Paul Lafargue

Der Jesuitenstaat in Paraguay

 

IV. Das Leben der Indianer in den Missionen

Die Jesuiten haben alles mögliche unternommen, damit nicht bekannt wird, wie sie ihre Niederlassungen regieren. Sie hielten sie vor Fremden verschlossen, und die Beamten und königlichen Inspektoren, denen sie den Zutritt erlaubten, waren Freunde, von denen feststand, daß sie die Verhältnisse in den Missionen so ansehen würden, wie sie nach dem Wunsch der Jesuiten angesehen werden sollten. Aber es ist trotzdem ausreichendes Material zur Charakterisierung des Jesuitenstaates vorhanden. Wir besitzen die Beschreibungen, die die Missionare Charlevoix und Funes von den Niederlassungen der Jesuiten gegeben haben, ferner die lobenden Berichte der königlichen Beamten, die die Missionen zu untersuchen hatten, und schließlich die Tatsachen, die Azara sammelte, der kurz nach der Vertreibung der Jesuiten ihre Niederlassungen besuchen konnte. Genügt das alles auch nicht, um das Leben der Indianer in den Missionen in all seinen Einzelheiten kennenlernen zu lassen, so reicht es doch aus, eine allgemeine Vorstellung von der inneren Organisation der theokratischen Republik zu bekommen, die nach den Lehren des Evangeliums gegründet wurde, die die Gesellschaft Jesu, ohne auf eine hinderliche Aufsicht und auf Widerstand zu stoßen, in die Praxis umzusetzen vermochte. Man darf wohl behaupten, daß sich niemals eine bessere Gelegenheit geboten hat, das Ideal des Christentums zu verwirklichen.

Das Menschenmaterial, das die ehrwürdigen Patres formen sollten, entstammte einem jungen, körperlich und moralisch gesundem Volk, das, naiv und lenkbar, noch nicht korrumpiert worden war durch die egoistischen und antisozialen Leidenschaften, die das Privateigentum und die monogame Familie erzeugen. In gleicher Weise war das Volk noch unberührt von den Vorurteilen, die sich in dern alten Gesellschaftsorganisationen im Laufe der Zeiten angesammelt haben. Und die Missionare, die in diesen jungfräulichen Gegenden die Missionen gründeten, zeigten eine außergewöhnliche, bewundernswerte Klugheit, Selbstverleugnung und Geschicklichkeit, die Menschen zu leiten. Man kann nicht genug die Jesuiten-Patres bewundern, die ohne Familie, ohne persönlichen Ehrgeiz ihr Leben oder wenigstens ihre besten Jahre wie in einer Wüste inmitten der Indianer verbrachten, mit denen sie aus bestimmten, wohlerwogenen Gründen absichtlich keine andern als solche Beziehungen unterhielten, die sie zur Verwaltung der Niederlassungen unterhalten mußten. Obwohl sich in den Missionen nur 150 oder 200 Jesuiten befanden, gelang es ihnen doch, die Bevölkerung dem Willen ihre Ordens zu unterwerfen, die nach Funes zur Zeit der Vertreibung der Patres 150.000 Köpfe betrug, die aber während der 150jährigen Herrschaft der Gesellschaft Jesu jedenfalls noch zahlreicher gewesen ist. Es waren unschätzbare Dienste, die die Missionare von Paraguay dem Orden erwiesen, dessen Befehle sie empfingen und dessen Vorschriften sie befolgten.


Die Regierung der Missionen war denkbar einfach und wurde von wenigen leitenden Personen besorgt. [66] Jeder Ort wurde von einem Pfarrer und einem Vikar verwaltet, die unter der Aufsicht eines Superiors standen, der seinerseits dem Provinzial unterstellt war. Der Pfarrer, der unumschränkter Herr der Mission war, hatte deren Besitzstand zu verwalten, normalerweise konnte er die guaranísche Sprache nicht. Der Vikar hingegen, der sich um das Seelenheil der Mission kümmern mußte, war mit der Sprache der Indianer vertraut, mit denen er ja verkehrte und ständige Verbindung unterhielt. Der Pfarrer und der Vikar lebten in einem Kollegium, das in einiger Entfernung von den Niederlassungen gelegen war. Jeder nähere Verkehr mit den indianischen Frauen war ihnen aufs strengste untersagt, und ihre Keuschheit ist nie bezweifelt worden. Sie unterhielten nur Beziehungen mit den Männern, deren Dienste ihnen entweder für ihre eigene Person oder für die Gemeinde unabdingbar waren. Unter keinerlei Vorwänden betraten sie jemals die Häuser der Indianer, und nur selten kamen sie in die Dörfer. Wenn ein kranker Indianer der Mission des geistlichen Beistandes bedurfte, so brachte man ihn in ein zu diesem Zweck bestimmtes Zimmer, das sich in der Nähe des Kollegiums befand. Der Pfarrer oder der Vikar begaben sich in einer Sänfte dorthin, um dem Kranken die Beichte abzunehmen und die Sakramente zu erteilen. Die Geistlichen zeigten sich den Indianern nur in der Kirche und erschienen dann wie göttliche Wesen in allem Glanz und Pomp des katholischen Kultus, mit von Gold strahlenden Gewändern bekleidet, umgeben und bedient von zahlreichen, prächtig gekleideten Küstern und Chorknaben, umhüllt von Weihrauchwolken, während der Klang der Orgel, verschiedener Musikinstrumente und frommer Gesänge die Kirche erfüllte und die Wilden berauschte, auf die, wie es öfters in den „Erbaulichen Briefen“ heißt, Musik und Wohlgerüche eine sehr große Wirkung ausüben. Die Kirchen der armen Wilden waren die größten und schönsten der Kolonien. [67] Die der Mission Franz Xaver konnte 4.000 bis 5.000 Personen fassen; ihr Mauern waren mit schimmernden Platten aus Glimmer belegt, mit Malereien und Schnitzereien geschmückt, ihre Altäre glänzten von Gold und Silber. D’Orbigny [68], der diese Kirchen im Jahre 1830 besuchte, wo sie bereits viel von ihrer ursprünglichen Pracht verloren hatten, war überrascht von ihrer Schönheit und ihrem Glanz. Diese klug berechnete Ausstattung war ein unbedingtes Erfordernis, um unter die despotische Herrschaft der zwei Geistlichen – des Pfarrers und des Vikars – die Tausenden Indianer einer Mission zu beugen, „deren Glauben so naiv war“, sagt der Naturforscher d’Orbigny, „daß sie die Geistlichen als Stellvertreter Gottes betrachteten und ihnen blind gehorchten“.

