Rosa Luxemburg


Die Akkumulation des Kapitals

Zweiter Abschnitt
Geschichtliche Darstellung des Problems

Erster Waffengang
Kontoverse zwischen Sismondi – Malthus
und Say – Ricardo – MacCulloch


Elftes Kapitel
MacCulloch gegen Sismondi

Die Sismondischen Kassandrarufe gegen die rücksichtslose Ausbreitung der Kapitalsherrschaft in Europa riefen gegen ihn von drei Seiten eine scharfe Opposition auf den Plan: in England die Schule Ricardos, in Frankreich den Verflacher Smith’, J.B. Say, und die St.-Simonisten. Während die Gedankengänge Owens in England, der den Nachdruck auf die Schattenseiten des Industriesystems und namentlich die Krise legte, sich vielfach mit denen Sismondis begegnen, fühlte sich die Schule des anderen großen Utopisten, St.-Simons, die den Nachdruck auf den weltumspannenden Gedanken der großindustriellen Expansion, auf die schrankenlose Entfaltung der Produktivkräfte der menschlichen Arbeit legte, durch den Angstruf Sismondis lebhaft beunruhigt. Uns interessiert hier aber die vom theoretischen Standpunkt fruchtbarere Kontroverse zwischen Sismondi und den Ricardianern. Im Namen letzterer richtete zuerst MacCulloch im Oktober 1819, also gleich nach Erscheinen der Nouveaux principes, in der Edinburgh Review eine anonyme Polemik gegen Sismondi, die, wie man sagte, von Ricardo selbst gebilligt wurde. (1) Auf diese Polemik replizierte Sismondi 1820 in Rossis Annales de jurisprudence unter dem Titel: Untersuchung der Frage: Wächst in der Gesellschaft zugleich mit der Fähigkeit zu produzieren, auch die Fähigkeit zu verbrauchen? (2)

Sismondi konstatiert selbst in seiner Antwort, daß es die Schatten der Handelskrise sind, in deren Zeichen seine damalige Polemik stand: „Diese Wahrheit, die wir beide suchen (Sismondi wußte übrigens, als er antwortete, nicht, wer der Anonymus der Edinburgh Review war – R.L.), ist in den gegenwärtigen Zeitläufen von der höchsten Wichtigkeit. Sie kann als grundlegend für die politische Ökonomie gelten. Ein allgemeiner Niedergang macht sich im Handel geltend, in den Manufakturen und sogar, wenigstens in einigen Ländern, in der Landwirtschaft. Das Leiden ist ein so langwieriges, ein so außerordentliches, das Unglück ist in so zahlreiche Familien eingekehrt, Unruhe und Entmutigung in alle, daß die Grundlagen der wirtschaftlichen Ordnung gefährdet erscheinen ... Man hat zwei Erklärungen, die einander entgegengesetzt sind, für diesen staatlichen Niedergang gegeben, der eine so große Gärung hervorgerufen hat. Ihr habt zuviel gearbeitet, sagen die einen; ihr habt zuwenig gearbeitet, sagen die anderen. Das Gleichgewicht, sagen die ersteren, wird sich erst dann wiederherstellen, Friede und Wohlstand werden erst dann wiederkehren, wenn ihr den ganzen Überschuß der Waren verbraucht habt, der unverkauft den Markt bedrückt, und wenn ihr in Zukunft eure Produktion nach der Nachfrage der Käufer richtet; das Gleichgewicht wird sich nur einstellen, sagen die anderen, wenn ihr eure Anstrengungen, aufzuhäufen und zu reproduzieren, verdoppelt. Ihr täuscht euch, wenn ihr glaubt, daß unsere Märkte überfüllt sind, nur die Hälfte unserer Magazine ist gefüllt, füllen wir auch die andere Hälfte: Diese neuen Reichtümer werden sich, die einen gegen die anderen, eintauschen und neues Leben dem Handel einflößen.“ Hier hat Sismondi mit ausgezeichneter Klarheit den wirklichen Brennpunkt der Kontroverse herausgehoben und formuliert.

