sie richtig ist oder nicht. Von der Zusammenziehung der Unternehmungen, die mir wirklich nicht ganz unbekannt war, sprach ich selbst in einem folgenden Satze. Ich erwähne zwei Thatsachen, und der Kritiker glaubt die Falschheit der einen zu beweisen, indem er nur die andere für wichtig erklärt. Hoffentlich gelingt es mir, das Phantom zu zerstören, das ihm und Anderen den Blick trübt.

Auf den erwähnten Ausspruch hat auch – noch in Stuttgart selbst – Karl Kautsky Bezug genommen und mir entgegengehalten, wenn es wahr wäre, daß die Kapitalisten zunehmen und nicht die Besitzlosen, dann festige sich der Kapitalismus und wir Sozialisten kämen überhaupt nicht ans Ziel. Aber noch sei das Wort von Marx wahr, Zunahme des Kapitals bedeute auch Zunahme des Proletariats.

Das ist in einer anderen Richtung und weniger kraß das gleiche Quiproquo. Ich hatte nirgends gesagt, daß die Proletarier nicht zunehmen. Ich sprach, wo ich die Zunahme der Kapitalisten aller Grade betone, von Menschen und nicht von Unternehmern. Aber Kautsky ist offenbar an dem Begriff „Kapital“ hängen geblieben und folgerte nun, relative Zunahme der Kapitalisten müsse relative Abnahme des Proletariats bedeuten, das aber widerspreche unserer Lehre. Und er hält mir den angeführten Ausspruch von Marx entgegen.

Ich habe nun weiter oben schon einen Satz von Marx berührt, der etwas anders lautet, wie der von Kautsky zitirte. Der Fehler Kautsky’s liegt in der Identifizirung von Kapital mit Kapitalisten oder Besitzenden. Ich möchte aber Kautsky hier noch auf etwas anderes verweisen, was seine Einwendung entkräftet. Und das ist die Entwicklung des industriellen Kapitals, die Marx die organische nennt. Wenn die Zusammensetzung des Kapitals sich derart ändert, daß das konstante Kapital zu- und das variable abnimmt, dann heißt in dem betreffenden Unternehmen absolute Zunahme des Kapitals relative Abnahme des Proletariats. Das aber ist gerade nach Marx die charakteristische Form der modernen Entwicklung. Auf die kapitalistische Gesammtwirthschaft übertragen heißt dies thatsächlich: absolute Zunahme des Kapitals, relative Abnahme des Proletariats. Die durch die veränderte organische Zusammensetzung des Kapitals überschüssig gewordenen Arbeiter finden jedesmal nur in dem Maße wieder Arbeit, als sich neues Kapital zu ihrer Beschäftigung auf dem Markte einstellt. Gerade in dem Punkte, auf den Kautsky die Frage zuspitzt, steht mein Ausspruch in Einklang mit der Marxschen Theorie. Soll die Zahl der Arbeiter zunehmen, so muß das Kapital im Verhältniß noch schneller zunehmen, ist die Konsequenz der Marxschen Deduktion. Ich denke, Kautsky wird das ohne Weiteres zugeben.

Es handelt sich also bis soweit nur darum, ob das vermehrte Kapital blos qua Unternehmungsfonds Kapitalbesitz ist oder auch als Unternehmungsantheil.

Wenn nein, dann wäre der erste beste Schlossermeister Pasewalk, der mit sechs Gehilfen und etlichen Lehrlingen sein Geschäft betreibt, Kapitalist, aber der Rentier Müller, der verschiedene Hunderttausend Mark im Koffer hat, oder dessen Schwiegersohn, Ingenieur Schulze, der eine größere Anzahl Aktien als Mitgift bekommen hat (nicht alle Aktionäre sind Nichtsthuer), wären Besitzlose. Der Widersinn solcher Klassifikation liegt auf der Hand. Besitz ist Besitz, ob fixirt oder beweglich. Die Aktie ist nicht nur Kapital, sie ist sogar Kapital in seiner vollendetsten, man könnte sagen sublimirten Foren. Sie ist die von aller grobsinnlichen Berührung mit den Niedrigkeiten der Gewerbsthätigkeit befreite Anweisung auf einen Antheil am Mehrprodukt der nationalen oder Weltwirthschaft – dynamisches Kapital, wenn man will. Und wenn sie sammt und sonders nur als nichtsthuende Rentiers lebten, so würden die wachsenden Schaaren der Aktionäre – man kann heute sagen die Aktionärbataillone – schon durch ihre bloße Existenz, die Art ihres Konsums und die Zahl ihrer sozialen Gefolgschaft, eine das Wirthschaftsleben der Gesellschaft stark beeinflussende Potenz darstellen. Die Aktie stellt in der sozialen Stufenleiter die Zwischenglieder wieder her, die aus der Industrie durch die Konzentration der Betriebe als Produktionschefs ausgeschaltet wurden.

Indeß hat es mit dieser Konzentration auch seine Bewandtniß. Betrachten wir sie etwas näher.
 

c) Die Betriebsklassen in der Produktion und Ausbreitung des gesellschaftlichen Reichthums

Für dasjenige europäische Land, das als das vorgeschrittenste Land kapitalistischer Entwicklung gilt, England, fehlt es an einer allgemeinen Statistik der Betriebsklassen in der Industrie. Sie existirt nur für bestimmte, dem Fabrikgesetz unterstellte Produktionszweige, sowie für einzelne Lokalitäten.

Was die dem Fabrikgesetz unterstellten Fabriken und Werkstätten anbetrifft, so waren in denselben nach dem Fabrikinspektorenbericht für 1896 zusammen 4.398.983 Personen beschäftigt. Das sind noch nicht ganz die Hälfte der nach dem Zensur von 1891 als in der Industrie thätig bezeichneten Personen. Die Zahl des Zensus ist, ohne das Transportgewerbe, 9.025.902. Von den überschüssigen 4.626.919 Personen kann man ein Viertel bis ein Drittel auf Geschäftstreibende der betreffenden Produktionszweige und auf einige Mittel- und Großbetriebe rechnen, die nicht denk Fabrikgesetz unterstehen. Bleiben rund drei Millionen Angestellte und Kleinmeister in Zwergbetrieben. Die vier Millionen dem Fabrikgesetz unterstellter Arbeiter vertheilten sich auf zusammen 160.948 Fabriken und Werkstätten, was einen Durchschnitt von 27 bis 28 Arbeiter pro Betrieb ergiebt. [11] Theilen wir Fabriken und Werkstätten, so erhalten wir 76.279 Fabriken mit 3.743.418, und 81.669 Werkstätten mit 655.565 Arbeitern, im Durchschnitt 49 Arbeiter pro Fabrik und 8 Arbeiter pro registrirter Werkstätte. Schon die Durchschnittszahl 49 Arbeiter pro Fabrik zeigt an, was die genauere Prüfung der Tabellen des Berichts bestätigt, daß mindestens zwei Drittel der als Fabriken registrirten Betriebe zur Kategorie der Mittelbetriebe von 6 bis 50 Arbeitern gehören, so daß höchstens 20 bis 25.000 Betriebe von 50 Arbeitern und darüber übrig bleiben, die zusammen gegen 3 Millionen Arbeiter vertreten werden. Von den im Transportgewerbe thätigen 1.171.990 Personen können bestenfalls drei Viertel als den Großbetrieben angehörig betrachtet werden. Rechnet man diese den vorhergehenden Kategorien hinzu, so erhalten wir im Gauzen für das Arbeiter- und Hilfspersonal der Großbetriebe zwischen 3½ und 4 Millionen, denen über 5½ Millionen in Mittel- und Kleinbetrieben beschäftigter Personen gegenüberstehen. Die „Werkstatt der Welt“ ist danach noch bei Weitem nicht in dem Grade, wie man meint, der Großindustrie verfallen. Die gewerblichen Betriebe zeigen vielmehr auch im britischen Reiche die größte Mannigfaltigkeit, und keine Größenklasse verschwindet aus der Stufenleiter. [12]

Vergleichen wir mit den gewonnenen Zahlen die der deutschen Gewerbestatistik von 1895, so finden wir, daß die letztere im Großen und Ganzen dasselbe Bild aufweist wie die englische. Die Großindustrie nahm 1895 in Deutschland in der Produktion schon im Verhältniß nahezu dieselbe Stellung ein wie in England 1891. In Preußen gehörten 1895 38 Prozent der der gewerblichen Arbeiter der großen Industrie an. Die Entwicklung zum Großbetrieb hat sich dort und im übrigen Deutschland mit ungeheurer Geschwindigkeit vollzogen. Sind verschiedene Zweige der Industrie (darunter die Textilindustrie) hierin noch hinter England zurück, so haben andere den englischen Stand im Durchschnitt erreicht (Maschinen und Werkzeuge) und einige (die chemische Industrie, die Glasindustrie, gewisse Zweige der graphischen Gewerbe und wahrscheinlich auch die Elektrotechnik) ihn überholt. Die große Masse der gewerblich thätigen Personen gehört jedoch auch in Deutschland noch den kleinen und mittleren Betrieben an. Von 10¼ Millionen gewerblich thätiger Personen entfielen 1895 etwas über 3 Millionen auf Großbetriebe 2½ Millionen auf Mittelbetriebe (6 bis 50 Personen) und 4¾ Millionen auf Kleinbetriebe. Handwerksmeister wurden noch 1¼ Million gezählt. In 5 Gewerben war ihre Zahl gegen 1895 absolut und relativ (zum Bevölkerungszuwach), in 9 nur absolut gestiegen und in 11 absolut und relativ zurückgegangen. [13]

In Frankreich steht die Industrie noch hinter der Landwirthschaft quantitativ an Umfang zurück; sie repräsentirte uach dem Zensus vom 17. April 1894 nur 25,9 Prozent der Bevölkerung, die Landwirthschaft nahezu doppelt so viel, nämlich 47,3 Prozent. Ein ähnliches Verhältniß zeigt Oesterreich, wo auf die Landwirthschaft 55,9 Prozent, auf die Industrie 25,8 Prozent der Bevölkerung kommen. In Frankreich stehen in der Industrie 1 Million Selbständige gegen 3,3 Millionen Angestellter, in Oesterreich sechshunderttausend Selbständige gegen 2¼ Millionen Arbeiter und Tagelöhner. Auch hier ist das Verhältniß ziemlich das Gleiche. Beide Länder weisen eine Reihe hoch entwickelter Industrien auf (Textilindustrie, Berg- und Hüttenbau &c.), die in Bezug auf die Betriebsgröße es mit den vorgeschrittensten Ländern aufnehmen, aber in der Nationalwirthschaft erst Partialerscheinungen sind.

Die Schweiz hat auf 127.000 Selbständige 400.000 Arbeiter in der Industrie. Die Vereinigten Staaten von Amerika, von denen der erwähnte Mitarbeiter der New Yorker Volkszeitung sagt, sie seien das am meisten kapitalistisch entwickelte Land der Welt, hatten zwar nach dem Zensus von 1890 in der Industrie einen verhältnißmäßig hohen Durchschnitt an Arbeitern pro Betrieb, nämlich 3½ Millionen Arbeiter auf 355.415 gewerbliche Betriebe, d.h. Also 10 : 1. Doch fehlen hier eben, wie in England, alle Haus- und Zwergbetriebe. Nimmt man die Zahlen der preußischen Gewerbestatistik von oben abwärts, so erhält man fast genau dieselbe Durchschnittszahl wie die des amerikanischen Zensus. Und betrachtet man im Statistical Abstract der Vereinigten Staaten das Verzeichniß der beim Zensus aufgenommene Industrien näher, so stößt man auf eine Anzahl von Fabrikationszweige mit fünf und weniger Arbeitern pro Betrieb im Durchschnitt. So gleich auf der ersten Seite, nach 910 Fabriken landwirthschaftlicher Geräthe mit 30.723 Arbeitern, 35 Munitionsfabriken mit 1.993 Arbeitern und 251 Fabriken künstlicher Federn und Blumen mit 3.638 – 59 Fabriken künstlicher Glieder mit 154, und 581 Segeltuch- und Zeltdachfabriken mit 2.873 Arbeitern.

Wenn der unablässige Fortschritt der Technik und Zentralisation der Betriebe in einer zunehmenden Zahl von Industriezweigen eine Wahrheit ist, deren Bedeutung sich heute kaum noch verbohrte Reaktionäre verschweigen, so ist es eine nicht minder feststehende Wahrheit, daß in einer ganzen Reihe von Gewerbwzweigen kleinere und Mittelbetriebe sich neben Großbetrieben durchaus lebensfähig erweisen. Es giebt auch in der Industrie keine Entwicklung nach einer für alle Gewerbe gleichmäßig geltenden Schablone. Durchaus routinemäßig, betrienene Geschäfte verbleiben der Klein- und Mittelindustrie, während Zweige des Kunstgewerbes, die man den Kleinbetrieben gesichert glaubt, eines schönen Tages rettungslos der Großindustrie anheimfallen. Aehnlich mit der Haus- und Zwischenmeister-Industrie. Im Kanton Zürich ging längere Zeit die Hausweberei in der Seidenindustrie zurück, seit 1891 bis 1897 aber haben sich die Hausweber von 24.708 auf 27.800 vermehrt, während sich die Arbeiter und Angestellten in den mechanischen Seidenwebereien blos von 11.840 auf 14.550 vermehrten. Ob diese Zunahme der Hausweber als eine wirthschaftlich erfreuliche Erscheinung zu begrüßen ist, ist eine andere Frage, es handelt sich hier vorerst nur um die Feststellung der Thatsache und nichts weiter.

