Danko Grlic

Marginalien über die Tschechoslowakei und über neue Tendenzen im Sozialismus

1968


Aus: Praxis, 3-4, 1968.
Transkription: Open Society Archive
HTML-Markierung: Stiven Tripunovski für das Marxists’ Internet Archive


 

Nie war es schwieriger als heute, über das Thema „Neue Tendenzen im Sozialismus“ zu sprechen. Die Schwierigkeit ist jedoch nicht nur durch die tragischen Ereignisse der jüngsten Zeit bedingt, deren Zeugen wir waren, auch nicht durch die Tatsache, dass das Neue, das sich als andauernde progressive Tendenz bis vor kurzem immer deutlicher am politischen Horizont abzeichnete, jetzt so krass unterbunden wurdc, so dass es – anscheinend - dankbarer und angemessener erschiene, über die alten statt über die neuen Tendenzen im Sozialismus zu sprechen. Schwierig ist es auch, eine adäquate Bestimmung für den Begriff „Sozialismus“ zu finden, da offensichtich mit diesem Begriff - besonders in der letzten Zeit - so divergente, miteinander völlig unvereinbare Dinge verbunden werden, dass es fast sinnlos geworden ist, über den Sozialismus im allgemeinen zu sprechen, ohne vorher präzisiert zu haben, an welchen Sozialismus man eigentlich insbesondere denkt. Eine weitere Schwierigkeit könnte darin liegen, dass hier jemand über neue Tendenzen im Sozialismus spricht, der von Hause aus Philosoph ist. Denn wenn es sich um ein solches Problem, anscheinend um eine äußerst praktisch-politische Thematik handelt, meint man, der Philosoph, der in seine Abstraktionen eingesponnen ist und der in der Vorstellung vieler Politiker nichts als müßige Spekulationen anstellt, der angeblich nie imstande war, die tiefschürfenden Gesetzmäßigkeiten der Politik zu verstehen, dieser Philosoph sei am wenigsten dazu berufen, etwas zu diesem Thema beizutragen. Man könnte schon fast einen ganzen Vortrag allein darüber halten, wie viele und welche Schwierigkeiten oder Pseudoschwierigkeiten in dem gesetzten Thema enthalten sind und was alles bereinigt werden müsste, um dieses Thema überhaupt angehen zu können. Dann würde man jenen Philosophen gleichen - und es gibt derer gar nicht so wenige - die nur über die Voraussetzungen eines Themas sprechen, ohne je ein Wort zum Thema selbst zu sagen, wie Musiker die kein Konzert zustande bringen, sondern nur ewig ihre Instrumente stimmen.

Wir wollen aber wenigstens die letztgenannte Schwierigkeit zu lösen versuchen, nämlich die Frage der Kompetenz des Philosophen, über Politik zu sprechen. Kurz und bündig, ich bin der Meinung, dass nicht ausschließlich der Tischler das Recht hat, über einen Tisch zu sprcchen, dass zumindest auch derjenige ein Recht auf Kritik hat, der diesen Tisch in seiner Wohnung benutzen wird. Schließlich dringt die Politik bis in unsere Heime vor, und oft kommt sie uns auch ein wenig zu nahe - so dass wir aufgrund dessen vielleicht auch das Recht haben, etwas über diese Politik zu sagen. Letzten Endes muss nicht jedes Wort, das über Politik ausgesprochen wird, politisch sein, wie auch nicht jeder politische Ausspruch nur der Politik gilt. In diesem Sinne wäre es mehr als absurd, vor dem unablässigen Druck jener Politiker zu kapitulieren, die sich in alles und jedes einmischen, die über alles ein gültiges Urteil abgeben und zugleich „ihr“ Gebiet als ein nur ihnen vorbehaltenes, unantastbares Tabu beanspruchen.

Wir wollen also versuchen, möglichst wenig über politische Aspekte von ausschließlich politischen (und das bedeutet nach Marx zugleich entfremdeten, ideologischen) Standpunkten zu sprechen, um bis zu den Wurzeln, bis zum Kern einiger essentiell neuer Erscheinungen und Tendenzen vorzudringen, die sich in jüngster Zeit im Sozialismus gezeigt haben. Ich möchte mit einem ganz konkreten Vergleich beginnen, der vielleicht auf den ersten Blick nicht mit unserem Thema in Verbindung zu bringen ist, der Sie aber hoffentlich von der Angst befreien wird, dass ich als Philosoph allzu abstrakt sprechen würde.

