MIA > Deutsch > Marxisten > Kautsky > Interessen
Das Ganze ist mehr als der Teil. So steht auch über dem Klasseninteresse das Gemeininteresse, das gesellschaftliche Interesse. Aber man darf sich nun nicht vorstellen, das gesellschaftliche sei von dem Klasseninteresse in der Weise unterschieden, dass das letztere die jeder besonderen Klasse eigentümlichen Interessen darstelle, das erstere dagegen die allen Klassen gemeinsamen Interessen, dass also alle Klassen einer bestimmten Gesellschaft ein gemeinsames gesellschaftliches Interesse hätten, so dass man nicht bloß von einem Gegensatz, sondern auch von einer Solidarität der Klassen reden könne.
Nichts irriger als das. Die allgemeinen gesellschaftlichen Interessen sind zu eng mit den besonderen Klasseninteressen verknüpft, als dass sie für jede Klasse dieselben sein könnten. Wir finden vielmehr, dass die Haltung der einzelnen Klassen ihnen gegenüber ebenso verschieden und gegensätzlich ist, wie die Interessen dieser Klassen selbst. Das tritt am schärfsten zu tage in dem gesellschaftlichen Ideal, das die weitersehenden Denker jeder Klasse aufstellen und das kein bloßes Gedankenspiel ist, sondern praktische Geltung erhält, indem es die Möglichkeit gibt, die mannigfaltigen gesellschaftlichen Bestrebungen der betreffenden Klasse zu einer einheitlichen, nach einer bestimmten Richtung strebenden Bewegung zusammenzufassen. Jede Klasse hat ihren besonderen Typus eines gesellschaftlichen Ideals, der trotz aller lokalen und zeitlichen Verschiebungen sich immer wieder durchsetzt; und wie die mannigfachen Klassen der heutigen Gesellschaft sich im Grunde auf drei große Klassen reduzieren lassen, von denen die anderen nur Zwischen- und Nebenglieder bilden, so lässt sich auch die Fülle der heutigen gesellschaftlichen Ideale auf drei große Typen reduzieren: den feudalen oder reaktionären, den liberalen oder tatsächlich konservativen und den sozialistischen oder tatsächlich fortschrittlichen. Diese Ideale sind einander ebenso feindlich und miteinander ebenso unvereinbar wie die praktischen Gegenwartswinteressen der drei großen Klassen.
Das erstere Ideal entspricht den Interessen des Grundeigentums, vornehmlich des großen; der kleine Grundeigentümer zieht ja sein Einkommen weniger aus seinem Grundbesitz als aus seiner Arbeit, bildet also ein Zwischenglied, das den Typus nicht rein zum Ausdruck bringt.
Das Grundeigentum hat sich in der kapitalistischen Gesellschaft sehr wohl einzurichten gewusst. Es besitzt auch in ihr eine privilegierte Stellung. Es bezieht sein Einkommen ohne jede Gegenleistung und Mühe – das heißt das Einkommen aus dem bloßen Grundbesitz, nicht aus dem landwirtschaftlichen Betrieb; die Grundrente, wie sie am reinsten zu tage tritt im Pachtsystem, wo Grundbesitzer und Landwirt zwei verschiedene Personen sind. Und die Grundrente ist im Allgemeinen im Laufe der letzten Jahrhunderte stets gestiegen – wenn man absieht von einigen zeitweiligen, lokalen Störungen. Trotzdem fühlt sich der Grundbesitz in der heutigen Gesellschaft nicht wohl.
Hat seine Lage sich auch absolut bedeutend gebessert, so ist sie doch relativ sehr zurückgegangen; die Stellung einer Klasse in der Gesellschaft hängt aber nicht von ihren absoluten, sondern von ihren relativen Fortschritten ab, das heißt von ihren Fortschritten, gemessen an denen anderer Klassen. Und da empfindet es der Grundbesitz bitter, dass er, der zur Feudalzeit allmächtig war, immer mehr vom Kapital überflügelt wird. Wohl steigt die Grundrente, während der Kapitalprofit sinkt, aber diese Erscheinung täuscht. Die Grundrente steigt im Verhältnis zu einer bestimmten Bodenfläche, zum Beispiel pro Hektar, aber die Kulturfläche dehnt sich in den alten Kulturländern nur noch wenig aus. Der Kapitalprofit sinkt im Verhältnis zu einer bestimmten Kapitalmenge, aber die Masse des Kapitals vermehrt sich enorm. Daher wächst die Masse des Kapitalprofits, die der Kapitalistenklasse zufällt, weit rascher als die Masse der Grundrente, die die Grundeigentümer einstecken.