Für den Fortbestand und die Erneuerung der kleinen und Mittelbetriebe sind eine Reihe von Umständen bestimmend, die sich in drei Gruppen eintheilen lassen.

Zunächst eignen sich eine Anzahl Gewerbe oder Gewerbszweige nahezu ebenso gut für den kleinen und mittleren wie für den großen Betrieb, und sind die Vortheile, die der letztere vor den ersteren voraus hat, nicht so bedeutend, als daß sie nicht durch gewisse, dem kleineren Betrieb von Hause aus eigene Vortheile aufgewogen werden könnten. Es trifft dies bekanntlich unter Anderem für verschiedene Zweige der Holz-, Leder- und Metallbearbeitung zu. Oder es findet eine Arbeitstheilung derart statt, daß die Großindustrie Halb- und Drei-Viertelsfabrikate liefert, die in kleineren Betrieben marktfertig gemacht werden.

Zweitens spricht in vielen Fällen die Art und Weise, wie das Produkt dem Konsumenten zugänglich gemacht werden muß, zu Gunsten der Herstellung im kleineren Betrieb, wie dies sich am deutlichsten in der Bäckerei zeigt. Käme es nur auf die Technik an, so wäre die Bäckerei längst von der Großindustrie monopolisirt, denn daß sie von dieser mit großem Erfolg betrieben werden kann, beweisen die vielen, guten Profit abwerfenden Brotfabriken. Aber trotz oder neben ihnen und den Kuchenfabriken, die sich ebenfalls allmälig einen Markt erobern, behauptet sich die Klein- und Mittelbäckerei durch die Vortheile, welche der unmittelbare Verkehr mit den Konsumenten darbietet. Soweit die Bäckermeister nur mit der kapitalistischen Unternehmung zu rechnen haben, sind sie ihrer Haut noch für eine ziemliche Weile sicher. Ihre Zunahme seit 1882 hat zwar mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt gehalten, ist aber immer noch der Rede werth (77.609 gegen 74.283).

Aber die Bäckerei ist nur ein drastisches Beispiel. Für eine ganze Reihe Gewerbe, namentlich solche, wo produktive und Dienste leistende Arbeit sich mischen, gilt das Gleiche. Es sei hier das Hufschmied- und Stellmachergewerbe genannt. Der amerikanische Zensus zeigt 28.000 Hufschmiede- und Stellmacherbetriebe mit im Ganzen 50.867 Personen, davon gerade die Hälfte Selbständige, die deutsche Berufsstatistik 62.722 Grob- und Hufschmiedemeister, und es wird wohl noch eine gute Weile dauern, bis der durch Dampf- &c. Kraft getriebene Selbstfahrer ihnen das Lebenslicht ausbläst, um – neuen Kleinwerkstätten Leben einzuhauchen, wie dies bekanntlich das Fahrrad gethan hat. Aehnlich in der Schneiderei, Schuhmacherei, Sattlerei, Tischlerei, Tapeziergewerbe, Uhrmacherei &c., wo Kundengeschäft (und in verschiedenem Grade Reparatur) und Kleinhandel selbständige Existenzen am Leben erhält, von denen freilich viele, aber bei Weitem nicht alle, nur proletarische Einkommen repräsentiren.

Zum Letzten, aber nicht zum Wenigsten ist es der Großbetrieb selbst, der die kleineren und mittleren Betriebe heckt, theils durch massenhafte Herstellung und entsprechende Verbilligung der Arbeitsmaterialien (Hilfsstoffe, Halbfabrikate), theils durch Abstoßung von Kapital auf der einen und „Freisetzung“ von Arbeitern auf der anderen Seite. In großen und kleinen Posten treten immer wieder neue Kapitale Verwerthung suchend auf den Markt, dessen Aufnahmefähigkeit für neue Artikel mit den Reichthum der Gesellschaft stetig wächst. Hier spielen die früher erwähnten Aktionäre keine geringe Rolle. Von der Handvoll Millionäre könnte der Markt, auch wenn die „Hand“ einige Tausend Finger zählte, in der That nicht leben. Aber die Hunderttausende von Reichen und Wohlhabenden sprechen schon ein Wort mit. Fast alle Luxusartikel dieser Schichten nun werden im Anfang, und sehr viele auch späterhin, in kleinen und Mittelbetrieben angefertigt, die übrigens auch recht kapitalistische Betriebe sein können, je nachdem sie theures Material verarbeiten und kostspielige Maschinen anwenden (Juwelenfabrikation, Feinmetallverarbeitung, Kunstdruckerei). Später erst sorgt der Großbetrieb, soweit er die betreffenden Artikel nicht selbst übernimmt, durch Verbilligung des Arbeitsmaterials für die „Demokratisirung“ des einen oder anderen neuen Luxus.

So stellt sich im Ganzen, trotz fortgesetzter Wandlungen in der Gruppirung der Industrien und der inneren Verfassung der Betriebe, das Bild heute so daß, als ob nicht der Großbetrieb beständig kleine und Mittelbetriebe aufsaugte, sondern als ob er lediglich neben ihnen aufkäme. Nur die Zwergbetriebe gehen absolut und relativ zurück. Was aber die Klein- und Mittelbetriebe anbetrifft, so nehmen auch sie zu, wie dies für Deutschland aus folgenden Zahlen der Gehilfenbetriebe hervorgeht. Es repräsentirten Arbeiter:

 

 

1882

 

1895

 

Zunahme

Kleinbetriebe (1-5 Personen)

2.457.950

3.056.318

21,3 Prozent

Kleine Mittelbetriebe (6-10 Personen)

   500.097

   833.400

66,6 Prozent

Größere Mittelbetriebe (11-50 Pers.)

   891.623

1.620.848

81,8 Prozent

Die Bevölkerung aber vermehrte sich in der gleichen Periode nur um 13,5 Prozent.

Wenn also in dem behandelten Zeitraum der Großbetrieb seine Armee noch stärker – um 88,7 Prozent – vermehrte, so ist das nur in Einzelfällen mit Aufsaugnng der kleinen Geschäfte gleichbedeutend gewesen. Thatsächlich findet in vielen Fällen nicht einmal – oder auch nicht mehr – Konkurrenz zwischen Groß- und Kleinbetrieb statt (man denke an die großen Maschinen- und Brückenbauwerke). Das Beispiel der Textilindustrie, das in unserer Literatur mit Vorliebe angeführt wird, ist in vieler Hinsicht trügerisch. Die Steigerung der Produktivität, welche der mechanische Spinnstuhl gegenüber der alten Spindel darstellte, ist nur vereinzelt wiederholt worden. Sehr viele Großbetriebe sind den Kleinbetrieben oder Mittelbetrieben nicht durch die Produktivität der angewandten Arbeit, sondern lediglich durch die Größe der Unternehmung überlegen (Schiffsbauwerke), und lassen deren Geschäftssphäre ganz oder zum großen Theil unberührt. Wer da hört, daß Preußen im Jahre 1895 nahezu doppelt soviel Arbeiter in Großbetrieben beschäftigt sah, wie 1882, daß diese 1882 erst 28,4 Prozent, 1895 aber schon 38,0 Prozent der gesammten gewerblich thätigen Arbeiterschaft vertraten, der kann sich leicht einbilden, daß der Kleinbetrieb in der That bald eine Sache der Vergangenheit sein wird und seine Rolle in der Wirthschaft ausgespielt hat. Die angeführten Zahlen zeigen, daß die sprunghafte Ausbreitung und Ausdehnung der Großbetriebe nur eine Seite der wirthschaftlichen Entwicklung darstellt.

Wie in der Industrie, so im Handel. Trotz des Aufschießens der großen Waarenhäuser halten sich sowohl die mittleren wie die kleineren Handelsgeschäfte. Es kann sich hier natürlich nicht darum handeln, das parasitische Element im Handel, beziehungsweise des sogenannten Zwischenhandels zu bestreiten. Immerhin muß bemerkt werden, daß auch in dieser Hinsicht viel Uebertreibung unterläuft. Die Großproduktion und der sich stetig steigernde Weltverkehr werfen immer größere Mengen von Gebrauchsgütern auf den Markt, die in irgend einer Weise den Konsumenten zugeführt sein wollen. Das dies mit weniger Arbeits- und Kostenaufwand geschehen könnte als durch den derzeitigen Zwischenhandel, wer wollte das leugnen? Aber solange es nicht geschieht, wird dieser auch leben. Und wie es Illusion ist, von der Großindustrie zu erwarten, daß sie in absehbarer Zeit die kleinen und Mittelbetriebe bis auf einen relativ unbedeutenden Rest aufsaugen wird, so ist es auch utopisch, von den kapitalistischen Waarenhäusern eine nennenswerthe Aufsaugung der mittleren und kleinen Läden zu erwarten. Sie schädigen einzelne Geschäfte und bringen hier und da zeitweise den ganzen Kleinhandel in Verwirrung. Aber nach einer Weile findet dieser doch einen Weg, mit den Großen zu konkurriren und alle Vortheile auszunutzen, die örtliche Beziehungen ihm bieten. Neue Spezialisirungen und neue Kombinirung von Geschäften bilden sich aus, neue Formen und Methoden des Geschäftsbetriebs. Das kapitalistische Waarenhaus ist vorläufig weit mehr ein Produkt der großen Zunahme des Waarenreichthums als ein Werkzeug der Vernichtung des parasitischen Kleinhandels, hat mehr daraufhin gewirkt, diesen aus seinem Schlendrian aufzurütteln und ihm gewisse monopolistische Gepflogenheiten abzugewöhueu, als ihn auszurotten. Die Zahl der Ladengeschäfte ist in stetem Wachsen, sie stieg in England zwischen 1875 und 1886 von 295.000 auf 366.000. Noch mehr steigt die Zahl der im Handel thätigen Personen. Da die englische Statistik von 1891 in dieser Hinsicht nach anderen Prinzipien aufgenommen wurde als die von 1881 [14], mögen hier die Zahlen der preußischen Statistik folgen.

Es waren in Preußen im Handel und Verkehr (ohne Eisenbahnen und Post) Personen thätig:

 

1885

    1895

Zunahme

In Betrieben mit

2 und weniger Gehilfen

        411.509        

           467.656        

  13,6 Proz.

 

8-5 Gehilfen

176.867

   342.112

  93,4 Proz.

6-50 Gehilfen

157.328

   303.078

  92,6 Proz.

51 und mehr Gehilfen

  25.619

     62.056

142,2 Proz.

 


 

771.323

1.174.902

Verhältnißmäßig ist der Zuwachs am größten in den Großbetrieben, die aber nicht vielmehr als 5 Prozent des Ganzen vertreten. Nicht die Großen machen den Kleinen die mörderischste Konkurrenz, diese letztere besorgen das Geschäft gegenseitig nach Möglichkeit. Aber im Verhältniß bleiben doch nur wenig Leichen. Und unbeschädigt bleibt in ihrem Aufbau die Stufenleiter der Betriebe. Der kleine Mittelbetrieb zeigt die stärkste Zunahme.

Kommen wir schließlich zur Landwirthschaft, so stoßen wir, hinsichtlich der Größenverhältnisse der Betriebe, zur Zeit überall in Europa und auch theilweise schon in Amerika auf eine Bewegung, die anscheinend Allem widerspricht, was die sozialistische Theorie bisher voraussetzte. Industrie und Handel zeigten nur eine langsamere Bewegung aufwärts zum Großbetrieb als angenommen, die Landwirthschaft aber zeigt entweder Stillstand oder direkt Rückgang des Größenumfangs der Betriebe.

Was zunächst Deutschland anbetrifft, so zeigt die 1895 aufgenommene Betriebszählung gegenüber 1882 die relativ stärkste Zunahme in der Gruppe des bäuerlichen Mittelbetriebs (5 bis 20 Hektaren), nämlich um nahezu 8 Prozent, und noch stärker ist der Zuwachs der von ihm besetzten Bodenfläche, nämlich rund 9 Prozent. Der ihm nach unten zunächst folgende bäuerliche Kleinbetrieb (2 bis 5 Hektaren) weist die nächst starke Zunahme auf: 3,5 Prozent Wachsthum der Betriebe und 8 Prozent Zunahme der Bodenfläche. Die Zwergbetriebe (unter 2 Hektaren) haben eine Zunahme von 5,8 Prozent und die von ihnen besetzte Fläche um 12 Prozent, doch weist der landwirthschaftlich benutzte Theil dieser Fläche einen Rückgang von nahezu 1 Prozent auf. Eine Zunahme um nicht ganz 1 Prozent, die zudem völlig auf die Forstwirthschaften entfällt, zeigen die zum Theil schon kapitalistischen großbäuerlichen Betriebe (20 bis 100 Hektaren), und eine solche um noch nicht 1/3 Prozent die Großbetriebe (mehr als 100 Hektaren), von denen das Gleiche zutrifft.