Genosse Bacilek - tschechoslowakischer Minister für nationale Sicherheit im Nowotni-Regime - antwortete einmal als er als freier Bürger vor der Okkupation in der Tschechoslowakei lebte, auf die Frage der Journalisten nach seinem Anteil an früher stattgefundenen Exekutionen vieler unschuldiger Menschen Folgendes:

„Ich vertrat die These, dass ein Parteibeschluss das höchste Gesetz ist. Auf der Landeskonfercnz im Jahre 1952 habe ich gesagt, dass über die Frage, wer schuldig ist und wer nicht, die Partei entscheiden soll. Auf diese Weise kleidete ich den wirklichen Stand der Dinge nur in entsprechende Worte . . . . . . . Ich hätte diesen Berg von Verantwortung nicht allein tragen können, diese Kraft besitze ich nicht. Übrigens, warum sollte ich alle Sünden dieser Welt auf mich nehmen, jeder soll selbst die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hat. Von Gottwald wird gesagt, er sei unter Druck gesetzt worden. Habe denn ich nicht unter Druck gehandelt? Habe denn ich als Minister für Sicherheit nicht unter noch größerem Druck gestanden . . . . . . . . . Übrigens habe ich nur der Partei gehorcht.“

Adolf Eichmann sagte in Jerusalem am 22. April 1961 vor Gericht Folgendes aus: „Während meines ganzen Lebens war ich an Gehorsam gewöhnt, von der frühesten Kindheit bis zum 8. Mai 1945; an einen Gehorsam, der sich während meiner Jahre bei der SS zu einem tödlichen, bedingungslosen Gehorsam gesteigert hat . . . . . . . Ich habe in jeder Hinsicht und bis zum Ende immer nur der Partei gehorcht.“

Diese beiden Zitate führe ich an, ohne Rücksicht auf die andersartigen Verhältnisse, auf den Grad der Verantwortung und auf die Schwere des Verbrechens dieser beiden Menschen, weil eigentlich beide Äußerungen von ein und demselben Standpunkt aus gemacht wurden, den man vielleicht folgendermaßen formulieren könnte: Meine eventuelle Verantwortung liegt nur in meinem besonderen, individuellen Anteil an den Verbrechen, in dem, was ich aus eigenem Antrieb getan habe, und nicht in dem, was ich unter Druck getan habe oder als gehorsames Mitglied einer Organisation, eines Apparates, einer Maschinerie, die zwar Persönlichkeiten zermalmt und massakriert hat, die aber eigentlich auch mich zermalmte. Dabei drängt sich aber sofort eine ganz einfache Frage auf: wer bildet denn diese Maschinerie, etwa nur ein einziger Mensch, der an der Spitze steht, oder ist sie als Produkt irgendwelcher unerklärlicher und nicht zu erkennender Umstände einfach gegeben, so dass wir alle, wie es Bacilek ausgedrückt hat, nur diesen wirklichen Stand der Dinge ausdrücken? Oder aber wird dieser Apparat von jenen unpersönlichen Leuten ermöglicht, gebildet und gefestigt, die nur das widerspiegeln, was diese Nullen, die selbst nichts darstellen, die aber in der Masse plötzlich den Mechanismus einer erschreckend machtvollen, hierarchisch fixierten Organisation, einer absoluten Macht, einer höchsten Autorität für alle Entscheidungen bilden und entwickeln. Ein guter Vater, ein zärtlicher Gatte, ein Mensch, der von sich aus keiner Fliege etwas zuleide tun würde, wird über Nacht - als Mitglied einer Organisation - zu einem Roboter, der kaltblütig, ohne das geringste Schuldgefühl unzählige Menschen in den Tod schickt. Ist andererseits ein Verbrecher als gehorsames Mitglied einer Gangsterbande weniger verbrecherisch? Ist die Gefahr für die Gesellschaft geringer, wenn es sich um organisierten Terror handelt als bei individuell-kriminellen Handlungen Einzelner? Ich glaube, dass gerade in der Tatsache, dass man sich auch noch in unserem Jahrhundert als Persönlichkeit (Bacilek gibt zu, keine Persönlichkeit zu sein, es geht ihm die Kraft dafür ab) nur in sehr geringem Ausmaß dieser Walze, dieser Organisation widersetzt, diesen heiligen Befehlen von oben, an denen man nicht zweifeln darf und die einem deshalb angeblich die Verantwortung abnehmen - dass gerade darin die Wurzeln eines monströsen, allgemeinen, organisierten und institutionalisierten Verbrechens zu suchen sind. Die Gefahren, die aus der Geisteshaltung eines Kadavergehorsams hervorgehen, sind, wie ersichtlich ist, nicht mit dem Sieg über dem Faschismus ausgerottet. Für einen wirklichen, humanistischen Sozialismus kämpfen - für dessen Verwirklichung es meiner Meinung nach gerade in der Tschechoslowakei einige grundlegende Voraussetzungen gegeben hat, und es gibt, im Prinzip selbstverständlich, auch bei uns Chancen für eine solche progressive Entwicklung - dafür d. h. für neue Tendenzen im Sozialismus kämpfen, bedeutet meiner Meinung nach zugleich gegen diese Atmosphäre des blinden Gehorsams, gegen diese persönliche Unverantwortlichkeit kämpfen, wenn man als Gruppe oder nach Direktiven einer Verfehlung schuldig wurde, das bedeutet für die volle Verantwortlichkeit und die Wiederherstellung der Individualität kämpfen, das bedeutet solche Lebensbedingungen schaffen, in denen es dem Menschen möglich wäre als autonome und nicht heteronome Persönlichkeit seine Taten in dem Bewusstsein der eigenen, menschlichen Entscheidungsfreiheit zu vollbringen.

