Ernest Belfort Bax

 

Der Sozialismus eines gewöhnlichen Menschenkindes
gegenüber dem Sozialismus des Herrn Bernstein

(15. März 1898)


Ernest Belfort Bax, Der Sozialismus eines gewöhnlichen Menschenkindes gegenüber dem Sozialismus des Herrn Bernstein, Die neue Zeit, 16. Jg., 1. Bd. (15. März 1898), H. 26, S. 824–829.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.02934&dok=1897-98a&f=189798a_0824&l=189798a_0829.
Transkription: Daniel Gaido.
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In Nr. 14 der Neuen Zeit laufenden Jahrgangs habe ich eine gewisse Anschauungsweise des Herrn Bernstein bezüglich der Kolonialpolitik einer Kritik unterzogen und zwar vom Standpunkt bisheriger allgemein anerkannter Parteigrundsätze, theoretisch sowohl wie praktisch. [1] Hierauf hat Herr Bernstein in zwei Artikeln geantwortet. Der erste dieser Artikel besteht zum Theile in der Aufstellung eines Sündenregisters gegen mich (Atheismus, Anti-Monarchismus, ungenügende Schätzung des Volkssegens des englischen Sonntags etc.). Darunter befinden sich allerdings gelegentliche Versuche, meine Ausführungen zu entkräftigen.

Nun wollen wir einige der Bernsteinschen Einwendungen gegen mich etwas genauer betrachten. Indessen schicke ich als bescheidener Genosse „und gewöhnliches Menschenkind“ voraus, dass ich von denjenigen, welche meine angeführten Vernunftsgründe anzunehmen nicht im Stande sind, nicht behaupte, dass sie keine Vernunft haben, wie der Herr Bernstein dieses von mir behauptet. Trotz der Tatsache, dass Herr Bernstein gern meine Angriffe als auf persönlichen Idiosynkrasien beruhend bezeichnen möchte, ist er doch gezwungen, anzuerkennen, dass sie in ihrem wesentlichen Inhalt auf einer bisher allgemein anerkannten Anschauung des Sozialismus begründet sind. Er bezichtet mich des Blanquismus als Gipfel meiner Sünden, und doch gesteht er tatsächlich in seinem zweiten Artikel zu, dass dieser angebliche Blanquismus nichts als die gewöhnliche Ansicht von Sozialdemokraten ist. Diese Eine Ansicht, oft genug von Marx und Engels ausgesprochen, besagt nämlich, dass der bevorstehende Zusammenbruch des kapitalistischen Systems durch die Unmöglichkeit desselben, sich weiter auszudehnen, herbeigeführt wird. Diesen Standpunkt mit demjenigen des Klassenkampfes im bisherigen Sinne, unternimmt Herr Bernstein in seinem zweiten Artikel zu widerlegen. Persönlich fühle ich mich jedenfalls bei diesem Anlass nicht berufen, mich mit ihm in eine Diskussion einzulassen. Es gibt Genossen genug, die das ebenso gut oder besser zu tun im Stande sind, wie ich. Jedoch gibt es einige Bemerkungen im zweiten Artikel, der der sachlichste von beiden ist, die ich gern näher betrachten möchte.

Ich mache darauf aufmerksam, dass das Argument bezüglich des Wachsens der Zahl von neueren Klein- und Mittelbetrieben im Verhältnis zur Aufsaugung resp. Verdichtung der früheren durch die Großbetriebe (und dessen Anwendung, um die marxistische Auffassung zu widerlegen) nicht gerade neu ist. Wenn ich mich nicht irre, habe ich dasselbe von Peter Krapotkin im Jahre 1881 gehört und mit ihm darüber diskutiert. Die Antwort darauf scheint mir in der Tatsache zu liegen, dass die Großbetriebe – und je größer desto mehr –, ganz abgesehen von den Ziffern der beteiligten Personen (und letztere zu kontrollieren bin ich augenblicklich nicht im Stande), immer mehr die ausschlaggebenden Faktoren der wirtschaftlichen Welt werden. Sie bestimmen die Bedingungen der Produktion und des Austausches, und die kleineren Betriebe (die neueren, die entstehen, sind gewöhnlich von vornherein in ihrem Schlepptau) werden im steigenden Grad von den großen, wo solche existieren, von den größten Betrieben abhängig. Die Tatsache, die sich innerhalb der Wirtschaftssphäre im engeren Sinne vollzieht, ist derjenigen analog, die sich in der ethnologischen Sphäre kundgibt, dass gewisse Völkerkomplexe, oft ganz abgesehen von ihrer numerischen Größe, proportionell oder absolut die Kultur eines gewissen Abschnitts der Menschengeschichte beherrschen und mithin andere Völker in ihren Bannkreis ziehen. Demzufolge würde das relative Gleichbleiben des Zahlenverhältnisses zwischen den kleinen oder mittleren Betrieben und den Großbetrieben den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems durch das Fortschreiten der letzteren und seiner Begleiterscheinungen keineswegs aufhalten, wie Herr Bernstein meint. Belehrend in dieser Beziehung sind einige Finanzkrisen der letzten Jahre, wie z. B. der Zusammenbruch von Baring Brothers 1890.

