Rosa Luxemburg


Zur Verteidigung
der Nationalität


3. Unsere Verbündeten

Es gibt im deutschen Volk nur eine Partei, die uns aufrichtig zugetan ist und gegen die Germanisierung wie gegen jegliche Rechtlosigkeit nicht nur ihre laute Stimme, sondern auch die geballte Faust erhebt. Diese Partei ist die Sozialdemokratie, die Partei der deutschen Arbeiter.

Diese können vor allem aus der Verfolgung der Polen für sich keinen Nutzen erlangen wie jene höheren Klassen der deutschen Gesellschaft, die nach Gewinn und guten Stellen bei uns Jagd machen. Der deutsche Arbeiter ebenso wie unser polnischer Arbeiter oder Handwerker lebt überhaupt niemals von Unrecht, das er anderen tut, sondern von seiner eigenen schweren, aber ehrlichen Arbeit. Nicht er ist Bedrücker der anderen, sondern – jawohl – er selbst ist ein Bedrückter, und deshalb fühlt und begreift er auch unsere Bedrückung, weil er selbst und von denselben bedrückt wird, die uns, die Polen, peinigen – von der deutschen Regierung und von den Parteien, die wir vorher aufgezählt haben.

So, wie gegen die Polen seit mehr als zwanzig Jahren eine Verordnung nach der anderen erlassen wird, so veranstaltet auch ihre eigene deutsche Regierung seit Jahrzehnten ein Kesseltreiben auf die deutschen Arbeiter, d. h., seitdem das deutsche arbeitende Volk begann, seinen Kopf zu erheben, sich zu bilden und sich gegen Unrecht und Ausbeutung zu wehren. Ja, gegen uns kämpfen sie hauptsächlich auf dem Wege administrativer Verordnungen, das arbeitende Volk in Deutschland wurde dagegen vor 22 Jahren, im Jahre 1878, durch das sogenannte Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten direkt für vogelfrei erklärt. Obwohl die deutsche Verfassung allen deutschen Bürgern Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Rede-, Gewissens- und Koalitionsfreiheit garantiert, so durften die sozialistischen Arbeiter weder Zeitungen für ihre eigene Aufklärung drucken noch auf Versammlungen von ihren Angelegenheiten sprechen oder Verbände gründen, für alles das wurden sie mit Gefängnis bestraft. Ganze elf Jahre dauerte diese Rechtlosigkeit der deutschen Arbeiter, und in dieser Zeit schmachteten Tausende von ihnen jahrelang hinter Gefängnis- mauern, Hunderte mußten ihr Land, mußten ihr eigenes Vaterland verlassen, um sich vor Verfolgungen zu schützen, mußten ihre Frauen und Kinder dem Hunger und dem Elend preisgeben, währenddessen sie in der Fremde ein gastliches Dach, bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz suchten.

Und wer war der Hauptschuldige dieser Verfolgungen? Derselbe Bismarck, der die Ausrottung des Polentums durch die Gründung des Kolonisationsfonds [1] und durch die Eindeutschung der Schulen im Posenschen begann, dieselben deutschen Adligen und Fabrikanten, die den Hakatismus aktiv oder passiv unterstützen. Und wer bat nun schließlich das deutsche arbeitende Volk verraten? Dieselbe „katholische“ Partei, dieser Zentrum, das auch die polnische Frage in Vergessenheit geraten ließ um das aus einem Kämpfer für die bürgerliche Gleichheit zu einer Stütze der Regierung und ihrer Unterdrückung geworden ist.

Das deutsche arbeitende Volk hat also im eigenen Lande ganz dieselben Feinde, leidet unter derselben Unterdrückung, es ist also unser natürlicher Verbündeter, unser Freund. Die Sozialdemokratische Partei erkennt keinen Unterschied der Sprache oder des Glaubens an, jeder Unterdrückte und Benachteiligte ist ihr Bruder, sie verurteilt jede Ungerechtigkeit und sucht sie auszumerzen. Das ist die einzige Partei, die sich schützend vor das einfache Volk gegen den Adel und die Kapitalisten und schützend vor die unterdrückten Nationen gegen deren Verfolger stellt.

In den polnischen Zeitungen im Posenschen wird von Zeit zu Zeit Ungereimtes über die Sozialdemokratie geschrieben, daß sie die größte Gefahr wäre, noch schlimmer als die Hakatisten, weil die Sozialisten die Anarchie einführen wollen, d. h. die ganze Welt auf den Kopf stellen, die Religion abschaffen, die allgemeine Unzucht der Frauen einführen, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilen usw. Das ist alles albernes Geschwätz, und diejenigen, die das verbreiten, sind entweder Dummköpfe oder niederträchtige Lügner, die dem einfachen Volk Sand in die Augen streuen wollen.

Die Sozialisten denken gar nicht daran, die Welt auf den Kopf zu stellen, denn die steht bereits auf dem Kopf. Ist das denn keine verkehrte Ordnung, daß Millionen des einfachen Volkes vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein im Schweiße ihres Angesichts arbeiten – ob in der Werkstatt, in der Fabrik, ob auf dem Acker oder in der Kohlengrube – und dafür kaum einen Bissen Brot und einen armseligen Winkel zum Wohnen haben? Die Herren Adligen und Fabrikanten dagegen, die ihr ganzes Leben keine Arbeit anrühren, stecken den Gewinn in ihre Tasche, fahren in Kutschen, trinken Champagner und wohnen in Palästen 1 Gerade die Sozialisten wollen die Welt wieder auf die Füße stellen und eine solche Ordnung einführen, damit diejenigen, die ehrlich arbeiten, für sich und ihre Familien ein reichliches Auskommen haben, die Müßiggänger jedoch, die sich an fremder Arbeit mästen wollen, nichts bekommen.