Ein Beispiel wird das klar machen. Nehmen wir an, im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts habe sich die Grundrente in einem gegebenen Lande verdoppelt, die Grundfläche sei dieselbe geblieben. So hat sich auch das Gesamteinkommen der Grundbesitzerklasse aus ihrem Grundbesitz verdoppelt. Es sei etwa von 500 auf 1000 Millionen gestiegen. Inzwischen sei die Profitrate auf die Hälfte gefallen, etwa von 20 auf 10 Prozent, die Masse des Kapitals habe sich aber verzwanzigfacht, so ist das Gesamteinkommen der Kapitalistenklasse auf das Zehnfache gewachsen, etwa von 200 auf 2.000 Millionen. Ihr Reichtum und ihre ökonomische Macht im Verhältnis zum Grundbesitz sind am Ende des Jahrhunderts fünfmal so groß oder der Reichtum und die ökonomische Macht des Grundbesitzes gegenüber dem Kapital fünfmal so klein wie am Anfang.
Die hier gegebenen Zahlen sind willkürlich angenommen, aber tatsächlich bewegt sich die ökonomische Entwicklung in dieser Richtung.
Indes nicht bloß ökonomisch wird der Grundbesitz durch die industrielle Entwicklung immer mehr in den Hintergrund gedrängt, sondern auch politisch. In der Feudalzeit war der vorherrschende Erwerbszweig die Landwirtschaft des selbstwirtschaftenden Kleinbauern. Das ist aber eine Tätigkeit, die den Produzenten so völlig in Anspruch nimmt und so sehr von der außerhalb seines Dorfes bestehenden Welt abschneidet, dass er die Möglichkeit verliert, sich um die politischen und sonstigen größeren gesellschaftlichen Interessen fortdauernd zu kümmern und in die darum sich entspinnenden Kämpfe tätig einzugreifen. Er überlässt die Sorge dafür anderen, Rittern, Geistlichen, Söldnern, Bureaukraten und ihren Herren, den Fürsten, die dann die Macht, welche sie dadurch gewinnen, dazu benutzen, den Bauern mehr zu unterjochen und zu schröpfen als zu schützen. Wo die kleine Bauernwirtschaft die ökonomische Grundlage des Staates ist, da führt sie naturnotwendig die Herrschaft einer Feudararistokratie oder eines Despotismus nach dem Muster des orientalischen nach sich. Nur bei einer besonders günstigen Bodengestaltung, wie sie in der Urschweiz oder in Friesland bestand, können sich die Bauern dieser Unterjochung erwehren. Die Erhaltung der demokratischen Freiheit in diesen Gegenden ist indes vielleicht mehr noch dem Überwiegen der Weidewirtschaft über den Ackerbau als den dortigen natürlichen Schutzwehren zuzuschreiben. Hirtenvölker sind stets freiheitsliebend und wehrhaft. Wo dagegen der Ackerbau herrscht, da entsprießt daraus die Knechtschaft des Selbstwirtschafters.