Nachdem Herr Bernstein die ganze bisherige und bestehende Auffassung der Sozialdemokratie bezüglich der nächsten Entwicklungsstadien der Gesellschaft über Bord geworfen hat, ist es selbstverständlich, dass er meine Ausführungen über die Stellung des Sozialismus zur Kolonialpolitik, die im Wesentlichen darauf begründet sind, als hinfällig bezeichnet. Jedoch entschuldigt das nicht, dass er meinen Standpunkt in dieser Frage mit demjenigen des Poor Mans Guardian von 1831 verwechselt. Das, wogegen Letzterer sich sträubt, wie aus dem Bernsteinschen Zitat hervorgeht, ist 1) dass junge Leute sich den Gefahren der Auswanderung in ein wildes Land aussetzen sollen, allenfalls wie man jetzt etwa von Klondyke reden könnte, 2) aber hauptsächlich, weil Auswanderung dem Lande diejenigen Leute raubt, die man zu Hause braucht, um der neuen Gesellschaftsordnung zum Sieg zu verhelfen. Diese Ansicht könnte unter Umständen, wie ich meine, auch heutzutage einen Sinn haben, jedoch gebe ich gerne zu, dass es im Grunde nebensächlich ist. Dass es aber nicht die Ansicht ist, die ich in meinem Artikel vertreten habe, muss, wie ich glaube, dem oberflächlichsten Leser in die Augen springen. Keineswegs aus obigen Gründen habe ich die Förderung einer Kolonialpolitik als antisozialistisch bezeichnet, sondern hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Eröffnung von neuen Absatzgebieten und das Hineinziehen neuer Völkerschaften in den Bannkreis des Kapitalismus überhaupt den Zusammenbruch des Systems als solches hinausschieben würde. Diese Ansicht, sei sie zu rechtfertigen oder nicht, gehört jedenfalls zum Sozialismus im modernen Sinne und sicherlich lag sie dem Gedankenkreis des Herausgebers, sowie den Lesern des „Poor Mans Guardian“ von 1831 fern genug. Dass sich Herr Bernstein obige Verwechslung zwischen zwei total verschiedenen Auffassungen zu Schulden kommen lassen konnte, spricht nicht gerade sehr für seinen Gerechtigkeitssinn.

