Paul Lafargue

 

Persönliche Erinnerungen an Friedrich Engels

(Juli 1905)


In: Die Neue Zeit, 23. Jahrg., 2. Bd., 1904/1905, S. 556-561.
Abgedruckt in Mohr und General, Erinnerungen an Marx und Engels, 2. Auflage, Berlin: Dietz Verlag, 1965, S. 476-484.
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Ich machte Engels' Bekanntschaft im Jahre 1867, dem Jahre der Veröffentlichung des ersten Bandes des „Kapitals“.

„Ich muß dich jetzt, wo du der Bräutigam meiner Tochter bist, Engels vorstellen“, sagte mir Marx, und wir reisten nach Manchester ab.

Engels lebte mit seiner Frau und deren Nichte, die damals sechs bis sieben Jahre alt war, in einem Häuschen am äußeren Ende der Stadt; einige Schritte weiter befand man sich schon im freien Felde. Er war zu jener Zeit Teilhaber an einem Unternehmen, das sein Vater gegründet hatte. Gleich Marx war er nach der Niederschlagung der Revolution auf dem Kontinent nach London geflüchtet, und er wollte sich ebenso wie dieser völlig der politischen Agitation und den wissenschaftlichen Studien hingeben.

Doch Marx hatte sein Vermögen und das seiner Frau im Sturme der Revolution verloren, und auch Engels besaß keine Hilfsmittel; er mußte daher auf Einladung seines Vaters nach Manchester zurückkehren und in dessen Unternehmen die Stellung eines Kommis, die er schon 1845 bekleidet hatte, wieder einnehmen, während Marx durch seine wöchentlichen Korrespondenzen für die „New-York Daily Tribune“ kaum die dringendsten Bedürfnisse seiner Familie zu befriedigen vermochte. Engels führte von da bis 1870 eine Art Doppelleben: die sechs Wochentage war er von 10 bis 4 Uhr Kaufmann, der hauptsächlich die vielsprachige Korrespondenz des Hauses zu führen hatte und auf die Warenbörse ging; im Mittelpunkt der Stadt hatte er eine offizielle Wohnung, wo er seine Geschäftsfreunde empfing, während er in seinem kleinen Vorstadthäuschen nur seine politischen und wissenschaftlichen Freunde zuließ, unter ihnen der Chemiker Schorlemmer und Samuel Moore, der spätere Übersetzer des ersten Bandes des „Kapitals“ ins Englische. Seine Gattin, von irischer Abstammung und eine heißblütige Patriotin, stand in fortgesetzter Verbindung mit Irländern, deren es in Manchester sehr viele gab, und war stets auf dem laufenden über ihre Komplotte; mehr als ein Fenier fand Unterkunft in ihrem Hause und ihr verdankte es der Führer des Handstreichs, der die zum Tode verurteilten Fenier auf dem Wege zum Galgen befreien wollte, daß er der Polizei entwischen konnte. Engels, der sich für die Fenierbewegung interessierte, hatte Dokumente zu einer Geschichte der englischen Herrschaft in Irland gesammelt; einige Teile davon müssen niedergeschrieben sein und sich unter seinen Papieren vorfinden. Wenn er des Abends, befreit von der geschäftlichen Sklaverei, in sein Häuschen heimgekehrt, wieder ein freier Mensch wurde, so führte er tagsüber nicht nur das Geschäftsleben der Industriellen Manchesters, sondern er teilte auch ihre Vergnügungen; er nahm teil an ihren Versammlungen, an ihren Banketten und an ihren Sports. Als vortrefflicher Reiter besaß er ein eigenes Jagdpferd (hunter), um an den Fuchsjagden teilzunehmen ; niemals versäumte er, dabeizusein, wenn Adel und Gentry der Umgebung nach altem feudalen Brauche alle Reiter in der Runde einluden, die Fuchshatz mitzumachen : Er war der ersten einer unter den Eifrigsten bei der Verfolgung, der alle Gräben, Hecken und sonstigen Hindernisse nahm. „Ich fürchte immer eines Tages zu hören, daß ihm ein Unfall zugestoßen ist“, sagte mir Marx.