In der Tat steht und fällt die ganze Position MacCullochs mit der Behauptung, der Austausch sei in Wirklichkeit Austausch von Waren gegen Waren. Jede Ware stelle also nicht nur ein Angebot, sondern ihrerseits eine Nachfrage dar. Das Zwiegespräch gestaltete sich darauf in folgender Weise: MacCulloch: „Nachfrage und Angebot sind Ausdrücke, die nur korrelativ und wandelbar sind. Das Angebot einer Art von Gut bestimmt die Nachfrage nach einem anderen. So entsteht eine Nachfrage nach einer gegebenen Menge landwirtschaftlicher Produkte, wenn eine Menge Industrieprodukte, deren Herstellung ebensoviel gekostet hat, dagegen in Tausch angeboten wird, und es entsteht andererseits eine tatsächliche Nachfrage nach dieser Menge Industrieprodukte, wenn eine Menge landwirtschaftlicher Produkte, die dieselben Ausgaben verursacht haben, als Gegenwert angeboten wird.“ (3) Die Finte des Ricardianers liegt auf der Hand: Er beliebt von der Geldzirkulation abzusehen und so zu tun, als ob Waren unmittelbar mit Waren gekauft und bezahlt wären.

Aus den Bedingungen hochentwickelter kapitalistischer Produktion sind wir plötzlich versetzt in die Zeiten des primitiven Tauschhandels, wie er noch heute im Innern Afrikas gedeihen mag. Der entfernt richtige Kern der Mystifikation besteht darin, daß in der einfachen Warenzirkulation das Geld lediglich die Rolle des Vermittlers spielt. Aber gerade die Dazwischenkunft dieses Vermittlers, die in der Zirkulation W–G–W (Ware–Geld–Ware) die beiden Akte, den Verkauf und den Kauf, getrennt und zeitlich und örtlich voneinander unabhängig gemacht hat, bringt es mit sich, daß jeder Verkauf durchaus nicht gleich vom Kauf gefolgt zu werden braucht, und zweitens, daß Kauf und Verkauf durchaus nicht an dieselben Personen gebunden sind, ja nur in seltenen Ausnahmefällen zwischen denselben „Personae dramatis“ sich abspielen werden. Diese widersinnige Unterstellung macht aber gerade MacCulloch, indem er einerseits Industrie, andererseits Landwirtschaft als Käufer und Verkäufer zugleich einander entgegenstellt. Die Allgemeinheit der Kategorien, die auch noch in ihrer Totalität als Austauschende aufgeführt werden, maskiert hier die wirkliche Zersplitterung dieser gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die zu zahllosen privaten Austauschakten führt, bei denen das Zusammenfallen der Käufe mit Verkäufen der gegenseitigen Waren zu den seltensten Ausnahmefällen gehört. Die MacCullochsche simplistische Auffassung des Warenaustausches macht überhaupt die ökonomische Bedeutung und das historische Auftreten des Geldes ganz unbegreiflich, indem sie die Ware direkt zum Gelde macht, ihr unmittelbare Austauschbarkeit andichtet.

Sismondis Antwort ist nun allerdings ziemlich unbeholfen. Er führt uns, um die Untauglichkeit der MacCullochschen Darstellung des Warenaustausches für die kapitalistische Produktion darzutun, auf die Leipziger Büchermesse:

„Zu der Büchermesse in Leipzig kommen alle Buchhändler aus ganz Deutschland, jeder mit vier oder fünf Werken, die er ausgestellt hat, von denen jedes Werk in einer Auflage von 500 oder 600 Exemplaren gedruckt ist. Jeder von ihnen tauscht sie gegen andere Bücher ein und bringt 2.400 Bände nach Hause, wie er 2.400 mit zur Messe gebracht hat. Er hatte aber vier verschiedene Werke hingebracht und bringt 200 verschiedene heim. Das ist die korrelative und wandelbare Nachfrage und Produktion des Schülers Ricardo: Die eine kauft die andere, die eine bezahlt die andere, die eine ist die Folge der anderen, aber nach unserer Meinung, nach der Meinung des Buchhändlers und des Publikums, hat die Nachfrage und der Verbrauch noch nicht begonnen. Das schlechte Buch, wenn es auch in Leipzig getauscht worden ist, bleibt nichtsdestoweniger unverkauft (ein arger Irrtum von Sismondi dies! – R.L.), es wird nicht weniger die Regale des Buchhändlers füllen, sei es, daß niemand Bedarf nach ihm hat, sei es, daß der Bedarf bereits gedeckt ist. Die in Leipzig eingetauschten Bücher werden sich nur dann verkaufen, wenn die Buchhändler Privatleute finden, die sie nicht nur begehren, sondern die auch bereit sind, ein Opfer zu bringen, um sie aus dem Umlauf zu ziehen. Diese erst bilden eine wirkliche Nachfrage.“ Trotz seiner Naivität zeigt das Beispiel deutlich, daß Sismondi sich durch die Finte seines Widersachers nicht beirren läßt und weiß, worum es sich im Grunde genommen handelt. (4)