Was Marokko anbelangt, habe ich dieses durchaus nicht als ein Paradies hingestellt, wenigstens nicht an und für sich. Nur habe ich darauf hinweisen wollen, dass die Marokkaner, wenn ihre primitive barbarische Kultur mit allen ihren Mängeln zu Gunsten der modernen kapitalistischen Kultur mit ihrem Weltmarkt, Fabriken und Proletariertum in Verlust geriete, einen schlechten Tausch machen würden. Soviel wage ich immer noch zu behaupten, trotz der „Vernunft“, die mir Herr Eduard Bernstein predigt. Dass Grausamkeiten von einzelnen Paschas von Zeit zu Zeit ausgeübt werden, habe ich schon zugegeben. Einen solchen Fall zitiert er aus der Times, was übrigens nur meine Bemerkung bestätigt, nämlich, dass alle solche Dinge sorgfältig an die kapitalistische Presse Europas berichtet und von derselben an die große Glocke gehangen werden. Man braucht jedoch nicht weiter als nach London, Paris oder Berlin zu gehen, um Fälle von ebenso großer Grausamkeit Kindern gegenüber von ihren Vorgesetzten zu finden. Haben nicht die britischen Inseln, das gesegnete Land der modernen Kultur, eine Mrs. Montague aufzuweisen, die übrigens in der schonendsten Weise vom Gericht behandelt wurde, wie sie einem Mitglied des schönen, schwächeren Geschlechts nach Ansicht des Herrn Bernstein gewiss gebührt! Herr Bernstein zitiert den Brief meines Freundes Cunningham Graham an den Daily Chronicle. Die Schlüsse jedoch, die er daraus zieht, sind keineswegs von seinem Verfasser geteilt, der in einem Privatbrief vom 21. Januar 1898 an mich dieselben ausdrücklich verwirft. „Natürlich“, schreibt Graham, „gibt es in Marokko Tyrannei, wie ebenfalls in Europa, in welchem Lande findet man sie nicht? Jedoch die Tyrannei in Marokko ist eine orientalische und indirekte, die Leute, die darunter leiden, wissen, dass es keine vervollkommnete Tyrannei ist und dass sie daher Chancen haben, ihr auszuweichen. Wer kann das bei uns tun? ... Wiederum in der Regel trifft die marokkanische Tyrannei hauptsächlich die Reichen, denn von denen allein ist etwas zu erlangen. Schließlich, mit Abrechnung aller seiner Nachtheile, bleibt viel in Marokko zu loben. Jedenfalls sieht man dort nie die elenden und heruntergekommenen Typen, die uns in den Ländern der Christenheit und der Zivilisation begegnen.“ So viel von einem Manne, der Marokko kennt, wie selten ein Europäer, und der zugleich einer der bewährtesten unserer englischen sozialistischen Parteigenossen ist. Nach diesem Beleg für meine Ansichten aus erster Hand brauche ich mich kaum weiter über Marokko auszusprechen.

Herr Bernstein wirft mir vor, ich anerkenne nicht, dass der Kapitalismus verschiedene Entwicklungsstadien habe und dass in seinen späten Phasen gewisse schreiende Uebel der früheren teilweise abgeholfen werden. Nein, Herr Bernstein, dass eine Linderung gewisser greller Uebel des Kapitalismus in seinen anfänglichen Stadien unumgänglich wurde und daher eintrat, weiß ich sehr wohl, aber die Aufhebung einiger anderer Übelstände ist, wie Herr Bernstein auch wissen sollte, hundertmal ersetzt worden durch die Ausdehnung des Massenelends der kapitalistischen Wirtschaft auf alle Gewerbe, auf alle Volksschichten und alle Kulturnationen.

* * *

Dass Herr Bernstein die englisch-südafrikanische Gesellschaft und ihre Genossen in der Ausbeutung der südafrikanischen Völkerstämme – dieses abscheulichste Gesindel der Welt, dieser wahre Abschaum der Menschheit – quasi verteidigt, beweist, wie weit er in bürgerlich „praktischen“ Anschauungen fortgeschritten ist. Auf diesem Gebiet kann ich ihm nicht folgen, ich verweise ihn wieder auf die Schriften von Herrn Fox-Bourne und die Publikationen der englischen Gesellschaft „zum Schutze der Eingeborenen“, auf den Artikel des Herrn Blake in der National Review u. A. für November 1897, wo allerdings der jetzige Zustand der Eingeborenen gegenüber dem früheren in keinem so rosigen Scheine leuchtet, als in den Ausführungen des Herrn Bernstein. Dass die südafrikanische Gesellschaft nicht die ganze matabilische Bevölkerung sofort zum verzweifelten Aufstand treiben oder zum unaufhaltsamen Aussterben binnen zu kurzer Zeit bringen wollte, sondern es für klug erachtete, nur die Hälfte ihres Viehbestandes ihr zu stehlen, kann ich nicht als einen Beweis des Segens und der Milde der heutigen kapitalistischen Ausbeutung gelten lassen. Wenn Herr Bernstein es tut, so scheint mir dies nicht für die Stärke seines Argumentenarsenals zu sprechen. Was ich über die Gefahr des Überwiegens des Angelsachstentums in der Menschheit für die nähere Zukunft schrieb, wurde nur als Anregung oder als Problem und nicht als dogmatisches Postulat aufgestellt. Die wenigen und auch meistens abnehmenden oder gar verschwindenden Ausnahmen zu dem Aufgehen der spezifischen sprachlichen, sittlichen und auch teils physischen Eigenschaften anderer Völker in das Angelsachstentum, beeinträchtigen meine Behauptung, dass diese Tendenz im Allgemeinen stark vorhanden ist, gar nicht. Wenn ich als Angelsachse betonte, dass es zu viel Angelsachstentum in der Welt geben könnte, vielleicht auch zu gleicher Zeit zu viel Judentum, so verstehe ich nicht, wie Jemand dieses „als eine gemäßigt antisemitische Redensart“ auffassen kann. Ich bin kein Antisemit und hasse Antisemiten, hätte ich gewusst, dass Herr Bernstein (um schweizerisch zu reden) so „kaibeenpfindlich“ wäre, würde ich mich selbstredend sehr gehütet haben, diese wie es mir schien so harmlose Äußerung vom Stapel zu lassen. Ich glaube nicht, dass andere Unparteiische sie im Bernsteinschen Sinne aufgefasst haben können, namentlich in dem Zusammenhang, wo sie steht.

