Karl Kautsky

Ein Brief

(7. September 1907)


Der Kampf, Jahrgang 1 1. Heft, Oktober 1907, S. 9–11.
HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.



Liebe Genossen!

Ihr fordert mich auf, für die erste Nummer des Kampf einen Artikel zu schreiben. Dazu fehlt mir leider die Zeit.

Aber diese Ablehnung soll nicht einen Mangel an Sympathie bekunden. Ich bin im Gegenteil der Ansicht, dass der Kampf eine nützliche und höchst notwendige Funktion zu erfüllen hat und gerade im richtigen Moment zu erscheinen beginnt.

Die marxistische Methode ist keine starre Schablone, die allen von der Regel abweichenden Erscheinungen gegenüber versagt. Das kann nur jemand behaupten, der nie versucht und nie verstanden hat, sie selbständig anzuwenden. Wenn die marxistische Methode uns gestattet, bis zu den letzten einfachen Bewegungsgesetzen der Gesellschaft vorzudringen, so gestattet sie uns nicht minder und gerade dadurch, auch die unendliche Fülle der Erscheinungen zu begreifen, die aufs mannigfaltigste und oft in widersprechendster Art auf der Oberfläche der Erscheinungen zutage treten. Die anscheinend verwirrende Mannigfaltigkeit, die sich aus den verschiedenen Kombinationen der Elemente ergibt, wird nur verständlich für denjenigen, dem es gelungen ist, diese Elemente in vollster Reinheit herzustellen und zu erkennen.

Weit entfernt, dass wir Marxisten uns der Erkenntnis des Mannigfaltigen verschliessen und es in das Prokrustesbett einer Schablone pressen wollen, bietet es für uns gerade den grössten Reiz, jede Eigenart in ihrer Besonderheit zu erfassen, allerdings in ihr die allgemeinen Elemente zu entdecken, aber auch die eigentümliche Kombination dieser festzustellen, die jene gesellschaftliche Besonderheit erzeugt.

Es wird aber wenige Staaten geben, die so viele Besonderheiten aufweisen und daher dem historischen Forscher wie dem praktischen Politiker so harte Nüsse zu knacken geben wie Oesterreich mit seinen nationalen Unterschieden und Gegensätzen. Da haben wir vor allem nicht eine einige, sondern eine national gespaltene Bourgeoisie, ihr gegenüber auf der einen Seite eine weit weniger national zerklüftete Aristokratie, aber auch auf der anderen Seite ein weniger national geteiltes Proletariat. Das mindert die Kraft der Bourgeoisie, erhöht aber gleichzeitig auch die Kraft der beiden anderen Klassen. Das bisherige Ueberwiegen des Feudaladels führte zur Verlangsamung der ökonomischen Entwicklung, die aber merkwürdigerweise zusammenfällt mit einer rasch wachsenden Bedeutung des Proletariats. Dieses hat in Oesterreich nicht bloss seinen Emanzipationskampf zu führen, ihm fällt auch infolge der aus dem nationalen Kampf hervorgehenden Impotenz der Bourgeoisie heute schon mehr als in Westeuropa die Aufgabe zu, den allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt zu vertreten. Bisher schien aber auch die ökonomische Rückständigkeit, das Ueberwiegen der Bauern und Kleinbürger eine Herrschaft des Proletariats in weite Ferne zu schieben, was die Angst der besitzenden Klassen vor dem Proletariat erheblich verminderte.

Wir haben aber auch in Oesterreich Nationen, die aus ihrem Schosse keine Aristokratie und auch noch keine grosse Bourgeoisie von Belang erzeugt haben, die von der Aristokratie und Bourgeoisie anderer Nationen ausgebeutet werden, als Bauern, Kleinbürger, Proletarier. Hier verschlingt sich der Klassenkampf mit dem nationalen Kampf. Als einzige kampffähige Klasse der arbeitenden Bevölkerung, als einzige derselben, die imstande ist, ohne fremde Führung dauernd eine feste Partei zu bilden, wird in solchen Nationen das Proletariat der Vorkämpfer der ganzen Nation um die Mittel kulturellen Aufstiegs.