Daraus ergibt sich, dass niemand anderem die Verantwortung für diese meine Worte aufgebürdet werden kann, am wenigsten meinem Land oder ihren politischen Führern, noch den jugoslawischen oder kroatischen Philosophen, ja nicht einmal meinen intimsten Freunden um die Zeitschrift Praxis, sondern einzig und allein mir selbst. Das muss - nebenbei gesagt - leider ausdrücklich betont werden, obwohl es klar ist, dass die Verantwortung für meine Worte nicht meine Tante tragen kann. Das muss betont werden, weil es – wie Ihnen bekannt sein dürfte, möglich geworden ist, alles als Konterrevolution abzustempeln, die in einer auf Panzer gestützten Revolution erstickt werden soll. Falls meine Äußerungen also konterrevolutionär sein sollten, und wenn das, was die Russen praktizieren, eine Revolution ist, dann bin ich in der Tat ein Konterrevolutionär - dann sollte man nur mich zum Schweigen bringen und niemand anderen.

Aber wir wollen zum Thema Tschechoslowakei zurückkehren: denn, wenn man von neuen Tendenzen im Sozialismus spricht, kann dieses Thema nicht umgangen werden. Oft wird die Tschechoslowakei in bester Absicht mit den Argumenten verteidigt, dass sie ein kleines Land sei, dass ihre Streitkräfte im Vergleich zu den Großmächten unbedeutend seien, dass sie nie jemanden bedroht habe, und warum haben sie dann also - auf diese Weise wird meistens die moralische Verurteilung formuliert - die fünf Mächte (fünf unmoralische, böse, verdorbene Mächte) angegriffen; denn schließlich habe die Tschechoslowakei doch keine größere strategische Bedeutung, sie sei doch unschuldig, sie hätte in Frieden leben und ihre eigenen Probleme ohne jede fremde Einmischung lösen können, sie hätte ihren eigenen Weg gefunden, der letztlich zu demselben Ziel führt, das sich auch die fünf Besatzungsmächte gesetzt haben. Im Gegensatz zu dieser scheinbar gerechtfertigten moralischen Verurteilung würde ich sagen, dass im Wesentlichen, in den Grundlagen diese These unwahr, ja sogar scheinheilig ist. Es ist nämlich nicht wahr - wenn es auch so manchem paradox erscheinen mag - dass die Tschechoslowakei, obwohl ein kleines Land, niemanden bedroht hat. Durch ihren ganzen Aufbau, durch ihre ganze Ausrichtung, durch die in der Tat wirklich sozialistischen and humanen Kräfte, die jahrelang verschüttet waren, nun aber zu neuem Leben erwachten, dadurch, dass sie so plausibel und eigentlich zum ersten Mal eben durch ihr Beispiel zu beweisen begannen, dass eine Ehe zwischen Sozialismus und Demokratie keine Mesalliance ist, sondern dass sie sich entwickeln kann, ohne einem der Ehepartner irgendeinen Schaden zuzufügen, dadurch hat die Tschechoslowakei wirklich jene Länder oder besser gesagt die Führer jener Länder bedroht, die den Sozialismus sowohl sich selbst als auch dem eigenen Volke als ein unablässiges, hartnäckiges Bescheiden aller schöpferischen Kräfte des Volkes und des einzelnen darstellen, als eine graue Eintönigkeit der Herrschaft bürokratischer Alleswisser, als ein System, in dem die Polizei zu entscheiden hat, was ideologisch oder philosophisch richtig oder literarisch wertvoll ist, als eine Kaserne und ein ewiges Sklaventum, als eine Selbstkasteiung in der Gegenwart für eine angeblich bessere, leuchtendere und freiere Zukunft.