Die Jesuiten ahmten das von den Spaniern gegebene Beispiel nach. Sie ließen die Indianer selbst ihren Kaziken oder Kriegsführer wählen. Gewöhnlich wurden diese stets aus der selben Familie genommen, wie das bei der Mehrzahl der Wilden Sitte ist, die in kommunistischen Clans leben. Auf die gleiche Weise gestatten sie den Indianer ihre Munizipialbehörden (* „cabildo“) zu wählen, die aus zwei Alkalden und mehreren Mitgliedern des Gemeinderates bestanden. Aber diese Wahlen wurden in Gegenwart des Pfarrers vorgenommen, der die Ernennung der Gewählten leitete. [69] Die Gewählten standen völlig unter dem Einfluß der beiden Geistlichen, den niemand in dem Ort hätte einen wichtigen Beschluß zu fassen gewagt, ohne sich vorher darüber mit dem Pfarrer oder seinem Vikar verständigt zu haben. Die Mönche, die in der Leitung der Missionen an die Stelle der vertriebenen Jesuiten traten, wurden anfangs oft in Verlegenheit gebracht durch die fortwährenden Anfragen und Ratschläge, die die Munizipialbehörden auch in den unbedeutendsten Verwaltungsangelegenheiten an sie stellten bzw. von ihnen verlangten. Die Gemeindebeamten waren nur die Werkzeuge, deren sich die Missionare zur Durchführung ihrer Absichten bedienten. Antonio de Ullola versucht diese Tatsache durch die Behauptung abzuschwächen, „daß der beschränkte Geist der bekehrten Indianer es nötig mache, daß sich die Missionare um all ihre Angelegenheiten kümmern und sie in weltlicher wie geistlicher Hinsicht leiten“. [70].

Die Indianer waren „wie Kaninchen in einem Gehege“ in den Missionen eingeschlossen. Um ihren Verkehr mit der Außenwelt und ihre Flucht zu verhindern war jedes Dorf von tiefen Gräben umgeben, die durch Pfähle und starke Palisaden gedeckt wurden. Den Zugang vermittelten nur ein oder zwei Tore, die von Schildwachen gehütet wurden, und die man nur nach schriftlicher Erlaubnis passieren durfte. Das Gebiet jeder Ortschaft war von Gräben begrenzt, und dort, wo man diese überschreiten konnte, standen Wachen, die verhinderten, daß die Indianer aus einer Niederlassung in eine andere gingen. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde die Vesperglocke geläutet. Alle Bewohner einer Mission mußten sich dann in ihre Häuser zurückziehen. Eine Patrouille „von Personen, auf die man zählen konnte“ und die sich alle drei Stunden ablösten, sagte Charlevoix, zog durch die Straßen, „um zu verhindern, daß jemand sein Haus verläßt, ohne daß man weiß, was ihn dazu veranlaßt und wohin er geht“. [71].

Das Reiten war den Indianern an allen Tagen verboten, an denen keine militärischen Übungen stattfanden. Die Herden wurden jedoch von Berittenen gehütet. Um die Zahl der Hirten zu vermindern und nicht nötig zu haben, das Vieh zu kennzeichnen, umgaben die Missionare die Weideplätze mit Gräben, so daß sie buchstäblich einem eingefriedeten Park glichen. Die Tiere wie Menschen wurden in den Missionen gefangengehalten.

Innerhalb der Missionen war des Pfarrers Wille Gesetz. Es gab keine geschriebenen Gesetze, nur „Vorschriften“ [72], die man mit den Arbeitsreglements der kapitalistischen Betriebe vergleichen kann. Der Pfarrer verurteilte Sträflinge zu Gebeten, zu Fasten, zu Gefängnis und zur Auspeitschung, ohne daß er jemand Rechenschaft über seine Entscheidungen schuldig gewesen wäre. [73] Nach dem schon erwähnten, von Charlevoix berichteten Vorgang, wie ein Kazike wegen Ungehorsams gegen die Missionare vom Feuer des Himmels verschlungen wurde, wäre die Annahme wohl nicht erstaunlich, daß in den Missionen von Zeit zu Zeit Autodafés [74] stattfanden, um unverbesserliche Indianer loszuwerden und ein Exempel zu statuieren.

Ein Korps von Polizisten, das aus den gefügigsten und ergebensten Indianern gebildet wurde, überwachte streng die Bewohner der Niederlassung und bestrafte sie, wenn sie bei Fehlern ertappt wurden. [75] Damit die Bestrafung zur sittlichen Läuterung des gesamten Gemeinwesens beitrage, mußte der Schuldige ein Büßerhemd tragen wie die Ketzer, die die Inquisition verbrannte. Er wurde zur Kirche geführt, wo er öffentlich seine Schuld einbekennen mußte, dann auf den öffentlichen Platz der Mission, wo man ihn auspeitschte. Die Jesuiten und ihre Lobredner möchten glauben machen, daß die Indianer diese ebenso schreckliche wie entwürdigende Art der Bestrafung als Gnade empfanden. „Nie“, so schreibt Funes, „hat einer von ihnen versucht, seine Fehler kleiner erscheinen zu lassen oder seiner Strafe zu entgehen. Alle nahmen ihre Strafen mit Dankesbezeigungen entgegen. Es gab Indianer, die nur ihr Gewissen als Zeugen ihrer Fehler hatten, aber ihre Verfehlungen bekannten und ihre Bestrafungen forderten, um ihre Gewissensbisse zu mildern, die quälender als Strafe waren“. Don Antonio de Ullola fügt hinzu: „Sie hegen ein so großes Vertrauen zu ihren Seelenhirten, daß auch eine grundlose Bestrafung ihnen verdient erschiene“. Wenn diese Behauptungen der Wahrheit entsprechen – und angesichts des zur Überschwenglichkeit neigenden Charakters der Wilden und der Empfänglichkeit ihrer phantastischen Einbildungskraft würde es durchaus nicht erstaunlich sein, wenn dies der Fall wäre -, so geben sie uns einen Maßstab für die moralische Herrschaft, die die Jesuiten über die die armen Indianer ausübten. Dieser moralische Einfluß hätte sie veranlassen sollen, von grausamen und demütigenden Strafen abzusehen.

