Rudolf Hilferding

Das Finanzkapital


Vorwort


In den folgenden Blättern soll der Versuch gemacht werden, die ökonomischen Erscheinungen der jüngsten kapitalistischen Entwicklung wissenschaftlich zu begreifen. Das heißt aber, diese Erscheinungen in das theoretische System der klassischen Nationalökonomie einzureihen versuchen, die mit W. Petty beginnt und in Marx ihren höchsten Ausdruck findet. Das Charakteristische des „modernen“ Kapitalismus bilden aber jene Konzentrationsvorgänge, die einerseits in der „Aufhebung der freien Konkurrenz“ durch die Bildung von Kartellen und Trusts, anderseits in einer immer innigeren Beziehung zwischen Bankkapital und industriellem Kapital erscheinen. Durch diese Beziehung nimmt das Kapital, wie später näher dargelegt wird, die Form des Finanzkapitals an, die seine höchste und abstrakteste Erscheinungsform bildet.

Der mystische Schein, der das Kapitalverhältnis überhaupt umgibt, wird hier am undurchdringlichsten. Die eigentümliche Bewegung des Finanzkapitals, die selbständig erscheint, obwohl sie reflektiert ist, die mannigfachen Formen, in denen sich die Bewegung vollzieht, die Loslösung und Verselbständigung dieser Bewegung gegenüber der Bewegung des industriellen und kommerziellen Kapitals sind Vorgänge, die eine Analyse um so eher verlangen, als das rasche Wachstum und der immer mächtigere Einfluß, den das Finanzkapital in der jetzigen Phase des Kapitalismus ausübt, das Verständnis der gegenwärtigen Wirtschaftstendenzen, damit aber auch jede wissenschaftliche Ökonomie und Politik ohne Kenntnis der Gesetze und der Funktion des Finanzkapitals unmöglich macht.

Die theoretische Analyse dieser Vorgänge mußte so zur Frage nach dem Zusammenhange dieser Erscheinungen führen und damit zu einer Analyse des Bankkapitals und seines Verhältnisses zu den anderen Kapitalformen. Es mußte untersucht werden, ob den juristischen Formen, in denen das industrielle Unternehmen gegründet wird, spezifische ökonomische Bedeutung zukommt, was also die ökonomische Theorie der Aktiengesellschaft etwa auszusagen habe. In den Beziehungen aber zwischen Bankkapital und Industriekapital konnte nur die Vollendung der Beziehungen erblickt werden, die in den elementareren Formen des Geldkapitals und des produktiven Kapitals zu finden waren. So warf sich die Frage nach der Rolle und dem Wesen des Kredits auf, die ihrerseits nur beantwortet werden konnte, wenn die Rolle des Geldes klargelegt wurde. Dies war um so wichtiger, als seit der Formulierung der Marxschen Geldtheorie eine Reihe wichtiger Probleme durch die Gestaltungen vor allem des Geldwesens in Holland, Österreich und Indien aufgeworfen worden waren, auf die die bisherige Geldtheorie keine Antwort zu finden schien, ein Umstand, der Knapp, der das Problematische der modernen Gelderscheinungen scharfsinnig erkannte, zu seinem Versuche verleitete, jede ökonomische Erklärung beiseite zu schieben und an deren Stelle eine juristische Terminologie zu setzen, die zwar keine Erklärung, also kein wissenschaftliches Begreifen, aber doch wenigstens die Möglichkeit einer vorurteilslosen, unpräjudizierlichen Beschreibung zu bieten schien. Die eingehendere Behandlung dieser Geldprobleme war aber um so nötiger, als nur durch sie der empirische Beweis für die Richtigkeit einer Werttheorie geliefert werden kann, die die Grundlage jedes ökonomischen Systems bieten muß, und zugleich erst aus der richtigen Analyse des Geldes die Rolle des Kredits, damit aber die elementaren Formen der Beziehungen zwischen Bank- und Industriekapital erkannt werden konnten.