Ich weiß nicht, ob seine Bourgeoisbekannten Kenntnis von seinem anderen Leben hatten; die Engländer sind so ungemein diskret und so wenig neugierig für alles, was sie nichts angeht; aber auf alle Fälle wußten sie absolut nichts von den hohen geistigen Eigenschaften des Mannes, mit dem sie täglich verkehrten, denn Engels zeigte ihnen sehr wenig von seinem Wissen. Er, den Marx als einen der gelehrtesten Männer Europas schätzte, war für sie nichts als ein lustiger Kumpan, der einen guten Tropfen zu würdigen wußte. So war die Meinung der Kaufleute von Manchester über ihn, wie sich einer von ihnen Frau Marx gegenüber äußerte. „Engels ist ein frivoler Mensch“, hatte eine Dame 1848 von ihm gesagt. Nie war ein Gelehrter weniger pedantisch als er.

Bis zum Ende seiner Tage ist er der heitere Gefährte, der angenehme Kamerad geblieben. Er liebte stets die Gesellschaft der Jugend, und er war stets ein gastfreier Wirt. Zahlreich sind die Sozialisten Londons, die durchreisenden Genossen, die Flüchtlinge aus allen Ländern, die am Sonntag sich an seinem brüderlichen Tische versammelten, und sie alle verließen sein Haus entzückt von diesen Abenden, die er durch seine hinreißende Lebhaftigkeit, seinen Geist, seine nie alternde Heiterkeit belebte.

Man kann an Engels nicht denken, ohne daß Marx unmittelbar in der Erinnerung auftaucht und umgekehrt: ihre Existenzen haben sich so ineinander verflochten, daß sie sozusagen ein einziges Leben bildeten; dennoch waren sie stark ausgeprägte und sehr voneinander verschiedene Persönlichkeiten nicht bloß nach der äußeren Erscheinung, sondern auch nach Temperament, Charakter und nach der Art, zu denken und zu fühlen. In den letzten Novembertagen des Jahres 1842 lernten sie sich persönlich kennen, bei einem Besuche, den Engels der Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ abstattete. Als Marx „eine durch die Zensur verursachte Einstellung der ,Rheinischen Zeitung' dazu benutzte, um zu heiraten“ und nach Frankreich zu gehen, besuchte ihn Engels im September 1844 auf einige Tage in Paris. „Beide waren“, wie Engels in seiner Biographie von Marx mitteilt, „seit der gemeinsamen Arbeit an den 'Deutsch-Französischen Jahrbüchern' in Briefwechsel getreten, und von hier an datiert das Zusammenwirken beider, das nur mit dem Tode von Marx ein Ende nahm.“ Anfang 1845 wurde Marx durch das Ministerium Guizot auf das Verlangen der preußischen Regierung aus Frankreich ausgewiesen und zog nach Brüssel; bald darauf kam auch Engels dorthin, und als die Revolution von 1848 die „Rheinische Zeitung“ wieder ins Leben rief, war Engels an Marx' Seite und vertrat ihn in der Leitung der Zeitung, wenn dieser abwesend sein mußte. Doch gewann Engels trotz seiner geistigen Überlegenheit nicht dieselbe Autorität wie Marx gegenüber seinen Mitredakteuren, jungen Leuten, die sich alle durch Talent, revolutionären Geist und Kampfesmut auszeichneten. Marx erzählte mir, daß er nach der Rückkehr von seiner Reise nach Wien die Redaktion durch Streitigkeiten zersplittert fand, die Engels nicht hatte beilegen können; die Gegensätze waren so zugespitzt, daß man sie nur durch Duelle lösen zu können glaubte; es hätte seiner ganzen Diplomatie bedurft, um den Frieden wiederherzustellen. Marx war ein geborener Leiter der Menschen; er übte seinen Einfluß auf alle aus, die mit ihm in Verbindung traten. Engels war der erste, dies anzuerkennen; oft hat er mir gesagt, daß Marx seit seiner frühesten Jugend allen durch die Klarheit und Entschiedenheit seines Charakters imponiert hätte, er war der wahre Führer, in den alle vollstes Vertrauen setzten, selbst bei Dingen, die außerhalb seiner Kompetenz lagen, wie folgende Tatsache beweisen mag. Wolff, dem der erste Band des „Kapitals“ gewidmet ist, war in Manchester, wo er wohnte, schwer erkrankt. Die Ärzte gaben ihn auf, aber Engels und seine Freunde wollten den schrecklichen Urteilsspruch nicht glauben und erklärten einstimmig, Marx müsse telegraphisch herbeigerufen werden, um seine Meinung abzugeben.