Die Jesuiten boten alles auf, um die Indianer geistig noch mehr als körperlich in Fesseln zu legen. Die ganze Zeit, die nicht der Arbeit und der nötigen Erholung gewidmet war, mußten sie in Gebeten zubringen, damit ihnen nicht eine Minute frei blieb, in der sie hätten über ihre Lage nachdenken können. „Die Kirchen“, berichtet Charlevoix [76], „sind nie leer. Immer ist hier eine große Anzahl von Personen versammelt, die ihre ganze frei Zeit in Gebeten verbringen“. Morgens und abends, vor und nach der Arbeit begaben sich alle Bewohner der Mission in die Kirche, um der Messe beizuwohnen und zu beten. Ehe die Frauen das Gotteshaus betraten, lösten sie ihre Haare auf, die sie gewöhnlich wie die Soldaten des vorigen Jahrhunderts in einen herabhängen Zopf geflochten trugen. Der ganze Sonntag verstrich unter religiösen Zeremonien: Messen, Abendgottesdienst, Taufen, Verlobungen, Eheschließungen, Ankündigungen von Festen und von Festtagen, Verlesung von Hirtenbriefen des Bischofs und anderer religiöser Schriftstücke usw. Der wöchentliche Ruhetag sollte ganz absichtlich so langweilig als möglich gemacht werden, damit sich die Indianer nach der Arbeit zurücksehnen und sie als eine Zerstreuung betrachten.

Der berühmte Doktor Ure führt in seiner Philosophie der Manufakturen [* Philosophy of manufactures etc., London 1835] [77] als ein Beispiel, dem „die Freunde der Menschheit folgen sollten“, das philanthropische Vorgehen der Stockholmer Fabrikanten an. Diese hatten 250.000 Franken für den Bau eines Gebäudes ausgegeben, in dem sie allsonntäglich 4.000 bis 5.000 Arbeiter zusammenpferchten, die fromme Lieder singen und lesen lernen mußten. Die Leute sollten dadurch davor bewahrt werden, „in die Laster zu verfallen, die die Faulheit erzeugt“, und sich durch „den menschlichen Egoismus fortreißen zu lassen, der die Arbeiter geneigt macht, mit neidischem und feindseligem Auge ihren besten Freund zu betrachten: den enthaltsamen und unternehmenden Kapitalisten, der ihnen Arbeit gibt“.

Um die bösen Neigungen ihrer Indianer zu zügeln, verfügten die Missionare über geistige Mittel, die der Protestant Ure und die philanthropischen Ausbeuter Englands nicht kannten. Sie hatten für die Männer, für die Frauen und für die mehr als zehn Jahre alten jungen Leute zahlreiche Brüderschaften und Schwesternschaften gegründet, die „unter dem direkten Schutz des Herrn der Heerscharen und der Mutter Gottes standen“. [78] In Frankreich bemühen sich gegenwärtig (*1895) die katholischen Unternehmer, die Grundsätze des christlichen Sozialismus zu verwirklichen. Sie organisieren ihre Arbeiter und Arbeiterinnen in den Vereinen „Unserer lieben Frau von der Fabrik [Notre-Dame de l’Usine]“ und des „Heiligen Joseph“. Die Namen der Indianer wurden in die Listen der Bruderschaft beziehungsweise Schwesternschaft eingetragen, und die Streichung eines Namens bedeutete eine Strafe. Als Belohnung erhielten die Vereinsmitglieder das Recht, beim Gottesdienst mitsingen zu dürfen und, geschmückt mit prächtigen Gewändern und ehrenvollen Abzeichen, die sie nach der Zeremonie wieder zurückgeben mußten, an Ehrenplätzen zu sitzen.

Ein so einförmiges, der Arbeit und dem Gebet gewidmetes Leben konnte den Wilden nicht behagen, deren Vorfahren frei die Wälder durchstreiften und sich von den Beschwerden der Jagd und den Mühen des primitiven Ackerbaues durch Feste und Tänze erholten. Die Guaranís, die den bei weitem größten Teil der Einwohnerschaft der Jesuiten-Niederlassungen ausmachten, liebten, wie alle wilden Völker, den Tanz leidenschaftlich. Die „Jesuiten erlaubten ihnen von Zeit zu Zeit Erholungen“, berichtet Charlevoix [79], „und das sowohl, um ihre Gesundheit wie auch eine Fröhlichkeit zu erhalten, die, weit entfernt, der Tugend zu schaden, diese lieben macht“. Heine [80] schildert in einem seiner beißenden Gedichte einen Schiffskapitän, der Sklavenhandel trieb. Von den gleichen lobenswerten Gründen wie die Jesuiten in Paraguay bewegt, ließ der philanthropische Händler mit Menschenfleisch täglich seine Ladung Ebenholz auf Deck kommen und zwang die Armen durch Peitschenhiebe zu Gesang und Tanz. Durch dieses hygienische Verfahren verhinderte er, daß seine Schwarzen vor Langeweile und Verzweiflung über ihre verlorene Freiheit starben.

