Tony Cliff

 

Worin wurzelt Israels Gewalttätigkeit?

(Juli 1982)


Erstmals veröffentlicht unter dem Titel Zionism to Genocide, Socialist Worker, Nr.790, 3. Juli 1982.
Übersetzung aus dem Englischen: Rosemarie Nünning und David Paenson.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Wenn ich auf meine eigenen Erfahrungen in Palästina zurückblicke, kann ich die kleinen Anfänge des heutigen Schreckens erkennen. Der Zionismus, die jüdische Abgetrenntheit und der Glaube an eine jüdische Heimstätte haben sich zur staatlichen Gewalt gesteigert.

Meine Eltern waren Pioniere des Zionismus. Sie kamen 1902 aus Russland nach Palästina, um sich einer zionistischen Gemeinde von nur wenigen tausend Menschen anzuschließen.

Ich wuchs als Zionist auf, aber der Zionismus hatte noch nicht die hässliche Fratze, die wir heute kennen.

Es gab immer einen fundamentalen Riss zwischen den Zionisten und den Arabern. Derselbe Riss sonderte die Zionisten von den übrigen Menschen in ihren Ursprungsländern ab.

Das wird deutlich, wenn wir uns Russland im 19. Jahrhundert anschauen. Im Jahr 1891 wurde Zar Alexander II. ermordet. Im nächsten Jahr organisierten die russischen Rechtsextremen ein Pogrom gegen die Juden: „Töte einen Juden und rette Russland“, sagten sie. Sozialisten antworteten darauf mit dem Aufruf zur Einheit im Kampf gegen den Zarismus und die Rechte. Es gab aber auch eine zweite Antwort: den Zionismus. Die Zionisten argumentierten: „Juden können sich auf niemanden verlassen außer sich selbst“, und die ersten russischen Juden verließen Russland mit dem Ziel Palästina. Jedes weitere Pogrom erzeugte dieselben beiden Reaktionen. Einige schlossen sich der allgemeinen revolutionären Bewegung an – andere wählten die Separation.

Als die Zionisten nach Palästina kamen, betonten sie weiterhin ihre Getrenntheit. Zionisten übernahmen arabisches Land, wobei sie nicht selten die Landbesteller vertrieben. Und die Zionisten diskriminierten systematisch tausende von arabischen Arbeitslosen. Obwohl die Araber mindestens achtzig Prozent der Bevölkerung ausmachten, gab es nicht einen Einzigen an meiner Schule.

Meine Eltern waren radikale Zionisten. So meinte mein Vater zu mir: „Einem Araber kann man nur über Kimme und Korn eines Gewehrs in Gesicht blicken.“ Ich habe nie unter einem Dach mit Arabern gewohnt.

Die Zionisten organisierten ihre eigene Gewerkschaft, die Histadrut, die zwei politische Fonds bildete: Einer wurde zur „Verteidigung hebräischer Arbeit“ gegründet, der andere zur „Verteidigung hebräischer Produkte“. Aus diesen Fonds wurden „Streikposten“ finanziert, um die Anstellung von Arabern in jüdischen Unternehmen zu verhindern und arabische Produkte von jüdischen Märkten fernzuhalten. Zionistische Unternehmen wurden grundsätzlich nicht von der Histadrut angetastet.

Im Jahr 1944 lebten wir in der Nähe des Tel Aviver Marktes. Eines Morgens sah meine Ehefrau einen jungen Mann, der alle Marktfrauen ansprach. Einige ließ er in Ruhe, bei anderen schüttete er Paraffin über das Gemüse und zerschlug die Eier. Meine Frau, die gerade aus Südafrika gekommen war, konnte es nicht glauben. „Was ist da los?“, fragte sie erschüttert.

Es war ganz einfach: Der Mann prüfte, ob die Waren hebräisch oder arabisch waren und zerstörte die arabischen Produkte. Dieses Vorgehen bewegte sich noch auf niedrigem Niveau, und einige Zionisten sprachen immer noch wie Linke. Zionistische Verlage druckten zum Beispiel Lenin und Trotzki.

Aber der Antagonismus zu den Arabern blieb entscheidend. Kein Araber wurde jemals Mitglied der Kibbuz-Bewegung mit ihrer „sozialistischen“ Kollektivlandwirtschaft. Die Mehrheit des von Juden besessenen Lands gehörte dem Jüdischen Nationalfonds, dessen Satzung das Verpachten an Araber verbot. Das heißt, dass die ursprüngliche arabische Bevölkerung aus ganzen Landstrichen vertrieben wurde.

Als ich 1946 Palästina verließ, hatte Tel Aviv, eine Stadt mit 300.000 Einwohnern, nicht einen einzigen arabischen Bewohner. Stellen wir uns vor, wir kämen in Nottingham an, einer etwa gleich großen Stadt wie Tel Aviv, und fänden keine Engländer vor.

Offensichtlich gab es Feindschaft zwischen den Zionisten und den Arabern. Die Zionisten – eine Minderheit, die der Mehrheit nicht über den Weg traute – brauchten Unterstützung und suchten deshalb immer Hilfe bei den imperialistischen Mächten, die Palästina kontrollierten. Anfangs war das eher unaufdringlich: Zionistische Führer erzählten wiederholt deutschen Herrschern, dass es in deren Interesse sei, wenn der Zionismus in Palästina gediehe.

Als Großbritannien 1917 Palästina besetzte, schrieben zionistische Führer an den konservativen Außenminister Balfour und erklärten ihm, eine starke zionistische Präsenz in Palästina sei in Großbritanniens Interesse. Und während des Zweiten Weltkriegs, als deutlich wurde, dass die USA die wesentliche imperialistische Macht würden, vor allem im Nahen Osten, wendeten die zionistischen Führer sich Washington zu.