Engels, der in England gelebt und daselbst die Theoretiker der politischen Ökonomie, die Lage der Arbeiter, die Bedingungen der Großindustrie und die chartistische Bewegung studiert hatte, nahm einen entscheidenden Einfluß auf die geistige Richtung von Marx, der bis dahin sich mehr mit Philosophie, Geschichte, Rechtswissenschaft und Mathematik befaßt hatte. Er war die veranlassende Ursache, die diesen bestimmte, sich der politischen Ökonomie zu widmen, von der seine Familie und seine Universitätsprofessoren nur eine sehr geringe Meinung hatten. Bald wurde es Marx klar, daß in den ökonomischen Erscheinungen der Schlüssel zur Geschichte der Gesellschaft und der Ideen zu suchen sei. Engels erzählte mir, daß Marx 1844 in Paris im Café de la Régence, einem der ersten Zentren der Revolution von 1789, ihm zum ersten Mal den ökonomischen Determinismus seiner Theorie der materialistischen Geschichtsauffassung vortrug.

Engels und Marx hatten die Gewohnheit angenommen, zusammen zu arbeiten; Engels, der doch die Genauigkeit bis zum äußersten trieb, konnte dennoch manchmal über die Skrupulosität von Marx ungeduldig werden, der keinen Satz aufstellen wollte, den er nicht auf zehn verschiedene Arten beweisen konnte. Nach der Niederwerfung der Revolution mußten die beiden Freunde sich trennen. Der eine ging nach Manchester, der andere blieb in London; aber sie hörten nicht auf, in Gedanken miteinander zu leben: jeden Tag oder doch fast jeden Tag während siebzehn Jahren teilten sie sich durch Briefe ihre Eindrücke und ihre Betrachtungen über die politischen Ereignisse und die Fortschritte ihrer Studien mit. Diese Korrespondenz existiert noch. Engels verließ Manchester, sobald er sich von dem kaufmännischen Joche freimachen konnte, und eilte nach London, wo er sich in Regent's Park Road niederließ, zehn Minuten von Maitland Park, wo Marx wohnte. Jeden Tag gegen 1 Uhr begab er sich zu Marx, und wenn das Wetter schön und Marx disponiert war, so gingen sie zusammen nach der Heide von Hampstead spazieren; wenn nicht, dann blieben sie eine oder zwei Stunden beisammen, um zu plaudern, wobei sie im Arbeitszimmer von Marx auf und ab gingen, der eine in der einen Diagonale, der andere in der anderen. Ich entsinne mich einer Diskussion über die Albigenser, die sich durch mehrere Tage hinzog. Marx studierte eben die Rolle der jüdischen und christlichen Finanzmänner des Mittelalters. In den Zwischenzeiten bis zu ihrem Wiedersehen machten sie Nachforschungen über die strittige Frage, um zum gleichen Resultat zu gelangen. Keine andere Kritik ihrer Gedanken und Arbeiten hatte für sie dieselbe wichtige Bedeutung als ihre wechselseitige: Sie hatten die höchste Meinung voneinander. Marx wurde nicht müde, die Universalität des Wissens von Engels zu bewundern, wie auch seine wunderbare geistige Elastizität, die ihm gestattete, mit Leichtigkeit von einem Gegenstand zum anderen überzugehen, und Engels liebte es, die Macht von Marxens Analyse und Synthese anzuerkennen. „Gewiß“, sagte er mir eines Tages, „wäre man auf jeden Fall dahin gelangt, den Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise zu verstehen und auseinanderzusetzen und die Gesetze ihrer Entwicklung zu entdecken und zu erklären, allein man hätte viel Zeit dazu gebraucht und die Arbeit wäre Stückwerk und Flickwerk gewesen. Nur Marx allein war imstande, alle ökonomischen Kategorien in ihrer dialektischen Bewegung zu verfolgen, ihre Entwicklungsmomente mit den sie bestimmenden Ursachen zu verbinden und den Bau der Gesamtheit der Ökonomie in einem theoretischen Monument zu rekonstruieren, dessen einzelne Partien sich gegenseitig stützen und beherrschen.“

Doch nicht nur arbeiteten ihre Gehirne gemeinsam, es beseelte sie auch die zärtlichste Zuneigung für einander: immer war der eine darauf bedacht, dem anderen eine Freude zu machen; der eine war auf den anderen stolz. Eines Tages bekam Marx einen Brief seines Hamburger Verlegers, der ihm von einem Besuch erzählte, den ihm Engels gemacht, und den er dabei als einen der reizendsten Menschen kennengelernt habe. „Ich wollte den sehen“, rief er sich beim Lesen unterbrechend aus, „der Fred nicht ebenso liebenswürdig als gelehrt findet!“ Alles hatten sie gemeinsam: die Börse und das Wissen. Als Marx mit der Korrespondenz für die „New-York Daily Tribune“ betraut wurde, lernte er Englisch: Engels übersetzte seine Artikel, ja schrieb sie sogar, wenn es nötig war. Und als Engels seinen „Anti-Dühring“ vorbereitete, unterbrach Marx seine Arbeiten, um für ihn eine ökonomische Abhandlung zu schreiben, von der Engels einen Teil benutzte, wie er öffentlich erklärt hat.