MacCulloch macht nun weiter einen Versuch, die Betrachtung vom abstrakten Warenaustausch zu konkreten sozialen Verhältnissen zu wenden: „Nehmen wir z. B. an, daß ein Landbebauer hundert Arbeitern Nahrung und Kleidung vorgeschossen hat und daß diese ihm Nahrungsmittel haben entstehen lassen, die für zweihundert Menschen ausreichend sind, während ein Fabrikant seinerseits hundert Arbeitern Nahrung und Kleidung vorgeschossen hat, für die ihm diese Kleidungsstücke für zweihundert Menschen angefertigt haben. Es wird dann dem Pächter nach Abzug der Nahrung und Kleidung für seine eigenen Arbeiter noch Nahrung für hundert andere zur Verfügung stehen, während der Fabrikant nach Ersatz der Kleidung seiner eigenen Arbeiter noch hundert Kleider für den Markt übrigbehält. In diesem Falle werden die beiden Artikel, der eine gegen den anderen, getauscht werden, die überschüssigen Nahrungsmittel bestimmen die Nachfrage nach den Kleidern, und die überschüssigen Kleider bestimmen die Nachfrage nach der Nahrung.“

Man weiß nicht, was man mehr an dieser Hypothese bewundern soll: die Abgeschmacktheit der Konstruktion, die alle wirklichen Verhältnisse auf den Kopf stellt, oder die Ungeniertheit, mit der gerade alles, was zu beweisen war, in den Prämissen bereits vorausgeschickt ist, um hinterher als „bewiesen“ zu gelten. Jedenfalls erscheint die Leipziger Büchermesse dagegen als das Muster einer tiefen und realistischen Denkweise. Um zu beweisen, daß für jede Sorte Waren jederzeit eine unumschränkte Nachfrage geschaffen werden könne, nimmt MacCulloch als Beispiel zwei Produkte, die zu den dringendsten und elementarsten Bedürfnissen jedes Menschen gehören: Nahrung und Kleidung. Um zu beweisen, daß die Waren in jeder beliebigen Menge ohne Rücksicht auf das Bedürfnis der Gesellschaft zum Austausch gebracht werden können, nimmt er ein Beispiel, wo zwei Produktenmengen von vornherein aufs Haar genau den Bedürfnissen angepaßt sind, wo also gesellschaftlich gar kein Überschuß vorhanden ist, nennt aber dabei die gesellschaftlich notwendige Menge einen „Überschuß“ – nämlich gemessen an dem persönlichen Bedürfnis der Produzenten an ihrem eigenen Produkt – und weist so glänzend nach, daß jeder beliebige „Überschuß“ an Waren durch einen entsprechenden „Überschuß“ an anderen Waren zum Austausch gelangen kann. Um endlich zu beweisen, daß der Austausch zwischen verschiedenen privat produzierten Waren – trotzdem ihre Mengen, ihre Herstellungskosten, ihre Wichtigkeit für die Gesellschaft naturgemäß verschiedene sein müssen – dennoch zuwege gebracht werden könne, nimmt er als Beispiel von vornherein zwei genau gleiche Mengen Waren von genau gleichen Herstellungskosten und genau gleicher allgemeiner Notwendigkeit für die Gesellschaft. Kurz, um zu beweisen, daß in der planlosen kapitalistischen Privatwirtschaft keine Krise möglich, konstruiert er eine streng planmäßig geregelte Produktion, in der überhaupt keine Überproduktion vorhanden ist.

Der Hauptwitz des pfiffigen Mac liegt aber in anderem. Es handelt sich ja bei der Debatte um das Problem der Akkumulation. Was Sismondi plagte und womit er Ricardo und dessen Epigonen plagte, war folgendes: Wo findet man Abnehmer für den Überschuß an Waren, wenn ein Teil des Mehrwerts, statt von den Kapitalisten privat konsumiert zu werden, kapitalisiert, d. h. zur Erweiterung der Produktion über das Einkommen der Gesellschaft hinaus verwendet wird? Was wird aus dem kapitalistischen Mehrwert, wer kauft die Waren, in denen er steckt? So fragte Sismondi. Und die Zierde der Ricardoschule, ihr offizieller Vertreter auf dem Katheder der Londoner Universität, die Autorität für derzeitige englische Minister der liberalen Partei wie für die Londoner City, der herrliche MacCulloch, antwortete darauf, indem er ein Beispiel konstruiert, wo überhaupt gar kein Mehrwert produziert wird! Seine „Kapitalisten“ plagen sich ja nur um Christi willen mit der Landwirtschaft und der Fabrikation: Das ganze gesellschaftliche Produkt nebst „Überschuß“ reicht nur für den Bedarf der Arbeiter, für die Löhne hin, während der „Pächter“ und der „Fabrikant“ hungrig und nackend die Produktion und den Austausch dirigieren.