Hier die betreffenden Zahlen für 1895:

Art der Betriebe

Zahl der Betriebe

Landwirthschaftlich
benutzte Fläche

Gesammtfläche

Zwergbetriebe (bis 2 ha)

3.236.367

1.808.444

  2.415.414

Kleinbäuerliche (2–5 ha)

1.016.318

3.285.984

  4.142,071

Mittelbäuerliche (5–20 ha)

   998.804

9.721.875

12.537.660

Großbäuerliche (20–100 ha)

   281.767

9.869.837

13,157,201

Großbetriebe (100 ha und darüber)

     25.061

7.831.801

11.031.896

Ueber zwei Drittel der Gesammtfläche entfallen auf die drei Kategorien der bäuerlichen Wirthschaften, etwa ein Viertel auf die Großbetriebe. In Preußen ist das Verhältniß der bäuerlichen Betriebe noch günstiger, sie halten dort nahezu drei Viertel der landwirthschaftlichen Bodenfläche besetzt, 22.875.000 von 32.591.000 Hektaren.

Wenden wir uns von Preußen zum benachbarten Holland, so finden wir:

Betriebsart

 

Betriebe

 

Zu- oder
Abnahme

 

Prozent

1884

 

1893

  1–   5  ha

66.842

77.767

+ 10.925

+ 16,2

  5–10  ha

31.552

34.199

+   2.647

+   8,4

10–50 ha

48.278

51.940

+   3.662

+   7,6

über 50 ha

  3.554

  3.510

−        44

−   1,2

Hier ist der Großbetrieb direkt zurückgegangen, und der kleinbäuerliche Mittelbetrieb hat sich erheblich vermehrt. [15]

In Belgien ist nach Vandervelde [16] sowohl der Grundbesitz wie der Bodenbetrieb einer fortgesetzten Dezentralisation unterworfen. Die letzte allgemeine Statistik weist eine Zunahme der Zahl der Grundbesitzer von 201.226 im Jahre 1846 zu 293.524 im Jahre 1880, eine solche der Bodenpächter von 371.320 auf 616.872 auf. Die gesammte landwirthschaftlich bebaute Fläche Belgiens belief sich 1880 auf nicht ganz 2 Millionen Hektaren, wovon über ein Drittel von den Eigenthümern bewirthet wurde. Die Parzellenwirthschaft erinnert da schon an chinesische Agrarverhältnisse.

Frankreich hatte im Jahre 1882 landwirthschaftliche Betriebe:

 

Betriebe

Ausdehnung

Unter 1 ha

      2.167.767      

        1.083.833 ha      

     1–   10  ha

2.635.030

11.366.274 ha

   10–  40  ha

   727.088

14.845.650 ha

  40–100  ha

   113.285

 

100–200 ha

     20.644

 

200–400 ha

       7.942

22.266.104 ha

über 500 ha

          217

 

 


5.672.003

48.478.028 ha

Auf die Betriebe zwischen 40 bis 100 Hektaren kamen rund 14 Millionen, auf die über 200 Hektaren rund 8 Millionen Hektaren, so daß im Ganzen der Großbetrieb zwischen ein Fünftel bis ein Sechstel der landwirthschaftlich bebauten Fläche vertrat. Die kleinere, mittlere und Großbauernwirthschaft bedeckt fast drei Viertel des französischen Bodens. Von 1862 bis 1882 hatten sich die Betriebe von 5 bis 10 Hektaren um 24 Prozent, die zwischen 10 und 40 Hektaren um 14,28 Prozent vermehrt. Die Agrarstatistik von 1892 weist eine Zunahme der Gesammtzahl der Betriebe um 30,000, aber eine Abnahme der zuletzt angeführten Kategorien um 33.000 auf, was eine weitere Zerstückelung der Bodenwirthschaften anzeigt.

Wie aber steht es in England, dem klassischen Lande des Großgrundbesitzes und der kapitalistischen Bodenwirthschaft? Man kennt die Liste der Mammuth-Landlords, die von Zeit zu Zeit zur Veranschaulichung der Konzentration des Grundbesitzes in England durch die Presse geht, und man kennt auch die Stelle im Kapital, wo Marx sagt, die Behauptung John Brights, daß 150 Grundbesitzer die Hälfte des britischen und 12 die Hälfte des schottischen Bodens eignen, sei nicht widerlegt worden (Kapital, I, 4. Aufl., S. 615). Nun, monopolistisch zentralisirt, wie der Boden Englands ist, ist er es doch nicht in dem Maße, wie John Bright meinte. Nach Brodricks English Land and English Landlords waren 1876 von 33 Millionen Acres in Domesday Book eingetragenen Bodens in England und Wales rund 14 Millionen Eigenthum von zusammen 1.704 Grundbesitzern mit je 3.000 Acres (1.200 Hektar) und darüber. Die restlichen 19 Millionen Acres vertheilten sich zwischen rund 150.000 Eigenthümer von 1 Acres und darüber und eine Unmasse Eigenthümer von kleinen Landfetzen. Mulhall gab 1892 für das ganze Vereinigte Königreich die Zahl der Eigenthümer von mehr als 10 Acres Boden (zusammen 10/11 des ganzen Areals) auf 176.520 an. Wie wird nun dieser Boden bewirthet? Hier die Zahlen von 1885 und 1895 für Großbritannien (England mit Wales und Schottland, aber ohne Irland) wobei des bequemeren Vergleichs wegen die Betriebsgrößen, soweit es sich in die Klassifikation handelt, in Hektaren umgerechnet sind. [17] Es wurden gezählt:

Betriebe

 

1885

 

1896

 

 

    2–   20  ha

232.955

235.481

+ 2.526

  20–  40  ha

  64.715

  66.625

+ 1.910

  40–120  ha

  79.573

  81.245

+ 1.672

120–200 ha

  13.875

  13.568

−    307

über 200 ha

    5.489

    5.219

−    270

Auch hier also eine Abnahme der großen und ganz großen und eine Zunahme der klein- und mittelbäuerlichen Betriebe.

Die Betriebszahlen sagen uns indeß noch nichts über das bewirthete Areal. Ergänzen wir sie daher durch die Zahlen der auf die verschiedenen Betriebsklassen fallenden Bodenflächen. Sie zeigen ein geradezu verblüffendes Bild. Es kamen in Großbritannien im Jahre 1895 auf:

 

Acres
à 40 Ar

Prozent der
Gesammtfläche

Betriebe

unter

2 ha [18]

           366.792      

    1,13

 

von

2– 5 ha     

  1.667.647

    5,12

 

5– 20 ha     

  2.864.976

    8,79

20– 40 ha     

  4.885.203

  15,00

40–120 ha     

13.875.914

  42,59

120– 200 ha     

  5.113.945

  15,70

200–400 ha     

  3.001.184

    9,21

über

400 ha     

     801.852

    2,46

 


82.577.643

100,00

Es sind danach gerade 27 bis 28 Prozent der landwirthschaftlich benutzten Fläche Großbritanniens eigentlicher Großbetrieb und nur 2,46 Prozent fallen auf Riesenbetriebe. Dagegen kommen über 66 Prozent auf mittel- und großbäuerliche Wirthschaften. Das Verhältniß ist in Großbritannien der bäuerlichen Wirthschaft (wobei allerdings der schon kapitalistischen großbäuerliche Betrieb überwiegt) noch günstiger als der Durchschnitt in Deutschland. Selbst im eigentlichen England umfassen die Betriebe zwischen 5 und 120 Hektaren 64 Prozent der bewirtheten Fläche, und kommen erst rund 13 Prozent der Fläche auf Betriebe von über 200 Hektaren. In Wales sind, von Zwergbetrieben ganz abgesehen, 92 Prozent, in Schottland 72 Prozent der Wirthschaften bäuerliche Betriebe von zwischen 2 und 120 Hektaren.

Von der bebauten Fläche wurden 61.014 Betriebe mit 4,6 Millionen Acres Land von ihren Eigenthümern selbst bewirthet, 19,607 Betriebe wirtheten auf theils eigenem und theils Pachtland, und 439.405 Betriebe nur auf gepachtetem Land. Daß in Irland der Kleinbauern- beziehungsweise Theilpächterstand völlig überwiegt, ist bekannt. Das Gleiche gilt von Italien.

Nach alledem kann es keinem Zweifel unterstehen, daß im ganzen westlichen Europa, wie übrigens auch in den östlichen Staaten der amerikanischen Union überall der kleine und mittlere Betrieb in der Landwirthschaft wächst und der große oder Riesenbetrieb zurückgeht. Daß die mittleren Betriebe oft sehr ausgeprägt kapitalistische Betriebe sind, untersteht keinem Zweifel. Die Konzentration der Betriebe vollzieht sich da nicht in der Form, daß ein immer größeres Flächengebiet der einzelnen Wirthschaft einverleibt wird, wie das Marx vor sich sah (vergl. Kapital, I, 4. Aufl., S. 643, Note), sondern lediglich in der Form der Verdichtung der Wirthschaft, Uebergang zu Kulturen, die mehr Arbeit pro Flächeneinheit erfordern, oder zu qualifizirter Viehwirthschaft. Daß dies in hohem Grade (nicht ausschließlich) Resultat der landwirthschaftlichen Konkurrenz der überseeischen und osteuropäischen Agrarstaaten oder Agrarterritorien ist, ist bekannt. Und ebenso, daß diese noch eine gute Weile im Stande sein werden, Korn und eine Reihe anderer Bodenprodukte zu so billigen Preisen auf den europäischen Markt zu bringen, so daß eine wesentliche Verschiebung der Entwicklungsfaktoren von dieser Seite aus nicht zu erwarten ist.

Mögen also auch die Tabellen der Einkommenstatistik der vorgeschrittenen Industrieländer zum Theil die Beweglichkeit und damit zugleich die Flüchtigkeit und Unsicherheit des Kapitals in der modernen Wirthschaft registriren, mögen auch die da verzeichneten Einkommen oder Vermögen in wachsendem Verhältniß papierene Größen sein, die ein kräftig blasender Wind in der That leicht hinwegwehen könnte, so stehen diese Einkommensreihen doch in keinem grundsätzlichen Gegensatz zu der Rangordnung der Wirthschaftseinheiten in Industrie, Handel und Landwirthschaft. Einkommensskala und Betriebsskala zeigen in ihrer Gliederung einen ziemlich ausgeprägten Parallelismus, besonders soweit die Mittelglieder in Betracht kommen. Wir sehen diese nirgends abnehmen, vielmehr fast überall sich erheblich ausdehnen. Was ihnen hier von oben abgenommen wird, ergänzen sie durch Zuzug von unten her, und für das, was dort aus ihren Reihen nach unten fällt, erhalten sie von oben her Ersatz. Wenig der Zusammenbruch der modernen Gesellschaft vom Schwinden der Mittelglieder zwischen der Spitze und dem Boden der sozialen Pyramide abhängt, wenn er bedingt ist durch die Aufsaugung dieser Mittelglieder von den Extremen über und unter ihnen, dann ist er in England, Deutschland, Frankreich heute seiner Verwirklichung nicht näher wie zu irgend einer früheren Epoche im neunzehnten Jahrhundert.

Aber ein Gebäude kann sich äußerlich als unverändert baufest darstellen und doch baufällig sein, wenn die Steine selbst oder bedeutende Lagen von Steinen morsch geworden. Die Solidität eines Geschäftshauses bewährt sich in kritischen Zeitläufen, es bleibt uns daher zu untersuchen, wie es mit den Wirthschaftskrisen steht, die der modernen Produktionsordnung eigen sind, und welche Aeußerungen und Rückwirkungen in der näheren Zukunft von ihnen zu gewärtigen sind.
 

d) Die Krisen und die Anpassungsmöglichkeiten der modernen Wirthschaft

 

„Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise.“

Marx, Vorwort zur zweiten Auslage des Kapital

Ueber die wirthschaftlichen Krisen des modernen Gesellschaftskörpers, ihre Ursachen und ihre Heilung, ist kaum weniger heiß gestritten worden, als über die pathologischen Krisen bezw. die Krankheitszustände des menschlichen Körpers. Wer Lust an Vergleichen hat, wird auch mit Leichtigkeit Vergleichspunkte finden für Parallelen zwischen den verschiedenartigen Theorien, die hinsichtlich beider Erscheinungen aufgestellt worden sind. Er wird z.B. in den Parteigängern des an J.B. Say anknüpfenden extremen wirthschaftlichen Liberalismus, der die Geschäftskrisen lediglich als Selbstheilungsprozeß des wirthschaftlichen Organismus betrachtet, die nächsten Geistesverwandten der Anhänger der sogenannten Naturheilmethode erblicken, und wird die verschiedenen Theorien, die bei menschlichen Krankheiten eingreifende ärztliche Thätigkeit nach bestimmten Gesichtspunkten befürworten (symptomatisches Heilverfahren, konstitutionelle Behandlung &c.) in Beziehung setzen zu den verschiedenen Sozialtheorien, die allerlei staatliches Eingreifen gegenüber den Ursachen und Aeußerungen der Wirthschaftskrisen für geboten erklären. Wenn er jedoch dazu übergeht, die Vertreter der hüben und drüben aufgestellten Systeme genauer zu betrachten, so wird er die merkwürdige Beobachtung machen, daß es mit der Einheitlichkeit der Denkrichtung, die geniale Geschichtspsychologeu den Menschen nachsagen, oft recht übel bestellt ist, daß sehr weitgehender Glaube an approbirte Medizinärzte und ihre Kunst sich mit starrem wirthschaftlichem Manchesterthum ganz gut verträgt und ebenso vice versa.