Jede Mission hatte ihren besonderen Schutzheiligen, dessen Namen sie trug. Sein Fest war das große Freudenfest der Bewohner. Mit Ungeduld wurde seine jährliche Wiederkehr erwartet und lange im voraus wurden eifrigst Vorbereitungen zu seiner Feier getroffen. Das Fest dauerte drei Tage. Die Bildsäulen des Heiligen wurden dann durch die Straßen getragen, die mit Teppichen und Fahnen geschmückt waren. Matten und duftende Blumen bedeckten den Boden. Über den öffentlichen Plätzen und Straßenkreuzungen spannten sich mit frischen Laubgewinden bekränzte Triumphbogen, um die Vögel flatterten, die an den Füßen angekettet waren. Hier und da wurden Jaguare und andere reißende Tiere in Ketten gezeigt sowie in großen Bassins schwimmende Fische. „Mit einem Wort, alle lebenden Geschöpfe wohnten gleichsam durch Vertreter dem Fest bei, um dem Gottmenschen ihre Huldigungen darzubringen“, heißt es in den „Erbaulichen Briefen“. In den Straßen wurden geschlachtete Tiere aufgestellt, deren Fleisch zusammen mit einem Glas Wein pro Indianer zur Verteilung gelangte. Die Gemeindebeamten und die Personen, die bei den Zeremonien des Festes figurierten, trugen prächtige Gewänder aus Europa, die sie nach der Feier wieder zurückgeben mußten. Diese kirchlichen Feste übten einen so nachhaltigen Eindruck auf die Indianer aus, daß sie sie 1830 noch immer feierten, als d’Orbigny die Missionen besuchte. Allerdings begingen sie die Feste damals mit größerer Freiheit, denn die Bewohner der benachbarten Dörfer strömten in Massen herbei, um teilzunehmen an den Festlichkeiten, Tänzen, Ballspielen – bei denen der Ball mit dem Kopf geworfen wurde – und anderen ungewöhnlichen gymnastischen Übungen.

Indessen scheinen alle Gebete und religiösen Zeremonien die Indianer nicht gerade zu einem Christentum erster Güte erzogen zu haben. Wenigstens kann man zu diesem Schluß gelangen, wenn man den Behauptungen der Mönche Glauben schenkt, die an Stelle der Jesuiten die Leitung der Missionen übernahmen. Allerdings wollten die Jesuiten ja nicht die Liebe zu Gott, sondern die Liebe zur Arbeit entwickeln. Die Religion war für sie nur eine Werkzeug der Herrschaft, und ihre Gegner klagten sie deshalb unter anderem auch an, das Beichtgeheimnis zu mißachten und es zu mißbrauchen, um die Bewohner der Missionen auszuhorchen. Die Jesuiten haben gegen den Vorwurf dieses Verbrechens gegen die Religion energisch protestiert. Aber es ist sicher, daß sie sich zwar verpflichtet hatten, die Wilden zu unterrichten, aber den bekehrten Schäflein diesen Unterricht nur in dem Maße angedeihen ließen, als er ihnen selbst nützlich und erträglich war. Sie lehrten den Kindern Spanisch und Lateinisch lesen, obwohl diese nicht ein Wort dieser Sprachen verstanden. Man brachte ihnen also die Kunst bei, Worte von Idiomen zu entziffern, die ihnen ein Leben lang völlig fremd bleiben sollten. Dafür konnten sie bei der Messe als Chorknaben funktionieren, lateinisch dem Geistlichen die feststehenden Antworten beim Gottesdienst geben und lateinische und spanische Manuskripte abschreiben, die als Beweis ihrer wunderbaren Fortschritte an den Madrider Hof geschickt wurden. Mit der spanischen Sprache waren nur sehr wenige, sorgfältigst ausgewählte und geprüfte Indianer vertraut, die zum Zwecke des Verkaufs der Vorräte und Erzeugnisse der Ortschaften in die Städte gehen mußten. Das Schreiben wurde nur einer sehr kleinen Anzahl bekehrter Indianer gelehrt, die darin bewandert sein mußten, um die Bücher und Abrechnungen der Gemeinden führen zu können. Dafür bemühten sich die Missionare, den Indianern Handwerke zu lernen und ihre technischen Geschicklichkeiten zu entwickeln. Jede Mission erzeugte alles, was ihre Bewohner brauchten, sogar Musikinstrumente und Waffen, mit denen die Truppen ausgerüstet waren.

Funes sagt, daß es in jeder Mission Werkstätten gab, in denen verschiedenste Gewerbe getrieben wurden. Es gab Schmieden, Waffenschmieden, Gerbereien, Kunsttischlereien, Schuhmacherwerkstätten, Werkstätten für Bauarbeiten, für Uhrmacher, Vergolder, Maler und Bildhauer, Werkstätten, in denen das Wachs der wilden Bienen gereinigt und gebleicht wurde usw. Obgleich 1830 die Bevölkerung der Missionen bereits bedeutend zurückgegangen war, fand d’Orbigny doch, daß alle Handwerke weiter betrieben wurden. Zu ihnen waren unter Dr. Francia (der nach dem Sturz der spanischen Herrschaft Diktator von Paraguay wurde und es von 1814 bis zu seinem Tod 1840 blieb) neue Industriezweige und Beschäftigungsarten getreten, z.B. die Kultur des Zuckerrohrs. Der Staat, der an die Stelle der Jesuiten trat, war nun der einzige Grundeigentümer.

Die gewerbliche Ausbildung der Indianer begann frühzeitig und wurde mit vollendeter Geschicklichkeit geleitet. „Sobald ein Kind alt genug war um zu arbeiten“, schreibt Charlevoix, „führt man es in die Werkstätten und teilte es dem Handwerk zu, für das es die meisten Neigungen zu haben schien, weil man der Überzeugung ist, daß die Kunst von der Natur geleitet werden muß“.