Sismondi ruft darauf mit berechtigter Ungeduld: „In dem Augenblick, in dem wir erforschen was aus dem Überschuß der Produktion über den Verbrauch der Arbeiter wird, darf man nicht von diesem Überschuß absehen, der den notwendigen Profit der Arbeit und den notwendigen Anteil des Arbeitgebers bildet.“

Der Vulgarus jedoch potenziert seine Abgeschmacktheit weiter ins Tausendfache, indem er den Leser annehmen läßt, „daß es tausend Pächter gibt“, die ebenso genial verfahren wie jener einzelne, und ebenfalls „tausend Fabrikanten“. Natürlich verläuft wieder der Austausch glatt nach Wunsch. Endlich läßt er „infolge einer geschickteren Verwendung der Arbeit und Einführung von Maschinen“ die Produktivität der Arbeit genau um das Doppelte zunehmen, und zwar in der Weise, daß „jeder der tausend Pächter, der seinen hundert Arbeitern die Nahrung und die Bekleidung vorschießt, gewöhnliche Nahrungsmittel für zweihundert Personen zurückerhält und außerdem Zucker, Tabak und Wein, die dieser Nahrung an Wert gleich sind“, während jeder Fabrikant durch eine analoge Prozedur neben der bisherigen Menge Kleider für alle Arbeiter auch noch „Bänder, Spitzen und Batiste erhält, „die eine gleiche Summe zu produzieren kosten und die folglich einen tauschbaren Wert haben werden, der diesen zweihundert Bekleidungen gleich ist“. Nachdem er so die geschichtliche Perspektive völlig umgekehrt und erst kapitalistisches Privateigentum mit Lohnarbeit, dann in einem späteren Stadium jene Höhe der Produktivität der Arbeit angenommen hat, die die Ausbeutung überhaupt ermöglicht, nimmt er nun an, diese Fortschritte der Produktivität der Arbeit vollzögen sich auf allen Gebieten in genau demselben Tempo, das Mehrprodukt jedes Produktionszweiges enthielte genau denselben Wert, es verteile sich auf genau dieselbe Anzahl Personen, alsdann läßt er die verschiedenen Mehrprodukte sich gegeneinander austauschen – und siehe da! alles tauscht sich wieder glatt und restlos zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Dabei begeht Mac unter den vielen anderen auch noch die Abgeschmacktheit, seine „ Kapitalisten“, die bisher von der Luft lebten und im Adamskostüm ihren Beruf ausübten, nunmehr bloß von Zucker, Tabak und Wein sich ernähren und ihre Leiber bloß mit Bändern, Spitzen und Batisten schmücken zu lassen.

Doch der Hauptwitz liegt wiederum in der Pirouette, mir der er dem eigentlichen Problem ausweicht. Was wird aus dem kapitalisierten Mehrwert, d. h. aus dem Mehrwert, der nicht zur eigenen Konsumtion der Kapitalisten, sondern zur Erweiterung der Produktion verwendet wird? Das war die Frage. Und MacCulloch antwortet darauf, einmal, indem er überhaupt von der Mehrwertproduktion absieht, und zum anderen Mal – indem er den ganzen Mehrwert zur Luxusproduktion verwendet. Wer ist nun Abnehmer für die neue Luxusproduktion? Nach dem Beispiel MacCullochs offenbar eben die Kapitalisten (seine Pächter und Fabrikanten), denn außer diesen gibt es in seinem Beispiel nur noch Arbeiter. Damit haben wir also die Konsumtion des ganzen Mehrwerts zu persönlichen Zwecken der Kapitalisten oder, mit anderen Worten, einfache Reproduktion. MacCulloch beantwortet also die Frage nach der Kapitalisierung des Mehrwerts entweder durch Absehen von jeglichem Mehrwert oder dadurch, daß er in demselben Moment, wo Mehrwert entsteht, einfache Reproduktion statt der Akkumulation annimmt. Den Schein, als ob er dennoch von erweiterter Reproduktion redete, gibt er sich dabei wiederum wie früher bei der angeblichen Behandlung des „Überschusses“ – durch eine Finte, nämlich dadurch, daß er erst den unmöglichen Kasus einer kapitalistischen Produktion ohne Mehrwert konstruiert, um dann das Erscheinen des Mehrprodukts auf der Bildfläche dem Leser als eine Erweiterung der Produktion zu suggerieren:

Diesen Windungen des schottischen Schlangenmenschen war Sismondi nun nicht ganz gewachsen. Er, der seinen Mac bis jetzt Schritt für Schritt an die Wand gedrückt und ihm „offenbare Abgeschmacktheit“ nachgewiesen hat, verwirrt sich selbst in dem entscheidenden Punkte der Kontroverse. Er hätte seinem Widerpart auf die obige Tirade offenbar kühl erklären müssen: „Verehrtester! Alle Achtung vor Ihrer geistigen Biegsamkeit, aber Sie suchen ja der Sache wie ein Aal zu entschlüpfen. Ich frage die ganze Zeit: Wer wird Abnehmer der überschüssigen Produkte sein, wenn die Kapitalisten, statt ihren Mehrwert ganz zu verprassen, ihn zu Zwecken der Akkumulation, d. h. zur Erweiterung der Produktion, verwenden werden? Und Sie antworten mir darauf: Je nun, sie werden diese Erweiterung der Produktion in Luxusgegenständen vornehmen, und diese Luxusgegenstände werden sie natürlich selbst verzehren. Aber das ist ja ein Taschenspielerkunststück. Denn sofern die Kapitalisten den Mehrwert in Luxus für sich selbst verausgaben, verzehren sie ihn ja und akkumulieren nicht. Es handelt sich aber gerade darum, ob die Akkumulation möglich ist, nicht um persönlichen Luxus der Kapitalisten! Geben Sie also entweder darauf – wenn Sie können – eine klare Antwort, oder begeben Sie sich selbst dorthin, wo Ihr Wein und Tabak oder meinetwegen der Pfeffer wächst.“

Statt so dem Vulgarus den Daumen aufs Auge zu drücken, wird Sismondi plötzlich ethisch, pathetisch und sozial. Er ruft: „Wer wird die Nachfrage stellen, wer wird genießen, die ländlichen und die städtischen Herren oder ihre Arbeiter? In seiner (Macs) neuen Annahme haben wir einen Überschuß an Produkten, einen Gewinn an der Arbeit. Wem verbleibt er?“ Und er antwortet selbst mit der folgenden Tirade:

„Wohl wissen wir – und die Geschichte des Handels lehrt es uns genugsam –, daß nicht der Arbeiter es ist, der von der Vervielfältigung der Produkte Nutzen hat, sein Lohn wird nicht vermehrt. Ricardo hat selbst einmal gesagt, daß es nicht sein dürfe, wenn man das Anwachsen des öffentlichen Reichtums nicht aufhören lassen wolle. Eine grauenhafte Erfahrung lehrt uns im Gegenteil, daß der Arbeitslohn vielmehr fast stets im Verhältnis zu dieser Vermehrung vermindert wird. Worin besteht dann aber die Wirkung des Anwachsens der Reichtümer für die öffentliche Wohlfahrt? Unser Verfasser hat tausend Pächter angenommen, die genießen, während hunderttausend Landarbeiter arbeiten, tausend Fabrikanten, die sich bereichern, während hunderttausend Handwerker unter ihrem Befehl stehen. Das etwaige Glück, das der Vermehrung der leichtfertigen Genüsse des Luxus entspringen kann, wird also nur einem Hundertstel der Nation zuteil. Würde dieses Hundertstel, das dazu berufen ist, den ganzen Überfluß des Produkts der arbeitenden Klasse zu verbrauchen, auch dann hierzu imstande sein, wenn diese Produktion durch den Fortschritt der Maschinen und der Kapitalien ohne Aufhören anwächst? In der Annahme des Verfassers muß der Pächter oder der Fabrikant jedesmal, wenn das nationale Produkt sich verdoppelt, seinen Verbrauch verhundertfachen; wenn der nationale Reichtum dank der Erfindung so vieler Maschinen heute hundertmal so groß ist, als er zu der Zeit war, in der er nur die Produktionskosten deckte, muß heute jeder Herr Produkte verbrauchen, die zum Unterhalt von zehntausend Arbeitern ausreichen würden.“

Und hier glaubt Sismondi wieder den Ansatz zur Krisenbildung gepackt zu haben:

„Nehmen wir einmal buchstäblich an, daß ein Reicher die Produkte verbrauchen kann, die zehntausend Arbeiter angefertigt haben, darunter die Bänder die Spitzen, die Seidenwaren, deren Ursprung uns der Verfasser aufgezeigt hat. Aber ein einzelner Mensch könnte nicht in gleichem Verhältnis die Erzeugnisse der Landwirtschaft verbrauchen: die Weine, den Zucker, die Gewürze, die Ricardo in Tausch entstehen läßt (Sismondi, der den Anonymus der Edinburgh Review erst später erkannte, hatte offenbar zuerst Ricardo im Verdacht, den Artikel geschrieben zu haben – R.L.), wären zuviel für die Tafel eines einzigen Menschen. Sie werden nicht verkauft werden, oder vielmehr das Verhältnis zwischen den landwirtschaftlichen und Fabrikerzeugnissen, das als Grundlage seines ganzen Systems erscheint, wird sich nicht mehr aufrechterhalten lassen.“

Wir sehen also, wie Sismondi auf die MacCullochsche Finte hereinfällt: Statt die Beantwortung der Frage nach der Akkumulation durch den Hinweis auf die Luxusproduktion abzulehnen, folgt er, ohne die Verschiebung des Feldes zu merken, seinem Widerpart auf dieses Gebiet und findet hier nur zweierlei auszusetzen. Einmal macht er MacCulloch einen sittlichen Vorwurf daraus, daß er den Mehrwert den Kapitalisten statt der Masse der Arbeitenden zugute kommen läßt, und verirrt sich so in eine Polemik gegen die Verteilung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Zum anderen Mal findet er von diesem Seitenpfad unerwartet den Weg zum ursprünglichen Problem zurück, das er aber nunmehr so stellt: Die Kapitalisten verbrauchen also selbst im Luxus den ganzen Mehrwert. Schön! Aber ist denn ein Mensch imstande, seinen Verbrauch so rasch und so grenzenlos zu erweitern, wie die Fortschritte der Produktivität der Arbeit das Mehrprodukt anwachsen lassen? Hier läßt Sismondi also selbst sein eigenes Problem im Stich, und statt die Schwierigkeit der kapitalistischen Akkumulation in dem fehlenden Verbraucher außerhalb der Arbeiter und der Kapitalisten zu sehen, findet er nunmehr eine Schwierigkeit der einfachen Reproduktion in den physischen Schranken der Verbrauchsfähigkeit der Kapitalisten selbst. Da die Aufnahmefähigkeit der Kapitalisten für Luxus mit der Produktivität der Arbeit, also mit dem Wachstum des Mehrwerts, nicht Schritt halten könne, so müssen sich Überproduktion und Krise ergeben, Wir haben schon einmal bei Sismondi in seinen „Nouveaux principes“ diesen Gedankengang gefunden, und wir haben hier den Beweis, daß ihm selbst sein Problem nicht immer ganz klar war. Kein Wunder. Das Problem der Akkumulation mit ganzer Schärfe zu erfassen ist nur möglich, wenn man mit dem Problem der einfachen Reproduktion fertig geworden ist. Wie sehr es aber damit bei Sismondi noch haperte, haben wir bereits gesehen.

Trotz alledem ist Sismondi in diesem ersten Fall, wo er mit den Epigonen der klassischen Schule die Waffen kreuzte, durchaus nicht der Schwächere gewesen. Im Gegenteil hat er schließlich seine Gegner zu Paaren getrieben. Wenn Sismondi die elementarsten Grundlagen der gesellschaftlichen Reproduktion verkannte und ganz im Sinne des Smithschen Dogmas das konstante Kapital vernachlässigte, so stand er darin jedenfalls seinem Gegner nicht nach: Für MacCulloch existiert das konstante Kapital gleichfalls nicht, seine Pächter und Fabrikanten „schießen vor“ bloß Nahrung und Kleidung für ihre Arbeiter, und das Gesamtprodukt der Gesellschaft besteht nur aus Nahrung und Kleidung. Sind sich so die beiden in dem elementaren Schnitzer gleich, so überragt Sismondi seinen Mac unendlich durch den Sinn für Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise. Auf die Sismondische Skepsis in bezug auf die Realisierbarkeit des Mehrwertes ist der Ricardianer ihm schließlich die Antwort schuldig geblieben. Ebenso überlegen ist Sismondi, wenn er der satten Zufriedenheit des Harmonikers und Apologeten, für den es „keinen Überschuß der Produktion über die Nachfrage, keine Einschnürung des Marktes, kein Leiden gibt“, den Notschrei der Nottinghamer Proletarier ins Gesicht schleudert, wenn er nachweist, daß die Einführung der Maschinen naturnotwendig „eine überflüssige Bevölkerung“ schaffe, endlich und besonders, wenn er die allgemeine Tendenz des kapitalistischen Weltmarkts mit ihren Widersprüchen hervorhebt. MacCulloch bestreitet rundweg die Möglichkeit allgemeiner Überproduktionen und hat für jede partielle Überproduktion ein probates Mittel in der Tasche:

„Man kann einwenden“, sagt er, „daß man bei Annahme des Grundsatzes, daß die Nachfrage sich stets im Verhältnis zur Produktion vermehrt, die Einschnürungen und Stockungen nicht erklären könne, die ein ungeordneter Handel erzeugt. Wir antworten sehr ruhig: Eine Einschnürung ist die Folge eines Anwachsens einer besonderen Klasse von Waren, denen ein verhältnismäßiges Anwachsen von Waren, die ihnen als Gegenwert dienen können, nicht gegenübersteht. Während unsere tausend Pächter und ebenso viele Fabrikanten ihre Produkte austauschen und sich gegenseitig einen Markt darbieten, können tausend neue Kapitalisten, die sich der Gesellschaft angliedern, von denen jeder hundert Arbeiter im Landbau beschäftigt, ohne Zweifel eine unmittelbare Einschnürung des Marktes in landwirtschaftlichen Produkten herbeiführen, weil ein gleichzeitiges Anwachsen der Produktion von Manufakturwaren, die sie kaufen sollen, mangelt. Aber wenn die eine Hälfte dieser neuen Kapitalisten Fabrikanten werden, so werden sie Manufakturwaren schaffen, die zum Ankauf des Bruttoprodukts der anderen Hälfte genügend sind. Das Gleichgewicht ist wieder hergestellt, und fünfzehnhundert Pächter werden mit fünfzehnhundert Fabrikanten ihre entsprechenden Produkte mit genau derselben Leichtigkeit tauschen, mit der die tausend Pächter und die tausend Fabrikanten ehemals die ihrigen getauscht haben.“

Auf diese Possenreiterei, die „sehr ruhig“ mit der Stange im Nebel herumfährt, antwortet Sismondi mir dem Hinweis auf die wirklichen Verschiebungen und Umwälzungen des Weltmarkts, die sich vor seinen Augen vollzogen:

„Man hat wilde Länder unter Kultur gesetzt, und die politischen Umwälzungen, die Änderung in dem System der Finanzen, der Friede, haben in die Häfen der alten Landwirtschaft treibenden Länder auf einmal Schiffsladungen eingehen lassen, die fast allen ihren Ernten gleichkommen. Die ungeheuren Provinzen, die Rußland neuerdings am Schwarzen Meere zivilisiert hat, Ägypten, das einen Regierungswechsel erlebt hat, die Berberei [1*], der der Seeraub untersagt worden ist, haben plötzlich die Speicher Odessas, Alexandriens und Tunis in die Häfen Italiens geleert und haben ein solches Übermaß von Getreide mit sich geführt, daß die ganzen Küsten entlang die Tätigkeit des Pächters eine verlustbringende geworden ist. Das übrige Europa ist nicht vor einer ähnlichen Umwälzung sicher, die die ungeheure Ausdehnung des neuen Landes verursacht hat, das an den Ufern des Mississippi auf einmal unter Kultur gesetzt worden ist und das alle seine Erzeugnisse ausführt. Selbst der Einfluß Neuhollands kann eines Tages für die englische Industrie vernichtend sein, wenn nicht in Hinsicht auf die Lebensmittel, für die der Transport zu kostspielig ist, so doch hinsichtlich der Wolle und der anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, deren Beförderung eine leichtere ist.“

Was war nun der Rat MacCullochs angesichts dieser Agrarkrise in Südeuropa? Die Hälfte der neuen Landwirte sollten Fabrikanten werden. Darauf sagt Sismondi: „Diesen Rat kann man ernsthaft nur den Tataren in der Krim oder den ägyptischen Fellachen geben“ – und er fügt hinzu: „Noch ist der Augenblick nicht gekommen, um neue Fabriken in überseeischen Gegenden oder in Neuholland einzurichten.“ Man sieht, Sismondi erkannte mit klarem Blick, daß die Industrialisierung der überseeischen Gebiete nur eine Frage der Zeit war. Daß aber auch die Ausdehnung des Weltmarktes nicht eine Lösung der Schwierigkeit, sondern bloß ihre Reproduktion in höherer Potenz, noch gewaltigere Krisen bringen muß, auch dessen war sich Sismondi wohl bewußt. Er stellte im voraus als die Kehrseite der Expansionstendenz des Kapitalismus fest: eine noch größere Verschärfung der Konkurrenz, eine noch größere Anarchie der Produktion. Ja, er legt sogar den Finger auf die Grundursache der Krisen, indem er die Tendenz der kapitalistischen Produktion, über jede Marktschranke hinauszueilen, an einer Stelle scharf formuliert: „Man hat häufig angekündigt“, sagt er zum Schluß seiner Replik gegen MacCulloch, „daß das Gleichgewicht sich wieder herstellen und die Arbeit wieder beginnen würde, aber eine einzige Nachfrage entwickelte jedesmal eine Bewegung, die über die wirklichen Bedürfnisse des Handels weit hinausging, und dieser neuen Tätigkeit folgte bald eine noch peinvollere Einschnürung.“