Dies Eldorado der Feudalaristokratie findet ein Ende, sobald sich eine starke städtische Industrie entwickelt. Daraus erwachsen Klassen, die der Feudal-aristokratie immer feindseliger gegenüberstehen und die schließlich ihre Oberherrschaft brechen, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande. Es waren die Proletarier und Kleinbürger der Städte, die auch den Bauern die Befreiung vom aristokratischen Joch brachten. Die Erstürmer der Bastille rissen die Grundlagen der bäuerlichen Knechtschaft nicht nur für Frankreich, sondern für halb Europa nieder; die französischen Revolutionsarmeen haben für die Befreiung der Bauern der Schweiz zum Beispiel mehr geleistet als die soviel verherrlichten Urkantone, die Heimat der Telle und Winkelriede, die wohl die Freiheit für sich zu behaupten wussten, aber ein umso härteres Joch ihren Nachbarn auflegten. Je mehr die städtische Industrie wächst, desto mehr wird dadurch die politische Macht des großen Grundbesitzes bedroht. Kein Wunder, dass sich diese Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft nicht wohl fühlt, in der zwar die Grundrenten wachsen, die aber ihre relative ökonomische und politische Position immer tiefer herabdrückt. Wohl kann durch ein Zusammentreffen besonderer Umstände die politische Macht der Grundeigentümer auch in der heutigen Gesellschaft wachsen; politische und ökonomische Macht müssen nicht streng parallel sich entwickeln. Aber auf die Dauer können sie nicht verschiedene Richtungen verfolgen und die ökonomische Grundlage erweist sich schließlich immer als die entscheidende. Wo die politische Macht einer Klasse in ein Missverhältnis zu ihrer ökonomischen Macht geraten ist, da muss sie schließlich zusammenbrechen, und je größer dies Missverhältnis geworden ist, je länger es angedauert hat, desto katastrophenartiger muss sich der endliche Zusammenbruch gestalten.
Kein Wunder, dass die Grundeigentümer trotz ihrer privilegierten Stellung sich nach einer breiteren ökonomischen Grundlage sehnen, als die kapitalistische Gesellschaft ihnen bieten kann, nach einer Grundlage, wie sie die feudale Gesellschaft ihnen bot. Diese Gesellschaft ist ihr Ideal, sie wiederzubeleben ihr höchster Wunsch. Natürlich soll es eine ideale feudale Gesellschaft sein, ohne Schattenseiten, bloß mit ihren Lichtseiten, eine Gesellschaft, die alle Herrlichkeiten der Romantik mit allen Genüssen unserer Zeit vereinigt. Eine solche Gesellschaft ist unmöglich; Licht und Schattenseiten einer Gesellschaft sind aufs engste miteinander verknüpft und nicht willkürlich zu trennen. Wer die modernen Genüsse haben will, muss auch die technischen und sozialen Einrichtungen in Kauf nehmen, die mit ihrer Produktion verknüpft sind; wer das Mittelalter haben will, muss auch zu seiner Barbarei zurückkehren.
Ist aber das feudale Gesellschaftsideal unmöglich geworden, so bildet es doch einen sehr realen Faktor im modernen gesellschaftlichen Leben. Denn es gibt die Richtung aller praktischen gesellschaftlichen Bestrebungen der Parteien an, die dem Grundbesitz dienen. Jeder gesellschaftliche Fortschritt ist ihnen ein Gräuel, jeder Rückschritt wird von ihnen gefordert, mag er auch mit ihren Klasseninteressen direkt gar nichts zu tun zu haben, in Wissenschaft, Kunst, Kirche, der industriellen Organisation (zum Beispiel dem Innungswesen etc.), soweit nicht ihre Grundrente an einem ökonomischen Fortschritt direkt beteiligt ist. Dann erweist sich allerdings das Klasseninteresse, oft auch persönliche Interesse, mächtiger als das Ideal.
Im Allgemeinen kann man sagen, dass die gesellschaftlichen
Interessen des großen Grundbesitzes etwas ganz anderes sind,
als die Interessen der heutigen Gesellschaft. Es ist unmöglich,
sie mit diesen zu vereinbaren, sie stehen ihnen in schroffster
Gegnerschaft gegenüber. Sie sind ein die Gesellschaft
schädigendes Element geworden.
Nicht viel besser steht es mit den gesellschaftlichen Interessen der Kapitalistenklasse. Diese hat das größte Interesse an der Erhaltung der heutigen Gesellschaftsordnung, die vor allem ihr zugutekommt. Die Besitzer der Produktionsmittel sind die Beherrscher der Produktion und damit der ganzen Gesellschaft. Die technische Entwicklung macht aber heute die Produktionsmittel (Maschinen, Baulichkeiten, Rohmaterialien, Transportmittel) immer massenhafter und kostspieliger im Verhältnis zur Zahl und Entlohnung der beschäftigten Arbeiter. Schon das allein muss unter der Herrschaft des Privateigentums an den Produktionsmitteln diese immer mehr zu einem Privilegium der Kapitalistenklasse machen, deren Kraft und Ausbeutungsfähigkeit steigern. In derselben Richtung, wie die technische, wirkt aber auch die ökonomische Entwicklung, welche immer mehr die Produktionsmittel in wenigen Händen konzentriert. Die Kartelle und Trusts fördern diese Entwicklung besonders rasch.