Mit Ausnahme der Kaziken waren alle Indianer zur Arbeit verpflichtet. „Der oberste Gemeindebeamte und die Mitglieder des Gemeinderates samt ihren Frauen mußten die ersten in der Werkstatt sein“, sagt Funes und Charlevoix fügt hinzu: „Die Aufgabe war den Kräften angemessen und wer sie nicht erfüllte, wurde bestraft“. Die Näharbeiten wurden von den Musikern, Küstern und Chorknaben ausgeführt, damit die Frauen ausschließlich Baumwolle spinnen konnten. Die bestimmte Quantität Rohbaumwolle, die sie erhielten, mußten sie am Ende der Woche gesponnen abliefern, sonst wurden sie geprügelt. „In jeder Ortschaft gab es ein ‚Asyl‘, wo in Abgeschlossenheit jene Frauen wohnten, die kein Kind ernährten und deren Männer abwesend waren, ferner Witwen, Kranke, Greise und Krüppel. Man nährte sie und kleidete sie und wies in Arbeit zu, die ihren Kräften und Fähigkeit entsprach“ (Funes).

Man warf den Jesuiten vor, daß sie die Gütergemeinschaft eingeführt hätten und jeder Familie alles zuteilten, was zu ihrem Unterhalt nötig war. Charlevoix wäscht sie von diesen schwerwiegenden Anklagen rein. „Es kann wohl etwas Ähnliches gegeben haben“, sagt er [81], „als die neu angesiedelten Indianer noch nicht imstande waren, durch ihre Arbeit selbst für ihre Bedürfnisse zu sorgen, und als sie noch nicht in gesicherten Ortschaften seßhaft und endgültig eingerichtet waren. Aber seitdem sie nicht mehr zu befürchten brauchten, daß sie ihren Wohnsitz wechseln müssen, hat man jeder Familie ein Stück Grund und Boden zugeteilt, das, wenn es der erhaltenen Unterweisung gemäß bebaut wird, ihnen den nötigen Lebensunterhalt liefert. Dank der Art und Weise, wie man sie erzieht, darf man hoffen, daß sie nie den Überfluß kennenlernen werden“. Die von den Jesuiten befolgte Taktik war äußerst geschickt. Um die freien Indianer zu veranlassen, sich in den Ortschaften niederzulassen, gaben sie ihnen am Anfang Lebensmittel und ließen ihnen eine gewisse Freiheit. Jedoch sobald ihre Kinder ein gewisses Alter erreicht hatten, verurteilten sie sie zur Arbeit und zwangen sie, für ihren Unterhalt selbst dadurch zu sorgen, daß sie ein ihnen zugewiesenes Grundstück bebauen mußten. Die unterworfenen zivilisierten Indianer durften nur an zwei Tagen in der Woche für sich selbst arbeiten, die übrige Zeit mußten sie die Arbeit für „das Eigentum Gottes“ widmen. Das Getreide, das ihnen für die Bestellung der Felder oder zur Nahrung in Jahren der Mißwirtschaft vorgeschossen wurde, mußten sie bei der nächsten Ernte rückerstatten, oder sie wurden ausgepeitscht. Alle Bewohner der Niederlassung, mit Ausnahme derjenigen, die die Gemüse und andere Produkte zu verkaufen hatten, waren verpflichtet, ihre Lebensmittel selbst zu produzieren; die Ländereien der Indianer, die mit dem Handel der Mission betraut waren, wurden von der Gemeinschaft bestellt.

Das „Eigentum Gottes“ bestand aus den Ländereien, deren Ertrag den Jesuiten gehörte. In den weltlichen „comendarias“, von denen im zweiten Kapitel die Rede war, und die von den ersten Missionaren wegen der dabei üblichen Ausbeutung der Indianer aufs schärfste angegriffen wurden, mußten diese nur zwei Monate im Jahr für ihre weltlichen Herren arbeiten und verfügten nach Belieben über die restliche Zeit. Die guten Jesuiten kehrten das Verhältnis um, und das unter dem Vorwand, die Arbeit zu vermindern, die die Indianer für andere leisten mußten. Bei der Kultivierung des „Eigentum Gottes“ zeigt sich die ganze Geschicklichkeit der frommen Patres: Der Arbeit wurde der Charakter eines Festes aufgedrückt, wie dies bei der Bestellung der Felder der Sonne, des Gottes der Inka von Peru, der Fall gewesen war. Man versammelte sich in einer Schar auf dem öffentlichen Platze der Ortschaft, die Statue der Jungfrau Maria oder eines Heiligen wurde auf eine Tragbahre gestellt, und – ein Musikkorps voran – bewegte man sich unter dem Gesang frommer Lieder im Zug nach den Feldern des Herrn. An Ort und Stelle der Arbeit angekommen, errichtete man einen Altar aus Zweigen, auf den die Statue gestellt wurde, vor deren Augen man pflügte und erntete. War die Arbeit beendet, so stellte man die Heiligen wieder auf die Tragbahre und zog in feierlicher Prozession, laut singend und unter den Klängen der Musik in die Mission zurück.

Die Indianer durften nicht über den Ertrag ihrer Felder verfügen und über die Erzeugnisse, die sie während der zwei ihnen freigelassenen Tage herstellten. „Man weiß, was ihm sein Grundstück trägt“, sagte Charlevoix, „und seine Ernte stand unter der Aufsicht derer, die das meiste Interesse daran hatten, darüber zu wachen [...] Und wenn man nicht sehr fest die Hand darauf hielte, würde die Indianer bald ohne Nahrungsmittel sein“. Der Indianer besaß nur seinen elenden Werktagsanzug, denn die Kleider, die die Offiziere während der militärischen Übungen und die Gemeindebeamten sonntags und bei religiösen Zeremonien trugen, wurden, wie die Waffen, in den Magazinen der Gemeinde aufbewahrt. Es wird versichert, daß nachts die Kirchenglocke Männern und Frauen die Stunde verkündete, die sie den Freuden der Venus widmen durften. Um die Indianer zu veranlassen, sich zu vermehren, verboten die Jesuiten Männern und Frauen, das Haar lang wachsen zu lassen, ehe sie Kinder gezeugt hatten. Dieser Brauch hat sich noch nach der Vertreibung der Jesuiten gehalten. „Die jungen kurzgeschorenen Paare [pelados y peladas]“, sagt d’Orbigny, „geben sich alle Mühe, die Erlaubnis zu verdienen, langes Haar tragen zu dürfen“.