Solchen tiefen Griffen der Sismondischen Analyse in die wirklichen Widersprüche der Kapitalbewegung hat der Vulgarus auf dem Londoner Katheder mit seinem Harmoniegeschwätz und seinem Kontertanz zwischen den tausend bebänderten Pächtern und den tausend weinseligen Fabrikanten nichts zu erwidern gehabt.

Fußnoten von Rosa Luxemburg

1. Der Artikel in der Edinburgh Review war eigentlich gegen Owen gerichtet. Auf 24 Druckseiten zieht er scharf gegen die vier Schriften zu Felde: A New View of Society, or Essay on the Pronciole Formation of the Human Character; Obsevations on the Effect of the Manufacturing System; Two Memorials on Behalf of the Working Classes, presented to the Governments of America and Europe; endlich Three Tracts, and an Account of Public Proceedings relative to the Employment of the Poor. Der Anonymus sucht Owen haarklein nachzuweisen, daß seine Reformideen nicht im geringsten auf die wirklichen Ursachen der Misere des englischen Proletariats zurückgreifen, denn diese wirklichen Ursachen seien: der Übergang zur Bebauung unfruchtbarerer Ländereien (die Ricardosche Grundrententheorie!), die Kornzölle und die hohen Steuern, die den Pächter wie den Fabrikanten bedrücken. Also Freihandel und laissez faire – das ist Alpha und Omega! Bei ungehinderter Akkumulation wird jeder Zuwachs der Produktion für sich selbst einen Zuwachs der Nachfrage schaffen. Hier wird Owen unter Hinweisen auf Say und James Mill einer „völligen Ignoranz“ geziehen: „In his reasonings, as well as in his plans, Mr. Owen shows himself profoundly ignorant of all the laws which regulate the production and distribution of wealth.“ Und von Owen kommt der Verfasser auch auf Sismondi, wobei er die Kontroverse selbst wie folgt formuliert: „He (Owen) conceives that when competition is unchecked by any artificial regulations, and industry permitted to flow in its natural channels, the use of machinery may increase the supply of the several articles of wealth beyond the demand for them, and by creating an excess of all commodities, throw the working classes out of employment. This is the position which we hold to be fundamentally erroneous; and as it is strongly insisted on by the celebrated Mr. de Sismondi in his Nouveaux principes d’économie politique, we must entreat the indulgence of our readers while we endeavour to point out its fallacy, and to demonstrate, that the power of consuming necessarily increases with every increase in the power of producing.“ (Edinburgh Review, Oktober 1819, S. 470.)

2. Der Titel des Aufsatzes lautet im Original: Examen de cette question: Le pouvoir de consommer s’accroît-il toujours dans la société avec le pouvoir de produire? Es war unmöglich, Rossis Annalen zu erlangen, der Aufsatz ist aber von Sismondi in seiner zweiten Auflage der Nouveaux principes ganz aufgenommen.

3. l. c., S. 470.

4. Die Leipziger Büchermesse Sismundis als Mikrokosmos des kapitalistischen Weltmarkts feierte übrigens nach fünfundfünfzig Jahren eine fröhliche Auferstehung – in dem wissenschaftlichen „System“ Eugen Dührings. Und wenn Engels in seiner kritischen Stäupung des unglücklichen Universalgenies diesen Einfall damit erklärt, Dühring zeige sich darin als „echter deutscher Literatus“, daß er sich wirkliche industrielle Krisen an eingebildeten Krisen auf dem Leipziger Büchermarkt, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Wasser klarzumachen sucht, so hat der große Denker auch hier wieder, wie in so vielen von Engels nachgewiesenen Fällen, einfach eine stille Anleihe bei einem anderen gemacht.



Anmerkungen der Redaktion

1*. Berberei ist die alte Bezeichnung für das vornehmlich von Berbern bewohnte Nordwest-Afrika.


Zuletzt aktualisiert am 14.1.2012