Die in sozialistischen Kreisen populärste Erklärung der Wirthschaftskrisen ist ihre Ableitung aus der Unterkonsumtion. Dieser Auffassung ist jedoch Friedrich Engels wiederholt scharf entgegengetreten. Am schroffsten wohl im dritten Abschnitt des dritten Kapitels der Streitschrift wider Dühring, wo Engels sagt, die Unterkonsumtion der Klasse sei wohl „auch eine Vorbedingung der Krisen“, erkläre aber ebensowenig das heutige Dasein wie die frühere Abwesenheit derselben. Engels exemplifizirt dabei auf die Verhältnisse der englischen Baumwollindustrie im Jahre 1877 und erklärt es für ein starkes Stück, Angesichts ihrer „die jetzige totale Absatzstockung der Baumwollgarne und Gewebe zu erklären aus der Unterkonsumtion der englischen Massen und nicht aus der Ueberproduktion der englischen Baumwollfabrikanten“ (3. Auflage, S. 308/309). [19] Aber auch Marx selbst hat sich gelegentlich sehr scharf gegen die Ableitung der Krisen aus der Unterkonsumtion ausgesprochen. „Es ist eine reine Tautologie“, heißt es im zweite Bande des Kapital, „zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähigen Konsumente hervorgehen.“ Wolle man dieser Tautologie einen Schein tieferer Begründung dadurch geben, da man sage, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Theil ihres eigenen Produkts, und dem Uebelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größeren Antheil daran empfängt, so sei nur zu bemerken, da „die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größeren Antheil an dem für Konsumtion bestimmten Theile des jährlichen Produkts erhält“. Es scheine also, da die kapitalistische Produktion „vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvögel einer Krise“ (a.a.O., S. 406/407). Wozu Engels in einer Fußnote hinzusetzt: „Ad notam für Anhänger der Rodbertusschen Krisentheorie“.

In ziemlichem Widerspruch gegen alle diese Sätze steht eine Stelle im zweiten Theile des dritten Bandes des Kapital. Dort sagt nämlich Marx von den Krisen: „Der letzte Grund aller wirthschaftlichen Krisen bleibt immer die Armuth und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Triebe der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumüonsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde“ (a.a.O., S. 21). Das ist nicht sonderlich von der Rodbertusschen Krisentheorie verschieden, denn auch bei Rodbertus werden die Krisen nicht schlechtweg aus der Unterkonsumtion der Massen abgeleitet, sondern, wie im Vorstehenden, aus dieser in Verbindung mit der steigenden Produktivität der Arbeit. An der zitirten Stelle bei Marx aber wird die Unterkonsumtion der Massen sogar ins Gegensatz zur Produktionsanarchie – Mißverhältniß der Produktion in den verschiedenen Zweigen und Preiswechsel, die zeitweilige allgemeine Stockungen hervorrufen – als der letzte Grund aller wirklichen Krisen hervorgehoben.

Soweit hier ein wesentlicher Unterschied von der Auffassung vorliegt, wie sie in dem weiter oben gegebenen Zitat aus dem zweiten Bande zum Ausdruck kommt, wird man die Erklärung dafür in der sehr verschiedenen Entstehungszeit der beiden Satzstücke zu suchen haben. Es liegt ein Zeitraum von nicht weniger als dreizehn bis vierzehn Jahren zwischen ihnen, und zwar ist der Satz aus dem dritten Bande des Kapital der ältere. Er ist schon 1864 oder 1865 niedergeschrieben worden, der aus dem zweiten Bande dagegen jedenfalls später als 1878 (vergl. darüber die Angaben von Engels im Vorwort zum zweiten Bande des Kapital). Ueberhaupt enthält der zweite Band die spätesten und reifsten Früchte der Marxschen Forschungsarbeit.

An einer anderen Stelle eben dieses zweiten Bandes, die schon 1870 entstanden ist, wird der periodische Charakter der Krisen – der annähernd zehnjährige Produktionszyklus – mit der Umschlagsdauer des fixen (in Maschinen &c. angelegten) Kapitals in Verbindung gebracht. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion hat die Tendenz, auf der einen Seite Werthumfaug und Lebensdauer des fixen Kapitals auszudehnen, auf der anderen diese Lebensdauer durch beständige Umwälzung der Produktionsmittel zu verkürzen. Daher der „moralische Verschleiß“ dieses Theiles des fixen Kapitals, bevor er „physisch ausgelebt“ ist. „Durch diesen, eine Reihe von Jahren umfassenden Zyklus von zusammenhängenden Umschlägen, in welchen das Kapital durch seinen fixen Bestandtheil gebannt ist, ergiebt sich eine materielle Grundlage der periodischen Krisen, worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Ueberstürzung, Krise durchmacht“ (zweiter Band, S. 164). Zwar seien die Perioden, worin Kapital angelegt wird, sehr verschiedene und auseinanderfallende, indessen bilde die Krise immer den Ausgangspunkt einer großen Neuanlage, und damit – die ganze Gesellschaft betrachtet – eine „mehr oder minder neue materielle Grundlage für den nächsten Umschlagszyklus“ (S.165). Dieser Gedanke wird im gleichen Bande bei Behandlung der Reproduktion des Kapitals (d.h. des Vorgangs der beständigen Erneuerung der Kapitale für Produktions- und Konsumtionszwecke auf gesellschaftlicher Basis) wieder aufgenommen und dort ausgeführt, wie selbst bei Reproduktion auf gleichbleibender Stufenleiter und mit unveränderter Produktivkraft der Arbeit zeitweilig sich einstellende Unterschiede in der Lebensdauer des fixen Kapitals (wenn z.B. in einem Jahre mehr Bestandtheile von fixem Kapital absterben als im vorhergehenden Jahre) Produktionskrisen zur Folge haben müssen. Der auswärtige Handel könne zwar aushelfen, aber soweit er nicht blos Elemente – auch dem Werthe nach – ersetze, verlege er „nur die Widersprüche auf ausgedehntere Sphäre, eröffnet er ihnen größeren Spielraum“. Eine kommunistische Gesellschaft könne solchen Störungen durch fortwährende relative Ueberproduktion vorbeugen, die bei ihr „gleich ist mit Kontrolle der Gesellschaft über die gegenständlichen Mittel ihrer eigenen Reproduktion“; innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aber sei diese Ueberproduktion ein anarchisches Element. Dies Beispiel von Störungen durch bloße Lebensunterschiede des fixen Kapitals sei schlagend. „Mißverhältniß in der Produktion von fixem und zirkulirendem Kapital ist einer der Lieblingsgründe der Oekonomen, um die Krisen zu erklären. Daß solches Mißverhältniß bei bloßer Erhaltung des fixen Kapitals entspringen kann und muß – ist ihnen etwas Neues; daß sie entspringen kann und muß bei Voraussetzung einer idealen Normalproduktion, bei einfacher Reproduktion des bereits fungirenden gesellschaftlichen Kapitals“ (a.a.O., S. 468). Im Kapitel von der Akkumulation und erweiterten Reproduktion werden Ueberproduktion und Krisen mie beiläufig als selbstverständliche Resultate von Kombinationsmöglichkeiten erwähnt, die mit dem geschilderten Prozeß verbunden sind. Doch wird hier wieder sehr energisch am Begriff „Ueberproduktiom“ festgehalten. „Wenn also Fullarton zum Beispiel“, heißt es Seite 499, „nichts von der Ueberproduktion im gewöhnlichen Sinne wissen will, wohl aber von Ueberproduktion von Kapital, nämlich Geldkapital, so beweist das wieder, wie absolut wenig selbst die besten bürgerlichen Oekonomen vom Mechanismus ihres Systems verstehen.“ Und auf Seite 524 wird ausgeführt, daß wenn, was selbst bei kapitalistischer Akkumulation gelegentlich eintreten könne, der konstante Theil des für die Produktion von Konsumtionsmitteln bestimmten Kapitaltheils größer sei als Lohnkapital plus Mehrwerth des für die Produktion von Produktionsmitteln bestimmten Kapitaltheils, dies Ueberproduktion in der ersteren Sphäre sei und „nur durch einen großen Krach auszugleichen wäre“.

Der vorher entwickelte Gedanke, daß die Erweiterung des Marktes die Widersprüche der kapitalistischen Wirthschaft auf ausgedehntere Sphäre verlegt und damit steigert, wird von Engels bei verschiedenen Gelegenheiteu im dritten Bande auf die neueren Erscheinungen angewendet. Vor Allem sind da die Noten auf Seite 97 im ersten, und auf Seite 27 im zweiten Theile dieses Bandes bemerkenswerth. In der letzteren Note, die das in der ersteren Gesagte rekapitulirt und ergänzt, werden zwar die kolossale Ausdehnung, welche die Verkehrsmittel seit der Zeit erfahren haben, wo Marx schrieb, und die den Weltmarkt erst wirklich hergestellt habe: das Eintreten immer neuer Industrieländer in die Konkurrenz mit Eugland, und die unendliche Ausdehnung des Gebiets für die Anlage überschüssigen europäischen Kapitals als Faktoren bezeichnet, welche „die meisten alten Krisenherde und Gelegenheiten zur Krisenbildung beseitigt oder stark abgeschwächt haben“, aber nach Charakterisirung der Kartelle und Trusts als Mittel zur Beschränkung der Konkurrenz auf dem inneren Markte, und der Schutzzölle, womit sich die nichtenglische Welt umgiebt, als „Rüstungen für den schließlichen allgemeinen Industriefeldzug, der die Herrschaft auf dem Weltmarkt entscheiden solle, heißt es schließlich: „So birgt jedes der Elemente, das einer Wiederholung der alten Krisen entgegenstrebt, den Keim einer weit gewaltigeren künftigen Krise in sich.“ Engels wirft die Frage auf, ob nicht der Industriezyklus, der in der Kindheit des Welthandels (1815 bis 1847) annähernd fünfjährige, von 1847 bis 1867 zehnjährige Perioden umspannt habe, eine neue Ausdehnung erfahren habe, und wir uns „in der Vorbereitungsperiode eines neuen Weltkrachs von unerhörter Vehemenz befinden“, läßt aber auch die Alternative offen, daß die akute Form des periodischen Prozesses mit ihrem bisherigen zehnjährigen Zyklus einer „mehr chronischen, sich auf die verschiedenen Länder verschiedenzeitig vertheilenden Abwechslung von relativ kurzer, matter Geschäftsbesserung mit relativ langem, entscheidungslosem Drucke gewichen sei.“

Die seit Niederschrift dieser Stelle verstrichene Zeit hat die Frage unentschieden gelassen. Weder lassen sich Zeichen eines ökonomischen Weltkrachs von unerhörter Vehemenz feststellen, noch kann man die inzwischen eingesetzte Geschäftsbesserung als besonders kurzlebig bezeichnen. Es erhebt sich vielmehr eine dritte Frage, die übrigens in der zuletzt angeführten schon zum Theile eingeschlossen ist. Nämlich, ob nicht die gewaltige räumliche Ausdehnung des Weltmarkts im Verein mit der außerordentlichen Verkürzung der für Nachrichten und Transportverkehr erforderten Zeit die Möglichkeiten des Ausgleichs von Störungen so vermehrt, der enorm gestiegene Reichthum der europäischen Industriestaaten im Verein mit der Elastizität des modernen Kreditwesens und dem Aufkommen der industriellen Kartelle die Rückwirkungskraft örtlicher oder partikularer Störungen auf die allgemeine Geschäftslage so verringert hat, daß wenigstens für eine längere Zeit allgemeine Geschäftskrisen nach Art der früheren überhaupt als unwahrscheinlich zu betrachten sind.