So ergab sich die Gliederung dieser Studie von selbst. Der Analyse des Geldes folgt die Untersuchung des Kredits. Daran schließt die Theorie der Aktiengesellschaft und die Analyse der Stellung, die das Bankkapital hier gegenüber dem industriellen Kapital einnimmt. Dies führt zur Untersuchung der Effektenbörse als des „Kapitalmarktes“, während die Warenbörse wegen der in ihr sich verkörpernden Beziehungen von Geldkapital und Handelskapital einer besonderen Betrachtung unterworfen werden mußte. Mit dem Fortschreiten der industriellen Konzentration verflechten sich die Beziehungen zwischen Bank- und Industriekapital immer mehr und machen das Studium dieser Konzentrationserscheinungen, wie sie in den Kartellen und Trusts gipfeln, und das ihrer Entwicklungstendenzen nötig. Die Erwartungen, die an die Ausbildung der monopolistischen Vereinigungen für die „Regelung der Produktion“ und damit für die Fortdauer des kapitalistischen Systems geknüpft werden und denen namentlich für die periodischen Handelskrisen große Bedeutung beigelegt wurde, erheischten eine Analyse der Krisen und ihrer Ursachen, womit der theoretische Teil beschlossen war. Da aber die Entwicklung, die theoretisch zu erfassen versucht wurde, zugleich bedeutende Einwirkungen auf die Klassengliederung der Gesellschaft ausübt, so erschien es angezeigt, in einem letzten Abschnitt den hauptsächlichen Einflüssen auf die Politik der großen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft nachzugehen.

Es ist dem Marxismus oft vorgeworfen worden, daß er die Fortbildung der ökonomischen Theorie vernachlässigt habe, und dieser Vorwurf entbehrt in einem gewissen Umfang der objektiven Berechtigung sicherlich nicht. Aber ebenso wird zugestanden werden müssen, daß dieses Versäumnis nur allzu erklärlich ist. Nationalökonomische Theorie gehört infolge der unendlichen Kompliziertheit der zu untersuchenden Erscheinungen sicher zu den schwierigsten wissenschaftlichen Unternehmungen. Der Marxist ist aber in einer eigentümlichen Lage; ausgeschlossen von den Universitäten, die die nötige Zeit für wissenschaftliche Forschungen gewähren, ist er gezwungen, die wissenschaftliche Arbeit in die Mußestunden zu verlegen, die ihm die Kampfstunden der Politik lassen. Von Kämpfern aber zu verlangen, daß ihre Arbeit an dem Gebäude der Wissenschaft so rasch fortschreite wie die friedlicher Maurer, wäre unbillig, zeugte es nicht von dem Respekt vor ihrer Leistungsfähigkeit.

Die Behandlung der Wirtschaftspolitik bedarf vielleicht nach den zahlreichen methodologischen Kontroversen der jüngsten Zeit wenn nicht einer Rechtfertigung, so doch einer kurzen Erläuterung. Man hat gesagt, daß die Politik eine Normenlehre sei, die in letzter Inslanz bestimmt sei durch Wertungen; da solche Werturteile nicht Sache der Wissenschaft seien, so falle die Behandlung der Politik außerhalb des Rahmens wissenschaftlicher Betrachtung. Auf die erkenntnistheoretischen Erörterungen über das Verhältnis von Norm- und Gesetzeswissenschaft, von Teleologie und Kausalität hier einzugehen, ist natürlich unmöglich, und ich darf dies um so eher unterlassen, als Max Adler in dem ersten Bande der Marx-Studien ausführlich das Problem der Kausalität für die Sozialwissenschaft untersucht hat. Hier braucht bloß gesagt zu werden, daß auch die Betrachtung der Politik für den Marxismus nur die Aufdeckung von Kausalzusammenhängen zum Ziele haben kann. Die Erkenntnis der Gesetze der warenproduzierenden Gesellschaft zeigt zugleich die determinierenden Faktoren, die den Willen der Klassen dieser Gesellschaft bestimmen. Die Aufdeckung der Determination des Klassenwillens ist nach marxistischer Auffassung die Aufgabe wissenschaftlicher, das heißt aber Kausalzusammenhänge beschreibender Politik. Wie die Theorie, so bleibt auch die Politik des Marxismus frei von Werturteilen.