Die Besatzungsmächte wiederholen unermüdlich im Chor: die Konterrevolution in der Tschechoslowakei habe die Revolution in Gefahr gebracht. In Wirklichkeit ist gerade das Gegenteil der Fall. Die wahre, permanente, humane Revolution hat die bürokratische Konterrevolution bedroht, die schon seit Jahren in den Ländern des sogenannten Ostblocks ihr Zepter hochhält. Denn vieles, was sich dort im Namen der Revolution, des Sozialismus und auch in Marx' Namen ereignet, ist meilenweit nicht nur von Marx, dem Sozialismus oder irgendeiner Revolution entfernt, sondern auch von allen bedeutenderen vormarxschen Ideen, den demokratischen vorsozialistischen Gesellschaftsformen oder bedeutenderen revolutionären Bewegungen im Laufe der Geschichte. Das ist ein Stagnieren in hierarchisch eingefrorenen und versteinerten, fast feudalen Herrschaftsformen einer bürokratischen Kaste, die sich mit Hilfe typisch konterrevolutionärer Mittel verteidigt und am Leben erhält: durch Polizeiterror, Lügen, ständige Verbote jedes etwas kühneren und freieren Wortes, durch internationale militärische Interventionen a la „Heilige Allianz“, dadurch, dass dem eigenen Volk Scheuklappen angelegt werden.

Dass sich durch das tschechoslowakische Beispiel wirklich jemand bedroht fühlte, zeigt die militärische Intervention am deutlichsten. Die Niederlage der Tschechoslowakei ist eigentlich der beste Beweis für den siegreichen Vormarsch der Ideen, die sie inauguriert hat. Hätte die russische Regierung sonst riskiert, sich wegen eines kleinen Landes derart vor der ganzen Welt zu kompromittieren, wenn sie nicht genau gefühlt hatte, dass das tschechoslowakische Beispiel in einer Reihe von Ostblockstaaten Schule machen könnte und vielleicht auch - für den Augenblick zumindest unter den Intellektuellen - sogar im eigenen Hause. Die panische Angst vor dem Neuen führte folgerichtig zu Panzern als dem einzigen Argument gegen einen humanen demokratischen Sozialismus.