Funes selbst muß zugeben, daß es in dieser christlichen Republik an Freiheit fehlte. „Wir geben zu“, sagt er, „daß die Freiheit der Indianer in Bezug auf die Verfügung über ihr Eigentum nicht die Freiheit war, die dem Ideal einer Republik entspricht. Nichts wäre törichter gewesen, als eine Freiheit zu gewähren, die mit dem Charakter und den Lebensbedingungen dieser Indianer unvereinbar war. Durch die Barbarei, in der sie lebten, daran gewöhnt, sich nur von dem augenblicklichen Wunsch leiten zu lassen, ohne je über die Gegenwart hinauszublicken, sich nur zu entscheiden unter dem Druck einer zwingenden Notwendigkeit und unter der steten Herrschaft der Leidenschaft, nie der Vernunft gemäß zu handeln, mußten sie einige Jahrhunderte sozialer Kindheit durchleben, ehe sie jene Reife erlangten, die die Voraussetzung des vollen Gebrauches der Freiheit ist. Der Zeitpunkt, ihnen diese zu geben, war noch nicht gekommen, und die Indianer mußten deshalb durch Einrichtungen regiert werden, ähnlich denen, wodurch ein Vater seine Familie regiert“. Azara scheint diese Entschuldigungen vorausgesehen zu haben, denn er erinnert daran, daß die freilebenden Indianer ihre Vorräte einteilen, damit sie das ganze Jahr hindurch reichen. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Jesuiten legen die Indianer eine sehr große Voraussicht an den Tag. Morgan erzählt in seiner „Urgesellschaft“ nach dem Pfarrer Gorman von den Indianer der Dörfern von Laguna (Neumexiko), daß sie die Vorräte in gemeinsamen Speichern unterbringen, die von Frauen verwaltet werden. „Diese betätigen mehr Sorge für die Zukunft als ihre spanischen Nachbarn; sie richteten es ein, daß ihre Vorräte das ganze Jahr hindurch reichten; erst wenn es zwei Jahre nacheinander Mißwirtschaft gegeben hat, leiden die Ortschaften Hunger“. Die Jesuiten gewöhnte die Guaranís ihrer Missionen absichtlich daran, nicht an die Zukunft zu denken, damit sie die Wilden leichter regieren und ihnen als eine Vorsehung entgegentreten konnten, die für alle ihre Bedürfnisse aufmerksam sorgte.

Die christliche Republik, die die Jesuiten in Paraguay gründen konnten, ohne daß irgendein äußeres Hindernis sich der vollkommenen Durchführung der Grundsätze des Evangeliums entgegenstellte, entpuppte sich als eine kluge und einträgliche Verquickung von Hörigkeit und Sklaverei. Wie die Leibeigenen waren die bekehrten Indianer gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu erzeugen; und wie die Sklaven waren sie jedes Eigentums beraubt.

Diese Familienväter, wie Funes die Jesuiten nennt, gaben den Indianer nur ihre Kleidung und die war armselig genug. Alle Indianer gingen barfuß, obgleich es in den Missionen Gerbereien und Schuhmacherwerkstätten gab, deren Erzeugnisse in den Städten verkauft wurden. Die Frauen trugen nur ein Hemd aus grober Leinwand, das ärmellos und um die Hüften von einer Schnur zusammengehalten wurde. Die Männer waren mit Hemd und Hose aus der gleichen Leinwand bekleidet. Sie trugen eine baumwollene Mütze; die Frauen gingen barhäuptig. [82] Jede Frau erhielt jährlich 5 Vara [83] (4½ Meter) und jeder Mann 6 Vara (5 Meter 40 Zentimeter) Stoff zur Kleidung. Die Leinwand, aus der diese hergestellt wurde, wurde von den Indianer gesponnen und gewebt.

Diese wohnten ebenso jämmerlich, als sie schlecht gekleidet waren. „Die Häuser“, sagt Charlevoix [84], „wurden anfangs aus Rohr gebaut, das einen Lehmbewurf erhielt. Sie hatten weder Fenster noch Schornstein. Der Herd befand sich in der Mitte, und der Rauch zog durch die Türe ab. Jetzt hat man begonnen, steinerne Häuser zu bauen, die mit Schiefer gedeckt sind. Charlevoix schrieb im Jahr 1757, 11 Jahre vor der Vertreibung der Jesuiten und anderthalb Jahrhunderte nach der Gründung der Missionen. Funes führt im Zusammenhang mit den Wohnungen einige ergänzende Tatsachen an. „Die Häuser hatten weder Fenster noch eine Vorrichtung, die den freien Durchzug der Luft ermöglichte: Sie enthielten keine Möbel. Alle Einwohner der Missionen setzten sich auf die Erde und aßen auf dem Boden. Sie hatten keine Betten und schliefen in Hängematten“. Später baute man regelrechte Häuser, die aber nicht besser ausgestattet wurden. Alle Indianer, die denselben Kaziken anerkannten und folglich dem gleichen Clan angehörten, bewohnten eine Galerie oder langes Gemach, das in Einzelzimmer von zwei bis drei Meter abgeteilt wurde. In jedem Zimmer schlief eine Familie ohne Betten und ohne Möbel. Diese von den Lobredner der Jesuiten, Charlevoix und Funes, sowie von Azara berichteten Einzelheiten zeigen uns, daß die Indianer der Missionen wie im wilden Zustand in gemeinsamen Häusern beieinander wohnten, die den von Morgan beschriebenen „long houses [langen Häusern]“ der Irokesen entsprachen. [85] Die Missionare kümmerten sich blutwenig darum, die materiellen Verhältnisse der Indianer zu heben, deren Zivilisation sie herbeiführen wollten, ihnen kam es nur darauf an, sie zur Arbeit zu „erziehen“.