Endlich aber schwächt die nationale Zersplitterung und die Bedeutung des Feudaladels die Macht der zentralistischen Bureaukratie auch als Unterdrückungsmittel gegenüber den unteren Klassen; aber gleichzeitig wird diese Bureaukratie auch unabhängiger als anderswo bei gleicher Höhe der Produktionsweise von der Bourgeoisie, indes ihre zentralistischen Tendenzen sich teilweise begegnen mit dem Bestreben des Proletariats nach internationaler Zusammenfassung seiner Kräfte.

Alles das bewirkt, dass das Proletariat in Oesterreich eine weit höhere Bedeutung erlangt hat, als der ökonomischen Entwicklungsstufe des Landes entspricht, dass ihm aber auch Aufgaben zufallen, die mit seinem Emanzipationskampf nur lose Zusammenhängen. Das ist eine stolze Situation, aber auch eine gefährliche Nirgends liegt die Verführung für die Sozialdemokratie näher als in Oesterreich, sich Illusionen über die eigene Kraft hinzugeben und sich auf Abwege zu begeben, in zweifelhaften Experimenten Zeit und Kraft zu vergeuden, sobald man in das Getriebe der praktischen Politik gerät.

Nirgends ist es daher wichtiger, die Eigenart des Landes und ihre Rückwirkungen auf den proletarischen Klassenkampf wissenschaftlich zu erforschen, nirgends ist aber diese Aufgabe schwieriger, sind also Meinungsverschiedenheiten leichter möglich, ist deshalb ein besonderes Organ für solche Forschung und Diskussion mehr am Platze als in Oesterreich.

Und niemals mehr als jetzt.

Es war ein eigentümliches Schauspiel, das uns Oesterreich im letzten Jahrzehnt bot. Die Sozialdemokratie aller Länder war erfüllt von den lebhaftesten inneren Kämpfen ; diese waren kein Zufall, entsprangen auch nicht etwa der Bösartigkeit einzelner Marxisten oder Revisionisten, sondern waren ein Produkt der historischen Situation. Ueberall gewann die Sozialdemokratie an Boden, wurde sie eine Macht ersten Ranges. Konnte sie diese Macht benützen, um sofort erhebliche praktische Vorteile für das Proletariat zu erringen, und wie konnte das geschehen?

Da war auf der einen Seite die Anschauung, dass gerade unsere Fortschritte vorläufig dahinführten, das Erringen erheblicher praktischer Vorteile für das Proletariat immer seltener und schwieriger zu machen. Solche Errungenschaften waren bisher eine Folge der Spaltungen der herrschenden Klassen gewesen. Diese Spaltungen treten um so seltener ein, je mehr das Proletariat erstarkt. Um so mehr schliessen sich die besitzenden Elemente sowohl im gewerkschaftlichen wie im politischen Kampfe gegen das Proletariat zusammen. Wichtiger als je wird nun die innere Geschlossenheit, die straffe Organisation, aber auch die Zielklarheit des Proletariats, das nur noch von der eigenen Kraft weitere Erfolge von Belang zu erwarten hat.

Dieser Standpunkt konnte diejenigen nicht befriedigen, die um jeden Preis die zunehmende Macht des Proletariats in sofortige praktische Resultate umsetzen wollten. Dass es augenblicklich solche aus eigener Kraft nicht durchsetzen konnte, lag klar zutage. Wollte man praktische Resultate, so musste man ihm Bundesgenossen suchen aus den anderen Klassen, musste man aber auch eine Politik treiben, die solche anzog, musste man seine Kraft für deren Interessen einsetzen.

Zwischen diesen beiden Standpunkten gab es keine Versöhnung, der Kampf zwischen ihnen musste ausgefochten werden. Das war keinem der dabei Beteiligten ein Vergnügen, abet eine Notwendigkeit, der er sich nicht entziehen konnte.