Zugleich darf man aber auch nicht vergessen, dass der Prozess in der Tschechoslowakei auch den anderen, den rechtsorientierten Bewegungen in der Welt nicht sehr willkommen sein konnte. Denn die Tschechoslowakei wurde zu einem immer deutlicheren Beispiel nicht nur der Demokratisierung, sondern auch dafür, dass diese Demokratisierung mit einem wirklichen Sozialismus gekoppelt sein kann. So wurde die oft gebrauchte und missbrauchte Vorstellung der konservativen Kräfte, der Sozialismus wäre dem Totalitarismus, dem Terror, der Vernichtung alles Individuellen gleichzusetzen, und der Marxismus wäre die Ideologische Apologie eines unmenschlichen Zustandes, diese Vorstellung, die jeder drittklassige Journalist hätte widerlegen und dem Spott preisgeben können, wurde durch das tschechoslowakische Experiment zumindest sehr stark ins Wanken gebracht. Dadurch wurde es so gut wie unmöglich, den dogmatisch-stalinistischen und den schöpferisch-humanen Marxismus in einen Topf zu werfen. Es wurde plausibel, dass hier nicht mehr einige unwesentliche Unterschiede am Werk sind, sondern diametral entgegengesetzte Standpunkte, ebenso wie der tschechoslowakische Versuch nicht bloß eine liberalere oder gar gemilderte Variante des moskauer Konzepts war, sondern ein radikaler Bruch mit einer Praxis, die sogar die Idee des Sozialismus veruntreut und ihr so schwer geschadet hat. Gegen einen solchen Bruch, der sogar ohne Waffengebrauch und zwar innerhalb des sozialistischen Lagers durchgesetzt wurde, gegen dieses neue menschliche Engagement anzukämpfen, das ganz neue Horizonte erschloss, intellektuelle Kräfte wachrüttelte, die Massen befreite, den Mythos von der Unmöglichkeit, in die politische Wirklichkeit einzugreifen, zerstörte, einen wirklich demokratischen Dialog einführte, und alles das im Namen einer sozialistischen Perspektive verwirklichte - gegen all das war von rechtsradikalen Positionen nicht mehr so leicht anzukämpfen. Die urreaktionären Kräfte in der Welt - man braucht nur an von Tadden zu erinnern - begrüßen deshalb die Okkupation der Tschechoslowakei. Aber auch andere, diejenigen von der sogenannten gemäßigten Rechten lachen sich zufrieden ins Fäustchen, nur weniger sichtbar, mehr für sich, um sich nicht allzusehr zu kompromittieren. Und zwar nicht nur deshalb - wie oft von einer politischen Plattform über diese politische Situation gedacht wird - weil dadurch die militärische Neubelebung einer imperialistischen, militaristischen und revanchistischen Ambition, auf die schon seit geraumer Zeit viele Generäle in und ohne Uniform gewartet haben, ermöglicht wäre, sondern vor allem deswegen, weil dadurch ein gefährlicher Herd verschüttet ist, etwas, was eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben begonnen hatte, was ein Leben in Freiheit, und zwar der Freiheit im Sozialismus zu leben begonnen hat. Es ist deshalb charakteristisch, dass sich viele konservativen Kräfte sehr bald damit abgefunden haben, dass die Tschechoslowakei zur Interessensphäre der UdSSR gehört und dass man sich in ihre häuslichen, familiären Angelegenheiten besser nicht einmischen soll. Man brauchte sich nur anzuschauen, wie bei dem neulich stattgefundenen Philosophenkongress in Wien die konservativsten Philosophenkreise sehr schnell mit der zahlreichen sowjetischen Delegation von Klugrednern übereinkam, dass man die Frage der Tschechoslowakei besser überhaupt nicht behandeln sollte, weil das - so die einen und die anderen - angeblich eine Politisierung der Philosophie bedeuten würde. So zeigte es sich, dass die Tschechoslowakei allen ein Dorn im Auge war, obwohl sie von einigen zu eigenen propagandistischen Zwecken mit scheinbar gegensätzlichen Vorzeichen benutzt worden war. Das taten sowohl die links- als auch die rechtsorientierten Mächtigen der Weltpolitik, indem sie immer wieder auf ihre „prinzipiellen“ Standpunkte hinwiesen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass sich die Macht dieser Mächtigen nicht auf wesentlich verschiedenen geistigen und gesellschaftswirklichen Strukturen gründet, und dass im Grunde genommen, wenn es sich beispielsweise um einen Durchbruch zu etwas wirklich Neuem handelt, ihre Ähnlichkeiten größer sind als ihre Unterschiede.

Das sind jedoch alles äußere, erscheinungsmäßige Manifestationenceines tieferliegenden Prozesses, der im Schoße unserer weltgeschichtlichen Situation im Entstehen begriffen ist und der durch einige völlig neue, bislang unbekannte Durchbrüche charakterisiert wird, die allmählich aber hartnäckig ins Bewusstsein und die reale Wirklichkeit des heutigen Europäers eindringen.