Nun hat man freilich eingewendet, dass diese Entwicklung durchkreuzt werde durch eine andere, stärkere, die zur Dezentralisation der Vermögen führe. Dank dem Aktienwesen nehme die Zahl der Besitzenden, die Zahl der Teilnehmer an den Produktionsmitteln zu, nicht ab. Den statistischen Beweis für diese Behauptung ist man uns schuldig geblieben, die Tatsachen sprechen vielmehr dagegen; aber nehmen wir an, sie sei richtig, so würde sie nichts gegen die Konzentration des Kapitals beweisen. Diese ist eine Erscheinung des Produktionsprozesses, die unabhängig bleibt von der dem Verteilungsprozess angehörenden Tatsache, dass die Anzahl der Teilnehmer am Produkt wächst. Der Produktionsprozess, nicht der Verteilungsprozess ist aber der gesellschaftlich entscheidende.
Ein Beispiel wird das klar machen. Nehmen wir an, in einem Lande bestehe ein Industriezweig aus hundert Fabriken, jede eine Million wert und jede mit einem besonderen Eigentümer. Ein Trust führe sie aus dem Einzelbesitz in Aktienbesitz über, vereinige sie aber gleichzeitig alle unter einer gemeinsamen Leitung. Die Aktien verteilten sich unter tausend Besitzer. Die Zahl der Besitzer der hundert Fabriken hat sich also verzehnfacht. Aber nichtsdestoweniger wird jetzt dieser Industriezweig von einem einzigen Unternehmen monopolisiert, und dessen Herrschaft über den Arbeits- und Warenmarkt, seine Schädlichkeit und Unerträglichkeit bleiben die gleichen, ob der Ertrag des Monopols in eine einzige Tasche oder in tausend Taschen eingeheimst wird.
Es ist die Kapitalistenklasse, deren Reichtum durch die ökonomische Entwicklung auf der Grundlage der heutigen Gesellschaftsordnung am meisten gesteigert wird.
Verschiedene Verteidiger dieser Gesellschaftsordnung wollen das nicht zugeben; sie wollen uns einreden, dass der Anteil der Kapitalisten am Nationalprodukt immer mehr sinkt, weil die Profite abnehmen, indes die Löhne wachsen. Diese Argumentation beruht aber nur auf einem Taschenspielerkunststück. Wir haben oben gesehen, dass trotz des Sinkens der Profitrate die Masse des Profits der Kapitalistenklasse wächst, und zwar rascher als die Masse der Grundrente. Sie wächst auch rascher als die Masse des Arbeitslohns. Aber dieses rasche Wachstum wird verschleiert dadurch, dass die Menge des Kapitals, die auf einen Arbeiter kommt, dank der technischen Entwicklung noch rascher wächst, so dass der Profit, obwohl er pro Arbeiter zunimmt, doch im Vergleich zu einer bestimmten Kapitalmenge kleiner wird.
Ein Beispiel illustriere das.
Wir haben oben angenommen, dass die Masse des Kapitals in einem bestimmten Lande im Laufe des letzten Jahrhunderts sich verzwanzigfacht habe, indes die Profitrate auf die Hälfte gesunken sei. Nehmen wir noch an, die Menge der Lohnarbeiter habe sich verdreifacht, ihr Lohn sei um 50 Prozent gestiegen. So ist die Masse des Arbeitslohns etwa um 450 Prozent gewachsen, während die Masse des Profits gleichzeitig um 1000 Prozent stieg, trotzdem gleichzeitig die Profitrate von 20 auf 10 Prozent fiel.