Engels dehnte seine Freundschaft auf die ganze Familie aus; die Töchter von Marx waren seine Kinder, sie nannten ihn ihren zweiten Vater. Seine Freundschaft ging bis über das Grab hinaus. Nach Marx' Tode war nur Engels imstande, seine Manuskripte zu sichten und seine nachgelassenen Werke herauszugeben. Er setzte seine allgemeine Philosophie der Wissenschaften zur Seite, an der er seit mehr als zehn Jahren arbeitete und für die er eine Übersicht über alle Wissenschaften und deren letzte Fortschritte gemacht hatte, um sich ganz der Veröffentlichung der beiden letzten Bände des „Kapitals“ zu widmen.

Engels liebte das Studium um des Studiums willen: ihn interessierten alle Gebiete. Nach der Niederwerfung der Revolution 1849 war er auf ein Segelschiff gegangen, um von Genua nach England zu gehen, da ihm die Reise von der Schweiz durch Frankreich unsicher schien. Diese Gelegenheit hatte er benutzt, um seemännische Kenntnisse zu erwerben; er hatte an Bord ein Tagebuch geführt, worin er die Veränderungen im Stande der Sonne, die Windrichtung, die Beschaffenheit des Meeres usw. notierte. Dieses Tagebuch muß sich unter seinen Papieren finden; denn der bewegliche, ungestüme Engels war methodisch wie eine alte Jungfer. Er bewahrte alles und registrierte es mit der peinlichsten Genauigkeit. Philologie und Kriegskunst waren seine ersten Lieben gewesen; er wurde ihnen niemals untreu und hielt sich stets über ihre Fortschritte auf dem laufenden. Die geringfügigsten Details erschienen ihm wertvoll; ich entsinne mich, wie er mit seinem Freunde Mesa, der aus Spanien kam, laut den „Romancero“ las, um eine Lektion im Akzentuieren zu nehmen. Seine Kenntnis der europäischen Sprachen, ja sogar der Dialekte, war unglaublich groß. Als ich nach dem Falle der Kommune mit den Mitgliedern des Nationalrats der Internationale in Spanien zusammentraf, erzählten sie mir, daß ein gewisser Angel mich im Sekretariat des Generalrats für Spanien vertrete, der das reinste Kastilianisch schreibe; dieser Angel war der spanisch ausgesprochene Engels; als ich mich nach Lissabon begab, meldete mir Francia, der Sekretär des Nationalrats für Portugal, daß er von Engels Briefe im tadellosesten Portugiesisch bekäme – eine hübsche Leistung, wenn man die Ähnlichkeiten und kleinen Differenzen zwischen den beiden Sprachen untereinander und dem Italienischen bedenkt, das er mit gleicher Meisterschaft beherrschte. Er legte eine gewisse Koketterie darein, den Personen, mit denen er korrespondierte, in ihrer Muttersprache zu schreiben: Er schrieb russisch an Lawrow, französisch an Franzosen, polnisch an Polen usw. Er schwelgte in der Lektüre von Lokaldialekten, er beeilte sich, die populären Schriften von Bignami kommen zu lassen, die im Mailänder Dialekt abgefaßt waren. Am Strande von Ramsgate zeigte ein Schaubudenbesitzer, der von einer Menge kleiner Leute aus London umlagert war, einen bärtigen Zwerg in brasilianischer Generalsuniform. Engels sprach ihn portugiesisch, dann spanisch an – keine Antwort. Endlich ließ der General ein Wörtchen fallen. „Aber“, rief Engels aus, „dieser Brasilianer ist ja ein Irländer!“ – und er apostrophierte ihn in seinem heimischen Dialekt. Der arme Unglückliche weinte vor Freuden, als er ihn hörte. „Engels stottert in zwanzig Sprachen“, sagte ein Kommuneflüchtling, indem er sich über Engels' leichtes Stottern in Augenblicken der Erregung lustig machte.