Die Zionisten ließen sich womöglich nicht kaufen, aber doch immer gerne anheuern. Die zionistische Logik der Abtrennung von der nichtjüdischen Bevölkerung, sei es in Russland, Polen oder Palästina, führte zur Abhängigkeit vom Imperialismus. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war dabei entscheidend. Das deutsche Großkapital unterstützte Hitler nicht aus Furcht vor den Juden, sondern vor der deutschen Arbeiterklasse. Sowohl die Juden als auch die deutschen Arbeiter waren Hitlers Opfer.

Die oberste Aufgabe für revolutionäre Sozialisten hätte darin bestanden, den Kampf der Arbeiterklasse gegen die Nazis zu organisieren. Dazu waren die Zionisten nicht bereit. „Die Juden sind Hitlers Opfer“, sagten sie, und unterstellten, dass alle Deutschen Feinde der Juden seien.

Als die deutschen Arbeiter 1933 kampflos von Hitler geschlagen wurden, stärkte das den Zionismus immens. Wenn eine Bewegung einen gewissen Schwung erreicht, kann sie nicht mehr gestoppt werden, außer durch eine neue, noch viel größere Bewegung. Wenn die Juden den Deutschen nicht trauen konnten, dann war es nur natürlich, einen starken zionistischen Staat als einzige Lösung zu betrachten.

In Palästina kam es unterdessen zu immer übleren zionistischen Freveltaten. Der 1948 ausgerufene Staat Israel gründete sich auf einen terroristischen Feldzug, durch den hunderttausende Palästinenser aus ihren Wohngegenden vertrieben wurden. Die Geburt des Staats vollzog sich durch ein „begrenztes“ Massaker an 240 Zivilisten in der Ortschaft Deir Jassin.

Männer, Frauen und Kinder wurden niedergemetzelt, einige lebendig in den Dorfbrunnen geworfen. Das war ein Ort, den ich sehr gut kannte, nur ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Die Araber sind nicht die Einzigen, die seitdem dafür ihren Zoll zahlen müssen. Israels beständige Suche nach Verbündeten hat es zunehmend zu einem Militärausrüster der reaktionärsten Regime der Welt werden lassen.

Mosche Dajan, Israels Verteidigungsminister, verbrachte 1966 zwei Monate in Südvietnam und beriet die amerikanische Marionettenregierung. Israel belieferte Chile unter dem Diktator Pinochet mit Waffen, das Rassistenregime von Ian Smith in Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) und all die Länder, über die der US-Präsident Jimmy Carter wegen Verletzung der Menschenrechte ein Waffenembargo verhängt hatte.

Israels Geheimdienst beriet den iranischen Schah, während seine Wissenschaftler gemeinsam mit dem Apartheidstaat Südafrika Atomwaffen entwickelte. Einige Leute behaupten, Unterdrückung führe immer zu Fortschritt. Die Juden waren furchtbar unterdrückt, aber das war keine Garantie dafür, dass sie fortschrittlich oder revolutionär wurden. Vielmehr führt Unterdrückung gekoppelt mit Machtlosigkeit zur Reaktion. Da der Kern des Zionismus Lostrennung von allen progressiven Kräften hieß, von den revolutionären Kräften in Russland bis zu den antiimperialistischen Kräften im Nahen Osten, war das Ergebnis vorbestimmt.

Jetzt arbeitet Israel mit den christlichen Falangisten im Libanon zusammen, einer offen faschistischen Organisation. Mich überrascht das nicht. Ich kann mich noch erinnern, als in den 1930er Jahren die Mitglieder der Irgun, der Organisation von Menachem Begin, des heutigen israelischen Ministerpräsidenten, den Hitlersgruß zeigte und braune Hemden trug.

Im Jahr 1935 hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Zionisten Zivilisten umbringen könnten – sie diskriminierten Araber, mehr erst mal nicht. Aber in der heutigen harten Welt wird jeder Riss breiter und tiefer, und der Riss der jüdischen Abgetrenntheit führt zu den Schrecken, wie wir sie im Libanon gesehen haben. Diese Monstrositäten liegen in der Logik des Zionismus. Ich fürchte, dass wir noch viel Schlimmeres von den Zionisten erwarten können.
 

Die Arbeiter haben eine Lösung zu bieten

Allein die arabische Arbeiterklasse im Nahen Osten verfügt über die Stärke, den Zionismus in seine Schranken zu weisen und den Imperialismus zu schlagen. Die bestehenden Staaten können das nicht.

Wegen der Ölinteressen ist der saudische König ein bedingungsloser Handlanger der USA.

Das Regime Assads in Syrien ist korrupt und instabil und hängt am Tropf saudischer Zuschüsse, während das ägyptische Regime sich auf dem Rücken von Millionen verarmter Arbeiter und Bauern erhebt. Millionen Arbeiter leben in Elendsvierteln und Millionen Bauern leiden unter den schlimmsten Plagen, weil sie nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser oder Kanalisation haben.

Diese Regimes können nichts und niemanden bekämpfen, geschweige denn den Zionismus oder den Imperialismus. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ist auf saudische Gelder angewiesen, und ihr physisches Überleben hängt von Syrien ab. Der ganze Mut der PLO-Guerillas kann keinen Weg aus der Sackgasse weisen. Die arabischen Arbeiter sind der Schlüssel. Die ägyptische Arbeiterklasse ist mindestens so groß wie die russische im Jahr 1917. Diese Arbeiter besitzen die Macht, den Nahen Osten zu verändern.

 


Last updated on 25.6.2008