Während dieser Kampf ganz Europa von der Themse und Seine bis zur Wolga erfüllt, blieb jedoch Oesterreich ganz ruhig. Von einer Diskussion hörte man dort gar nichts. Das war nicht irgend einem Nationalcharakter geschuldet. Gerade die österreichische Arbeiterbewegung ist reich an inneren Kämpfen. Meine persönlichen Erinnerungen daran sind noch sehr lebhafte. Als ich in die Partei kam, wurde sie zerrissen durch den Kampf Scheu-Oberwinder. Als ich sie verliess, um im Ausland zu wirken, lief eben Peukert mit seinem Anhang Sturm gegen die Sozialdemokratie.

Wir Oesterreicher können ebenso lebhaft und ruhig diskutieren, wie irgend welches Volk der Welt. Wenn die Genossen Oesterreichs im letzten Jahrzehnt trotz der allgemeinen internationalen Diskussion von ihrer Fähigkeit, daran teilzunehmen, keinen Gebrauch machten, so liegt die Ursache wohl an der besonderen historischen Situation, in der sie sich befanden. Das alte Parlament war zur Ohnmacht verurteilt, in ihm war nichts mehr zu erreichen. Es musste durch eine Wahlreform weggelegt werden, ehe überhaupt wieder von parlamentarischer Tätigkeit die Rede sein konnte. Für seine Aktionen ausserhalb des Parlaments bedarf aber das Proletariat keines Verbündeten. die besorgt es am wirksamsten allein. Und seine ganze politische Aktion galt im letzten Jahrzehnt ausschliesslich einem einzigen Punkte, über den ein Zweitel nicht möglich sein konnte : der Wahlreform.

Wohl konnten Zweifel auftauchen darüber, welche Aktion in jedem gegebenen Momente am zweckmässigsten sei. Aber kein Kriegsrat diskutiert darüber in der Oeffentlichkeit, vor dem Feinde. Die allgemeinen Richtlinien der Politik aber waren durch die Situation selbst gegeben.

Das hat jetzt aufgehört. Das gleiche Wahlrecht ist in einigermassen annehmbarer Gestalt wenigstens für den Reichsrat errungen, das Parlament wieder arbeitsfähig und die Sozialdemokratie als stärkste Partei in dieses eingezogen.

Nun ersteht auch für die Sozialdemokratie Oesterreichs dieselbe Frage, die uns im übrigen Europa so lange beschäftigt hat und zum Teil noch beschäftigt: Was nun.' Was wollen und können wir mit unserer Macht anfangen.' Eine Frage, nirgends leicht zu lösen, doppelt schwierig zu lösen in einem Lande mit so abnormen Verhältnissen wie Oesterreich, wo es noch nicht einmal feststeht, ob der Gärungsprozess, den es durchmacht, der Durchgangsprozess zur Klärung, zur Herstellung eines brauchbaren Produkts, oder zu völligem Zerfall der Elemente wird.

An Problemen ist da kein Mangel, eine schwierige Aufgabe liegt dem Kampf ob, aber auch eine interessante. Und nicht bloss das. Die Probleme, um die es sich handelt, sind keine akademischen, die allein den Forscher interessieren. Von der Art ihrer Lösung hängt zum grossen Teil die des praktischen Wirkens der Sozialdemokratie Oesterreichs ab, hängt es ab, ob sie ihre volle Wucht zu entfallen vermag oder ob das kämpfende Proletariat innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle einen Teil seiner Kraft an unmöglichen Lösungen vergeudet.

Gelingt dem Kampf sein Werk, dann wird er der Partei unschätzbare Dienste erweisen.

Und darum meine herzlichsten Wünsche zu Eurem Beginnen.

 
Berlin, 7. September 1907
 

Mit Parteigruss
 
K. Kautsky


Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2022