Wenn man nämlich über neue Tendenzen im Sozialismus spricht, muss betont werden, dass sie im Schoß der ganzen Welt erscheinen und nicht nur in sozialistischen oder sogenannten sozialistischen Ländern. Diese neuen Tendenzen charakterisieren einen allgemeinen Entwicklungsstand der bewussten Aktion, die nicht mehr von der Meinung beherrscht wird, der Sozialismus wäre nur ein Provisorium, ein Übergangsstadium der Gesellschaft, eine Etappe, die uns auf einem dornenbesäten aber sicheren Weg in das Land des Wohlstandes, in den konfliktfreien Kommunismus führte. Es ist nämlich klar geworden, dass es das gelobte Land nicht gibt, dass es das Reich des Humanismus auch nicht geben wird, wenn wir untätig darauf warten und wenn wir nicht heute schon, hier, durch unser humanes Wirken dieses Reich verwirklichen. Der ganze menschliche Gehalt dessen, „wie“ und „warum“ wir heute wirken, ist für den Gehalt und den Sinn der Zukunft wesentlich und konstitutiv. Von nirgendwoher wird uns diese Zukunft geschenkt werden, niemand wird sie verwirklichen können, wenn wir nicht heute schon für sie am Werk sind und [Wort unlesbar im Originaltext] die Verantwortung für das Morgen nicht wir selbst übernehmen. Die Freiheit von morgen kann also nicht heute mit Hilfe von Polizeimethoden gesichert werden, durch das jetzige Umwandeln von Menschen in Maschinen können nicht die autonomen Persönlichkeiten von morgen herangebildet werden, durch die Vermehrung von Kasernen in der ganzen Welt kann nicht die volle, durch nichts eingeengte Entwicklung der Gesellschaft gesichert werden. Diese Legende von dem Morgen, um dessenwillen wir heute alle Mühsale ertragen müssen, ist zerstört. Im Bewusstsein des Menschen dringt - nach den bitteren Erfahrungen, wie sogenannte humane Programme in Taten umgesetzt werden - immer mehr die Überzeugung durch, dass die Mittel nicht anders sind als das Ziel und dass wir eben eine solche Zukunft haben werden, wie wir sie jetzt schon bauen. Demgemäß ist meiner Meinung nach die Vorstellung. Dass beispielsweise sowohl die fünf Länder als auch die Tschechoslowakei das gleiche Ziel angestrebt hätten, falsch. Ein dogmatisches Konzept vom Sozialismus führt zwangsläufig zu einem ebensolchen Konzept vom Kommunismus (oder vielleicht sogar zu einem noch schlimmeren, das heißt zu einer vollkommeneren, besser organisierten, bürokratisch verfeinerten Gleichschaltung). Die humane demokratisch-schöpferische Auffassung des Sozialismus hingegen führt zu einer gleichen oder noch demokratischeren neuen Gesellschaft.

 

