Daniel De Leon


Die Prinzipienerklärung der I.W.W.

Vortrag, gehalten in Minneapolis am 10. Juli 1905

(10. Juli 1905)


Diese Übersetzung von Karl Dannenberg (Braunschweig, Gemeinschaft für Arbeiterbildung, 1920) bedarf sowohl in bezug auf Wortwahl und Satzbau dringend der Überarbeitung. Wer dabei mitwirken möchte, kann sich bei Thomas Schmidt - thomass ät marxists.org - melden. Wer über ausreichende Englischkenntnisse verfügt, um zusammenhängende Texte zu lesen, sollte auf jeden Fall das englische Original lesen.
Transkription/HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.



Arbeiter und Arbeiterinnen von Minneapolis!

Unser Vorsitzender hat die Sache nicht überschwänglich geschildert, als er sagte, dass der Kongress der Industrieverbändler, welcher nach zwei Wochen anstrengender Arbeit vorgestern in Chicago seine Sitzungen schloss, eine Epoche in den Annalen der amerikanischen Arbeiterbewegung anzeigt. Ich möchte hinzufügen, obwohl seine Ausführungen soviel andeuten, dass der Chicagoer Kongress auch einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes verkündet.

Was wurde dort verrichtet? Sie werden in der Lage sein, aus der öffentlichen Erklärung — der Prinzipienerklärung zur Konstitution —, die von dem Kongress angenommen wurde, einen annähernden Begriff, einen Wink zu erhalten. Diese Prinzipienerklärung ist kurz, und ich werde diese Kürze noch kürzer machen, indem ich drei ihrer Grundsätze, diejenigen, welche ich von größter Wichtigkeit halte und durch deren Betrachtung die Bedeutung nicht nur aller anderen, nicht nur der Prinzipienerklärung an und für sich, sondern auch der Bewegung, welche dieses Dokument hervorbrachte, gewürdigt, ermessen und verstanden werden kann, einer Untersuchung unterziehe.

Die drei Grundsätze sind (lesend):

„Nie kann Frieden herrschen, solange unter Millionen von Arbeitern Hunger und Not grassieren und die wenigen, welche die Arbeitgeberklasse bilden, alle die guten Dinge des Lebens besitzen.“

Der zweite Grundsatz betont (lesend):

„Die Arbeiterklasse und die Arbeitgeberklasse haben nichts gemein.“

Und zuletzt, aber nicht in Bedeutung, folgt der dritte Grundsatz (lesend):

„Zwischen diesen beiden Klassen muss ein Kampf fortbestehen, bis alle Schaffenden auf dem politischen wie auf industriellem Felde zusammenkommen, und durch eine ökonomische Organisation der Arbeiterklasse, ohne Verbindung mit irgend einer politischen Partei das in Besitz nehmen und verwalten, was sie durch ihre Arbeit erzeugt haben.“

Diese drei Grundsätze beabsichtige ich mit Ihnen, in der Reihenfolge in welcher ich sie verlesen habe, durchzunehmen. Ich betrachte

den ersten Grundsatz

als den so genannten Drehpunkt, um welchen sich die anderen drehen. Äußert derselbe nun eine Wahrheit, oder offenbart er eine Lüge? Ist es wahr, dass der Zustand der Arbeiterklasse einer des Hungers und der Not ist? Oder ist die gegenteilige Angabe, welche man so oft vernimmt, die richtige? In dieser Frage sind die Autoritäten, die sich mit dem sozialen Problem beschäftigen, unvereinbar gespalten. Tief ist die Kluft, die sie trennt. Auf der einen Seite stehen jene, die auf dem Kongress in Chicago versammelt oder vertreten waren. Sie behaupten, dass der Zustand der Arbeiterklasse einer des Hungers, der Not und Entbehrung ist; dass derselbe schlechter und schlechter wird; dass die Abgaben, die das Proletariat leisten muss, sich immer höher anhäufen; und dass nicht nur ihr relativer Anteil an dem Reichtum, den dasselbe erzeugt, abnimmt; sondern, dass auch das absolute Quantum des Reichtums, das es genießt, in seinen Händen zu einer immer kleineren Masse zusammenschrumpft. Das ist der sozialistische Standpunkt. Gegenüber diesem Standpunkt erhebt sich der unserer Gegner von den verschiedensten Schattierungen — von dem ausgesprochenen Kapitalisten herunter bis zum Anhänger der American Federation of Labor. Unsere Gegner behaupten, die Lage der Arbeiterklasse ist eine des Wohlstandes; fernerhin, dass dieselbe sich immer mehr vom Guten zum Besseren wendet; und dass das absolute Quantum des Reichtums, das der Arbeiter genießt, und seinen relativen Anteil des Reichtums, den er produziert, im Zunehmen begriffen sind. Einige von ihnen, wie der Worker, das englische Organ der New Yorker Volkszeitung Korporation, in seiner Ausgabe vom 5. Februar dieses Jahres, gehen so weit in ihrem Angriff auf den sozialistischen Standpunkt, die Behauptung, „das kapitalistische System stiehlt der Arbeiterklasse vier Fünftel von all dem, was diese Klasse produziert“, als eine „wilde Übertreibung“ hinzustellen. Diese zwei Stellungen sind unvereinbar. Wenn der zuletzt angeführte Standpunkt wahr oder nur annähernd wahr sein sollte, dann brechen die anderen zwei Grundsätze der Prinzipienerklärung, ja, die Prinzipienerklärung als solche, mit der ganzen Tätigkeit des Chicagoer Kongresses zusammen — wie die unsolide, ja märchenhafte Vorstellung eines Traumes. Umgekehrt, wenn der sozialistische Standpunkt korrekt ist, dann besteht der Rest der Prinzipienerklärung aus Schlussfolgerungen, denen man nicht entrinnen kann und — der Chicagoer Kongress hat auf einer soliden Grundlage gebaut. Demzufolge dreht sich alles um den ersten Grundsatz. Ist dieser wahr — stichhaltig? Ist er falsch — unhaltbar? Wir wollen sehen.

(Hier wendet sich der Redner zu einem großen gelben Plakat, das an eine Tafel geheftet und auffallend zu seiner Rechten aufgestellt ist.)