Der Gesundheitszustand in den Missionen war geradezu jämmerlich. Charlevoix erzählt, daß die Einwohnerschaft der Niederlassungen häufig gelichtet wurde durch Pockenepedemien, Fleckfieber, das bösartige Fieber und eine vierte Epidemie, von der er nichts weiter sagt, als daß sie von äußerst stechenden Schmerzen begleitet ist. Trotzdem fügt er hinzu: „In keiner Ortschaft, auch nicht einmal in einem ganzen Kanton hatte man ein Hospital oder auch nur eine gute Apotheke eingerichtet, wie dies für die Moros geschehen war, unter denen die Jesuiten von Peru eine Republik nach dem Muster der Guaraní-Republik gegründet hatten. Allerdings hatte dort die öffentliche Wohltätigkeit die Mittel dafür aufgebracht, die man in Paraguay zu finden nicht erwarten darf, weil es hier keine wohlhabenden Leute gibt“. [86] Die guten jesuitischen „Familienväter“ hatten wie alle Kapitalisten kein zwingendes Interesse an der Erhaltung des Lebens ihrer Arbeitskräfte, die sie ja nicht wie die Sklavenhalter zu kaufen brauchten. So verausgabten sie keinen Pfennig für die Indianer, die ihnen Reichtümer verschafften.

Die Jesuiten jammerten stets über die Armut der Missionen. Ihren Behauptungen nach hatten die seßhaften Indianer, die sechs Tage in der Woche arbeiteten, „kaum so viel, um sich täglich ein wenig Fleisch, Mais, etwas Gemüse, schlechte und grobe Kleider verschaffen und für die Mittel aufkommen zu können, die für den Unterhalt ihrer Kirchen erforderlich sind“. Und das, obwohl der natürliche Reichtum Paraguays erstaunlich groß ist. Man erntet hier zwei Mal im Jahr Mais [87], seit der Diktatur von Dr. Francia auch zwei Mal Weizen. Die Erbaulichen Briefe erzählen, daß es im Lande einen außerordentlichen Überfluß gab an „Früchten, deren Mannigfaltigkeit wunderbar ist, und die man nur zu pflücken brauchte. Im Lande gab es mehr als zehn Arten wilder Bienen [88], von denen manche einen köstlichen Honig lieferten [...] Seen und Flüsse voller Fische, deren Fleisch zart und nahrhaft war und von denen ein einzelner mancher Arten für die Mahlzeit von fünf Personen ausreicht [...] Wälder und Ebenen voller Hirsche, Rehe, wilde Ziegen, wilde Schweinen, Utias (eine Hasenart) und eine ungeheure Menge wilder Pferde und Rinder [...]. Im Jahr 1730 konnte man in Buenos Aires ein Pferd für zwei Nähnadeln einhandeln, einen Ochsen für den gleichen Preis [...]. [89] Die Wachteln und Rebhühner, die fast Huhngröße erreichten, waren so zahlreich, daß man sie mit Stöcken totschlug“. [90] Der ganz gewöhnliche natürliche Reichtum des Landes wurde noch vermehrt durch die Arbeit der Indianer, deren Erzeugnisse die Gesellschaft Jesu in den Stand setzten, einen blühenden Handel zu treiben mit Maté, Rohbaumwolle, gesponnener Baumwolle, gegerbten Häuten, Schuhen, Wachs, Tabak, Getreide, frische und getrockneten Gemüsen.

In dem von der Natur so wunderbar reich bedachten Land verurteilten die Jesuiten ihrer Arbeiter der Missionen zu einer elenden Lebenshaltung und machten ihnen noch einen Vorwurf aus dem wenigen, das sie verzehrten. Wie die Kapitalisten ihre Arbeiter als Trunkenbolde hinstellen, so bezichtigen die Jesuiten die Indianer beständig der Genußsucht und der Gefräßigkeit. Die ersten Reisenden, die mit ihnen in Berührung kamen, bewunderten dagegen ihre Mäßigkeit und schilderten das Erstaunen der Wilden darüber, daß ein Europäer bei einer einzigen Mahlzeit so viel verzehren könne. D’Orbigny, der das Einsammeln des wilden Honigs durch die Indianer der Mission von Santa Ana beobachtete, berichtet, daß die Indianer ungefähr 20 Tage in den Wäldern verbrachten und während er Zeit keine andere Nahrung hatten als Maiskolben und ein aus Honig bereitetes Getränk. Unsere Kapitalisten bezeichnen die Proletarier, die ihnen zu Abermillionen verhelfen und die Wunder der Zivilisation verschaffen, als Dummköpfe und Faulpelze. Die Jesuiten, die ihnen in allem als Beispiel dienen wollten, warfen den Indianern vor, „faul zu sein“ (Charlevoix) [91], „zu allen Lastern geneigt zu sein“ (Farardo, Bischof von Buenos Aires), „beschränkten Geistes zu sein, wodurch die Patres gezwungen waren, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen“ (Ullola).