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Wir wollen aber auf den Boden der Wirklichkeit zurückkehren, der Wirklichkeit in unserem Lande, sowie zu dem Drama, das sich in der Tschechoslowakei abspielt und das vielleicht das größte Drama in der Geschichte des Sozialismus ist. Das jugoslawische Beispiel aus dem Jahre 1948 hat ein Programm eingeleitet, das heute im Prinzip - ich sage im Prinzip, weil ich mich meinem eigenen Lande gegenüber nicht unkritisch verhalten möchte - als ein neuer Sozialismus im Rahmen der Selbstverwaltung durchgeführt wird. Dieses Programm enthält in seinen Fundamenten, ohne Rücksicht auf alle Schwankungen, auf momentane Rückschläge und Hemmnisse, auch die ideelle Vision und die wirkliche Realität des humanen, freien, schöpferischen Sozialismus. Zweifellos sind bei uns - ich und meine Freunde aus der Zeitschrift Praxis haben nicht den mindesten Grund das irgendwie beschönigen zu wollen - große Fehler aufgrund der Kurzsichtigkeit bestimmter Menschen gemacht worden, so dass der Kampf gegen den Dogmatismus in bestimmten Abschnitten unserer alltäglichen politischen oder politisch sein sollenden Praxis sogar mit dem Namen „Obsession“ belegt wurde. Versuche der Kritik wurden häufig auch bei uns in mehr oder weniger offiziellen Presseorganen als „militanter Antikommunismus“ gebrandmarkt, und man konnte in Zeitungen nachlesen, dass „die Erfahrungen der Arbeiterbewegung “ zeigen würde, „dass die Kritik am Stalinismus zur Desorientierung, zur Einbuße der Perspektive und zum Verlust des Glaubens an den Sozialismus“ führen könne, ja dass sie sogar in den „professionellen Antikommunismus“ führe. Es wäre sinnlos - da man in die Zukunft blicken muss und nicht ständig und ununterbrochen in die Vergangenheit, sich in eine Polemik mit diesen absurden Stellungnahmen einzulassen, weil es klar ist, dass internationale (und im Falle Ranković auch unsere eigene) Erfahrungen bewiesen haben, dass gerade das Gegenteil der Fall ist: dass die Aussöhnung mit den Konzeptionen des Stalinismus und nicht eine genügend klare und scharfe Kritik am Stalinismus - der gar kein Phantom und keine Obsession ist, sondern noch immer tiefe Wurzeln hat - zur völligen „Desorientierung“, zur Kompromittierung des Sozialismus und dadurch selbstverständlich auch zum „Antikommunismus“ führen. Denn eine bessere Antipropaganda gegen den Kommunismus als es in den letzten Monaten beispielsweise die Russen gemacht haben, kann man sich überhaupt nicht denken. Aber alle diese unseren - um sie so zu benennen - Abweichungen, das Unverständnis und die Missstimmigkeiten - die zum Beispiel auch bei einer bestimmten Anzahl von Politikern als Unverständnis für die grundlegenden progressiven Intentionen der Studentenbewegung bei uns zum Ausdruck kamen – die uns aber nicht verwundern sollen, weil es sich um ein Land handelt, in dem die Einstimmigkeit immer weniger als Haupttugend angesehen wird - ich wiederhole, all das ist vielleicht nicht wesentlich für die wirkliche Dimension eines positiven Prozesses, der seit 1948 (und eigentlich schon während des revolutionären Befreiungskampfes) am Werk ist und der zweifelsohne durch seine ausgesprochen fortschrittlichen Intentionen historische Bedeutung für den Sozialismus im allgemeinen hat. Es ist fraglich - diese Frage wird man vielleicht erst später aus einem größeren historischen Abstand beurteilen können, ob und in welchem Maße es zu den Ereignissen in Ungarn und dann auch in der Tschechoslowakei gekommen wäre, wenn Jugoslawien - durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände nicht ein Beispiel gegeben hätte, dass die bei uns in mehr oder minderem Maße genutzte Möglichkeit besteht - den Sozialismus ohne jegliches Patronat von außen zu entwickeln. Es gibt keine Zweifel, dass Jugoslawien in dieser Hinsicht eine Pionierrolle gespielt hat: die Tschechoslowakei hatte bestimmt - ohne Rücksicht darauf, dass dort die innere, humane Revolution vielleicht mehr als bei uns an eine bestimmte Bewegung von Intellektuellen, Schriftstellern, Philosophen und Studenten gebunden war und deshalb andere Formen angenommen hat - die Tschechoslowakei hatte, bewusst oder unbewusst, diese Möglichkeit, die das jugoslawische Experiment inauguriert hat, als eine Möglichkeit vor Augen gehabt. Es ist eine andere Frage, ob und in welchem Maße in diesem Fall der Schüler den Lehrer übertroffen hat, es ist eine andere Frage, zu welchen Ergebnissen die Prozesse in der Tschechoslowakei geführt hätten, und ob nicht vielleicht die Tatsache, dass sie gleich zu Beginn so grob vereitelt wurden, unsere Begeisterung und unsere optimistische Beurteilung beflügelt haben. Man muss trotz allem zugeben, dass der allgemeine Rahmen, der 1948 in Jugoslawien gesteckt wurde, auf eine bestimmte Weise den äußeren Umstand bildete, jenen realen Raum, in den der Sozialismus gestellt wurde, der wirklich etwas Neues wollte, etwas wesentlich Anderes als das, was man jahrzehntelang unter diesem Begriff verstand. Das ist ein positiver Einfluss, ein positives „Einmischen“ in die Angelegenheiten anderer Länder.