Es ist deshalb eine, wenn auch intra et extra muros weitverbreitete, so doch falsche Auffassung, Marxismus mit Sozialismus schlechthin zu identifizieren. Denn logisch, nur als wissenschaftliches System betrachtet, also abgesehen von seinen historischen Wirkungen, ist Marxismus nur eine Theorie der Bewegungsgesetze der Gesellschaft, die die marxistische Geschichtsauffassung allgemein formuliert, während sie die marxistische Ökonomie auf die Epoche der Warenproduktion anwendet. Die sozialistische Konsequenz ist Resultat der Tendenzen, die in der warenproduzierenden Gesellschaft sich durchsetzen. Aber die Einsicht in die Richtigkeit des Marxismus, die die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus einschließt, ist durchaus keine Abgabe von Werturteilen und ebensowenig eine Anweisung zu praktischem Verhalten. Denn etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes, sich in den Dienst dieser Notwendigkeit zu stellen. Es ist ganz gut möglich, daß jemand, von dem schließlichen Sieg des Sozialismus überzeugt, sich dennoch in den Dienst seiner Bekämpfung stellt. Die Einsicht in die Bewegungsgesetze der Gesellschaft, die der Marxismus gibt, gewährt aber stets eine Überlegenheit dem, der sie sich zu eigen macht, und von den Gegnern des Sozialismus sind sicher jene die gefährlichsten, die am meisten von der Frucht seiner Erkenntnis genossen.

Die Identifizierung von Marxismus und Sozialismus ist aber anderseits leicht zu begreifen. Die Erhaltung der Klassenherrschaft ist an die Bedingung geknüpft, daß die ihr Unterworfenen an ihre Notwendigkeit glauben. Die Erkenntnis ihrer Vergänglichkeit wird selbst eine Ursache ihrer Überwindung. Daher die unüberwindliche Abneigung der herrschenden Klasse, die Resultate des Marxismus anzuerkennen. Die Kompliziertheit des Systems erfordert zudem ein Studium, dessen Mühen sich nur unterzieht, wer nicht von vornherein von der Unfruchtbarkeit und Schädlichkeit der Resultate überzeugt ist. So bleibt der Marxismus, der logisch wissenschaftliche, objektive, von Werturteilen freie Wissenschaft ist, in seiner historischen Stellung notwendigerweise das Besitztum der Wortführer jener Klasse, deren Sieg er als Resultat seiner Untersuchung erhält. Nur in diesem Sinne ist er Wissenschaft des Proletariats und der bürgerlichen Ökonomie entgegengesetzt, während er den Anspruch jeder Wissenschaft auf die objektive Allgemeingültigkeit ihrer Ergebnisse unbeugsam festhält.

Die vorliegende Arbeit war in ihren Grundzügen schon vor vier Jahren im wesentlichen fertig. Äußere Umstände zögerten die Vollendung immer wieder hinaus. Ich möchte mir aber doch die Bemerkung erlauben, daß die das Geldproblem behandelnden Kapitel schon vor dem Erscheinen des Knappschen Werkes fertig waren und nur unwesentliche Änderungen und kritische Zusätze erfuhren. Dieses Kapitel wird auch am ehesten einige Schwierigkeiten machen, da in Geldsachen leider nicht nur die Gemütlichkeit, sondern auch das theoretische Verständnis allzu leicht auf zuhören pflegt, was übrigens schon Fullarton gewußt hat, wenn er melancholisch meint: „The truth is, this is a subject on which there never can be any efficient or immediate appeal to the public at large. It is a subject on which the progress of opinion always has been, and always must be, exceedingly slow.“ Und seitdem ist es sicher nicht besser geworden. Wir beeilen uns daher mit der Versicherung, daß nach Überwindung der ersten Erörterungen die weitere Untersuchung dem ungeduldigen Leser hoffentlich keine besonderen Klagen über Schwerverständlichkeit entlocken wird.

Berlin-Friedenau, Weihnachten 1909
 

 
Rudolf Hilferding


Zuletzt aktualisiert am 9. November 2015