Was den National Liberal Club anbelangt, sind ein paar Worte Erklärung für deutsche Genossen vielleicht wünschenswert. Die Hauptseite des Londoner Klubwesens ist mir die gesellschaftliche, zu der in zweiter Reihe in den politischen Klubs, aber meistens sehr in zweiter Reihe, das politische Moment kommt. Nun war ich vor einigen Jahren, kurz nach der Gründung des Klubs, von persönlichen Freunden veranlasst, mich demselben anzuschließen. Dies geschah ohne irgendwelches politische Zugeständnis meinerseits, da meine politische Richtung allgemein bekannt war. Der Klub war und bleibt mir nichts als Arbeitsbureau und Gesellschaftslokal, was nicht ausschließt, dass ich keineswegs der einzige Sozialdemokrat darin bin. Dieß nur füge ich hinzu, dass ich weder öffentlich oder privatim, weder in noch außer dem Klub meinen Parteistandpunkt je geleugnet oder gar mit liberalen Tendenzen verwässert habe. Es kann auch wahr sein, dass ich Herrn Bernstein einige Male den Rath gegeben habe, er möge sich dem Klub als Fremdenmitglied anschließen. Dabei ist wohlbemerkt keine besondere Gastfreundschaft seitens des Klubs im eigentlichen Sinne verbunden, da das fremde Mitglied, wenn es mehr als zwei Monate bleibt, sein Abonnement ebenso gut wie Andere zu entrichten hat, nur darf es keinen Antheil an der Verwaltung nehmen, die jährlich wieder gewählt werden muss. Wenn ich Herrn Bernstein zu diesem Schritt geraten habe, so geschah es nur, weil ich es für angemessen hielt, dass er als englischer Korrespondent die englischen Verhältnisse, politisch wie gesellschaftlich, aus erster Hand lernen könnte, eher als aus ein paar englischen Zeitungen, welche er zu Hause hält, seine Anschauungen über England zu bilden. Dass ich die Leser der Neuen Zeit mit diesen Details belästigen muss, ist nicht meine Schuld. Herr Bernstein jedoch durch seine persönlichen Ausführungen und quasi Beschuldigungen nötigt mich dazu.