Ebenso belustigend sind jene, die erzählen, daß die Sozialisten das Familienleben abschaffen und eine allgemeine Sittenlosigkeit einführen wollen. Ist denn das Familienleben von Millionen Arbeiterfamilien nicht jetzt schon dadurch zerstört, daß die Frau und Mutter verdienen muß, daß sie keine Zeit hat, die Kinder zu beaufsichtigen, und oftmals nicht weiß, womit sie sie ernähren und kleiden soll? Sind denn gegenwärtig nicht schon Hunderte armer Näherinnen in Posen gezwungen, einfach aus Not gewerbliche Unzucht zu treiben? Und wer ist daran schuld? Nicht die Sozialisten, sondern die Herren Fabrikanten und Konfektionäre, die den armen Mädchen für ihr ganztägiges Sitzen über der Nadel nicht einmal so viel bezahlen, daß es ihnen zum Leben reicht. Jawohl, die Sozialisten wollen gerade diese Ausbeutung abschaffen und jeder ehrlichen Frau ein reichliches Auskommen sichern, damit sie nicht zur Prostituierten wird!

Schließlich wollen die Sozialisten angeblich die Religion abschaffen! Wer diesem frechen Märchen glaubt, muß schon ziemlich dumm sein, denn niemand anderes schafft die Religion ab als so ein Bismarck und diejenigen, die zusammen mit ihm den Katholiken den Krieg erklärten. Die Sozialisten dagegen waren gerade aus diesem Grunde wie auch wegen anderer Gesetzwidrigkeiten die Todfeinde Bismarcks und seiner Kumpane und verkündeten immer und überall: Jeder halte an dem Glauben und an den Überzeugungen fest, die er für richtig erachtet, niemand hat das Recht, das menschliche Gewissen zu vergewaltigen! Der beste Beweis aber dafür, wie die Sozialisten jegliche Freiheit der Religion und der Überzeugungen verteidigen, ist, daß die Sozialdemokratie im Parlament jedesmal für die Rückkehr der Jesuitenpater nach Deutschland stimmt.

Ebenso hat sich die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige für unsere verfolgte Nationalität eingesetzt. Gleich nach dem letzten Anschlag des Ministers Studt waren die Sozialdemokraten die ersten, die für den 15. August 1900 in Posen eine große Volksversammlung im Lambertsaal einberiefen, um gegen diesen neuen Akt der Germanisierung zu protestieren. Das polnische Bürgertum, beschämt durch diese Energie der Sozialisten, arbeitete sich mit Mühe erst am 8. September mit seiner Versammlung hervor.

Auch die deutsche Sozialdemokratie beschäftigte sich auf ihrem Parteitag in Mainz [2] im September 1900 gleich am ersten Tag mit der polnischen Frage, brachte ihre höchste Empörung über das Vorgehen der Regierung zum Ausdruck und nahm einstimmig folgenden Antrag an, den die Delegierten aus Posen gestellt hatten:

Der Parteitag beauftragt die Fraktion, die neuesten gegen den Gebrauch der polnischen Sprache in den Schulen der Provinz Posen gerichteten Maßnahmen der preußischen Regierung im Reichstag zur Sprache zu bringen und überhaupt die Behandlung der Polen als Bürger zweiter Klasse mit allem Nachdruck zu bekämpfen. [3]

Von allen politischen Parteien beschloß die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige, im Parlament das System des Regierungshakatismus zu brandmarken und Abrechnung mit den Urhebern dieses Systems zu fordern.

Diese Partei ist also in der deutschen Gesellschaft die einzige, auf die wir uns stützen und mit deren Hilfe und Freundschaft wir rechnen können. Und das ist keine geringe Hilfe, denn die Sozialdemokraten haben schon 56 Abgeordnete im Parlament und sind die stärkste Partei im Staat. Sie bekamen letztens bei den Wahlen 2¼ Millionen Stimmen. [4] Diese Partei wächst seit einem Jahr wie eine Lawine, alle Ausgebeuteten, Unterdrückten und Benachteiligten scharen sich um ihr Banner, während die Regierung, der Adel und die Kapitalisten mit Entsetzen auf die wachsende Macht des arbeitenden Volkes sehen. Zu dieser Partei muß auch das polnische arbeitende Volk Zuflucht nehmen, nur von ihr kann es brüderliche Hilfe und Schutz vor den Gewalttaten der deutschen Regierung erwarten.


Fußnoten

1. Am 7. April 1886 war im preußischen Abgeordnetenhaus das Gesetz zur Beförderung deutscher Ansiedlungen in Westpreußen und Posen angenommen worden. Millionenbeträge wurden zum Aufkauf polnischen Grundbesitzes für die Ansiedlungen von Deutschen zur Verfügung gestellt.

2. Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Mainz fand vom 17. bis 21. September 1900 statt.

3. Siehe Rosa Luxemburg, Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 17. bis 21. September 1900 in Mainz, Gesammelte Werke, Berlin 1982, S. 797.

4. Bei den Reichstagswahlen am 16. Juni 1898 hatte das Zentrum bei 18,8 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen 102 Abgeordnete ins Parlament gebracht, die Sozialdemokratie bei 27,1 Prozent der Stimmen nur 56 Abgeordnete, während die Konservativen bei nur 11.1 Prozent der Stimmen ebenfalls 50 Abgeordnetensitze erhielten.


Zuletzt aktualisiert am 15.1.2012