Funes anerkennt dagegen, daß „das Talent dieser Indianer für Nachahmungen jeder Art wunderbar war; glänzend war ihr Erfindungstalent“. Charlevoix selbst muß zugeben, daß die Indianer einen sehr hohen Grad von „Talent für Nachahmung besitzen: Man braucht ihnen nur Kreuze, Leuchter, Weihrauchbecken zu zeigen, damit sie diese nachahmen, und oft hat man Mühe, ihre Arbeit von dem Muster zu unterscheiden. Sie erzeugen ihre Feuerwaffen, Flinten und Kanonen, ihre Musikinstrumente, Orgeln der kompliziertesten Art, nachdem sie diese nur einmal gründlich betrachtet und untersucht haben, ebenso astronomische Instrumente, Teppiche nach Art der türkischen, und das Schwierigste, was es auf dem Gebiet der Weberei gibt“. [92] Die ersten Kirchen der Missionen wurden wegen Steinmangels sehr roh aus Balken zusammengezimmert, die man mit Lehm verkleidete. An ihrer Stelle entstanden neue Gotteshäuser aus Stein, die das Werk der Indianer mit „beschränktem Geist“ waren. „Diese Verzierungen“, sagte Charlevoix, „würden die schönsten Kirchen Spaniens nicht verunstalten“.

Funes protestiert dagegen, daß Raynal behauptet, die Jesuiten hätten „die selben Methoden angewendet, mit denen die Inkas ihr Reich regierten und ihre Eroberungen mehrten“. Funes hat recht. Die christliche Republik, „die die Lehren des Evangeliums und dem Wandel der ersten Gläubigen entsprechend gegründet worden war“, war keineswegs eine kommunistische Gesellschaft, in der alle Glieder an der Erzeugung landwirtschaftlicher und industrieller Produkte teilnahmen und gleicherweise Anspruch hatten auf die erzeugten Güter. Sie war vielmehr ein kapitalistischer Staat, in dem Männer, Frauen und Kinder, zur Zwangsarbeit und zur Peitsche verurteilt und aller Rechte beraubt, in dem gleichen Elend und der gleichen Verkommenheit dahinvegetierten, wie kräftig auch Ackerbau und Industrie aufblühten, wie groß auch der Überfluß der Güter war, den sie erzeugten.

 

 

Anmerkungen

66. * Vgl. zum Folgenden Charlevoix (siehe Anm.10), 283ff.

67. * Charlevoix (siehe Anm.10), 304ff.

68. A(*lcide Dessalines) d’Orbigny: Voyage dans l’Amérique mérdionale de 1826 à 1833, Paris (* 1839-1844).

69. * Charlevoix (siehe Anm.10), 284.

70. Don Antonio de Ullola: Relación historical (* Historischer Bericht), von Charlevoix zitiert.

71. Das in den Missionen durchgeführte System der Unfreiheit entspricht so vorzüglich den Erfordernissen der kapitalistischen Ausbeutung, daß eine französische Aktiengesellschaft – wahrscheinlich ohne eine Ahnung von den Niederlassungen der Jesuiten in Paraguay zu haben – es gegenüber ihren Arbeitern zur Anwendung brachte. Die großen Ausbeutungsgenies finden sich. – Villeneuvette ist ein Ort, der auf einem Felsen der Cevennen gelegen ist. Das Ortsgebiet und alle Gebäude, von der Mairie und der Kirche bis zu den Arbeiterwohnungen, sind Eigentum einer Aktiengesellschaft, die Tuch für die französische Armee fabriziert. Niemand darf ohne Erlaubnis der Unternehmer den Ort betreten oder in ihm wohnen. Dieser ist wie die mittelalterlichen Städte von Gräben umgeben. Die Zugbrücke wird abends aufgezogen. Um 9 Uhr abends muß jedermann zu Bett gehen, und beim Morgengeläut müssen alle aufstehen. Die Zahl der männlichen Einwohner beträgt 400; sie sind alle Weber oder Fabrikangestellte. Die französische Sprache ist in Villeneuvette unbekannt, da spricht man nur den in den Cevennen verbreiteten Dialekt. Der Handel mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken ruht in den Händen der Aktiengesellschaft. Der Mairie und die Gemeideräte sind Arbeiter, die nur gewählt werden können, wenn ihre Person den Unternehmern genehm ist. Diese Ordnung der Dinge in Villeneuvette, die aus dem 18. Jahrhundert stammt, besteht noch heutzutage.

72. * Zunächst „Instruktionen“, die später zu eine ersten und zweiten „reglamento general“ zusammengefaßt wurden (Hernandez [siehe Anm.23], 1, Anhang 40-43).

73. * Charlevoix (siehe Anm.10), 284.

74. * Ketzergericht und -verbrennung.

75. * Charlevoix (siehe Anm.10), 315.

76. * Ebenda, 307.

77. * Titel der deutschen Übersetzung: Das Fabrikwesen in wissenschaftlicher, moralischer und commercieller Hinsicht für Deutschlands Staatsmänner, Fabrikherren, Kaufleute und jeden gebildeten Vaterlandsfreund, Leipzig 1847.

78. * Charlevoix (siehe Anm.10), 306f. (dort „Congregationen“).

79. * Ebenda, 318.

80. * Der engagierte deutsche Dichter Heinrich Heine (1797-1856) schloß sich im Pariser Exil den Saint-Simonisten an.

81. * Charlevoix (siehe Anm.10), 292.

82. * Ebenda, 294.

83. * Elle = 0,835 m.

84. * Charlevoix (siehe Anm.10), 289.

85. * Morgan: Die Urgesellschaft, Stuttgart 1908 [Reprint: Wien 1987], 59.

86. * Charlevoix (siehe Anm.10), 325ff.

87. * Ebenda, 103.

88. * Nach ebenda, 19, „17 verschiedene Arten“.

89. * Ebenda, 13.

90. * Nach Charlevoix „gleich den Fischen mit der Angel fängt“.

91. * „Beinahe alle sind von Natur aus dumm, wild, unbeständig, meineidig, Menschenfresser, außerordentlich gefräßig, der Trunkenheit ergeben, ohne Vorsicht und kümmern sich nicht um die Zukunft, ja nicht einmal um die Bedürfnisse des Lebens, denn die Trägheit und Untätigkeit, in welcher sie ihr Leben zubringen, übertrifft alle Vorstellungen“ (Charlevoix [siehe Anm.10], 11).

92. * Ebenda, 287.

 


Zuletzt aktualisiert am 25.6.2004.