Herr Bernstein wirft mir weiter vor, dass ich mich nicht genug mit Fabrikgesetzgebung und gewissen anderen Detailfragen abgegeben habe. Der Vorwurf, auch wenn er berechtigt wäre, scheint mir etwas abgeschmackt. Jeder hat seine eigene Wirkungssphäre. Ich achte allerdings im höchsten Grad die Arbeit derjenigen, die sich mit solch wichtigen Palliativmitteln abgeben, es sind jedoch Andere in dieser Sache besser ausgerüstet als ich. Übrigens für mich, im Gegensatz zu Herrn Bernstein, ist die bestmögliche Fabrikgesetzgebung kein Sozialismus. Wenn er aber eine solche für das Endziel der sozialistischen Bewegung ansieht, wie er es in der Tat zu tun scheint, ist es seine Sache, nicht meine. An dem Sozialismus der gewöhnlichen Menschenkinder habe ich wenig auszusetzen. Er deckt sich, meinen Erfahrungen nach, im Allgemeinen mit meinem Sozialismus. Es ist nur der Sozialismus eines so ungewöhnlichen Menschenkindes, wie Herr Bernstein vom Parteistandpunkt sich entpuppt hat, welcher Bedenken einflößt. Nicht gerade, dass ich ihn „zu leicht“ finde, im Gegenteil, er kann unter Umständen schwerfällig genug sein. Die deutsche Partei hat sich sehr beflissen gezeigt, Verstöße gegen das Parteiprogramm und Prinzip, nach links hin, zu ahnden und diejenigen, die sie begangen haben, auszuschließen. Es dürfte wohl interessant sein, zu wissen, ob die gegenwärtige Anschauung des Herrn Bernstein, die sich allerdings nach der entgegengesetzten Seite neigt, als im völligen Einklang mit Parteiprogramm und -prinzip erachtet werden sollte.

Nun wollen wir dem Schlusparagraphen des Herrn Bernstein eine kurze Aufmerksamkeit widmen. Erstens mit seinem Taktgefühl hebt Herr Bernstein meine Stellung zur Frauwenfrage hervor. Um hier darauf einzugehen und dieselbe zu rechtfertigen für diejenigen, die das, was ich bisher darübergeschrieben, nicht gelesen haben, fehlt es natürlich an Platz. Mit all seiner biederen Vorsorge, sozialistische Schlagwörter zu prüfen und womöglich als nichtig darzustellen, scheint sich unser hochgeschätzter Polemiker nicht, alte Frauenrechtlerphrasen, die alle Tatsachen Lügen strafen, und die ich in Bezug auf England x-Mal widerlegt habe, ohne Weiteres als selbstverständliche unangetastete Wahrheiten anzuführen. Es gehört dazu gewiss ein schönes Stück Kühnheit, von den Frauen in England und Amerika z. B. als den „sozial und rechtlich Schwächeren“ zu sprechen und mir vorzuwerfen, dass ich die „Zurücksetzungen“, welche die Frauen zu erleiden haben, nicht sehe, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass ich diese angeblichen Zurücksetzungen ausdrücklich in Erwägung gezogen und darauf aufmerksam gemacht habe, wie besagte „Zurücksetzungen“ ganz unbedeutend seien im Verhältnis zu den den Frauen gewährten Privilegien. Ob ich „Mücken seige“, weiß ich nicht, aber das weiß ich, dass ich die „Kamele“, die mit obigen Phrasen sich abspeisen lassen, nicht verschlucken und noch weniger verdauen kann.

Die Anklage Nr. 2 auf Seite 496 bezieht sich auf meine Bekämpfung des britischen Sonntags, einer Institution, die mehr vielleicht als irgendeine andere britische Einrichtung dazu beigetragen hat, die Arbeiterschaft in einem Zustand geistiger Versumpfung zu erhalten. Wenn Herr Bernstein meint, dass die große Masse der fortschrittlichen englischen Arbeiter diesem Gräuel hold ist, so glaube ich, dass er sich täuscht. Jedenfalls erhielt der Vertreter des Londoner Trades Councils auf dem Züricher Kongress 1897 ein imperatives Mandat gegen jeden Antrag, der den Anschein könnte, für den englischen Sonntagszustand einzutreten, zu protestieren. Der Vertreter der Gasworkers Association, wenn ich mich nicht irre, ebenfalls. Aber auch wenn es so wäre, wie Herr Bernstein behauptet, würde es für mich durchaus nichts an der Sache ändern, denn die große Masse der britischen Arbeiterschaft ist ebenfalls noch nicht ausgesprochen sozialdemokratisch, ja, viele Schichten sind bis jetzt „durchaus nicht geneigt“, am Charakter der heutigen Gesellschaft „Wesentliches“ zu ändern. Und doch besteht die Social Democratic Federation, deren Aufgabe es ist, gerade dieselben zu bekehren, ja, die heilige, unantastbare, versumpfte, nicht sozialistische englische Arbeiterbewegung zu „schulmeistern“, wie sich Kautsky diesbezüglich ausdrückt! So „utopistisch“ sind wir!