Diese von mir in einem Aufsatz über die sozialistische Zusammenbruchstheorie aufgeworfene Frage hat verschiedentliche Anfechtung erfahren. Unter Anderen hat sie Fräulein Dr. Rosa Luxemburg veranlaßt, mir in einer, in der Leipziger Volkszeitung vom September 1898 veröffentlichten Artikelserie einen Kursus über Kreditwesen und Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus zu lesen. Da diese Artikel, die auch noch in einige andere sozialistische Blätter übergegangen sind, wahre Muster falscher, aber zugleich auch mit großem Talent gehandhabter Dialektik sind, scheint es mir am Platze, hier kurz auf sie einzugehen. [20]

Vom Kredit behauptet Fräulein Luxemburg, er sei, weit entfernt, den Krisen entgegenzuwirken, gerade das Mittel, sie auf die höchste Spitze zu treiben. Er erst ermöglichte die maßlose Ausdehnung der kapitalistischen Produktion, die Beschleunigung des Austausches der Waaren, des Kreislaufs des Produktionsprozesses und sei auf diese Weise das Mittel, den Widerspruch zwischen Produktion und Verbrauch so oft als möglich zum Ausbruch zu bringen. Er spiele den Kapitalisten die Disposition über fremde Kapitale und damit die Mittel zu waghalsigster Spekulation in die Hand. Trete aber die Stockung ein, so verschärfe er durch sein Zusammenschrumpfen die Krise. Seilte Funktion sei, den Rest von Stabilität aus allen kapitalistischen Verhältnissen zu verbannen, alle kapitalistischen Potenzen in höchstem Grade dehnbar, relativ und empfindlich zu machen.

Alles das ist nun für Jemand, der die Literatur des Sozialismus im Allgemeinheit und des marxistischen Sozialismus im Besonderen ein wenig kennt, nicht gerade neu. Es fragt sich nur, ob es den heutigen Sachverhalt richtig darstellt oder ob das Bild nicht auch eine andere Seite hat. Nach den Gesetzen der Dialektik, die Fräulein Luxemburg so gern spielen läßt, müßte es sogar der Fall sein, und auch ohne daß man auf sie zurückgreift, wird man sich sagen können, daß eine so vieler Formen fähige Sache, wie der Kredit, unter verschiedenen Verhältnissen verschiedenartig wirken muß. Marx behandelt denn auch den Kredit keineswegs nur unter dem Gesichtspunkt des Zerstörers. Er spricht ihm unter Anderem (Band III, 1, S. 429) die Funktion zu, „die Uebergangsform zu einer neuen Produktionsweise zu bilden“, und hebt im Hinblick darauf ausdrücklich die „doppelseitigen Charaktere des Kreditsystems“ hervor. Fräulein Luxemburg kennt die betreffende Stelle sehr gut, sie druckt sogar den Satz aus ihr ab, wo. Marx vom Mischcharakter – „halb Schwindler, halb Prophet“ – der Hauptverkünder des Kredits (John Law, Isaak Pereire &.) spricht. Aber, sie bezieht ihn ausschließlich auf die zerstörerische Seite des Kreditsystems und erwähnt mit keinem Worte seiner herstellend-schöpferischen Fähigkeit, die Marx ausdrücklich mit heranzieht. Warum diese Amputation, warum dies merkwürdige Schweigen hinsichtlich der „doppelseitigen Charaktere“? Das dialektische Brillantfeuerwerk, mittels dessen sie die Potenz des Kreditsystems als Anpassungsmittel im Lichte einer „Eintagsfliege“ darstellt, löst sich in Rauch und Qualm auf, sobald man diese andere Seite näher betrachtet, an der Fräulein Luxemburg so scheu vorübergleitet.

Indeß auch die einzelnen Sätze ihrer Beweisführung vertragen keine zu nahe Prüfung. „Er steigert den Widerspruch zwischen Produktionsweise und Austauschweise“, heißt es bei ihr vom Kredit, „indem er die Produktion aufs Höchste anspannt, den Austausch aber bei dem geringsten Anlaß lahmlegt.“ Das ist sehr geistreich gesagt; nur schade, daß man den Satz drehen kann, wie man will, ohne daß er an Richtigkeit verliert. Man versetze in seinem zweiten Stücke die beiden Hauptworte und es bleibt genau so viel an ihm richtig wie vorher. Oder man sage, der Kredit hebt den Gegensatz zwischen Produktionsweise und Austauschweise auf, indem er die Spannungsunterschiede zwischen Produktion und Austausch periodisch ausgleicht, und man hat auch Recht. „Der Kredit“, heißt es weiter, „steigert den Widerspruch zwischen Eigenthums- und Produktionsverhältnissen, indem er durch forcirte Enteignung vieler kleiner Kapitalisten in wenigen Händen ungeheure Produktivkräfte vereinigt.“ Wenn der Satz eine Wahrheit enthält, so nicht minder sein direktes Gegentheil. Wir sprechen nur eine in der Wirklichkeit vielfach bestätigte Thatsache aus, wenn wir sagen, daß der Kredit den Widerspruch zwischen Eigenthums- und Produktionsverhältnissen aufhebt, indem er durch Vereinigung vieler kleiner Kapitalisten ungeheure Produktivkräfte in Kollektiveigenthum verwandelt. Bei der Aktiengesellschaft in ihren einfachen und potenzirten Formen ist die Sache, wie wir im Abschnitt über die Einkommensbewegung gesehen haben, ganz evident. Wenn Fräulein Luxemburg dem entgegen sich auf Marx berufen will, der an der berührten Stelle aufs Neue dem Kreditsystem zunehmende Beschränkung der Zahl der den gesellschaftlichen Reichthum ausbeutenden Wenigen zuspricht, so ist darauf zu erwidern, daß der empirische Beweis für diese Behauptung von Marx nirgends erbracht ist, noch erbracht werden konnte, Marx aber vielfach auf Thatsachen Bezug nimmt, die ihr widersprechen. So wenn er im 22. Kapitel des dritten Bandes, das von der Tendenz des Zinsfußes zu Fallen handelt, auf die von Ramsay konstatirte steigende Vermehrung der Rentiers in England verweist (III, 1, S. 346). Aber wenn bei Marx auch wiederholt die Verwechslung von juristischer und physischer Person unterläuft (denn darin wurzelt schließlich die vorstehende Annahme), so täuscht sie ihn doch nicht über die positive ökonomische Potenz des Kredits. Dies zeigt sich am klarsten da, wo er von der Arbeitergenossenschaft spricht, deren charakteristischer Typus bei ihm noch die alte Produktivgenossenschaft – er nennt sie Kooperativfabrik – ist, und von der er daher sagt, daß sie alle Mängel des bestehenden Systems reproduzire und reproduziren müsse. Aber sie hebt doch, führt er aus, den in der kapitalistischen Fabrik bestehenden Gegensatz positiv auf. Wenn sie ein Kind des auf der kapitalistischen Produktion beruhenden Fabriksystems sei, so in gleichem Maße ein Kind des auf dieser beruhenden Kreditsystems, ohne das sie sich, heißt es bei Marx, nicht hätte entwickeln können, und das die „Mittel bietet zur allmäligen Ausdehnung der Kooperativunternehmungen auf mehr oder minder nationaler Stufenleiter“ (Kapital, III, 1, S.428). Da haben wir die Umkehrung des Luxemburgschen Spruches in bester Form.

Daß das Kreditsystem die Spekulation erleichtert, ist eine Jahrhunderte alte Erfahrung, und sehr alt ist auch die Erfahrung, daß die Spekulation vor der Produktion nicht Halt macht, wo deren Form und Verfassung für ihr Spiel weit genug entwickelt sind. Die Spekulation ist indeß ihrerseits bedingt durch das Verhältniß der wißbaren zu den unwißbaren Umständen. Je stärker die letzteren überwiege, um so mehr wird sie blühen, je mehr sie von den ersteren zurückgedrängt werden, um so mehr Boden wird ihr entzogen. Daher fallen die wahnsinnigsten Auswüchse kommerzieller Spekulation in die Zeit des Anbruchs der kapitalistischen Aera und feiert die Spekulation in Ländern jüngerer kapitalistischer Entwicklung gewöhnlich die wüstesten Orgien. Auf dem Gebiet der Industrie blüht die Spekulation am üppigsten in neuen Produktionszweigen. Je älter ein Produktionszweig als moderne Industrie ist, um so mehr hört – die Fabrikation von reinen Modeartikeln ausgenommen – das spekulative Moment auf, eine maßgebende Rolle im ihr zu spielen. Es werden die Marktverhältnisse und Marktbewegungen genauer übersehen und mit größerer Sicherheit in Berechnung gezogen.

Immerhin ist diese Sicherheit stets nur relativ, weil die Konkurrenz und die technische Entwicklung eilte absolute Kontrolle des Marktes ausschließen. Die Ueberproduktion ist bis zu einem gewissen Grade unvermeidbar. Aber Ueberproduktion in einzelnen Industrien heißt noch nicht allgemeine Krim. Soll sie zu einer solchen führen, dann müssen die betreffenden Industrien entweder von solcher Bedeutung als Konsumenten der Fabrikate anderer Industrien sein, daß ihr Stillstand diese auch stillsetzt und so fort, oder aber sie müssen ihnen durch das Medium des Geldmarkts bezw. durch Lähmung des allgemeinen Kredits die Mittel zur Fortführung der Produktion entziehen. Es liegt aber auf der Hand, da je reicher ein Land und je entwickelter sein Kreditorganismus ist – was nicht zu verwechseln ist mit potenzirter Wirthschaft auf Borg –, diese letztere Wirkung immer geringere Wahrscheinlichkeit erhält. Denn hier nehmen die Ausgleichungsmöglichkeiten in steigendem Maße zu. An irgend einer Stelle, die ich im Moment nicht finde kann, sagt Marx einmal, und die Richtigkeit des Satzes läßt sich durch massenhafte Belege erweisen, daß im Zentrum des Geldmarkts dessen Kontraktionen immer schneller überwunden werden, als an den verschiedenen Punkten der Peripherie. Und Marx hatte dabei selbst in England immer noch einen sehr viel gebundeneren Geldmarkt vor Augen, als es der heutige ist. So heißt es bei ihm noch (dritter Band des Kapital, zweiter Theil, S. 18), daß mit Ausdehnung der Märkte die Kredite sich verlängern und so das spekulative Element mehr und mehr die Geschäfte beherrschen müsse. Aber die inzwischen vollzogene Umwälzung der Verkehrsmittel hat die Wirkungen räumlicher Entfernungen in dieser Hinsicht mehr wie ausgeglichen. [21] Sind damit auch die Krisen des Geldmarkts nicht aus der Welt geschafft, so sind doch, um was es sich hier handelt, die Einschnürungen des Geldmarkts durch weitschichtige und schwer kontrollirbare Handelsunternehmungen bedeutend reduzirt.

Das Verhältniß der Geldkrisen zu den Handels- und Geschäftskrisen ist noch keineswegs so völlig aufgeklärt, daß man von irgend einem konkreten Falle, wo beide zusammenfielen, mit Bestimmtheit sagen könnte, daß es die Handelskrise bezw. die Ueberproduktion direkt war, die die Geldkrise verursachte. In den meisten Fällen war es jedoch offenbar nicht faktische Ueberproduktion, sondern die Ueberspekulation, was den Geldmarkt lähmte und dadurch auf das ganze Geschäft drückte. Dies geht sowohl aus den Einzeluheiten hervor, die Marx im dritten Bande des Kapital an der Hand der offiziellen Untersuchungen über die Krisen von 1847 und 1857 mittheilt, als es auch durch die Thatsachen bestätigt wird, die Professor Herkner in seinem Abriß über die Geschichte der Handelskrisen im Handwörterbuch der Staatswissenschaften über diese und andere Krisen anführt. Fräulein Dr. Luxemburg folgert auf Grund der von Herkner angeführten Thatsachen, daß die bisherigen Krisen überhaupt noch nicht die richtigen Krisen, sondern erst Kinderkrankheiten der kapitalistischen Wirthschaft waren, Begleiterscheinungen nicht von Einengungen, sondern von Erweiterungen des Gebiets der kapitalistischen Wirthschaft, daß wir „noch nicht in jene Phase vollkommener kapitalistischer Reife eingetreten sind, die bei dem Marxschen Schema der Krisenperiodizität vorausgesetzt wird“. Nach ihr befinden wir uns „in einer Phase, wo die Krisen nicht mehr das Aufkommen des Kapitalismus und noch nicht seinen Untergaug begleiten“. Diese Zeit werde erst kommen, wenn der Weltmarkt im Großen und Ganzen ausgebildet sei und durch keine plötzlichen Erweiterungen mehr vergrößert werden könne. Dann müsse der Widerstreit der Produktivkräfte mit den Austauschschranken immer schroffer und stürmischer werden.

Darauf ist zu bemerken, daß das Krisenschema bei oder für Marx kein Zukunftsbild, sondern Gegenwartsbild war, von dem nur erwartet wurde, daß es in der Zukunft in immer schrofferen Formen, in immer größerer Zuspitzung wiederkehren werde. Indem Fräulein Luxemburg ihm für die ganze hinter uns liegende Epoche die Bedeutung abspricht, die Marx ihm beimaß, es als Ableitung hinstellt, der die Wirklichkeit noch nicht entsprach, als vorwegnehmende logische Konstruktion eines Vorgangs auf Grund gewisser, erst im Keime gegebener Elemente, stellt sie zugleich die Marxsche Prognose der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung in Frage, soweit dieselbe auf die Krisentheorie sich stützt. Denn wenn diese zur Zeit, wo sie aufgestellt wurde, noch nicht erprobt war, in der Zeit von damals bis jetzt sich nicht bethätigt hat, woraufhin kann man alsdann für eine noch fernere Zukunft ihr Schema als zutreffend hinstellen? Die Verweisung auf die Zeit, wo der Weltmarkt im Großen und Ganzen ausgebildet sein werde, ist eine theoretische Flucht ins Jenseits.