Wenn wir schon bei diesem Begriff sind, möchte ich nebenbei erwähnen, dass ich die in der alltäglich-politischen Praxis so oft gebrauchten Worte von der Schädlichkeit der Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Landes, eigentlich, im Wesentlichen, im Prinzip - obwohl das somanche schockierend finden werden – für unrichtig, verfehlt und nichtmarxistisch halte. Dieses Motto der alltäglichen politischen Praxis, von dem man in der letzten Zeit so oft liest, kann zwar als allgemein anerkannte Norm bei internationalen Geschehen dienen, und zwar für eine bestimmte innere Sicherstellung der eigenen progressiven Entwicklung, für das Nichtaufzwängen fremder Konzeptionen, und könnte in diesem Sinne vielleicht auch einige positive und reale Korrelate haben. Es kann aber auch - und das hat es in diesem Sinne bereits getan - einer im Wesentlichen reaktionären Praxis dienen, dass man nämlich im eigenen Hause, in der eigenen lnteressensphäre alles machen kann, dass die Aufrechterhaltung eines nichthumanen Zustandes erlaubt ist, wobei niemand das Recht hat, sich einzumischen. Haben wir beispielsweise kein Recht, uns in die „inneren Angelegenheiten“ von Rhodesien, Biafra, der südafrikanischen Union und jetzt auch der Tschechoslowakei einzumischen? Ich bin der Meinung, dass der Sozialismus und auch der philosophische Marxismus im Prinzip berufen sind, sich in die sogenannten fremden Angelegenheiten „einzumischen“, dass sie sich ohne jegliche Doppelzüngigkeit und unaufrichtige Bescheidenheit aktiv für ein wirkliches Initiieren humaner und revolutionärer Bewegungen einsetzen sollten, dass sie jene furchtbaren Methoden der Unterdrückung der menschlichen Würde, die sich in der Welt unter dem Deckmäntelchen und im Namen des Sozialismus ereignen, enthüllen sollten, aber auch jenes nichthumane, technifizierte und standardisierte Entwicklungsschema im Westen, das so oft ein Manipulieren der Menschen, ja auch ganzer Völker gestattet.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Gären im Westen gar nicht so grundlegend von den neuen Tendenzen im Osten, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Welt ist einheitlicher geworden, als sie es je war. Die Studentenbewegungen haben zwar nicht - was übrigens zum Teil der zu kurzen Dauer des tschechoslowakischen Experiments zuzuschreiben ist - die Namen Dubceks oder vielleicht mit noch mehr Berechtigung die von Cisar und Sik auf ihre Standarten geschrieben, sondern manchmal diejenigen von Che Guevara oder sogar Mao. Das heißt aber nicht, dass sie objektiv nicht auf dem Plan des nichtinstitutionalisierten, freien Sozialismus, ja auch des Sozialismus der Selbstverwaltung gewirkt haben, eines Sozialismus, der es nicht gestatten wird, dass die Menschen zu Marionetten und Schachfiguren höherer Mächte werden, ob sie nun Gott oder Partei genannt werden. Ist denn nicht die ganze Tschechoslowakei zur außerparlamentarischen Opposition geworden, zum Teil schon früher (man muss sich nur an die hervorragenden Thesen aus den „Zweitausend Worten“ erinnern), ganz besonders aber nach der Okkupation? Zu einer Opposition, die ohne Organisation, ohne Parlamentsbeschlüsse Namensschilder in den Straßen entfernt und Parolen von der - SR malt, die die Okkupanten allgemeinem Spott aussetzt, die Menschen vor Verhaftungen versteckt?

Obwohl es tief-tragisch ist - hat das tschechoslowakische Beispiel auch seine hellen Seiten. Es kann nicht mehr aus der Geschichte fortgeleugnet werden. Eduard Goldstücker, der Vorsitzende des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, hat unmittelbar vor der Okkupation der Tschechoslowakei gesagt: „Selbst wenn uns ein Erdbeben verschlänge, würde unser Experiment für die ganze demokratische Linke seine Bedeutung behalten.“ Das Erdbeben hat in der Tat stattgefunden. Und dennoch, es gibt keine Macht, die das Geschehene ungeschehen machen könnte, nicht einmal die Allmacht. Im Vergleich mit dieser anscheinend so bescheidenen, aber dennoch so großen Erfahrung des Prager Frühlings, bilden die Panzer eine furchtbare, lärmende, unmenschliche, vielleicht auch langanhaltende, aber für den Kern der historischen Bewegung doch unwesentliche Episode. Die humane Idee ist stärker als jede Waffe, sie muss früher oder später auch in denjenigen eindringen, der heute noch die Waffe auf den Menschen gerichtet hält. Vielleicht werden wir noch lange darauf warten müssen, aber der Mensch, der letzten Endes auch der Schöpfer der Waffen ist, muss die Maschine besiegen.

Hoffnung brauchen wir jetzt mehr denn je. Gerade diese Unentbehrlichkeit nimmt der Hoffnung den abstrakten illusionistischen Charakter und verwandelt sie in eine realere Wirklichkeit als es dieser ganze sogenannte reale, furchtbare, tote, kafkasche Alltag ist.

 


Zuletzt aktualisiert am 17.10.2012