Anklageakt Nr. 3. Ich befürworte die Abschaffung der monarchischen Regierungsform, dabei wird bemerkt, dass „eine große Anzahl britischer Sozialisten“ „und nicht bloß Fabianer, sich zur Abschaffung der monarchischen Regierungsform völlig gleichgiltig, wo nicht ablehnend verhalten.“ Nun ist diese Bemerkung, um mich milde auszudrücken, höchst irreführend. Ich kenne keinen einzigen englischen Sozialisten, außer Mr. Blatchford, des Clarion, der sich zur Abschaffung der Monarchie ablehnend verhält. Sogar die Fabianer protestierten letzten Sommer mit einer großen Mehrheit gegen die Zumutung, dass sie nicht antimonarchisch seien. Dass der Sozialismus selbstverständlich mit einer monarchischen Regierungsform prinzipiell unvereinbar ist für jeden nur entfernt konsequent denkenden Menschen, braucht, wie ich glaube, keine ferneren Belege. Was den vierten Punkt der Anklage des Herrn Bernstein gegen mich anbelangt, kann ich nur wiederholen, dass es meine Ansicht war und bleibt, dass die Gefahr für den menschlichen Fortschritt und den Sozialismus durch den Klerikalismus und sogar eine zeitweilige Wiederbelebung christlicher Dogmen noch nicht so ganz überwunden ist, wie Manche denken. Dazu könnte ich hinzufügen, dass hie und da unter Arbeiterführern, die sonst sehr gute Sozialdemokraten sind, eine Tendenz zu bemerken ist, mit dem Klerikalismus, namentlich mit einem Theile des katholischen Klerus, zu kokettieren, indem dem trügerischen Vorspiegelungen einer speziellen Arbeiter-Sozialistenfreundlichkeit seitens des letzteren Glauben geschenkt wird. Die weitere Begründung meiner Anschauungen über diese Frage würde einen besonderen Artikel erheischen. Jedenfalls, ob sie berechtigt oder unberechtigt sind, scheint es mir, dass es seitens des Herrn Bernstein sehr gesucht ist, dieselben als Beeinträchtigung der Echtheit meines Sozialismus anzuführen. Dass Herr Bernstein wieder eine beiläufige Anregung von mir aus ihrem Zusammenhang herausreißt und an den Pranger nageln will, um den utopistischen Charakter meines Sozialismus zu beweisen, gehört, muss man annehmen, zu der Eigenart seiner Polemik. Darüber aber brauche ich mich hier nicht weiter einzulassen. Abgesehen von den persönlichen Fragen, die sich hineinmischen, ist im Grunde genommen die ganze Kontroverse, die sich hier abspielt, gewissermaßen eine Fortsetzung des alten Gegensatzes zwischen dem theoretischen Sozialismus und der Volksbewegung mit ihren augenblicklichen praktischen Forderungen. „Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer“, heißt es in der Kritik der reinen Vernunft. Eine Bewegung, welche aus den unmittelbaren Bedürfnissen der Arbeiterschaft erwächst, ohne ein theoretisches Ziel, verläuft nur zu oft in den Sand, ohne das Wenige zu erreichen, was sie gewollt hat, und sie besitzt im besten Falle keine Dauer. Hingegen eine Bewegung, welche nur auf Theorien gegründet ist und keine oder ungenügende Rücksicht auf unmittelbare Volksbedürfnisse nimmt, keine oder wenig Fühlung mit der großen Masse hat, ist schon von vornherein, und sei sie an und für sich noch so richtig, als Doktrinarismus verurteilt. Dieser alte Gegensatz sei, wie ich glaube, in Deutschland im Allgemeinen überwunden, und doch dürften wohl seine Spuren immer noch sichtbar sein.