Es läßt sich noch gar nicht absehen, wann der Weltmarkt im Großen und Ganzen ausgebildet sein wird. Es ist ja doch Fräulein Luxemburg nicht unbekannt, daß es nicht nur eine extensive, sondern auch eine intensive Erweiterung des Weltmarkts giebt und die letztere heute von viel größerem Gewicht ist wie die erstere.

In der Handelsstatistik der großen Industrieländer spielt der Export in die alten, längst besetzten Länder bei Weitem die größte Rolle. England exportirt nach ganz Australasien (sämmtliche australische Kolonien, Neuseeland &c.) noch nicht so viel an Werth, wie nach dem einen Frankreich; nach ganz Britisch Nordamerika (Kanada, Britisch Kolumbia &c.) noch nicht so viel wie allein nach Rußland; nach beiden Kolonialgebieten zusammen, die doch auch schon ein respektables Alter haben, noch nicht so viel wie nach Deutschland. Sein Außenhandel mit allen seinen Kolonien, das ganze ungeheure indische Reich eingeschlossen, macht noch nicht ein Drittel seines Handels mit der übrigen Welt aus, und was die Erwerbungen der letzten zwanzig Jahre anbetrifft, so ist der Export in diese lächerlich gering. [22] Die extensive Erweiterung des Weltmarkts vollzieht sich viel zu langsam, um der faktischen Produktionssteigerung genügenden Abfluß zu gewähren, wenn eben nicht die schon früher einbezogenen Länder ihr einen immer größeren Markt darböten. Eine Grenze für diese, gleichzeitig mit der räumlichen Ausdehnung vor sich gehende intensive Erweiterung des Weltmarkts läßt sich aprioristisch nicht aufstellen. Wenn die allgemeine Krise immanentes Gesetz der kapitalistischen Produktion sein soll, dann muß sie sich jetzt, bezw. in der nächsten Zukunft bewähren. Andernfalls der Beweis für ihre Unabwendbarkeit in der Luft abstrakter Spekulation schwebt.

Wir haben gesehen, daß das Kreditwesen heute nicht mehr, sondern weniger als früher Kontraktionen untersteht, die zur allgemeinen Lähmung der Produktion führen, und daher insofern als Faktor der Krisenbildung zurücktritt. Soweit es aber Mittel treibhausmäßiger Förderung der Ueberproduktion ist, tritt dieser Aufblähung der Produktion heute in den verschiedenen Ländern, und hier und da sogar international, immer häufiger der Unternehmerverband entgegen, der als Kartell, Syndikat oder Trust die Produktion zu reguliren sucht. Ohme mich in Prophezeiungen über seine schließliche Lebens- und Leistungskraft einzulassen, habe ich seine Fähigkeit anerkannt, auf das Verhältniß der Produktionsthätigkeit zur Marktlage soweit einzuwirken, daß die Krisengefahr vermindert wird. Fräulein Luxemburg widerlegt auch das.

Zunächst bestreitet sie, daß der Unternehmerverband allgemein werden könne. Schließlicher Zweck und Wirkung des Verbandes sei, durch Ausschluß der Konkurrenz innerhalb einer Branche deren Antheil au der gesammten auf dem Waarenmarkt erzielten Profitmasse zu steigern. Der eine Industriezweig könne dies aber nur auf Kosten des anderen erreichen und die Organisation daher unmöglich allgemein werden. „Ausgedehnt auf alle Produktionszweige hebt sie ihre Wirkung selbst auf.“

Dieser Beweis gleicht auf ein Haar dem längst in die Luft geflogenen Beweis von der Nutzlosigkeit der Gewerkschaften. Seine Stütze ist noch unendlich hinfälliger wie der Lohnfonds seligen Angedenkens. Es ist die unbewiesene, unbeweisbare oder vielmehr als falsch erweisbare Annahme, daß an dem Waarenmarkt immer nur eine fixe Profitmasse zu vertheilen sei. Er unterstellt u.A. eine, von den Bewegungen der Produktionskosten unabhängige Bestimmung der Preise. Aber selbst ein bestimmter Preis und obendrein eine bestimmte technologische Grundlage der Produktion gegeben, kann die Profitmasse eines Industriezweigs erhöht werden, ohne daß damit die Profite eines anderen verkürzt werden, nämlich durch Verringerung falscher Unkosten, Aufhebung der Schleuderkonkurrenz, bessere Organisation der Prodnktion und dergleichen mehr. Daß dazu der Unternehmerverband ein wirksames Mittel ist, liegt auf der Hand. Die Frage der Profitvertheilung ist der allerletzte Grund, der einer Verallgemeinerung der Unternehmerverbände im Wege steht.

Ein anderer Grund, der gegen die Fähigkeit der Kartelle spricht, der Produktionsanarchie Einhalt zu thun, besteht nach Fräulein Dr. Luxemburg darin, daß sie ihren Zweck – Aufhaltung des Falles der Profitrate – durch Brachlegung eines Theiles des akkumulirten Kapitals zu erreichen suchten, also dasselbe thäten, was in anderer Form die Krisen bewirkten. Das Heilmittel gleiche so der Krankheit wie ein Regentropfen dem anderen. Ein Theil des durch die Organisation vergesellschafteten Kapitals verwandelt sich in Privatkapital zurück, jede Portion versucht auf eigene Faust ihr Glück, und „die Organisationen müssen dann wie Seifenblasen platzen und wieder einer freien Konkurrenz – in potenzirter Form – Platz machen.“

Das unterstellt zunächst, daß die chirurgische Abtrennung eines vom Brand ergriffenen Gliedes und dessen Zerstörung durch den Brand „wie ein Regentropfen dem anderen“ gleichen, da in beiden Fällen das Glied verloren geht. Ob Kapital durch ein Elementarereigniß, wie es die Krisen sind, oder durch Organisation der Industrie brachgelegt wird, sind zwei ganz verschiedene Dinge, weil das eine nur vorläufige Stillsetzung, das andere direkte Zerstörung bedeutet. Es steht aber nirgends geschrieben, daß das in einem Produktionszweig überflüssig gewordene Kapital nur in diesem gleichen Produktionszweig verwendet werden kann oder Verwendung suchen muß. Hier wird der Abwechslung halber unterstellt, daß die Zahl der Produktionszweige eine für alle Zeit gegebene fixe Größe sei, was wiederum der Wirklichkeit widerspricht.

Etwas besser steht es mit dem letzten Einwand des Fräulein Luxemburg. Die Kartelle sind darnach deshalb ungeeignet, der Produktionsanarchie zu steuern, weil die kartellirten Unternehmer ihre höhere Profitrate auf dem inneren Markte in der Regel dadurch erzielen, daß sie die auf diesem nicht verwendbare Kapitalportion für das Ausland mit viel niedrigerer Profitrate produziren lassen. Folge: vergrößerte Anarchie auf dem Weltmarkt, das Gegentheil des angestrebten Zieles.

„In der Regel“ geht dies Manöver nur da an, wo dem Kartell ein Schutzzoll Deckung gewährt, der es dem Ausland unmöglich macht, ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Bei der Zuckerindustrie, aus die Fräulein Luxemburg als Beispiel für ihre These verweist, ist es die potenzirte Form des Schutzzolls, die Ausfuhrprämie, welche die geschilderten Schönheiten herbeigeführt hat. Aber bemerkenswerther Weise ist die Agitation gegen diese segenspendende Einrichtung viel stärker in den Ländern, welche sich ihrer erfreuen, als in dem Lande, das sie entbehrt und dessen Zuckerproduktion der Konkurrenz der mit Ausfuhrprämien und Zuckerkartellen beglückten Länder schutzlos offen steht, England. Und die Engländer wissen wohl, warum. Kein Zweifel, diese prämirte Konkurrenz hat die englischen Raffineure empfindlich geschädigt, wenn auch bei Weitem nicht in dem Grade, als man annimmt, denn der englische Raffineur erhält ja sein Rohprodukt, den Rohzucker, ebenfalls mit Abzug der Ausfuhrprämie. Während daher im Jahre 1864 erst 424.000 Tonnen Zucker in England raffinirt wurden, wurden dort 1894 623.000 und 1896 632.000 Tonnen raffinirt. In der Zwischenzeit hatte die Produktion freilich inzwischen noch höhere Ziffer erreicht (sie war 1884 824.000 Tonnen), aber wenn dieser Höhestand nicht eingehalten werden konnte, so hat dafür die Industrie der Zuckerverarbeitung (Konfekte, eingemachte und eingekochte Früchte) einen Aufschwung erreicht, der jenen relativen Rückgang zehnfach aufwiegt. Von 1881 bis 1891 ist die Zahl der in der Zuckerraffinerie Euglands beschäftigten Personen gar nicht zurückgegangen, während die der Konfektindustrie allein nahezu eine Verdoppelung aufweist. [23] Dazu kommt aber noch die mächtig aufgeschossene Industrie der Jams (Eingekochtes) und Marmeladen, die zu Konsumartikeln des Volkes geworden sind, und viele Tausende und Abertausende von Arbeitern beschäftigen. Wurden die Zuckerprämien und sonstigen Manöver der festländischen Zuckerfabrikanten die ganze Raffinerie Englands vernichtet haben, was aber nicht der Fall, so stände der verlorenen Arbeitsgelegenheit für etwa 5.000 Arbeiter ein Gewinn von Arbeitsgelegenheiten für mindestens die achtfache Zahl gegenüber. Dabei ist der Anstoß noch nicht gerechnet, den der Anbau von Beerenobst &c. in England durch den billigen Zucker erhalten hat. Allerdings heißt es, der prämiirte Rübenzucker habe die Pflanzer von Rohrzucker auf den britischen Kolonien ruinirt, und die westindischen Pflanzer lassen es an Nothschreie auch nicht fehlen. Aber diese ehrenwerthe Klasse hat verzweifelte Aehnlichkeit mit jenen nothleidenden Agrariern, die unter allen Umständen am Einmaleins zu Grunde gehen. Thatsächlich importirt Eugland heute mehr Rohrzucker von seinen Besitzungen als früher (von 2,3 Millionen Zentnern ins Jahre 1890 stieg die Einfuhr von Rohrzucker aus britischen Besitzungen auf 3,1 Millionen Zentner ins Jahre 1896), nur haben andere Kolonien Westindien überholt. 1882 entfiel auf Westindien genau zwei Drittel, 1896 aber noch nicht die Hälfte des Gesammtexports aus britischen Besitzungen. Die Profite der Pflanzer sind sicher beeinträchtigt, aber das heißt noch nicht Ruin, wo nicht Ueberschuldung von früher her hinzukommt.

Indeß handelt es sich hier weder um Ableugnung der schädlichen Wirkungen der heutigen einfachen und potenzirten Schutzzöllnerei, noch um Apologie der Unternehmerverbände. Da die Kartelle &c. das letzte Wort der ökonomischen Entwicklung und geeignet seien, die Gegensätze des modernen Wirthschaftslebens dauernd zu beseitigen, ist mir nicht eingefallen zu behaupten. Ich bin vielmehr überzeugt, daß wo in modernen Industriestaaten Kartelle und Trusts durch Schutzzölle unterstützt und verschärft werden, sie in der That zu Krisenfaktoren der betreffenden Industrie auswachsen müsse – wenn nicht zuerst, so jedenfalls schließlich auch für das „geschützte“ Land selbst. Es fragt sich also nur, wie lange die betreffenden Völker sich diese Wirthschaft gefallen lassen werden. Die Schutzzöllnerei ist kein Produkt der Oekonomie, sondern ein auf ökonomische Wirkungen abzielender Eingriff der politischen Gewalt in die Oekonomie. Anders der kartellirte Industrieverband an sich. Er ist – wenn auch durch Schutzzölle treibhausmäßig begünstigt – auf dem Boden der Oekonomie selbst erwachsen; ein ihr wesengleiches Mittel der Anpassung der Produktion an die Bewegungen des Marktes. Daß er gleichzeitig Mittel monopolistischer Ausbeutung ist oder werden kann, ist außer Frage. Aber ebenso außer Frage ist, daß er in der ersteren Eigenschaft eine Steigerung aller bisherigen Gegenmittel gegen die Ueberproduktion bedeutet. Mit viel weniger Gefahr wie das Privatunternehmen kann er in Zeiten der Ueberfüllung des Marktes zu zeitweiliger Einschränkung der Produktion übergehen. Besser als dieses ist er auch in der Lage, der Schleuderkonkurrenz des Auslands zu begegnen. Dies leugnen, heißt die Vorzüge der Organisation vor anarchischer Konkurrenz leugnen. Das aber ahnt man, wenn man prinzipiell in Abrede stellt, daß die Kartelle auf die Natur und Häufigkeit der Krisen modifizirend einwirken können. Wie weit sie es können, ist vorläufig eine reine Frage der Konjektur, denn noch liegen nicht genug Erfahrungen vor, um in dieser Hinsicht ein abschließendes Urtheil zu erlauben. Noch weniger Anhaltspunkte aber sind unter diesen Umständen für die Vorherbestimmung künftiger allgemeiner Krisen gegeben, wie sie ursprünglich Marx und Engels vorschwebten, als verschärfte Wiederholungen der Krisen von 1825, 1836, 1847, 1857, 1873. Schon die Thatsache, daß lange Zeit sozialistischerseits eine zunehmende Verengerung des industriellen Kreislaufs als die natürliche Folge der zunehmenden Konzentration des Kapitals – eine Entwicklung in Form einer Spirale – gefolgert wurde, 1894 aber Friedrich Engels sich zur Frage veranlaßt sah, ob nicht eine neue Ausdehnung des Zyklus vorliege, also das gerade Gegentheil der früheren Annahme, warnt vor der abstrakten Folgerung, daß diese Krisen sich in der alten Form wiederholen müssen. [24]