Das sind natürlich willkürlich gewählte Zahlen, aber sie deuten die Richtung der Entwicklung an. Nach den von Bowley gelieferten Zahlen, die nicht ganz einwandfrei, aber von allen über den Gegenstand vorliegenden die zuverlässigsten sind und eher zu rosig als zu schwarzmalen, betrug in England durchschnittlich pro Arbeiter:
|
|
Der Arbeitslohn |
Die Masse des |
|
1860 |
768 |
736 |
|
1891 |
1.074 |
1.202 |
|
Zunahme |
306 oder |
466 oder |
Die Masse des Mehrwerts ist also rascher gestiegen als die des Arbeitslohns. Wäre aber gleichzeitig die Masse des Kapitals pro Arbeiter etwa von 5000 Mark auf 10000 Mark gewachsen, so wäre die Profitrate (im weitesten Sinne) von 14 Prozent auf 12 Prozent gefallen. Man sieht, das Sinken der Profitrate beweist gar nichts gegen die Zunahme der Ausbeutung.
Die Kapitalistenklasse fühlt sich denn auch, trotz dieses Sinkens bei gleichzeitigem Steigen der Grundrenten und Löhne, nicht als Stiefkind in der heutigen Gesellschaft. Im Gegenteil, sie sträubt sich auf das lebhafteste gegen den Gedanken, an deren Stelle eine andere zu setzen. Die Gesellschaftsordnung, so wie sie ist, entspricht ihren Bedürfnissen, und anders will sie sie nicht haben. Das gesellschaftliche Ideal unserer liberalen Politiker und Denker baut sich daher ganz auf dieser Gesellschaftsordnung auf, es ist nichts als eine Idealisierung der heutigen Gesellschaft, das heißt ein Ausmalen ihrer Lichtseiten ohne ihre Schattenseiten.
Es gibt ja keinen Menschen, der Freude an Elend und Not, Unwissenheit und Brutalität, Krisen und Katastrophen hat. Die ideale, liberale Gesellschaft ist also die Gesellschaft von heute, ohne ihre „Auswüchse“, die man als Kinderkrankheiten betrachtet und deren Beseitigung man von der „organischen“ Entwicklung erhofft. Unter „organischer“ Entwicklung verstehen aber unsere bürgerlichen Sozialreformer ein Herumdoktern an den gesellschaftlichen Schäden, das sich auf das sorgfältigste hütet, die Grundlagen der bestehenden Gesellschaft anzutasten. Diese Grundlagen sind das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Profit. Vor jeder Einschränkung der Herrenrechte des Kapitalisten in seinem „Hause“, das heißt in der Werkstelle, in der die Arbeiter für ihn schaffen, ebenso wie vor jeder Einschränkung des Profits schreckt die „organische“ Entwicklung zaghaft zurück. Jede Überschreitung dieser Grenzen wird mit tiefster Entrüstung als Revolution und Konfiskation zurückgewiesen.
Der Drang nach Profit bildet die mächtigste Triebkraft, aber auch die stärkste Schranke der kapitalistischen Gesellschaft; diesem Drange verdankt sie in ihrem Jugendzeitalter ihre größten Fortschritte; derselbe Drang wird zum stärksten Hindernis des gesellschaftlichen Fortschritts in der Periode ihres Alterns.
Hartnäckig widersetzt sich das Kapital sogar solchen Fortschritten, die seinen Profit direkt nicht bedrohen, wie zum Beispiel dem achtstündigen Normalarbeitstag, der bei dem heutigen Stande der Technik ohne Schädigung der Produktivität der nationalen Arbeit durchgeführt werden könnte. Aber das Kapital fürchtet die Muße, die der Arbeiter dadurch gewänne. Er könnte sie benutzen, sich zu bilden, seine Organisationen auszubauen und zu stärken, seinen politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und das wäre gefährlich.
Je mehr die kapitalistische Produktionsweise die herrschende wird, desto konservativer wird die Kapitalistenklasse, desto misstrauischer gegen jeden Fortschritt, desto weniger Bedenken hat sie dagegen, sich mit jenen Mächten zu verbinden, die sich jedem Fortschritt entgegenstemmen und die ihre tiefste ökonomische Wurzel in den Interessen des Großgrundbesitzes haben. Daher der politische Aufschwung der Macht des Agrariertums, der mit seiner ökonomischen Schwäche so seltsam kontrastiert, daher die Schwächlichkeit und der Verfall des kapitalistischen Idealismus, des Liberalismus.