Kein Gebiet war ihm gleichgültig; in seinen letzten Lebensjahren begann er Werke über Geburtshilfe zu lesen, weil eine bei ihm wohnende Frau Freyberger sich auf ein medizinisches Examen vorbereitete. Marx warf ihm vor, daß er sich so zersplittere, auf so vielerlei Gegenstände, nur zum Vergnügen, „ohne daran zu denken, für die Welt zu arbeiten“. Er gab ihm den Vorwurf zurück, indem er sagte: „Ich würde mit Vergnügen die russischen Veröffentlichungen über die Lage der Landwirtschaft verbrennen, die dich seit Jahren hindern; das ‚Kapital' zu vollenden!“ Marx hatte sich nämlich an das Studium der russischen Sprache gemacht, weil einer seiner Freunde, Danielson aus Petersburg, ihm die zahlreichen und dicken Berichte einer landwirtschaftlichen Enquete geschickt hatte, deren Veröffentlichung von der russischen Regierung verboten worden war wegen der schrecklichen Zustände, die sie offenbarten.

Es genügte Engels, seinen Drang nach Erkenntnis zu befriedigen; doch war seine Wißbegierde erst befriedigt, wenn er sich bis ins kleinste Detail zum Herrn des Gegenstandes gemacht, den er studierte. Wenn man sich annähernd eine Vorstellung von der Ausdehnung und der unendlichen Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse gemacht hat und dabei sein tätiges Leben in Betracht zieht, muß man darüber erstaunen, wie Engels, der nichts vom Stubengelehrten an sich hatte, dahin gelangen konnte, eine solche Summe von Wissen in seinem Kopfe aufzuspeichern. Er verband mit einem ebenso sicheren wie umfangreichen und schlagfertigen Gedächtnis sowie mit einer außerordentlichen Schnelligkeit des Arbeitens eine nicht weniger bewunderungswürdige Leichtigkeit der Auffassung. Er lernte schnell und mühelos. In seinen beiden großen hellen Arbeitszimmern, deren Wände von Bücherschränken bedeckt waren, lag kein Schnipfelchen Papier auf dem Boden, und die Bücher, mit Ausnahme von etwa einem Dutzend auf dem Schreibtisch befindlichen, standen alle an ihrem Platze. Diese Räume erschienen eher als Empfangszimmer wie als Studierzimmer eines Gelehrten. Seine eigene Person war ebenso sorgsam gehalten: immer stramm und peinlich nett, sah er stets aus, als sei er bereit, bei einer Revue zu erscheinen, wie damals, wo er als Einjährigfreiwilliger in der preußischen Armee diente. Ich kenne niemand, der so lange dieselben Kleider trug, ohne sie zu zerdrücken oder aus der Form zu bringen. War er für seine Person auch haushälterisch und machte bloß solche Ausgaben, die er für unbedingt nötig hielt, so war er doch von unbegrenzter Freigebigkeit gegenüber der Partei und den Parteigenossen, die in der Not sich an ihn wendeten. Engels lebte in Manchester, als die Internationale gegründet wurde. Er dachte ziemlich skeptisch über die damaligen Aussichten einer Wiederbelebung der kommunistischen Bewegung, die in der Niederlage der Revolution von 1848 zusammengebrochen war; er hätte sich anfangs wenig dafür interessiert, wäre nicht Marx unter den Begründern der Organisation gewesen, der übrigens auch gezögert hatte, ehe er daran teilnahm. Engels unterstützte die Internationale pekuniär und arbeitete an deren Zeitung „The Commonwealth“ mit, die der Generalrat gegründet hatte. Aber nach der deutsch-französischen Kriegserklärung und nach seiner Übersiedlung nach London widmete er sich ihrer Entwicklung mit jenem Eifer, der ihn bei allem auszeichnete, was er unternahm.

Der Krieg begeisterte ihn zuerst als militärischen Taktiker; von Tag zu Tag verfolgte er die kriegführenden Armeen, und mehr als einmal kündigte er im vorhinein die Maßnahmen des deutschen Generalstabs an, wie dies seine Artikel in der „Pall Mall Gazette“ bezeugen. Zwei Tage vor Sedan hatte er die Umzinglung der napoleonischen Armee vorhergesagt. Diese Voraussagungen, die übrigens in der englischen Presse viel bemerkt wurden, trugen ihm von Marx' ältester Tochter Jenny den Titel General ein. Nach dem Sturze des Kaiserreichs hatte er nur den einen Wunsch und die eine Hoffnung: den Triumph der französischen Republik. Engels und Marx hatten kein Vaterland; sie waren nach Marx' Ausspruch Weltbürger.

 


Zuletzt aktualisiert am 25.6.2008