Die Geschichte der einzelnen Industrien zeigt, daß ihre Krisen keineswegs immer mit deu sogenannten allgemeinen Krisen zusammenfielen. Wer im ersten und dritten Bande des Kapital die Angaben nachliest, die Marx aus der Geschichte der englischen Baumwollenindustrie giebt (erster Band, 13. Kapitel, und dritter Band, 6. Kapitel), wird es dort bestätigt finden, und die neuere Geschichte zeigt erst recht, wie dieser und andere große Produktionszweige Phasen flotten Geschäftsgangs und der Stockung durchmachen, die ohne tiefgehende Wirkung auf die Masse der übrigen Industrien bleiben. Marx glaubte, wie wir gesehen haben, in der Nothwendigkeit beschleunigter Erneuerung des fixen Kapitals (der Produktionswerkzeuge &c.) eine materielle Grundlage der periodischen Krisen feststellen zu können [25], und daß hier ein bedeutsames Krisenmoment steckt, ist unbedingt richtig. Aber es ist nicht, oder nicht mehr richtig, daß diese Erneuerungsperioden in den verschiedenen Industrien zeitlich zusammenfallen. Und damit ist ein weiterer Faktor der großen allgemeinen Krise aufgehoben.

Es bleibt also nur soviel, daß die Produktionsfähigkeit in der modernen Gesellschaft sehr viel stärker ist als die thatsächliche, von der Kauffähigkeit bestimmte Nachfrage nach Produkten; daß Millionen in ungenügender Behausung leben, ungenügend gekleidet und ernährt sind, trotzdem die Mittel reichlich vorhanden sind, für sie genügende Wohngelegenheit, Nahrung und Kleidung zu beschaffen; daß aus diesem Mißverhältniß immer wieder in den verschiedenen Produktionszweigen Ueberproduktion sich einstellt derart, daß entweder thatsächlich bestimmte Artikel in größeren Mengen produzirt sind als gebraucht werden – z.B. mehr Garn, als die vorhandenen Webereien verarbeiten können – oder daß bestimmte Artikel zwar nicht in größerer Menge hergestellt sind als gebraucht, aber in größerer Menge als gekauft werden können; daß in Folge dessen große Unregelmäßigkeit in der Beschäftigung der Arbeiter stattfindet, die deren Lage zu einer höchst unsicheren macht, sie immer wieder in unwürdige Abhängigkeit herabdrückt, hier Ueberarbeit und dort Arbeitslosigkeit hervorbringt; und daß von den heute angewandten Mitteln, der äußersten Zuspitzung dieser Uebel entgegenzuwirken, die Kartelle der kapitalistischen Unternehmungen auf der einen Seite den Arbeitern und auf der anderen dem großen Publikum gegenüber monopolistische Verbände darstellen, die die Tendenz haben, über deren Rücken hinweg und auf ihre Kosten Kämpfe mit gleichartigen Monopolverbänden anderer Industrien oder anderer Länder zu führen oder durch internationale bezw. interindustrielle Verträge willkürlich Produktion wie Preise ihrem Profitbedürfniß anzupassen. Virtuell trägt das kapitalistische Abwehrmittel gegen die Krisen die Keime zu neuer, verstärkter Hörigkeit der Arbeiterklasse in sich, sowie zu Produktionsprivilegien, die eine verschärfte Form der alten Zunftprivilegien darstellen. Viel wichtiger als die „Impotenz“ der Kartelle und Trusts zu prophezeien, erscheint es mir vom Standpunkt der Arbeiter aus, ihre Möglichkeiten sich gegenwärtig zu halten. Ob sie den ersteren Zweck – Abwehr der Krisen – auf die Länge der Zeit werden erfüllen können, ist an sich für die Arbeiterklasse eine untergeordnete Frage. Sie wird aber zu einer sehr bedeutungsvollen Frage, sobald man an die allgemeine Krise Erwartungen irgend welcher Art für die Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse knüpft. Denn dann kann die Vorstellung, daß die Kartelle nichts gegen die Krisen ausrichten können, Ursache sehr verhängnißvoller Unterlassungen werden.

Der kurze Abriß, den wir in der Einleitung dieses Abschnitts von den Marx-Engelsschen Erklärungen der Wirthschaftskrisen gegeben haben, wird im Verein mit den angeführten einschlägigen Thatsachen genügen, die Krisenfrage als ein Problem erkennen zu lassen, das sich nicht kategorisch mit ein paar altbewährten Schlagworten beantworten läßt. Wir köunen nur feststellen, welche Elemente der modernen Wirthschaft auf Krisen hinwirken und welche Kräfte ihnen entgegenwirken. Ueber das schließliche Verhältniß dieser Kräfte gegeneinander oder seine Entwicklungen aprioristisch abzuurtheilen, ist unmöglich. Wenn nicht unvorhergesehene äußere Ereignisse eine allgemeine Krise herbeiführen – und das kann, wie gesagt, jeden Tag geschehen – so ist kein zwingender Grund vorhanden, auf ein baldiges Eintreten einer solchen aus rein wirthschaftlichen Gründen zu folgern. Lokale und partielle Depressionen sind unvermeidlich, allgemeiner Stillstand ist es bei der heutigen Organisation der Ausdehnung des Weltmarkts und insbesondere der großen Ausdehnung der Lebensmittelproduktion nicht. Das letztere Phänomen ist für unser Problem von besonderer Bedeutung. Nichts hat vielleicht so viel zur Abmilderung der Geschäftskrisen oder Verhinderung ihrer Steigerung beigetragen, wie der Fall der Renten und der Lebensmittelpreise.


Notes

1. Wo vorkapitalistische Gewerbsmethoden sich in die Neuzeit hinübergerettet haben, zeigt sich auch heute noch die Mehrarbeit unverhüllt. Der Gehilfe des kleinen Maurermeisters, der bei irgend einem von dessen Kunden Arbeiten für ihn ausführt, weiß ganz genau, daß sein Stundenlohn so und so viel geringer ist als der Preis, den der Meister jenem pro Arbeitsstunde in Rechnung setzt. Aehnlich beim Kundenschneider, Kundengärtner &c.

2. Einen interessanten Versuch, dem Arbeitswerth einen konkreteren Gehalt zu geben, bezw. ihn in eine theoretisch meßbare Größe umzubilden, begegnen wir in der Schrift von Leo von Buch: Intensität der Arbeit, Werth und Preis der Waaren (Leipzig, Duncker & Humblot, 1896). Der Verfasser, der offenbar bei Abfassung seines Werkes den dritten Band Kapital noch nicht kannte, konstruirt als Maß für die Größe des Arbeitswerths die Grenzdichtigkeit („Limitarintensität“) der Arbeit, ein Produkt aus dem Verhältniß der täglichen Arbeitszeit zum Achtstundentag und dem Verhältniß des faktischen Arbeitslohns zum Werth des Arbeitsprodukts (Ausbeutungsrate). Je kürzer der Arbeitstag und je geringer die Ausbeutungsrate, um so höher die Dichtigkeit der Arbeit und damit der Arbeitswerth des Produkts. Nach Buch findet demgemäß auf der Basis des Arbeitswerths keine Ausbeutung statt. Diese ergiebt sich erst aus dem Verhältniß des Arbeitswerths zum Marktwerth des Produkts, der dem Preise zu Grunde liegt, und den Buch Schätzungswerth nennt, unter Verwerfung des Wortes Tauschwert, das heute, wo nicht mehr getauscht werde, inhaltslos sei.

So befremdend die Theorie auf den ersten Blick anmuthet, so hat sie doch Eines für sich: dadurch, daß Buch Arbeitswerth und Marktwerth grundsätzlich auseinanderhält, vermeidet er jeden begrifflichen Dualismus und kann er den Ersteren sehr viel strenger und reiner entwickeln. Es fragt sich nur, ob es denn nicht eine Vorwegnahme war, den letzteren „Werth“ in die Bestimmung des Arbeitswerths hineinzuziehen. Was Buch wollte: den Arbeitswerth im Gegensatz zum Marktwerth eine physiologische Begründung geben, konnte er auch, wenn er direkt den faktisch bezahlten Arbeitslohn als Maßfaktor einsetzte. Diejenigen aber, welche die Beziehung des Arbeitswerths aus den Lohn hier grundsätzlich verwerfen, seien auf die Stelle im Kapitel Arbeitsprozeß und Verwerthungsprozeß bei Marx aufmerksam gemacht, wo es heißt: „Ist der Werth dieser Kraft (der Arbeitskraft) aber höher, so äußert sie sich auch in höherer Arbeit und vergegenständlicht sie sich daher, in denselben Zeiträumen, in verhältnißmäßig höheren Werthen“. (Buch 1, 2. Aufl., S. 186.) Die Buchsche Abhandlung, von der erst der erste Theil vorliegt und die ich mir vorbehalte, bei passender Gelegenheit eingehender zu besprechen, erscheint mir als das Produkt nicht geringer Schärfe der Analyse und ein bemerkenswerther Beitrag zu einem keineswegs völlig aufgeklärten Problem.

3. Dies Wort ist dem mißleitenden Worte „Vertheilung“ vorzuziehen.

4. „Es ist in der That das Gesetz des Werthes …, daß nicht nur auf jede einzelne Waare nur die nothwendige Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit nur das nöthige proportionelle Quantum in den verschiedenen Gruppen verwandt ist. Denn Bedingung bleibt der Gebrauchswerth ... das gesellschaftliche Bedürfniß, das heißt der Gebrauchswerth auf gesellschaftlicher Potenz erscheint hier bestimmend für die Quote der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit, die den verschiedenen besonderen Produktionssphären anheimfallen.“ (Kapital, III, 2, S. 176-77). Dieser Satz allein macht es unmöglich, sich über die Gossen-Böhmsche Theorie mit einigen überlegenen Redensarten hinwegzusetzen.

5. Wir wissen, daß wir denken und wir wissen auch so ziemlich, in welcher Weise wir denken. Aber wir werden nie wissen, wie es zugeht, daß wir denken, wieso aus Eindrücken von außen, aus Nervenreizen oder aus Aenderungen in der Lagerung und dem Zusammenwirken der Atome unseres Gehirns Bewußtsein entsteht. Man hat es damit zu erklären versucht, daß man dem Atom einen gewissen Grad von Bewußtseinsfähigkeit, von Beseeltheit im Sinne der Monadenlehre, zusprach. Aber das ist ein Gedankenbild, eine Annahme, zu der unsere Folgerungswise und unser Bedürfniß nach einheitlichem Begreifen der Welt uns zwingt.

Ein Artikel, in dem ich auf diese Thatsache verwies und bemerkte, daß der reine Materialismus zuletzt Idealismus sei, hat George Plechanow erwünschten Anlaß gegeben, in der Neuen Zeit (Heft 44, Jahrg. 16, 11) über mich herzufallen und mir Unwissenheit im Allgemeinen und gänzliche Verständnißlosigkeit hinsichtlich der philosophischen Anschauungen von Fr. Engels im Besonderen vorzuwerfen. Ich gehe auf die Art, wie der Genannte dort meine Worte willkürlich auf Dinge bezieht, die ich gar nicht berührt hatte, nicht weiter ein, sondern konstatire nur, daß sein Artikel in die Erklärung ausläuft, Engels habe eines Tages Plechanow auf die Frage: „Sie glauben also, daß der alte Spinoza Recht hatte: ‚der Gedanke und die Ausdehnung sind nichts als die beiden Attribute einer einzigen Substan‘“, geantwortet: „Gewiß, der alte Spinoza hat vollständig Recht gehabt.“

Nun ist bei Spinoza die Substanz, der er diese beiden Attribute zuspricht – Gott. Allerdings Gott, der mit der Natur identifizirt wird, weshalb denn auch schon sehr früh Spinoza als Gottesleugner denunzirt und seine Philosophie als atheistisch verworfen wurde, während sie formell als Pantheismus erscheint, der übrigens den Vertretern der Lehre von einem persönlichen, außer der Natur stehenden Gott auch nur verkleideter Atheismus ist. Spinoza gelangte zu dem Begriff der unendlichen Substanz Gott mit den erwähnten und anderen, nicht näher angegebenen Attributen auf rein spekulativem Wege; für ihn waren das gesetzmäßige Denken und Sein identisch. Insofern begegnet er sich mit verschiedenen Materialisten, aber er selbst könnte nur mit vollkommen willkürlicher Deutung des Wortes als Vertreter des philosophischen Materialismus bezeichnet werden. Wenn man unter Materialismus überhaupt etwas Bestimmtes verstehen soll, so kann es nur die Lehre von der Materie als letztem und einzigem Grund der Dinge sein. Aber Spinoza bezeichnet seine Substanz Gott ausdrücklich als unkörperlich. Es steht jedem frei, Spinozist zu sein, aber dann ist er eben kein Materialist.