Die Klasseninteressen des Kapitals führen zu einer
gesellschaftlichen Auffassung, die mit dem weiteren Fortschritt und
Gedeihen der Gesamtgesellschaft nicht minder unvereinbar wird, wie
das feudale Ideal.
Anders das Klasseninteresse des Proletariats. Sein gesellschaftliches Ideal kann sich weder aufbauen auf der juristischen Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln noch auf der ökonomischen Grundlage der Profitwirtschaft. Es hat nicht nur als Klasse der Besitzlosen kein Interesse am Privateigentum an den Produktionsmitteln, es hat das größte Interesse an der Aufhebung dieser Art des Eigentums. Denn, wie gesagt, die Herren der Produktionsmittel beherrschen die Produktion und damit die Gesellschaft. Der Proletarier, der darauf angewiesen ist, mit fremden Produktionsmitteln zu arbeiten, ist damit zur Knechtschaft in der Produktion, zur Unterordnung in der Gesellschaft verurteilt; und immer geringer werden seine Aussichten, im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung, auf der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln, seiner Knechtschaft zu entrinnen, angesichts der zunehmenden Konzentration der Produktionsmittel in wenigen Unternehmungen. Das Klasseninteresse drängt daher den Proletarier, das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln zu seinem Ideal zu machen.
Ebenso feindselig wie dem Privateigentum an den Produktionsmitteln muß er der Profitwirtschaft gegenüberstehen, die unter den heutigen ökonomischen Verhältnissen notwendigerweise daraus entspringt. Der Profit ist die Triebkraft der heutigen Produktion, möglichst viel Profit zu machen ist die Lebensaufgabe des Kapitalisten. Dies entwickelt in ihm das Streben, die Löhne herabzudrücken, die Arbeitszeit zu verlängern, Frauen und Kinder auszubeuten, Arbeiter aufs Pflaster zu werfen, um sie durch Maschinen zu ersetzen u. s. w., kurz das Streben nach Anwendung aller jener Methoden, die der Tendenz nach der Verelendung des Arbeiters dienen. Das Streben nach Profit heißt Streben nach Degradierung, nach vermehrter Knechtung und Ausbeutung des Arbeiters.
Aus dem Privateigentum an den Produktionsmitteln entspringt aber auch die Planlosigkeit der Produktion; aus dem Streben nach Profit entspringt einerseits die Anhäufung oder „Ersparung“ immer größerer Kapitalmassen, die nach produktiver Anlage suchen, andererseits das Wachstum des Überschusses der Produkte über den Konsum der Arbeiterklasse hinaus: das vereinte Wirken aller dieser Faktoren führt dann zu den mit Naturnotwendigkeit sich wiederholenden Krisen, die zu den Qualen der Knechtung und Ausbeutung, die der Proletarier mit den Sklaven und Leibeigenen früherer Zeiten teilt, die Qualen ständiger Unsicherheit der Existenz, steter Bedrohung mit Arbeitslosigkeit, mit direktem Hungertod, hinzufügen.
So erwächst aus der Klassenlage des Proletariats nicht nur das Ideal des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln, sondern auch das einer damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Regelung der Produktion und der Ersetzung des Profits durch das Bedürfnis der Gesellschaft als Triebfeder der Produktion.
Dies gesellschaftliche Ideal ist nicht das zufällige Produkt eines Phantasten. Es bildet sich mit Naturnotwendigkeit überall, wo das Proletariat zum Bewusstsein seiner Klassenlage kommt und ein selbständiges Denken entwickelt, ja, es bildet sich früher schon bei einzelnen Denkern, welche die Klassenlage des Proletariats erkennen und die proletarischen Interessen zu den ihrigen machen. Die Gestalt, die dies Ideal in den einzelnen Ländern, Perioden, ja in den einzelnen Köpfen annimmt, zeigt unzählige Variationen in den Einzelheiten. Aber der Typus ist seit einem Jahrhundert immer und überall derselbe, ein Zeichen, dass er den tiefsten Bedürfnissen einer großen Klasse und nicht den Launen oder Träumen einzelner Individuen entspringt.