Für Nieuwenhuis und die sogenannten antiparlamentarischen, ultrarevolutionären Sozialisten ist der Endzweck, wie sie es auffassen, alles; die unmittelbaren praktischen Erheischungen und Forderungen der Bewegung nichts. Für Herrn Bernstein nach seiner eigenen Erklärung (Neue Zeit, Heft 18, S. 556) ist das Endziel des Sozialismus nichts, die Bewegung alles. [2] Dass vom antiparlamentarischen Sozialismus, mit seiner Verpönung des Mittels und der unmittelbaren Arbeiterforderung, bis zum Anarchismus bloß ein Schritt sei, ist allgemein unter Sozialdemokraten anerkannt. Dass aber die gegensätzliche Einseitigkeit, die Verpönung des Endziels und die Vergötterung der bloßen blinden Bewegung an und für sich ebenfalls vom gewöhnlichen bürgerlichen Liberalismus oder Fortschritt nur einen Schritt entfernt ist, wird vielleicht noch nicht so allgemein anerkannt! Nichtsdestoweniger ist es wahr und aus seinem Artikel erhellt es unverkennbar, dass Herr Bernstein diesen Schritt schon vollbracht hat.

Nun, armer Synthetiker, Blanquist (oder was sonst Herr Bernstein mich schimpfen will), wie ich bin, erlaube ich mir doch, den Grundsatz festzuhalten, dass beide Richtungen irrig sind. Ohne „die Bewegung“, ihre Mittel und Forderungen irgendwie zu unterschätzen, will ich doch, dass der Sozialismus der Gegenwart beständig sein Endziel, die kommunistische Gesellschaft der Zukunft, ins Auge fassen sollte. Die Belehrung des Proletariers, was das Endziel seiner Klassenbewegung als Stufe der menschlichen Entwicklung bedeutet, erachte ich für eine der höchsten Aufgaben der Sozialdemokratie. Was Herr Bernstein sagt und schreibt, das ungefähr sagt der Liberale auch und kaum einmal mit ein bisschen anderen Worten. Ich kenne persönlich Dutzende von englischen Liberalen und Radikalen, die genau dieselben Zwecke verfolgen, wie Herr Bernstein, ähnliche Verachtung für Endziele an den Tag legen und ähnliche Vergötterung kleinlicher Reformen (der Fabrikgesetzgebung und dergleichen) und doch bleiben sie Liberale, ja sogar eifrige Verfechter der liberalen Parteitaktik und unter Umständen wuchtige Bekämpfer der Sozialdemokraten im liberalen Interesse. Kurz und gut, die beiden Artikel des Herrn Bernstein sind nur weitere Belege dafür, dass derselbe aufgehört hat, bewusst oder unbewusst, Sozialdemokrat zu sein.

Zum Schlusse will ich nur betonen, dass, weit entfernt wie ich bin, der Tendenz der antiparlamentarischen Sozialisten, die Endziel ohne Bewegung lautet, zu huldigen, ich ebenso weit entfernt bin, die entgegengesetzte Tendenz, die Bewegung ohne Endziel lautet, als wahren Sozialismus anzuerkennen, und das ist mein Verbrechen in den Augen des Herrn Bernstein. Mein Grundsatz ist und bleibt derjenige der meisten Sozialdemokraten – Endziel und Bewegung! Für die Materie ohne die Form habe ich so wenig Sinn, wie für die Form ohne die Materie. Wie ich schon in dieser Zeitschrift auseinandergesetzt habe, für die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft halte ich das Endziel, das der psychologische Antrieb der Bewegung vorschreibt, für einen ebenso wichtigen Faktor, als die ökonomischen Bedingungen, die sich in der Arbeiterbewegung und den praktischen Forderungen derselben zeitweilig abspiegeln.

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Anmerkungen

1. Belfort Bax, Kolonialpolitik und Chauvinismus, Die neue Zeit, 16. Jg., 1. Bd. (21. Dezember 1897), H. 14, S. 420–427.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.02864&dok=1897-98a&f=189798a_0420&l=189798a_0427.

2. Eduard Bernstein, Der Kampf der Sozialdemokratie und die Revolution der Gesellschaft: 1. Polemisches, 2. Die Zusammenbruchstheorie und die Kolonialpolitik, Die neue Zeit, 16. Jg., 1 Bd. (19. Januar 1898), H. 18, S. 548–557. (quote from p. 556)
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.02887&dok=1897-98a&f=189798a_0548&l=189798a_0557.


Zuletzt aktualisiert am 13. Oktober 2026