Ich weiß, daß Engels in Ludwig Feuerbach vom Materialismus zwei andere Definitionen wie die obige giebt, erst einfach alle diejenigen, welche die Natur als das Ursprüngliche annehmen, für den Materialismus reklamirt, und dann diesen als das „Ausgeben jeder idealistischen Schrullen bezeichnet, „die sich mit den, in ihrem eigenen Zusammenhang aufgefaßten Thatsachen nicht in Einklang bringen läßt“. Diese Definitionen geben dem Worte Materialismus eine so weite Deutung, daß es alle Bestimmtheit verliert und sehr antimaterialistische Auffassungen mit einschließt. Es zeigt sich eben immer wieder, und Plechanow bestätigt es unfreiwillig selbst, daß das Steifen auf den Namen „materialistisch mehr in politischen wie in wissenschaftlichen Gründen wurzelt. Wer nicht zur deutenden Materie schwört, ist der politischen Ketzerei verdächtig, das ist die Moral seines Artikels. Wie werde ich dieses Anathema überleben?

6. Bei allen diesen Trusts haben die bisherigen Inhaber der kombinirten Fabriken eine Partie der Aktien selbst übernehmen müssen. Diese sind in der gegebenen Tabelle nicht einbegriffen.

7. Man schätzt heute das im Ausland angelegte englische Kapital auf 48 Milliarden Mark und seinen jährlichen Zuwachs auf durchschnittlich 114 Millionen!

8. Diese letztere Klasse stieg von 1890 bis 1892 um weitere 2.400, nämlich auf 39.266. Für die erstere Klasse fehlt mir für 1892 die absolute Zahl, darum sei nur erwähnt, daß zwischen 1879 und 1892 die Zahl der Einkommen zwischen 800 und 3.300 Mark (besser gestellte Arbeiter und Kleinbürgerthum) in Sachsen von 227.839 auf 439.948, d.h. von 20,94 Prozent auf 30,48 Prozent der Zensiten stieg. Es sei hierbei bemerkt, daß die auf Preußen und Sachsen bezüglichen Zahlen theils dem Handwörterbuch für Staatswissenschaften theils Schönbergs Handbuch entnommen sind.

9. Bei der Statistik der Höchsteinkommen wird übrigens in der sozialistischen Literatur meist übersehen, daß ein sehr großer Prozentsatz derselben auf juristische Personen, d.h. Körperschaften aller Art (Aktiengesellschaften &c.) entfällt. So waren in Sachsen im Jahre 1892 von 11.138 Zensiten mit über 9.600 Mark Einkommen 5591 juristische Personen, und je höher hinaufgegangen wird, um so mehr überwiegen diese. Bei den Einkommen über 300.000 Mark kamen auf 23 physische 33 juristische Personen.

10. England bekommt seine ausstehenden Zinsen in Form einer Mehreinfuhr im Werthe von zwei Milliarden Mark bezahlt; der größte Theil davon Artikel des Massenverbrauchs.

11. Von 1.931 registrirten Fabriken und 5.624 Werkstätten waren bei Abschluß des Berichts die Angaben noch nicht eingelaufen. Sie würden das Verhältniß der Arbeiter pro Betrieb noch ermäßigt haben.

12. Nach England übersiedelte deutsche Arbeiter haben mir wiederholt ihr Erstaunen über die Zersplitterung der Betriebe ausgedrückt, der sie in der Holz-, Metall- &c. Verarbeitungsindustrie dieses Landes begegneten. Die heutigen Zahlen der Baumwollindustrie zeigen eine nur mäßige Zunahme der Konzentration seit der Zeit, wo Karl Marx schrieb. Hier ein Vergleich mit den zuletzt von Marx gegebenen Zahlen:

 

Marx
1865

Statistik
1890

Zunahme
bezw. Abnahme

Fabriken

2.549

2.538

−0,43 Prozent

Kraftstühle

879.329

615.714

+62     Prozent

Spindeln

32.000.014

44.504.819

+39     Prozent

Arbeiter

401.064

528.795

+32     Prozent

Arbeiter pro Fabrik

156

208

+33     Prozent

Für 22 Jahre einer so der technischen Umwälzung unterworfenen Industrie keine abnorm hohe Zusammenziehung. Allerdings vermehrten sich die Kraftstühle um 62 Prozent, aber die Zahl der Spindeln ist nur wenig schneller gewachsen als die der beschäftigten Arbeiter. Von diesen zeigen von 1870 ab die erwachsenen männlichen Arbeiter größere Zunahme als die Frauen und Kinder. (Vgl. Kapital, Bd. I, 4. Aufl., S. 400 und Statistical Abstract for the United Kingdom from 1878 to 1892) In den anderen Zweigen der Textilindustrie ist die Konzentrirung noch geringer gewesen. So vermehrten sich von 1870 bis 1890 die Wollen- und Kammgarnfabriken von 2.459 auf 2.546, die darin beschäftigten Arbeiter von 284.687 auf 297.058, d.h. von 95 auf 117 Arbeiter pro Fabrik. Hier vermehrten sich im Gegensatz zur Baumwollindustrie die Spindeln sehr viel schneller als die Stühle, welche letzteren mit 112.794 aus 129.222 eine Steigernng aufweisen, die hinter der der beschäftigten Arbeiter zurückbleibt, so daß nur von Konzentration der Spinnerei gesprochen werden kann.

Der Fabrikinspektoren-Bericht für 1896 giebt die Zahl der Fabriken der gesammten Textilindustrie Großbritanniens auf 9.891 an, die 7.900 Unternehmungen gehörten und 1.077.687 Arbeiter beschäftigten, gegen 5.968 Fabriken in 1870 mit 718.051 Arbeiter – eine Verdichtung von 120,3 auf 136,4 Arbeiter pro Unternehmung.

13. Vgl. R. Calwer, Die Entwicklung des Handwerks, Neue Zeit, XV, 2, S. 597.

14. Soweit aus ihr ersichtlich, zeigt sie eine Vermehrung von über 50 Prozent in der letzten Dekade.

15. Vergl. W.H. Vliegen, Das Agrarprogramm der niederländischen Sozialdemokratie, Neue Zeit, XVII, 1, S. 75 ff.

16. Der Agrarsozialismus in Belgien, Neue Zeit, XV, 1, S. 752.

17. Nach dem Verhältniß von 1 Acre 40 Ar, was nicht ganz genau stimmt, aber für den Zweck der Vergleichung zulässig erscheint. Die Zahlen sind dem Blaubuch über Agricultural Holdings entnommen.

18. Wozu noch 579.133 Parzellen von unter 40 Ar kommen.

19. In einer Note dazu bemerkt Engels noch: „Die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion rührt von Sismondi her, und hatte bei ihm noch einen gewissen Sinn.“ Von Sismondi habe Rodbertus sie entlehnt und von diesem Dühring sie abgeschrieben. Auch im Vorwort zum Elend der Philosophie polemisirt Engels in ähnlicher Weise gegen die Rodbertussche Krisentheorie.

20. Die Artikel tragen die Ueberschrift: Sozialreform oder Revolution? Fräulein Luxemburg stellt die Frage indeß nicht so, wie es bisher in der Sozialdemokratie üblich war, nämlich als Alternative des Weges zur Verwirklichung des Sozialismus, sondern als gegensätzlich in der Art, daß nur das Eine – nach ihrer Ausfassung die Revolution – zum Ziele führen könne. Die Wand zwischen der kapitalistischen und der sozialistischen Gesellschaft wird nach ihr „durch die Entwicklung der Sozialreformen wie der Demokratie nicht durchlöchert, sondern umgekehrt fester und höher gemacht“. Darnach mußte die Sozialdemokratie, wenn sie sich nicht selbst die Arbeit erschweren will, Sozialreformen und die Erweiterung der demokratischen Einrichtungen nach Möglichkeit zu vereiteln streben. Die Abhandlung, die in diesen Schluß ausläuft, wird angemessen durch die Bemerkung eingeleitet, die von mir (und Dr. Conrad Schmidt) aufgestellten Sätze über die Entwicklung zum Sozialismus seien „auf den Kopf gestellte Reflexe der Außenwelt“. „Eine Theorie von der Einführung des Sozialismus durch Sozialreformen – in der Aera Stumm-Posadowsky, von der Kontrolle der Gewerkschaften über den Produktionsprozeß – nach der Niederlage der englischen Maschinenbauer, von der sozialdemokratischen Parlamentsmehrheit – nach der sächsischen Verfassungsrevision und den Attentaten auf das allgemeine Reichstagswahlrecht!“ ruft sie aus. Sie scheint der Ansicht zu sein, daß man historische Theorien nicht in Gemäßheit der Summe der beobachteten Erscheinungen der ganzen Epoche und des ganzen Umkreises der vorgeschrittenen Länder auszustellen hat, sondern auf Grund von zeitweiligen reaktionären Zückungen in irgend einem einzelnen Laude; nicht auf Grund der Bilanz der gesammten bisherigen Leistungen der Arbeiterbewegung, sondern in Hinblick ans den Ausgang eines vereinzelten Kampfes. Der Mann, der das Impfen für nutzlos erklärte, weil es ihn nicht davor schützt, vom Baume zu fallen, hat nicht anders argumentirt.

21. Engels bemißt die durch Suezkanal, Frachtdampfer &c. bewirkte Annäherung Amerikas und Indiens an die Industrieländer Europas aus 70 bis 90 Prozent und setzt hinzu, daß durch sie „diese beiden großen Krisenherde von 1825 bis 1857 ... einen großen Theil ihrer Explosionsfähigkeit verloren haben“ (Kapital, Bd. III, 1. Theil, S. 45). Auf Seite 395 desselben Bandes stellt Engels fest, daß gewissen, mit Kreditschwindel verbundenen spekulativen Geschäfte, die Marx dort als Faktoren von Krisen des Geldmarkts schildert, durch den überseeischen Telegraphen ein Ende gemacht worden ist. Auch das berichtigende Engelssche Einschiebsel auf Seite 56 im zweiten Theile von Band III ist für die Beurtheilung der Entwicklung des Kreditwesens bemerkenswert.

22. Hier einige der Zahlen für 1895. Von der Gesammtausfuhr gingen 75,6 Prozent ins Ausland – neun Zehntel davon alte Länder – und 24,4 Prozent in britische Kolonien. Dem Werthbetrag nach wurden (inklusive Transitgüter) ausgeführt: nach Britisch Nordamerika für 6,6, Rußland 10,7, Australasien 19,3, Frankreich 20,8, Deutschland 32,7 Millionen Pfund Sterling, ganz Britisch West- und Ostafrika 2,4 Millionen, d.h. noch nicht 1 Prozent der Gesammtausfuhr, die sich auf 285,8 Millionen belief. Die Ausfuhr nach allen britischen Besitzungen war 1895 um 64,8 Prozent, die nach anderen Ländern um 77,2 Prozent höher als die des Jahres 1860 (vergl. Constitutional Yearbook von 1897).

23. Die betreffenden Zahlen des Zensus sind:

Beschäftigte Personen

 

1881

 

1891

 

 

Zuckerraffinerie:

Männer

  4.285

  4.682

+      817

 

Frauen

     122

     238

+      116

Konfektindustrie:

Männer

14.305

20.291

+   5.986

 

Frauen

15.285

34.788

+ 19.503

24. Es ist natürlich hier immer nur von der ökonomischen Begründung der Krisen die Rede. Krisen als Wirkungen politischer Ereignisse (Kriege oder ernsthafte Kriegsdrohungen) oder sehr ausgedehnter Mißernten – lokale Mißernten haben in dieser Hinsicht keine Wirkung mehr aus – sind selbstverständlich immer möglich, wie dies auch schon in dem Artikel über die Zusammenbruchstheorie bemerkt wurde.

25. Der Gebrauch des Wortes materiell an der betreffenden Stelle (zweiter Band, S. 164) ist für die Beurtheilung der Art, wie Marx diesen Begriff verstand, nicht ohne Interesse. Nach der heute üblichen Auslegung des Begriffs würde die Erklärung der Krisen aus der Unterkonsumtion genau so materialistisch sein, wie ihre Begründung durch Aenderungen im Produktionsprozess, bezw. in den Werkzeugen.


Zuletzt aktualisiert am 10 February 2010