Darum ist aber dies gesellschaftliche Ideal auch keine bloße Utopie, sondern heute schon eine reale gesellschaftliche Macht, deren Kraft in demselben Maße wächst wie die Kraft der Klasse, die es erzeugt, des Proletariats. Die Kraft des Proletariats nimmt aber ständig zu, trotzdem sein Anteil am gesellschaftlichen Produkt sinkt. Seine ökonomische Macht braucht nicht in seinem Reichtum, sondern in seiner Zahl, seiner Organisation, seiner Intelligenz, seiner ökonomischen Unentbehrlichkeit und nicht zum mindesten endlich in der Tatsache, dass, wie wir noch zeigen werden, seine Klasseninteressen zusammenfallen mit denen des gesellschaftlichen Fortschritts, so dass alles, was das Proletariat im wohl erkannten Klasseninteresse anstrebt, auch gesellschaftlich notwendig wird. Der schließliche Sieg des Proletariats in der Gesellschaft ist also sicher. Wie fern man ihn aber auch ansehen mag – und es ist unmöglich, darüber mehr zu äußern als vage Vermutungen –, sein gesellschaftliches Ideal übt heute schon einen gewaltigen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung.
Es ist das einzige gesellschaftliche Ideal, das neben dem feudal-agrarischen und dem liberal-kapitalistischen noch denkbar ist – wofür am deutlichsten der Umstand spricht, dass ein anderes neben diesen beiden noch nicht aufgetreten ist. Es ist aber auch das einzige, das jenseits des kapitalistischen noch möglich ist – es bildet die einzige Möglichkeit einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung dort, wo das kapitalistische System konservativ wird und sich dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegenstemmt. Es zeigt die Produktionsform an, die überall dort notwendig wird, wo die Konzentration der Kapitalien private Monopole schafft, deren Übergang in gesellschaftlichen Besitz unerlässlich wird, wenn nicht die ganze Gesellschaft zum willenlosen Spielball einiger Kapitalistengruppen werden soll.
Andererseits aber setzt das sozialistische Ideal die kapitalistische Gesellschaft voraus, deren Fortführung es bildet. Es wäre unmöglich, aus den Zuständen der Feudalzeit unvermittelt zum Sozialismus zu gelangen. Dem Feudalismus gegenüber unterstützen daher die sozialistischen Parteien stets die kapitalistisch-liberalen überall dort, wo diese einen gesellschaftlichen Fortschritt vertreten.
So wird das sozialistische Ideal ebenso wie der Klassenkampf des Proletariats zu einer mächtigen Triebfeder jedes gesellschaftlichen Fortschritts lange bevor die Erringung dieses Ideals in greifbare Nähe gerückt ist, von den Anfängen der sozialistischen und proletarischen Bewegungen an. Und es wirkt von Anfang an in viel höherem Maße fortschrittlich als der Liberalismus, weil es nicht beengt wird durch Rücksichten auf den Profit und weil sein Ziel ein ferneres, sein gesellschaftlicher Horizont daher ein weiterer ist.
Heute aber sind wir schon so weit, dass Sozialismus und proletarischer Klassenkampf nicht bloß die mächtigsten, sondern die einzigen bewusst wirkenden Faktoren des gesellschaftlichen Fortschritts geworden sind. Der augenblickliche Wahlkampf zeigt es deutlich, dass die besitzenden Klassen, wie groß auch die Klassengegensätze unter ihnen sein mögen, in einem einig sind: in ihrem Abscheu vor jeder erheblichen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Und darum sind sie einig darin, sich fast ausschließlich gegen die Sozialdemokratie zu wenden, die einzige Partei, die ein großes Ideal gesellschaftlicher Fortentwicklung hat und dafür eintritt.
Ist aber die Sozialdemokratie heute die einzige Partei geworden, die noch den gesellschaftlichen Fortschritt verficht, so muss sie damit auch die Partei aller derjenigen werden, die eine Weiterentwicklung der Gesellschaft anstreben.
Wir haben im zweiten Kapitel gesehen, wie seine Klasseninteressen das Proletariat zum Kämpfer gegen jede Ausbeutung und Unterdrückung machen; wie es dadurch den Boden schafft, auf dem es sich mit den aus anderen Klassen stammenden ehrlichen und konsequenten Bekämpfern jeder Ausbeutung und Niedertracht findet. So sehen wir jetzt, dass seine Klasseninteressen das Proletariat zum entschiedensten, und heute bereits alleinigen Verfechter des gesellschaftlichen Fortschritts machen. Damit wird jeder aus anderen Klassen stammende Vertreter dieses Fortschritts getrieben, wenn er die nötige Courage und Klarheit besitzt, sich der Partei des kämpfenden Proletariats, der Sozialdemokratie anzuschließen. Nicht minder wie demokratischer Radikalismus und humanitärer Drang kann auch ökonomische Einsicht – sei sie durch wissenschaftliche Studien oder praktische Erfahrungen gewonnen – bürgerliche Elemente dem Sozialismus zuführen. In vielen Fällen werden alle diese drei Faktoren dabei hinwirken. In den Anfängen der Sozialdemokratie dürften aber die beiden ersteren Faktoren dabei das Übergewicht gehabt haben. Damals war im Bürgertum noch die politische Leidenschaft stärker, andererseits waren auch die Arbeitermassen viel hilfloser, ihr Elend offenbarer, als heute. In der letzten Zeit dürfte dagegen der dritte Faktor für die zur Sozialdemokratie kommenden bürgerlichen Elemente bestimmender sein: die Einsicht in die Gemeinschädlichkeit und Unhaltbarkeit der kapitalistischen Ordnung, wobei in den achtziger Jahren die Krise, seitdem die Entwicklung des Kartellwesens, jüngst der Zollwahnsinn und der Wiedereintritt der Krise besonders stark dahin gewirkt haben mögen, auch Leuten, die nicht am Klassenkampf des Proletariats interessiert sind, darüber die Augen zu öffnen, dass heute nur noch das Proletariat und seine Partei die Interessen des gesellschaftlichen Fortschritts vertreten, damit aber auch sie allein das Lebensinteresse der gesamten Gesellschaft, denn nur Entwicklung ist Leben und Stillstand ist Tod.
Wenn manche unserer Gegner also behaupten, dass Klasseninteresse und gesellschaftliches Interesse notwendigerweise in einem Gegensatz zu einander ständen, so ist das heute richtig von den bürgerlichen Klassen und Parteien. Es gilt nicht vom Proletariat und nicht von der Sozialdemokratie.
Wenn andererseits viele unserer Gegner, wie zum Beispiel Herr Eugen Richter in seinem „Sozialistenspiegel“, einen Widerspruch darin sehen wollen, dass die Sozialdemokratie eine Partei des proletarischen Klassenkampfes ist und doch eine ganze Reihe bürgerlicher Elemente in ihren Reihen zählt, so beweist das bloß, dass diese Herren Gegner weder eine Ahnung von der Eigenart des proletarischen Klasseninteresses noch von den Wirkungen wissenschaftlicher Erkenntnis, sozialen Empfindens und demokratischer Konsequenz haben. Sie vergessen, dass man eine Solidarität der Klassen leugnen und doch eine Solidarität der Menschen anerkennen kann. Große gesellschaftliche Unglücksfälle, welche die Klassenunterschiede momentan überwinden, wie zum Beispiel Epidemien, bringen auch dem verhärtesten Bourgeois die Solidarität der Menschen, den innigen Zusammenhang des Gedeihens des einen menschlichen Individuums mit dem Gedeihen aller anderen, zum Bewusstsein. Aber im gewöhnlichen Laufe der Dinge wird dies Bewusstsein der Solidarität erstickt durch das Bewusstsein des Klassengegensatzes, des Dranges nach Ausbeutung der Mitmenschen. Erst das Proletariat schafft ein Ideal, das nur eine einzige Einkommensquelle gelten lassen will, die Arbeit, das Profit und Rente aufhebt, damit den Klassen und ihren Gegensätzen ein Ende bereitet und an Stelle des Klassenkampfes die Solidarität der Menschen setzt.
Das ist das Endziel des Klassenkampfes, den die Sozialdemokratie führt. So wird sie als Vertreterin der Klasseninteressen des Proletariats Vertreterin der höchsten und allgemeinsten Interessen der Menschheit.
1. Profit samt Nebenerscheinungen.
Zuletzt aktualisiert am 19. Oktober 2026